5. November 1911

Predigt: Lukas 9,59–60 (Reformationsfest)

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Reformationsfest
Lukas 9,59–60
Jesus sprach zu Einem: Folge mir nach! Der aber sagte: Herr erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes!
Liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag ladet uns nach altem Brauch dazu ein, der großen Erneuerung der christlichen Kirche im 16. Jahrhundert zu gedenken und uns dankbar und ernsthaft vor die Frage zu stellen, was es heißen will und was wir daran haben, dass wir Protestanten, dass wir evangelisch-reformierte Christen heißen dürfen.

Nicht darauf können wir es bei dieser Gedächtnisfeier abgesehen haben, in unsern Gedanken und Worten Krieg zu führen gegen Andersdenkende, gegen unsre Mitchristen von der römisch-katholischen Kirche. Daran würde uns in Safenwil schon die freundschaftliche Gesinnung gegen den Nachbar hindern, mit dem wir gewohnt sind, im täglichen Leben Hand in Hand zu gehen und dessen Glocken uns übers Tal und über die Grenze hinüber immer wieder sagen, dass auch dort Gott gesucht und gefunden wird.1 Solches Streiten und Kriegführen von Konfession zu Konfession, von Kirche zu Kirche sollten |362 wir aber auch sonst immer mehr lernen bleiben lassen. Es hat seine Zeit gehabt. Unsympathisch und unfruchtbar sind die Versuche, die leider immer noch von Zeit zu Zeit gemacht werden, den Kulturkampf2 zu erneuern und gegen Rom und den Papst eins3 zu tosen und zu toben, besonders wenn sie von Leuten unternommen werden, die für katholische Frömmigkeit und katholische Weltauffassung auch nicht das geringste Verständnis haben. Ja, selbst wenn der Angriff von der Gegenseite kommt, wie es letztes Jahr war, als die Borromäusenzyklika des Papstes4 die Persönlichkeiten unsrer Reformatoren in läppischer Weise verunglimpfte, selbst in solchen Fällen sollten wir Protestanten die Feineren und Vornehmeren sein, die nicht aus dem Wald |363 schreien, wie man hineingeschrien hat.5 Ich sage: wir wollen nicht streiten und anklagen gegen die römische Kirche. Ich sage das nicht, weil ich der oft gehörten Ansicht wäre: «katholisch oder protestantisch das ist ganz gleichgiltig, wenn man nur brav ist!» Nein, ich bin der festen Überzeugung, dass durch die Reformation nicht nur eine andere Sorte Kirche und Religion entstand ist, sondern eine höhere, bessere, überlegene Form des Lebens, des Gotteslebens. Aber gerade weil ich dieser Überzeugung bin, liegt mir das Streiten am heutigen Tag ganz ferne. Wenn man einer Sache sicher ist, dann hat man nicht nötig, Steine zu werfen. Die Wahrheit wird sich durchsetzen und wird es gewinnen in der Welt, weil sie die Wahrheit ist. – |

Wohl aber wollen wir Protestanten uns selber prüfen, ob wir unsres Namens wert sind, ob wir in unserm Fühlen, Denken und Tun fest stehen auf dem Boden der Reformation, ob es bei uns die Wahrheit, die wir bei Andern schmerzlich vermissen, gewonnen hat. Und wenn wir uns so prüfen, dann entdecken wir mit schmerzlicher Beschämung, dass wir am Reformationstag über und über genug mit uns selbst zu tun haben.

Ich will nur etwas ganz Äußerliches nennen: Was wissen die Meisten von uns über Protestantismus und Reformation? Am letzten Sonntag habe ich unsern Kindern, 160 an der Zahl, die Frage gestellt: Was versteht man unter der Reformation? und habe keine Antwort bekommen, bis zuletzt ein Knabe die Hand aufhielt und sagte, die Reformation sei «ein Religionskrieg» gewesen!!6 Ja, und wenn man an einer Versammlung von Erwachsenen die Frage stellen würde: was ist der Unterschied von evangelisch und katholisch, würden da nicht die Meisten sagen: Wir Evangelischen beteten nur Gott an, während die Katholiken noch die Jungfrau Maria und die Heiligen dazu nehmen? und was dergleichen oberflächliche Antworten mehr sind? – |

Aber wenn es sich da nur um eine Sache des Wissens und der richtigen Antworten handeln würde, dann könnte man ja sagen, das sei nicht so wichtig, und wenn man nicht gerade Pfarrer sei, habe man an Anderes zu sinnen. Das Wissen und die rechten Antworten sind’s |364 aber nicht allein und nicht in der Hauptsache. Katholizismus und Protestantismus bedeutet zwei grundverschiedene Arten des Lebens. Es liegt eine Welt, ein Abgrund zwischen beiden. Es kommt jetzt bloß darauf an, auf welcher Seite des Abgrunds man steht. Es ist mancher protestantisch getauft und erzogen und ist doch ein Katholik bis ins Mark seines Wesens hinein. Kein Wunder, wenn er dann nicht merkt, dass Beides sehr zweierlei ist! Ich sehe auf die Frommen und Eifrigen auf unsrer Seite und bemerke auf Schritt und Tritt: Gerade das, worin sie meinen, extra fromm zu sein in ihrem Leben, gerade das sind Ruinen katholischer Herrlichkeit auf dem Boden der evangelischen Welt. Ich sehe auch die Mittelmäßigen und Lauen bei uns und entdecke: ihre Stellung zu Christentum und Kirche gleicht zum Verwechseln der eines mittelmäßig-gleichgiltigen Katholiken. Ich sehe auch die, die aus irgend einem Grund meinen, dem lieben Gott oder doch dem Christentum aus der Schule laufen zu können, und siehe da: auch hier ist es katholisches Kirchentum und Christentum, das sie mit ihrer Opposition meinen, an dem sie sich reiben und gegen das sie revoluzzen, trotzdem sie mitten im Protestantismus leben. |

400 Jahre werden es nun bald sein, seit Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen, und noch immer ist der römische Sauerteig wirksam, bei uns und in uns wirksam. Er steckt noch in uns Allen mehr oder weniger. Die Menschenseele ist von Natur katholisch, immer wieder bedarf es der Reformation, um sie von ihrer Natur zu ihrem Gott zu führen. Die Reformation ist nicht ein Ereignis der Vergangenheit, das wir heute feierten wie man etwa die Schlacht bei Sempach7 feiert. Die Reformation ist ein ewiger Grundsatz und Gegensatz des innern Lebens, den wir immer wieder erleben und durchkämpfen müssen. Was? Du sagst, das sei ein gleichgiltiger Gegensatz! Wenn man nur brav sei? So? Hast du noch nie etwas gemerkt oder gehört von dem grundverschiedenen Gesicht, das ein Land und Volk mit der Zeit annimmt, je nachdem es katholisch oder protestantisch ist? Nichts gehört von der total andern Entwicklung in Kultur und Gesittung, die Länder wie Spanien, Italien und Frankreich durchgemacht gegenüber Deutschland oder England? |365 Würde ein Luther in Worms vor Kaiser und Reich hingestanden sein in dem Bewusstsein: hier stehe ich, ich kann nicht anders,8 wenn es sich um Gleichgiltiges gehandelt hätte? Würde mir ein Katholik, den ich sehr schätze, noch jüngst gesagt haben: auf diese Lehre des Konzils von Trient9 will ich leben und sterben, so sicher bin ich, dass sie richtig ist10 – wenn es sich da um Dinge handelte, die geradeso gut auch anders sein könnten, «wenn man nur brav ist»? Seht, die Leute, die so reden: es ist Alles gleich,

Wir glauben all an einen Gott
Jud, Christen, Türk und Hottentott,11

das sind langweilige, unnütze Leute, denen es meist nicht sehr ernst ist. Wir wollen nicht zu ihnen gehören. Gewiss ist die Wahrheit Gottes immer noch größer als die Wahrheit Luthers und als die Wahrheit des katholischen Konzils von Trient. Wir aber wollen gegen das Stück Wahrheit, das uns anvertraut ist, nicht gleichgiltig sein, sondern fest und brav dazu stehen, in unserm Denken und noch mehr in unserm Leben. Gottes Sache wird es einmal sein, unsre Wahrheit zusammen zu bringen mit der Wahrheit, die er Andern anvertraut haben mag.

366*   *   *

Und so wollen wir uns denn heute von einem Worte Jesu zeigen lassen, was katholische Art des Denkens und Lebens ist und was unsre protestantische Art – sein sollte. (Die regelmäßig zur Kirche kommen, werden wissen, dass ich dies Wort nicht absichtlich für den heutigen Zweck ausgesucht habe, sondern nach den zwei letzten Predigten12 heute ohnehin darüber geredet haben würde.) Folge mir nach! hat Jesus zu einem Menschen gesagt. Das ist das Allergewaltigste und Wichtigste, was zu einem Menschen gesagt werden kann. Man kann sagen, dass das einfach die Aufforderung ist: Fang jetzt an zu leben! Was du vorher so nanntest, dein Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten und Reden, das war noch gar nichts. Das Leben fängt erst an. Es besteht darin, dass man einen Zweck hat in seinem Dasein. Den hatte Jesus, denn er kannte den Willen Gottes, und darum konnte er sagen: Folge mir nach! Zum Leben gehört weiter, dass man wisse, was zu tun ist, um jenen Zweck zu erreichen. Das wusste Jesus, denn er wusste, dass Gottes Willen damit geschieht, dass allen Menschen geholfen wird [vgl. 1.Tim. 2,4]. Darum konnte er sagen: Folge mir nach! Mach’s auch so! Zum Leben gehört schließlich ein großes Zutrauen. Man muss irgendwie wissen können, dass man Meister wird mit dem, was man verrichten soll in der Welt. Das wusste Jesus, denn er wusste, dass die ganze Welt mit Freud und Leid, Gesundheit und Krankheit und allem in der Hand desselben Gottes ist, der uns sagt, was wir in der Welt verrichten sollen. Darum konnte Jesus sagen: Folge mir nach! Du darfst dies Zutrauen auch haben. Ich sage: es ist etwas ganz Gewaltiges um diese Aufforderung, wie wir sie auch auslegen mögen. Es ist ein Gebot darin verborgen, das über alle Gebote hinausgeht, das uns ganz und gar in Anspruch nimmt. Einen Willen Gottes zu erkennen und anzuerkennen in unserm Leben, diesen Willen zu erfüllen durch Liebe zu den Brüdern, das Zutrauen zu haben, dass es so gut, dass es so das Beste sei, das ist ein erschütternd großes Gesetz, und wenn wir an den denken, der es ausgesprochen, der zum Menschen sagt: Folge mir nach!, an seine Überlegenheit uns gegenüber, dann kommt es uns |367 ernsthaft, furchtbar sogar vor, was er ein andermal gesagt: ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! [Mt. 5,48] Es ist eine enge Pforte und ein steiler Weg, diese Nachfolge Jesu, und wenige sind es, die diesen Weg gehen [vgl. Mt. 7,14].

Auf diese Aufforderung hat nun jener Mensch geantwortet: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! Das war eine durch und durch katholische Antwort, obwohl es dazumal noch keine katholische Kirche gab. Er hat etwas gespürt von dem gewaltigen Ernst, der in Jesu Wort lag: es war ihm, wie wenn eine mächtige Hand nach ihm griffe und ihn umgestalten wolle in seinem innersten Leben. Seiner Erkenntnis, seinem Willen, seinem Gefühl ist eine Aufgabe gestellt, er braucht nur Jesus anzusehen, der mit ihm redet, so weiß er, in was diese Aufgabe besteht: Aufwachen! Ernsthaft sein! Nicht für sich selbst leben, sondern für die Andern! Und in dem Allem ruhig und still sein! Eine unendlich einfache Aufgabe, aber unendlich schwer zugleich. Und im Angesicht dieser Aufgabe hat nun jener erste Katholik nicht Ja und nicht Nein gesagt, sondern: erlaube mir, dass ich zuvor – – noch eine andre Pflicht und Aufgabe erfülle, die auch gar schön und wichtig ist: Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! Wer wollte bezweifeln, dass das an sich ein ganz schöner Gedanke, ja, eine selbstverständliche Pflicht kindlicher Pietät und Liebe war, an der auch Jesus seine Freude hätte haben können? Hat sich dieser Mensch mit seiner Antwort nicht als ein besonders Frommer ausgewiesen? Wie kommt Jesus zu dem schroffen Ausspruch: Lass die Toten ihre Toten begraben?

Wir müssen versuchen, in die Seele dieses Mannes hineinzusehen, wie Jesus es getan hat. Jawohl, es war eine schöne Pflicht, die er zuvor erfüllen wollte. Das wusste Jesus so gut wie wir. Aber warum kommt er gerade in diesem Augenblick, statt mit einem freudigen Ja zu antworten auf Jesu große Aufforderung, mit dieser halbverlegenen Bitte: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor…? Liebe Freunde, dieser Mann brauchte das, was an sich etwas Schönes, Natürliches, Frommes ist, als Ausrede der Forderung Jesu gegenüber. Er spürte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, wie ich vorhin sagte, aber er hatte Angst davor, er hält sie gleichsam auf: Herr, erlaube mir, ich habe zuerst noch etwas zu tun, das auch gar wichtig ist! Etwas Schönes gewiss, aber doch etwas Anderes, nicht das Aufwachen und die Tätigkeit und das Ver|368trauen, das Jesus von ihm forderte: die stellte er zurück, zu späterer Erledigung. Erst muss ich ein frommer Sohn sein!

Das ist Katholizismus. Der Katholik hört die Botschaft und das Gebot Jesu so gut wie wir. Aber er antwortet darauf zunächst weder mit Ja noch mit Nein, sondern: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und ein gutes Werk tue. Jesus verlangt vom Menschen nur eins: Folge mir nach! Schenke mir dein Herz! Das ist das, was unsre Reformatoren den Glauben genannt haben. Der Katholik antwortet auf das Verlangen Jesu mit dem Hinweis auf einen Schwall von Verrichtungen und Werken. Es ist viel wirklich Gutes und Schönes darunter, zweifellos, gerade wie es auch schön war von jenem Mann, dass er seinen Vater begraben wollte. Aber wenn wir es mit der Forderung Jesu vergleichen, müssen wir sagen: es ist etwas Anderes, es ist nicht das, was er von uns will, ihm gegenüber sind diese guten und schönen Verrichtungen und Werte eine Ausrede.

Der Katholizismus lehrt seine Anhänger: Eine erste Christenpflicht ist der Gehorsam gegen die Kirche, die dasteht als die Repräsentantin der Überlieferung von zwei Jahrtausenden. Die Reiche der Welt, die Perioden der Kultur kommen und gehen, der Felsen Petri in Rom steht und wird bestehen, und die Pforten der Hölle sollen ihn nicht überwältigen [vgl. Mt. 16,18]. Hieher gehört, wer zu Christus gehört, denn hier ist zu hören, was immer, was überall, was für Alle rechter Glaube und rechtes Leben gewesen ist. Das ist ein großer und reicher Gedanke, und wir verstehen die, die sich dafür begeistern. Großes und Unvergängliches hat die römische Kirche mit diesem ihrem Autoritätsanspruch in alten Zeiten geleistet, und noch heute steht sie da wie eine wohldis[zi]plinierte Armee. Das Apostelwort: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe [Eph. 4,5] scheint sich in ihr glänzend erfüllt zu haben. Aber eins können wir nicht anerkennen: dieser Gehorsam ist nicht das, was Jesus gemeint hat, wenn er den Seinen zurief: Folget mir nach! Es mag etwas Schönes sein, wir wollen darüber heute nicht streiten, aber es ist etwas Anderes, es ist gegenüber der Forderung Jesu ein Ausweichen, eine Ausrede. Es ist ein «gutes Werk» und nicht der gute Wille, den Jesus von uns verlangt. Es sieht aus wie eine gewaltige Leistung zur Ehre Gottes, aber es ist in Wirklichkeit eine eigenmächtige Verwechslung des schwereren mit einem leichteren Gehorsam. Denn es ist leichter, einer Kirche sich zu unterwerfen, als |369 Gott! Es lebt noch sehr viel von diesem Christentum und Leben der äußern Autorität auch im Protestantismus. Immer wieder kommen Stimmen auch auf unsrer Seite, die unsern Glauben auf Worte und Lehren und Bücher gründen möchten. Schöne Worte und Lehren und Bücher, ganz gewiss. Aber das «Folge mir nach!» Jesu ist etwas Anderes. Und wenn wir auf irgend ein Schlagwort hören und schwören, wenn wir uns dieser oder jener Partei verschreiben mit Haut und Haar, wenn wir uns vielleicht in eine selbst gefundene Idee verbohren, ja, ist das etwas Anderes als das römisch-katholische Ausweichen gegenüber der Forderung Gottes, die uns eben nicht festlegen, sondern vorwärts treiben will?

Ich will einen andern Punkt herausgreifen: die katholische Kirche ist die Kirche des Sakraments. Vergebung der Sünden und Leben aus Gott erwirbt sich nach ihrer Lehre der Gläubige durch seine Teilnahme am Vollzug der heiligen Handlungen, vor Allem des Messopfers. Ich betone wieder: diese heiligen Handlungen haben Alle etwas Schönes und Sinnreiches. Die Messe im Besonderen ist für den, der sie verstehen kann, etwas Ehrwürdiges und Großes und Wahres. Wer Sinn hat für Formen und Symbole, wird sich immer wieder daran erfreuen, auch wenn er ein guter Protestant ist. Aber bei alledem ist es doch wieder die denkbar schwerste Verwechslung, wenn nach katholischer Lehre und Praxis Frömmigkeit und Messbesuch so ziemlich eins und dasselbe wird. Folge mir nach!, sagt Jesus. Herr, erlaube mir, dass ich zuvor in die Kirche gehe und meine Gebote verrichte!, antwortet der Katholizismus. Das heißt Ausweichen. Das heißt, etwas Gutes vorschützen, um sich dem Bessern zu entziehen. Haben wir das noch nie getan? Ist die Art ganz ausgestorben unter uns, die das Gewissen zu beschwichtigen sucht durch einen Besuch in der Kirche, um dann hinabzugehen13: Nun habe ich das Meinige getan? Dass die Kinder getauft werden müssen, das scheint noch immer den Meisten selbstverständlich. Aber warum ist es ihnen dann nicht auch selbstverständlich, diese Kinder später nach bestem Wissen und Gewissen zu Bürgern des Reiches Gottes, zu rechten Menschen zu erziehen. Das Eine ohne das andre ist katholische Sakramentsreligion. Steht’s |370 nicht noch mit vielen unsrer Bräuche so, dass wir sie ausüben, um uns bequem einer größeren Pflicht entziehen zu können, noch dazu unter dem Schein der Frömmigkeit und Pietät? «Erlaube mir, dass ich hingehe und meinen Vater begrabe!» Ist nicht so oft gerade unsre Beteiligung an Beerdigungen ein stiller Ersatz für die schwerere Pflicht, die wir den Lebenden schuldig gewesen wären? Wünscht nicht Mancher dem Nachbar eine «gute Zeit», um ihn dann umso getroster in seinen Verlegenheiten sitzen zu lassen. Das ist katholisch gedacht und gehandelt. Man erledigt seine Pflicht, indem man einen schönen Brauch ausübt. Und so geht man an der Forderung Jesu vorbei.

Ein Drittes soll noch genannt sein. Der Katholizismus unterscheidet scharf zwischen den guten Werken, die von der Kirche angeordnet oder gebilligt sind, und dem Rest der übrigen menschlichen Verrichtungen. Nur die erstern sind verdienstlich vor Gott, während die übrigen gleichgiltig «weltlich» sind. Kommunionsbesuch, Beten, Bußübungen, Almosen sind verdienstlich, sind gute Werke. Wir wollen wiederum nicht streiten darüber, ob diese Dinge nun wirklich diesen Namen verdienen. Halten wir nur das eine fest: es wird hier ein Kreis bestimmter Handlungen als heilig bezeichnet, während die ganze übrige Welt, die Arbeit und Freude und Sorge dieses Lebens, im Halbdunkel der Gleichgiltigkeit, wenn nicht der Sünde liegt. So wird Jesu Forderung: Folge mir nach! abgeschwächt, auf einen kleinen Bezirk des Lebens beschränkt. Die Folgen dieser Verschiebung sind ungeheuer gewesen und reichen bis tief in den Protestantismus hinein. Fern vom Getriebe des Lebens, in den stillen Räumen des Klosters, im besten Fall in der Armen- und Krankenpflege streben der Mönch und die Nonne einem «geistlichen» Lebensideal nach, das die Welt lässt, wie sie ist. Selbst ein so guter Calvinist wie Gerhard Tersteegen war in diesem Stück völlig katholisch: die Welt war ihm nur ein Getöse, dem man entfliehen müsse!14 Und wie viele seiner Geistesverwandten gehen bis heute noch in dieser katholischen Spur, ohne es auch nur zu |371 wissen. Und wie hat man doch noch bis tief in die Gegenwart hinein auch in der reformierten Landeskirche die Religion als ein Schmuckstück betrachtet, das man vom übrigen Leben möglichst fernzuhalten trachtete. Man respektierte die Kirche und den Pfarrer, aber unter der Bedingung, von ihnen in Ruhe gelassen zu werden in den Dingen des Lebens. Das war die katholische Trennung des «Geistlichen» und «Weltlichen». Und weiter: Ich bekam dieser Tage einen Bericht der Kulturgesellschaft15 und sah mit Staunen und Bewunderung, wie viel in humanitärer Hinsicht bei uns geleistet wird. Und doch bin ich vielleicht nicht der Einzige, der sich im Stillen fragt: Warum steht’s nicht besser, wo doch so viel getan wird? Steht’s nicht vielleicht auch hier so, dass man allerlei Gutes tut, um das eine Bessere nicht tun zu müssen? Dass man herumdoktert an den Wunden, die die heutige Gesellschaftsordnung dem Volksleben schlägt, statt einmal zu verhindern, dass Wunden geschlagen werden. Was nützten die komfortabelsten Zuchthäuser und Alkoholheilanstalten, wenn derselbe Staat, der sie baut, der offizielle Protektor des Alkohols ist? Was nützen alle Sittlichkeitsbestrebungen und Volksbibliotheken, wenn man uns da|372neben mit zweifelhafter und schlechter Literatur überschwemmen darf? Was nützen alle Sanatorien und Krankenpflegerinnen, wenn ungesunde Fabrikräume immer neue Patientinnen produzieren dürfen? Heißt das Alles nicht, seinen Vater begraben wollen, um nicht Jesus nachfolgen zu müssen?

Seht, für dieses Vorschützen und Ausweichen hat Jesus nicht ein zu scharfes, sondern das zutreffende Wort gefunden, als er sagte: Lasst die Toten ihre Toten begraben! So schön und recht es ist, seinem Vater die letzte Ehre zu erweisen, wollte er jenem Mann sagen – wenn du dich hinter diese Pflicht verstecken willst, um die größere Pflicht nicht auf dich zu nehmen, dann gehörst du selbst zu den Toten. Tot ist der Eifer, den du an den Tag legst, tot das Gefühl, das du dadurch zu bewähren meinst, tot ist das gute Werk, das du verrichtest geschäftig, während ein größeres, besseres ungetan bleibt. Denselben Protest gegen das Tote in der Religion haben 1500 Jahre nach Jesus die Reformatoren erhoben. Sie durchschauten es, dass es einen Mangel an Ernst bedeutet, wenn man den Gehorsam gegen Menschen an Stelle des Gehorsams gegen den Gott setzt, der sich in Jesus Christus und in unserm Gewissen offenbart. Sie durchschauten es, dass es eine Verleugnung des innern persönlichen Lebens ist, den Verkehr mit Gott an den Vollzug einer äußern heiligen Handlung zu binden. Sie durchschauten es, dass es eine Preisgabe unserer eigentlichen göttlichen Bestimmung bedeutet, fromm statt fleißig, mildtätig statt sozial sein zu wollen. Auf diesen Protest gegen das Tote sind die Kirchen der Reformation aufgebaut. – |

Und doch nicht nur auf einen Protest, auf ein Nein, so wenig dort Jesus bei einem Nein geblieben ist. – – Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes. Das ist das Ja der Reformation. Meine Freunde! Brauche ich erst noch auszuführen, dass der Protestantismus, wo er sich selber recht versteht, nie etwas anderes sein will als unmittelbarer Gehorsam gegen Gott, ein Gehorsam ohne Ausreden, Umwege und Flausen, ein Gehorsam ohne ein solches «zuvor»» , wie es die römische Kirche einschaltet?

Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes! Das heißt, dass der Mensch in rückhaltlosester Freiheit die Hand Jesu ergreift, der ihm sein «Folge mir nach!» zuruft. Ein Gehorsam, der nicht Freiheit wäre, ein geschnürter, gezwungener Gehorsam wäre für Jesus kein |373 Gehorsam. Nicht durch ein Opfer des Intellekts und des Willens, sondern durch Aufrichtigkeit und Selbstbesinnung wird der Wille Gottes erkannt. Und wenn es nun an das Tun dieses Gotteswillens geht, dann muss alles zauberhafte Sakramentswesen zurückbleiben hinter dem persönlichen innern Erlebnis des Geistes Gottes, der in Jesus Christus – nicht in dem Christus einer noch so schönen Zeremonie, sondern in dem Christus des neuen Testamentes – zu uns redet. In der persönlichen Erfahrung und in dem persönlichen Tun des göttlichen Wortes geschieht das eine einzige gute Werk, das es gibt, geschieht der Wille Gottes. Und was ist schließlich dieser Wille Gottes? Dass ich fromm sei? Dass ich in einer idealen geistlichen Welt in den Wolken schwebe? Mitnichten, sondern das, was ich als Mensch und Christ soll, das ist Helfen, Helfen in dieser Welt. Dazu brauche ich nicht erst besondere gute Werke zu verrichten, sondern das ist das gute Werk, das ich in meinem Beruf, welcher Art er auch sei, das ich in meiner Familie, das ich als Bürger im Staat täglich erfülle, indem ich in all diesen Kreisen – nicht etwas Besonderes –, sondern meine Pflicht tue.

Wo ein Mensch frei und aufrichtig ist, wo er in persönlichem Erlebnis die Gnade Gottes empfangen hat und weitergibt, wo er hilft an dem Punkte, wo er hingestellt ist in dieser Welt – da geschieht der unmittelbare Wille Gottes, da wird sein Reich verkündigt.

Gott mache auch uns zu solchen Menschen, zu Protestanten im Geist und in der Wahrheit.

Amen.

Sachfußnoten

1
In der Nachbargemeinde Walterswil-Rothacker, die schon zum Kanton Solothurn gehört, befindet sich eine römisch-katholische Kirche, und auch in Safenwil wohnten einige Glieder dieser Gemeinde. Mit Arnold Grolimund (1866–1940), der seit 1906 und bis 1918 katholischer Pfarrer dort war, pflegte Barth gerade in seiner Anfangszeit in Safenwil, in der er dort noch allein lebte, einen regen persönlichen Austausch. Gerade erst hatte er seinem Freund Fritz Zulauf davon berichtet (Brief vom 22.10.1911; KBA 9211.123): «Und wie würdest du erst glücklich sein über die Nachbarschaft eines lebendigen katholischen Pfarrers! (ich grenze nämlich ans Solothurnische) Mit dem komme ich sehr oft zusammen, er war schon drei Mal bei mir zum Nachtessen, und wir unterhalten uns ausgezeichnet, obschon fast immer polemisch. […] So verschönern wir einander öfters das Zölibatsleben und geben unsern Gemeinden ein schönes Vorbild konfessionellen Friedens.»↩
2
Der bekanntere und erbitterter geführte deutsche Kulturkampf war unmittelbar nach der Reichsgründung 1871 ausgebrochen und entzündete sich an den Maßnahmen, die Reichskanzler Otto von Bismarck gegen den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der katholischen Kirche und besonders des Papstes ergriffen hatte: mit dem «Kanzelparagraphen» (1871) wurden Geistlichen solche Äußerungen verboten, die geeignet erschienen, den «öffentlichen Frieden» zu gefährden, dem Jesuiten-Orden wurde die Gründung von Niederlassungen in Deutschland verboten (1872), die Zivilehe wurde obligatorisch (1875, in Preußen schon 1874), und in Preußen wurde die geistliche durch eine staatliche Schulaufsicht ersetzt (1872). Im Hintergrund standen die traditionell kritische Haltung des Katholizismus gegen den Liberalismus, das vorherrschende Fortschrittsdenken und vor allem das 1870 auf dem ersten Vatikanischen Konzil verkündete Unfehlbarkeitsdogma, das als Anmaßung verstanden wurde. Wenig später und von den Ereignissen in Deutschland angestoßen kam es auch in der Schweiz zu ähnlichen Auseinandersetzungen, die hier wie dort zwar schon Ende der 1870er Jahre wieder abebbten, unterschwellig aber das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und dem jeweiligen Staat auch darüber hinaus belasteten. Vgl. W. J. Mommsen, Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck 1850 bis 1890 (Propyläen Geschichte Deutschlands 7/1), Frankfurt/Main / Berlin 1993, S. 405–446 📖; Th. Maissen, Geschichte der Schweiz, Baden 2010, S. 219–221 📖.↩
3
Im Sinne von «etwas»; vgl. DWb 3, Sp. 259 📖.↩
4
Vgl. oben, S. 39, Anm. 6.↩
5
Wortspiel mit dem Sprichwort: «Wie man in den Wald ruft (schreit), so schallt es wieder heraus»; vgl. Röhrich V, S. 1691 📖.↩
6
Dies wird in der sogenannten «Sonntagsschule», dem Gottesdienst für Kinder, geschehen sein.↩
7
Schlacht vom 9. Juli 1386, in der die Schweizer gegen die überlegene habsburgische Armee siegten (vgl. auch oben, S. 115, Anm. 1).↩
8
Siehe oben, S. 175, Anm. 7.↩
9
Von 1545 bis 1563 tagte in vier Sitzungsperioden das Konzil in Trient, das in Abwehr der reformatorischen Bestrebungen die in der römisch-katholischen Kirche gültige Lehre festschrieb und zentrale Teile besonders der ­re­formato­rischen Rechtfertigungslehre mit Anathemata belegte (vgl. DH 1500–1846; bes. 1551–1583 📖).↩
10
Hierbei könnte es sich um den oben, Anm. 1, genannten Arnold Grolimund handeln, über den Barth in seinem Brief an Fritz Zulauf (Anm. 1) schrieb: «Er ist strenger Anhänger der jetzigen scharfen Richtung im Katholizismus, sagte mir aber letzthin, er verfahre fortiter in re, suaviter in modo und darum könne er bei mir das Nachtessen einnehmen!!!»↩
11
Seit dem späten 19. Jahrhundert, wohl in satirischer Verfremdung des Lutherliedes «Wir glauben all’ an einen Gott» (EG 183) 🎵 geläufiger Spottvers. Vgl. etwa den Beginn der fiktiven «Rede des Bramanen Mozoomdoc beim Protestantenverein», mit dem die ökumenischen Bestrebungen des dem Altkatholizismus nahestehenden Ignaz von Döllingers aufgespießt werden sollten (in: Die Bremse. Satirisch-humoristisches Wochenblatt, Jg. 3 [1874], S. 341 📖): «Wir glauben all’ an einen Gott, Jud’, Heide, Christ und Hottentot; das heißt von den Juden und den Indiern weiß man das gewiß, bei den Christen aber soll es einige geben, die gerade darum die ächten sein wollen, weil sie an keinen Gott glauben.»↩
12
Die Predigten zu Lk. 9,51–57 vom 22. Oktober (s. oben, S. 339-350) und zu Lk. 9,57f. vom 29. Oktober 1911 (s. oben, S. 351-360).↩
13
Die Kirche in Safenwil ist auf einem Hügel etwas oberhalb des Ortskerns gelegen.↩
14
Vgl. etwa die fünfte Strophe aus Tersteegens Lied «Stille doch mein armes Herze / O du stilles Wesen du» 🎵:
Meinen edeln Geist erlöse,
Daß ihn nichts hinfort berühr,
Was auch mag geschehen hier,
Mach ihn von der Welt Getöse,
Von Vernunft und Phantasei,
Und vom Reich der Sinne frei.
(Gerhard Terstegen’s geistliches Blumengärtlein inniger Seelen, nebst der Frommen Lotterie, nach den Ausgaben letzter Hand berichtigt und mit einigen Zusätzen versehen, Stuttgart [1905], S. 295 📖).↩
15
Die Aargauer «Gesellschaft für Vaterländische Kultur» (überwiegend nur als «Kulturgesellschaft» bezeichnet) wurde 1811 im Haus des Literaten und Politikers Heinrich Zschokke gegründet. Sie war die erste ihrer Art in der Schweiz, und ihre Besonderheit war, dass sie moralische, wissenschaftliche und soziale Ziele gleichermaßen verfolgte und dementsprechend in «Fachklassen» (landwirtschaftlich, staatswirtschaftlich, naturforschend, historisch und eine Klasse für Gewerbe und Wohlstand) gegliedert war. Zugleich war man von Anfang an gewillt, durch Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lage der ärmeren Bevölkerung auch zur Linderung der sozialen Not beizutragen. Vgl. E. Zschokke, Geschichte der Gesellschaft für vaterländische Cultur im Kanton Aargau, zur 50jährigen Gedenkfeier ihres Bestehens, Aarau 1861, dort bes. S. 17–19. 36–39 📖. – Dass Barth in den letzten Monaten des Jahres 1911 öfters auf die «Kulturgesellschaft» anspielt oder sie direkt erwähnt (vgl. unten, S. 393.410.416), könnte mit den großen Feierlichkeiten zu deren Jubiläum zusammenhängen, die kurz vorher stattgefunden hatten; vgl. Art. «Jahrhundertfeier der Kulturgesellschaft», in: Zofinger Tagblatt, Nr. 237, 10.10.1911, [S. 1] 📖.↩