Predigt Nr. 1 · Juni 1907

Predigt: Markus 8,34–35

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Die Nachfolge Jesua
Markus 8,34–35
Wer mir will nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verlieret um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es retten.
Liebe Zuhörer!

Durch unsre Zeit geht ein vielstimmiger Ruf nach Leben. Ihr kennt ihn Alle! Alte Anschauungsweisen, alte Verhältnisse und Ordnungen sind gefallen und fallen noch. Auf den verschiedensten Gebieten zeigt es sich, dass die bisherigen Geleise ausgefahren sind. Die Menschheit sucht auf neuen Wegen neue Werte. Der Grundton in dem Chor dieser Stimmen heißt: «Wir wollen Leben!», d. h. ungehemmte Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. In dieser Stimmung hat Friedrich Nietzsche seinem Jahrhundert die Rede vom Übermenschen entgegengeschleudert.2 Unter dieser Losung sehen wir heute in allen Län|4dern Tausende dem Banner der Sozialdemokratie folgen einem Reiche der Gleichheit und Brüderlichkeit entgegen.3 Leben verlangen sie Alle, Befreiung von Schranken, persönliches Leben!

Unsre Zeit sucht. Nur zu oft sind wir Christen gegenwärtig ängstlich, sehen darin nur das Böse, das Abschreckende, weil es radikal ist, statt uns des göttlich Gewollten und Berechtigten dabei zu freuen. Und doch sollten gerade wir jenen Ruf nach Leben zum unsren machen, wenn wir Jünger Jesu sein wollen. Stehen wir stattdessen misstrauisch und klagend am Wege, so handeln wir sicher nicht im Sinne dessen, der uns verheißen: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! [Joh. 14,19] Wir sollen teilnehmen am Suchen der Zeit, und das umso mehr, als wir ihr auf den rechten Weg helfen können, sobald wir selbst einmal wahrhaftig nach dem Leben trachten, das der Nachfolge Jesu verheißen ist. Wir wollen dann selbst etwas Neues und werden mit mehr Glauben und Verständnis in und mit unsrer Zeit stehen und kämpfen.

I

Von der Nachfolge Jesu und von dem, was ihr verheißen ist, redet unser Textwort.

«Will jemand mir nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.» Groß ist die Zahl derer, die Jesu nachgehen wollten oder doch den Willen dazu ausgesprochen haben. Wer zählt die Millionen, die sich seit dem ersten Pfingstfest zu Christi Namen bekannt haben! Leben hat er den Wollenden verheißen! «Wie |5 kommt es», so klagen seit alten Zeiten Christen und Nicht-Christen, «dass wir trotz jenen unzähligen Jesus-Bekennern, trotz der 1900 Jahre, die das Christentum hinter sich hat, von diesem Leben so wenig verspüren?» Es kommt davon, dass wir in menschlicher Trägheit immer aufs Neue überhören, was Jesus damit gemeint hat, wenn er uns einladet, ihm nachzugehen.

«Der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich». Die Christen des Mittelalters sind dieser Aufforderung in seltsamer Weise nachgekommen: sie hefteten ein Kreuz aus Tuch auf ihre Kleider und zogen so in den Kampf gegen die «Ungläubigen» ins heilige Land. Nichts könnte deutlicher zeigen, wie wir Menschen immer wieder suchen, dem strengen Ernst, der in Jesu Forderung liegt, auszuweichen. Wir pflanzen das Kreuz auf unsre Kirchtürme, es prangt als Schmuckstück an den Wänden unsrer Zimmer, es ziert unzählige Konfirmationsscheine. Wir «nehmen das Kreuz auf uns», wir nennen uns Christen, indem wir teilnehmen an den Gottesdiensten, an den Liebeswerken der christlichen Kirche. Alles schön und gut, aber das, was Jesus in unserm Textwort verlangt, ist damit nicht erfüllt. Was er will, das ist dasselbe Ziel, das unsre Zeit auf so vielen Wegen und Irrwegen anstrebt: Persönlichkeit, nicht das Kreuz auf deinem Kleid, sondern dich selbst, um dich frei und stark zu machen. Dich selbst sollst du behaupten lernen gegen Alles, was dich von jenem Ziel abbringen will. Nicht wahr, das gefällt uns, wie gerne möchten wir Alle solche Persönlichkeiten werden. Aber wie seltsam ist nun der Weg, den er uns dazu einschlagen heißt!

«Der verleugne sich selbst!» Ein unpraktisches und unmodernes Verlangen! Wir wollten selbst sein, und nun sollen wir das Selbst aufgeben! Ein leises Unbehagen erfasst uns bei diesem Wort, und gerade daran zeigt sich deutlich, dass die Hauptsache, die Jesus fordert, noch nicht getan ist. «Verleugne dich selbst!» will heißen: mach ein Ende mit dir, werde ein Anderer! Nicht wahr, wenn dieses Anderswerden damit erfüllt wäre, dass wir als konfirmierte Christen schlecht und recht unsern Weg gehen, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen, dass wir vielleicht tätigen Anteil nehmen an diesem oder jenem Werk gemeinnütziger Liebe, dann müssten wir ja Alle im Besitze jenes verheißenen Lebens sein! Und doch sind wir das nicht, und wenn wir es zu sein glauben, so müssen wir nur zu oft die schmerz|6liche Erfahrung machen, dass wir uns getäuscht haben. Wo fehlt es uns?

Die dritte Forderung Christi haben wir noch nicht genannt: «Folge mir!» Wie leicht ist es, den Wunsch auszusprechen, Jesu «nachzugehen», zu ihm zu gehören, ein Christ zu sein! Es ist möglich, ihn nachzuahmen, Franz von Assisi und seine Jünger haben Alles drangegeben, um ihre Lebensweise der des Heilands gleichzumachen. Sie haben allem irdischen Besitz entsagt und sind in apostolischer Einfachheit und Bedürfnislosigkeit durch das Land gezogen, um das Evangelium zu predigen.4

Unendlich schwer ist aber das Gebot Christi, ihm nachzufolgen, gesinnt zu sein, wie er auch war [vgl. Phil. 2,5], d. h. sich selber aufzugeben und in den Willen Gottes zu stellen. Und doch hat er gerade das gefordert! Jeder von uns soll aus ganzem Herzen sagen können: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe [Lk. 22,42], auf dass dein Reich komme [vgl. Mt. 6,10]. In allen Menschen streiten von frühester Jugend an zwei Mächte. Du kennst sie. Die eine treibt dich zu Gott hin, die andre zieht dich bleischwer zur Erde nieder. Die eine Stimme sagt dir: «Du sollst», die andre lockt: «ich möchte, ich will». Hast du Partei ergriffen in diesem Kampfe? Das ist die Frage, die Jesus jetzt an dich stellt und immer wieder stellen wird. Tritt auf Gottes Seite, damit tust du das, was Jesus Sich-selbst-Verleugnen, Sein-Kreuz-auf-sich-Nehmen heißt. Du weißt aus Erfahrung, wie oft die Macht, die nach unten zieht, stärker gewesen ist in dir. Komme ins Klare mit dir über dich selbst, raffe dich auf zu der Erkenntnis, dass dein innerstes Wesen bis jetzt eben nicht auf Gottes Seite stand, und dann fang von vorne an. Mach ernst mit dem, was schon der Prophet Jeremia den Bewohnern von Jerusalem und Juda zuruft: «Pflüget euch Neubruch!» [Jer. 4,3] Wer zu Christus gehören will, muss diesen Kampf einmal kämpfen; keiner hat ihn ausgekämpft, keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht! [2.Tim. 2,5] Nimm dein Kreuz auf dich in Jesu Nachfolge! Was will das sagen? Ich soll mich nicht scheuen, diesen Kampf durchzukämpfen bis zur Hingabe meines ganzen irdi|7schen Selbst, wenn Gott es von mir fordert. Darin ist Jesus uns vorangegangen, indem er sein Kreuz nach Golgatha trug und sein Leben dahingab, weil es des Vaters Wille war. Du hast vielleicht Unglück gehabt in Haus undb Familie, der erbarmungslose Tod hat dir jemand entrissen, der dir teuer war, du bist gequält von irgend einer schwerlastenden Sorge. Wohlan, hier ist dein Kreuz! Nimm es auf dich, lass dir all das nicht zur Hemmung werden in deinem Suchen nach Leben, sondern denke daran, dass es von Gott kommt, der dir als seinem Kind etwas damit sagen will. Du wirst in diesem Bewusstsein mit mehr Mut und Freudigkeit in jenen Kampf ziehen!

II

«Will jemand mir nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!» Seltsam und beunruhigend ist dieser Befehl. Seltsam ist aber auch die Verheißung, die dem Gehorsamen gemacht wird: «Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es retten.» Leben soll der, der sich entschließt, all das, was wir sonst unter Leben verstehen, aufzugeben, und umgekehrt: wer am Letztern festhält, soll das wahre Leben verlieren. Nachdem wir jene Worte Jesu vom Sich-Selbst-Verleugnen, vom Auf-sich-Nehmen des Kreuzes auf uns haben wirken lassen, ist uns ohne Weiteres klar, was der sonderbare, widerspruchsvolle Spruch vom Retten und Verlieren des Lebens sagen will. Wenn wir festhalten an unserm selbstsüchtigen, zur Erde gewandten Ich, dann geht uns das Leben in Gott verloren. Wir haben dann den Kampf gemieden und sind keine Persönlichkeiten geworden, weil wir Feiglinge sind. Anders, wenn wir uns aufraffen, jenen Kampf mit Ernst zu kämpfen, wenn wir dieses Leben, eben jenes unser Ich aufgeben um der Sache Gottes willen, dann sollen wir das wahre Leben gewinnen, etwas Ganzes werden vor Gott und den Menschen. Dieses Leben der Einsatz, jenes Leben der Preis.

Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein!5

8 Wir Alle wünschen jenes ­ Lebens teilhaftig zu werden, und doch, haben wir nicht immer wieder das Gefühl, dass jenes Ideal sich unerreichbar hoch vor uns auftürmt? Immer wieder müssen wir einsehen, dass mit unsrer Macht nichts getan ist,6 weil wir unfähig sind, das Gute zu tun, das wir möchten [vgl. Röm. 7,19]. Immer wieder zieht uns mit klammernden Organen jene andre Seele zur Erde nieder, und das Leben, danach wir dürsten, zieht sich vor uns zurück, gleich jenen Spiegelbildern in der erhitzten Luft vor dem Wüstenwanderer, die man Fata Morgana nennt.

Ja, und wir könnten niemals zur Gewissheit kommen, dass jener Befehl und diese Verheißung nicht wirklich bloß ein schönes Spiegelbild seien, wenn nicht die Person dessen dahinter stünde, der sie gesprochen, die Person Jesu. Mancher vor ihm und nach ihm hat Ähnliches gelehrt wie er, keiner vermochte es, neues Leben in die Menschheit zu pflanzen, weil er nicht gewesen ist, was Jesus war. Was er uns befohlen hat, das hat er selbst in seinem Leben und Sterben erfüllt, erfüllt hat sich vor Allem die daran geknüpfte Verheißung. Er hat sich selbst verleugnet, er hat sein Kreuz getragen, er hat sein Leben verloren, weil Gott es wollte. Aber es ist eine unumstößliche Tatsache der Weltgeschichte geworden, dass auf Karfreitag ein Ostern folgte, dass sein Tod sich in Leben verwandelt hat. In der felsenfesten Überzeugung: Jesus ist nicht gestorben, er lebt! sind seine Jünger unter Juden und Heiden gegangen und haben in seiner Kraft sein Evangelium verkündet. Viele nach ihnen haben dieselbe Erfahrung gemacht. Diese Tatsache des Ostertages ist es, die uns über unser Nicht-Können hinweghilft, sobald wir einmal Jesum von Nahem gesehen haben. Von da aus betrachtet wird uns die Forderung: verleugne dich selbst! und die Verheißung: du wirst dein Leben retten! nicht mehr trostlos machen wie zuvor. Wir dürfen dann die Erfahrung machen, dass auch wir durch jene Gotteskraft, die damals gewaltig in die Geschicke der Menschen eingriff, unsern Kampf mit Erfolg kämpfen können; auch wir dürfen uns dann dem Dankgebet des Apostels Paulus anschließen: Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben in Jesus Christus [1.Kor. 15,57].

9 Nach Leben verlangt unser Zeitalter. Leben fordert und verheißt Jesus. Gewiss, der Geist Jesu und der Geist unsrer Zeit sind tief verschieden, so gewiss als jener von Gott stammt und dieser von den Menschen. Aber wir Christen wollen über dieser Verschiedenheit nicht vergessen, dass Gottes Wille und seine Macht, Alles zum Besten zu lenken [vgl. Röm. 8,28], von Ewigkeit her dieselben sind. Und wahrlich, sein Odem geht mächtig auch durch unser Jahrhundert, auch jener Kampf der Geister, den wir jetzt vor uns sehen, der Kampf um eigenes persönliches Leben, muss dazu dienen, die Menschheit vorwärts zu führen, dem Reiche Gottes entgegen.

Eine hohe, die höchste Aufgabe ist uns Christen in diesem Kampfe beschieden. Statt misstrauisch und pessimistisch daneben zu stehen, wollen wir den Leben Suchenden zeigen, dass wir einen Weg wissen, der zum Leben führt. Wie tun wir das?

Indem wir bei uns selbst anfangen, indem wir selbst immer williger werden, uns selbst zu verlieren, um uns selbst zu gewinnen, indem wir uns immer williger in Jesu wahre Nachfolge stellen.

Dann, meine Freunde, dürfen wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe des Sieges unsrer Sache sicher sein in der Gewissheit, dass unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwindet! [vgl. 1.Joh. 5,4]

Amen!

Textkritische Fußnoten

a
Die Überschrift ist im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
b
Mskr.: überzähliges, am Zeilenanfang versehentlich wiederholtes «und».↩

Sachfußnoten

1
Barth hatte im Sommersemester 1907, seinem letzten Berner Semester, bevor er nach Tübingen wechselte, ausweislich seines «Zeugnisheftes» der Hochschule Bern u. a. «Homiletische und Katechetische Übungen» bei Moritz Lauterburg (1862–1927; seit 1905 Prof. für Praktische Theologie in Bern) belegt.↩
2
Vgl. Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / W. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 14 📖: «Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? […] Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. […] Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe. […] Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!»↩
3
Im 1875 verabschiedeten «Gothaer Programm» der aus dem «Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein» und der «Sozialdemokratischen Arbeiterpartei» fusionierten «Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands» (seit 1890: «Sozialdemokratische Partei Deutschlands») waren die «Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit» und die Beherzigung «des internationalen Charakters der Arbeiterbewegung […], um die Verbrüderung aller Menschen zur Wahrheit zu machen», zentrale Punkte (Auszug: H. Weber, Beiträge zur Diskussion des demokratischen Sozialismus in Deutschland 1848–1990. Eine Dokumentation, Berlin 1992, S. 37 📖). – In der Schweiz kam es 1888 zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei, deren politische Macht jedoch aufgrund des Majorz-Wahlverfahrens und der für sie ungünstigen Zuschnitte der Wahlkreise trotz schnell wachsender Anhängerschaft bis zum Ersten Weltkrieg beschränkt blieb.↩
4
Die auf den Ordensgründer Franziskus von Assisi (ca. 1181–1226) zurückgehenden Ordensregeln der Franziskaner schreiben u. a. asketische Armut und Demut vor und wollen so ein dem Evangelium gemäßes Leben in der Nachfolge Jesu ermöglichen (Auszug: KTGQ II, S. 126f. 📖).↩
5
Fr. Schiller, Wallensteins Lager, 11. Auftritt (Schlussverse) 📖.↩
6
Vgl. den Beginn von Strophe 2 des Liedes «Ein feste Burg istmunser Gott» von M. Luther (EG 362; RG 32) 🎵:
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren; […].
↩