3. Dezember 1911

Predigt: 1.Timotheus 2,4 (Mission)

404
89
Mission
1.Timotheus 2,4
Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.
Liebe Freunde!

Der heutige Sonntag ist Missionssonntag. Auch unser Text fordert uns auf zum Interesse und zur Teilnahme an der Missionsarbeit. Ich muss euch vor Allem offen gestehen, dass ich diese Aufforderung in erster Linie auf mich selber beziehe. Ein Pfarrer muss immer in erster Linie sich selber predigen. Ich tue das aber heute in besonderer Weise. Denn es sind jedenfalls Viele unter euch, die weitaus das größere Missionsinteresse haben als ich. Ich beneide sie darum. Ich bin noch nicht so weit. Ich war bis jetzt innerlich zu sehr mit andern Dingen – auch mit guten Dingen beschäftigt, als dass mir die Verbreitung des Christentums unter den Heiden sehr ans Herz gewachsen wäre. Was ich bis jetzt darüber gelesen und gehört habe, hat mir nicht warm gemacht. Ich stehe der Sache, von der ich heute reden soll, etwas fremd gegenüber. Das empfinde ich als einen Fehler. Aber es ist so; ich muss ehrlich sein. Darum werde ich den Missionsfreunden in unsrer Gemeinde mit meiner heutigen Predigt kaum viel bieten können. Vielleicht wäre ich heute besser unter der Kanzel als auf der Kanzel. Aber dann denke ich wieder, es sind Andre da, denen es geht gerade wie mir. Sie sind aus diesem oder jenem Grund lau oder sogar gleichgiltig, ja abgeneigt gegen die Mission gestimmt. Die sollen mir heute besonders gut zuhören. Ich will ihnen Alles das sagen, was ich mir selber vorhalte, wenn ich an meine unbefriedigende Stellung zur Mission denke. Vielleicht helfe ich euch damit besser, als wenn ich von einem fertigen Standpunkt auf euch herunterpredigte. Gemeinsam suchen wollen wir nach den Wegen, die uns vielleicht auch einmal zu einer aufrichtigen Freude an der Mission führen werden.

405*   *   *

Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, heißt unser Text. Dass den Menschen geholfen werden soll, das ist wohl ein fester Punkt, in dem wir Alle einig sind, und ebenso darin, dass wir Alle dabei in irgend einer Weise mitwirken sollten. Die sind doch ganz selten, die es so einfach heraussagen: Die Menschen gehen mich nichts an, ich habe für mich selbst zu sehen! Sondern die Allermeisten haben das klare Gefühl, dass es eine Pflicht und eine Ehre ist, zu helfen in der Welt. Ich denke an Alles das, was die Post mir ins Haus bringt an Programmen und Berichten und Sitzungseinladungen und auch an Nachnahmen für die verschiedenen humanitären Anstalten und Werke und muss sagen: es wird viel getan, es ist viel guter Wille zur Hilfe unter uns. Ich denke an die soziale Bewegung, die ja auch vor Allem eine Regung der Hilfe, der Solidarität ist. Ich denke daran, wie man oft bei den einfachsten Leuten eine rührende Bereitschaft findet, einander zu helfen und beizustehen. An alledem haben wir alle Freude und spüren wohl die Notwendigkeit, dass wir auch irgendwie und irgendwo helfen sollten, wenn wir es bis jetzt noch nicht getan haben. |

Aber nun kommen Leute, die sagen uns: nicht nur eurem Nachbar, nicht nur den Armen und Kranken von Safenwil, nicht nur den vater- und mutterlosen Kindern im Bezirk Zofingen,1 nicht nur den Taubstummen in der Schweiz, nicht nur ihr Arbeiter untereinander sollt euch helfen, – sondern seht: da sind die Neger in Kamerun, da sind die Hinduvölker, da sind die Chinesen und Japaner,2 die sind auch da, die haben euch auch nötig. Nicht nur euer Geld, sondern – was viel schwerer ist – euer Herz möchten wir haben für ein Werk, das darin besteht, auf den andern Seiten des Erdballs absolut fremde Menschen |406 zu Christen und rechten Menschen zu erziehen. Wenn man uns das sagt, dann zitieren wir gerne das schöne Sprüchlein:

Warum in die Ferne schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!3

Ja, so denken wir: Es gibt so viel Not und Elend bei uns, warum schickt man da Geld und Kleider nach Indien, statt es hier zu verwenden? Es fehlt so vielen Kindern bei uns an einer rechten, sorgfältigen Erziehung, warum baut man da Schulen an der Goldküste für die kleinen Neger, statt den kleinen Schweizern doppelte Mühe und Aufmerksamkeit zu widmen. Und wenn man dann die Leute zu Christen bekehren will, warum fängt man nicht lieber mit den getauften Heiden an, die in nächster Nähe erreichbar sind, statt mit Leuten, an die man erst nach einer dreiwöchigen kostspieligen Reise herankommt? Nicht wahr, meine Freunde, so oder ähnlich sieht das naheliegendste Bedenken aus, das wir zu erheben haben, wenn man unsre Hilfe will für die Mission, für die Heiden. Ich verstehe dieses Bedenken und habe es auch geteilt früher, aber ich muss mir dagegen sagen, dass es gar nicht wahr ist, dass die heidnischen Völker für uns in der Ferne sind. Das war einmal so: Vor 400 Jahren waren die Menschen in Indien und Japan für die Europäer so fremde, fabelhafte Wesen wie für uns heute die Bewohner des Monds, wenn es solche gibt. Darum ist z. B. den Reformatoren der Gedanke an Mission nur auch gar nicht gekommen. Noch vor 100 Jahren konnte Goethe sagen:

Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinanderschlagen …4

407Das ist seitdem anders geworden. Die Erde ist kleiner geworden. Durch die Verkehrsmittel der heutigen Zeit, die Eisenbahnen, Schnelldampfer und Telegraphen mit ihrer ganzen immer vollkommeneren Technik sind uns die einst entfernten Länder näher gerückt worden. Wir wissen heute in aller Ausführlichkeit, was gestern in Peking geschehen ist. Wir reisen heute gemächlicher nach Kalkutta als früher nach Berlin. Wir sind in unserm täglichen Leben umgeben von Produkten jener «fernen» Länder. Jede Tasse Tee erinnert uns an den Chinesen, und jede Kaffeebohne sagt uns, dass es Neger gibt. Wir dürfen nicht sagen: sie gehen uns nichts an, sie sind zu weit weg. Sie sind durch das große Hin und Her des modernen Weltverkehrs tatsächlich unsre «Nächsten» geworden. Wenn es uns ernst ist mit dem Helfen, müssen wir auch ihnen helfen wollen. Aber wir können immerhin einmal zugeben, dass China und Afrika wenigstens für unser Gefühl immer noch recht weit weg sind. Das ändert nichts an unsrer Pflicht zu helfen. Ja, im Gegenteil: das gibt unsrer Hilfe erst Kraft und Schwung, wenn sie in die Ferne und nicht nur in die Nähe gehen muss. Die Hilfe in die Nähe hat oft so etwas Kleines, Selbstsüchtiges. Oder ist es etwa nicht selbstsüchtig und klein, was ich schon habe sagen hören: das Safenwiler Geld würde am Besten nur für Safenwil gebraucht werden, der übrige Bezirk könne für sich selbst sehen. Andre gehen in ihrer Hilfsbereitschaft etwas weiter, sie wollen ihr Geld gern dem ganzen Bezirk Zofingen zugute kommen lassen, aber ein Weiteres käme ihnen schon von Übel vor. Ist unsre Hilfe nicht oft fast ein wenig wie eine Versicherung? Wir geben, weil wir denken, dass wir auf allerlei Umwegen etwas davon haben werden. Da ist es doch etwas Kostbares, dass die Mission eine Hilfe verlangt in die Ferne, eine Hilfe, von der wir wirklich gar nichts haben. Es muss einem wirklich schon rein ums Helfen zu tun sein und um gar nichts Anderes, wenn man für die Mission das Herz und den Geldbeutel auftun will. Aber haben wir es dann nicht gerade nötig, dass wir zu solcher reinen Hilfe erzogen werden, dass wir hinaussehen lernen über den Bezirk unsres Kirchturms und sogar über den Bezirk Zofingen hinaus? Sind wir nicht recht unsichere Helfer, solange wir so beschränkte Helfer sind? Gott |408 will, dass allen Menschen geholfen werde. Wir müssen auch wollen, dass allen Menschen geholfen werde, den Nahen und den Fernen; dann erst ist unsre Hilfe göttliche Hilfe. |

Und nun können wir gleich noch etwas sagen: Die Hilfe in die Nähe ist noch nie zu kurz gekommen, wo man jene reine, göttliche Hilfe in die Ferne wirklich geübt hat. Die sich beklagen darüber, dass man Geld nach China schicke, sind leider auch im Aargau nicht immer die Hilfwilligsten, sondern die gerne in China helfen sind gewöhnlich auch die, die das wärmste Herz für die Not im Aargau haben. Warum? Ihre Liebe ist weit und tief und schwungvoll geworden durch die Hilfe in die Ferne, und diese Kraft kommt der Hilfe in die Nähe zugute. Die Liebe ist eben das einzige Kapital, das wächst, indem man ausgibt! Ich glaube, es würde sogar dem Solidaritätsgefühl der Freunde von der Arbeiterschaft nichts schaden, wenn sie es einmal nicht nur Ihresgleichen zugutekommen lassen würden. Es besteht vielleicht ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Mission und dem rechten sozialen Gedanken.

*   *   *

Aber nun kann man sagen und sagt man: ja, die heidnischen Völker gehen uns etwas an, wir sind ihnen etwas schuldig, wir müssen ihnen helfen. Aber was wir ihnen bringen wollen, das ist nicht das, was die Mission ihnen bringt. Man müsste sie vor Allem bilden, ihnen die Errungenschaften unsrer heutigen europäischen Kultur mitteilen. Ist gerade das Christentum das, was sie nötig haben? Da müssen wir uns nun gut besinnen. Wir5 hören: Gott will, dass allen Menschen geholfen werde. Hilft man den Leuten damit, dass man ihnen die europäische Kultur bringt? Ja und Nein. Wenn man bei der europäischen Kultur an Telegraphen, Automobile und Kanonen denkt, dann können wir fröhlich sagen: nein, das hilft keinem Chinesen und Neger, wenn man ihn mit diesen Dingen beglückt. Wir selber sind mit dem Allem zwar geschickter geworden, aber nicht besser. Die Technik hat im Gegenteil die Gefahr in sich, uns unfrei und ängstlich zu machen. |409 Die Maschinenarbeit bedeutet für viele Tausende eine Geistesabstumpfung sondergleichen. Und mit der Herrschaft der Maschinen hängt es ebenso sehr zusammen, dass wir ein so nervöses Geschlecht sind.6 Da werden wir uns zweimal besinnen, bevor wir den Heiden unsre Maschinen bringen und ihnen sagen: das ist nun die Hilfe, die wir euch leisten wollen. |

Es hatte doch fast etwas Symbolisches an sich, als im Boxeraufstand vor zehn Jahren in China7 und im Hererokrieg in Südwestafrika8 die modernen Geschütze und Gewehre sich gegen die europäischen Ein|410dringlinge richteten: der Segen der Technik ist zweischneidig. Aber vielleicht wäre es schön, den heidnischen Völkern vor allem unser Wissen beizubringen? 6000 Missionare sind auf der ganzen Welt am Werke – würden 6000 Schullehrer nicht die bessere Arbeit tun? Ja, das wäre freilich schön – und die 6000 Missionare sind auch tatsächlich vor Allem Schullehrer, und wenn man in Kamerun vorläufig noch keine so schönen Schulhäuser mit Schulküche und Badeinrichtung baut wie in Safenwil,9 so fehlt es nicht an gutem Willen dazu, sondern am Geld. Dass Volksbildung Volksbefreiung ist, dass weiß man in der Mission so gut wie bei uns im Aargau. |

Aber auf der andern Seite ist auch die Volksbildung, die durch Lehrer und Schule mitgeteilt werden kann, noch nicht die Hilfe, die die Menschen nötig haben, bei jenen fernen Völkern so wenig wie bei uns. Denn Wissen ist noch nicht Leben, Kenntnis ist noch nicht Bildung. Kultur des Wissens und der Kenntnisse haben die Inder und Chinesen gehabt, längst bevor die Europäer zu ihnen kamen. Sie können sogar mit einem gewissen Stolz auf uns heruntersehen: ihre Vorväter trieben Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft zu einer Zeit, als unsre Vorväter noch in hohlen Bäumen von einem Pfahldorf zum andern ruderten. Aber was ihnen fehlt, das ist die Kultur des Lebens und der innern Bildung. Die Wissenschaft hat die Chinesen nicht geschützt vor der Barbarei, wie sie in den Zeiten des Aufstands zum Vorschein kam, und die Inder nicht vor der träumerischen Trägheit, an der dieser Raum nun seit Jahrhunderten krankt. Haben wir ihnen nichts Besseres zu geben als unsre Wissenschaft, dann ersetzen wir bloß einen Firnis durch den andern. Das zeigt sich jetzt z. B. in Japan. Man hört von hohen Beamten und Offizieren, die völlig europäisch «gebildet» sind, wie man so sagt, und daneben ein Amulett tragen zum Schutz vor den bösen Geistern. Ein Götzenbildchen auf der Brust unter dem modischen Gehrock: Was soll man dazu sagen? Es erinnert Einen daran, dass die Zeitungen auch in unserm Kulturkanton10 es immer wieder wagen, ihren Lesern seitenlange Inserate von Wahrsa|411gern unter die Augen zu bringen.11 Am Wissen mangelt es nicht, in Japan so wenig als bei uns. Aber das Wissen ist noch nicht die Hilfe zu einem fröhlichen, freien, klaren Leben. Das zeigt sich auch an beiden Orten. Jawohl, wir wollen ihnen unsre europäische Kultur bringen. Aber wir dürfen und wollen das Beste daran nicht vergessen. Das Beste daran ist nicht etwas Auswendiges, sondern etwas Inwendiges, nicht etwas Sachliches wie die Maschinen und Schulbücher, sondern etwas Persönliches. Das Beste in der europäischen Kultur ist der Geist Jesu, der die Menschen vertrauensvoll, tapfer und selbstlos macht. Ohne diesen Geist ist sie eine Totgeburt bei uns wie in Asien und Afrika. Wie man mit den Maschinen und mit den Schulkenntnissen ein rechter und im tiefsten Sinn brauchbarer Mensch wird, das12 müssen wir den Völkern der andern Erdteile zeigen. Dazu müssen wir ihnen unsre Religion zeigen, müssen sie einführen in die Art inneren Lebens, die in uns selbst von Jesus angeregt worden ist. Diese Aufgabe hat sich die Mission»  gestellt. Sie will den Heiden»  helfen, indem sie ihnen unser Bestes, nämlich unser Innerstes, unsern Führer zu Gott recht deutlich zu zeigen versucht.

*   *   *

Aber nun kommt gerade an dieser Stelle noch ein Einwand: Diese sogenannten «Heiden»»  haben doch auch schon vorher selbst ein solches Bestes, Innerstes, sie haben selbst eine Religion. Es ist nicht gerade unsre Religion, aber sie ist ihnen sicher so lieb als uns die unsrige. Wundervolle Worte der Wahrheit haben auch Kong-Tse, Buddha und Mohammed gesprochen, nicht nur Jesus. Mit welchem Recht kommen wir und drängen ihnen etwas auf, was ihnen fremd ist? Wir sind tief durchdrungen von der Gesinnung, die aus dem berühmten Worte Friedrichs des Großen spricht: es müsse «jeder nach seiner Façon selig werden».13 Wir sind seit Jahrhunderten gewöhnt an das friedliche Zu|412sammenleben der verschiedenen christlichen Konfessionen, und so ist es uns auch selbstverständlich geworden, auch das Christentum selbst als eine Religion neben andern zu betrachten. Wir sind tolerant, duldsam, wie man sagt. Wie passt die Toleranz zur Mission? und wie passt die Mission zur Toleranz?

Auf diese Fragen gibt es nun nur eine Antwort, und die lautet: Gott will, dass allen Menschen geholfen werde. Gott will! Woher wissen wir, dass Gott will, dass gerade wir den Andern gerade unser Bestes bringen sollen, um ihnen zu helfen? Wir müssen dieses «Gott will!» übersetzen. Wenn wir wollen, was Gott will, dann heißt es: Die Liebe Christi dringet uns also [2.Kor. 5,14]! Wenn wir rechte Christen sind, dann haben wir das Gefühl, etwas unermesslich Gutes und Schönes zu besitzen. Dieses Gute und Schöne kann aber nicht bei uns bleiben. Die Liebe Christi dringet uns, es weiterzugeben. Dazu brauchen wir gar nicht erst unsre Religion mit andern zu vergleichen. Wir brauchen andre Religionen durchaus nicht zu verurteilen. Wir gehen einfach davon aus, dass wir etwas Gutes haben und dass wir geben müssen, je mehr, desto besser. In diesem Bewusstsein geht die christliche Mission zu den Heiden. Das ist keine Unduldsamkeit. Unduldsamkeit und Liebe, die geben will, ist sehr zweierlei. Unduldsam sind vielleicht viel eher die Gleichgiltigen, die alle lassen wollen, wie sie sind: Katholiken, Türken, Juden, Buddhisten, Feueranbeter…! Es liegt etwas Verächtliches in diesem gleichgiltigen Gewährenlassen allen gegenüber, diese Verachtung ist die wahre Intoleranz, während die wahre Duldsamkeit darin besteht, dass man den Andern offen als Gegner erkennt, wie es die Mission tut, dass man ihn aber eben darum ernst und nicht gleichgiltig behandelt. |

Es ist aber auch damit nichts, als bringe die christliche Mission den Heiden etwas Fremdes. Schon der erste Missionar, der Apostel Paulus, hat seine Aufgabe so aufgefasst: Ich verkündige euch den, dem ihr unwissend Gottesdienst tut [Act. 17,23]! Er wollte sagen: es ist in eurer angestammten Religion ein Ahnen und Stammeln, ich will euch anleiten, dem Ausdruck zu geben. Jesus hat etwas merkwürdig Universales, Weltumspannendes. Gerade die tiefsten Gedanken aller Re|413ligionen sind wie Wegweiser, die auf ihn und sein Evangelium hinzuweisen scheinen. Da hat nun die Mission die schöne Aufgabe, jedem Volk zu zeigen, wie es diesen Weg, seinen eigenen Weg, gehen kann. Sie will nicht zerstören, sie will nicht einmal etwas Fremdes einpflanzen, sie will einfach veredeln, sie will das vorhandene Gute sich zum Besten entwickeln lassen. Sie erkennt mit dem sichern Blick der Liebe das göttlich Wahre, das in jedem Volk, in jedem Gebet zu jedem Gott schlummert, sie holt es heraus und bringt es zur Gestaltung, indem sie ihm die Erfüllung vorhält im Leben Jesu von Nazareth. Chinesisches, afrikanisches, indisches Christentum werden immer etwas Besonderes, Eigenes bleiben, wie schon jetzt englisches, deutsches, schweizerisches Christentum immer etwas Eigenes, Besonderes sind, aber sie finden sich Alle in dem, der sie Alle geschaffen hat. Das weltumfassende Wesen Jesu zeigt uns, dass es wirklich wahr ist: Gott will! Durch uns, die wir Jesus kennen, soll allen Menschen geholfen werden. Das ist für uns nicht ein Vorzug, sondern eine Pflicht.

*   *   *

Ich will es in zwei Punkte zusammennehmen, was über unsre Stellung zur Mission zu sagen ist:

Zuerst: Wir sind Besitzer von etwas unendlich Großem und Wertvollem. Wir kennen Jesus Christus. Wir haben aus seinem Wort oft Anregung und Kraft empfangen. Wir leben in einer Welt, die trotz allem Andersartigen ganz durchtränkt ist von seinem Geist, von seiner Art. Wir genießen die Früchte und Wirkungen seines Daseins. Wir gehen jetzt wieder in die Advents- und Weihnachtszeit hinein und werden da hoffentlich von Herzen singen und sagen:

Fröhlich soll mein Herze springen
Dieser Zeit, da voll Freud
Alle Engel singen ….14

Dann aber: Da sind ungezählte Menschen, zwei Drittel der Menschheit sind es noch heute, die haben und wissen von all dem Segen, von |414 all der Freude nichts. Sie leben in Furcht und Dumpfheit und Sünde. Sie können die ganze Welt gewinnen und nehmen doch Schaden an ihrer Seele [vgl. Mt. 16,26].

An diesen beiden Einsichten: unser Besitz und der Anderen Armut, entsteht die Arbeit der Mission.

Und durch diese beiden Einsichten hindurch führt der Weg, der uns zur Freude an der Mission führen wird.

Amen.

Sachfußnoten

1
Safenwil gehört zum Bezirk Zofingen im Kanton Aargau. Das Zofinger Waisenhaus existierte seit 1767; vgl. H. Suter, Das Waisenhaus der Stadt Zofingen, in: Zofinger Neujahrsblatt, Jg. 11 (1926), S. 3–34 📖.↩
2
Die hier und im Weiteren häufiger genannten Beispiele Kamerun, Indien, China und Goldküste (heutiges Ghana) sind allesamt damalige Missionsgebiete der Basler Mission gewesen, zu der Barth schon vom Elternhaus her engen Kontakt hatte; einzig die Nennung Japans fällt aus diesem Rahmen und dürfte wohl mit dem später in der Predigt enthaltenen Beispiel japanischer Offiziere und Beamter zu tun haben.↩
3
Angelehnt an das Gedicht «Erinnerung» von J. W. von Goethe (Erstdruck 1769; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 48) 📖:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.
↩
4
J. W. von Goethe, Faust I, V. 860–867f. (Vor dem Tor) 📖
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.
↩
5
Im Mskr. infolge der Überschreibung eines anderen Wortes kaum leserlich.↩
6
Die Rede vom «nervösen Geschlecht» oder vom «nervösen Zeitalter» war seit dem späteren 19. Jahrhundert weit verbreitet, um den besonderen Charakter des gegenwärtigen Befindens herauszustellen. Nach allgemeiner Auffassung waren es die «Nerven», die «bei den erhöhten Ansprüchen, die das gegenwärtige Leben der Kulturvölker an die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit stellt, angegriffen werden und einer abnormen Reizbarkeit und leichten Erschöpfbarkeit verfallen. In den höhern Gesellschaftsklassen sind dabei die gesellschaftlichen Strapazen vielfach von großer ursächlicher Bedeutung, bei Lebemännern der gehäufte gesundheitsschädliche Lebensgenuß auf Kosten des Schlafes, ebenso aber tritt eine Schädigung des Nervensystems auch ein bei den Männern, denen eine schwere Berufspflicht, eine angespannte Geistesarbeit, ein rastloser Kampf ums Dasein mehr zugemutet hat, als Körper und Geist auf die Dauer ohne Schaden ertragen können» (Art. «Nervenschwäche», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 14, Leipzig / Wien 19086, S. 528–530, dort S. 528 📖).↩
7
Im in Europa sogenannten «Boxeraufstand» erhoben sich 1900/1901 Chinesen gegen den europäisch-japanisch-amerikanischen Kolonialismus in ihrem Land und erzielten – u. a. mit erbeuteten modernen Waffen – zunächst beachtliche militärische Erfolge, wurden dann aber von einem 20 000 Mann starken Expeditionskorps, dem auch deutsche Truppen angehörten, niedergerungen. Den kriegerischen Handlungen fielen etwa 1000 ausländische und 2000 chinesische Soldaten zum Opfer, dazu eine hohe, unbekannte Anzahl von «Boxern» – aber weit über 100 000 Zivilisten.↩
8
Im Jahr 1904 erhoben sich in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, die Völker der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Die Aufstände waren nur punktuell und kurzfristig erfolgreich; nachdem die wenigen Kolonialtruppen im Land Verstärkung aus dem Deutschen Reich erhalten hatten, wurden sie schnell niedergeschlagen. Als Vergeltung führten die deutschen Truppen bis 1908 einen Vernichtungskrieg gegen die aufständischen Völker, dem nach Schätzungen über drei Viertel der Herero und etwa 10 000 Nama zum Opfer fielen. Die deutsche Seite hatte insgesamt 1500 Tote zu beklagen.↩
9
Zum damals neuen Safenwiler Schulhaus s. oben, S. 203, Anm. 1.↩
10
Die vielfältigen Tätigkeiten der «Kulturgesellschaft» (s. oben, S. 371, Anm. 15) brachten dem Aargau die bis heute teils bewundernd, teils spöttisch gebrauchte Bezeichnung «Kulturkanton» ein; vgl. V.u.kl.A. 1909–1914, S. 717f., Anm. 1 📖.↩
11
Siehe oben, S. 312, Anm. 4.↩
12
Mskr.: «dazu»; von den Hrsg. korrigiert.↩
13
Randnotiz Friedrichs des Großen an den Immediat-Bericht des Geistlichen Departements vom 22. Mai 1740 betr. Katholische Schulen und Proselyten-Macherei: «Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!»; vgl. Büchmann, S. 430f., dort S. 431 📖.↩
14
Beginn der Strophe 1 des Liedes «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt (RG 400/401; EG 36 [in der zweiten Zeile jeweils: «da vor Freud»]) 🎵.↩