Predigt: Johannes 8,52–56
(2. Advent)
Das sind schwere, aufregende und schmerzliche Momente und Zeiten in unserm Leben, wenn das, was bisher unserm Herzen und Gefühl das Größte gewesen war, in den Schatten gestellt wird durch etwas noch Größeres. Ein solches Erlebnis haben die Juden gemacht in dem Gespräch mit Jesus, aus dem ich euch einige Worte vorgelesen habe. In ihren Herzen lebte bis dahin das Bild eines Mannes, in dem sie den Inbegriff eines gottwohlgefälligen Lebens verehrten. Dieser Mann war
In diesem Gefühl fühlten sich die Juden verletzt oder bedroht durch die Worte Jesu: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich [
Das ist nun ein recht menschlicher Vorgang. Wir haben Alle auch schon so gegrollt. Wenn auch nicht wegen Abraham, so doch wegen etwas Anderem, das uns bisher das Höchste, das uns bisher Ideal gewesen war und plötzlich vor einem noch Höhern das Feld räumen musste. Du hast vielleicht in einer großen, aufrichtigen Verehrung an einem anderen Menschen gehangen. Er ist dir jahrelang etwas gewesen, was dir kein Anderer war, du hast das Gefühl, er habe dir erst |417 deine Seele geschenkt, so sehr war er dir im Allerinnersten ein Ansporn, eine Stütze, eine Kraft. Er hat dich auf eine höhere, bessere Stufe deines Daseins, er hat dich einen Schritt näher zur Ewigkeit geführt. Gott schenkt uns Allen immer wieder solche Menschen. Aber jetzt kam ein Anderer in dein Leben hinein, du hast ihn zuerst nicht beachtet, es fiel dir gar nicht ein, ihn mit dem ersten auch nur zu vergleichen. Aber eines Tages hattest du die beiden doch verglichen, ohne es zu wollen, und du konntest dir nicht verhehlen, dass dir der neue Freund auch etwas zu bringen, auch eine Seele zu schenken hätte. Aber der Alte, der dir bisher Alles gewesen war? Da kam dein Inneres in eine große Unruhe und Betrübnis. Du fühltest deutlich: du warst vor eine neue Stufe nach oben gestellt, du solltest einen weitern Schritt der Ewigkeit entgegen tun. Du musstest es, wenn du dir selbst treu bleiben wolltest. Aber war das dann nicht eine Untreue gegen den, dem du so Vieles verdanktest? Warst du nicht durch hundert Bande mit dem alten Freund verbunden wie der Baum durch seine Wurzelfasern mit der Erde? Und wer weiß, da hast du es auch versucht, dich aufzulehnen gegen den, der dir jetzt die Hand geben und dich weiterführen wollte: Bist du mehr als der, dem ich bis jetzt gefolgt? Bist du mehr als unser Vater
So kann es einem gehen, wenn man es erleben muss, dass die Gedanken und Ideen, in denen man selbst gelebt, an denen wir gearbeitet und die uns gestärkt haben, vorübergehen und von andern abgelöst werden. Das menschliche Geistesleben gleicht dem Wellenschlag am Ufer des Meeres oder Sees. Da folgt eine Woge in gewaltigem Schwung der andern, jetzt erhebt sie sich und überstürzt ihre Vorgängerin, aber so mächtig sie rauscht, sie ist nicht die letzte. So folgen und drängen und überstürzen sich die Gedanken und Anschauungen der Menschen in5 rastloser Folge. Aber es ist ein schmerzliches Gefühl, auf der Höhe einer Woge zu stehen und dann gewahr zu werden, dass hinter uns bereits eine neue, größere kommt. Da hat Einer vielleicht vor 30 Jahren einen guten Gedanken, eine treffende Auffassung gehabt, z. B. in politischen Dingen. Man hörte auf ihn, er sang sein Lied immer wieder und nicht nur er, sondern hunderte und tausende sangen es mit ihm. Aber nach 30 Jahren oder schon früher kam die |418 nächste Woge, andre sangen ein anderes Lied und schon begannen die hunderte und tausende es mitzusingen. Es gibt Parteien, die noch vor wenig Jahrzehnten den kühnen, radikalen Fortschritt bedeuteten und die heute bereits gründlich altmodisch geworden sind und es nötig haben, immer wieder zu versichern, dass sie «voll und ganz» auf der Höhe der Zeit stünden. Das ist das beste Zeichen, dass es nicht mehr wahr ist. Man könnte Beispiele nennen für dieses Überholtwerden aus allen Gebieten des Lebens, aus der Technik, aus der Wissenschaft, aus der Kunst, aus der religiösen Gedankenwelt. Es ist ernsthaft und schmerzlich für lebendige Menschen, diese Erkenntnis zu machen, dass man nicht mehr auf der Höhe sei. Und da machen wir es dann Alle gern wie dort die Juden mit ihrem
So machen wir es aber überhaupt gern den Gedanken und Lebenskreisen Anderer gegenüber. Wir Menschen sind eine gar vielfältige Gesellschaft, wir leben so nebeneinander hin, ein Jeder in seinem Kreis oder Kreislein von Beschäftigungen und Interessen, zu denen wir durch unsre Begabung oder Lebenslage geführt worden sind. Da ist der erste Bauer und der zweite sozialistischer Arbeiter, der dritte Abstinent und der vierte Turner, der fünfte spielt auf der Geige und der sechste züchtet Bienen, der siebente hält sich zur Landeskirche und der achte geht in die Versammlung6 – so hat jeder seinen kleinen Punkt, von dem aus er die Welt betrachtet, und in jedes Kopfe sieht sie wieder ein wenig anders aus. Das ist ganz in der Ordnung so, wenigstens sagen wir es, es sei in Ordnung. Und doch fällt es uns so schwer, die andern wirklich ihre Wege gehen zu lassen, obwohl wir gut einsehen, dass diese Wege auch gegangen werden müssen. Es kommt uns vor wie eine Art Beleidigung, wenn wir dem Andern zusehen, wie er so ganz in seinem Kreis befangen ist und tut, als ob der unsrige nicht da wäre. Er ist einseitig! sagen wir, weil er auf einer andern Seite des |419 reichen Lebens steht als wir. Er hat keine Interessen! sagen wir, weil er wirklich nicht die unsrigen hat. Ich denke daran, wie so mancher Lehrer der Arbeit des Pfarrers mit Misstrauen und Gleichgiltigkeit gegenüber steht, weil es sich da wirklich um Dinge handelt, die nicht auf dem Stundenplan auch der besten Schule unterzubringen sind.7 Und gerade so stehen wieder manche Pfarrer den Lehrern gegenüber. |
Oder ich will ein Beispiel aus unserm Dorf nennen: Wir haben zwei Abstinenzvereine: im einen wird etwas mehr weltlich geredet, im andern etwas mehr geistlich.8 Für beide Arten lässt sich viel sagen und beide tun eine gute Arbeit. Und doch fühlt man auf beiden Seiten, wie ich schon gemerkt habe, einen gewissen leisen Verdruss über die Andern, die es anders machen. «Dass die jetzt auch meinen, sie müssten etwas Besonderes haben», hört man von hüben und drüben. Und so geht es durch das ganze Leben. Überall und überall gibt es Zusammenstöße mit Andern, die uns zum Trotz etwas Neues oder doch etwas Besonderes wollen. Wir ahnen wohl auch meistens, dass diese Andern in ihrer Weise auch etwas Gutes, etwas Besseres vielleicht haben und vertreten; aber gegen diese Ahnung lehnt sich unser Selbstbewusstsein auf. Mein
Ich sagte, das sei nun recht menschlich gedacht und geredet. Menschlich recht und göttlich ist es darum nicht! Aus der zornigen Anrede jener Juden an Jesus schimmert neben dem verletzten Respektgefühl und dem verwundeten Selbstbewusstsein auch die gestörte Trägheit
|420 ihres Geistes hervor. Ihre Verehrung für den Vater ihres Glaubens und ihre Freude darüber, seine Kinder zu sein, das waren große und schöne Gedanken, wohl uns, wenn wir solche haben! Aber es geht uns oft so, dass wir gerade über großen und schönen Gedanken einschlafen. Man ruht nie süßer, als wenn man sich gründlich für irgend ein Ideal begeistert hat. Ich habe das Gefühl, ihre Worte gegen Jesus tönen wie die eines Menschen, den man eben aus dem sanftesten Schlaf geweckt hat und der sich nun im Bett aufrichtet und dagegen protestiert: Bist du mehr als unser Vater
Für diese allgemein-menschliche Notlage, die bei jenen Juden nur besonders deutlich zum Ausdruck kam, hat nun Jesus ein wundervolles Wort gesagt, das uns recht in Fleisch und Blut übergehen sollte, obwohl es auf das erste Hören etwas merkwürdig klingt. Er hat ihnen auf ihre Beschwerde geantwortet: Abraham, euer Vater ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich. Abra|421ham hat den Tag Jesu gesehen, und er hat ihn mit Freude gesehen. Was sollen wir uns dabei denken? Man hat das schon so erklärt:
Seht, das ist euer Abraham! wollte Jesus sagen. Ihr beruft euch auf ihn, ihr nennt ihn euren Vater und euch seine Kinder, um vor mir Ruhe zu haben. Aber wie, wenn Abraham ganz ein Anderer ist, als ihr euch denkt, wenn er selbst es euch gar nicht erlaubt, vor mir Ruhe zu |422 haben?! Meint ihr, er, der sein ganzes Leben lang nur lauschte auf den Ruf Gottes, der ihn vorwärts führen möchte, er würde euch erlaubt haben, euch die Ohren zu verstopfen, euch dazu gar noch mit seinem Namen zu verteidigen, nur um nicht auch vorwärts zu müssen? Nein, ihr Leute, der Mann steht auf meiner Seite. So gewiss er vorwärts gesehen hat auf das, was Gott ihm zu zeigen hatte, so gewiss hat er auch mich gesehen, ohne mich zu sehen [vgl.
Ich sagte, das sei ein wundervolles Wort. Denn es redet davon, wie Alles Göttliche, alle Offenbarung in der Menschheit zusammengehört, unter sich eine Einheit und Zusammenhang bildet. Die Einheit besteht darin, dass Gott die Menschen weiter und höher führt. Abraham ist die Weissagung, Jesus die Erfüllung. Ein neuer Dichter hat von dieser Einheit geredet:
Aber die Adventsbotschaft dieses Wortes Jesu hat ihren ganz besondern Klang. Es will uns herausführen aus der Notlage, den Zeiten, in denen uns unser bisher Höchstes in Schatten und damit in Zweifel gestellt wird. Wir sehen, wie uns das so oder so Allen wiederfährt. Es gehört zum Leben. Und nun hören wir: aus dieser Notlage kann ein fröhlicher Advent, will sagen: eine Ankunft Gottes werden in unserm |423 Leben.
424Das Leben von uns Allen könnte so schön und reich werden, wenn wir Jesu Wort verstehen und anwenden lernen wollten, dass wir
- Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen» von
M. Schirmer , Strophen 1.4.5 (RG 365, 1.5.6; EG 9, 1.5.6). - Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von
H. Held , Strophen 1–4 (RG 369; EG 12).