Predigt: Markus 8,34–35
Durch unsre Zeit geht ein vielstimmiger Ruf nach
Leben. Ihr kennt ihn Alle!
Alte Anschauungsweisen, alte Verhältnisse und Ordnungen sind gefallen und
fallen noch. Auf den verschiedensten Gebieten zeigt es sich, dass die
bisherigen Geleise ausgefahren sind. Die Menschheit sucht auf neuen Wegen neue Werte. Der
Grundton in dem Chor dieser Stimmen heißt: «Wir wollen Leben!», d. h.
ungehemmte Entfaltung der menschlichen
Persönlichkeit. In dieser
Stimmung hat
Unsre Zeit
sucht. Nur zu oft sind wir Christen gegenwärtig ängstlich,
sehen darin nur das Böse, das Abschreckende, weil es radikal ist, statt uns
des göttlich Gewollten und Berechtigten dabei zu freuen. Und doch sollten
gerade wir jenen Ruf nach Leben zum unsren machen, wenn wir Jünger Jesu sein wollen.
Stehen wir stattdessen misstrauisch und klagend am Wege, so handeln wir
sicher nicht im Sinne dessen, der uns verheißen: Ich lebe, und ihr sollt
auch leben! [
I
Von der Nachfolge Jesu und von dem, was ihr verheißen ist, redet unser Textwort.
«Will jemand mir nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.» Groß ist die Zahl derer, die Jesu nachgehen wollten oder doch den Willen dazu ausgesprochen haben. Wer zählt die Millionen, die sich seit dem ersten Pfingstfest zu Christi Namen bekannt haben! Leben hat er den Wollenden verheißen! «Wie |5 kommt es», so klagen seit alten Zeiten Christen und Nicht-Christen, «dass wir trotz jenen unzähligen Jesus-Bekennern, trotz der 1900 Jahre, die das Christentum hinter sich hat, von diesem Leben so wenig verspüren?» Es kommt davon, dass wir in menschlicher Trägheit immer aufs Neue überhören, was Jesus damit gemeint hat, wenn er uns einladet, ihm nachzugehen.
«Der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich». Die Christen des Mittelalters sind dieser Aufforderung in seltsamer Weise nachgekommen: sie hefteten ein Kreuz aus Tuch auf ihre Kleider und zogen so in den Kampf gegen die «Ungläubigen» ins heilige Land. Nichts könnte deutlicher zeigen, wie wir Menschen immer wieder suchen, dem strengen Ernst, der in Jesu Forderung liegt, auszuweichen. Wir pflanzen das Kreuz auf unsre Kirchtürme, es prangt als Schmuckstück an den Wänden unsrer Zimmer, es ziert unzählige Konfirmationsscheine. Wir «nehmen das Kreuz auf uns», wir nennen uns Christen, indem wir teilnehmen an den Gottesdiensten, an den Liebeswerken der christlichen Kirche. Alles schön und gut, aber das, was Jesus in unserm Textwort verlangt, ist damit nicht erfüllt. Was er will, das ist dasselbe Ziel, das unsre Zeit auf so vielen Wegen und Irrwegen anstrebt: Persönlichkeit, nicht das Kreuz auf deinem Kleid, sondern dich selbst, um dich frei und stark zu machen. Dich selbst sollst du behaupten lernen gegen Alles, was dich von jenem Ziel abbringen will. Nicht wahr, das gefällt uns, wie gerne möchten wir Alle solche Persönlichkeiten werden. Aber wie seltsam ist nun der Weg, den er uns dazu einschlagen heißt!
«Der verleugne sich selbst!» Ein unpraktisches und unmodernes Verlangen! Wir wollten selbst sein, und nun sollen wir das Selbst aufgeben! Ein leises Unbehagen erfasst uns bei diesem Wort, und gerade daran zeigt sich deutlich, dass die Hauptsache, die Jesus fordert, noch nicht getan ist. «Verleugne dich selbst!» will heißen: mach ein Ende mit dir, werde ein Anderer! Nicht wahr, wenn dieses Anderswerden damit erfüllt wäre, dass wir als konfirmierte Christen schlecht und recht unsern Weg gehen, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen, dass wir vielleicht tätigen Anteil nehmen an diesem oder jenem Werk gemeinnütziger Liebe, dann müssten wir ja Alle im Besitze jenes verheißenen Lebens sein! Und doch sind wir das nicht, und wenn wir es zu sein glauben, so müssen wir nur zu oft die schmerz|6liche Erfahrung machen, dass wir uns getäuscht haben. Wo fehlt es uns?
Die dritte Forderung Christi haben wir noch nicht genannt: «Folge
mir!» Wie leicht ist es, den Wunsch auszusprechen, Jesu
«nachzugehen», zu ihm zu
gehören, ein Christ zu sein! Es ist möglich, ihn
nachzuahmen,
Unendlich schwer ist aber das Gebot Christi, ihm
nachzufolgen, gesinnt zu sein, wie er auch war [vgl.
II
«Will jemand mir nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!» Seltsam und beunruhigend ist dieser Befehl. Seltsam ist aber auch die Verheißung, die dem Gehorsamen gemacht wird: «Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es retten.» Leben soll der, der sich entschließt, all das, was wir sonst unter Leben verstehen, aufzugeben, und umgekehrt: wer am Letztern festhält, soll das wahre Leben verlieren. Nachdem wir jene Worte Jesu vom Sich-Selbst-Verleugnen, vom Auf-sich-Nehmen des Kreuzes auf uns haben wirken lassen, ist uns ohne Weiteres klar, was der sonderbare, widerspruchsvolle Spruch vom Retten und Verlieren des Lebens sagen will. Wenn wir festhalten an unserm selbstsüchtigen, zur Erde gewandten Ich, dann geht uns das Leben in Gott verloren. Wir haben dann den Kampf gemieden und sind keine Persönlichkeiten geworden, weil wir Feiglinge sind. Anders, wenn wir uns aufraffen, jenen Kampf mit Ernst zu kämpfen, wenn wir dieses Leben, eben jenes unser Ich aufgeben um der Sache Gottes willen, dann sollen wir das wahre Leben gewinnen, etwas Ganzes werden vor Gott und den Menschen. Dieses Leben der Einsatz, jenes Leben der Preis.
8 Wir Alle wünschen jenes Lebens teilhaftig zu
werden, und doch, haben wir nicht immer wieder das Gefühl, dass jenes
Ideal sich unerreichbar hoch vor uns auftürmt? Immer wieder müssen wir
einsehen, dass mit unsrer Macht nichts getan ist,6 weil wir unfähig sind, das Gute zu tun, das wir
möchten [vgl.
Ja, und wir könnten niemals zur Gewissheit kommen, dass jener Befehl und
diese Verheißung nicht
wirklich bloß ein schönes Spiegelbild seien, wenn nicht die Person
dessen dahinter stünde, der sie gesprochen, die Person Jesu.
Mancher vor ihm und nach ihm hat Ähnliches gelehrt wie er, keiner vermochte es, neues
Leben in die
Menschheit zu pflanzen,
weil er nicht gewesen ist, was Jesus war. Was er uns
befohlen hat, das hat er selbst in seinem Leben und
Sterben erfüllt,
erfüllt hat sich vor Allem die daran geknüpfte Verheißung.
Er hat sich selbst verleugnet, er hat sein Kreuz getragen, er hat sein
Leben verloren, weil Gott es wollte. Aber es ist eine unumstößliche
Tatsache der Weltgeschichte
geworden, dass auf
Karfreitag ein
Ostern folgte, dass sein Tod sich in Leben verwandelt hat. In der felsenfesten
Überzeugung: Jesus ist nicht gestorben, er lebt! sind seine Jünger unter Juden und Heiden gegangen und haben in seiner
Kraft sein Evangelium
verkündet. Viele nach ihnen haben dieselbe Erfahrung gemacht. Diese
Tatsache des Ostertages ist es, die uns über unser Nicht-Können
hinweghilft, sobald wir einmal Jesum von
Nahem gesehen haben. Von da aus betrachtet wird uns die Forderung:
verleugne dich selbst! und die Verheißung: du wirst dein Leben retten! nicht mehr trostlos
machen wie zuvor. Wir dürfen dann die Erfahrung machen, dass auch wir durch jene
Gotteskraft, die damals
gewaltig in die Geschicke der Menschen eingriff, unsern Kampf mit Erfolg kämpfen
können; auch wir dürfen uns dann dem Dankgebet des Apostels
9 Nach Leben
verlangt unser Zeitalter.
Leben fordert und verheißt Jesus. Gewiss, der Geist Jesu und der Geist
unsrer Zeit sind tief verschieden, so gewiss als jener von Gott stammt
und dieser von den Menschen. Aber wir Christen wollen über dieser Verschiedenheit nicht vergessen, dass Gottes Wille und seine Macht, Alles zum
Besten zu lenken [vgl.
Eine hohe, die höchste Aufgabe ist uns Christen in diesem Kampfe beschieden. Statt misstrauisch und pessimistisch daneben zu stehen, wollen wir den Leben Suchenden zeigen, dass wir einen Weg wissen, der zum Leben führt. Wie tun wir das?
Indem wir bei uns selbst anfangen, indem wir selbst immer williger werden, uns selbst zu verlieren, um uns selbst zu gewinnen, indem wir uns immer williger in Jesu wahre Nachfolge stellen.
Dann, meine Freunde, dürfen wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe des Sieges
unsrer Sache sicher sein in der Gewissheit, dass unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet! [vgl.