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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 2,10</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 2,10, 24. Dezember 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 434–443.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 2,10</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 2,10 (4. Advent), 24. Dezember 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1535">KBA 1070</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-12-24">Sonntag, den 24. Dezember 1911</date> 
                        <lb/>(4. Advent)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lukas 2,10</ref>
                            <quote>
                                Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Wir lesen an einem Ort in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term>, dass Jesus ein <hi rend="italic">Kind</hi> zu sich gerufen und mitten unter seine Jünger gestellt habe, und dann habe er zu ihnen gesagt: es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.2 Mt.18.3">Mt. 18,2f.</ref>]. In der <term type="Sachen" key="Weihnachtszeit">Weihnachtszeit</term> sehen wir, wie wahr das ist. Als wir noch Kinder waren, da wussten wir, was das heißt: sich <hi rend="italic">auf</hi> die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> freuen, und wenn sie dann da war, sich <hi rend="italic">über</hi> die Weihnacht freuen. Es brauchte da so wenig, um uns glücklich zu machen. Der heilige Abend mit dem Tannenbaum war ein Tag im Jahr, mit dem sich kein zweiter auch nur von ferne vergleichen ließ an Wonne und Herrlichkeit. Und wenn man dann erwachte am andern Morgen, dann war die Weihnacht immer noch da. Ich weiß noch, wie ich mich da beim Aufstehen als ein reicher Mann fühlte, der mit seinem Geschick gar nicht zufrieden genug sein kann. Das wurde später anders. Der Weihnachtstag verlor das Meiste von seinem besonderen Glanz und trat ein in die Reihe der übrigen Tage. Wir sahen ihn kommen und dann wieder hinter uns liegen ohne jenes Gefühl einer ganz außerordentlichen <term type="Sachen" key="Freude, kindliche Freude an Weihnachten">Freude</term>. Wir sind eben überhaupt nicht mehr fähig zu einer so warmen und heiligen <term type="Sachen" key="Freude, heilige">Freude</term> wie damals. Das ist schade! Ihr habt vielleicht auch schon den Wunsch gehabt: Könnte ich nur noch einmal als ein Zehnjähriger Weihnacht feiern! Wenigstens mir geht es so. Und weil das nicht sein kann, müssen wir schon zu den Kindern gehen, um die rechte <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> zu sehen.</p>
                <p>Und doch müsste das durchaus nicht so sein. Wir könnten und sollten als Erwachsene noch viel fröhlicher Weihnacht feiern denn als Kinder. Gerade die Hauptsache an der Weihnacht könnten wir ja viel besser verstehen als die Kinder. <hi rend="italic">Sie</hi> freuen sich über den Baum und die <pb xml:id="p435" ed="pga"/> Lichter und die Geschenke, <hi rend="italic">wir</hi> dürften uns über das Kindlein in der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kindlein in der Krippe">Krippe</term> freuen, weil wir deutlich erkennen können, was wir an dem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Mann</term> haben, der aus diesem Kindlein geworden ist, weil wir verstehen können, wie herrlich und unentbehrlich für unser Leben das ist, was in <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> geschehen ist. Davon wollen wir dann morgen reden. Heute wollen wir davon reden, wie man der Freude, der <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> das Herz aufmacht, um sie wieder hereinzulassen. Es steht nämlich nicht so, dass wir sagen müssten: Ja, es wäre wohl schön, aber es geht nicht:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Schön ist die Jugendzeit,</l>
                            <l>Sie kommt nicht mehr!<note xml:id="n01">Vgl. die erste Strophe und den Refrain des Volksliedes <bibl corresp="kbga-bibls-5458">«Schön ist die Jugend»</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Schön ist die Jugend </l>
                                                <l>Bei frohen Zeiten, </l>
                                                <l>Schön ist die Jugend, </l>
                                                <l>Sie kommt nicht mehr. </l>
                                                <l>So hört’ ich oft schon </l>
                                                <l>Bei alten Leuten, </l>
                                                <l>Und seht, von denen weiß ich’s her. </l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                     Refrain: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Drum sag’ ich’s noch einmal, </l>
                                                <l>Schön sind die Jugendjahr, </l>
                                                <l>Schön ist die Jugend, </l>
                                                <l>Sie kommt nicht mehr. </l>
                                                <l>[…].</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Nein, <hi rend="italic">es geht.</hi> Das <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Christkind">Christkind</term> steht bei jedem von uns draußen und möchte einkehren, sobald wir nur wollen. Es ist schon bei uns gewesen, und das ist kein verlorenes <term type="Sachen" key="Paradies, verlorenes">Paradies</term><note xml:id="n02">Wohl eine Anspielung auf: <bibl corresp="kbga-bibls-2773"><persName ref="kbga-actors-2583">J. Milton</persName>, <hi rend="italic">Paradise Lost. A Poem Written in Ten Books</hi>, London 1667</bibl>; von den vielen deutschen Übersetzungen sei genannt: <bibl corresp="kbga-bibls-2774">ders., <hi rend="italic">Das verlorene Paradies</hi>, übers. von Fr. W. Zacharia (Collection Spemann, 151), Stuttgart 1883</bibl>.</note>, das weit hinter uns liegt, sondern das kann und soll wieder geschehen, viel schöner und feiner als früher. Wir wollen uns darüber besinnen, wie man das macht, es wieder hereinzulassen.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent"><pb xml:id="p436" ed="pga" rend="noPipe"/>Die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term> fängt an mit den Worten: <hi rend="italic">Fürchtet Euch nicht!</hi> Ich glaube, darauf müssen wir achten, wenn wir sie mit rechter <term type="Sachen" key="Freude, rechte">Freude</term> aufnehmen wollen.</p>
                <p> Von den Hirten auf dem Felde vor <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> lesen wir: «Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.9">Lk. 2,9</ref>]. Warum mögen sie sich nur gefürchtet haben? Da müssen wir schon in unser eigenes Leben hinein sehen, um das zu verstehen. Ja, die Weihnacht ist eine solche «Klarheit des <term type="Sachen" key="Weihnachten, Klarheit des Herrn">Herrn»» </term>, die unser Leben erleuchten möchte, wie die Lichter des Tannenbaums in einer dunkeln Stube leuchten. Die Weihnacht sagt uns, dass Gott etwas mit uns haben will, er, der <term type="Sachen" key="Gott, allmächtig">allmächtige</term>, <term type="Sachen" key="Gott, ewig">ewige</term>, reine, <term type="Sachen" key="Gott, Güte">gütige</term> Gott mit uns <term type="Sachen" key="Mensch, klein">kleinen</term>, <term type="Sachen" key="Mensch, kurzlebig">kurzlebigen</term>, widerspenstigen <term type="Sachen" key="Mensch, widerspenstig">Menschen</term>. Er will es mit uns halten. Er will zu uns gehören. Und darum sollen wir zu ihm gehören. Das Trübe, Halbdunkle, Borstige an uns soll vergehen, es soll liegen bleiben wie ein altes Kleid, und wir sollen dem großen, starken Zug zu einem aufrichtigen, bewussten, für uns und andere kostbaren <term type="Sachen" key="Leben, kostbares für uns und andere">Leben</term> folgen. Die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> bietet jedem von uns ein solches Leben an, und sie fordert uns auf: jetzt nimm es auch. Denn sie redet uns von Jesus und zeigt uns damit den Ort und die Art, zu denen wir in unserm Leben auch kommen sollten. Das ist ihre Klarheit. Aber wenn uns diese <term type="Sachen" key="Weihnachten, Klarheit">Klarheit</term> umleuchtet, wenn es uns in diesen Tagen hoffentlich Allen wenigstens im einen oder andern Moment deutlich wird, wohin es mit uns gehen sollte, dann wissen wir auch recht gut, warum der Engel den Hirten dort vor Allem sagen musste: Fürchtet euch nicht! |</p>
                <p> Das ist nun freilich eine merkwürdige <term type="Sachen" key="Furcht">Furcht</term>. Ich glaube, wir fürchten uns vor Allem vor der <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Anstrengung, ein rechter Mensch zu werden"><hi rend="italic">Anstrengung</hi></term><hi rend="italic">,</hi> die es uns kosten würde, ein rechter Mensch, ein <term type="Sachen" key="Weihnachtsmensch">Weihnachtsmensch</term> zu werden. Wenn man jahrelang und vielleicht jahrzehntelang einen falschen Weg gegangen ist, vielleicht den Weg irgend einer Unaufrichtigkeit oder einer üblen Gewöhnung, ja, dann mag es uns wohl gemächlicher vorkommen, darauf weiterzugehen, als mit einem Mal etwas Anderes anzufangen, auch wenn wir unter dem Alten noch so leiden. Da ist Einer, der seufzt und keucht unter der Bürde seines <term type="Sachen" key="Unglück">Unglücks</term> und macht sich und die Seinen nur <hi rend="italic">noch</hi> unglücklicher damit. Nun ist die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> da, und auch für ihn würde es jetzt heißen: <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>! Lass dein Herz emporsteigen zu Gott! Was hindert ihn daran? Es ist ihm bei allem Jammer fast wohl geworden auf dem Weg des Unglücks, es wäre so <pb xml:id="p437" ed="pga"/> unerhört, jetzt plötzlich mit etwas Neuem zu beginnen. Er fürchtet sich, seine Bürde abzuwerfen, obwohl er’s könnte. Denn er fürchtet die <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Anstrengung, ein rechter Mensch zu werden">Anstrengung</term>. |</p>
                <p>Andre sagen: Nein, ich fürchte nicht die Anstrengung, aber ich fürchte meine <hi rend="italic">eigene <term type="Sachen" key="Furcht, vor eigener Schwäche">Schwäche</term></hi>. Ich wollte mir wohl Mühe geben, ich sehe ja schon, was nicht gut ist und was besser werden sollte bei mir. Aber ich kenne mich selbst gut genug und weiß, dass ich nicht anders sein kann, als ich bin. Das ist eine merkwürdige Redeweise, und doch hört man manchmal so reden, und ich glaube nicht einmal, dass die, die so reden, in Wirklichkeit Ausnahmen sind. Wir haben Alle in unserm Leben gewisse Punkte, an denen es uns nicht fehlt an der Klarheit über das, was göttlich, und das, was menschlich wäre. Am Wegweiser mangelt es nicht, aber es mangelt am Gehen. Wir sagen uns laut oder leise: ja, <hi rend="italic">da</hi> bin ich nun einmal empfindlich, <hi rend="italic">da</hi> kann ich nichts machen, <hi rend="italic">da</hi>gegen komme ich nicht auf – ich kann nicht stärker sein als ich selbst. Und da stehn wir dann an der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> da vor unsrer Schwachheit wie ein Kind, wenn es ein Geschirr zerbrochen hat, und sagen mit weinerlicher Stimme: Ich kann nichts dafür! Wir fürchten uns vor der Stärke unsrer <term type="Sachen" key="Furcht, vor eigener Schwäche">Schwachheit</term>. |</p>
                <p>Noch Andre sind’s, die haben Angst vor den <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Meinung anderer Leute"><hi rend="italic">Leuten</hi></term>. Sie sagen, ja, ich wollte mich wohl zu Gott halten, ich habe wohl etwas gespürt von seiner <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term>, ich merke, wie ernst es ihm ist und wie lieb er mich hat, aber [was] würden die Andern sagen, die Nachbarn und vielleicht die am <term type="Sachen" key="Stammtisch">Stammtisch</term>, wenn ich mich das merken ließe! Ja, was würden die Leute sagen? Das ist ein Grund, der so viel <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> verhindert, Einer guckt auf den Andern, was der für ein Gesicht mache. Um es mit Gott zu halten, da müssten wir freilich zehn Schritt aus der gewohnten Reihe hinauslaufen und viele, <hi rend="italic">sehr</hi> viele erstaunte Gesichter auf uns ziehen. Wir dürften das nicht scheuen. Aber wir scheuen es. Als die Klarheit des <term type="Sachen" key="Gott, Klarheit">Herrn</term> sie umleuchtete, da fürchteten sie sich sehr vor den <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Meinung anderer Leute">Leuten</term>. O wenn wir <hi rend="italic">davon</hi> frei würden. Wie Mancher, der heute dem Andern ein schönes Weihnachtsgeschenk macht oder ihm doch eine Gratulationskarte schickt, würde besser tun, ihm zu versprechen: Hör mal, von jetzt an brauchst du dich vor mir nicht mehr zu fürchten. Ich will kein Gesicht machen, wenn du deinen eigenen Weg gehst, im Gegenteil, es soll mich freuen, wenn du das tust. Das wäre ein <term type="Sachen" key="Weihnachtsgeschenk">Weihnachtsgeschenk</term>! |</p>
                <p><pb xml:id="p438" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber so oder so, wir müssen das <term type="Sachen" key="Furcht, wir müssen das Fürchten verlernen">Fürchten</term> verlernen, wenn Gottes <term type="Sachen" key="Freude, Gottes">Freude</term> bei uns einziehen soll an der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term>. Ja, denkst du, das ist bald gesagt: Fürchtet Euch nicht! Die <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Anstrengung, ein rechter Mensch zu werden">Anstrengung</term>, die es da kostet, die Schwäche meines <term type="Sachen" key="Furcht, vor eigener Schwäche">Charakters</term>, die Haltung der andern <term type="Sachen" key="Furcht, vor der Meinung anderer Leute">Leute</term>, die sind eben doch da! Ja, wenn ich es so gut hätte wie die Hirten von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName>: wenn ein <term type="Sachen" key="Engel">Engel</term> käme vom Himmel und mir sagte: Fürchte dich nicht!, dann wollte ich es wohl glauben und danach tun. Nein, sage ich, denn die Hirten von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> hatten es nicht besser als wir, sondern weniger gut. Sie hatten einen Engel, der ihnen zusprach, sie hatten die himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>]! Und das war gewiss schön, aber wir haben etwas noch Schöneres. Den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term>, dessen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geburt">Geburt</term> sie dort miterleben durften, den kennen wir <hi rend="italic">ganz</hi>, wir wissen, was aus ihm geworden ist, uns hat sich seine Herrlichkeit in ihrer ganze <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Fülle seiner Herrlichkeit">Fülle</term> erschlossen, und wenn wir sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leben Jesu">Leben</term> anschauen, das er auf dieser <term type="Sachen" key="Erde">Erde</term> gelebt, dann können wir nicht mehr sagen: das ist bald gesagt: fürchte dich nicht!, sondern dann brauchen wir uns wirklich und im Ernst nicht zu fürchten. Er hat uns gezeigt, was das ist: ein furchtloses, tapferes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, zeigte uns ein furchtloses und tapferes Leben">Leben</term>. Er ist nie händeringend dagestanden: es geht nicht, sondern er ist an Alles herangetreten mit starker Hand und hat gemacht, dass es ging. Er hat die große Anstrengung gemacht, die es braucht, um mit Gott einig zu werden, er hat mit der <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> gekämpft und ist nicht schwach geworden, sondern hat es gewonnen, er hat es gewagt, es anders, ganz anders zu machen als die andern Leute, und am Ende seines Lebens ist er dagestanden als ein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sieger über alles Angstmachende">Sieger</term> über Alles, was ihm hätte Angst machen können, und sein Name ist nach ihm ein Erkennungszeichen geworden für Tausende und Tausende, die im Kampf des <term type="Sachen" key="Leben, Kampf des L.">Lebens</term> auch gesiegt haben. Gibt dir das nicht den <term type="Sachen" key="Mut">Mut</term>, jetzt deine <term type="Sachen" key="Furcht">Furcht</term> abzulegen? Macht es dir nicht <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, in der gleichen Schlachtlinie zu stehen mit einem solchen Streiter? Sieh, wenn du nur ein ganz klein wenig verspürst von dieser Freude, dann darfst du es als Zeichen nehmen, dass eine Bresche, eine Lücke geschlagen ist bei dir, durch die die große <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> einziehen kann. Lass sie wachsen, diese Lücke, vertiefe dich immer mehr in den Mut des Herrn Jesus, so wird auch <hi rend="italic">dein</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mut">Mut</term> wachsen, und du wirst auf die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term> antworten können, schüchtern zuerst und dann immer lauter: Ja, ich fürchte mich nicht.</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p439" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Jetzt wollen wir nun auf etwas Anderes merken, was uns Erwachsenen helfen kann, das <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Christkind">Christkind</term> hereinzulassen. Wir lesen, der Engel habe den Hirten gesagt: Siehe, ich verkündige euch <hi rend="italic">große</hi> Freude! In dem Wort <hi rend="italic">groß</hi> ist etwas versteckt! Wenn du die rechte, innige Weihnachtsfreude verlernt hast, seit du nicht mehr ein Kind bist, liegt’s nicht daran, dass du nicht gewusst hast, mit dem Alter fortzuschreiten von der <hi rend="italic">kleinen</hi> zur <hi rend="italic">großen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, Fortschritt von der kleinen zur großen Fr.">Freude</term>? Als du jung warst, war dir das Christkind lieb, weil es Bescherungen brachte: den Weihnachtsbaum und Äpfel und Nüsse und Zuckerbrot und andere schöne Dinge. Das war <hi rend="italic">kleine</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, Fr. an Geschenken als kleine Fr.">Freude</term>. Sie war recht zu ihrer Zeit. Dann hättest du aber weiterschreiten sollen, du hättest am Christkind selbst Freude bekommen sollen. Das hast du versäumt. Du warst zu sehr an die kleine Freude gewöhnt, als dass du dich der großen hättest zuwenden können. Du erwartetest immer wieder Bescherungen. Gewiss keine Äpfel und Lebkuchen mehr, es kam die Zeit, wo dir diese Bescherungen weniger Eindruck machten. Aber du erwartetest, dass das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> dir andere Dinge in den Schoß lege: ein ungetrübtes, sorgenfreies <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>, eine starke <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term>, Menschen, mit denen gut auszukommen sei, eine stete <term type="Sachen" key="Zufriedenheit">Zufriedenheit</term> inwendig. Das sind so die Lebkuchen von uns Großen. Aber sie sind darum auch nur <hi rend="italic">kleine</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, Wohlbefinden im Leben als kleine Fr.">Freude</term>. Das können wir daran merken, dass sie uns selten, sehr selten dauernd erhalten bleibt, gerade wie das, was die Bescherungen den Kindern gebracht, nach kürzerer oder längerer Zeit sein natürliches Ende findet. Und oft ist’s nicht nur so, dass diese kleine Freude wieder verschwindet, nachdem sie eine Weile dagewesen, sondern sie stellt sich überhaupt nicht ein. Da geht es uns uns dann, wie es manchen armen Kindern geht, die an der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> hauptsächlich zusehen müssen, wie Andere etwas bekommen, und auf der Straße stehen und sich die Näschen platt drücken an einem Schaufenster, hinter dem die ihnen versagten Herrlichkeiten aufgestapelt sind. Ja, solche arme Kinder sind wir Großen auch manchmal. Die kleine Freude, nach der wir uns sehnen, wird uns nicht gemacht, und dann sagen wir: ach was, es ist nichts mit der <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>.</p>
                <p>Wenn wir doch lernen wollten, die Augen auftun für die <hi rend="italic">große</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude als große Freude">Freude</term>, die uns an der Weihnacht für immer und für Jeden beschert <pb xml:id="p440" ed="pga"/> wird, wenn wir nur die Hände danach ausstrecken wollten! Ich sage: das muss gelernt sein, die <hi rend="italic">große</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, große">Freude</term> zu erkennen und zu ergreifen. Man könnte einwenden: bei einer Freude kann es doch nichts zu lernen geben, die kommt eben und ist da, oder sie kommt nicht und ist nicht da. Ich antworte: doch, da gibt es etwas zu lernen, und da <hi rend="italic">müssen</hi> wir sogar lernen. Man kann fortschreiten von kleinen zu großen, von niedern zu höhern <term type="Sachen" key="Freude, Fortschritt von der kleinen zur großen Fr.">Freuden</term>. Ich will ein Beispiel nennen, das ihr Alle verstehen werdet. Es wird wenig Menschen geben, die nicht irgend eine Freude haben an der <term type="Sachen" key="Musik"><hi rend="italic">Musik</hi></term>. Unter denen sind eine große Menge, denen ist das Höchste und Schönste, was sie sich auf diesem Gebiet denken können, so eine recht kräftige, schmetternde Blechmusik. Wenn sie dann so mit den Füßen den Takt klopfen können, wenn es fast die Wände versprengt von der Gewalt des Tones, dann sind sie schon zufrieden. Andre stehen eine Stufe höher. Was ihnen gefällt, das ist vielleicht ein recht zügiges Vaterlandslied, etwa von einem Männerchor gesungen, oder eine von den muntern englischen Melodien, wie man sie im <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen Kreuz</orgName><note xml:id="n03">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p289#fn_n09">S. 289, Anm. 9</ref>.</note> singen hört. Wenn sie da, so laut sie können, ins Tralala oder in den Refrain einfallen und eine Note gar rührend in die andre hinüberziehen können, dann sind sie im Himmel und denken, die Musik ist eine schöne Sache. Andre sind vielleicht schon in der Stadt gewesen und haben ein richtiges Konzert gehört mit Musikstücken, die wirklich Musik enthielten und nicht bloßen Klingklang, aufgeführt von Leuten, die ihr ganzes Leben der Kunst gewidmet haben. Aber auch da geht die Stufenleiter weiter vom Hohen zum Höhern zum Höchsten. Auch unter den berufsmäßigen Künstlern gibt’s solche, die mit gröbern, und solche, die mit feinern und feinsten Mitteln auf die Hörer zu wirken versuchen, und unter den Komponisten, selbst unter den berühmten, hat der eine eine edle, der andere eine schöne, der andre aber eine große Seele in seine Musik gelegt. Das macht <term type="Sachen" key="Musik, Unterschiede – für den, der sie zu hören weiß">Unterschiede</term> – für den, der sie zu hören weiß. Zunächst steht man vielleicht ganz unten an dieser Stufenleiter der musikalischen <term type="Sachen" key="Freude, Stufenleiter der musikalischen Freude">Freude</term>. Wem bisher Blechmusik das Höchste gewesen ist, der wird sich bei einer Symphonie von <persName ref="kbga-actors-488">Beethoven</persName> oder bei einem Oratorium von <persName ref="kbga-actors-455">Bach</persName> langweilen, weil er da nicht mit den Füßen den Takt klopfen kann. Aber er braucht dabei nicht stehen zu bleiben. Er kann von der <pb xml:id="p441" ed="pga"/> kleinen Freude vordringen zur großen und immer größern <term type="Sachen" key="Freude, Fortschritt von der kleinen zur großen Fr.">Freude</term>. Das Mittel dazu ist sehr einfach, er muss bei der <term type="Sachen" key="Musik">Musik</term> nicht nur auf das Behagen achten, das sie ihm verursacht, sondern versuchen, das wirklich Schöne herauszuhören, er muss sich Mühe geben, in das Innere der Töne einzudringen. Dann wird er es bald herausbekommen, dass das Eine schön und das Andre noch schöner ist, er bekommt feinere Ohren für das, was man die Seele der <term type="Sachen" key="Musik, Seele der M.">Musik</term> nennen könnte, ganz allmählich wird dies und das zurückbleiben, weil es ihm nicht mehr genügt, weil eine neue, größere Welt sich ihm aufgetan hat, die immer neue, <hi rend="italic">noch</hi> größere Offenbarungen in sich hält.</p>
                <p> Gerade so müssen wir es mit der <term type="Sachen" key="Lebensfreude">Lebensfreude</term>, mit der <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> halten. Wir dürfen nicht genügsam sein und nur nach dem <term type="Sachen" key="Freude, Wohlbefinden im Leben als kleine Fr.">Kleinen</term> verlangen, nach <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> und <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term> und <term type="Sachen" key="Zufriedenheit">Zufriedenheit</term>. Das ist erst die Blechmusik! Solange wir nichts Besseres wünschen, so lang bereitet uns die <term type="Sachen" key="Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term> nur Langeweile. Aber wir können uns etwas Besseres wünschen. Wir können nach der <hi rend="italic">großen</hi> Freude des <term type="Sachen" key="Freude, große Freude des Lebens">Lebens</term> verlangen. Dafür müssen wir uns ganz wie bei der <term type="Sachen" key="Musik">Musik</term> feine Ohren, einen feinen Geschmack angewöhnen. Wir müssen versuchen, aus dem Klingklang unsres <term type="Sachen" key="Leben, Klingklang unseres L.">Lebens</term> das wirklich Große, das, was Wert hat, das Schöne und Echte herauszuhören. Dabei machen wir dann sicher auch die Erfahrung, dass uns das Bisherige nicht mehr genügt, dass Allerlei, was uns bisher als das Beste erschien, zurückbleiben muss. Wir lernen uns fragen: ja, über <hi rend="italic">was</hi> sind wir denn eigentlich glücklich und zufrieden oder über was möchten wir es sein? Gibt es nicht <hi rend="italic">noch</hi> höhere Ziele, als die ich mir bis dahin gesteckt und die ich zu meinem Schmerz nicht einmal erreichte. Ist nicht ein absolut reines <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>
                    <hi rend="italic">noch</hi> besser als das, was man so <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> nennt, ist nicht <term type="Sachen" key="Selbstbeherrschung">Selbstbeherrschung</term>
                    <hi rend="italic">noch</hi> besser als <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term>, ist nicht ein <term type="Sachen" key="Leben, im Dienst für andere">Leben</term>, das Andern aufrichtig dienen will, <hi rend="italic">noch</hi> besser als <term type="Sachen" key="Zufriedenheit">Zufriedenheit</term>? O wenn wir einmal scharfe Augen und Ohren bekommen haben für dieses <hi rend="italic">noch</hi> Bessere, wenn dann die große <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term>, es zu besitzen, in uns erwacht ist, <hi rend="italic">dann</hi> wird die <term type="Sachen" key="Weihnachtszeit">Weihnachtszeit</term> schön, dann merken wir auf, wenn es nun heißt: Siehe, ich verkündige euch <hi rend="italic">große Freude!</hi> Denn dieses <hi rend="italic">noch</hi> Bessere, die <hi rend="italic">große</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, große">Freude</term>, die bekommen wir, wenn wir Jesus bekommen. Er gibt uns die Hand und führt uns auf die höhere Stufe, vom Kleinen zum Großen, sobald wir darnach Verlangen haben. Wenn wir dies Verlangen in uns aufkommen lassen – <hi rend="italic">das</hi> wird eine <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> werden!</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p442" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber wir sind noch nicht zu Ende. Die Hauptsache kommt zuletzt. Wenn wir hören: <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> ist da! das <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Christkind">Christuskind</term> ist da, und wenn wir diese <term type="Sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> mit rechter großer <term type="Sachen" key="Freude, große">Freude</term> in uns aufnehmen möchten, dann müssen wir es uns durch und durch gehen lassen, dass diese große Freude <hi rend="italic">allem Volke widerfahren soll.</hi> Das ist dort jenen Hirten auf dem Feld gesagt worden und heute wird es auch uns gesagt. Ich glaube, ohne diesen Gedanken an alles Volk, das <hi rend="italic">auch</hi> Freude haben soll, gibt es keine rechte <term type="Sachen" key="Freude, keine rechte Fr. ohne den Gedanken an die anderne">Freude</term>. Die <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> ist schon manchem verleidet, nicht weil er selbst sich vor der Klarheit des <term type="Sachen" key="Gott, Klarheit">Herrn</term>
                    <hi rend="italic">gefürchtet</hi> oder weil er nicht erkannt hätte, wie <hi rend="italic">groß</hi> die Freude ist, die Weihnacht uns verkündigt, sondern weil er um sich gesehen und so viel <term type="Sachen" key="Elend">Elend</term> und <term type="Sachen" key="Unglück">Unglück</term> und <term type="Sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> und Unverstand in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und bei den Menschen gefunden hat. Was soll’s, wenn <hi rend="italic">ich</hi> den Herrn Jesus in mein Herz und mein Leben aufnehme, wenn <hi rend="italic">ich</hi> die große Freude erlebe, ein reinerer, tieferer, ernsthafterer Mensch zu werden, ist dann damit erfüllt, was die himmlischen Heerscharen gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Ist’s nicht bloß ein Tropfen auf einen heißen Stein, wenn das bei mir und in meinem Hause geschieht, während nebenan und gegenüber und in der ganzen Welt der Jammer und die <term type="Sachen" key="Ungerechtigkeit">Ungerechtigkeit</term> und die <term type="Sachen" key="Lüge">Lüge</term> triumphieren?! |</p>
                <p> Vor fünf Jahren erlebte ich gerade diese Tage vor <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> in der Millionenstadt <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName><note xml:id="n04">Im <date to="1907-03-31" from="1906-10-01">Wintersemester 1906/07</date> studierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dort; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 50–52</bibl>.</note> und weiß noch, wie ich mich fragte, was die große Freude der <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnacht</term> für all die Hunderttausende bedeute, ob die Feiertage ihnen mehr brächten als ein womöglich noch schärferes Hervortreten der sozialen <term type="Sachen" key="Soziale Unterschiede">Unterschiede</term>, ein womöglich noch größeres Aufschäumen aller großstädtischen Gemeinheit und Liederlichkeit. Könnte unsre Freude eine <hi rend="italic">große</hi>
                    <term type="Sachen" key="Freude, große">Freude</term> sein, wenn sie wirklich für all das Volk nichts bedeutete? Könnten wir uns heute der Weihnacht freuen, wirklich freuen, wenn wir annehmen müssten, dass das an der <term type="Sachen" key="Fäulnis">Fäulnis</term>, an der <term type="Sachen" key="Tyrannei">Tyrannei</term> und dem <term type="Sachen" key="Blutvergießen">Blutvergießen</term>, das wir auch in unsrer heutigen <term type="Sachen" key="Zeit um 1911">Welt</term> miterleben müssen, nichts änderte? Können wir uns überhaupt freuen in unserm <term type="Sachen" key="Freude, angesichts des Leids im Leben anderer">Leben</term>, wenn wir an all das Un<pb xml:id="p443" ed="pga" break="no"/>erfreuliche denken, was Andre zur gleichen Zeit erleben und tun? Fällt da nicht ein Gifttropfen in unsern Becher, der uns auch das Edelste und Schönste <hi rend="italic">verleiden muss?</hi></p>
                <p>Meine Freunde, da sage ich nun: jawohl, in <hi rend="italic">diesen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term> müssen wir sogar eintauchen, so tief wir können, und wer ihn noch nie erlebt, der weiß nicht, was <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>, was <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> überhaupt ist. Die beste und tiefste Vorbereitung auf die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> besteht darin, dass wir lernen, die Augen auftun für Alles das, was nicht nur bei uns, sondern bei den Andern, was in der Welt anders und besser werden sollte, dass wir an die Tränen denken, die anderswo fließen, an das <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term>, das anderswo geschieht, an den <term type="Sachen" key="Irrtum">Irrtum</term>, unter dem Andere leiden, an die <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term>, die Andere drückt. Mit dieser Frage im Herzen müssen wir Weihnacht feiern, dann ist uns die <term type="Sachen" key="Weihnachten, eine Antwort auf das Leid in der Welt">Weihnacht</term> eine Antwort, die uns nicht leer lässt. Mit diesem Verlangen, dass allen Menschen geholfen werde, müssen wir zu Jesus treten, dann wird die <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> von Jahr zu Jahr nicht kleiner, sondern größer werden. Denn darum nennen wir ihn den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">«Heiland»</term>, weil in seinem <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> das Heil, die Hilfe verborgen ist nicht nur für dich und mich, sondern für uns Alle. Ein so großer Herrscher wie er will mit einem großen, weit offenen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, will mit großem, offenen Herzen empfangen sein">Herzen</term> empfangen sein. Ist es aber groß und weit geworden, haben wir <term type="Sachen" key="Mitleid, an der leidenden Welt"><hi rend="italic">mit</hi>gelitten</term> mit der leidenden <term type="Sachen" key="Welt, leidende">Welt</term> und <term type="Sachen" key="Mitleid, mit der seufzenden Kreatur"><hi rend="italic">mit</hi>geseufzt</term> mit der seufzenden <term type="Sachen" key="Kreatur, seufzende">Kreatur</term>, dann sind wir reif für ihn, dann kann er auch bei uns geboren werden wie einst im Stall zu <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName>. Willst du’s jetzt nicht wagen, die <term type="Sachen" key="Freude, Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> deiner Kindheit wiederzuentdecken, größer und reicher und vollkommener als die, die du verloren hast? Fang heute nur in einem kleinen Stück damit an, furchtlos zu werden, vom Kleinen auf das Große zu denken und, statt nur an dich selbst, an die Andern. Ich verspreche dir: dann darfst du heute Abend aufrichtig und von innen heraus einstimmen in das alte jubelnde Lied</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>O du fröhliche, o du selige</l>
                            <l>Gnadenbringende Weihnachtszeit.</l>
                            <l>Welt ging verloren, Christ ist geboren.</l>
                            <l><hi rend="italic">Freue, freue</hi> dich, du Christenheit!<note xml:id="n05">Strophe 1 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-235">«O du fröhliche» von <persName ref="kbga-actors-2645">J. D. Falk</persName> (RG 409; EG 44)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
