Predigt: Johannes 1,14 (Weihnacht)
Ich komme mir verwegen vor, dass ich mich getraue, über diese Bibelstelle zu euch zu reden. Ich denke an den kühnen, Gott und Welt in ihren Höhen und Tiefen umfassenden Geist des Mannes, der diesen Gedanken gefasst und diese Worte geprägt hat. Ich denke an all das Große und Größte, was im Lauf der Jahrhunderte Unzählige beim Hören oder Lesen dieser Worte empfunden und erlebt haben. Ich denke an all das Treffliche, was die größten Geister der christlichen Welt in diesen Worten gefunden und den wechselnden Geschlechtern mitgeteilt haben, von
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Ich will’s versuchen, in möglichst einfachen Worten zu sagen, was ich davon verstehe: der Mann, der das geschrieben, wollte auf seine Weise sagen, was die Weihnacht für uns bedeutet. Er meint dasselbe, was im andern Evangelium heißt: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr [
Statt: Euch ist heute der Heiland geboren! hören wir: Das Wort ward Fleisch. Dieser andere Ausdruck soll uns anleiten zu verstehen, was das bedeutet, dass der Heiland geboren wurde.
Wenn unser menschlicher Geist tätig ist, dann bildet er Worte. Wir sprechen sie nicht immer aus, aber wir denken sie. Es gibt kein Denken ohne Worte. Wenn es inwendig zu Worten kommt, dann denken wir. Ja, wir haben auch wogende Gefühle und Stimmungen in uns ohne Worte, aber wenn wir die hell und klar werden lassen wollen, wenn wir sie fassen wollen, dann müssen wir sie auch in Worte kleiden können. Jeder Lehrer kennt die Antwort gewisser Schüler: ich weiß es schon, aber ich kann es nicht sagen! Das ist ihm das sicherste Zeichen, dass der Schüler seine Sache eben nicht weiß. Wir erinnern uns gewiss Alle an gute Absichten, die wir hatten, aber wir wussten durchaus nicht zu sagen, was wir denn nun tun wollten. Hoffentlich haben wir daran gemerkt, dass unsre Absicht offenbar zwar gut, aber noch sehr unreif sei, und haben versucht, aus dem Unbestimmten ins Bestimmte zu kommen. Mir geht es z. B. regelmäßig so, dass ich beim Anblick |446 eines Bibelwortes oder sonst die Predigt fix und fertig spüre, die ich am nächsten Sonntag halten will. Aber ich spüre sie erst. Wenn ich sofort damit auf die Kanzel sollte, könnte ich kaum drei Worte sagen und dann sofort Amen. Die Predigt ist da, und sie ist doch noch nicht da, denn ich muss erst die Worte dafür finden. Wie die Feuchtigkeit in der Luft Form annehmen muss in den Regentropfen oder in den Schneeflocken, so muss der Inhalt unsres innern Lebens Form annehmen in den Worten. Oder ein anderes Bild: was wir inwendig in uns haben, das ist wie der Marmorblock des Bildhauers. Wenn daraus ein Standbild werden soll, dann muss er mit Hammer und Meißel an die Arbeit gehen, um die Figur, die im Marmorblock gleichsam schlummert, zum Leben zu erwecken. Die Umrisse der Figur, die er herausarbeitet, sind die Worte, mit denen wir unser Inneres erst lebendig machen.
Ich denke, wir verstehen Alle, wie ungeheuer wichtig die Worte sind für uns. Unser ganzes geistiges Leben lebt von ihnen. Und doch sind sie noch nicht das Wort, das von jenem Evangelisten gemeint ist. Wir müssen jetzt eine weitere Beobachtung machen. Wir haben Alle schon die Erfahrung gemacht, dass wir mit unsern eigenen Worten nie ganz zufrieden sind. Ja, oft können wir auf Augenblicke, etwa im Gespräch, die Meinung haben: gerade so ist’s, gerade so, wie ich es jetzt sage. Aber wir werden selten lange bei dieser Meinung bleiben. Wir wollten etwas Besseres, Größeres, Intimeres sagen, als wir gesagt haben, unser eigenes Wort genügt uns nicht, wir suchen nach einem höhern, bessern, zutreffenderen. Jedes Wort ist nur eine Sprosse auf einer Leiter und die Leiter ist unendlich. Unsere Erkenntnisse können immer noch genauer, unsre Absichten klarer und besser, unsre Anschauungen tiefer werden. Wir haben wohl Worte, aber wir haben nicht das Wort.
Es ist nun auf der einen Seite etwas ganz Herrliches, dass es so mit uns steht, dass wir uns bei jedem Schritt, den wir getan haben, sagen müssen: Ich bin noch lange nicht am Ende, dass wir bei Allem, was wir innerlich gefasst und gewonnen haben, erkennen müssen, dass wir noch viel mehr fassen und gewinnen könnten. Das sind die bedauernswertesten von allen Menschen, die da meinen, fertig zu sein und abschließen zu können. Wir leben davon, dass wir etwas vor uns haben, dass unser Geist eine Form annehmen möchte, die wir noch nicht |447 erreicht haben. Das ist unsres Lebens Bestimmung, nach einem ewigen Ziel zu streben. Die Worte genügen uns nie, wir möchten das Wort finden. Auf den Stufen können wir nicht bleiben, wir möchten zuoberst sein. Mit dem, wozu wir unser Leben bis jetzt gestaltet, können wir nicht zufrieden sein, eine bessere Gestalt möchten wir aus dem Marmor herausschaffen. Diese Spannung und Rastlosigkeit ist das höhere Leben, und ich wiederhole: Unselig, wer nichts davon weiß! Ja, nicht alle wissen gleich viel davon. Bei Vielen ist der Pulsschlag dieses höhern Lebens ganz, ganz leise geworden, wie bei Scheintoten. Sie sehen wohl auch noch ab und zu aus nach dem Bessern, Höhern, aber sie sind bequem geworden, vielleicht, dass sie bald sagen werden: So, weiter will ich mich nun nicht beunruhigen! Andre stürzen sich mit großer Begeisterung vorwärts, aber sie werden bald müde und fangen an, langsamer zu werden. Es flimmert ihnen vor den Augen, wenn sie denken, wie viel von ihnen verlangt ist, wie unendlich hoch das Ziel steht. Und wieder Andre, die arbeiten rastlos und emsig, aber sie haben das ewige Ziel in einer falschen Richtung gesucht, sie sind in Gefahr, in eine Sackgasse einzulaufen, in der das Wort, das Ziel, das sie eigentlich meinen, nie und nimmer zu finden ist. Aber aus diesen Vielen ragen einige Wenige hervor. Die haben das Ziel, das Wort, nach dem wir suchen, mit einer überwältigenden Klarheit gesehen und können es nicht mehr vergessen. Sie tragen keine Scheuleder wie wir Andern, sie sind nicht kurzsichtig wie wir, sondern über alle Stufen hinweg sehen sie ahnungsvoll, was die Wahrheit wäre, was wir denken und was wir tun sollten, was wir empfinden sollten, um unsre Bestimmung zu erfüllen. Und obgleich sie Menschen sind wie wir, können und dürfen sie es nicht lassen, vor uns Andre, die wir so träg und leichtsinnig und verirrt sind in unserem Streben, hinzutreten und uns zurecht zu rufen: Auf, ihr Schläfer, vorwärts, ihr Müdegewordenen, halt, ihr, die ihr auf Holzwegen seid! Habt ihr vergessen, wohin ihr gehen müsst, wenn ihr leben und nicht tot sein wollt? Ist euer Geist lahm oder krank, dass ihr euch mit der Stufe begnügt, statt nach dem Gipfel zu wandern, mit den Worten, statt nach dem Wort zu suchen? Höret jetzt nicht Worte, sondern das Wort, das Wort Gottes! |
Und dann reden uns solche Menschen von dem, was sie, die Wenigen, gesehen und gehört haben, von der Majestät der ewigen Wahrheit, von dem lebendigen Gott, zu dem unsre Geister geschaffen sind |448 und in dem sie erst Ruhe finden dürfen. Sie strafen und mahnen und trösten uns, sie weisen uns unablässig hin auf die Höhe, zu der wir berufen sind. Sie, die Wenigen, sind das wache Gewissen inmitten von uns Vielen. Wohl uns, wenn wir sie hören und uns die Augen reiben und aufstehen oder umkehren und sagen: Ja, ich komme. Das sind die Propheten Gottes, die uns so rufen. Sie Alle, von
Ich sagte, das ist etwas Herrliches, dass wir so suchen und streben dürfen, ins Ewige, in die Unendlichkeit hinein. Aber was uns im einen Moment als herrlich erscheint, das wird uns im andern zur drückenden Last, und ich glaube, diese letztern Momente sind zahlreicher. Jene Spannung und Rastlosigkeit des höhern Lebens kann uns dann zu einer Pein werden. Wir vergleichen das, was wir erreichen sollten, mit dem, was wir erreicht haben, und fühlen, dass wir zu kurz kommen. Wir sehen vom Wort Gottes auf unsre Worte und fühlen uns gerichtet in unsrer Beschränktheit und Armut. Es steht so hoch über uns. Wir fühlen uns so klein. O da brechen die merkwürdigsten Gefühle in uns los, wenn wir diese schmerzliche Entdeckung machen. Wir fangen an zu zweifeln, ob es auch wirklich was ist, dies ewige Wort Gottes, von dem die Propheten zeugen, das ewige Ziel, auf das sie uns hinweisen. Wir finden ein Behagen darin, misstrauisch zu werden gegen das Höchste im Leben, weil es etwas so Hohes und Fernes ist. Wir wenden uns gegen die Propheten, die uns davon geredet haben, wir nehmen sie aufs Korn: wie steht es denn mit Euch? Seid ihr mehr als wir? Und es macht uns Freude, wenn wir einen Flecken an ihnen entdecken können, der uns beweist, dass sie aus dem Erden|449staub auch noch nicht heraus sind. Da sieht man’s wieder! Was braucht ihr uns zu stören? Ihr seid auch nicht besser als andre Leute. Ihr redet vom Wort Gottes, aber ihr habt es nicht in euch! So sagen wir, und dann fallen wir zurück in ein müdes Achselzucken: Es ist doch Alles umsonst: Streben nach dem Höhern, Suchen nach dem Wort des Lebens, kühne himmelstürmende Gedanken, gute Vorsätze – wir reichen doch nicht aus mit unsrer Kraft, wir sind allzumal Sünder, die Sterne stehn zu hoch, und wer weiß, ob wir nicht Irrlichtern gefolgt sind. Es hat schon Mancher hinzugesetzt: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot [
Meine Freunde, so ist es dem Wort Gottes, das in unserer Brust und in den Propheten zu uns redet, nicht nur einmal gegangen, sondern tausendmal, so geht es ihm immer wieder, so ist es ihm auch im Leben von uns Allen schon ergangen. Es drückte uns nieder, statt uns zu erheben. Es machte uns Angst, statt uns Freude zu bringen. Es trieb uns in die Oberflächlichkeit, statt uns in die Tiefe zu führen. Es war so schön und groß und machtvoll. Aber es war uns zu hoch. Es war immer nur ein Ziel, das uns ferne winkte. Aber zwischen ihm und uns fühlten wir einen Abgrund, den Abgrund unsres Unvermögens. Wir konnten nicht hinüber. Auch die Propheten nicht. Auch die guten Menschen nicht. Sie standen wohl am Rande und sahen heller und klarer als wir, wie es drüben war, und redeten uns davon. Aber hinüber kamen sie auch nicht. Sie waren auch Menschen, sie hatten auch ihre Fehler. Das freute uns, weil es uns scheinbar ein Recht gab, uns jetzt hübsch zu beruhigen und aufs Fliegen zu verzichten. Und doch schmerzte es uns, denn wir mussten uns sagen: Wozu das Leben? Wozu all der Schmerz und Lust? Wenn wir doch das Höchste, zu dem wir angelegt sind, nicht erreichen und erfüllen können. Wozu die Worte, wenn das Wort doch nicht für uns Menschen ist?
So, jetzt können wir die Weihnachtsbotschaft fassen und verstehen: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns! Das heißt ganz einfach: Es gab einmal einen Menschen, der jenes Ziel erreicht hat. Das Ewige, Göttliche, das uns Allen vorschwebt, von dem uns unser Gewissen redet und auf das uns die Propheten, die alten und die neuen, hinwei|450sen, es war nicht immer und überall ein bloßes schönes Ziel, eine kühne Hoffnung, sondern es hat in einem unsresgleichen sich erfüllt, es ist in einem Menschen Wahrheit geworden. Dieser Mensch war Jesus Christus. Und darum ist er unser Heiland und Helfer. Das hat
An diesem Gedanken kann man zweifeln, und man hat daran gezweifelt. Man kann einwenden: wieso soll das Wort Gottes, nach dem der Menschengeist sucht, gerade in Jesus erschienen sein? Wieso soll gerade er das Ziel erreicht haben und nicht ein Anderer der Großen, die die Menschheit gesehen hat? Wir wollen nicht streiten an der Weihnacht. Aber soviel können wir doch sagen: Wer so fragt: warum gerade Jesus? warum ist er des ewigen Vaters einig Kind?, dem hat das Gewissen noch nicht laut genug geschlagen. Vielleicht hat er sich das Ziel nicht hoch genug gesteckt. Vielleicht überschätzt er seine eigene Kraft, das Ziel zu erreichen. Die es ganz ernst genommen haben mit dem Wort Gottes, um es dann auch ganz ernst mit sich selbst zu nehmen, die haben es zu allen Zeiten dankbar verspürt, dass Jesus etwas Anderes sei als die andern Großen im Reiche des Geistes. Die Propheten Alle haben uns gesagt: Du sollst den Willen Gottes tun. Jesus hat ihn getan. Das war das Außerordentliche an ihm. Die Propheten haben uns gezeigt: so müsstet ihr leben, um ewig zu leben. Jesus hat |451 wirklich so gelebt. Die Propheten sagten: Höret das Wort Gottes von eurer Bestimmung. Als Jesus unter die Menschen trat, da hörten sie das Wort nicht nur, sondern sie sahen es. Das heißt: Das Wort ward Fleisch. Das ist der Unterschied zwischen Jesus und uns, auch den Größten und Besten unter uns. Bei uns ist Wollen, was bei ihm Vollbringen war. Er steht jenseits des Abgrunds, der uns Angst macht.
Nein, das ist unrichtig gesagt. Er steht nicht jenseits, sondern er ist über den Abgrund zu uns gekommen. Das ist nicht das Größte und Wichtigste an der Weihnachtsbotschaft, dass Jesus so anders war als wir, sondern das, dass er wurde wie wir, damit wir etwas Anderes würden. Das Alles, was wir über den Abgrund, über die furchtbare Höhe unsres Lebenszieles gesagt haben, das soll ja gar nicht mehr gelten, weil das Wort Fleisch geworden ist. Wenn wir in Jesus einen unsresgleichen sehen, der das Ziel erreicht hat, dann soll uns das das Vertrauen wiedergeben, das wir verloren hatten. Wir sollen denken: wenn das so ist mit Gottes großen Forderungen an uns, dass ein Mensch sie wirklich erfüllt, dass er wirklich gekämpft und gesiegt hat, dann dürfen wir wieder Freude haben am Leben. Die Stimme unsres Geistes ist kein leerer Wahn, was uns die Propheten und Dichter und Denker sagen vom höhern Leben, zu dem wir vordringen sollen, das sind keine Luftschlösser. Alles, was sie sagen, hat sich wirklich in einem Menschen zugetragen. Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater. Wir glauben von jetzt an, weil wir wissen. Wir hoffen, weil wir gesehen haben.
Und nun ersteht vor unsern Augen ein neues Bild von der Menschheit. Wieder sehen wir sie vorwärts schreiten den Zielen ihrer Bestimmung entgegen. Wieder sehen wir Träge und Müde und Strauchelnde und Irrende und wieder die Propheten, die an der Arbeit sind, ihnen zu sagen, was sie sollen, was das Wort Gottes ist. Aber dieses ganze ungeheure Heer tappt nun nicht mehr im Nebel. Es ist nicht mehr angewiesen auf die Versicherung der großen Männer: dort, hinter den Wolken liegt das Ziel, sicher, sicher!, sondern jetzt ist das Wort Fleisch geworden und mitten unter ihnen. An ihrer Spitze geht Einer, der schon dort gewesen ist, wo sie hin sollen. Er ist die Verbindung zwischen hier und dort, zwischen Gegenwart und Zukunft. Und so schreitet dies Heer vorwärts, denn es weiß jetzt, dass es ankommen wird.
452Meine Freunde! Stehen wir auch in den Reihen dieses Heeres? Wenn wir den Anschluss vielleicht verloren haben, dann kann die Weihnacht ein Anlass werden, ihn wieder aufzusuchen. Ich denke, wir haben es Alle immer wieder nötig. Und darum wollen wir es einander wünschen.