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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 1</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 8,34–35</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 8,34–35, Juni 1907</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53003 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53003</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 1: Predigt: Markus 8,34–35</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 8,34-35 (Homilet. Seminar in Bern SS. 1907), 1907. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1452">KBA 979</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1907-06">Juni 1907</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <idno>1</idno>
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                       <dateline> Homiletisches Seminar in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, <date when="1907">Sommer-Semester 1907</date><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte im Sommersemester 1907, seinem letzten Berner Semester, bevor er nach <placeName ref="kbga-places-61">Tübingen</placeName> wechselte, ausweislich seines «Zeugnisheftes» der Hochschule Bern u. a. «Homiletische und Katechetische Übungen» bei <persName ref="kbga-actors-657">Moritz Lauterburg</persName> (1862–1927; seit 1905 Prof. für Praktische Theologie in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>) belegt.</note>
                         </dateline>
                         <head type="event">Die Nachfolge Jesu<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Die Überschrift ist im Mskr. doppelt unterstrichen.</note>
                        <term type="Sachen" key="Nachfolge"/>
                         </head>
                         <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.34 Mk.8.35">Markus 8,34–35</ref>
                          <quote>
                                <hi rend="italic">Wer mir will nachgehen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verlieret um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es retten.</hi>
                           </quote>
                         </cit>
                        </epigraph>
                       
                                    
                   <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                
                <div type="main">
                    <div>
                    <p>Durch unsre Zeit geht ein vielstimmiger Ruf nach <term type="Sachen" key="Leben, Ruf nach L.">
                                <hi rend="italic">Leben</hi></term>. Ihr kennt ihn Alle!
                        Alte Anschauungsweisen, alte Verhältnisse und Ordnungen sind gefallen und
                        fallen noch. Auf den verschiedensten Gebieten zeigt es sich, dass die
                        bisherigen Geleise ausgefahren sind. Die <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> sucht auf neuen Wegen neue Werte. Der
                        Grundton in dem Chor dieser Stimmen heißt: «Wir wollen Leben!», d. h.
                        ungehemmte Entfaltung der menschlichen <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">
                                <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi></term>. In dieser
                        Stimmung hat <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName> seinem Jahrhundert die Rede vom <term type="Sachen" key="Mensch, Übermensch">Übermenschen</term> entgegengeschleudert.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-326">
                                    <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach
                                Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche Werke.
                            Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / W.
                            Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 14</bibl>: «Ich lehre euch den
                            Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt
                            ihr gethan, ihn zu überwinden? […] Was ist der Affe für den
                            Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll
                            der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine
                            schmerzliche Scham. […] Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen
                            gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und
                            auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.
                            […] Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der
                            Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der
                            Erde!»</note> Unter <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> dieser Losung sehen wir
                        heute in allen Län<pb xml:id="p004" ed="pga" break="no"/>dern Tausende dem Banner der <term type="Sachen" key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term> folgen
                        einem Reiche der <term type="Sachen" key="Gleichheit">Gleichheit</term> und
                            <term type="Sachen" key="Brüderlichkeit">Brüderlichkeit</term>
                            entgegen.<note xml:id="n03">Im 1875 verabschiedeten «Gothaer
                            Programm» der aus dem «Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein» und der
                            «Sozialdemokratischen Arbeiterpartei» fusionierten «Sozialistischen
                            Arbeiterpartei Deutschlands» (seit 1890: «Sozialdemokratische Partei
                            Deutschlands») waren die «Beseitigung aller sozialen und politischen
                            Ungleichheit» und die Beherzigung «des internationalen Charakters der
                            Arbeiterbewegung […], um die Verbrüderung aller Menschen zur
                            Wahrheit zu machen», zentrale Punkte (Auszug: <bibl corresp="kbga-bibls-2462">
                                    <persName ref="kbga-actors-9139">H. Weber</persName>, <hi rend="italic">Beiträge zur Diskussion des
                                demokratischen Sozialismus in Deutschland 1848–1990. Eine
                                Dokumentation</hi>, Berlin 1992, S. 37</bibl>). – In der Schweiz
                            kam es 1888 zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei, deren
                            politische Macht jedoch aufgrund des Majorz-Wahlverfahrens und der für
                            sie ungünstigen Zuschnitte der Wahlkreise trotz schnell wachsender
                            Anhängerschaft bis zum Ersten Weltkrieg beschränkt blieb.</note>
                        <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> verlangen sie Alle, Befreiung
                        von Schranken, persönliches Leben!</p>
                    <p> Unsre <term type="Sachen" key="Zeit, heutige">Zeit</term>
                        <hi rend="italic">sucht</hi>. Nur zu oft sind wir <term type="Sachen" key="Christen, gegenwärtige">Christen</term> gegenwärtig ängstlich,
                        sehen darin nur das Böse, das Abschreckende, weil es radikal ist, statt uns
                        des göttlich Gewollten und Berechtigten dabei zu freuen. Und doch sollten
                        gerade wir jenen Ruf nach <term type="Sachen" key="Leben, Ruf nach Leben">Leben</term> zum unsren machen, wenn wir Jünger Jesu sein wollen.
                        Stehen wir stattdessen misstrauisch und klagend am Wege, so handeln wir
                        sicher nicht im Sinne dessen, der uns verheißen: Ich lebe, und ihr sollt
                        auch leben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.19">Joh. 14,19</ref>]
                        Wir sollen teilnehmen am Suchen der Zeit, und das umso mehr, als wir ihr auf
                        den rechten Weg helfen können, sobald wir selbst einmal wahrhaftig nach dem
                        Leben trachten, das der <hi rend="italic">Nachfolge Jesu</hi>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> verheißen ist. Wir wollen dann selbst etwas Neues
                        und werden mit mehr Glauben und Verständnis in und mit unsrer Zeit stehen
                        und kämpfen.</p>
                    </div>
                    <div>
                        <head>I</head>
                        <p>Von der Nachfolge <term type="Sachen" key="Nachfolge">Jesu</term> und von dem, was ihr verheißen ist, redet unser
                            Textwort.</p>
                        <p>«<hi rend="italic">Will jemand mir nachgehen</hi>, der verleugne sich selbst und
                            nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.» Groß ist die Zahl derer, die
                            Jesu nachgehen wollten oder doch den Willen dazu ausgesprochen haben.
                            Wer zählt die Millionen, die sich seit dem ersten <term type="Sachen" key="Pfingsten">Pfingstfest</term> zu Christi Namen bekannt haben!
                            Leben hat er den Wollenden verheißen! «Wie <pb xml:id="p005" ed="pga"/> kommt
                            es», so klagen seit alten Zeiten Christen und Nicht-Christen, «dass wir
                            trotz jenen unzähligen Jesus-Bekennern, trotz der 1900 Jahre, die das
                                <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> hinter sich
                            hat, von diesem Leben so wenig verspüren?» Es kommt davon, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> dass wir in menschlicher <term type="Sachen" key="Mensch, Trägheit">Trägheit</term> immer aufs Neue überhören,
                            was Jesus damit gemeint hat, wenn er uns einladet, ihm nachzugehen.</p>
                        <p>«Der verleugne sich selbst und <hi rend="italic">nehme sein Kreuz auf sich</hi>».
                            Die <term type="Sachen" key="Christen, mittelalterliche">Christen</term>
                            des Mittelalters sind dieser Aufforderung in seltsamer Weise
                            nachgekommen: sie hefteten ein Kreuz aus Tuch auf ihre Kleider und zogen
                            so in den Kampf gegen die <term type="Sachen" key="Ungläubige">«Ungläubigen»</term> ins heilige <term type="Sachen" key="Heiliges Land">Land</term>. Nichts könnte deutlicher zeigen,
                            wie wir Menschen immer wieder suchen, dem strengen Ernst, der in Jesu
                            Forderung liegt, auszuweichen. Wir pflanzen das <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> auf unsre Kirchtürme, es
                            prangt als Schmuckstück an den Wänden unsrer Zimmer, es ziert unzählige
                            Konfirmationsscheine. Wir «nehmen das Kreuz auf uns», wir nennen uns
                            Christen, indem wir teilnehmen an den <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdiensten</term>, an den <term type="Sachen" key="Diakonie">Liebeswerken</term> der christlichen Kirche. <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Alles schön und gut, aber das, was Jesus in
                            unserm Textwort verlangt, ist damit nicht erfüllt. Was er will, das ist
                            dasselbe Ziel, das unsre <term type="Sachen" key="Zeit, heutige">Zeit</term> auf so vielen Wegen und Irrwegen anstrebt: <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">
                                <hi rend="italic">Persönlichkeit</hi></term>, nicht das Kreuz auf deinem
                            Kleid, sondern <hi rend="italic">dich selbst</hi>, um dich frei und stark zu
                            machen. Dich selbst sollst du behaupten lernen gegen Alles, was dich von
                            jenem Ziel abbringen will. Nicht wahr, das gefällt uns, wie gerne
                            möchten wir Alle solche Persönlichkeiten werden. Aber wie seltsam ist
                            nun der Weg, den er uns dazu einschlagen heißt!</p>
                        <p>«<hi rend="italic">Der verleugne sich selbst!</hi>» Ein unpraktisches und
                            unmodernes Verlangen! Wir wollten selbst sein, und nun sollen wir das
                            Selbst aufgeben! Ein leises Unbehagen erfasst uns bei diesem Wort, und
                            gerade <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> daran zeigt sich deutlich, dass die
                            Hauptsache, die Jesus fordert, noch nicht getan ist. «Verleugne dich
                            selbst!» will heißen: mach ein Ende mit dir, <hi rend="italic">werde ein
                                Anderer!</hi> Nicht wahr, wenn dieses Anderswerden damit erfüllt
                            wäre, dass wir als konfirmierte <term type="Sachen" key="Christen, konfirmierte">Christen</term> schlecht und recht
                            unsern Weg gehen, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen, dass
                            wir vielleicht tätigen Anteil nehmen an diesem oder jenem Werk
                            gemeinnütziger <term type="Sachen" key="Diakonie">Liebe</term>, dann
                            müssten wir ja Alle im Besitze jenes verheißenen <term type="Sachen" key="Leben, verheißenes">Lebens</term> sein! Und doch sind wir das
                            nicht, und wenn wir es zu sein glauben, so müssen wir nur zu oft die
                            schmerz<pb xml:id="p006" ed="pga" break="no"/>liche Erfahrung machen, dass wir uns
                            getäuscht haben. Wo fehlt es uns?</p>
                        <p>Die dritte Forderung Christi haben wir noch nicht genannt: «<hi rend="italic">Folge
                                mir!</hi>» Wie leicht ist es, den Wunsch auszusprechen, Jesu
                                «<hi rend="italic">nachzugehen</hi>», zu ihm <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> zu
                            gehören, ein Christ zu sein! Es ist möglich, ihn
                                <hi rend="italic">nachzuahmen</hi>, <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName> und seine Jünger haben
                            Alles drangegeben, um ihre Lebensweise der des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">Heilands</term> gleichzumachen. Sie
                            haben allem irdischen Besitz entsagt und sind in apostolischer
                            Einfachheit und Bedürfnislosigkeit durch das Land gezogen, um das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> zu predigen.<note xml:id="n04">Die auf den Ordensgründer 
                                    <persName ref="kbga-actors-555">Franziskus von Assisi</persName>
                                (ca. 1181–1226) zurückgehenden Ordensregeln der <term type="Sachen" key="Franziskaner">Franziskaner</term> schreiben
                                u. a. asketische Armut und Demut vor und wollen so ein dem
                                Evangelium gemäßes Leben in der Nachfolge Jesu ermöglichen (Auszug:
                                <bibl corresp="kbga-bibls-654">KTGQ II, S. 126f.</bibl>).</note>
                        </p>
                        <p> Unendlich schwer ist aber das Gebot <term type="Sachen" key="Gebot, Jesu Christi">Christi</term>, ihm
                                <hi rend="italic">nachzufolgen</hi>, gesinnt zu sein, wie er auch war [vgl.
                           <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.5">Phil. 2,5</ref>], d. h. sich
                            selber aufzugeben und in den Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> zu stellen. Und doch hat er
                            gerade das gefordert! Jeder von uns soll aus ganzem Herzen sagen können:
                            Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.42">Lk. 22,42</ref>], auf dass dein
                                <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> komme [vgl. 
                                <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]. In allen
                            Menschen streiten von frühester Jugend an zwei Mächte. Du kennst sie.
                            Die eine treibt dich zu Gott hin, die andre zieht dich bleischwer zur
                            Erde nieder. Die eine Stimme sagt dir: <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> «Du
                            sollst», die andre lockt: «ich möchte, ich will». <hi rend="italic">Hast du Partei
                                ergriffen in diesem <term type="Sachen" key="Kampf, innerer">Kampfe</term></hi><hi rend="italic">?</hi> Das ist die Frage, die Jesus
                            jetzt an dich stellt und immer wieder stellen wird. Tritt auf Gottes
                            Seite, damit tust du das, was Jesus Sich-selbst-Verleugnen,
                            Sein-Kreuz-auf-sich-Nehmen heißt. Du weißt aus <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term>, wie oft die Macht, die nach unten
                            zieht, stärker gewesen ist in dir. Komme ins Klare mit dir über dich
                            selbst, raffe dich auf zu der Erkenntnis, dass dein innerstes Wesen bis
                            jetzt eben nicht auf Gottes Seite stand, und dann fang von vorne an.
                            Mach ernst mit dem, was schon der Prophet <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> den Bewohnern von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und <placeName ref="kbga-places-964">Juda</placeName> zuruft: «Pflüget euch Neubruch!»
                            [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.4.3">Jer. 4,3</ref>] Wer zu
                            Christus gehören will, muss diesen Kampf einmal kämpfen; <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> keiner hat ihn ausgekämpft, keiner wird
                            gekrönt, er kämpfe denn recht! [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.5">2.Tim. 2,5</ref>] Nimm dein <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> auf dich in Jesu <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term>! Was will das sagen?
                            Ich soll mich nicht scheuen, diesen Kampf durchzukämpfen bis zur Hingabe
                            meines ganzen irdi<pb xml:id="p007" ed="pga" break="no"/>schen Selbst, wenn Gott es von
                            mir fordert. Darin ist Jesus uns vorangegangen, indem er sein Kreuz nach
                            <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> trug und
                            sein Leben dahingab, weil es des Vaters <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> war. Du hast vielleicht
                            Unglück gehabt in Haus und<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Mskr.: überzähliges, am Zeilenanfang versehentlich
                                    wiederholtes «und».</note>
                             Familie, der erbarmungslose <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> hat dir jemand entrissen, der dir teuer war, du bist
                            gequält von irgend einer schwerlastenden Sorge. Wohlan, hier ist dein
                            Kreuz! Nimm es auf dich, lass dir all das nicht zur Hemmung werden in
                            deinem Suchen nach <term type="Sachen" key="Leben, Such nach L.">Leben</term>, sondern denke daran, dass es von Gott <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> kommt, der dir als seinem Kind etwas damit
                            sagen will. Du wirst in diesem Bewusstsein mit mehr Mut und Freudigkeit
                            in jenen <term type="Sachen" key="Kampf, innerer">Kampf</term>
                            ziehen!</p>
                    </div>
                    <div>
                        <head>II</head>
                        <p rend="noindent">«Will jemand mir nachgehen, der verleugne sich selbst und
                            nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!» Seltsam und beunruhigend
                            ist dieser Befehl. Seltsam ist aber auch die <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, die dem Gehorsamen gemacht wird:
                                «<hi rend="italic">Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren, wer es
                                aber verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es
                                retten</hi>.» Leben soll der, der sich entschließt, all das, was
                            wir sonst unter <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> verstehen,
                            aufzugeben, und umgekehrt: wer am Letztern festhält, soll das wahre
                                <term type="Sachen" key="Leben, wahres">Leben</term> verlieren.
                            Nachdem wir jene Worte Jesu vom Sich-Selbst-<pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>Verleugnen, vom Auf-sich-Nehmen des <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzes</term> auf uns haben wirken lassen,
                            ist uns ohne Weiteres klar, was der sonderbare, widerspruchsvolle Spruch
                            vom Retten und Verlieren des Lebens sagen will. Wenn wir festhalten an
                            unserm selbstsüchtigen, zur Erde gewandten <term type="Sachen" key="Ich">Ich</term>, dann geht uns das Leben in <term type="Sachen" key="Leben, in Gott">Gott</term> verloren. Wir haben dann den Kampf
                            gemieden und sind keine <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeiten</term> geworden, weil wir Feiglinge sind. Anders,
                            wenn wir uns aufraffen, jenen <term type="Sachen" key="Kampf, innerer">Kampf</term> mit Ernst zu kämpfen, wenn wir dieses Leben, eben
                            jenes unser Ich aufgeben um der Sache Gottes willen, dann sollen wir das
                            wahre Leben gewinnen, etwas Ganzes werden vor Gott und den Menschen.
                            Dieses Leben der Einsatz, jenes Leben der Preis.</p>
                      
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Und setzet ihr nicht das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> ein,</l>
                                    <l>Nie wird euch das Leben gewonnen sein!<note xml:id="n05">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2506">
                                            <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>,
                                                <hi rend="italic">Wallensteins Lager</hi>, 11. Auftritt
                                            (Schlussverse)</bibl>.</note>
                                </l>
                                </lg>
                            </q>
                       
                       
                         <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p008" ed="pga"/> Wir Alle wünschen jenes <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>­ <term type="Sachen" key="Leben, wahres">Lebens</term> teilhaftig zu
                            werden, und doch, haben wir nicht immer wieder das Gefühl, dass jenes
                            Ideal sich unerreichbar hoch vor uns auftürmt? Immer wieder müssen wir
                            einsehen, dass mit unsrer Macht nichts getan ist,<note xml:id="n06">Vgl. den <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Beginn von Strophe 2 des Liedes «Ein feste Burg istmunser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (EG 362; RG 32)</bibl>: 
                                    <q rend="block">
                                        <lg>
                                            <l>Mit unsrer Macht ist nichts getan, </l>
                                            <l>Wir sind gar bald verloren; […].</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note> weil wir unfähig sind, das Gute zu tun, das wir
                            möchten [vgl.  <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.19">Röm. 7,19</ref>]. Immer wieder zieht uns mit klammernden Organen jene andre
                            Seele zur Erde nieder, und das Leben, danach wir dürsten, zieht sich vor
                            uns zurück, gleich jenen Spiegelbildern in der erhitzten Luft vor dem
                            Wüstenwanderer, die man Fata Morgana nennt.</p>
                        <p>Ja, und wir könnten niemals zur Gewissheit kommen, dass jener Befehl und
                            diese <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> nicht
                            wirklich bloß ein schönes Spiegelbild seien, wenn nicht die Person
                            dessen dahinter stünde, der sie gesprochen, die <hi rend="italic">Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Person">Jesu</term></hi>.
                            Mancher vor ihm und nach ihm hat Ähnliches gelehrt wie er, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> keiner vermochte es, neues <term type="Sachen" key="Leben, neues">
                                <hi rend="italic">Leben</hi></term> in die
                                <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> zu pflanzen,
                            weil er nicht gewesen ist, was Jesus war. Was er uns
                                <hi rend="italic">befohlen</hi> hat, das hat er selbst in seinem Leben und
                                <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterben</term> erfüllt,
                            erfüllt hat sich vor Allem die daran geknüpfte <hi rend="italic">Verheißung</hi>.
                            Er hat sich selbst verleugnet, er hat sein Kreuz getragen, er hat sein
                            Leben verloren, weil Gott es wollte. Aber es ist eine unumstößliche
                            Tatsache der <term type="Sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term>
                            geworden, dass auf <term type="Sachen" key="Karfreitag">
                                <hi rend="italic">Karfreitag</hi></term> ein <term type="Sachen" key="Ostern">
                                <hi rend="italic">Ostern</hi></term> folgte, dass sein <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> sich in <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> verwandelt hat. In der felsenfesten
                            Überzeugung: Jesus ist nicht gestorben, er lebt! sind seine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> unter <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> gegangen und haben in seiner
                            Kraft sein <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>
                            verkündet. Viele nach ihnen haben dieselbe Erfahrung gemacht. Diese
                            Tatsache des Ostertages ist es, die uns über unser Nicht-Können
                            hinweghilft, <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> sobald wir einmal Jesum von
                            Nahem gesehen haben. Von da aus betrachtet wird uns die Forderung:
                            verleugne dich selbst! und die <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>: du wirst dein Leben retten! nicht mehr trostlos
                            machen wie zuvor. Wir dürfen dann die <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term> machen, dass auch wir durch jene
                                <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gotteskraft</term>, die damals
                            gewaltig in die Geschicke der Menschen eingriff, unsern <term type="Sachen" key="Kampf, innerer">Kampf</term> mit Erfolg kämpfen
                            können; auch wir dürfen uns dann dem Dankgebet des Apostels <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> anschließen: Gott sei
                            Dank, der uns den <hi rend="italic">Sieg</hi> gegeben in Jesus Christus [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>].</p>
                        
                        <p rend="margin-top">
                            <pb rend="noPipe" xml:id="p009" ed="pga"/> Nach <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>
                            verlangt unser <term type="Sachen" key="Zeit, heutige">Zeitalter</term>.
                            Leben fordert und verheißt Jesus. Gewiss, der Geist Jesu und der Geist
                            unsrer Zeit sind tief verschieden, so gewiss als jener von Gott stammt
                            und dieser von den Menschen. Aber wir <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> wollen über dieser Ver<pb ed="A" rend="hidden" n="15"/>schiedenheit nicht vergessen, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> und seine Macht, Alles zum
                            Besten zu lenken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>], von <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> her dieselben sind. Und wahrlich, sein Odem geht
                            mächtig auch durch unser Jahrhundert, auch jener <term type="Sachen" key="Kampf, der Geister">Kampf</term> der Geister, den wir jetzt vor
                            uns sehen, der Kampf um eigenes persönliches <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term>, muss dazu dienen, die <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> vorwärts zu führen,
                            dem Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>
                            entgegen.</p>
                        <p> Eine hohe, die höchste Aufgabe ist uns <term type="Sachen" key="Christen">Christen</term> in diesem <term type="Sachen" key="Kampf, der Geister">Kampfe</term> beschieden. Statt
                            misstrauisch und pessimistisch daneben zu stehen, wollen wir den Leben
                            Suchenden zeigen, dass wir einen Weg wissen, der zum <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> führt. Wie tun wir das?</p>
                        <p>Indem wir bei uns selbst anfangen, indem wir selbst immer williger
                            werden, uns selbst zu verlieren, um uns selbst zu gewinnen, indem <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> wir uns immer williger in Jesu wahre <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> stellen.</p>
                        <p>Dann, meine Freunde, dürfen wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe des Sieges
                            unsrer Sache sicher sein in der Gewissheit, dass unser <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> der Sieg ist, der die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> überwindet! [vgl.   <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>] </p>
                    </div>
                
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                <div type="closer">
                    <salute>Amen!</salute>
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</TEI>
