Predigt: Lukas 9,59–60 (Reformationsfest)
(21. nach Trinitatis)
Der heutige Sonntag ladet uns nach altem Brauch dazu ein, der großen Erneuerung der christlichen Kirche im 16. Jahrhundert zu gedenken und uns dankbar und ernsthaft vor die Frage zu stellen, was es heißen will und was wir daran haben, dass wir Protestanten, dass wir evangelisch-reformierte Christen heißen dürfen.
Nicht darauf können wir es bei dieser Gedächtnisfeier abgesehen haben, in unsern Gedanken und Worten Krieg zu führen gegen Andersdenkende, gegen unsre Mitchristen von der römisch-katholischen Kirche. Daran würde uns in
Wohl aber wollen wir Protestanten uns selber prüfen, ob wir unsres Namens wert sind, ob wir in unserm Fühlen, Denken und Tun fest stehen auf dem Boden der Reformation, ob es bei uns die Wahrheit, die wir bei Andern schmerzlich vermissen, gewonnen hat. Und wenn wir uns so prüfen, dann entdecken wir mit schmerzlicher Beschämung, dass wir am Reformationstag über und über genug mit uns selbst zu tun haben.
Ich will nur etwas ganz Äußerliches nennen: Was wissen die Meisten von uns über Protestantismus und Reformation? Am letzten Sonntag habe ich unsern Kindern, 160 an der Zahl, die Frage gestellt: Was versteht man unter der Reformation? und habe keine Antwort bekommen, bis zuletzt ein Knabe die Hand aufhielt und sagte, die Reformation sei «ein Religionskrieg» gewesen!!6 Ja, und wenn man an einer Versammlung von Erwachsenen die Frage stellen würde: was ist der Unterschied von evangelisch und katholisch, würden da nicht die Meisten sagen: Wir Evangelischen beteten nur Gott an, während die Katholiken noch die Jungfrau
Aber wenn es sich da nur um eine Sache des Wissens und der richtigen Antworten handeln würde, dann könnte man ja sagen, das sei nicht so wichtig, und wenn man nicht gerade Pfarrer sei, habe man an Anderes zu sinnen. Das Wissen und die rechten Antworten sind’s |364 aber nicht allein und nicht in der Hauptsache. Katholizismus und Protestantismus bedeutet zwei grundverschiedene Arten des Lebens. Es liegt eine Welt, ein Abgrund zwischen beiden. Es kommt jetzt bloß darauf an, auf welcher Seite des Abgrunds man steht. Es ist mancher protestantisch getauft und erzogen und ist doch ein Katholik bis ins Mark seines Wesens hinein. Kein Wunder, wenn er dann nicht merkt, dass Beides sehr zweierlei ist! Ich sehe auf die Frommen und Eifrigen auf unsrer Seite und bemerke auf Schritt und Tritt: Gerade das, worin sie meinen, extra fromm zu sein in ihrem Leben, gerade das sind Ruinen katholischer Herrlichkeit auf dem Boden der evangelischen Welt. Ich sehe auch die Mittelmäßigen und Lauen bei uns und entdecke: ihre Stellung zu Christentum und Kirche gleicht zum Verwechseln der eines mittelmäßig-gleichgiltigen Katholiken. Ich sehe auch die, die aus irgend einem Grund meinen, dem lieben Gott oder doch dem Christentum aus der Schule laufen zu können, und siehe da: auch hier ist es katholisches Kirchentum und Christentum, das sie mit ihrer Opposition meinen, an dem sie sich reiben und gegen das sie revoluzzen, trotzdem sie mitten im Protestantismus leben. |
400 Jahre werden es nun bald sein, seit
das sind langweilige, unnütze Leute, denen es meist nicht sehr ernst ist. Wir wollen nicht zu ihnen gehören. Gewiss ist die Wahrheit Gottes immer noch größer als die Wahrheit Luthers und als die Wahrheit des katholischen Konzils von Trient. Wir aber wollen gegen das Stück Wahrheit, das uns anvertraut ist, nicht gleichgiltig sein, sondern fest und brav dazu stehen, in unserm Denken und noch mehr in unserm Leben. Gottes Sache wird es einmal sein, unsre Wahrheit zusammen zu bringen mit der Wahrheit, die er Andern anvertraut haben mag.
Und so wollen wir uns denn heute von einem Worte Jesu zeigen lassen, was katholische Art des Denkens und Lebens ist und was unsre protestantische Art – sein sollte. (Die regelmäßig zur Kirche kommen, werden wissen, dass ich dies Wort nicht absichtlich für den heutigen Zweck ausgesucht habe, sondern nach den zwei letzten Predigten12 heute ohnehin darüber geredet haben würde.) Folge mir nach! hat Jesus zu einem Menschen gesagt. Das ist das Allergewaltigste und Wichtigste, was zu einem Menschen gesagt werden kann. Man kann sagen, dass das einfach die Aufforderung ist: Fang jetzt an zu leben! Was du vorher so nanntest, dein Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten und Reden, das war noch gar nichts. Das Leben fängt erst an. Es besteht darin, dass man einen Zweck hat in seinem Dasein. Den hatte Jesus, denn er kannte den Willen Gottes, und darum konnte er sagen: Folge mir nach! Zum Leben gehört weiter, dass man wisse, was zu tun ist, um jenen Zweck zu erreichen. Das wusste Jesus, denn er wusste, dass Gottes Willen damit geschieht, dass allen Menschen geholfen wird [vgl.
Auf diese Aufforderung hat nun jener Mensch geantwortet: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! Das war eine durch und durch katholische Antwort, obwohl es dazumal noch keine katholische Kirche gab. Er hat etwas gespürt von dem gewaltigen Ernst, der in Jesu Wort lag: es war ihm, wie wenn eine mächtige Hand nach ihm griffe und ihn umgestalten wolle in seinem innersten Leben. Seiner Erkenntnis, seinem Willen, seinem Gefühl ist eine Aufgabe gestellt, er braucht nur Jesus anzusehen, der mit ihm redet, so weiß er, in was diese Aufgabe besteht: Aufwachen! Ernsthaft sein! Nicht für sich selbst leben, sondern für die Andern! Und in dem Allem ruhig und still sein! Eine unendlich einfache Aufgabe, aber unendlich schwer zugleich. Und im Angesicht dieser Aufgabe hat nun jener erste Katholik nicht Ja und nicht Nein gesagt, sondern: erlaube mir, dass ich zuvor – – noch eine andre Pflicht und Aufgabe erfülle, die auch gar schön und wichtig ist: Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! Wer wollte bezweifeln, dass das an sich ein ganz schöner Gedanke, ja, eine selbstverständliche Pflicht kindlicher Pietät und Liebe war, an der auch Jesus seine Freude hätte haben können? Hat sich dieser Mensch mit seiner Antwort nicht als ein besonders Frommer ausgewiesen? Wie kommt Jesus zu dem schroffen Ausspruch: Lass die Toten ihre Toten begraben?
Wir müssen versuchen, in die Seele dieses Mannes hineinzusehen, wie Jesus es getan hat. Jawohl, es war eine schöne Pflicht, die er zuvor erfüllen wollte. Das wusste Jesus so gut wie wir. Aber warum kommt er gerade in diesem Augenblick, statt mit einem freudigen Ja zu antworten auf Jesu große Aufforderung, mit dieser halbverlegenen Bitte: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor…? Liebe Freunde, dieser Mann brauchte das, was an sich etwas Schönes, Natürliches, Frommes ist, als Ausrede der Forderung Jesu gegenüber. Er spürte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, wie ich vorhin sagte, aber er hatte Angst davor, er hält sie gleichsam auf: Herr, erlaube mir, ich habe zuerst noch etwas zu tun, das auch gar wichtig ist! Etwas Schönes gewiss, aber doch etwas Anderes, nicht das Aufwachen und die Tätigkeit und das Ver|368trauen, das Jesus von ihm forderte: die stellte er zurück, zu späterer Erledigung. Erst muss ich ein frommer Sohn sein!
Das ist Katholizismus. Der Katholik hört die Botschaft und das Gebot Jesu so gut wie wir. Aber er antwortet darauf zunächst weder mit Ja noch mit Nein, sondern: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und ein gutes Werk tue. Jesus verlangt vom Menschen nur eins: Folge mir nach! Schenke mir dein Herz! Das ist das, was unsre Reformatoren den Glauben genannt haben. Der Katholik antwortet auf das Verlangen Jesu mit dem Hinweis auf einen Schwall von Verrichtungen und Werken. Es ist viel wirklich Gutes und Schönes darunter, zweifellos, gerade wie es auch schön war von jenem Mann, dass er seinen Vater begraben wollte. Aber wenn wir es mit der Forderung Jesu vergleichen, müssen wir sagen: es ist etwas Anderes, es ist nicht das, was er von uns will, ihm gegenüber sind diese guten und schönen Verrichtungen und Werte eine Ausrede.
Der Katholizismus lehrt seine Anhänger: Eine erste Christenpflicht ist der Gehorsam gegen die Kirche, die dasteht als die Repräsentantin der Überlieferung von zwei Jahrtausenden. Die Reiche der Welt, die Perioden der Kultur kommen und gehen, der Felsen
Ich will einen andern Punkt herausgreifen: die katholische Kirche ist die Kirche des Sakraments. Vergebung der Sünden und Leben aus Gott erwirbt sich nach ihrer Lehre der Gläubige durch seine Teilnahme am Vollzug der heiligen Handlungen, vor Allem des Messopfers. Ich betone wieder: diese heiligen Handlungen haben Alle etwas Schönes und Sinnreiches. Die Messe im Besonderen ist für den, der sie verstehen kann, etwas Ehrwürdiges und Großes und Wahres. Wer Sinn hat für Formen und Symbole, wird sich immer wieder daran erfreuen, auch wenn er ein guter Protestant ist. Aber bei alledem ist es doch wieder die denkbar schwerste Verwechslung, wenn nach katholischer Lehre und Praxis Frömmigkeit und Messbesuch so ziemlich eins und dasselbe wird. Folge mir nach!, sagt Jesus. Herr, erlaube mir, dass ich zuvor in die Kirche gehe und meine Gebote verrichte!, antwortet der Katholizismus. Das heißt Ausweichen. Das heißt, etwas Gutes vorschützen, um sich dem Bessern zu entziehen. Haben wir das noch nie getan? Ist die Art ganz ausgestorben unter uns, die das Gewissen zu beschwichtigen sucht durch einen Besuch in der Kirche, um dann hinabzugehen13: Nun habe ich das Meinige getan? Dass die Kinder getauft werden müssen, das scheint noch immer den Meisten selbstverständlich. Aber warum ist es ihnen dann nicht auch selbstverständlich, diese Kinder später nach bestem Wissen und Gewissen zu Bürgern des Reiches Gottes, zu rechten Menschen zu erziehen. Das Eine ohne das andre ist katholische Sakramentsreligion. Steht’s |370 nicht noch mit vielen unsrer Bräuche so, dass wir sie ausüben, um uns bequem einer größeren Pflicht entziehen zu können, noch dazu unter dem Schein der Frömmigkeit und Pietät? «Erlaube mir, dass ich hingehe und meinen Vater begrabe!» Ist nicht so oft gerade unsre Beteiligung an Beerdigungen ein stiller Ersatz für die schwerere Pflicht, die wir den Lebenden schuldig gewesen wären? Wünscht nicht Mancher dem Nachbar eine «gute Zeit», um ihn dann umso getroster in seinen Verlegenheiten sitzen zu lassen. Das ist katholisch gedacht und gehandelt. Man erledigt seine Pflicht, indem man einen schönen Brauch ausübt. Und so geht man an der Forderung Jesu vorbei.
Ein Drittes soll noch genannt sein. Der Katholizismus unterscheidet scharf zwischen den guten Werken, die von der Kirche angeordnet oder gebilligt sind, und dem Rest der übrigen menschlichen Verrichtungen. Nur die erstern sind verdienstlich vor Gott, während die übrigen gleichgiltig «weltlich» sind. Kommunionsbesuch, Beten, Bußübungen, Almosen sind verdienstlich, sind gute Werke. Wir wollen wiederum nicht streiten darüber, ob diese Dinge nun wirklich diesen Namen verdienen. Halten wir nur das eine fest: es wird hier ein Kreis bestimmter Handlungen als heilig bezeichnet, während die ganze übrige Welt, die Arbeit und Freude und Sorge dieses Lebens, im Halbdunkel der Gleichgiltigkeit, wenn nicht der Sünde liegt. So wird Jesu Forderung: Folge mir nach! abgeschwächt, auf einen kleinen Bezirk des Lebens beschränkt. Die Folgen dieser Verschiebung sind ungeheuer gewesen und reichen bis tief in den Protestantismus hinein. Fern vom Getriebe des Lebens, in den stillen Räumen des Klosters, im besten Fall in der Armen- und Krankenpflege streben der Mönch und die Nonne einem «geistlichen» Lebensideal nach, das die Welt lässt, wie sie ist. Selbst ein so guter Calvinist wie
Seht, für dieses Vorschützen und Ausweichen hat Jesus nicht ein zu scharfes, sondern das zutreffende Wort gefunden, als er sagte: Lasst die Toten ihre Toten begraben! So schön und recht es ist, seinem Vater die letzte Ehre zu erweisen, wollte er jenem Mann sagen – wenn du dich hinter diese Pflicht verstecken willst, um die größere Pflicht nicht auf dich zu nehmen, dann gehörst du selbst zu den Toten. Tot ist der Eifer, den du an den Tag legst, tot das Gefühl, das du dadurch zu bewähren meinst, tot ist das gute Werk, das du verrichtest geschäftig, während ein größeres, besseres ungetan bleibt. Denselben Protest gegen das Tote in der Religion haben 1500 Jahre nach Jesus die Reformatoren erhoben. Sie durchschauten es, dass es einen Mangel an Ernst bedeutet, wenn man den Gehorsam gegen Menschen an Stelle des Gehorsams gegen den Gott setzt, der sich in Jesus Christus und in unserm Gewissen offenbart. Sie durchschauten es, dass es eine Verleugnung des innern persönlichen Lebens ist, den Verkehr mit Gott an den Vollzug einer äußern heiligen Handlung zu binden. Sie durchschauten es, dass es eine Preisgabe unserer eigentlichen göttlichen Bestimmung bedeutet, fromm statt fleißig, mildtätig statt sozial sein zu wollen. Auf diesen Protest gegen das Tote sind die Kirchen der Reformation aufgebaut. – |
Und doch nicht nur auf einen Protest, auf ein Nein, so wenig dort Jesus bei einem Nein geblieben ist. – – Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes. Das ist das Ja der Reformation. Meine Freunde! Brauche ich erst noch auszuführen, dass der Protestantismus, wo er sich selber recht versteht, nie etwas anderes sein will als unmittelbarer Gehorsam gegen Gott, ein Gehorsam ohne Ausreden, Umwege und Flausen, ein Gehorsam ohne ein solches «zuvor»» , wie es die römische Kirche einschaltet?
Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes! Das heißt, dass der Mensch in rückhaltlosester Freiheit die Hand Jesu ergreift, der ihm sein «Folge mir nach!» zuruft. Ein Gehorsam, der nicht Freiheit wäre, ein geschnürter, gezwungener Gehorsam wäre für Jesus kein |373 Gehorsam. Nicht durch ein Opfer des Intellekts und des Willens, sondern durch Aufrichtigkeit und Selbstbesinnung wird der Wille Gottes erkannt. Und wenn es nun an das Tun dieses Gotteswillens geht, dann muss alles zauberhafte Sakramentswesen zurückbleiben hinter dem persönlichen innern Erlebnis des Geistes Gottes, der in Jesus Christus – nicht in dem Christus einer noch so schönen Zeremonie, sondern in dem Christus des neuen Testamentes – zu uns redet. In der persönlichen Erfahrung und in dem persönlichen Tun des göttlichen Wortes geschieht das eine einzige gute Werk, das es gibt, geschieht der Wille Gottes. Und was ist schließlich dieser Wille Gottes? Dass ich fromm sei? Dass ich in einer idealen geistlichen Welt in den Wolken schwebe? Mitnichten, sondern das, was ich als Mensch und Christ soll, das ist Helfen, Helfen in dieser Welt. Dazu brauche ich nicht erst besondere gute Werke zu verrichten, sondern das ist das gute Werk, das ich in meinem Beruf, welcher Art er auch sei, das ich in meiner Familie, das ich als Bürger im Staat täglich erfülle, indem ich in all diesen Kreisen – nicht etwas Besonderes –, sondern meine Pflicht tue.
Wo ein Mensch frei und aufrichtig ist, wo er in persönlichem Erlebnis die Gnade Gottes empfangen hat und weitergibt, wo er hilft an dem Punkte, wo er hingestellt ist in dieser Welt – da geschieht der unmittelbare Wille Gottes, da wird sein Reich verkündigt.
Gott mache auch uns zu solchen Menschen, zu Protestanten im Geist und in der Wahrheit.