10. Dezember 1911

Predigt: Johannes 8,52–56

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Johannes 8,52–56
Da sprachen die Juden zu Jesus:… Bist du mehr denn unser Vater Abraham?… Was machst du aus dir selbst? Jesus antwortete:… Abraham, euer Vater, ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich.
Liebe Zuhörer!

Das sind schwere, aufregende und schmerzliche Momente und Zeiten in unserm Leben, wenn das, was bisher unserm Herzen und Gefühl das Größte gewesen war, in den Schatten gestellt wird durch etwas noch Größeres. Ein solches Erlebnis haben die Juden gemacht in dem Gespräch mit Jesus, aus dem ich euch einige Worte vorgelesen habe. In ihren Herzen lebte bis dahin das Bild eines Mannes, in dem sie den Inbegriff eines gottwohlgefälligen Lebens verehrten. Dieser Mann war Abraham, der Stammvater ihres Volkes und der Ahnherr ihrer Religion. Noch heute wird es dem gläubigen Juden hoch und hehr zu Mute nur schon beim Klange der Worte: Abraham, Isaak und Jakob. Abraham insbesondere ist ihm der Held seiner innersten, heiligsten Gedanken, das leuchtende Vorbild der rechten Gottesfurcht und des rechten Wandels. Der Vergleich hinkt, aber man könnte sagen: Abraham ist ihm für seine Frömmigkeit, was uns Wilhelm Tell1 und Arnold Winkelried2 für die Vaterlandsliebe sind. Aber in diesem tiefen Respekt vor der teuren Gestalt der Vorzeit lag und liegt zugleich ein gutes Stück des israelitischen Selbstbewusstseins. Abraham ist «unser Vater Abraham». Wir sind seines Geschlechts und seiner Art: in diesem Gefühl sonnte sich der Jude in guten und bösen Tagen. Er wusste sich als etwas Besonderes, Überlegenes gegenüber den Andern, die einen solchen Ahnherrn nicht hatten. Gerade wie es z. B. bei uns im |416 Aargau auch nicht bloß Respekt, sondern immer ein Stück Selbstbewusstsein ist, wenn man etwa von unserm Augustin Keller3 oder von unserm Heinrich Zschokke4 redet.

In diesem Gefühl fühlten sich die Juden verletzt oder bedroht durch die Worte Jesu: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich [Joh. 8,51]. Von Abraham war gar nicht die Rede gewesen. Jesus hatte kein Wort gegen ihn gesagt, nicht einmal seinen Namen genannt. Aber vielleicht war es gerade das, was die Juden erregte. Wie konnte man in Israel vom ewigen Leben reden, ohne des heiligen Vorfahren Erwähnung zu tun. Ja, war es überhaupt recht, war es nicht eine Gotteslästerung, ewiges Leben zu verkündigen anders denn mit der Begründung:… denn ihr seid Abrahams Kinder!? [vgl. Joh. 8,37] So jemand mein Wort wird halten…! Da war es ihnen, wie wenn ein Schatten über die Sonne ginge, wie wenn ein Fluss, der bisher ihre Mühlen getrieben und ihr Feld gewässert, plötzlich abgeleitet und ihnen genommen würde, wie wenn ihnen der feste Boden unter den Füßen weggezogen würde. Wenn Abraham abgesetzt war, dann waren sie es mit ihm. Wenn er nicht mehr das Höchste war, das man sich auf Erden denken konnte, dann war es auch mit ihrer eigenen Vorzugsstellung zweifelhaft bestellt. Ihr Ideal war bedroht. Und so kam es finster und grollend aus ihrem Innern hervor: Bist du mehr denn unser Vater Abraham?… Was machst du aus dir selbst?

Das ist nun ein recht menschlicher Vorgang. Wir haben Alle auch schon so gegrollt. Wenn auch nicht wegen Abraham, so doch wegen etwas Anderem, das uns bisher das Höchste, das uns bisher Ideal gewesen war und plötzlich vor einem noch Höhern das Feld räumen musste. Du hast vielleicht in einer großen, aufrichtigen Verehrung an einem anderen Menschen gehangen. Er ist dir jahrelang etwas gewesen, was dir kein Anderer war, du hast das Gefühl, er habe dir erst |417 deine Seele geschenkt, so sehr war er dir im Allerinnersten ein Ansporn, eine Stütze, eine Kraft. Er hat dich auf eine höhere, bessere Stufe deines Daseins, er hat dich einen Schritt näher zur Ewigkeit geführt. Gott schenkt uns Allen immer wieder solche Menschen. Aber jetzt kam ein Anderer in dein Leben hinein, du hast ihn zuerst nicht beachtet, es fiel dir gar nicht ein, ihn mit dem ersten auch nur zu vergleichen. Aber eines Tages hattest du die beiden doch verglichen, ohne es zu wollen, und du konntest dir nicht verhehlen, dass dir der neue Freund auch etwas zu bringen, auch eine Seele zu schenken hätte. Aber der Alte, der dir bisher Alles gewesen war? Da kam dein Inneres in eine große Unruhe und Betrübnis. Du fühltest deutlich: du warst vor eine neue Stufe nach oben gestellt, du solltest einen weitern Schritt der Ewigkeit entgegen tun. Du musstest es, wenn du dir selbst treu bleiben wolltest. Aber war das dann nicht eine Untreue gegen den, dem du so Vieles verdanktest? Warst du nicht durch hundert Bande mit dem alten Freund verbunden wie der Baum durch seine Wurzelfasern mit der Erde? Und wer weiß, da hast du es auch versucht, dich aufzulehnen gegen den, der dir jetzt die Hand geben und dich weiterführen wollte: Bist du mehr als der, dem ich bis jetzt gefolgt? Bist du mehr als unser Vater Abraham? Was machst du aus dir selbst? – |

So kann es einem gehen, wenn man es erleben muss, dass die Gedanken und Ideen, in denen man selbst gelebt, an denen wir gearbeitet und die uns gestärkt haben, vorübergehen und von andern abgelöst werden. Das menschliche Geistesleben gleicht dem Wellenschlag am Ufer des Meeres oder Sees. Da folgt eine Woge in gewaltigem Schwung der andern, jetzt erhebt sie sich und überstürzt ihre Vorgängerin, aber so mächtig sie rauscht, sie ist nicht die letzte. So folgen und drängen und überstürzen sich die Gedanken und Anschauungen der Menschen in5 rastloser Folge. Aber es ist ein schmerzliches Gefühl, auf der Höhe einer Woge zu stehen und dann gewahr zu werden, dass hinter uns bereits eine neue, größere kommt. Da hat Einer vielleicht vor 30 Jahren einen guten Gedanken, eine treffende Auffassung gehabt, z. B. in politischen Dingen. Man hörte auf ihn, er sang sein Lied immer wieder und nicht nur er, sondern hunderte und tausende sangen es mit ihm. Aber nach 30 Jahren oder schon früher kam die |418 nächste Woge, andre sangen ein anderes Lied und schon begannen die hunderte und tausende es mitzusingen. Es gibt Parteien, die noch vor wenig Jahrzehnten den kühnen, radikalen Fortschritt bedeuteten und die heute bereits gründlich altmodisch geworden sind und es nötig haben, immer wieder zu versichern, dass sie «voll und ganz» auf der Höhe der Zeit stünden. Das ist das beste Zeichen, dass es nicht mehr wahr ist. Man könnte Beispiele nennen für dieses Überholtwerden aus allen Gebieten des Lebens, aus der Technik, aus der Wissenschaft, aus der Kunst, aus der religiösen Gedankenwelt. Es ist ernsthaft und schmerzlich für lebendige Menschen, diese Erkenntnis zu machen, dass man nicht mehr auf der Höhe sei. Und da machen wir es dann Alle gern wie dort die Juden mit ihrem Abraham: Wir erinnern uns an all die Gründe und Erfahrungen, die, die uns dahin geführt haben, wo wir jetzt stehen, wir klammern uns mit einer gewissen mürrischen Verdrossenheit an das Alte und fragen zornig: was rüttelt ihr an dem, was sich bewährt hat? Wir sind seit 30 Jahren glücklich dabei gewesen. Wollt ihr’s etwa besser wissen? Bist du mehr als unser Vater Abraham? Was machst du aus dir selbst? – |

So machen wir es aber überhaupt gern den Gedanken und Lebenskreisen Anderer gegenüber. Wir Menschen sind eine gar vielfältige Gesellschaft, wir leben so nebeneinander hin, ein Jeder in seinem Kreis oder Kreislein von Beschäftigungen und Interessen, zu denen wir durch unsre Begabung oder Lebenslage geführt worden sind. Da ist der erste Bauer und der zweite sozialistischer Arbeiter, der dritte Abstinent und der vierte Turner, der fünfte spielt auf der Geige und der sechste züchtet Bienen, der siebente hält sich zur Landeskirche und der achte geht in die Versammlung6 – so hat jeder seinen kleinen Punkt, von dem aus er die Welt betrachtet, und in jedes Kopfe sieht sie wieder ein wenig anders aus. Das ist ganz in der Ordnung so, wenigstens sagen wir es, es sei in Ordnung. Und doch fällt es uns so schwer, die andern wirklich ihre Wege gehen zu lassen, obwohl wir gut einsehen, dass diese Wege auch gegangen werden müssen. Es kommt uns vor wie eine Art Beleidigung, wenn wir dem Andern zusehen, wie er so ganz in seinem Kreis befangen ist und tut, als ob der unsrige nicht da wäre. Er ist einseitig! sagen wir, weil er auf einer andern Seite des |419 reichen Lebens steht als wir. Er hat keine Interessen! sagen wir, weil er wirklich nicht die unsrigen hat. Ich denke daran, wie so mancher Lehrer der Arbeit des Pfarrers mit Misstrauen und Gleichgiltigkeit gegenüber steht, weil es sich da wirklich um Dinge handelt, die nicht auf dem Stundenplan auch der besten Schule unterzubringen sind.7 Und gerade so stehen wieder manche Pfarrer den Lehrern gegenüber. |

Oder ich will ein Beispiel aus unserm Dorf nennen: Wir haben zwei Abstinenzvereine: im einen wird etwas mehr weltlich geredet, im andern etwas mehr geistlich.8 Für beide Arten lässt sich viel sagen und beide tun eine gute Arbeit. Und doch fühlt man auf beiden Seiten, wie ich schon gemerkt habe, einen gewissen leisen Verdruss über die Andern, die es anders machen. «Dass die jetzt auch meinen, sie müssten etwas Besonderes haben», hört man von hüben und drüben. Und so geht es durch das ganze Leben. Überall und überall gibt es Zusammenstöße mit Andern, die uns zum Trotz etwas Neues oder doch etwas Besonderes wollen. Wir ahnen wohl auch meistens, dass diese Andern in ihrer Weise auch etwas Gutes, etwas Besseres vielleicht haben und vertreten; aber gegen diese Ahnung lehnt sich unser Selbstbewusstsein auf. Mein Abraham ist der rechte! ruft es von allen Seiten. Und darum fragen wir einander entrüstet: Willst du mehr sein als mein Abraham? Was machst du aus dir selbst?

*   *   *

Ich sagte, das sei nun recht menschlich gedacht und geredet. Menschlich recht und göttlich ist es darum nicht! Aus der zornigen Anrede jener Juden an Jesus schimmert neben dem verletzten Respektgefühl und dem verwundeten Selbstbewusstsein auch die gestörte Trägheit |420 ihres Geistes hervor. Ihre Verehrung für den Vater ihres Glaubens und ihre Freude darüber, seine Kinder zu sein, das waren große und schöne Gedanken, wohl uns, wenn wir solche haben! Aber es geht uns oft so, dass wir gerade über großen und schönen Gedanken einschlafen. Man ruht nie süßer, als wenn man sich gründlich für irgend ein Ideal begeistert hat. Ich habe das Gefühl, ihre Worte gegen Jesus tönen wie die eines Menschen, den man eben aus dem sanftesten Schlaf geweckt hat und der sich nun im Bett aufrichtet und dagegen protestiert: Bist du mehr als unser Vater Abraham? Was machst du aus dir selbst? Macht doch die Fensterladen zu, es blendet mich! Diese Trägheit hat eine tiefere Wurzel. Sie meinten, es sei genug, Abraham zum Vater zu haben. Ihr ganzes Verhalten spiegelt dies befriedigte: Es ist genug! Ich brauche nicht mehr! Sie waren sicher, aber sie waren auch untätig. Als sie Jesus reden hörten, da fühlten sie, dass sie entweder wieder tätig werden und sich bemühen oder aber in eine tiefe Unzufriedenheit, ein inneres Ungenügen verfallen müssten. Dagegen suchten sie sich zu wehren: du überhebst dich! Abraham ist mehr als du! Sie verstanden nicht, wozu ihnen Abraham gegeben war, sie brauchten seinen Namen als Schlummerkissen. Und das ist nun eine wichtige und folgenschwere Erscheinung im Leben von uns Allen: Wir verstehen, wozu uns das Große und Schöne im Leben gegeben ist. Wir lassen uns anregen und führen von Menschen, die uns etwas zu bieten haben. Wir vertreten mit Wucht die Überzeugungen, die wir einmal errungen haben. Wir wirken und denken rastlos in dem Kreise, der unsern Interessen und Fähigkeiten entspricht. Aber dann werden wir zufrieden und getrost, denken: hier bin ich, hier bleibe ich, weiter geht’s nicht. Und weil wir es so bequem haben wollen, kommt es zu jenen Zusammenstößen und Schwierigkeiten, von denen die Rede war. Wir vertragen es nicht, dass unsre Ideale von Andern in den Schatten gestellt werden, weil wir selbst uns dadurch in [den] Schatten gestellt fühlen.

Für diese allgemein-menschliche Notlage, die bei jenen Juden nur besonders deutlich zum Ausdruck kam, hat nun Jesus ein wundervolles Wort gesagt, das uns recht in Fleisch und Blut übergehen sollte, obwohl es auf das erste Hören etwas merkwürdig klingt. Er hat ihnen auf ihre Beschwerde geantwortet: Abraham, euer Vater ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich. Abra|421ham hat den Tag Jesu gesehen, und er hat ihn mit Freude gesehen. Was sollen wir uns dabei denken? Man hat das schon so erklärt: Abraham habe über die Jahrtausende hinweg wie mit einem Fernrohr gleichsam die Erscheinung Christi vorausgesehen.9 Andre haben gesagt: Abraham habe in der Unterwelt oder im Paradies die Ankunft Jesu miterlebt.10 Aber das sind etwas grobe Erklärungen, die uns eher Rätsel aufgeben als Rätsel lösen. Ich glaube, Jesus hat einfach daran gedacht, dass Abraham der Mann war, der sich rückhaltlos der Zukunft Gottes anvertraute. Gott sagt ihm: Gehe aus aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft in ein Land, das ich dir zeigen werde! [Gen. 12,1] und Abraham geht vorwärts, wie Gott es will. Gott sagt ihm in seinen alten Tagen: Deine Nachkommenschaft soll werden wie die Sterne am Himmel [vgl. Gen. 22,17], und Abraham sieht vorwärts auf das, was Gott ihm gezeigt hat. Gott sagt ihm schließlich: Nimm Isaak, deinen eigenen Sohn, den du lieb hast, und opfere ihn [Gen. 22,2], und Abraham wandert hinein in den dichten Nebel, bereit zu tun, was Gott ihn geheißen. Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit [Gen. 15,6]. Dies Glauben aber war ein rastloses, unwiderstehliches Vorwärtsschreiten. Abraham ist nicht ein Bürger, sondern ein Pilger, wir finden ihn nirgends daheim, sondern auf der Fahrt, und gerade sein Unterwegssein ist sein Glaube. – |

Seht, das ist euer Abraham! wollte Jesus sagen. Ihr beruft euch auf ihn, ihr nennt ihn euren Vater und euch seine Kinder, um vor mir Ruhe zu haben. Aber wie, wenn Abraham ganz ein Anderer ist, als ihr euch denkt, wenn er selbst es euch gar nicht erlaubt, vor mir Ruhe zu |422 haben?! Meint ihr, er, der sein ganzes Leben lang nur lauschte auf den Ruf Gottes, der ihn vorwärts führen möchte, er würde euch erlaubt haben, euch die Ohren zu verstopfen, euch dazu gar noch mit seinem Namen zu verteidigen, nur um nicht auch vorwärts zu müssen? Nein, ihr Leute, der Mann steht auf meiner Seite. So gewiss er vorwärts gesehen hat auf das, was Gott ihm zu zeigen hatte, so gewiss hat er auch mich gesehen, ohne mich zu sehen [vgl. Hebr. 11,27]. Und nicht ein Verdruss, sondern eine Freude war es ihm, vorwärts zu sehen, aufwärts nach der Reihe unendlicher Stufen, die zu Gott führen. Mein Tag, mein Werk, sie liegen nur in der Richtung, in die der Glaube Abrahams, sein großes Vertrauen und sein großer Gehorsam gesehen haben. Wer den Weg Abrahams zu Ende geht, der kommt zu mir. Was steht ihr und murrt. Abraham ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich!

Ich sagte, das sei ein wundervolles Wort. Denn es redet davon, wie Alles Göttliche, alle Offenbarung in der Menschheit zusammengehört, unter sich eine Einheit und Zusammenhang bildet. Die Einheit besteht darin, dass Gott die Menschen weiter und höher führt. Abraham ist die Weissagung, Jesus die Erfüllung. Ein neuer Dichter hat von dieser Einheit geredet:

Es ist ein Strom erflossen,
Der wallt gar tief und hell.
Gott selbst hat ihn ergossen
Aus seines Herzens Quell.
In Abrahams Gezelten
Begann sein stiller Lauf,
Rauscht nun durch alle Welten
Und höret nimmer auf.11

Aber die Adventsbotschaft dieses Wortes Jesu hat ihren ganz besondern Klang. Es will uns herausführen aus der Notlage, den Zeiten, in denen uns unser bisher Höchstes in Schatten und damit in Zweifel gestellt wird. Wir sehen, wie uns das so oder so Allen wiederfährt. Es gehört zum Leben. Und nun hören wir: aus dieser Notlage kann ein fröhlicher Advent, will sagen: eine Ankunft Gottes werden in unserm |423 Leben. Abraham freute sich, dass er meinen Tag sehen sollte. Was uns bisher das Höchste war und was uns dann als noch Höheres entgegentritt und ängstigt, das sind nicht feindselige Mächte, sondern Magnete, die einander anziehen. Das Alte und das Neue, das Eigene und das Fremde, sie gehören zusammen wie Abraham und Jesus zusammengehören. Was du hast an Schönem und Großem, was du meinst krampfhaft verteidigen und festhalten zu müssen – es ist ja gar nicht angegriffen und verletzt. Niemand tritt dir zu nahe. Im Gegenteil: Versteh dich doch nur selber recht: Ist nicht dein Bestes gerade eine Sehnsucht, eine Hoffnung, eine Aussicht auf noch Besseres?! Ist’s nicht so, dass du dich im Grunde mit allen Fasern deines Wesens freust auf das, was dich jetzt schreckt, weil es deine Ruhe unterbricht? Lass doch diese Freude zur Entfaltung kommen, jetzt, wo der Tag da ist! Dir ist ein Mensch Großes gewesen, Alles gewesen, und nun kommt ein Anderer und will dich andre Wege führen. Du aber bist unwillig und willst dem Ersten nicht untreu werden. Denke doch nicht so! Abraham freute sich, dass er meinen Tag sehen sollte. Wenn dein Freund dir wirklich Großes gewesen ist und wenn du ihm wirklich treu bleiben willst, dann musst du jetzt weitergehen! Er führte dich auf die erste Reise, damit du die zweite erreichest. Lass jetzt der Weissagung die Erfüllung folgen! Du kränkst dich darüber, dass Andere jetzt andre Ideen und Überzeugungen vertreten als die, die du dir einst erkämpft, dass eine andre Strömung Geltung erlangt, ohne dass du im Stande bist zu widersprechen. Gräm dich doch nicht! Abraham ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte! Das gute Alte hat noch immer dem guten Neuen die Hand gereicht. Die Welle, die dich überschlägt, vernichtet dich nicht, sie nimmt dich mit. Und wenn du in deinem kleinen Lebenskreis mit Verdruss wahrnimmst, dass Andre andre Kreise ziehen, dass das Menschenleben mannigfaltig und Manches dir fremdartig ist, dann denk an Alles das bei und in dir selbst, was ein Anfang, ein Vorsatz, ein guter Wille und eben darum etwas Unvollkommenes ist. Du kannst sicher sein: in den dir fremden Kreisen, die Andere ziehen, ist gerade das erfüllt, was dir noch fehlt. Die Harmonie ist da, ohne dass du es weißt. Abraham freute sich, da er meinen Tag sehen sollte. Jetzt lass doch das Aufbegehren gegen Andre und erfülle dich mit dem Adventsgedanken, dass Gott größer ist als du.

424Das Leben von uns Allen könnte so schön und reich werden, wenn wir Jesu Wort verstehen und anwenden lernen wollten, dass wir Abraham nicht haben, um uns mürrisch und bequem seine Kinder zu heißen, dass uns gute Menschen, gute Gedanken, gute Fähigkeiten nicht gegeben sind, um dabei zufrieden und behaglich zu sein, sondern dass unser Bestes eine Erwartung ist. Abraham ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte. Das Ziel ist nicht hinter uns, sondern vor uns. Was du besitzest an Idealen, das ist ein Notenblatt. Noten sind noch keine Musik. Wenn du sie in den Schrank legst, so wird keine Musik daraus. Aber wenn du dich in die Noten vertiefst, wenn du sie deinen Fingern oder deiner Stimme als Wegweiser dienen lässest, dann führen dich die Noten zur Musik. So musst du dir das, was du hast, zum Wegweiser dienen lassen zu dem, was du noch nicht hast. Das ist die Adventsbotschaft von der Weissagung und Erfüllung. Einmal heißt’s dann auch von dir wie von Abraham: und er sah meinen Tag und freute sich. Und das ist dann die ewige Weihnachtszeit.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 89: «Nun jauchzet all’, ihr Frommen» von M. Schirmer, Strophen 1.4.5 (RG 365, 1.5.6; EG 9, 1.5.6). 🎵
  • Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von H. Held, Strophen 1–4 (RG 369; EG 12). 🎵

Sachfußnoten

1
Legendärer Innerschweizer Freiheitskämpfer, Vorbild für Friedrich Schillers Drama «Wilhelm Tell» (1804) 📖.↩
2
Vgl. oben, S. 115f., Anm. 1.↩
3
Augustin Keller (1805–1883) war ein liberal-radikaler Politiker aus dem Aargau und jeweils langjähriges Mitglied des Großrats und des Regierungsrats des Kantons Aargau, des National- und des Ständerats (bei Letzteren 1857/58 bzw. 1871/72 deren Präsident); Keller war scharfer Kritiker der römisch-katholischen und Mitbegründer der christkatholischen Kirche.↩
4
Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771–1848), Schriftsteller und Pädagoge, Mitbegründer der «Kulturgesellschaft» (vgl. oben, S. 371, Anm. 15).↩
5
Mskr.: «ist»; von den Hrsg. geändert.↩
6
D. h. in die pietistische Gemeinschaft (vgl. oben, S. 255, Anm. 6).↩
7
Möglicherweise ist dieses Beispiel veranlasst durch die Diskussion über das aargauische Schulgesetz, in der besonders die Frage des Religionsunterrichts die Gemüter erhitzt hatte: «Über diese Frage ist bei der ersten Lesung des Schulgesetzes im aargauischen Großen Rate bekanntlich eine lebhafte Debatte entstanden» (Art. «Religionsunterricht in der Schule», in: Zofinger Tagblatt, Nr. 250, 25.10.1911, [S. 1] 📖).↩
8
Neben dem «Verein des Blauen Kreuzes» wird es sich um den örtlichen Ableger des sozialdemokratischen Abstinentenbundes handeln, den es seit 1900 in der Schweiz gab (vgl. M. Kuratli, Alkohol und Kapitalismus überwinden. Sozialistischer Abstinentenbund, in: Neue Zürcher Zeitung, 28.3.2014 📖).↩
9
Vgl. beispielsweise J. Chr. R. Eckermann, Erklärung aller dunkeln Stellen des Neuen Testaments, in einer treuen Übersetzung, mit eingeschalteten Erklärungen, Bd. 2: Das Evangelium Johannes, die Apostelgeschichte und Paulus Brief an die Römer, Kiel 1807, S. 79 📖: «Abraham, euer Stammvater, würde sich sehr gefreut haben, wenn er meine Zeit erlebt hätte; […] Doch er sahe sie (im Glauben voraus, die Zeit, in welcher sein Glaube ein Seegen für die Menschheit ohne Unterschied der Völker werden sollte […]) […].»↩
10
Vgl. etwa G. Chr. Knapp, Biblische Glaubenslehre. Vornehmlich für den praktischen Gebrauch, aus der hinterlassenen Handschrift unverändert hrsg. von H. E. F. Guerike, Halle 1840, S. 138 📖: «[…] Jesus selbst sagt ausdrücklich, vgl. Joh. 8, 56., Abraham habe sich der Erscheinung des Messias auf Erden gefreut, und diese Zeit zu erleben gewünscht; er habe sie auch erlebt, nur nicht als Erdenbürger, sondern im Reiche der Seligen.»↩
11
Strophe 1 des Liedes «Es ist ein Strom erflossen» von V. Fr. von Strauß (GERS 156) 🎵.↩