<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-51038">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 11,2–6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 11,2–6, 17. Dezember 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51038 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 425–433.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51038</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 11,2–6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">425–433</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">38</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 11,2-6 (3. Advent), 17. Dezember 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1534">KBA 1069</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1911-12-17">17. Dezember 1911</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon">
                <pb xml:id="p425" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head><idno>91</idno></head>
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-12-17">Sonntag, den 17. Dezember 1911</date> 
                        <lb/>(3. Advent)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.2 Mt.11.6">Matthäus 11,2–6</ref>
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Da aber <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> im Gefängnis von den Taten Christi hörte, ließ er ihm durch seine Jünger sagen:</hi> Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? <hi rend="text-recte">Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und saget <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> wieder, was ihr sehet und höret:</hi> Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir machen gern und fast gewohnheitsmäßig den Unterschied zwischen Menschen, die «gläubig», und Andern, die <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">«ungläubig»</term> seien. Man redet von «gläubigen» und «ungläubigen» <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrern</term> und <term type="Sachen" key="Lehrer">Lehrern</term>; in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> gibt es einen «<orgName ref="kbga-actors-10420">Verband gläubiger Bäcker</orgName>»<note xml:id="n01">In <placeName ref="kbga-places-48">Nürnberg</placeName> erschienen <date when="1911">1911</date>/<date when="1912">12</date> im ersten Jahrgang die <bibl corresp="kbga-bibls-5410">«Mitteilungen für alle gläubigen Bäcker Deutschlands», hrsg. von der Bäckervereinigung des Christlichen Vereins Junger Männer</bibl>. Einen «<orgName ref="kbga-actors-10420">Deutschen Verband gläubiger Bäcker und Konditoren</orgName>» gab es laut <bibl corresp="kbga-bibls-5407"><hi rend="italic">Handbuch der Deutschen Evangelischen Kirchen 1918 bis 1949. Organe – Ämter – Verbände – Personen</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Überregionale Einrichtungen</hi>, bearb. von H. Boberach / C. Nicolaisen / R. Pabst (AKIZ.A 18), Göttingen 2010, S. 419</bibl>, erst seit <date when="1913">1913</date>; gut möglich ist, dass dieser Verband Vorläufer gehabt hat, von denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wusste.</note>, und auf der andern Seite hört man etwa von der ungläubigen <term type="Sachen" key="Wissenschaft, ungläubige">Wissenschaft</term>. Wenn man die Leute so reden hört und in manchen religiösen Blättern auch davon lesen muss, denkt man sich unwillkürlich, es sei etwas ganz Selbstverständliches und Leichtes, diese beiden Arten von Menschen, Gläubige und <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">Ungläubige»</term>, voneinander zu unterscheiden, etwa so wie man eine Buche von einer Tanne unterscheiden kann. Wenn solche unter uns sind, die vielleicht auch meinen: ja, diese Unterscheidung sei wirklich etwas Leichtes, dann möchte ich sie jetzt fragen, ob sie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2206">Johannes den Täufer</persName></hi> zu den Gläubigen oder zu den Ungläubigen rechnen würden? Ich meine, da könnte man für Beides <pb xml:id="p426" ed="pga"/> ungefähr gleich viel anführen. Man könnte sagen: Er war <hi rend="italic">gläubig</hi>, sonst wäre er nicht <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> gewesen, der dem Herrn den Weg bereitete, indem er Gottes <term type="Sachen" key="Gericht, Gottes G.">Gericht</term> ankündigte und das Volk zur <term type="Sachen" key="Buße">Buße</term> rief. Er wartete auf den, der kommen sollte, den Größern und Stärkern, wie es in den alten Schriften verheißen war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.3">Mt. 3,3</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.11">11</ref>]. Er hat seinen <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> bestätigt und besiegelt, indem er unerschrocken dem König <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> die Wahrheit sagte und dafür nun als ein <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrer</term> im Gefängnis schmachtete. Aber wird das alles nicht wieder umgestürzt, müssen wir nicht sagen: Nein, er war <hi rend="italic">ungläubig</hi>, wenn wir hören, was ich vorgelesen habe, dass er, als nun <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> auftrat und seine Taten weit und breit bekannt wurden, ratlos und verworren fragen ließ: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Ist das nicht der <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term>, wie er im Buche steht? Warum sagt er nicht freudig: Ja und Hallelujah, da der Größere und Stärkere, von dem er geträumt und von dem er geredet, nun wirklich da war?! Und welches von unsern beiden Urteilen soll nun gelten? |</p>
                <p>Ich glaube, wir wollen ganz bescheiden vorläufig einmal annehmen, <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> habe eine Ausnahme gemacht, bei ihm sei jenes <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">«Entweder-Oder»</term> nicht am Platze, sondern wir müssten von ihm sagen: Er war <hi rend="italic">gläubig und ungläubig</hi> zugleich. Jawohl, er war ein <term type="Sachen" key="Johannes der Täufer, ein Gottesmann wie keiner vor ihm">Gottesmann</term>, wie keiner vor ihm. Jesus hat ihm das Zeugnis gegeben, er sei <hi rend="italic">mehr</hi> als ein <term type="Sachen" key="Prophet">Prophet</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.9">Mt. 11,9</ref>]. Wenn es wahr ist, was in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> an anderem Ort steht, dass der Glaube eine feste Zuversicht ist dessen, was man nicht sieht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref>], dann hatte er einen gewaltigen <term type="Sachen" key="Johannes der Täufer, hatte einen gewaltigen Glauben">Glauben</term>, denn mitten in einer traurigen, gedrückten Zeit hat er zuerst die Fahne aufgepflanzt, die dann Jesus aufgenommen hat: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.2">Mt. 3,2</ref> u. ö.]!, und mitten in der Wüste wollte er ein neues Israel sammeln, um es dem Herrn entgegenzuführen. Das war der <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term>, was ihn dazu trieb. Aber nun saß er im Gefängnis, auf der Bergfestung <placeName ref="kbga-places-1477">Machärus</placeName>, jenseits des <placeName ref="kbga-places-926">Jordans</placeName>, und die Zeit wurde ihm lang und die Gedanken trüb. Er sah den <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> vor sich und von dem nahen <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> noch keine Spur.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wollst uns einen Tröster senden,</l>
                            <l>Herr, in dieser dunklen Zeit!<note xml:id="n02">Vgl. den Beginn der ersten Strophe des Gedichtes <bibl corresp="kbga-bibls-2671">«Reformation» von ­<persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName> (Erstdruck 1864; ders., <hi rend="italic">Werke</hi>, hrsg. von W. Stammler, Bd. 2, Leipzig / Wien 1918, S. 179)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Woll’ uns deinen Tröster senden, </l>
                                                <l>Herr, in dieser schweren Zeit.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent"><pb xml:id="p427" ed="pga" rend="noPipe"/>Da bekam er Besuch von seinen Freunden, die erzählten ihm, dass jetzt Einer da sei, der das Wort vom Himmelreich weitertrage, nicht in der Wüste sei er, sondern in den Städten am See bei den Fischern und niedern Leuten, der habe eine Kraft in sich, die Kranken gesund zu machen, wie es kein Arzt könne, der bringe die Verwirrten zurecht mit einem freundlichen Wort, der vollbringe Taten der Hilfe, wie sie kein Mensch gesehen. Vielleicht noch ein Jahr zuvor, als seine Augen noch schärfer waren, wäre <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> freudig aufgesprungen: das muss der Verheißene, Erwartete sein, er hätte die Seinen fortgeschickt: geht ihm entgegen, bleibt bei ihm, wenn euch euer Leben lieb ist, jetzt ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>
                    <hi rend="italic">da!</hi> Aber so redete er nicht. Er blieb gedrückt und still, nachdem er einen Augenblick aufgehorcht – nein, das war der Ersehnte nicht. <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> hatte Größeres erwartet. Er war enttäuscht. Kranke gesund machen? Armen Leuten von Gott reden? Das konnte der Messias Israels nicht sein. Würde der nicht auf den Wolken des Himmels erscheinen an der Spitze von zwölf Legionen Engeln zum Gericht über seine Feinde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.53">Mt. 26,53</ref>]? Ein Prediger und Wundermann? Er kann’s nicht fassen. Und doch ist er unruhig, er zweifelt auch an seinem Zweifel, er sieht in den Augen seiner Freunde einen so merkwürdigen Widerglanz von dem, was sie erlebt haben. Ob ihn die Erinnerung überkommt an Einen, der einst unter vielen hundert Andern an den <placeName ref="kbga-places-926">Jordan</placeName> gekommen war, um seine Taufe zu empfangen, und der dort einen unverlöschlichen Eindruck bei ihm hinterlassen hatte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.13 Mt.3.17">Mt. 3,13–17</ref>]? Ob ihn der Gedanke erfasst, ein anderes Bild des <term type="Sachen" key="Messias">Messias</term> könnte das wahre sein, als das, das er sich gemacht? Wir wissen nicht, was in ihm vorging, aber er kann es trotz seiner Enttäuschung nicht lassen, den Freunden beim Abschied den Auftrag und die Frage an den Mann von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth"><placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName></term> mitzugeben: <hi rend="italic">Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?</hi> Eine merkwürdige Frage das! Was sollte Jesus sich dabei denken? Was darauf antworten? Kann man einen Menschen fragen: bist du’s, der meine <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> erfüllt, bist du von Gott gesandt? Was soll er da sagen? <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> kümmerte sich nicht darum. Er war eben ein gläubiger <term type="Sachen" key="Johannes der Täufer, ein gläubiger Ungläubiger oder ungläubiger Gläubiger">Ungläubiger</term>
                    <pb xml:id="p428" ed="pga"/> oder ein ungläubiger Gläubiger. Eine große <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnung</term> lebte in ihm, daneben eine stille Betrübnis, dass der Jesus, von dem er hörte, nicht der Messias war, wie er sich ihn dachte, und schließlich ein stiller Zug zu eben diesem Jesus so, wie er war, den er sich nicht erklären konnte. Diese drei stritten in ihm.</p>
                <p>Ist er wirklich eine Ausnahme? Kann man bei den andern Menschen deutlicher entscheiden, ob sie zu den «Gläubigen» oder zu den «Ungläubigen» <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">»</term> gehören, oder steht’s nicht so, dass wir Alle etwas von der wunderlichen Mischung sind, die wir bei dem großen Gottesmann gefunden? Man hat jene Frage des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>: bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten? schon oft verglichen mit der Stellung unsrer Zeit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Stellung unserer Zeit gegenüber J. Chr.">Jesus</term> gegenüber. Und es ist etwas daran. Es kann keine Rede davon sein, dass wir in einer ungläubigen <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, keine ungläubige Zeit">Zeit</term> leben. Die so etwas behaupten, trauernd oder frohlockend, die übersehen, dass der <term type="Sachen" key="Glaube, heute ein anderes Gewand als früher">Glaube</term> heutzutage nur vielfach ein ganz anderes Gewand angenommen hat, in dem sie ihn bei den Andern nicht mehr zu erkennen vermögen. Und doch ist er da, ja, ich getraue mich zu sagen, er ist größer und tiefer geworden, als er früher war. Wer es versteht, zu lauschen auf das, was unser Geschlecht bewegt, ohne gleich mit seiner eigenen Stimme darein zu fahren und sich so das Hören unmöglich zu machen, der wird neben vielen wirren und wüsten Tönen etwas hören von einem tiefen <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Drang nach Aufrichtigkeit und Wahrheit">Drang</term> nach <term type="Sachen" key="Aufrichtigkeit"><hi rend="italic">Aufrichtigkeit</hi></term> und <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Uns Menschen der neuen Zeit sind alle Formen und alle <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Formen und Formeln sind den Menschen verleidet">Formeln</term> verleidet nicht wegen ihrem Inhalt, sondern weil sie Formen und Formeln sind. Wir fürchten nichts so sehr wie das Angenommene. Was gelten soll, muss eigen sein, und es muss lebendig sein. Kommt man uns mit alten Worten, selbst wenn es heilige Worte sind, so ergeht es uns wirklich, wie neulich jemand geschrieben hat: «Wir können sie kaum mehr hören vor Ungeduld.»<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wird diese Wendung, die offenbar einen Gedanken von <persName ref="kbga-actors-922">Artur Bonus</persName> aufnahm, kurz vor der Abfassung dieser Predigt in einem rezensierenden Artikel zu dessen Buch: <bibl corresp="kbga-bibls-5408"><hi rend="italic">Vom neuen Mythos. Eine Prognose</hi>, Jena 1911</bibl>, gelesen haben, der am <date when="1911-12-14">14. Dezember 1911</date> in der «<orgName ref="kbga-actors-5420">Christlichen Welt</orgName>» erschien: «Bonus selbst sagt, daß wir bei den Zuständen, die der alte Mythos mit den Worten Schuld, Reue, Gnade, Erlösung bezeichnet, an der Quelle stehen. Was machen wir damit? Wir können diese vier Worte kaum noch hören vor Ungeduld» (<bibl corresp="kbga-bibls-5409"><persName ref="kbga-actors-10419">O. Baltzer</persName>, <hi rend="italic">Die Religion der Zukunft</hi>, in: ChW 25 [1911], Sp. 1194–1197, dort Sp. 1195</bibl>).</note> Ich glaube, dass das ein gesunder Zug unsrer Zeit ist. |</p>
                <p><pb xml:id="p429" ed="pga" rend="noPipe"/>Unser <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Menschen haben bessere Augen für Schönheit">Geschlecht</term> hat weiter bessere Augen bekommen für das, was <term type="Sachen" key="Schönheit"><hi rend="italic">Schönheit</hi></term> ist. Das hängt mit dem ersten zusammen: was für uns schön sein soll, das muss aufrichtig, das muss <term type="Sachen" key="Schönheit, muss aufrichtig und natürlich sein">natürlich</term> sein. Die Schönheit, die unsre Maler sahen, ist nicht eine gemachte Schönheit, sondern die <term type="Sachen" key="Schönheit, des wirklichen Lebens">Schönheit</term> des wirklichen <term type="Sachen" key="Leben, wirkliches">Lebens</term>. Wenn ihr unsre <term type="Sachen" key="Safenwil, Kirche">Kirche</term> und unser <term type="Sachen" key="Safenwil, Schulhaus">Schulhaus</term> miteinander vergleicht, so habt ihr ein Bild der veränderten Empfindungsweise.<note xml:id="n04"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> konnte seine Abneigung gegen die Architektur der <date when="1866">1866</date> gebauten <placeName ref="kbga-places-1044">Safenwiler Kirche</placeName> auch drastischer formulieren: «Die Kirche ist geradezu abscheulich, vor 50 Jahren gebaut, in einer Zeit, wo der gute Geschmack begraben war» (Brief an <persName ref="kbga-actors-853">Fritz Zulauf</persName> vom <date when="1911-10-22">22.10.1911</date>; <idno type="kba-objects-identifier">KBA 9211.123</idno>). Das <date when="1910">1910</date> fertiggestellte Schulhaus weist eine dem Heimatstil verpflichtete Architektur auf.</note> Ich hoffe, ihr habt auch das Gefühl, dass die Veränderung ein <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> war. |</p>
                <p> Damit hängt aber wieder zusammen, dass unsre <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, verfeinerter Sinn für Recht und Billigkeit">Zeit</term> einen verfeinerten Sinn für <term type="Sachen" key="Recht"><hi rend="italic">Recht</hi></term>
                    <hi rend="italic">und <term type="Sachen" key="Billigkeit">Billigkeit</term></hi> hat. Jawohl, auch das <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term> und die <term type="Sachen" key="Lüge">Lüge</term> sind gewachsen, aber in schnellerem Schritt sind ihnen das Verpflichtungsgefühl und die Hilfsbereitschaft vorangegangen. Es haben sich ja schon einzelne Stimmen vernehmen lassen, die <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term> mache es dem Einzelnen <hi rend="italic">zu</hi> leicht mit ihren <term type="Sachen" key="Fürsorge">Fürsorgemaßregeln</term> und mit ihrer Milde in der Anwendung der <term type="Sachen" key="Recht, Grundsätze">Rechtsgrundsätze</term>. Ich glaube nicht, dass man das schon sagen kann, aber es zeigt uns, in welche Richtung wir gehen. |</p>
                <p> Und in dem Allem spüren <term type="Sachen" key="Zeit um 1911 große Sehnsucht">wir</term> eine große <term type="Sachen" key="Sehnsucht"><hi rend="italic">Sehnsucht</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Wer am geistigen Leben auch nur ein wenig teilnimmt, der weiß, dass wir unsre Zelte abgebrochen haben und auf der Wanderschaft sind. Wir sind <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Menschen sind Suchende">«Suchende»</term>, um ein vielgehörtes Schlagwort zu gebrauchen, nicht Sitzende und nicht Besitzende. Wir suchen nach neuem <term type="Sachen" key="Leben, neues">Leben</term>, nach neuen Zuständen, wir haben unser Bestes in unsre Zukunft verlegt. Es ist <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> da in unsren <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Glaube auch bei «Ungläubigen»">Tagen</term>, auch bei denen, nein, <hi rend="italic">gerade</hi> bei denen, die mancher «Ungläubige» nennen würde. – |</p>
                <p> Und bei alledem ist unsre Zeit doch eine ungläubige <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, ungläubige Zeit">Zeit</term>. Auch wir stehen <hi rend="italic">Jesus</hi> merkwürdig abwartend und <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Zweifel an Jesus Christus">zweifelnd</term> gegenüber, gerade wie dort der <persName ref="kbga-actors-2206">Täufer</persName>. Es ist nicht, dass wir ihn nicht kennten. Wir kennen ihn recht gut sogar. Es hat kaum eine Zeit gegeben, in der in allen Kreisen so viel von Jesus die <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, so viel die Rede von Jesus Christus wie selten zuvor">Rede</term> war wie heute. Wir haben neue Wege gefunden und betreten, um ihn zu verstehen. Aber es wäre eine <pb xml:id="p430" ed="pga"/> große Selbsttäuschung, wenn wir behaupten wollten: wir treten freudig und bewusst in seine Fußstapfen. Im Gegenteil: wir stehen da mit unserer ganzen <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> und mit jenem stillen Zug, den wir zu ihm hin verspüren, aber wir halten zurück. Wir lassen uns sagen, wer Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">war</term>, was er wollte, wir betasten ihn hier und dort, er interessiert uns, wir erwärmen uns für dieses oder jenes Bild aus seinem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leben Jesu">Leben</term>. Aber dann kommt es uns doch wieder vor, unsre Sehnsucht gehe in eine andre Richtung, wir fühlen uns enttäuscht und kreuzen die Arme.<note xml:id="n05">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p181#fn_n12">S. 181, bei Anm. 12</ref>.</note> Es geht uns wie dem <persName ref="kbga-actors-2206">Täufer</persName>: weil unser Glaube enttäuscht ist, bleiben wir <term type="Sachen" key="Zeit um 1911, Glaube und Unglaube">ungläubig</term>. Und dann reut es uns doch wieder halb und halb, wir strecken vorsichtig noch einmal die Fühler vor und fragen: bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Bist du’s, der unsre <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> erfüllt, oder müssen [wir] uns nach einem andern Meister umsehen? Wäre es nicht noch herrlicher, vielleicht ein Jünger <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> zu sein oder ein Anhänger des Dichterphilosophen <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName>? Ist nicht vielleicht die <term type="Sachen" key="Musik">Musik</term> das wahre Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> oder die <term type="Sachen" key="Literatur">Literatur</term> oder die <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>? So haben viele unsrer Zeitgenossen nicht nur gefragt, sondern auch geantwortet. Was Jesus zu bieten hat, kommt ihnen spärlich vor. Ihre Wünsche und Gedanken gehen höher.</p>
                <p>Was ich da von unsrer Zeit sage, gilt aber von allen Zeiten. Immer finden wir etwas, was uns freuen muss, etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term>, das wir als <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> bezeichnen dürfen. Und immer finden wir daneben jenes vorsichtige und etwas kühle <term type="Sachen" key="Jesus Christus, kühles Ausweichen J. Chr. gegenüber">Ausweichen</term> gerade Jesus gegenüber. Oft genug hat es sich in pomphafte, göttliche Verehrung seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, pomphafte Verehrung als Ausweichen gegenüber seiner Person">Person</term> gekleidet und war doch im Grunde das Ausweichen, der <term type="Sachen" key="Unglaube">Unglaube</term>, der vorsichtig fragt: bist du’s auch? bist du’s wirklich, dem wir mit Freuden dienen und folgen können? Und zuletzt kann man das wiederum nicht nur von allen Zeiten sagen, sondern auch von allen Menschen. Es ist immer Beides in ihnen beieinander, Glaube und <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">Unglaube</term>. Das merken wir, wenn wir an unser Verhältnis zu Jesus denken. Auch wenn wir ganz fromm sind, machen wir immer wieder die Entdeckung, dass Jesus anders ist als unsre Wünsche. Und dann erwacht in uns die <term type="Sachen" key="Johannesfrage">Johannesfrage</term>, laut oder leise.</p>
                <p><pb xml:id="p431" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber nun kommt die Antwort Jesu. Ich sagte schon, sie habe ihm schwer fallen müssen, weil es sich da um etwas so Innerliches, Persönliches handelte. Und so kann es uns wohl begreiflich sein, dass er nicht mit einem runden, vollen <hi rend="italic">Ja</hi> antwortet – Ja, ich bin der, der da kommen soll!, sondern das Interesse von seiner Person ablenkt auf seine Sache, auf das, was durch ihn geschieht. Sehet und höret! sagt er den Jüngern des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, und dann zählt er auf, fast wie wenn es ihn nichts anginge: <hi rend="italic">Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evngelium verkündigt!</hi> Es war wirklich kein Ja auf die Frage des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>, sondern eine Aufforderung: Besinne dich, entscheide dich selber! Aber ich glaube nicht, dass wir diese Antwort nur aus dem mehr äußerlichen Grund erklären können, dass es unfein gewesen wäre, wenn Jesus die unfeine Frage des <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> einfach mit Ja beantwortet hätte. Wir tun hier vielmehr einen tiefen Blick in die Seele des Meisters. Auf die Frage: wer bist du? antwortet er: <hi rend="italic">das mache ich!</hi> Ja, nicht einmal: das mache ich, sondern: <hi rend="italic">das geschieht!</hi> Er will nicht, dass das Interesse an seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, will kein Interesse an seiner Person">Person</term> geheftet werde, ja, man kann auch seine Person nicht anders verstehen, als indem man sieht, was durch sie <term type="Sachen" key="Jesus Christus, nicht anders verstehbar als in seinem Wirken">gewirkt</term> wird. Das hat man später oft vergessen, indem man an erste Stelle die Frage stellte: wer war Jesus?, statt vor Allem zu sehen, zu suchen: was wird geschaffen, wo er ist. Um Jesus zu erkennen, muss man seine Wirkungen, seine Wohltaten erkennen, ohne das kann man gar nicht über ihn reden.</p>
                <p>Aber wir müssen uns weiter besinnen über diese Antwort. Versetzen wir uns noch einmal an die Stelle des gefangenen <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName>! Was haben ihm seine heimkehrenden Jünger nun auszurichten gehabt, als sie zu ihm zurückkamen? Eigentlich nur etwas, was er bereits wusste. Jesu Antwort war für ihn eigentlich nur eine Unterstreichung dessen, was ihm schon vorher zugetragen worden: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige waren rein! Das musste auch Jesus wissen. Was wollte er damit? Er wollte dem Feuergeist <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> sagen: sieh, <hi rend="italic">gerade da</hi> ist der <term type="Sachen" key="Messias">Messias</term>, wo all dem elenden, armen, benachteiligten Volk <hi rend="italic">geholfen</hi> wird, wo Taten der <term type="Sachen" key="Liebe, Taten der L."><hi rend="italic">Liebe</hi></term> geschehen. Du fragst, ob ich bin, der da kommen soll. Ja, da fragt es sich, wer der ist, den du erwartest! Wenn du einen waffenklirrenden König vom Himmel erwartest, dann bin ich’s nicht – aber sieh dir jetzt noch einmal an, was du schon gesehen <pb xml:id="p432" ed="pga"/> hast: hier werden unglückliche Menschenkinder in Glückliche verwandelt, hier geschieht ein großes Werk des <term type="Sachen" key="Mitleid">Mitleids</term> und der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Bruderliebe</term> in der Kraft Gottes. Ist das nicht besser und größer, als was du dir zusammengedacht hast? Solltest du nicht etwas Anderes erwarten, um dann auch etwas Anderes zu finden? – Wir wissen nicht, wie diese Antwort auf den <persName ref="kbga-actors-2206">Täufer</persName> gewirkt hat.</p>
                <p>Wir wenden uns zu uns zurück. Die Antwort Jesu ist geeignet, auch in das Gewoge von Glaube und <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube, Gewoge in unserm Leben">Unglaube</term> in unserm Leben Ordnung zu bringen. Sie wirkt sichtend und läuternd auf uns. Ich sagte: wir haben eine starke <term type="Sachen" key="Sehnsucht, nach Wahrheit">Sehnsucht</term> nach Wahrheit, <term type="Sachen" key="Sehnsucht, nach Schönheit">Schönheit</term> und <term type="Sachen" key="Sehnsucht, nach Recht">Recht</term>. Diese Sehnsucht ist unser <term type="Sachen" key="Glaube, unser Gl. ist die Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit und Recht">Glaube</term>. Wir stehen aber zögernd da und wissen nicht recht, ob wir Jesus folgen wollen, wir fürchten Enttäuschungen. Bist du, der da kommen soll? Da heißt es nun auch für uns kurzerdings: was erwartest du? Du kannst Manches erwarten, was du anderswo findest als bei Jesus. Aber hast du dir das Besondere, das Jesus zu bringen hat, schon angesehen?</p>
                <p>Ja, was suchen und erwarten wir eigentlich? Wenn mir das das Höchste wäre, ein harmonisches, heiteres inneres <term type="Sachen" key="Leben, harmonisches und heiteres inneres">Leben</term> zu führen, möglichst reich an Anschauungen der verschiedensten Art, möglichst mannigfaltig, tief und umfassend, dann gestehe ich offen, dass ich mich nicht an <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term>, sondern an <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> wenden würde, der als <term type="Sachen" key="Goethe, als Lebenskünstler das Höchste geleistet">Lebenskünstler</term> vielleicht das Höchste geleistet auf Erden. Wenn mir das das Höchste wäre, zu schwelgen im Bewusstsein meiner <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term> und ihres Rechts, mich zu sonnen in der Überlegenheit und Einsamkeit, die jede <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> allem übrigen gegenüber einnehmen kann, dann würde ich <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> folgen, er hat uns <term type="Sachen" key="Nietzsche, lehrte das Leben der Seele in Überlegenheit und Einsamkeit">gelehrt</term>, wie man es macht. Ich könnte einen Menschen verstehen, der mir sagte: eigentlich brauche ich zur Erfüllung meiner Sehnsucht nichts als eine Geige und <term type="Sachen" key="Ruhe">Ruhe</term>. Mit diesen zweien will ich mir eine Welt aufbauen, die schöner ist als Alles, was man sonst nennen könnte. Und ich würde einen Andern verstehen, der zwischen zwei Reihen Büchern die gleichen oder ähnliche Gefühle erlebt. Wenn wir diese Erwartungen, wenn wir eine <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> dieser Art für das Leben haben, dann ist’s begreiflich, dass Jesus uns etwas lau lässt, dass Andre uns mehr sein können als er.</p>
                <p>Aber wir könnten auch eine Erwartung andrer Art haben. Unsre Sehnsucht könnte sein, nicht umsonst, d. h. nicht nur für uns zu leben, sondern etwas Schlechtes in der Welt gut, etwas Dunkles hell, etwas <pb xml:id="p433" ed="pga"/> Trauriges froh zu machen. Unsre Sehnsucht könnte sein, eine Lücke auszufüllen, eine Not zu lindern, ein Bedürfnis zu stillen, zuzugreifen und zu <hi rend="italic">helfen.</hi> Was ich vorhin genannt, sind Alles ganz schöne Sachen, aber sie sind keine Hilfe, sie sind immer nur etwas für uns selbst. Wenn man das Leben von <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> liest, hat man bei all seiner Geistesgröße den Eindruck, er habe auch gar abseits von den Nöten der <term type="Sachen" key="Goethe, lebte abseits von den Nöten der Menschheit">Menschheit</term> gelebt in seinem stillen Gartenhaus in <placeName ref="kbga-places-353">Weimar</placeName>. Ist das wirklich so vorbildlich? Was ich gegen <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> habe, sind nicht die paar gotteslästerlichen <term type="Sachen" key="Nietzsche, gotteslästerliche Worte muss man bei ihm nicht so schwer nehmen">Worte</term>, die sich bei ihm finden – die muss man bei ihm nicht so schwer nehmen –, als dass sein Leben und seine Gedanken fast <hi rend="italic">ein</hi> fortgesetztes <term type="Sachen" key="Nietzsche, sein Leben und seine Gedanken ein Selbstgespräch">Selbstgespräch</term> gewesen sind, das gegen Ende immer verworrener wurde. In dieser Einsamkeit liegt eine <term type="Sachen" key="Nietzsche, Beschränktheit in der Einsamkeit">Beschränktheit</term>. Und so wäre ein Leben in der <term type="Sachen" key="Musik, Leben in der M. etwas Schönes, aber nicht hilfreich">Musik</term> sicher etwas Schönes, aber nichts <hi rend="italic">Hilfreiches</hi>,… so Alles Andre, was man nennen könnte.</p>
                <p>Es heißt in all diesen Fällen <hi rend="italic">wählen</hi>, danach entscheidet sich unsre Stellung zu Jesus. Es gibt zwei Arten von <term type="Sachen" key="Lebensziel, zwei Arten">Lebenszielen</term>: bei der einen kommt es uns auf uns selbst an, bei der andern auf die andern Menschen. Bei der einen gleicht unser Leben einem zierlichen Springbrunnen, der sein Wasser in die Höhe steigen lässt, und seine Tropfen funkeln gar schön an der Sonne. Bei der andern gleicht es einem nüchternen Brunnen, an dem nichts weiter Interessantes ist, als dass die Menschen daraus trinken können. Was wollen wir sein? Darauf kommt es an, wenn wir Antwort wollen auf die Frage: bist du, der da kommen soll? Wenn uns das <term type="Sachen" key="Helfen">Helfen</term> das Höchste ist, dann merken wir, dass wir den <term type="Sachen" key="Jesus Christus Heiland">Heiland</term> nötig haben. Dann stellen wir uns in seinen Dienst. Wenn uns die <term type="Sachen" key="Liebe, zu den Niedrigen">Liebe</term> zu den Niedrigen – einfach zu allen denen, die Liebe nötig haben – das Größte ist, dann bekommen wir Empfänglichkeit für die Liebe <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Gottes</term>, die in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottes Liebe redet in J. Chr. zu uns">Jesus</term> zu uns redet. Das ist dann die Zerstörung des gläubigen <term type="Sachen" key="Glaube und Unglaube">Unglaubens</term> und des ungläubigen Glaubens.</p>
                <p>Jesus hat zuletzt noch etwas hinzugefügt: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Das heißt: Selig ist, wer nicht von mir enttäuscht ist. Und wir können es jetzt auch deutlicher erklären: Selig ist, wer erwartet hat, was er bei mir findet!</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
