24. Dezember 1911

Predigt: Lukas 2,10

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Lukas 2,10
Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll.
Liebe Freunde!

Wir lesen an einem Ort in der Bibel, dass Jesus ein Kind zu sich gerufen und mitten unter seine Jünger gestellt habe, und dann habe er zu ihnen gesagt: es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen [Mt. 18,2f.]. In der Weihnachtszeit sehen wir, wie wahr das ist. Als wir noch Kinder waren, da wussten wir, was das heißt: sich auf die Weihnacht freuen, und wenn sie dann da war, sich über die Weihnacht freuen. Es brauchte da so wenig, um uns glücklich zu machen. Der heilige Abend mit dem Tannenbaum war ein Tag im Jahr, mit dem sich kein zweiter auch nur von ferne vergleichen ließ an Wonne und Herrlichkeit. Und wenn man dann erwachte am andern Morgen, dann war die Weihnacht immer noch da. Ich weiß noch, wie ich mich da beim Aufstehen als ein reicher Mann fühlte, der mit seinem Geschick gar nicht zufrieden genug sein kann. Das wurde später anders. Der Weihnachtstag verlor das Meiste von seinem besonderen Glanz und trat ein in die Reihe der übrigen Tage. Wir sahen ihn kommen und dann wieder hinter uns liegen ohne jenes Gefühl einer ganz außerordentlichen Freude. Wir sind eben überhaupt nicht mehr fähig zu einer so warmen und heiligen Freude wie damals. Das ist schade! Ihr habt vielleicht auch schon den Wunsch gehabt: Könnte ich nur noch einmal als ein Zehnjähriger Weihnacht feiern! Wenigstens mir geht es so. Und weil das nicht sein kann, müssen wir schon zu den Kindern gehen, um die rechte Weihnachtsfreude zu sehen.

Und doch müsste das durchaus nicht so sein. Wir könnten und sollten als Erwachsene noch viel fröhlicher Weihnacht feiern denn als Kinder. Gerade die Hauptsache an der Weihnacht könnten wir ja viel besser verstehen als die Kinder. Sie freuen sich über den Baum und die |435 Lichter und die Geschenke, wir dürften uns über das Kindlein in der Krippe freuen, weil wir deutlich erkennen können, was wir an dem Mann haben, der aus diesem Kindlein geworden ist, weil wir verstehen können, wie herrlich und unentbehrlich für unser Leben das ist, was in Bethlehem geschehen ist. Davon wollen wir dann morgen reden. Heute wollen wir davon reden, wie man der Freude, der Weihnachtsfreude das Herz aufmacht, um sie wieder hereinzulassen. Es steht nämlich nicht so, dass wir sagen müssten: Ja, es wäre wohl schön, aber es geht nicht:

Schön ist die Jugendzeit,
Sie kommt nicht mehr!1

Nein, es geht. Das Christkind steht bei jedem von uns draußen und möchte einkehren, sobald wir nur wollen. Es ist schon bei uns gewesen, und das ist kein verlorenes Paradies2, das weit hinter uns liegt, sondern das kann und soll wieder geschehen, viel schöner und feiner als früher. Wir wollen uns darüber besinnen, wie man das macht, es wieder hereinzulassen.

*   *   *

436Die Weihnachtsbotschaft fängt an mit den Worten: Fürchtet Euch nicht! Ich glaube, darauf müssen wir achten, wenn wir sie mit rechter Freude aufnehmen wollen.

Von den Hirten auf dem Felde vor Bethlehem lesen wir: «Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr» [Lk. 2,9]. Warum mögen sie sich nur gefürchtet haben? Da müssen wir schon in unser eigenes Leben hinein sehen, um das zu verstehen. Ja, die Weihnacht ist eine solche «Klarheit des Herrn»» , die unser Leben erleuchten möchte, wie die Lichter des Tannenbaums in einer dunkeln Stube leuchten. Die Weihnacht sagt uns, dass Gott etwas mit uns haben will, er, der allmächtige, ewige, reine, gütige Gott mit uns kleinen, kurzlebigen, widerspenstigen Menschen. Er will es mit uns halten. Er will zu uns gehören. Und darum sollen wir zu ihm gehören. Das Trübe, Halbdunkle, Borstige an uns soll vergehen, es soll liegen bleiben wie ein altes Kleid, und wir sollen dem großen, starken Zug zu einem aufrichtigen, bewussten, für uns und andere kostbaren Leben folgen. Die Weihnacht bietet jedem von uns ein solches Leben an, und sie fordert uns auf: jetzt nimm es auch. Denn sie redet uns von Jesus und zeigt uns damit den Ort und die Art, zu denen wir in unserm Leben auch kommen sollten. Das ist ihre Klarheit. Aber wenn uns diese Klarheit umleuchtet, wenn es uns in diesen Tagen hoffentlich Allen wenigstens im einen oder andern Moment deutlich wird, wohin es mit uns gehen sollte, dann wissen wir auch recht gut, warum der Engel den Hirten dort vor Allem sagen musste: Fürchtet euch nicht! |

Das ist nun freilich eine merkwürdige Furcht. Ich glaube, wir fürchten uns vor Allem vor der Anstrengung, die es uns kosten würde, ein rechter Mensch, ein Weihnachtsmensch zu werden. Wenn man jahrelang und vielleicht jahrzehntelang einen falschen Weg gegangen ist, vielleicht den Weg irgend einer Unaufrichtigkeit oder einer üblen Gewöhnung, ja, dann mag es uns wohl gemächlicher vorkommen, darauf weiterzugehen, als mit einem Mal etwas Anderes anzufangen, auch wenn wir unter dem Alten noch so leiden. Da ist Einer, der seufzt und keucht unter der Bürde seines Unglücks und macht sich und die Seinen nur noch unglücklicher damit. Nun ist die Weihnacht da, und auch für ihn würde es jetzt heißen: Freude! Lass dein Herz emporsteigen zu Gott! Was hindert ihn daran? Es ist ihm bei allem Jammer fast wohl geworden auf dem Weg des Unglücks, es wäre so |437 unerhört, jetzt plötzlich mit etwas Neuem zu beginnen. Er fürchtet sich, seine Bürde abzuwerfen, obwohl er’s könnte. Denn er fürchtet die Anstrengung. |

Andre sagen: Nein, ich fürchte nicht die Anstrengung, aber ich fürchte meine eigene Schwäche. Ich wollte mir wohl Mühe geben, ich sehe ja schon, was nicht gut ist und was besser werden sollte bei mir. Aber ich kenne mich selbst gut genug und weiß, dass ich nicht anders sein kann, als ich bin. Das ist eine merkwürdige Redeweise, und doch hört man manchmal so reden, und ich glaube nicht einmal, dass die, die so reden, in Wirklichkeit Ausnahmen sind. Wir haben Alle in unserm Leben gewisse Punkte, an denen es uns nicht fehlt an der Klarheit über das, was göttlich, und das, was menschlich wäre. Am Wegweiser mangelt es nicht, aber es mangelt am Gehen. Wir sagen uns laut oder leise: ja, da bin ich nun einmal empfindlich, da kann ich nichts machen, dagegen komme ich nicht auf – ich kann nicht stärker sein als ich selbst. Und da stehn wir dann an der Weihnacht da vor unsrer Schwachheit wie ein Kind, wenn es ein Geschirr zerbrochen hat, und sagen mit weinerlicher Stimme: Ich kann nichts dafür! Wir fürchten uns vor der Stärke unsrer Schwachheit. |

Noch Andre sind’s, die haben Angst vor den Leuten. Sie sagen, ja, ich wollte mich wohl zu Gott halten, ich habe wohl etwas gespürt von seiner Wahrheit, ich merke, wie ernst es ihm ist und wie lieb er mich hat, aber [was] würden die Andern sagen, die Nachbarn und vielleicht die am Stammtisch, wenn ich mich das merken ließe! Ja, was würden die Leute sagen? Das ist ein Grund, der so viel Gutes in der Welt verhindert, Einer guckt auf den Andern, was der für ein Gesicht mache. Um es mit Gott zu halten, da müssten wir freilich zehn Schritt aus der gewohnten Reihe hinauslaufen und viele, sehr viele erstaunte Gesichter auf uns ziehen. Wir dürften das nicht scheuen. Aber wir scheuen es. Als die Klarheit des Herrn sie umleuchtete, da fürchteten sie sich sehr vor den Leuten. O wenn wir davon frei würden. Wie Mancher, der heute dem Andern ein schönes Weihnachtsgeschenk macht oder ihm doch eine Gratulationskarte schickt, würde besser tun, ihm zu versprechen: Hör mal, von jetzt an brauchst du dich vor mir nicht mehr zu fürchten. Ich will kein Gesicht machen, wenn du deinen eigenen Weg gehst, im Gegenteil, es soll mich freuen, wenn du das tust. Das wäre ein Weihnachtsgeschenk! |

438Aber so oder so, wir müssen das Fürchten verlernen, wenn Gottes Freude bei uns einziehen soll an der Weihnacht. Ja, denkst du, das ist bald gesagt: Fürchtet Euch nicht! Die Anstrengung, die es da kostet, die Schwäche meines Charakters, die Haltung der andern Leute, die sind eben doch da! Ja, wenn ich es so gut hätte wie die Hirten von Bethlehem: wenn ein Engel käme vom Himmel und mir sagte: Fürchte dich nicht!, dann wollte ich es wohl glauben und danach tun. Nein, sage ich, denn die Hirten von Bethlehem hatten es nicht besser als wir, sondern weniger gut. Sie hatten einen Engel, der ihnen zusprach, sie hatten die himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen [Lk. 2,14]! Und das war gewiss schön, aber wir haben etwas noch Schöneres. Den Jesus, dessen Geburt sie dort miterleben durften, den kennen wir ganz, wir wissen, was aus ihm geworden ist, uns hat sich seine Herrlichkeit in ihrer ganze Fülle erschlossen, und wenn wir sein Leben anschauen, das er auf dieser Erde gelebt, dann können wir nicht mehr sagen: das ist bald gesagt: fürchte dich nicht!, sondern dann brauchen wir uns wirklich und im Ernst nicht zu fürchten. Er hat uns gezeigt, was das ist: ein furchtloses, tapferes Leben. Er ist nie händeringend dagestanden: es geht nicht, sondern er ist an Alles herangetreten mit starker Hand und hat gemacht, dass es ging. Er hat die große Anstrengung gemacht, die es braucht, um mit Gott einig zu werden, er hat mit der Versuchung gekämpft und ist nicht schwach geworden, sondern hat es gewonnen, er hat es gewagt, es anders, ganz anders zu machen als die andern Leute, und am Ende seines Lebens ist er dagestanden als ein Sieger über Alles, was ihm hätte Angst machen können, und sein Name ist nach ihm ein Erkennungszeichen geworden für Tausende und Tausende, die im Kampf des Lebens auch gesiegt haben. Gibt dir das nicht den Mut, jetzt deine Furcht abzulegen? Macht es dir nicht Freude, in der gleichen Schlachtlinie zu stehen mit einem solchen Streiter? Sieh, wenn du nur ein ganz klein wenig verspürst von dieser Freude, dann darfst du es als Zeichen nehmen, dass eine Bresche, eine Lücke geschlagen ist bei dir, durch die die große Weihnachtsfreude einziehen kann. Lass sie wachsen, diese Lücke, vertiefe dich immer mehr in den Mut des Herrn Jesus, so wird auch dein Mut wachsen, und du wirst auf die Weihnachtsbotschaft antworten können, schüchtern zuerst und dann immer lauter: Ja, ich fürchte mich nicht.

439*   *   *

Jetzt wollen wir nun auf etwas Anderes merken, was uns Erwachsenen helfen kann, das Christkind hereinzulassen. Wir lesen, der Engel habe den Hirten gesagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! In dem Wort groß ist etwas versteckt! Wenn du die rechte, innige Weihnachtsfreude verlernt hast, seit du nicht mehr ein Kind bist, liegt’s nicht daran, dass du nicht gewusst hast, mit dem Alter fortzuschreiten von der kleinen zur großen Freude? Als du jung warst, war dir das Christkind lieb, weil es Bescherungen brachte: den Weihnachtsbaum und Äpfel und Nüsse und Zuckerbrot und andere schöne Dinge. Das war kleine Freude. Sie war recht zu ihrer Zeit. Dann hättest du aber weiterschreiten sollen, du hättest am Christkind selbst Freude bekommen sollen. Das hast du versäumt. Du warst zu sehr an die kleine Freude gewöhnt, als dass du dich der großen hättest zuwenden können. Du erwartetest immer wieder Bescherungen. Gewiss keine Äpfel und Lebkuchen mehr, es kam die Zeit, wo dir diese Bescherungen weniger Eindruck machten. Aber du erwartetest, dass das Leben dir andere Dinge in den Schoß lege: ein ungetrübtes, sorgenfreies Glück, eine starke Gesundheit, Menschen, mit denen gut auszukommen sei, eine stete Zufriedenheit inwendig. Das sind so die Lebkuchen von uns Großen. Aber sie sind darum auch nur kleine Freude. Das können wir daran merken, dass sie uns selten, sehr selten dauernd erhalten bleibt, gerade wie das, was die Bescherungen den Kindern gebracht, nach kürzerer oder längerer Zeit sein natürliches Ende findet. Und oft ist’s nicht nur so, dass diese kleine Freude wieder verschwindet, nachdem sie eine Weile dagewesen, sondern sie stellt sich überhaupt nicht ein. Da geht es uns uns dann, wie es manchen armen Kindern geht, die an der Weihnacht hauptsächlich zusehen müssen, wie Andere etwas bekommen, und auf der Straße stehen und sich die Näschen platt drücken an einem Schaufenster, hinter dem die ihnen versagten Herrlichkeiten aufgestapelt sind. Ja, solche arme Kinder sind wir Großen auch manchmal. Die kleine Freude, nach der wir uns sehnen, wird uns nicht gemacht, und dann sagen wir: ach was, es ist nichts mit der Weihnachtsfreude.

Wenn wir doch lernen wollten, die Augen auftun für die große Freude, die uns an der Weihnacht für immer und für Jeden beschert |440 wird, wenn wir nur die Hände danach ausstrecken wollten! Ich sage: das muss gelernt sein, die große Freude zu erkennen und zu ergreifen. Man könnte einwenden: bei einer Freude kann es doch nichts zu lernen geben, die kommt eben und ist da, oder sie kommt nicht und ist nicht da. Ich antworte: doch, da gibt es etwas zu lernen, und da müssen wir sogar lernen. Man kann fortschreiten von kleinen zu großen, von niedern zu höhern Freuden. Ich will ein Beispiel nennen, das ihr Alle verstehen werdet. Es wird wenig Menschen geben, die nicht irgend eine Freude haben an der Musik. Unter denen sind eine große Menge, denen ist das Höchste und Schönste, was sie sich auf diesem Gebiet denken können, so eine recht kräftige, schmetternde Blechmusik. Wenn sie dann so mit den Füßen den Takt klopfen können, wenn es fast die Wände versprengt von der Gewalt des Tones, dann sind sie schon zufrieden. Andre stehen eine Stufe höher. Was ihnen gefällt, das ist vielleicht ein recht zügiges Vaterlandslied, etwa von einem Männerchor gesungen, oder eine von den muntern englischen Melodien, wie man sie im Blauen Kreuz3 singen hört. Wenn sie da, so laut sie können, ins Tralala oder in den Refrain einfallen und eine Note gar rührend in die andre hinüberziehen können, dann sind sie im Himmel und denken, die Musik ist eine schöne Sache. Andre sind vielleicht schon in der Stadt gewesen und haben ein richtiges Konzert gehört mit Musikstücken, die wirklich Musik enthielten und nicht bloßen Klingklang, aufgeführt von Leuten, die ihr ganzes Leben der Kunst gewidmet haben. Aber auch da geht die Stufenleiter weiter vom Hohen zum Höhern zum Höchsten. Auch unter den berufsmäßigen Künstlern gibt’s solche, die mit gröbern, und solche, die mit feinern und feinsten Mitteln auf die Hörer zu wirken versuchen, und unter den Komponisten, selbst unter den berühmten, hat der eine eine edle, der andere eine schöne, der andre aber eine große Seele in seine Musik gelegt. Das macht Unterschiede – für den, der sie zu hören weiß. Zunächst steht man vielleicht ganz unten an dieser Stufenleiter der musikalischen Freude. Wem bisher Blechmusik das Höchste gewesen ist, der wird sich bei einer Symphonie von Beethoven oder bei einem Oratorium von Bach langweilen, weil er da nicht mit den Füßen den Takt klopfen kann. Aber er braucht dabei nicht stehen zu bleiben. Er kann von der |441 kleinen Freude vordringen zur großen und immer größern Freude. Das Mittel dazu ist sehr einfach, er muss bei der Musik nicht nur auf das Behagen achten, das sie ihm verursacht, sondern versuchen, das wirklich Schöne herauszuhören, er muss sich Mühe geben, in das Innere der Töne einzudringen. Dann wird er es bald herausbekommen, dass das Eine schön und das Andre noch schöner ist, er bekommt feinere Ohren für das, was man die Seele der Musik nennen könnte, ganz allmählich wird dies und das zurückbleiben, weil es ihm nicht mehr genügt, weil eine neue, größere Welt sich ihm aufgetan hat, die immer neue, noch größere Offenbarungen in sich hält.

Gerade so müssen wir es mit der Lebensfreude, mit der Weihnachtsfreude halten. Wir dürfen nicht genügsam sein und nur nach dem Kleinen verlangen, nach Glück und Gesundheit und Zufriedenheit. Das ist erst die Blechmusik! Solange wir nichts Besseres wünschen, so lang bereitet uns die Weihnachtsbotschaft nur Langeweile. Aber wir können uns etwas Besseres wünschen. Wir können nach der großen Freude des Lebens verlangen. Dafür müssen wir uns ganz wie bei der Musik feine Ohren, einen feinen Geschmack angewöhnen. Wir müssen versuchen, aus dem Klingklang unsres Lebens das wirklich Große, das, was Wert hat, das Schöne und Echte herauszuhören. Dabei machen wir dann sicher auch die Erfahrung, dass uns das Bisherige nicht mehr genügt, dass Allerlei, was uns bisher als das Beste erschien, zurückbleiben muss. Wir lernen uns fragen: ja, über was sind wir denn eigentlich glücklich und zufrieden oder über was möchten wir es sein? Gibt es nicht noch höhere Ziele, als die ich mir bis dahin gesteckt und die ich zu meinem Schmerz nicht einmal erreichte. Ist nicht ein absolut reines Gewissen noch besser als das, was man so Glück nennt, ist nicht Selbstbeherrschung noch besser als Gesundheit, ist nicht ein Leben, das Andern aufrichtig dienen will, noch besser als Zufriedenheit? O wenn wir einmal scharfe Augen und Ohren bekommen haben für dieses noch Bessere, wenn dann die große Sehnsucht, es zu besitzen, in uns erwacht ist, dann wird die Weihnachtszeit schön, dann merken wir auf, wenn es nun heißt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! Denn dieses noch Bessere, die große Freude, die bekommen wir, wenn wir Jesus bekommen. Er gibt uns die Hand und führt uns auf die höhere Stufe, vom Kleinen zum Großen, sobald wir darnach Verlangen haben. Wenn wir dies Verlangen in uns aufkommen lassen – das wird eine Weihnachtsfreude werden!

442*   *   *

Aber wir sind noch nicht zu Ende. Die Hauptsache kommt zuletzt. Wenn wir hören: Weihnacht ist da! das Christuskind ist da, und wenn wir diese Verkündigung mit rechter großer Freude in uns aufnehmen möchten, dann müssen wir es uns durch und durch gehen lassen, dass diese große Freude allem Volke widerfahren soll. Das ist dort jenen Hirten auf dem Feld gesagt worden und heute wird es auch uns gesagt. Ich glaube, ohne diesen Gedanken an alles Volk, das auch Freude haben soll, gibt es keine rechte Freude. Die Weihnachtsfreude ist schon manchem verleidet, nicht weil er selbst sich vor der Klarheit des Herrn gefürchtet oder weil er nicht erkannt hätte, wie groß die Freude ist, die Weihnacht uns verkündigt, sondern weil er um sich gesehen und so viel Elend und Unglück und Irrtum und Unverstand in der Welt und bei den Menschen gefunden hat. Was soll’s, wenn ich den Herrn Jesus in mein Herz und mein Leben aufnehme, wenn ich die große Freude erlebe, ein reinerer, tieferer, ernsthafterer Mensch zu werden, ist dann damit erfüllt, was die himmlischen Heerscharen gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Ist’s nicht bloß ein Tropfen auf einen heißen Stein, wenn das bei mir und in meinem Hause geschieht, während nebenan und gegenüber und in der ganzen Welt der Jammer und die Ungerechtigkeit und die Lüge triumphieren?! |

Vor fünf Jahren erlebte ich gerade diese Tage vor Weihnacht in der Millionenstadt Berlin4 und weiß noch, wie ich mich fragte, was die große Freude der Weihnacht für all die Hunderttausende bedeute, ob die Feiertage ihnen mehr brächten als ein womöglich noch schärferes Hervortreten der sozialen Unterschiede, ein womöglich noch größeres Aufschäumen aller großstädtischen Gemeinheit und Liederlichkeit. Könnte unsre Freude eine große Freude sein, wenn sie wirklich für all das Volk nichts bedeutete? Könnten wir uns heute der Weihnacht freuen, wirklich freuen, wenn wir annehmen müssten, dass das an der Fäulnis, an der Tyrannei und dem Blutvergießen, das wir auch in unsrer heutigen Welt miterleben müssen, nichts änderte? Können wir uns überhaupt freuen in unserm Leben, wenn wir an all das Un|443erfreuliche denken, was Andre zur gleichen Zeit erleben und tun? Fällt da nicht ein Gifttropfen in unsern Becher, der uns auch das Edelste und Schönste verleiden muss?

Meine Freunde, da sage ich nun: jawohl, in diesen Zweifel müssen wir sogar eintauchen, so tief wir können, und wer ihn noch nie erlebt, der weiß nicht, was Weihnachtsfreude, was Freude überhaupt ist. Die beste und tiefste Vorbereitung auf die Weihnacht besteht darin, dass wir lernen, die Augen auftun für Alles das, was nicht nur bei uns, sondern bei den Andern, was in der Welt anders und besser werden sollte, dass wir an die Tränen denken, die anderswo fließen, an das Unrecht, das anderswo geschieht, an den Irrtum, unter dem Andere leiden, an die Schuld, die Andere drückt. Mit dieser Frage im Herzen müssen wir Weihnacht feiern, dann ist uns die Weihnacht eine Antwort, die uns nicht leer lässt. Mit diesem Verlangen, dass allen Menschen geholfen werde, müssen wir zu Jesus treten, dann wird die Weihnachtsfreude von Jahr zu Jahr nicht kleiner, sondern größer werden. Denn darum nennen wir ihn den «Heiland», weil in seinem Evangelium das Heil, die Hilfe verborgen ist nicht nur für dich und mich, sondern für uns Alle. Ein so großer Herrscher wie er will mit einem großen, weit offenen Herzen empfangen sein. Ist es aber groß und weit geworden, haben wir mitgelitten mit der leidenden Welt und mitgeseufzt mit der seufzenden Kreatur, dann sind wir reif für ihn, dann kann er auch bei uns geboren werden wie einst im Stall zu Bethlehem. Willst du’s jetzt nicht wagen, die Weihnachtsfreude deiner Kindheit wiederzuentdecken, größer und reicher und vollkommener als die, die du verloren hast? Fang heute nur in einem kleinen Stück damit an, furchtlos zu werden, vom Kleinen auf das Große zu denken und, statt nur an dich selbst, an die Andern. Ich verspreche dir: dann darfst du heute Abend aufrichtig und von innen heraus einstimmen in das alte jubelnde Lied

O du fröhliche, o du selige
Gnadenbringende Weihnachtszeit.
Welt ging verloren, Christ ist geboren.
Freue, freue dich, du Christenheit!5
Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. die erste Strophe und den Refrain des Volksliedes «Schön ist die Jugend» 📖:
Schön ist die Jugend
Bei frohen Zeiten,
Schön ist die Jugend,
Sie kommt nicht mehr.
So hört’ ich oft schon
Bei alten Leuten,
Und seht, von denen weiß ich’s her.
Refrain:
Drum sag’ ich’s noch einmal,
Schön sind die Jugendjahr,
Schön ist die Jugend,
Sie kommt nicht mehr.
[…].
↩
2
Wohl eine Anspielung auf: J. Milton, Paradise Lost. A Poem Written in Ten Books, London 1667 📖; von den vielen deutschen Übersetzungen sei genannt: ders., Das verlorene Paradies, übers. von Fr. W. Zacharia (Collection Spemann, 151), Stuttgart 1883 📖.↩
3
Siehe oben, S. 289, Anm. 9.↩
4
Im Wintersemester 1906/07 studierte Barth dort; vgl. Busch, S. 50–52 📖.↩
5
Strophe 1 des Liedes «O du fröhliche» von J. D. Falk (RG 409; EG 44) 🎵.↩