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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: 1.Timotheus 2,4 (Mission)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1.Timotheus 2,4 (Mission), 3. Dezember 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51036 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 404–414.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: 1.Timotheus 2,4 (Mission)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">404–414</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Tim 2,4 (1. Advent): "Mission", 3. Dezember 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1532">KBA 1067</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-12-03">Sonntag, den 3. Dezember 1911</date> 
                        <lb/>(1. Advent)
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                    <head type="event"><hi rend="italic">Mission</hi></head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Timotheus 2,4</ref>
                            <quote>
                                Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Der heutige Sonntag ist <term type="Sachen" key="Missionssonntag">Missionssonntag</term>. Auch unser Text fordert uns auf zum Interesse und zur Teilnahme an der <term type="Sachen" key="Missionsarbeit">Missionsarbeit</term>. Ich muss euch vor Allem offen gestehen, dass ich diese Aufforderung in erster Linie auf mich selber beziehe. Ein <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> muss immer in erster Linie sich selber predigen. Ich tue das aber heute in besonderer Weise. Denn es sind jedenfalls Viele unter euch, die weitaus das größere <term type="Sachen" key="Missionsinteresse">Missionsinteresse</term> haben als ich. Ich beneide sie darum. Ich bin noch nicht so weit. Ich war bis jetzt innerlich zu sehr mit andern Dingen – <hi rend="italic">auch</hi> mit guten Dingen beschäftigt, als dass mir die Verbreitung des <term type="Sachen" key="Christentum">Christentums</term> unter den <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term> sehr ans Herz gewachsen wäre. Was ich bis jetzt darüber gelesen und gehört habe, hat mir nicht warm gemacht. Ich stehe der Sache, von der ich heute reden soll, etwas fremd gegenüber. Das empfinde ich als einen Fehler. Aber es ist so; ich muss ehrlich sein. Darum werde ich den <term type="Sachen" key="Missionsfreunde">Missionsfreunden</term> in unsrer Gemeinde mit meiner heutigen Predigt kaum viel bieten können. Vielleicht wäre ich heute besser unter der Kanzel als auf der Kanzel. Aber dann denke ich wieder, es sind Andre da, denen es geht gerade wie mir. Sie sind aus diesem oder jenem Grund lau oder sogar gleichgiltig, ja abgeneigt gegen die Mission gestimmt. Die sollen mir heute besonders gut zuhören. Ich will ihnen Alles das sagen, was ich mir selber vorhalte, wenn ich an meine unbefriedigende Stellung zur <term type="Sachen" key="Mission, eigene unbefriedigende Stellung zur M.">Mission</term> denke. Vielleicht helfe ich euch damit besser, als wenn ich von einem fertigen Standpunkt auf euch herunterpredigte. Gemeinsam <hi rend="italic">suchen</hi> wollen wir nach den <hi rend="italic">Wegen</hi>, die uns vielleicht auch einmal zu einer aufrichtigen Freude an der <term type="Sachen" key="Freude, an der Mission">Mission</term> führen werden.</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p405" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent"><hi rend="italic">Gott will, dass allen Menschen geholfen werde,</hi> heißt unser Text. Dass den Menschen geholfen werden soll, das ist wohl ein fester Punkt, in dem wir Alle einig sind, und ebenso darin, dass wir Alle dabei in irgend einer Weise mitwirken sollten. Die sind doch ganz selten, die es so einfach heraussagen: Die Menschen gehen mich nichts an, ich habe für mich selbst zu sehen! Sondern die Allermeisten haben das klare Gefühl, dass es eine <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> und eine Ehre ist, zu <term type="Sachen" key="Helfen, Ehre, zu helfen in der Welt">helfen</term> in der Welt. Ich denke an Alles das, was die Post mir ins Haus bringt an Programmen und Berichten und Sitzungseinladungen und auch an Nachnahmen für die verschiedenen humanitären Anstalten und Werke und muss sagen: es wird viel getan, es ist viel guter Wille zur Hilfe unter uns. Ich denke an die soziale <term type="Sachen" key="Soziale Bewegung">Bewegung</term>, die ja auch vor Allem eine Regung der Hilfe, der <term type="Sachen" key="Solidarität">Solidarität</term> ist. Ich denke daran, wie man oft bei den einfachsten Leuten eine rührende Bereitschaft findet, einander zu helfen und beizustehen. An alledem haben wir alle <term type="Sachen" key="Freude, am Helfen">Freude</term> und spüren wohl die Notwendigkeit, dass wir auch irgendwie und irgendwo helfen sollten, wenn wir es bis jetzt noch nicht getan haben. |</p>
                <p>Aber nun kommen Leute, die sagen uns: nicht nur eurem Nachbar, nicht nur den Armen und Kranken von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, nicht nur den vater- und mutterlosen <term type="Sachen" key="Waisen">Kindern</term> im Bezirk <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName>,<note xml:id="n01"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> gehört zum Bezirk <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> im Kanton <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>. Das <orgName ref="kbga-actors-10415">Zofinger Waisenhaus</orgName> existierte seit <date when="1767">1767</date>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5398"><persName ref="kbga-actors-10414">H. Suter</persName>, <hi rend="italic">Das Waisenhaus der Stadt Zofingen</hi>, in: Zofinger Neujahrsblatt, Jg. 11 (1926), S. 3–34</bibl>.</note> nicht nur den <term type="Sachen" key="Taubstumme">Taubstummen</term> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, nicht nur ihr <term type="Sachen" key="Arbeiter">Arbeiter</term> untereinander sollt euch helfen, – sondern seht: da sind die <term type="Sachen" key="Neger">Neger</term> in <placeName ref="kbga-places-1474">Kamerun</placeName>, da sind die <term type="Sachen" key="Indien / Inder">Hinduvölker</term>, da sind die <term type="Sachen" key="China / Chinesen">Chinesen</term> und <term type="Sachen" key="Japan / Japaner">Japaner</term>,<note xml:id="n02">Die hier und im Weiteren häufiger genannten Beispiele <placeName ref="kbga-places-1474">Kamerun</placeName>, <placeName ref="kbga-places-372">Indien</placeName>, <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1098">Goldküste</placeName> (heutiges <placeName ref="kbga-places-140">Ghana</placeName>) sind allesamt damalige Missionsgebiete der Basler <term type="Sachen" key="Mission, Basler M.">Mission</term> gewesen, zu der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schon vom Elternhaus her engen Kontakt hatte; einzig die Nennung <placeName ref="kbga-places-911">Japans</placeName> fällt aus diesem Rahmen und dürfte wohl mit dem später in der Predigt enthaltenen Beispiel japanischer Offiziere und Beamter zu tun haben.</note> die sind auch da, die haben euch auch nötig. Nicht nur euer Geld, sondern – was viel schwerer ist – euer Herz möchten wir haben für ein Werk, das darin besteht, auf den andern Seiten des Erdballs absolut fremde Menschen <pb xml:id="p406" ed="pga"/> zu Christen und rechten <term type="Sachen" key="Mission, fremde Menschen zu Christen und rechten Menschen erziehen">Menschen</term> zu erziehen. Wenn man uns das sagt, dann zitieren wir gerne das schöne Sprüchlein:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Warum in die Ferne schweifen?</l>
                            <l>Sieh, das Gute liegt so nah!<note xml:id="n03">Angelehnt an das Gedicht <bibl corresp="kbga-bibls-5401">«Erinnerung» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (Erstdruck 1769; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 48)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Willst du immer weiter schweifen? </l>
                                                <l>Sieh, das Gute liegt so nah. </l>
                                                <l>Lerne nur das Glück ergreifen, </l>
                                                <l>denn das Glück ist immer da.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Ja, so denken wir: Es gibt so viel <term type="Sachen" key="Not">Not</term> und <term type="Sachen" key="Elend">Elend</term> bei uns, warum schickt man da Geld und Kleider nach <placeName ref="kbga-places-372">Indien</placeName>, statt es hier zu verwenden? Es fehlt so vielen Kindern bei uns an einer rechten, sorgfältigen <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term>, warum baut man da <term type="Sachen" key="Schule, Schulhaus">Schulen</term> an der <placeName ref="kbga-places-1098">Goldküste</placeName> für die kleinen <term type="Sachen" key="Neger">Neger</term>, statt den kleinen Schweizern doppelte Mühe und Aufmerksamkeit zu widmen. Und wenn man dann die Leute zu Christen <term type="Sachen" key="Mission, fremde Menschen zu Christen und rechten Menschen erziehen">bekehren</term> will, warum fängt man nicht lieber mit den getauften <term type="Sachen" key="Heiden, getaufte">Heiden</term> an, die in nächster Nähe erreichbar sind, statt mit Leuten, an die man erst nach einer dreiwöchigen kostspieligen Reise herankommt? Nicht wahr, meine Freunde, so oder ähnlich sieht das naheliegendste Bedenken aus, das wir zu erheben haben, wenn man unsre Hilfe will für die <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term>, für die <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term>. Ich verstehe dieses Bedenken und habe es auch geteilt früher, aber ich muss mir dagegen sagen, dass es gar <hi rend="italic">nicht wahr</hi> ist, dass die heidnischen <term type="Sachen" key="Heiden, für uns nicht mehr in der Ferne">Völker</term> für uns in der <hi rend="italic">Ferne</hi> sind. Das war einmal so: Vor 400 Jahren waren die Menschen in <placeName ref="kbga-places-372">Indien</placeName> und <placeName ref="kbga-places-911">Japan</placeName> für die Europäer so fremde, fabelhafte Wesen wie für uns heute die Bewohner des <term type="Sachen" key="Mond">Monds</term>, wenn es solche gibt. Darum ist z. B. den <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> der Gedanke an <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> nur auch gar nicht gekommen. Noch vor 100 Jahren konnte <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> sagen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wenn hinten, weit, in der Türkei,</l>
                            <l>Die Völker aufeinanderschlagen …<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 860–867f. (Vor dem Tor)</bibl> 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                                <l>Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen </l>
                                                <l>Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, </l>
                                                <l>Wenn hinten, weit, in der Türkei, </l>
                                                <l>Die Völker auf einander schlagen. </l>
                                                <l>Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus </l>
                                                <l>Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; </l>
                                                <l>Dann kehrt man abends froh nach Haus, </l>
                                                <l>Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent"><pb xml:id="p407" ed="pga" rend="noPipe"/>Das ist seitdem anders geworden. Die <term type="Sachen" key="Erde, kleiner geworden">Erde</term> ist kleiner geworden. Durch die Verkehrsmittel der heutigen Zeit, die <term type="Sachen" key="Eisenbahn">Eisenbahnen</term>, <term type="Sachen" key="Schnelldampfer">Schnelldampfer</term> und <term type="Sachen" key="Telegraphen">Telegraphen</term> mit ihrer ganzen immer vollkommeneren <term type="Sachen" key="Technik">Technik</term> sind uns die einst entfernten Länder näher gerückt worden. Wir wissen heute in aller Ausführlichkeit, was gestern in <placeName ref="kbga-places-285">Peking</placeName> geschehen ist. Wir reisen heute gemächlicher nach <placeName ref="kbga-places-1475">Kalkutta</placeName> als früher nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>. Wir sind in unserm täglichen Leben umgeben von Produkten jener «fernen» Länder. Jede Tasse <term type="Sachen" key="Tee">Tee</term> erinnert uns an den <term type="Sachen" key="China / Chinesen">Chinesen</term>, und jede <term type="Sachen" key="Kaffee">Kaffeebohne</term> sagt uns, dass es <term type="Sachen" key="Neger">Neger</term> gibt. Wir dürfen nicht sagen: sie gehen uns nichts an, sie sind zu weit weg. Sie sind durch das große Hin und Her des modernen <term type="Sachen" key="Welt, Verkehr">Weltverkehrs</term> tatsächlich unsre <term type="Sachen" key="Nächster">«Nächsten»</term> geworden. Wenn es uns ernst ist mit dem <term type="Sachen" key="Helfen">Helfen</term>, müssen wir auch ihnen helfen wollen. Aber wir können immerhin einmal zugeben, dass <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> und <placeName ref="kbga-places-786">Afrika</placeName> wenigstens für unser Gefühl immer noch recht weit weg sind. Das ändert nichts an unsrer Pflicht zu helfen. Ja, im Gegenteil: das gibt unsrer Hilfe erst Kraft und Schwung, wenn sie in die Ferne und nicht nur in die Nähe gehen muss. Die <term type="Sachen" key="Helfen, oft selbstsüchtig">Hilfe</term> in die Nähe hat oft so etwas Kleines, Selbstsüchtiges. Oder ist es etwa nicht selbstsüchtig und klein, was ich schon habe sagen hören: das Safenwiler Geld würde am Besten nur für <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> gebraucht werden, der übrige <term type="Sachen" key="Zofingen">Bezirk</term> könne für sich selbst sehen. Andre gehen in ihrer Hilfsbereitschaft etwas weiter, sie wollen ihr Geld gern dem ganzen Bezirk <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> zugute kommen lassen, aber ein Weiteres käme ihnen schon von Übel vor. Ist unsre Hilfe nicht oft fast ein wenig wie eine <term type="Sachen" key="Helfen, oft wie eine Versicherung">Versicherung</term>? Wir geben, weil wir denken, dass wir auf allerlei Umwegen etwas davon haben werden. Da ist es doch etwas Kostbares, dass die <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> eine Hilfe verlangt in die Ferne, eine <term type="Sachen" key="Mission, Hilfe, von der wir wirklich gar nichts haben">Hilfe</term>, von der wir wirklich gar nichts haben. Es muss einem wirklich schon rein ums Helfen zu tun sein und um gar nichts Anderes, wenn man für die Mission das Herz und den <term type="Sachen" key="Geld">Geldbeutel</term> auftun will. Aber haben wir es dann nicht gerade nötig, dass wir zu solcher reinen Hilfe erzogen werden, dass wir hinaussehen lernen über den Bezirk unsres <term type="Sachen" key="Safenwil">Kirchturms</term> und sogar über den Bezirk <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> hinaus? Sind wir nicht recht unsichere Helfer, solange wir so beschränkte Helfer sind? Gott <pb xml:id="p408" ed="pga"/> will, dass <hi rend="italic">allen</hi> Menschen geholfen werde. Wir müssen auch wollen, dass <hi rend="italic">allen</hi> Menschen geholfen werde, den Nahen und den Fernen; dann erst ist unsre Hilfe göttliche <term type="Sachen" key="Helfen, göttliche Hilfe">Hilfe</term>. |</p>
                <p>Und nun können wir gleich noch etwas sagen: Die Hilfe in die Nähe ist noch nie zu kurz gekommen, wo man jene reine, göttliche Hilfe in die Ferne wirklich geübt hat. Die sich beklagen darüber, dass man Geld nach <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> schicke, sind leider auch im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> nicht immer die Hilfwilligsten, sondern die gerne in <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> helfen sind gewöhnlich auch die, die das wärmste Herz für die Not im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> haben. Warum? Ihre Liebe ist weit und tief und schwungvoll geworden durch die Hilfe in die Ferne, und diese Kraft kommt der Hilfe in die Nähe zugute. Die Liebe ist eben das einzige <term type="Sachen" key="Liebe, das einzige Kapital, das wächst, wenn man es ausgibt">Kapital</term>, das wächst, indem man ausgibt! Ich glaube, es würde sogar dem <term type="Sachen" key="Solidarität">Solidaritätsgefühl</term> der Freunde von der <term type="Sachen" key="Arbeiter">Arbeiterschaft</term> nichts schaden, wenn sie es einmal nicht nur Ihresgleichen zugutekommen lassen würden. Es besteht vielleicht ein sehr enger Zusammenhang zwischen der <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> und dem rechten sozialen <term type="Sachen" key="Sozialer Gedanke">Gedanken</term>.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun kann man sagen und sagt man: ja, die heidnischen <term type="Sachen" key="Heiden">Völker</term> gehen uns etwas an, wir sind ihnen etwas schuldig, wir müssen ihnen helfen. Aber was wir ihnen bringen wollen, das ist nicht das, was die Mission ihnen bringt. Man müsste sie vor Allem <term type="Sachen" key="Bildung, der Heiden"><hi rend="italic">bilden</hi></term>, ihnen die Errungenschaften unsrer heutigen europäischen <term type="Sachen" key="Kultur, europäische">Kultur</term> mitteilen. Ist gerade das <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> das, was sie nötig haben? Da müssen wir uns nun gut besinnen. Wir<note xml:id="n05">Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> infolge der Überschreibung eines anderen Wortes kaum leserlich.</note> hören: Gott will, dass allen Menschen <hi rend="italic">geholfen</hi> werde. Hilft man den Leuten damit, dass man ihnen die europäische Kultur bringt? Ja und Nein. Wenn man bei der europäischen <term type="Sachen" key="Kultur, europäische">Kultur</term> an <term type="Sachen" key="Telegraphen">Telegraphen</term>, <term type="Sachen" key="Automobile">Automobile</term> und <term type="Sachen" key="Kanonen">Kanonen</term> denkt, dann können wir fröhlich sagen: nein, das hilft keinem <term type="Sachen" key="China / Chinesen">Chinesen</term> und <term type="Sachen" key="Neger">Neger</term>, wenn man ihn mit diesen Dingen beglückt. Wir selber sind mit dem Allem zwar geschickter geworden, aber nicht besser. Die <term type="Sachen" key="Technik">Technik</term> hat im Gegenteil die Gefahr in sich, uns unfrei und <term type="Sachen" key="Technik, kann uns unfrei und ängstlich machen">ängstlich</term> zu machen. <pb xml:id="p409" ed="pga"/> Die <term type="Sachen" key="Arbeit, Maschinenarbeit">Maschinenarbeit</term> bedeutet für viele Tausende eine Geistesabstumpfung sondergleichen. Und mit der Herrschaft der <term type="Sachen" key="Herrschaft der Maschinen">Maschinen</term> hängt es ebenso sehr zusammen, dass wir ein so nervöses <term type="Sachen" key="Nervosität">Geschlecht</term> sind.<note xml:id="n06">Die Rede vom «nervösen Geschlecht» oder vom «nervösen Zeitalter» war seit dem späteren 19. Jahrhundert weit verbreitet, um den besonderen Charakter des gegenwärtigen Befindens herauszustellen. Nach allgemeiner Auffassung waren es die «Nerven», die «bei den erhöhten Ansprüchen, die das gegenwärtige Leben der Kulturvölker an die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit stellt, angegriffen werden und einer abnormen Reizbarkeit und leichten Erschöpfbarkeit verfallen. In den höhern Gesellschaftsklassen sind dabei die gesellschaftlichen Strapazen vielfach von großer ursächlicher Bedeutung, bei Lebemännern der gehäufte gesundheitsschädliche Lebensgenuß auf Kosten des Schlafes, ebenso aber tritt eine Schädigung des Nervensystems auch ein bei den Männern, denen eine schwere Berufspflicht, eine angespannte Geistesarbeit, ein rastloser Kampf ums Dasein mehr zugemutet hat, als Körper und Geist auf die Dauer ohne Schaden ertragen können» (<bibl corresp="kbga-bibls-5402">Art. «Nervenschwäche», in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 14, Leipzig / Wien 1908<hi rend="sup">6</hi>, S. 528–530, dort S. 528</bibl>).</note> Da werden wir uns zweimal besinnen, bevor wir den <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term> unsre Maschinen bringen und ihnen sagen: <hi rend="italic">das</hi> ist nun die Hilfe, die wir euch leisten wollen. |</p>
                <p> Es hatte doch fast etwas Symbolisches an sich, als im <term type="Sachen" key="Boxeraufstand">Boxeraufstand</term> vor zehn Jahren in <placeName ref="kbga-places-798">China</placeName><note xml:id="n07">Im in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> sogenannten «Boxeraufstand» erhoben sich <date when="1900">1900</date>/<date when="1901">1901</date> Chinesen gegen den europäisch-japanisch-amerikanischen Kolonialismus in ihrem Land und erzielten – u. a. mit erbeuteten modernen Waffen – zunächst beachtliche militärische Erfolge, wurden dann aber von einem 20 000 Mann starken Expeditionskorps, dem auch deutsche Truppen angehörten, niedergerungen. Den kriegerischen Handlungen fielen etwa 1000 ausländische und 2000 chinesische Soldaten zum Opfer, dazu eine hohe, unbekannte Anzahl von «Boxern» – aber weit über 100 000 Zivilisten.</note> und im <term type="Sachen" key="Herero-Krieg">Hererokrieg</term> in <placeName ref="kbga-places-1476">Südwestafrika</placeName><note xml:id="n08">Im Jahr <date when="1904">1904</date> erhoben sich in <placeName ref="kbga-places-1476">Deutsch-Südwestafrika</placeName>, dem heutigen Namibia, die Völker der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Die Aufstände waren nur punktuell und kurzfristig erfolgreich; nachdem die wenigen Kolonialtruppen im Land Verstärkung aus dem <placeName ref="kbga-places-189">Deutschen Reich</placeName> erhalten hatten, wurden sie schnell niedergeschlagen. Als Vergeltung führten die deutschen Truppen bis <date when="1908">1908</date> einen Vernichtungskrieg gegen die aufständischen Völker, dem nach Schätzungen über drei Viertel der Herero und etwa 10 000 Nama zum Opfer fielen. Die deutsche Seite hatte insgesamt 1500 Tote zu beklagen.</note> die modernen Geschütze und Gewehre sich gegen die europäischen Ein<pb xml:id="p410" ed="pga" break="no"/>dringlinge richteten: der Segen der <term type="Sachen" key="Technik, zweischneidiger Segen der T.">Technik</term> ist zweischneidig. Aber vielleicht wäre es schön, den heidnischen <term type="Sachen" key="Heiden">Völkern</term> vor allem unser Wissen beizubringen? 6000 Missionare sind auf der ganzen Welt am Werke – würden 6000 Schullehrer nicht die bessere Arbeit tun? Ja, das wäre freilich schön – und die 6000 <term type="Sachen" key="Missionare, sind vor allem Lehrer">Missionare</term> sind auch tatsächlich vor Allem Schullehrer, und wenn man in <placeName ref="kbga-places-1474">Kamerun</placeName> vorläufig noch keine so schönen <term type="Sachen" key="Schule, Schulhaus">Schulhäuser</term> mit Schulküche und Badeinrichtung baut wie in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>,<note xml:id="n09">Zum damals neuen Safenwiler Schulhaus s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p203#fn_n01">S. 203, Anm. 1</ref>.</note> so fehlt es nicht an gutem Willen dazu, sondern am <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term>. Dass <term type="Sachen" key="Bildung, Volksbildung ist Volksbefreiung">Volksbildung</term> Volksbefreiung ist, dass weiß man in der <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> so gut wie bei uns im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>. |</p>
                <p> Aber auf der andern Seite ist auch die <term type="Sachen" key="Bildung">Volksbildung</term>, die durch <term type="Sachen" key="Lehrer">Lehrer</term> und <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term> mitgeteilt werden kann, noch nicht <hi rend="italic">die</hi> Hilfe, die die Menschen nötig haben, bei jenen fernen Völkern so wenig wie bei uns. Denn <term type="Sachen" key="Leben, Wissen ist noch nicht L.">Wissen</term> ist noch nicht Leben, <term type="Sachen" key="Bildung, Kenntnis ist noch nicht B.">Kenntnis</term> ist noch nicht Bildung. Kultur des <term type="Sachen" key="Kultur, des Wissens und der Kenntnisse">Wissens</term> und der Kenntnisse haben die <term type="Sachen" key="Indien / Inder, Kultur des Wissens lange vor den Europäern">Inder</term> und <term type="Sachen" key="China / Chinesen, Kultur des Wissens lange vor den Europäern">Chinesen</term> gehabt, längst bevor die Europäer zu ihnen kamen. Sie können sogar mit einem gewissen Stolz auf uns heruntersehen: ihre Vorväter trieben <term type="Sachen" key="Philosophie, chinesische und indische">Philosophie</term>, <term type="Sachen" key="Mathematik, chinesische und indische">Mathematik</term> und <term type="Sachen" key="Naturwissenschaft, chinesische und indische">Naturwissenschaft</term> zu einer Zeit, als unsre Vorväter noch in hohlen Bäumen von einem Pfahldorf zum andern ruderten. Aber was ihnen fehlt, das ist die Kultur des <term type="Sachen" key="Kultur, des Lebens und der Bildung">Lebens</term> und der innern Bildung. Die <term type="Sachen" key="Wissenschaft, hat die Chinesen nicht geschützt vor der Barbarei">Wissenschaft</term> hat die Chinesen nicht geschützt vor der Barbarei, wie sie in den Zeiten des Aufstands zum Vorschein kam, und die <term type="Sachen" key="Wissenschaft, hat die Inder nicht geschützt vor der träumerischen Trägheit">Inder</term> nicht vor der träumerischen <term type="Sachen" key="Trägheit, träumerische Tr. der Inder">Trägheit</term>, an der dieser Raum nun seit Jahrhunderten krankt. Haben wir ihnen nichts Besseres zu geben als unsre <term type="Sachen" key="Wissenschaft, europäische">Wissenschaft</term>, dann ersetzen wir bloß einen Firnis durch den andern. Das zeigt sich jetzt z. B. in <placeName ref="kbga-places-911">Japan</placeName>. Man hört von hohen Beamten und Offizieren, die völlig europäisch «gebildet» sind, wie man so sagt, und daneben ein Amulett tragen zum Schutz vor den bösen Geistern. Ein <term type="Sachen" key="Götzenbilder">Götzenbildchen</term> auf der Brust unter dem modischen Gehrock: Was soll man dazu sagen? Es erinnert Einen daran, dass die Zeitungen auch in unserm <term type="Sachen" key="Aargau, Kulturkanton">Kulturkanton</term><note xml:id="n10">Die vielfältigen Tätigkeiten der «<orgName ref="kbga-actors-9011">Kulturgesellschaft</orgName>» (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p371#fn_n15">S. 371, Anm. 15</ref>) brachten dem <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> die bis heute teils bewundernd, teils spöttisch gebrauchte Bezeichnung «Kulturkanton» ein; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p717#fn_n01">S. 717f., Anm. 1</ref></bibl>.</note> es immer wieder wagen, ihren Lesern seitenlange Inserate von Wahrsa<pb xml:id="p411" ed="pga" break="no"/>gern unter die Augen zu bringen.<note xml:id="n11">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p312#fn_n04">S. 312, Anm. 4</ref>.</note> Am Wissen mangelt es nicht, in <placeName ref="kbga-places-911">Japan</placeName> so wenig als bei uns. Aber das Wissen ist noch nicht <hi rend="italic">die</hi> Hilfe zu einem fröhlichen, freien, klaren <term type="Sachen" key="Leben, Wissen ist noch nicht L.">Leben</term>. Das zeigt sich auch an beiden Orten. Jawohl, wir wollen ihnen unsre europäische <term type="Sachen" key="Kultur, europäische">Kultur</term> bringen. Aber wir dürfen und wollen das Beste daran nicht vergessen. Das Beste daran ist nicht etwas Auswendiges, sondern etwas Inwendiges, nicht etwas Sachliches wie die Maschinen und Schulbücher, sondern etwas Persönliches. Das Beste in der europäischen <term type="Sachen" key="Kultur, das Beste an der europäischen K. ist der Geist Jesu">Kultur</term> ist der Geist Jesu, der die Menschen vertrauensvoll, tapfer und selbstlos macht. Ohne diesen Geist ist sie eine <term type="Sachen" key="Kultur, europäische K. ist ohne den Geist Jesu eine Totgeburt">Totgeburt</term> bei uns wie in <placeName ref="kbga-places-963">Asien</placeName> und <placeName ref="kbga-places-786">Afrika</placeName>. Wie man <hi rend="italic">mit</hi> den Maschinen und <hi rend="italic">mit</hi> den Schulkenntnissen ein rechter und im tiefsten Sinn brauchbarer Mensch wird, das<note xml:id="n12"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «dazu»; von den Hrsg. korrigiert.</note> müssen wir den Völkern der andern <term type="Sachen" key="Erde, andere Erdteile">Erdteile</term> zeigen. Dazu müssen wir ihnen unsre <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, christliche">Religion</term> zeigen, müssen sie einführen in die Art inneren <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, die in uns selbst von Jesus angeregt worden ist. Diese Aufgabe hat sich die <term type="Sachen" key="Mission">Mission» </term> gestellt. Sie will den <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden» </term> helfen, indem sie ihnen unser Bestes, nämlich unser Innerstes, unsern Führer zu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist Jesu ist unser Führer zu Gott">Gott</term> recht deutlich zu zeigen versucht.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun kommt gerade an dieser Stelle noch ein Einwand: Diese sogenannten <term type="Sachen" key="Heiden">«Heiden»» </term> haben doch auch schon vorher selbst ein solches Bestes, Innerstes, sie haben selbst eine <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, heidnische">Religion</term>. Es ist nicht gerade <hi rend="italic">unsre</hi> Religion, aber sie ist ihnen sicher so lieb als uns die unsrige. Wundervolle Worte der <term type="Sachen" key="Wahrheit, Worte der Wahrheit bei Konfuzius, Buddha und Mohammed">Wahrheit</term> haben auch <persName ref="kbga-actors-3879">Kong-Tse</persName>, <persName ref="kbga-actors-68">Buddha</persName> und <persName ref="kbga-actors-279">Mohammed</persName> gesprochen, nicht nur Jesus. Mit welchem Recht kommen wir und drängen ihnen etwas auf, was ihnen fremd ist? Wir sind tief durchdrungen von der Gesinnung, die aus dem berühmten Worte <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs des Großen</persName> spricht: es müsse «jeder nach seiner Façon selig werden».<note xml:id="n13">Randnotiz <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs des Großen</persName> an den Immediat-Bericht des Geistlichen Departements vom <date when="1740-05-22">22. Mai 1740</date> betr. Katholische Schulen und Proselyten-Macherei: «Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 430f., dort S. 431</bibl>.</note> Wir sind seit Jahrhunderten gewöhnt an das friedliche Zu<pb xml:id="p412" ed="pga" break="no"/>sammenleben der verschiedenen christlichen <term type="Sachen" key="Konfession, friedliches Zusammenleben der christlichen K.">Konfessionen</term>, und so ist es uns auch selbstverständlich geworden, auch das <term type="Sachen" key="Christentum, eine Religion neben anderen">Christentum</term> selbst als eine Religion neben andern zu betrachten. Wir sind tolerant, duldsam, wie man sagt. Wie passt die <term type="Sachen" key="Toleranz">Toleranz</term> zur <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term>? und wie passt die <term type="Sachen" key="Mission und Toelranz">Mission</term> zur Toleranz?</p>
                <p>Auf diese Fragen gibt es nun nur eine Antwort, und die lautet: <hi rend="italic">Gott will,</hi> dass allen Menschen geholfen werde. Gott will! Woher wissen wir, dass Gott will, dass gerade wir den Andern gerade <hi rend="italic">unser</hi> Bestes bringen sollen, um ihnen zu helfen? Wir müssen dieses «Gott will!» übersetzen. Wenn wir wollen, was Gott will, dann heißt es: <hi rend="italic">Die Liebe Christi dringet uns also</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>]! Wenn wir rechte <term type="Sachen" key="Christen, rechte">Christen</term> sind, dann haben wir das Gefühl, etwas unermesslich <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> und Schönes zu besitzen. Dieses Gute und Schöne kann aber nicht bei uns bleiben. Die Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Christi</term> dringet uns, es weiterzugeben. Dazu brauchen wir gar nicht erst unsre <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, Vergleiche">Religion</term> mit andern zu vergleichen. Wir brauchen andre <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, keine Verurteilungen anderer R.">Religionen</term> durchaus nicht zu verurteilen. Wir gehen einfach davon aus, dass wir etwas Gutes haben und dass wir geben müssen, je mehr, desto besser. In diesem Bewusstsein geht die christliche <term type="Sachen" key="Mission, christliche">Mission</term> zu den <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term>. Das ist keine <term type="Sachen" key="Mission, keine Intoleranz">Unduldsamkeit</term>. Unduldsamkeit und Liebe, die geben will, ist sehr zweierlei. Unduldsam sind vielleicht viel eher die <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit, anderen Religionen gegenüber">Gleichgiltigen</term>, die alle lassen wollen, wie sie sind: Katholiken, Türken, Juden, Buddhisten, Feueranbeter…! Es liegt etwas Verächtliches in diesem gleichgiltigen <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit, hat etwas Verächtliches, Intolerantes">Gewährenlassen</term>
                    <hi rend="italic">allen</hi> gegenüber, diese <term type="Sachen" key="Intoleranz, verachtende Gleichgültigkeit ist die wahre I.">Verachtung</term> ist die wahre Intoleranz, während die wahre Duldsamkeit darin besteht, dass man den Andern offen als <term type="Sachen" key="Mission, erkennt andere Religionen offen als Gegner">Gegner</term> erkennt, wie es die Mission tut, dass man ihn aber eben darum <term type="Sachen" key="Mission, nimmt andere Religionen ernst"><hi rend="italic">ernst</hi></term> und nicht <term type="Sachen" key="Mission, ist anderen Religionen gegenüber nicht gleichgültig">gleichgiltig</term> behandelt. |</p>
                <p> Es ist aber auch damit nichts, als bringe die christliche <term type="Sachen" key="Mission, christliche">Mission</term> den <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term> etwas <term type="Sachen" key="Mission, bringt den Heiden nichts Fremdes"><hi rend="italic">Fremdes</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Schon der erste <term type="Sachen" key="Missionar">Missionar</term>, der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, hat seine Aufgabe so aufgefasst: Ich verkündige euch den, dem ihr unwissend Gottesdienst tut [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.23">Act. 17,23</ref>]! Er wollte sagen: es ist in eurer angestammten <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, in anderen R. ist ein Ahnen und Stammeln">Religion</term> ein Ahnen und Stammeln, ich will euch anleiten, dem Ausdruck zu geben. <term type="Sachen" key="Jesus Christus, universales Wesen">Jesus</term> hat etwas merkwürdig Universales, Weltumspannendes. Gerade die tiefsten Gedanken aller <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, tiefste Gedanken anderer Religionen als Wegweiser zu Jesus Christus">Re<pb xml:id="p413" ed="pga" break="no"/>ligionen</term> sind wie Wegweiser, die auf ihn und sein Evangelium hinzuweisen scheinen. Da hat nun die <term type="Sachen" key="Mission, zeigt jedem Volk seinen eigenen Weg zu Jesus Christus">Mission</term> die schöne Aufgabe, jedem Volk zu zeigen, wie es diesen Weg, seinen eigenen Weg, gehen kann. Sie will nicht zerstören, sie will nicht einmal etwas Fremdes einpflanzen, sie will einfach veredeln, sie will das vorhandene <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> sich zum Besten entwickeln lassen. Sie erkennt mit dem sichern Blick der Liebe das göttlich <term type="Sachen" key="Mission, erkennt das göttlich Wahre in jedem Volk">Wahre</term>, das in jedem Volk, in jedem Gebet zu jedem Gott schlummert, sie holt es heraus und bringt es zur Gestaltung, indem sie ihm die Erfüllung vorhält im Leben Jesu von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth"><placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName></term>. Chinesisches, afrikanisches, indisches Christentum werden immer etwas Besonderes, Eigenes <term type="Sachen" key="Christentum, in den verschiedenen Länder und Kontinenten immer etwas Besonderes und Eigenes">bleiben</term>, wie schon jetzt englisches, deutsches, schweizerisches Christentum immer etwas Eigenes, Besonderes sind, aber sie finden sich Alle in dem, der sie Alle geschaffen hat. Das weltumfassende Wesen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, universales Wesen">Jesu</term> zeigt uns, dass es wirklich wahr ist: <hi rend="italic">Gott will!</hi> Durch uns, die wir Jesus kennen, soll allen Menschen geholfen werden. Das ist für uns nicht ein Vorzug, sondern eine <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term>.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Ich will es in zwei Punkte zusammennehmen, was über unsre Stellung zur <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> zu sagen ist:</p>
                <p>Zuerst: Wir sind Besitzer von etwas unendlich Großem und Wertvollem. Wir kennen Jesus Christus. Wir haben aus seinem Wort oft Anregung und Kraft empfangen. Wir leben in einer Welt, die trotz allem Andersartigen ganz <term type="Sachen" key="Welt, durchtränkt vom Geist Jesu">durchtränkt</term> ist von seinem Geist, von seiner Art. Wir genießen die Früchte und Wirkungen seines Daseins. Wir gehen jetzt wieder in die <term type="Sachen" key="Adventszeit">Advents-</term> und <term type="Sachen" key="Weihnachtszeit">Weihnachtszeit</term> hinein und werden da hoffentlich von Herzen singen und sagen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Fröhlich soll mein Herze springen</l>
                            <l>Dieser Zeit, da voll Freud</l>
                            <l>Alle Engel singen ….<note xml:id="n14">Beginn der Strophe 1 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-7">«Fröhlich soll mein Herze springen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (RG 400/401; EG 36 [in der zweiten Zeile jeweils: «da vor Freud»])</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Dann aber: Da sind ungezählte Menschen, zwei Drittel der Menschheit sind es noch heute, die haben und wissen von all dem <term type="Sachen" key="Segen">Segen</term>, von <pb xml:id="p414" ed="pga"/> all der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> nichts. Sie leben in <term type="Sachen" key="Furcht">Furcht</term> und Dumpfheit und <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>. Sie können die ganze Welt gewinnen und nehmen doch Schaden an ihrer Seele [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Mt. 16,26</ref>].</p>
                <p> An diesen beiden Einsichten: unser <term type="Sachen" key="Besitz">Besitz</term> und der Anderen <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term>, entsteht die Arbeit der <term type="Sachen" key="Missionsarbeit, unser Besitz und die Armut der Anderen">Mission</term>.</p>
                <p>Und durch diese beiden Einsichten hindurch führt der Weg, der uns zur <term type="Sachen" key="Freude, an der Mission">Freude</term> an der Mission führen wird.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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    </text>
</TEI>
