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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 1,14 (Weihnacht)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 1,14 (Weihnacht), 25. Dezember 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51040 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 444–452.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 1,14 (Weihnacht)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">444–452</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 1,14 (Weihnacht), 25. Dezember 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1536">KBA 1071</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1911-12-25">25. Dezember 1911</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <head type="event"><hi rend="italic">Weihnacht</hi></head>
                        <epigraph>
                           <cit>     
                               <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Johannes 1,14</ref>
                            <quote>
                                Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Ich komme mir verwegen vor, dass ich mich getraue, über diese Bibelstelle zu euch zu reden. Ich denke an den kühnen, Gott und Welt in ihren Höhen und Tiefen umfassenden Geist des Mannes, der diesen Gedanken gefasst und diese Worte geprägt hat. Ich denke an all das Große und Größte, was im Lauf der Jahrhunderte Unzählige beim Hören oder Lesen dieser Worte empfunden und erlebt haben. Ich denke an all das Treffliche, was die größten Geister der christlichen Welt in diesen Worten gefunden und den wechselnden Geschlechtern mitgeteilt haben, von <persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName>, dem christlichen Philosophen im alten <placeName ref="kbga-places-1134">Alexandrien</placeName>, bis zu <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> und bis zu Dr. <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich Schleiermacher</persName>, dem Kirchenvater des <term type="Sachen" key="Schleiermacher, Kirchenvater des Protestantismus im 19. Jahrhundert">Protestantismus</term> am Anfang des 19. Jahrhunderts. Es gibt wenig Stellen in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term>, die so zu allen Zeiten und so sehr im Mittelpunkt des religiösen Nachdenkens gestanden sind wie gerade diese. Vor einer solchen Stelle lernt man bescheiden sein mit dem Wenigen, was man weiß, und dem noch Wenigeren, was man selbst schon innerlich erfahren und erlebt hat. Man steht davor wie vor einem hohen Berg, man setzt rüstig an, um ihn zu besteigen, aber während man schon die Spitze nahe vor sich zu sehen glaubt, kommt man um eine Ecke, und der Berg ist wie durch einen Zauberschlag unendlich viel höher geworden, als man dachte, die Wanderung fängt von vorne an. Ihr dürft also nicht von mir erwarten, dass ich meinen Text auch nur einigermaßen ausschöpfe, «auslege», wie man sagt. Ich kann euch nur ein kleines Stück zeigen von dem, was darin ist, das Stück, das ich eben zu sehen vermag. Ich bitte euch aber von vornherein, mir zu glauben, dass mehr darin ist, als ich euch sagen <pb xml:id="p445" ed="pga"/> kann. Wer nachher das Gefühl hat, dass wir ein großes schönes <term type="Sachen" key="Geheimnis"><hi rend="italic">Geheimnis</hi></term> von ferne angerührt haben, der hat mich am Besten verstanden.</p>
                <p><hi rend="italic">Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.</hi> Ich will’s versuchen, in möglichst einfachen Worten zu sagen, was ich davon verstehe: der Mann, der das geschrieben, wollte auf seine Weise sagen, was die <hi rend="italic">Weihnacht</hi> für uns bedeutet. Er meint dasselbe, was im andern Evangelium heißt: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.11">Lk 2,11</ref>]! Wir bemerken das in der Bibel öfters, dass die Wahrheiten des geistigen Lebens sich auf eine wunderbar mannigfaltige Weise <term type="Sachen" key="Bibel, Wahrheiten auf mannigfaltige Weise ausgedrückt">ausdrücken</term> lassen, und mit jedem neuen Ausdruck offenbaren sie uns eine neue Seite ihrer Schönheit. Wir wollen darum nie erschrecken, wenn wir neuen Ausdrücken über die göttlichen, höchsten Dinge begegnen, auch außerhalb der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term>, sondern uns lieber fragen, ob sie nicht geeignet sind, uns in unsrer <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> und <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term> ein Stockwerk höher hinauf zu führen.</p>
                <p>Statt: Euch ist heute der Heiland geboren! hören wir: <hi rend="italic">Das Wort ward Fleisch.</hi> Dieser andere Ausdruck soll uns anleiten zu verstehen, was das bedeutet, dass der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">Heiland</term> geboren wurde.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Wenn unser menschlicher <term type="Sachen" key="Geist, menschlicher">Geist</term> tätig ist, dann bildet er <term type="Sachen" key="Worte"><hi rend="italic">Worte</hi></term>. Wir sprechen sie nicht immer aus, aber wir denken sie. Es gibt kein Denken ohne <term type="Sachen" key="Worte, kein Denken ohne W.">Worte</term>. Wenn es inwendig zu Worten kommt, dann denken wir. Ja, wir haben auch wogende <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühle</term> und <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term> in uns <hi rend="italic">ohne</hi> Worte, aber wenn wir die hell und klar werden lassen wollen, wenn wir sie fassen wollen, dann müssen wir sie auch in Worte kleiden können. Jeder Lehrer kennt die Antwort gewisser Schüler: ich weiß es schon, aber ich kann es nicht sagen! Das ist ihm das sicherste Zeichen, dass der Schüler seine Sache eben <hi rend="italic">nicht</hi> weiß. Wir erinnern uns gewiss Alle an gute Absichten, die wir hatten, aber wir wussten durchaus nicht zu sagen, <hi rend="italic">was</hi> wir denn nun tun wollten. Hoffentlich haben wir daran gemerkt, dass unsre Absicht offenbar zwar gut, aber noch sehr unreif sei, und haben versucht, aus dem Unbestimmten ins Bestimmte zu kommen. Mir geht es z. B. regelmäßig so, dass ich beim Anblick <pb xml:id="p446" ed="pga"/> eines Bibelwortes oder sonst die Predigt fix und fertig <hi rend="italic">spüre</hi>, die ich am nächsten Sonntag halten will. Aber ich <hi rend="italic">spüre</hi> sie erst. Wenn ich sofort damit auf die Kanzel sollte, könnte ich kaum drei Worte sagen und dann sofort Amen. Die Predigt ist da, und sie ist doch noch nicht da, denn ich muss erst die Worte dafür finden. Wie die Feuchtigkeit in der Luft Form annehmen muss in den Regentropfen oder in den Schneeflocken, so muss der Inhalt unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> Form annehmen in den <term type="Sachen" key="Worte, Inhalt des inneren Lebens nimmt Form an in W.">Worten</term>. Oder ein anderes Bild: was wir inwendig in uns haben, das ist wie der Marmorblock des Bildhauers. Wenn daraus ein Standbild werden soll, dann muss er mit Hammer und Meißel an die Arbeit gehen, um die Figur, die im Marmorblock gleichsam schlummert, zum Leben zu erwecken. Die Umrisse der Figur, die er herausarbeitet, sind die Worte, mit denen wir unser Inneres erst lebendig machen.</p>
                <p> Ich denke, wir verstehen Alle, wie ungeheuer wichtig die <term type="Sachen" key="Worte">Worte</term> sind für uns. Unser ganzes geistiges Leben lebt von ihnen. Und doch sind sie noch nicht <hi rend="italic">das <term type="Sachen" key="Wort / das Wort">Wort</term></hi>, das von jenem Evangelisten gemeint ist. Wir müssen jetzt eine weitere Beobachtung machen. Wir haben Alle schon die Erfahrung gemacht, dass wir mit unsern eigenen <term type="Sachen" key="Worten, wir sind mit unseren W. nie ganz zufrieden">Worten</term> nie ganz zufrieden sind. Ja, oft können wir auf Augenblicke, etwa im Gespräch, die Meinung haben: gerade so ist’s, gerade so, wie ich es jetzt sage. Aber wir werden selten lange bei dieser Meinung bleiben. Wir wollten etwas Besseres, Größeres, Intimeres sagen, als wir gesagt haben, unser eigenes Wort genügt uns nicht, wir suchen nach einem höhern, bessern, zutreffenderen. Jedes Wort ist nur eine Sprosse auf einer Leiter und die Leiter ist unendlich. Unsere Erkenntnisse können immer noch genauer, unsre Absichten klarer und besser, unsre Anschauungen tiefer werden. Wir haben wohl Worte, aber wir haben <term type="Sachen" key="Worte, unsere W. und das Wort">nicht</term>
                    <hi rend="italic">das Wort</hi>.</p>
                <p>Es ist nun auf der einen Seite etwas ganz Herrliches, dass es so mit uns steht, dass wir uns bei jedem Schritt, den wir getan haben, sagen müssen: Ich bin noch lange nicht am Ende, dass wir bei Allem, was wir innerlich gefasst und gewonnen haben, erkennen müssen, dass wir noch viel mehr fassen und gewinnen könnten. Das sind die bedauernswertesten von allen Menschen, die da meinen, fertig zu sein und abschließen zu können. Wir leben davon, dass wir etwas <hi rend="italic">vor</hi> uns haben, dass unser Geist eine Form annehmen möchte, die wir noch nicht <pb xml:id="p447" ed="pga"/> erreicht haben. Das ist unsres Lebens <term type="Sachen" key="Leben, Bestimmung">Bestimmung</term>, nach einem <hi rend="italic">ewigen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Ziel, ewiges">Ziel</term> zu streben. Die <term type="Sachen" key="Worte">Worte</term> genügen uns nie, wir möchten <hi rend="italic">das</hi>
                    <term type="Sachen" key="Wort / das Wort">Wort</term> finden. Auf den Stufen können wir nicht bleiben, wir möchten zuoberst sein. Mit dem, wozu wir unser Leben bis jetzt gestaltet, können wir nicht zufrieden sein, eine bessere Gestalt möchten wir aus dem Marmor herausschaffen. Diese Spannung und Rastlosigkeit ist das höhere <term type="Sachen" key="Leben, Spannung und Ratlosigkeit des höheren L.">Leben</term>, und ich wiederhole: Unselig, wer nichts davon weiß! Ja, nicht alle wissen gleich viel davon. Bei Vielen ist der Pulsschlag dieses höhern Lebens ganz, ganz leise geworden, wie bei Scheintoten. Sie sehen wohl auch noch ab und zu aus nach dem Bessern, Höhern, aber sie sind bequem geworden, vielleicht, dass sie bald sagen werden: So, weiter will ich mich nun nicht beunruhigen! Andre stürzen sich mit großer Begeisterung vorwärts, aber sie werden bald müde und fangen an, langsamer zu werden. Es flimmert ihnen vor den Augen, wenn sie denken, wie viel von ihnen verlangt ist, wie unendlich hoch das Ziel steht. Und wieder Andre, die arbeiten rastlos und emsig, aber sie haben das ewige <term type="Sachen" key="Ziel, ewiges">Ziel</term> in einer falschen Richtung gesucht, sie sind in Gefahr, in eine Sackgasse einzulaufen, in der das <term type="Sachen" key="Wort / das Wort">Wort</term>, das Ziel, das sie eigentlich meinen, nie und nimmer zu finden ist. Aber aus diesen <hi rend="italic">Vielen</hi> ragen einige <hi rend="italic">Wenige</hi> hervor. Die haben das Ziel, das Wort, nach dem wir suchen, mit einer überwältigenden <term type="Sachen" key="Klarheit">Klarheit</term> gesehen und können es nicht mehr vergessen. Sie tragen keine Scheuleder wie wir Andern, sie sind nicht kurzsichtig wie wir, sondern über alle Stufen hinweg sehen sie ahnungsvoll, was die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> wäre, was wir denken und was wir tun sollten, was wir empfinden sollten, um unsre <term type="Sachen" key="Leben, Bestimmung">Bestimmung</term> zu erfüllen. Und obgleich sie Menschen sind wie wir, können und dürfen sie es nicht lassen, vor uns Andre, die wir so träg und leichtsinnig und verirrt sind in unserem Streben, hinzutreten und uns zurecht zu rufen: Auf, ihr Schläfer, vorwärts, ihr Müdegewordenen, halt, ihr, die ihr auf Holzwegen seid! Habt ihr vergessen, wohin ihr gehen müsst, wenn ihr leben und nicht tot sein wollt? Ist euer Geist lahm oder krank, dass ihr euch mit der Stufe begnügt, statt nach dem Gipfel zu wandern, mit den Worten, statt nach <hi rend="italic">dem Wort</hi> zu suchen? Höret jetzt nicht <term type="Sachen" key="Worte, unsere W. und das Wort">Worte</term>, sondern <hi rend="italic">das Wort</hi>, das <hi rend="italic">Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term></hi><hi rend="italic">!</hi> |</p>
                <p>Und dann reden uns solche Menschen von dem, was sie, die Wenigen, gesehen und gehört haben, von der Majestät der ewigen <term type="Sachen" key="Wahrheit, Majestät der ewigen W.">Wahrheit</term>, von dem lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, zu dem unsre Geister geschaffen sind <pb xml:id="p448" ed="pga"/> und in dem sie erst Ruhe finden dürfen. Sie strafen und mahnen und trösten uns, sie weisen uns unablässig hin auf die Höhe, zu der wir berufen sind. Sie, die Wenigen, sind das wache <term type="Sachen" key="Gewissen, wenige sind das wache G. von uns vielen">Gewissen</term> inmitten von uns Vielen. Wohl uns, wenn wir sie hören und uns die Augen reiben und aufstehen oder umkehren und sagen: Ja, ich komme. Das sind die <term type="Sachen" key="Propheten"><hi rend="italic">Propheten</hi></term> Gottes, die uns so rufen. Sie Alle, von <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName>, von <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName>, vom heiligen <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> und <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, und mit ihnen die vielen gleich großen und kleineren Geister – wer wollte sie Alle nennen –, die der <term type="Sachen" key="Propheten, wiesen zu allen Zeiten der Menschheit neue Wege">Menschheit</term> neue Wege gewiesen haben, sie Alle waren gesandt, uns vom <term type="Sachen" key="Wort / das Wort">Wort</term> zu reden, von unserm <term type="Sachen" key="Ziel">Ziel</term>, das wir erstreben sollten. Unabsehbar ist die Zahl derer, die so den Andern, jeder in seiner Weise, die Fackel vorangetragen haben. Wir raffen uns auch immer wieder auf, ihnen zu folgen; wir spüren zu deutlich, dass sie Recht haben. Unser eigenes <term type="Sachen" key="Gewissen, Antwort auf den Anruf der Propheten aller Zeiten">Gewissen</term> antwortet auf den Anruf des ihrigen. Etwas Prophetisches lebt in jedes <term type="Sachen" key="Mensch, etwas Prophetisches in jedem Menschen">Menschen</term> Brust. Etwas von dem Wort, dem großen Wort, ahnt ein jeder, und so <hi rend="italic">suchen</hi> wir, die ganze <term type="Sachen" key="Mensch, Menschheit">Menschheit</term>, unsre Führer voran.</p>
                <p>Ich sagte, das ist etwas Herrliches, dass wir so suchen und streben dürfen, ins <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewige</term>, in die <term type="Sachen" key="Unendlichkeit">Unendlichkeit</term> hinein. Aber was uns im einen Moment als herrlich erscheint, das wird uns im andern zur drückenden Last, und ich glaube, diese letztern Momente sind zahlreicher. Jene Spannung und Rastlosigkeit des höhern <term type="Sachen" key="Leben, Spannung und Ratlosigkeit des höheren L.">Lebens</term> kann uns dann zu einer Pein werden. Wir vergleichen das, was wir erreichen sollten, mit dem, was wir erreicht haben, und fühlen, dass wir zu kurz kommen. Wir sehen vom Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes, und unsere Worte">Gottes</term> auf unsre <term type="Sachen" key="Worte">Worte</term> und fühlen uns gerichtet in unsrer <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> und <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term>. Es steht so hoch über uns. Wir fühlen uns so klein. O da brechen die merkwürdigsten Gefühle in uns los, wenn wir diese schmerzliche Entdeckung machen. Wir fangen an zu zweifeln, ob es auch wirklich was ist, dies ewige Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes, ewiges">Gottes</term>, von dem die <term type="Sachen" key="Propheten, Zeugnis vom Wort Gottes">Propheten</term> zeugen, das ewige <term type="Sachen" key="Ziel, ewiges">Ziel</term>, auf das sie uns hinweisen. Wir finden ein Behagen darin, <term type="Sachen" key="Misstrauen">misstrauisch</term> zu werden gegen das Höchste im Leben, weil es etwas so Hohes und Fernes ist. Wir wenden uns gegen die Propheten, die uns davon geredet haben, wir nehmen sie aufs Korn: wie steht es denn mit Euch? Seid ihr mehr als wir? Und es macht uns <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, wenn wir einen Flecken an ihnen entdecken können, der uns beweist, dass sie aus dem Erden<pb xml:id="p449" ed="pga" break="no"/>staub auch noch nicht heraus sind. Da sieht man’s wieder! Was braucht ihr uns zu stören? Ihr seid auch nicht besser als andre Leute. Ihr redet vom Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, aber ihr habt es nicht in euch! So sagen wir, und dann fallen wir zurück in ein müdes Achselzucken: Es ist doch Alles umsonst: Streben nach dem Höhern, Suchen nach dem Wort des <term type="Sachen" key="Wort / das Wort, W. des Lebens">Lebens</term>, kühne himmelstürmende Gedanken, gute Vorsätze – wir reichen doch nicht aus mit unsrer Kraft, wir sind allzumal <term type="Sachen" key="Sünde">Sünder</term>, die Sterne stehn zu hoch, und wer weiß, ob wir nicht Irrlichtern gefolgt sind. Es hat schon Mancher hinzugesetzt: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.32">1.Kor. 15,32</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.22.13">Jes. 22,13</ref>].</p>
                <p>Meine Freunde, so ist es dem Wort Gottes, das in unserer Brust und in den <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> zu uns redet, nicht nur einmal gegangen, sondern tausendmal, so geht es ihm immer wieder, so ist es ihm auch im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> von uns Allen schon ergangen. Es drückte uns nieder, statt uns zu erheben. Es machte uns <term type="Sachen" key="Wort Gottes, macht uns Angst">Angst</term>, statt uns <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> zu bringen. Es trieb uns in die <term type="Sachen" key="Oberflächlichkeit">Oberflächlichkeit</term>, statt uns in die Tiefe zu führen. Es war so schön und groß und machtvoll. Aber es war uns zu hoch. Es war immer nur ein Ziel, das uns ferne winkte. Aber zwischen ihm und uns fühlten wir einen Abgrund, den Abgrund unsres Unvermögens. Wir konnten nicht hinüber. Auch die Propheten nicht. Auch die guten <term type="Sachen" key="Menschen, gute">Menschen</term> nicht. Sie standen wohl am Rande und sahen heller und klarer als wir, wie es drüben war, und redeten uns davon. Aber hinüber kamen sie auch nicht. Sie waren auch Menschen, sie hatten auch ihre Fehler. Das freute uns, weil es uns scheinbar ein Recht gab, uns jetzt hübsch zu beruhigen und aufs Fliegen zu verzichten. Und doch schmerzte es uns, denn wir mussten uns sagen: Wozu das <term type="Sachen" key="Leben, Wozu?">Leben</term>? Wozu all der Schmerz und Lust? Wenn wir doch das Höchste, zu dem wir angelegt sind, nicht erreichen und erfüllen können. Wozu <term type="Sachen" key="Worte">die</term>
                    <term type="Sachen" key="Worte, unsere W. und das Wort">Worte</term>, wenn <hi rend="italic">das <term type="Sachen" key="Wort / das Wort">Wort</term></hi> doch nicht für uns Menschen ist?</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">So, jetzt können wir die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term> fassen und verstehen: <hi rend="italic">Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns!</hi> Das heißt ganz einfach: Es gab einmal einen Menschen, der jenes Ziel erreicht hat. Das Ewige, Göttliche, das uns Allen vorschwebt, von dem uns unser <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> redet und auf das uns die <term type="Sachen" key="Propheten, alte und neue">Propheten</term>, die alten und die neuen, hinwei<pb xml:id="p450" ed="pga" break="no"/>sen, es war nicht immer und überall ein bloßes schönes Ziel, eine kühne Hoffnung, sondern es hat in einem unsresgleichen sich erfüllt, es ist in einem Menschen Wahrheit geworden. Dieser Mensch war Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, das Ewige wird Wahrheit">Christus</term>. Und darum ist er unser <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">Heiland</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, unser Helfer">Helfer</term>. Das hat <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> gemeint, als der jene wundervoll kindlichen und doch so tiefen Verse schrieb:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Des ewgen Vaters einig Kind</l>
                            <l>Jetzt man in der Krippe findt;</l>
                            <l>In unser armes Fleisch und Blut</l>
                            <l>Verkleidet sich das ewge Gut.</l>
                            <l>Den aller Weltkreis nie beschloss,</l>
                            <l>Der liegt in Marias Schoß;</l>
                            <l>Er ist ein Kindlein worden klein,</l>
                            <l>Der alle Ding erhält allein.</l>
                            <l>Das ewge Licht geht da hinein,</l>
                            <l>Gibt der Welt einen neuen Schein;</l>
                            <l>Es leucht’t wohl mitten in der Nacht</l>
                            <l>Und uns des Lichtes Kinder macht!<note xml:id="n01">Strophen 2–4 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-5">«Gelobet seist du, Jesus Christ» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 392, EG 23)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">An diesem Gedanken kann man zweifeln, und man <hi rend="italic">hat</hi> daran gezweifelt. Man kann einwenden: wieso soll das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, nach dem der <term type="Sachen" key="Geist, menschlicher">Menschengeist</term> sucht, gerade in Jesus erschienen sein? Wieso soll gerade <hi rend="italic">er</hi> das Ziel erreicht haben und nicht ein Anderer der Großen, die die <term type="Sachen" key="Mensch, Menschheit">Menschheit</term> gesehen hat? Wir wollen nicht streiten an der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term>. Aber soviel können wir doch sagen: Wer so fragt: warum gerade Jesus? warum ist <hi rend="italic">er</hi> des ewigen Vaters einig Kind?, dem hat das <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> noch nicht laut genug geschlagen. Vielleicht hat er sich das Ziel nicht hoch genug gesteckt. Vielleicht überschätzt er seine eigene Kraft, das Ziel zu erreichen. Die es <hi rend="italic">ganz</hi> ernst genommen haben mit dem Wort Gottes, um es dann auch ganz ernst mit sich selbst zu nehmen, die haben es zu allen Zeiten dankbar verspürt, dass Jesus etwas Anderes sei als die andern <term type="Sachen" key="Jesus Christus, anders als die anderen Großen im Reiche des Geistes">Großen</term> im Reiche des Geistes. Die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> Alle haben uns gesagt: <hi rend="italic">Du sollst</hi> den Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> tun. Jesus hat ihn getan. Das war das Außerordentliche an ihm. Die Propheten haben uns gezeigt: so müsstet ihr leben, um ewig zu leben. Jesus hat <pb xml:id="p451" ed="pga"/> wirklich so gelebt. Die Propheten sagten: Höret das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> von eurer <term type="Sachen" key="Mensch, Bestimmung">Bestimmung</term>. Als Jesus unter die Menschen trat, da hörten sie das Wort nicht nur, sondern sie sahen es. Das heißt: Das Wort ward Fleisch. Das ist der Unterschied zwischen Jesus und uns, auch den Größten und Besten unter uns. Bei uns ist Wollen, was bei ihm <term type="Sachen" key="Jesus Christus, bei ihm ist Vollbringen, was bei uns Wollen ist">Vollbringen</term> war. Er steht jenseits des Abgrunds, der uns Angst macht.</p>
                <p>Nein, das ist unrichtig gesagt. Er steht nicht jenseits, sondern er ist über den Abgrund zu uns gekommen. Das ist nicht das Größte und Wichtigste an der <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term>, dass Jesus so anders war als wir, sondern das, dass er wurde wie wir, damit wir etwas Anderes würden. Das Alles, was wir über den Abgrund, über die furchtbare Höhe unsres <term type="Sachen" key="Ziel, furchtbare Höhe unseres Lebenszieles">Lebenszieles</term> gesagt haben, das soll ja gar nicht mehr gelten, weil das Wort Fleisch geworden ist. Wenn wir in Jesus einen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, einer unseresgleichen">unsresgleichen</term> sehen, der das Ziel erreicht hat, dann soll uns das das <term type="Sachen" key="Vertrauen">Vertrauen</term> wiedergeben, das wir verloren hatten. Wir sollen denken: wenn das so ist mit Gottes großen <term type="Sachen" key="Gott, große Forderungen G. an uns">Forderungen</term> an uns, dass ein Mensch sie wirklich erfüllt, dass er wirklich gekämpft und gesiegt hat, dann dürfen wir wieder <term type="Sachen" key="Freude, am Leben">Freude</term> haben am Leben. Die Stimme unsres Geistes ist kein leerer Wahn, was uns die Propheten und Dichter und <term type="Sachen" key="Dichter und Denker">Denker</term> sagen vom höhern <term type="Sachen" key="Leben, höheres">Leben</term>, zu dem wir vordringen sollen, das sind keine Luftschlösser. Alles, was sie sagen, hat sich wirklich in einem Menschen zugetragen. <hi rend="italic">Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater.</hi> Wir glauben von jetzt an, weil wir wissen. Wir hoffen, weil wir gesehen haben.</p>
                <p> Und nun ersteht vor unsern Augen ein neues Bild von der <term type="Sachen" key="Mensch, Menschheit">Menschheit</term>. Wieder sehen wir sie vorwärts schreiten den Zielen ihrer <term type="Sachen" key="Mensch, Bestimmung">Bestimmung</term> entgegen. Wieder sehen wir Träge und Müde und Strauchelnde und Irrende und wieder die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>, die an der Arbeit sind, ihnen zu sagen, was sie <hi rend="italic">sollen,</hi> was das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> ist. Aber dieses ganze ungeheure Heer tappt nun nicht mehr im Nebel. Es ist nicht mehr angewiesen auf die Versicherung der großen Männer: dort, hinter den Wolken liegt das <term type="Sachen" key="Ziel">Ziel</term>, sicher, sicher!, sondern jetzt ist das Wort Fleisch geworden und mitten unter ihnen. An ihrer Spitze geht Einer, der schon dort gewesen ist, wo sie hin sollen. Er ist die Verbindung zwischen hier und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Verbindung zwischen hier und dort">dort</term>, zwischen <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term> und <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>. Und so schreitet dies Heer vorwärts, denn es weiß jetzt, dass es ankommen wird.</p>
                <p><pb xml:id="p452" ed="pga" rend="noPipe"/>Meine Freunde! Stehen wir auch in den Reihen dieses Heeres? Wenn wir den Anschluss vielleicht verloren haben, dann kann die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> ein Anlass werden, ihn wieder aufzusuchen. Ich denke, wir haben es Alle immer wieder nötig. Und darum wollen wir es einander wünschen.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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