Predigt: Psalm 106,1 (Sylvester)
Zum letzten Mal im alten Jahr sind wir heute hier beieinander. Noch einige kurze Stunden und dies alte Jahr gleitet hinunter in den Abgrund der Vergangenheit, aus dem keine Macht der Erde es zurückrufen kann. Wir Alle gleichen jetzt einem Kinde, das den schönen Batzen1, den ihm die Mutter geschenkt, in einen Laden getragen hat, um sich damit zu kaufen, wonach sein Herz begehrt. Nur mit leisem Bedauern hat es ihn aus der kleinen, festgeschlossenen Faust hervorgegeben, aber dann ist es doch geschehen, und es sieht zu, wie er unwiderruflich in die Ladenkasse fliegt zu vielen andern schönen Batzen. Und jetzt guckt es seine andre Hand an, die das Päckli hält mit dem, was es sich gekauft hat. Das hat es nun für den Batzen! Was denkt es dabei? Was geht in ihm vor? Ja, wer so in ein Kinderherz hineinsehen könnte! Freut es sich über seinen Kauf? Wir wollen es hoffen. Aber vielleicht ist auch heimlich, ganz heimlich eine kleine Enttäuschung da, und es ist ihm: wenn ich nur meinen Batzen wieder hätte, ich wollte ihn eigentlich doch noch lieber anders verwenden! |
Ich sage: solch einem Kind gleichen wir heute. Wir haben auch etwas Schönes geschenkt bekommen, eine große Zeitspanne Leben, ein ganzes langes Jahr mit 365 Tagen. Und heute müssen wir es weggeben. Fort ist’s! Wir fragen uns wohl auch: was haben wir nun für das Jahr, das weggegebene? Was ist der Ertrag, mit dem wir heute davongehen in ein anderes, neues hinüber? Da gibt’s auch freudige und |454 enttäuschte Gesichter. Und die Sache ist ernsthafter als bei dem Kind mit dem Batzen. Der lässt sich ohne allzu große Schwierigkeiten wieder durch einen andern ersetzen. Es werden dem Kind, sogar wenn es arm ist, noch unzählige Batzen durch die Hände gehen, die es besser verwenden kann. Die ausgegebenen Jahre dagegen sind eine kostbare Summe, die ihre ganz bestimmte Grenze hat, von der wir nie wissen, ob sie schon erreicht ist, denn wir verwalten sie nicht selbst, und der Verwalter gibt uns keine Rechenschaft über den Stand des Vermögens, das uns noch bleibt; er gibt uns nur ein Jahr nach dem andern heraus, da hast du’s! brauch’s gut! Und wir Alle müssen uns sagen, dass wir heute vielleicht im Begriff sind, unsern Notpfennig, unser letztes Jahr auszugeben. Was haben wir dafür? Was haben wir damit gemacht? Ja, das sind Fragen, meine Freunde, die wohl kein Einziges unter uns so ganz fröhlich und ohne Bedenken zu beantworten wüsste. Da zieht in unsrer Erinnerung an uns vorüber Alles, was wir getan und nicht getan haben in diesem Zeitraum, und unser Gewissen hält uns vor, was wir hätten tun sollen. Da wird unser eigenes Herz zu unserm Richter und sagt uns: es ist nicht gut, was du da in Händen hältst für das ausgegebene, für immer verschwundene Jahr. Es genügt nicht, du hättest etwas Besseres dafür haben können. Du warst kein kluger Käufer! Gelt, jetzt reut es dich? Ja, sieh, jetzt ist’s zu spät! Was du mit dem Jahr 1911 nicht gemacht, das bringt keine Ewigkeit zurück.2 Du kannst allerlei nachholen im neuen Jahr, wenn dir Gott noch eins schenkt, aber die Zeit, die du nun im besten Fall zum Nachholen brauchen wirst, hättest du zum weitern Fortschreiten brauchen können. Du hast Zeit
verloren, die gibt dir niemand wieder! So redet unser Herz zu uns, wenn wir es aufrichtig und ehrlich reden lassen. Die Frage: was haben wir mit unserm Jahr gemacht? macht den Sylvester zu einem ernsten, schweren Tag, wie es vielleicht kein zweiter im Jahr ist. Der 31. Dezember, der letzte im Jahr! Wir denken und sagen es leichthin. Und doch ist in diesen Worten etwas von dem Geräusch, mit dem man einen Sarg verschließt. In dem Klang der Glocken, die |455 uns vom alten ins neue Jahr hinüberläuten, ist etwas von dem Schall der Posaune des Weltgerichts [vgl.
Und doch möchte ich heute eure Aufmerksamkeit nicht auf die Frage lenken: Was haben wir gemacht?, sondern auf die andere: was hat Gott gemacht? Ich möchte auch nicht sagen: nehmt euch in Acht! es ist ein ewiges Gericht Gottes da, inwendig in Euch, und das verurteilt euch heute, denn ihr habt ein Jahr verloren! Sondern ich möchte euch sagen: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich! Von der Güte Gottes möchte ich etwas sagen. Das tue ich nicht, um gleichsam von etwas Anderem zu reden, das uns angenehmer wäre; und nicht, um Euch anzuleiten, ein Scheuleder anzulegen, damit wir nicht mehr daran denken, wie ernst und gefährlich die Lage von uns Allen ist, sondern ich glaube, gerade wenn wir es ernst nehmen wollen mit unserm Leben, müssen wir an die Güte Gottes denken. Es hat Mancher den Gedanken: die Zeit geht um, und wir haben wenig, viel zu wenig erreicht und getan in unsrer Zeit! und er ist doch kein ernsthafter Mensch, er weiß doch nichts von der ganzen Majestät des göttlichen Richters. Ich werde nie vergessen, wie mir einmal in
Und darum wollen wir jetzt mit festem Blick auf das sehen, was Gott an uns getan hat im hinter uns liegenden Jahr. Und da wollen wir es nun ganz einfach so ausdrücken: Gott ist freundlich gewesen gegen uns. Und ich meine damit mehr als nur, dass er uns Allen ein ganzes langes Lebensjahr geschenkt hat, eine ungeheuer wertvolle Summe, die wir aufs Beste haben brauchen können. Das ist auch eine Freundlichkeit Gottes, gewiss! Aber es steht nun doch nicht ganz so, wie ich es vorhin sagte, dass Gott uns die Jahre bloß so in die Hand drückte wie ein Stück Geld: da hast du’s! jetzt mach damit, was du kannst und willst. Wir dürfen die Sache von einem höhern Standpunkt aus ansehen. Gottes Freundlichkeit besteht darin, dass wir nie allein sein müssen, nie auf unsre eigene Kraft angewiesen in den Aufgaben und Schwierigkeiten des Lebens. Er gibt uns nicht nur die Zeit, sondern er hält auch unser Leben in dieser Zeit in seinen Händen. Er ist nicht ein Gott, der in unendlicher Ferne auf einem hohen Thron säße und uns Menschen mit Donnerstimme zuriefe: Auf! kommt zu mir! schlagt euch hindurch durch all die Gestrüppe und Irrwege, die es unterwegs gibt! vorwärts! vorwärts! So redet unser Herz zu uns, und es ist notwendig, dass es so ist und nicht anders zu uns redet, aber Gott ist größer als unser Herz [
457Er war bei uns als die Kraft, die uns vorwärts geführt hat. In Allem, was wir erlebt haben, waren Wegweiser und Antriebe und Stützen und Zuflüsse verborgen, die uns helfen sollten, ihm näher zu kommen. In Allem, was uns begegnet ist, war ein mächtiger Zug zu Gott. Wir standen am Ufer eines gewaltigen Stromes, der unser Schifflein bereitwillig mitnehmen wollte. Oft genug standen wir taub und blind davor, merkten nichts und verstanden nichts. Aber der Zug zu Gott war doch da durch Gottes Freundlichkeit, und der Strom rauschte und schwoll und stieg über das Ufer und nahm unser Schifflein mit, ohne dass wir’s wollten und wussten.
Ich denke und hoffe, es sind Viele unter uns, die auf diesen und jenen Tag im vergangenen Jahr mit einer herzlichen, durch keinen Nebengedanken getrübten Freude zurückblicken können. Wenn wir’s genau nehmen, müssten wir sogar die große Mehrzahl der hinter uns liegenden Tagen zu diesen Tagen rechnen. Die allermeisten Menschen erleben viel mehr ruhige, frohe Tage als traurige. Wir sind vielleicht nur zu verwöhnt, so dass wir wegen einzelner schwerer Stunden und Tage gleich über harte Zeiten klagen. Aber aus der Menge von Tagen, da wir eines ruhigen Glücks genossen, ragen doch wohl bei Jedem einer oder wenige hervor, die uns etwas ganz besonders Schönes gebracht haben und um deretwillen wir das Jahr 1911 wenigstens zum Teil in einer guten Erinnerung behalten werden. Der eine hat vielleicht große freudige Wendungen seines äußren Lebens erfahren; er steht auf einem Punkt, an den ihn noch vor einem Jahr kaum die kühnsten Hoffnungen und Träume getragen hätten. Der Andre hat äußerlich nichts Besonderes erlebt, aber er hat innerlich eine neue Wegstrecke angetreten; er freut sich, weil er um eine Einsicht oder um einen Entschluss reicher ist als letztes Jahr. Der Dritte hat einen Menschen kennengelernt, durch den er tiefer ins Leben hineingeführt, durch den er reifer geworden ist. Seht, in all diesen Freuden, die wir erlebt haben, von den äußerlichen bis zu den in den Tiefen der Seelen verborgenen, war etwas von jenem Ziehen des lebendigen Gottes, der um uns, bei uns und in uns ist. Wir können von gar nichts, was uns Freude bereitet hat, sagen, dass wir selbst sie uns bereitet, oder gar, dass wir selbst sie uns verdient haben. Sondern es war Gottes helle Freundlichkeit, die sie uns gewährt hat. Gott wollte uns ermutigen, Gott wollte uns einen Stein aus dem Weg räumen, Gott wollte uns |458 recht deutlich seiner Liebe versichern, er wollte uns füllen mit seiner Liebe, weil er Menschen voll Liebe nötig hat, um sein Werk in der Welt zu treiben. Er wollte uns fröhlich machen, weil er fröhliche Leute braucht in seinem Dienst. In jeder Freude, von der stillen Zufriedenheit des Mannes, der etwas Rechtes geschafft hat, bis zum Jubel des Kindes, das zum ersten Mal etwas gesehen von den Wundern des Weihnachtsbaumes, in jeder Freude war eine Absicht Gottes. Wenn du heute hier sitzest und bist vielleicht ein ganz klein wenig ein besserer Mensch, als du’s heute vor einem Jahr warst, verdankst du es dann nicht diesen Absichten Gottes, die dir mit kleinen und großen Sonnenstrahlen das Jahr hindurch dies Besserwerden leichter gemacht haben? Wärst du auch soweit ohne Gottes Güte, die dich nicht losgelassen hat?
Aber Andre, und ihrer sind auch Viele, die haben ein Jahr des Leides hinter sich. Ich sehe das Eine und Andre hier vor mir, das weiß, an was es denken wird, wenn es die Jahrzahl 1911 hört. Wenn es zurücksieht auf den letzten Sylvester, dann ist’s ihm, es habe seither verloren und nur verloren. Hier ist ein liebes Gesicht auf immer verschwunden aus dem Kreis der Hausgenossen, dort hat unverhofft die Krankheit Einzug gehalten, hier hat ein Mensch durch einen leichtsinnigen Schritt sein Leben verpfuscht und steht vor der Aufgabe, gut zu machen, was noch gut zu machen ist, dort ist Einer, der gemeint hat, er stehe, gefallen und muss mit einem geknickten Selbstbewusstsein das alte Jahr verlassen. Was für ein langer Zug von Verwundeten und Schwerverwundeten wäre das, wenn man sie Alle so sehen könnte, die heute mit einer leisen oder lauten Klage im Herzen vom Alten ins Neue pilgern! Und wie wenig ganz Gesunde würden übrig bleiben! Wissen wir nicht Alle von den Schatten zu reden, wie wir sicher alle von den Sonnenstrahlen wissen? Wo ist hier die Güte Gottes und seine Freundlichkeit gegen uns? Hat sie uns nicht so und so oft – und viele werden sagen: das ganze Jahr hindurch – allein gelassen in dunklen Tälern [vgl.
Meine Freunde! Wenn wir an diese Seite des Lebens denken, dann müssen wir lernen verstehen, was das heißt: Deine Güte «währet ewiglich.» Gottes Güte ist ewige Güte. Das Wort «ewig» bedeutet zweierlei: Gottes Güte
hört nicht auf. Sie gleicht nicht den Taten menschlicher Wohlmeinenheit, die einen Anfang und ein Ende haben, |459 so dass wir sie beurteilen können: er hat mir wohl- oder wehgetan, er hat mir geschadet oder genützt. Das Wirken der Güte Gottes ist unendlich. Wir könnten uns Gott ohne diese Wirksamkeit gar nicht denken. Wir sehen immer nur ein Stück davon, wie wollten wir dann urteilen können: Gott ist unfreundlich, ungütig mit mir gewesen, wo wir doch die ganze Folge seiner Handlungen gar nicht zu übersehen vermögen? Gottes Güte ist auch im Unglück, sie ist auch auf der Schattenseite des Lebens, aber sie ist eine verborgene Güte, wir können sie auf dieser Seite gewöhnlich nicht verstehen. Damit hängt nun das Andre zusammen. Ewig ist göttlich. Gottes Güte ist ewig, heißt: Gottes Güte
ist nicht menschlicher Art. Wenn wir das Wort «Güte» hören, denken wir daran, dass es uns gut gehen müsse. Aber das ist menschlich gedacht. Gottes Güte besteht darin, dass er uns zu sich zieht, dass er uns
gut werden lässt. Und nun ist’s merkwürdig, wie diese seine Absicht gerade im Unglück, im Leid, in den dunklen Tälern waltet. Er hat mancherlei Instrumente, um uns zu ziehen, wie er will. Wir dürfen die dunklen nicht verschmähen, als wären sie weniger göttlich. «Haben wir Gutes empfangen von Gott, und sollten das Böse nicht auch annehmen?» [
Aber ich nehme auch das Böse davon nicht aus. Gottes Güte können wir nicht messen mit unsern kleinen Maßstäben: Auch im Bösen, was wir getan und dessen wir uns heute anklagen müssen, auch im unterlassenen Guten und in den verpassten Gelegenheiten, auf die wir heute schmerzbewegt zurücksehen, auch in ihnen war Absicht Gottes. Er braucht das Böse, das wir tun, um uns gut werden zu lassen. Das können wir jetzt nicht verstehen, und wir dürfen uns nicht darauf berufen. Schon
Nein, wir dürfen und wollen nicht sagen: Wo bleibt die Güte Gottes?, wenn wir ein schweres, dunkles Jahr hinter uns haben, wenn wir mit trübem Mut und vielleicht mit beladenem Gewissen hinüber ins neue gehen. Gottes Güte währet ewiglich. Sie ist oft anders, als wir sie uns denken. Aber sie ist immer Güte. Sie hat uns, uns Alle, im vergangenen Jahr keinen Moment allein gelassen. Wir standen, ob fröhlich oder traurig, unter einer Fülle ihrer Einflüsse und Anregungen. In Allem, was wir erlebt haben, auch im Vergessenen, an das wir nie mehr denken, war eine Saat Gottes. Die liegt jetzt im Acker. Wir sehen sie kaum. Ein paar grüne Hälmlein ragen aus der Erde und sagen, es ist etwas da. An ein paar wenigen Punkten könnten wir ausdrücklich sagen: hier war Gott gütig mit mir und hier und hier, denn da bin ich besser geworden, näher zu ihm gekommen. Aber wir dürfen die Aussaat nicht nach den paar Hälmlein beurteilen. Es ist viel mehr da, als wir zu sehen vermögen: Unser vergangenes Jahr ist getränkt von der helfenden, fördernden, schöpferischen Gottesgüte. Sie schlummert in uns, und wir nehmen sie unbewusst mit hinüber ins neue.
An diese Gottesgüte wollte ich euch erinnern, liebe Freunde, heute, wo wir so viel Anlass haben, unserer eigenen Güte gegenüber zweifelhaft und bedenklich zu sein. Ich wollte euch sagen: seht, das ist etwas Großes und Feines, dass wir einen solchen Gott haben, der uns ein ganzes Jahr lang freundlich nachgegangen ist, während wir vielleicht ein ganzes Jahr lang dumm und bockig gewesen sind. Aber jetzt stelle ich auch das Andre dazu, das dazu gehört: Danket dem Herrn!
|461 heißt das Andre. Wir sind reiche Leute. Gott hat ein ganzes Jahr an uns gearbeitet, um uns auf diese oder jene Weise zu sich zu ziehen. Wir sind ein Acker, in dem eine kostbare Saat verborgen ist. Da muss es nun unser ganz selbstverständlicher Dank sein, dass wir zu Gott gehen, dass wir die Frucht bringen, die von uns erwartet wird. Nicht unbewusst. Nicht im Schlaf. Sondern bewusst und freudig. Als der Knabe
- Nr. 63: «Durch Trauern und durch Plagen» von
G. W. Sacer , Strophen 1.2.5. - Nr. 327: «Kommt, Brüder, lasst uns gehen!» von
G. Tersteegen , Strophen 1.2.4.