26. November 1911

Predigt: Lukas 12,49

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Lukas 12,49
Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden; und was wollte ich lieber, denn es brennete schon!
Liebe Zuhörer!

Feuer ist Leben und Bewegung und Unruhe. Feuer ist ja nicht ein Stoff wie die Erde oder das Wasser, sondern Feuer ist ein Vorgang. Wenn wir jetzt, wo die Tage kälter werden, einsam in unserm Zimmer sitzen, dann ist’s uns doch wieder, wir seien nicht einsam, denn im Ofen ist ein Wesen, das führt neben uns sein eigenes merkwürdiges Leben; das murmelt und plaudert und lacht vor sich hin bald laut und bald leise, bald übermütig und bald bescheiden; das ist ein munterer Geselle, der unverdrossen seine Arbeit tut, solange er auch nur das Geringste zu arbeiten hat. Diese lebendige, plaudernde, arbeitende Unruhe ist das Feuer. – |

Und wie offenbart es sich erst als Unruhe, wenn es nicht als Zwerg auftritt, sondern als Riese, wenn ein Haus, wenn ein Wald im Feuer steht, wie es im vergangnen Sommer so oft geschehen ist.1 Ist es nicht, als wolle es da den Menschen zurufen: Was? Ihr wollt arbeiten und essen und trinken und Zeitung lesen und am Ende gar noch schlafen, heute wie gestern? Heraus mit euch aus euren Häusern! aus euren Betten und von euren Wirtstischen weg! Heraus! Ich bin da! Das Feuer, es brennt, die große Unruhe ist losgebunden, und ihr sollt jetzt auch einmal unruhig werden! – Und was sind alle Feuersbrünste, die |395 wir gesehen oder von denen wir gehört haben, neben dem ungeheuren Herd von flüssiger Glut, die das Innere unsres Erdballs füllt, auf dessen Hülle wir so sicher zu wohnen meinen? Die Rauchsäulen über dem Vesuv und über dem Ätna sagen es uns, dass da unter unsern Füßen ununterbrochen unendliche Bewegung ist, und auch wir sind ja in der vorletzten Woche wieder einmal recht unsanft an die nahe Gegenwart dieser feurigen Unruhe erinnert worden.2 – |

Und nun hat Jesus Christus von sich selber gesagt: Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden; und was wollte ich lieber, denn es brennte schon! Wir fühlen schon an der Form und am Klang dieses Wortes etwas Unruhiges, Drängendes: es ist, wie wenn eine Flamme lodernd über sich selbst hinausschlägt: ich bin gekommen anzuzünden – wenn es doch nur schon brennte! Da spüren wir schon äußerlich die Bewegung, aus der dieser Gedanke Jesu geboren worden ist. Und wenn wir uns jetzt in seinen Inhalt vertiefen wollen, dann müssen wir vor Allem das heraushören: Jesus ist gekommen, Unruhe unter die Menschen und in die Menschen zu bringen. Das ist für uns Alle immer wieder eine neue Botschaft. Ja, was sage ich neu: eine ärgerliche Botschaft. Denn wir haben die Ruhe lieber als die Unruhe schon in unserm gewöhnlichen Leben: Wir lassen uns nicht gerne stören in unsern Gewohnheiten. Wenn Jemand kommt und uns nahetritt und unsre Gedanken und unsren Willen auf eine neue Bahn drängen möchte, dann weisen wir ihm äußerlich oder innerlich am Liebsten die Tür, indem wir ihn als Störenfried betrachten und behandeln: «Einst lebte ich so harmlos», denken wir gerührt, und wenn wir dem Andern auch nicht direkt widersprechen können, geben wir ihm doch zu verstehen, dass wir ihn sehr «ungemütlich» finden. So «ruheliebend» sind wir aber nicht nur in unserm Privatleben, sondern erst recht da, wo es sich um öffentliche oder doch gemeinschaftliche Einrichtungen und Gebräuche handelt. Wir wissen, wie schwer es ist in der Gemeinde oder in Vereinen aufzukommen gegen etwas, was einmal Gewohnheit geworden ist. Da hilft dann Einer dem Andern |396 kleben am Alten, und wenn nun Einer kommt mit scharfen, klaren Gedanken und Vorschlägen, dann ist’s, als habe man in einen Ameisenhaufen gestochen, so rennen sie schon von allen Seiten herbei, um den Unruhestifter mit Vermittlungen und Kompromissen, wie man das nennt, womöglich unschädlich zu machen. Und wenn wir uns jetzt fragen: was erstreben und suchen wir eigentlich in unserm Leben, was ist unser Lebensideal?, müssen wir uns da nicht gestehen, dass wir im Stillen vor allem die Gemütlichkeit suchen? Dass das, was uns als das Schönste erscheint im Leben, ein stiller, ruhiger Dämmerzustand ist, in dem man vielleicht große Gedanken und Gefühle haben kann, aber nicht große Entschlüsse zu fassen braucht? Darum hat der Alkohol immer wieder so viele Freunde und Verteidiger, obwohl man seine Gefahren genau kennt, weil er wie kaum etwas Anders uns in jene ideale»  Gemütlichkeit, in jenen Dämmerzustand zu versetzen vermag, aus dem uns nichts mehr aufschrecken kann. Aber mit oder ohne Alkohol gibt es bei uns wie überall eine gewisse behäbige Mittelmäßigkeit, die es sich zum Lebensgrundsatz gemacht hat, das Ruhige nicht zu bewegen und sich selbst nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Diese Mittelmäßigkeit kann dann oft reden mit der Weisheit des Königs Salomo, sie hat für alles das, was sie «Übertreibungen» nennt, einen Dämpfer bereit, ein Achselzucken, ein Fragezeichen, und sie meint, mit alledem noch die Prophetin des wahren» Glückes zu sein. |

Ich rede nicht von Andern, sondern von euch und von mir, meine Freunde, denn wir haben Alle etwas von dieser ruhigen Mittelmäßigkeit in uns. Und nun sind wir gewohnt oder doch sehr stark geneigt, auch die Religion [von] dieser Seite zu nehmen, als ein Ruhebänklein auf der bösen Wanderung des Lebens. Man hört gern Predigten, in denen es sanft und tröstlich und gefühlvoll zugeht. Man hat schon das Gleichnis gemacht: die Kirche und die Pfarrer müssten die Ambulanz, die Sanitätstruppe sein, die im sozialen Kampf der Gegenwart hin- und herlaufe und die Verwundeten verbinde.3 Und wieder für Andere |397 ist Religion und Kirche ein stiller, heiliger Hain, in den man sich zeitweise flüchtet vor dem Getöse des wirklichen Lebens, um da vor geweihten Altären seine Seele sich erholen zu lassen. Aber so oder so: es ist die Ruhe und ja nicht die Unruhe, die man bei der Religion sucht. Das passt gut zu dem Lebensideal der Gemütlichkeit, von dem wir sprachen, es ist das zweite Stockwerk dazu, sozusagen.

Und nun sagt Jesus: Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden, ich bin gekommen, Unruhe zu bringen. Es mag uns betrüben und ärgern, dass es so ist, aber es ist wirklich so. Wenn Jesus das Leben so gemütlich genommen hätte wie wir, hätten seine Jünger nicht den unbesieglichen Eindruck von ihm gehabt: du bist der Messias, der Christus, der Gesandte Gottes [vgl. Mt. 16,16 parr.]. Und wenn Jesus ein ruhiger Bürger gewesen wäre, so wäre er nicht ans Kreuz gebracht worden. Er nahm aber das Leben nicht gemütlich und er war kein ruhiger Bürger. Sondern er hat ein Feuer auf die Erde geworfen, wie es in unserm Text wörtlich heißt. – |

Er hat die Leute nicht in ihrer Art gelassen, sondern das Erste, was er ihnen zu sagen hatte, hieß: Ihr müsst euren Sinn ändern! In diesem Wort zeigte er sich so recht als Störenfried, als Einer, der uns im Innersten beunruhigt. Denn unser «Sinn» ist doch wohl unser Innerstes. Es fällt uns nicht schwer, uns in allerlei Äußrem zu verändern, wir lassen es uns sagen, dass wir da und dort anders denken und es anders machen könnten. Irren ist menschlich! sagen wir, und: jedermann hat eben seine Fehler. Das wussten und sagten auch die frommen Juden zur Zeit Jesu – aber: ändert euren Sinn! das war ihnen zuviel. Man kann seine Handlungs- und Denkweise verändern und verlassen, man kann sich eine schlechte Gewohnheit ab- und eine gute angewöhnen ohne Beunruhigung. Aber in seinem Innersten anders werden, das wäre Feueralarm, dann müsste man hervor hinter dem Ofen und von den vollen Schüsseln in die dunkle Nacht hinaus laufen. Da müsste man sich rühren und zugreifen, statt zu ruhen. – |

|398Jesus hat aber auch die Verhältnisse und Umstände nicht so gelassen, wie sie waren. Er hat zu den Frömmsten von den frommen Juden «Wehe euch!» gesagt, als er sah, dass sie es mit Gott nicht ernst nahmen [vgl. Mt. 23,13 u. ö.]. Er hat aber auch einmal einen Strick genommen, um die Geldwechsler und Viehhändler aus dem Tempel Gottes zu treiben, den sie zu einer Räuberhöhle gemacht hatten [vgl. Joh. 2,15]. Wenn wir dabei gewesen wären, wir würden ohne uns zu besinnen gesagt haben: Das ist aber übertrieben! so streng muss man es nicht nehmen! Ja, Ruhe und Zufriedenheit hat Jesus dort den Leuten in der Tat nicht predigen wollen, sondern gerade mit der «übertriebenen» Forderung war es ihm ernst, dass Alles bei ihnen anders werden müsse. Wenn er den Tempel und die Synagogen in Brand gesteckt hätte, er hätte nicht mehr Unruhe machen können. – |

Jesus hat aber auch niemals auf ein Ziel hingewiesen, das einfach Ruhe und Gelassenheit gewesen wäre. Es ist nichts mit dem heiligen Hain, mit dem Ruhebänklein der Religion. Im Angesicht des Tempels hat Jesus das gewaltige Wort gesprochen, dass kein Stein auf dem andern bleiben werde, der nicht zerbrochen werde [Mt. 24,2]! Und dann hat er seinen Jüngern gesagt, wie das sein werde, wenn das Ziel der Welt und ihres Lebens nahe sei: Wenn ihr hören werdet von Krieg und Kriegsgeschrei … [Mt. 24,6], wenn ihr sehen werdet den Greuel der Verwüstung … [Mt. 24,15], wenn Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen werden …, dann wird des Menschen Sohn kommen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit [Mt. 24,29f.]. Das sind mächtige Bilder, mit denen Jesus sagen wollte: seht, da geht’s durch mit euch, wenn ich es gewinnen soll in der Welt. Da hinein weist er uns, in eine große, weltbewegende»  Unruhe, in der und durch die er doch schließlich als Herr und Meister sich offenbaren will. Und dieselbe Beobachtung machen wir, wenn wir auf die Beschreibung achten, die Jesus in der Bergpredigt von den Seligen gemacht hat als von denen, zu denen das Reich Gottes gekommen ist. Da finden wir keine «Insel der Seligen» beschrieben, wie etwa der Maler Arnold Böcklin sie dargestellt hat: kein friedliches Eiland mit dunklen Zypressen, die sich in einer ruhigen Meeresfläche spiegeln,4 sondern da sehen wir mitten hinein in eine |399 Schlacht: Selig sind, die da geistlich arm sind [Mt. 5,3]! Selig sind, die da Leid tragen [Mt. 5,4]! Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit [Mt. 5,6]! Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden [Mt. 5,10]! Das Alles sind nicht ruhige, sondern unruhige Zustände des innern Lebens, und gerade davor hat Jesus sein: Selig sind sie! gesetzt.

Wir dürfen nicht denken und sagen, dass das damals gewesen sei, dass wir jetzt in ruhigeren Zeiten lebten und dass auch unsre Religion sich danach richten müsse. Es steht vielmehr so, dass unsre Religion eine faule und dumme Sache ist, wenn sie das tut. Jesus ist nicht gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, um es dann wieder verlöschen zu lassen. Wo er ist, da müssen wir Menschen etwas erfahren von jener bis an die Wurzeln unsres Lebens gehenden Unruhe. Und man kann umgekehrt sagen: wo diese tiefe Unruhe ist in den Menschen, da ist auch Jesus und sein Geist, gleichviel ob sie seinen Namen kennen und ehren oder nicht. Wir wollen versuchen zu verstehen, wie diese Unruhe, die von Jesus her in der Welt ist, sich in unserm Leben zeigt und zeigen muss.

Zuerst darin, dass wir anfangen zu erkennen. Die Unruhe des Feuers ist ja auch vor Allem die Unruhe des Lichtes. Wo Jesus ist, da weiß der Mensch: wie? und wo? Da nimmt er Richtung und sagt sich: dorthin! Wenn junge Burschen und Mädchen sich sagen, dass sie ihr Leben sehr schlecht brauchen, wenn sie es zum Amüsement brauchen, dass sie sich innerlich vertiefen, dass sie etwas von der geistigen Welt kennenlernen, dass sie andern Menschen etwas nützen möchten – da ist Feuer vom Feuer Jesu. Wenn die Männer über ihrer Arbeit das Gefühl bekommen, dass sie mehr sein möchten als Stücke von Maschinen, wenn sie des Abends zu einem Buch greifen und nicht bloß zu einer Zeitung, wenn sie das Bedürfnis haben nach Anleitung und Aussprache über die großen Fragen des Lebens, wenn die Ideen sich regen in den Köpfen und die kleinen Fragen und Zänkereien des Alltags in den Hintergrund rücken – da ist Feuer Jesu. Und wenn die Alten, die dem Grab entgegengehen bei schwachem Körper, den Geist anfangen wirken und sich entfalten zu lassen, wie man es manchmal beobachten kann, wenn sie nicht nur zum Zeitvertreib, sondern ernsthaft anfangen, die tieferen Regungen der Seele zu pflegen und ihren Mitmenschen etwas davon zu Gute kommen zu lassen – da ist Feuer vom |400 Feuer Jesu. Ruhe ist das Alles nicht, im Gegenteil, es heißt da immer: heraus aus dem Gewöhnlichen, Selbstverständlichen, hinein in eine Richtung, über die man den Kopf schütteln kann, aber wer die Unruhe des Lichtes einmal erlebt und erfahren hat, der wird sie um die Ruhe der Dunkelheit nicht mehr preisgeben. – |

Nachdem uns Jesus zur Erkenntnis geführt, führt er uns zur Unzufriedenheit. Das Feuer ist Unruhe, weil es zerstört, wie kein anderes Element zerstören kann. Da sind nun freilich Viele nicht gern dabei. Sie finden es unerfreulich und hässlich, unzufrieden zu sein, zu kämpfen, zu kritisieren, zu zerstören. Sie beklagen sich z. B. bitter über die Abstinenten, dass die immer nur zu nörgeln hätten und nichts Besseres in der Welt zu tun wüssten, als einem etwas Schönes wegzunehmen. Und gewöhnlich dieselben wissen auch gar viel Schlimmes zu sagen über die Sozialisten, die lauter Wühler und Hetzer seien und die sich besser still halten würden, als immer aufzubegehren. Ja, da möchte ich nun ein Gleichnis brauchen für die rechte und die unrechte Unzufriedenheit. Wenn wir über den Berg nach Uerkheim gehen, dann kommen wir da auf die Stelle, wo im letzten Sommer zwei Bauernhäuser verbrannt sind.5 Auf dem Platz des einen ist noch jetzt Alles wie am Tage nach dem Brand, da liegt noch Alles, wie es ausge|401brannt und gefallen ist, es ist ein Bild der Vernichtung. Das ist die unrechte Unzufriedenheit. So sind die, welche nur das Schelten in der Kritik kennen. Auf dem Platz des andern Hauses erheben sich schon jetzt die Mauern eines neuen, bessern Gebäudes, das vor solchen Unfällen besser geschützt sein wird. Das ist die rechte Unzufriedenheit. Da wurde verbrannt und wieder aufgebaut. So ist’s, wenn man unzufrieden ist, aber nicht nur das, man kann es auch besser machen, und man tut es. Das ist die Unruhe Jesu, die in dieser Unzufriedenheit waltet. Da verliert man die Freude an allerlei, was einem bisher das Höchste war, weil man bessere Freuden kennengelernt hat. Da wird man missvergnügt über das, was man den andern Menschen leistet und bietet, weil man zum Greifen deutlich erkannt hat, was man ihnen bieten sollte. Da verliert man aber auch die naive Überzeugung, dass die Welt so, wie sie ist, ganz in Ordnung sei, nicht nur, weil man ihre Fehler sieht, sondern weil man den Drang verspürt, in Gottes Namen Ordnung in der Welt zu schaffen. Da mögen Andre immerhin spötteln oder schimpfen, wir könnten bloß Neinsagen und Umstürzen. Wir sehen doch schon die Mauern des neuen Hauses auf der Brandstätte, und wenn die Andern sie auch sehen werden, dann sagen sie mit uns: Gut, dass der Brand gekommen ist und aufgeräumt hat. So ist das Leben des rechten Menschen ein Kampf gegen das Schlechte und Dunkle um uns und in uns.

Von der Erkenntnis und von der Unzufriedenheit aber führt uns Jesus weiter zur Liebe. Die Unruhe des Feuers ist Wärme. Und die Wärme ist das Größte und Beste an dem Feuer, das Jesus angezündet hat. Die Liebe will nicht zerstören, sie will nicht einmal erleuchten, sie will einfach schenken, geben, ausstrahlen. Wo ein Menschenkind von reiner Liebe erfüllt ist, da ist das eine Offenbarung des Herzens Jesu, denn Höheres wusste Jesus von Gott und göttlichen Dingen nicht zu sagen, als dass wir von jetzt an unsre Brüder lieben dürfen. Auch die Liebe ist freilich eine Unruhe und nicht etwa etwas Selbstverständliches. Man kann Liebe nicht haben, sondern nur erwerben. Besser: sie muss uns immer wieder geschenkt werden. Aber wo einem Menschen Liebe geschenkt wird, da ist Jesus der Spender, der die Liebe in die Welt gebracht hat. Wo ein Mensch anfängt, an seiner Umgebung Interesse zu nehmen, so dass die Andern für ihn lebendige, warm empfindende Wesen werden, mit denen er mitlebt und mitempfindet, statt |402 dass sie ihm bloß so Schattenfiguren sind gegenüber der Teilnahme, die er sich selber widmet – da ist Feuer vom Feuer Jesu. Und wenn nun seine Handlungen Taten werden, die er nicht nur so tut, weil man in der Welt doch etwas tun muss, sondern die für ihn Notwendigkeiten sind, weil er in der Welt und für die Welt etwas ausrichten will, wenn sein Gehorsam gegen Gott aufrichtig ein Dienst an den Menschen wird – dann ist das wieder das Feuer Jesu, dessen Wärme zu strahlen beginnt. Und jetzt wird er mit seinem Wirken für die Welt und die Menschen verkannt und ausgelacht. Er findet keine Anerkennung, sondern man hält ihn für töricht und überspannt. Er aber arbeitet weiter und lässt sich nicht verbittern, weil er den Tag kommen sieht, wo der Segen, den er austeilt, die Welt überwinden wird – da ist die unruhige Liebe Jesu am Werk in ihrer ganzen Größe. Und wenn er jetzt den Tag nicht erlebt, den er kommen sieht, wenn er dem Widerspruch und Widerstand derer erliegt, denen er Gutes tun wollte, wenn er verkümmert und untergeht unter den Kleinlichkeiten der Welt, die er groß machen wollte, wenn er getreu geblieben ist bis zuletzt seiner Hoffnung und seinem Vertrauen, dann hat er die Liebe Christi erfüllt im Tragen seines Kreuzes. Denn die Liebe Christi erfüllt sich im Opfer, in der Hingabe, wie das Feuer in der Wärme sich selbst opfert und hingibt. Das Feuer verlöscht, aber die Wärme bleibt. Jesus stirbt, aber seine Wirksamkeit ist da, wir Alle spüren sie. Seine Getreuen kommen und gehen, sie wirken und werden wieder vergessen und doch haben sie erfüllt, was sie erfüllen sollten, sie haben das Kapital der Liebe in der Welt gemehrt, sie sind Gottes Mitarbeiter gewesen [vgl. 1.Kor. 3,9].

Ich möchte mit einem doppelten Gedanken schließen, meine lieben Freunde. Ich denke, wir haben gemerkt, dass uns Allen die Unruhe Jesu noch fehlt. Wir sind wohl vielleicht Christen, denken vielleicht viel an Jesus und reden von ihm. Aber gerade diese wichtige Art seines Geistes, die Unruhe, ist bei uns nicht zu spüren: wir sind gemütliche Leute und das Feuer sehen wir uns lieber von Ferne an. Unserm Erkennen fehlt es an der rechten leuchtenden Klarheit, unsre Unzufriedenheit ist nicht groß und scharf und ernsthaft zerstörend, unsrer Liebe mangelt die strahlende Wärme, die überwindet, um zu gewinnen. Das Alles fehlt uns, und darum muss Jesus uns zurufen: Was wollte ich lieber, denn es brennete schon! Darum haben wir Alle das große Anzünden noch vor uns.

403Und dann müssen wir doch wieder sagen: nein, sie fehlt uns nicht, diese Unruhe Jesu. Wir haben von alledem, wovon wir geredet, schon etwas gespürt und erfahren: Wir haben uns losgerissen von alten Gewohnheiten und Gedanken und versucht, in eine andre Welt hineinzusehen. Wir haben aufgeräumt mit Fesseln, die uns drückten, sind unzufrieden und kritisch geworden gegen die Welt und gegen uns selbst. Wir sind eingetreten in den großen Kampf um das, was den Menschen frommt, und haben in diesem Kampf das Kreuz getragen auf unsre Weise vom kleinen Ärger bis zur tiefen seelischen Enttäuschung. Aber unter all dieser Unruhe haben wir vielleicht bis heute mehr gelitten, als dass es etwas Anderes gewesen wäre. Da darf vielleicht das Eine oder Andre von uns heute seine Unruhe anders ansehen lernen. Auch das Wort vom Feuer, das auf die Erde kommt, ist Evangelium, frohe Botschaft. Die könnte darin bestehen, dass uns gesagt wird, dass unsre Unruhe, ohne dass wir’s wissen, Feuer ist vom Feuer Jesu. Dann dürften wir wissen, dass wir gerade mit dem, worunter wir leiden, seine Gefährten sind. Ja, und das dürfen wir wissen! Das große Anzünden liegt hinter uns, wir sind nicht mehr tot und starr, so gewiss wir unruhig sind. Jesus ist wirklich und wahrhaftig gekommen, um ein Feuer anzuzünden auf Erden. Dieses Feuer, das wir kennen, diese Unruhe, die in uns angefangen hat, sie ist die Ruhe des Volkes Gottes [vgl. Hebr. 4,9].

Amen.

Sachfußnoten

1
Der Sommer 1911 war in ganz Mitteleuropa ausgesprochen regenarm: «In der Epoche kühler Sommer blieb der heiße Dürresommer 1911 ein Einzelgänger. Gebietsweise war er der trockenste Sommer seit Bestehen der Stationen» (H. von Rudloff, Die Schwankungen und Pendelungen des Klimas in Europa seit dem Beginn der regelmäßigen Instrumenten-Beobachtungen [1670] [Die Wissenschaft, Bd. 130], Wiesbaden 1967, S. 172f. 📖). – Die Trockenheit führte schweizweit und auch in der Nähe von Safenwil zu zahlreichen Feuersbrünsten, unter anderem in der Nachbargemeinde Uerkheim (s. unten, S. 400).↩
2
Am Abend des 16. November 1911 gab es ein heftiges Erdbeben, das von der Innerschweiz bis nach Südbaden bemerkbar war. Vgl. L. Neumann / ­W. Deecke, Das Erdbeben vom 16. November 1911 in Südbaden, in: Mitteilungen der Großherzoglich Badischen Geologischen Landesanstalt, Jg. 7 (1912), Heft 1, S. 149–199 📖.↩
3
Das «Gleichnis» dürfte aus dem Umfeld der schweizerischen religiös-sozialen Bewegung stammen, aus der heraus zeitgenössisch die auf Neutralität in den wirtschaftlichen und sozialen Gegensätzen bedachte Position innerhalb der deutschen «Christlich-sozialen Bewegung» in diesem Sinne angegriffen wurde: «Dem Christentum bleibt ein Gebiet gewahrt. Es bleibt die Oase in der Wüste; es bedeutet Trost im Leben, Ruhe in der Bedrängnis, Hoffnung für die Ewigkeit. Aber es muß darauf verzichten, den ganzen, wilden Strom der Moderne zu lenken. Sein Gebiet ist außerhalb der Schlacht. Es pflegt die Verwundeten und sorgt für sie. Aber unter den Kämpfenden hat es nichts zu tun» (­J. Matthieu, Das Christentum und die soziale Krise der Gegenwart, Basel 1913, S. 119f. 📖).↩
4
«Die Gefilde der Seligen» (1877) von Arnold Böcklin (1827–1901); das Gemälde befindet sich im Museum Oskar Reinhart in Winterthur.↩
5
Im Zofinger Tagblatt, Nr. 180, 4.8.1911, [S. 2] 📖, findet sich die folgende Notiz: «Schöftland. […] Donnerstag nachmittags 1 Uhr ist unsere Gemeinde von einem schrecklichen Brandunglück betroffen worden. Im nahen ‚Pikardei’ standen die beiden Häuser von Gebrüder Sommerhalder, Landwirte, und Fritz Graber, Mauser, lichterloh in Flammen. Die verhältnismäßig rasch zur Stelle geeilte Feuerwehr war total machtlos und konnte nur noch die Nachbargebäude retten bzw. schützen. Leider blieben die Brüder Fritz und Heinrich Sommerhalder in den Flammen, indem die beiden jedenfalls ein Mittagsschläfchen machten. Fritz Graber, der sein Vieh dem Elemente entreißen wollte, fand ebenfalls den Tod. Neben diesen drei Menschenleben blieben ferner noch 11 Stück Vieh in den Flammen. Infolge der großen Wassernot […] war die sehr stark vertretene Feuerwehr […] buchstäblich machtlos. […] bei der jetzigen Dürre und dem großen Wassermangel greift das einmal entfesselte Element so rasch um sich, daß das Schlimmste eintreten kann.» (Die Hrsg. danken Herrn Dominique Baumann für den Hinweis auf diese Notiz). Vgl. auch die «Brandfallakten: Schöftland, Häuser Nr. 163 und 164 (3. August 1911)» (Staatsarchiv Aargau, CA.0001/0815/01). – Schon in seiner Predigt vom 27. August 1911 hatte Barth wohl diese Brände angesprochen (s. oben. S. 266 u. 271).↩