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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 9,59–60 (Reformationsfest)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 9,59–60 (Reformationsfest), 5. November 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51032 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 361–373.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 9,59–60 (Reformationsfest)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">361–373</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 9,59-60 (Reformationsfest), 5. November 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1528">KBA 1063</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-11-05">Sonntag, den 5. November 1911</date> 
                        <lb/>(21. nach Trinitatis) 
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                    <head type="event"><hi rend="italic">Reformationsfest</hi></head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.59 Lk.9.60">Lukas 9,59–60</ref>
                            <quote>
                                Jesus sprach zu Einem: Folge mir nach! Der aber sagte: Herr erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes!
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Der heutige Sonntag ladet uns nach altem Brauch dazu ein, der großen Erneuerung der christlichen Kirche im 16. <term type="Sachen" key="Reformation">Jahrhundert</term> zu gedenken und uns dankbar und ernsthaft vor die Frage zu stellen, was es heißen will und was wir daran haben, dass wir <term type="Sachen" key="Protestanten">Protestanten</term>, dass wir evangelisch-reformierte <term type="Sachen" key="Christen, evangelisch-reformierte">Christen</term> heißen dürfen.</p>
                <p>Nicht darauf können wir es bei dieser Gedächtnisfeier abgesehen haben, in unsern Gedanken und Worten Krieg zu führen gegen Andersdenkende, gegen unsre <term type="Sachen" key="Christen, römisch-katholische">Mitchristen</term> von der römisch-katholischen Kirche. Daran würde uns in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> schon die freundschaftliche Gesinnung gegen den Nachbar hindern, mit dem wir gewohnt sind, im täglichen Leben Hand in Hand zu gehen und dessen Glocken uns übers Tal und über die Grenze hinüber immer wieder sagen, dass auch dort Gott gesucht und gefunden wird.<note xml:id="n01">In der Nachbargemeinde <placeName ref="kbga-places-1073">Walterswil-Rothacker</placeName>, die schon zum Kanton <placeName ref="kbga-places-492">Solothurn</placeName> gehört, befindet sich eine römisch-katholische Kirche, und auch in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> wohnten einige Glieder dieser Gemeinde. Mit <persName ref="kbga-actors-583">Arnold Grolimund</persName> (1866–1940), der seit <date when="1906">1906</date> und bis <date when="1918">1918</date> katholischer Pfarrer dort war, pflegte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gerade in seiner Anfangszeit in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, in der er dort noch allein lebte, einen regen persönlichen Austausch. Gerade erst hatte er seinem Freund <persName ref="kbga-actors-853">Fritz Zulauf</persName> davon berichtet (Brief vom <date when="1911-10-22">22.10.1911</date>; <idno type="kba-objects-identifier">KBA 9211.123</idno>): «Und wie würdest du erst glücklich sein über die Nachbarschaft eines lebendigen katholischen Pfarrers! (ich grenze nämlich ans Solothurnische) Mit dem komme ich sehr oft zusammen, er war schon drei Mal bei mir zum Nachtessen, und wir unterhalten uns ausgezeichnet, obschon fast immer polemisch. […] So verschönern wir einander öfters das Zölibatsleben und geben unsern Gemeinden ein schönes Vorbild konfessionellen Friedens.»</note> Solches Streiten und Kriegführen von <term type="Sachen" key="Konfession">Konfession</term> zu Konfession, von <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> zu Kirche sollten <pb xml:id="p362" ed="pga"/> wir aber auch sonst immer mehr lernen bleiben lassen. Es hat seine Zeit gehabt. Unsympathisch und unfruchtbar sind die Versuche, die leider immer noch von Zeit zu Zeit gemacht werden, den <term type="Sachen" key="Kulturkampf">Kulturkampf</term><note xml:id="n02">Der bekanntere und erbitterter geführte deutsche Kulturkampf war unmittelbar nach der Reichsgründung <date when="1871">1871</date> ausgebrochen und entzündete sich an den Maßnahmen, die Reichskanzler <persName ref="kbga-actors-500">Otto von Bismarck</persName> gegen den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der katholischen Kirche und besonders des Papstes ergriffen hatte: mit dem «Kanzelparagraphen» (<date when="1871">1871</date>) wurden Geistlichen solche Äußerungen verboten, die geeignet erschienen, den «öffentlichen Frieden» zu gefährden, dem Jesuiten-Orden wurde die Gründung von Niederlassungen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> verboten (<date when="1872">1872</date>), die Zivilehe wurde obligatorisch (<date when="1875">1875</date>, in <placeName ref="kbga-places-289">Preußen</placeName> schon <date when="1874">1874</date>), und in <placeName ref="kbga-places-289">Preußen</placeName> wurde die geistliche durch eine staatliche Schulaufsicht ersetzt (<date when="1872">1872</date>). Im Hintergrund standen die traditionell kritische Haltung des Katholizismus gegen den Liberalismus, das vorherrschende Fortschrittsdenken und vor allem das <date when="1870">1870</date> auf dem ersten <orgName ref="kbga-actors-6021">Vatikanischen Konzil</orgName> verkündete Unfehlbarkeitsdogma, das als Anmaßung verstanden wurde. Wenig später und von den Ereignissen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> angestoßen kam es auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zu ähnlichen Auseinandersetzungen, die hier wie dort zwar schon Ende der 1870er Jahre wieder abebbten, unterschwellig aber das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und dem jeweiligen Staat auch darüber hinaus belasteten. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-297">W. J. Mommsen, <hi rend="italic">Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck 1850 bis 1890</hi> (Propyläen Geschichte Deutschlands 7/1), Frankfurt/Main / Berlin 1993, S. 405–446</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5241">Th. Maissen, <hi rend="italic">Geschichte der Schweiz</hi>, Baden 2010, S. 219–221</bibl>.</note> zu erneuern und gegen <orgName ref="kbga-actors-8736">Rom</orgName> und den <term type="Sachen" key="Papst">Papst</term> eins<note xml:id="n03">Im Sinne von «etwas»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-98">DWb 3, Sp. 259</bibl>.</note> zu tosen und zu toben, besonders wenn sie von Leuten unternommen werden, die für katholische <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, katholische">Frömmigkeit</term> und katholische <term type="Sachen" key="Weltsicht, katholische">Weltauffassung</term> auch nicht das geringste Verständnis haben. Ja, selbst wenn der Angriff von der Gegenseite kommt, wie es letztes Jahr war, als die <term type="Sachen" key="Enzyklika «Editae saepe»">Borromäusenzyklika</term> des <persName ref="kbga-actors-1391">Papstes</persName><note xml:id="n04">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p039#fn_n06">S. 39, Anm. 6</ref>.</note> die Persönlichkeiten unsrer <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> in läppischer Weise verunglimpfte, selbst in solchen Fällen sollten wir <term type="Sachen" key="Protestanten">Protestanten</term> die Feineren und Vornehmeren sein, die nicht aus dem Wald <pb xml:id="p363" ed="pga"/> schreien, wie man hineingeschrien hat.<note xml:id="n05">Wortspiel mit dem Sprichwort: «Wie man in den Wald ruft (schreit), so schallt es wieder heraus»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich V, S. 1691</bibl>.</note> Ich sage: wir wollen nicht streiten und anklagen gegen die römische <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term>. Ich sage das nicht, weil ich der oft gehörten Ansicht wäre: «katholisch oder protestantisch das ist ganz gleichgiltig, wenn man nur brav ist!» Nein, ich bin der festen Überzeugung, dass durch die <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> nicht nur eine andere Sorte <term type="Sachen" key="Reformation, durch die R. entstand eine andere Sorte Kirche und Religion">Kirche</term> und Religion entstand ist, sondern eine höhere, bessere, überlegene Form des <term type="Sachen" key="Reformation, durch die R. entstand eine höhere, bessere, überlegene Form des Lebens">Lebens</term>, des <term type="Sachen" key="Gottesleben">Gotteslebens</term>. Aber gerade weil ich dieser Überzeugung bin, liegt mir das Streiten am heutigen <term type="Sachen" key="Reformationsfest">Tag</term> ganz ferne. Wenn man einer Sache sicher ist, dann hat man nicht nötig, Steine zu werfen. Die <term type="Sachen" key="Wahrheit, setzt sich durch, weil sie die W. ist">Wahrheit</term> wird sich durchsetzen und wird es gewinnen in der Welt, weil sie die Wahrheit ist. – |</p>
                <p> Wohl aber wollen wir <term type="Sachen" key="Protestanten, Selbstprüfung">Protestanten</term> uns selber prüfen, ob <hi rend="italic">wir</hi> unsres Namens wert sind, ob <hi rend="italic">wir</hi> in unserm Fühlen, Denken und Tun fest stehen auf dem Boden der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term>, ob es bei <hi rend="italic">uns</hi> die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die wir bei Andern schmerzlich vermissen, gewonnen hat. Und wenn wir uns so prüfen, dann entdecken wir mit schmerzlicher Beschämung, dass wir am <term type="Sachen" key="Reformationsfest">Reformationstag</term> über und über genug mit uns selbst zu tun haben.</p>
                <p>Ich will nur etwas ganz Äußerliches nennen: Was <hi rend="italic">wissen</hi> die Meisten von uns über <term type="Sachen" key="Protestantismus">Protestantismus</term> und <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term>? Am letzten Sonntag habe ich unsern Kindern, 160 an der Zahl, die Frage gestellt: Was versteht man unter der Reformation? und habe <hi rend="italic">keine</hi> Antwort bekommen, bis zuletzt ein Knabe die Hand aufhielt und sagte, die Reformation sei «ein Religionskrieg» gewesen!!<note xml:id="n06">Dies wird in der sogenannten «Sonntagsschule», dem Gottesdienst für Kinder, geschehen sein.</note> Ja, und wenn man an einer Versammlung von Erwachsenen die Frage stellen würde: was ist der Unterschied von evangelisch und katholisch, würden da nicht die Meisten sagen: Wir <term type="Sachen" key="Christen, evangelische">Evangelischen</term> beteten nur Gott an, während die <term type="Sachen" key="Christen, katholische">Katholiken</term> noch die Jungfrau <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> und die <term type="Sachen" key="Heilige">Heiligen</term> dazu nehmen? und was dergleichen oberflächliche Antworten mehr sind? – |</p>
                <p>Aber wenn es sich da nur um eine Sache des Wissens und der richtigen Antworten handeln würde, dann könnte man ja sagen, das sei nicht so wichtig, und wenn man nicht gerade Pfarrer sei, habe man an Anderes zu sinnen. Das Wissen und die rechten Antworten sind’s <pb xml:id="p364" ed="pga"/> aber <hi rend="italic">nicht</hi> allein und <hi rend="italic">nicht</hi> in der Hauptsache. Katholizismus und <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, zwei grundverschiedene Arten des Lebens">Protestantismus</term> bedeutet zwei grundverschiedene Arten des Lebens. Es liegt eine Welt, ein Abgrund zwischen <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, es liegt eine Welt, ein Abgrund zwischen beiden">beiden</term>. Es kommt jetzt bloß darauf an, auf welcher Seite des Abgrunds man steht. Es ist mancher protestantisch <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, entscheidend ist nicht die Konfession, sondern die Lebenseinstellung">getauft</term> und erzogen und ist doch ein Katholik bis ins Mark seines Wesens hinein. Kein Wunder, wenn er dann nicht merkt, dass Beides sehr zweierlei ist! Ich sehe auf die Frommen und Eifrigen auf unsrer Seite und bemerke auf Schritt und Tritt: Gerade das, worin sie meinen, extra fromm zu <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, «Extra-Fromm-Sein» als Ruine katholischer Herrlichkeit im Protestantismus">sein</term> in ihrem Leben, gerade das sind Ruinen <hi rend="italic">katholischer</hi> Herrlichkeit auf dem Boden der evangelischen Welt. Ich sehe auch die <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, die Mittelmäßigen beider gleichen einander zum Verwechseln">Mittelmäßigen</term> und Lauen bei uns und entdecke: ihre Stellung zu <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> und <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> gleicht zum Verwechseln der eines mittelmäßig-gleichgiltigen <hi rend="italic">Katholiken.</hi> Ich sehe auch die, die aus irgend einem Grund meinen, dem lieben Gott oder doch dem Christentum aus der Schule laufen zu können, und siehe da: auch hier ist es <hi rend="italic">katholisches</hi> Kirchentum und Christentum, das sie mit ihrer Opposition <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, Kritik von Protestanten am Christentum meint oft katholisches Kirchentum">meinen</term>, an dem sie sich reiben und gegen das sie revoluzzen, trotzdem sie mitten im Protestantismus leben. |</p>
                <p> 400 Jahre werden es nun bald sein, seit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seine 95 Thesen an die Tür der <placeName ref="kbga-places-1090">Schlosskirche zu Wittenberg</placeName> geschlagen, und noch immer ist der römische Sauerteig wirksam, bei uns und <hi rend="italic">in uns</hi>
                    <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, römischer Sauerteig noch immer wirksam im Pr.">wirksam</term>. Er steckt noch in uns Allen mehr oder weniger. Die Menschenseele ist von Natur <term type="Sachen" key="Seele, katholische Natur">katholisch</term>, immer wieder bedarf es der <term type="Sachen" key="Seele, Reformation führt die S. von ihrer katholischen Natur zu Gott">Reformation</term>, um sie von ihrer Natur zu ihrem Gott zu führen. Die <term type="Sachen" key="Reformation, kein Ereignis der Vergangenheit">Reformation</term> ist nicht ein Ereignis der Vergangenheit, das wir heute feierten wie man etwa die Schlacht bei <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName><note xml:id="n07">Schlacht vom <date when="1386-07-09">9. Juli 1386</date>, in der die Schweizer gegen die überlegene habsburgische Armee siegten (vgl. auch oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p115#fn_n01">S. 115, Anm. 1</ref>).</note> feiert. Die <term type="Sachen" key="Reformation, ewiger Grundsatz und Gegensatz des inneren Lebens">Reformation</term> ist ein ewiger Grundsatz und Gegensatz des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, den wir immer wieder erleben und durchkämpfen müssen. Was? Du sagst, das sei ein gleichgiltiger Gegensatz! Wenn man nur brav sei? So? Hast du noch nie etwas gemerkt oder gehört von dem grundverschiedenen Gesicht, das ein Land und Volk mit der Zeit annimmt, je nachdem es katholisch oder <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, Entwicklung kath. und prot. Länder und Völker">protestantisch</term> ist? Nichts gehört von der total andern Entwicklung in <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> und <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Gesittung</term>, die Länder wie <orgName ref="kbga-actors-9627">Spanien</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8521">Italien</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> durchgemacht gegenüber <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> oder <orgName ref="kbga-actors-8733">England</orgName>? <pb xml:id="p365" ed="pga"/> Würde ein <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> in <placeName ref="kbga-places-676">Worms</placeName> vor Kaiser und Reich hingestanden sein in dem Bewusstsein: hier stehe ich, ich <hi rend="italic">kann</hi> nicht anders,<note xml:id="n08">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p175#fn_n07">S. 175, Anm. 7</ref>.</note> wenn es sich um Gleichgiltiges gehandelt hätte? Würde mir ein Katholik, den ich sehr schätze, noch jüngst gesagt haben: auf diese Lehre des <orgName ref="kbga-actors-5203">Konzils von Trient</orgName><note xml:id="n09">Von <date to="1563" from="1545">1545 bis 1563</date> tagte in vier Sitzungsperioden das <orgName ref="kbga-actors-5203">Konzil</orgName> in <placeName ref="kbga-places-397">Trient</placeName>, das in Abwehr der reformatorischen Bestrebungen die in der römisch-katholischen Kirche gültige Lehre festschrieb und zentrale Teile besonders der ­re­formato­rischen Rechtfertigungslehre mit Anathemata belegte (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 1500–1846; bes. 1551–1583</bibl>).</note> will ich leben und sterben, so sicher bin ich, dass sie richtig ist<note xml:id="n10">Hierbei könnte es sich um den oben, <ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>, genannten <persName ref="kbga-actors-583">Arnold Grolimund</persName> handeln, über den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-853">Fritz Zulauf</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>) schrieb: «Er ist strenger Anhänger der jetzigen <hi rend="italic">scharfen</hi> Richtung im Katholizismus, sagte mir aber letzthin, er verfahre <foreign xml:lang="lat">fortiter in re, suaviter in modo</foreign> und darum könne er bei mir das Nachtessen einnehmen!!!»</note> – wenn es sich da um Dinge handelte, die geradeso gut auch anders sein könnten, «wenn man nur brav ist»? Seht, die Leute, die so reden: es ist Alles gleich,</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wir glauben all an <hi rend="italic">einen</hi> Gott</l>
                            <l>Jud, Christen, Türk und Hottentott,<note xml:id="n11">Seit dem späten 19. Jahrhundert, wohl in satirischer Verfremdung des Lutherliedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-319">«Wir glauben all’ an einen Gott» (EG 183)</bibl> geläufiger Spottvers. Vgl. etwa den Beginn der fiktiven «Rede des Bramanen Mozoomdoc beim Protestantenverein», mit dem die ökumenischen Bestrebungen des dem Altkatholizismus nahestehenden <persName ref="kbga-actors-2830">Ignaz von Döllingers</persName> aufgespießt werden sollten (in: <bibl corresp="kbga-bibls-5385">Die Bremse. Satirisch-humoristisches Wochenblatt, Jg. 3 [1874], S. 341</bibl>): «Wir glauben all’ an einen Gott, Jud’, Heide, Christ und Hottentot; das heißt von den Juden und den Indiern weiß man das gewiß, bei den Christen aber soll es einige geben, die gerade darum die <hi rend="italic">ächten</hi> sein wollen, weil sie an <hi rend="italic">keinen</hi> Gott glauben.»</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">das sind langweilige, unnütze Leute, denen es meist nicht sehr ernst ist. Wir wollen nicht zu ihnen gehören. Gewiss ist die Wahrheit <term type="Sachen" key="Wahrheit, Gottes W. ist größer als die Luthers und als die von Trient">Gottes</term> immer noch größer als die Wahrheit <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> <hi rend="italic">und</hi> als die Wahrheit des katholischen <orgName ref="kbga-actors-5203">Konzils von Trient</orgName>. Wir aber wollen gegen das Stück <term type="Sachen" key="Wahrheit, uns anvertrautes Stück W.">Wahrheit</term>, das <hi rend="italic">uns</hi> anvertraut ist, nicht gleichgiltig sein, sondern fest und brav dazu stehen, in unserm Denken und noch mehr in unserm Leben. Gottes Sache wird es einmal sein, unsre <term type="Sachen" key="Wahrheit, Gott wird unsere W. mit der W. anderer zusammenbringen">Wahrheit</term> zusammen zu bringen mit der Wahrheit, die er Andern anvertraut haben mag.</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p366" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Und so wollen wir uns denn heute von einem Worte Jesu zeigen lassen, was katholische Art des Denkens und <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, Art des Denkens und Lebens">Lebens</term> ist und was unsre protestantische Art – <hi rend="italic">sein sollte.</hi> (Die regelmäßig zur <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> kommen, werden wissen, dass ich dies Wort nicht absichtlich für den heutigen Zweck ausgesucht habe, sondern nach den zwei letzten Predigten<note xml:id="n12">Die Predigten zu <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.51 Lk.9.57">Lk. 9,51–57</ref> vom <date when="1911-10-22">22. Oktober</date> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p339#p339">S. 339-350</ref>) und zu <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.57 Lk.9.58">Lk. 9,57f.</ref> vom <date when="1911-10-29">29. Oktober 1911</date> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p351#p351">S. 351-360</ref>).</note> heute ohnehin darüber geredet haben würde.) <hi rend="italic">Folge mir <term type="Sachen" key="Nachfolge">nach!</term></hi> hat Jesus zu einem Menschen gesagt. Das ist das Allergewaltigste und Wichtigste, was zu einem Menschen gesagt werden kann. Man kann sagen, dass das einfach die Aufforderung ist: Fang jetzt an zu <hi rend="italic">leben!</hi> Was du vorher so nanntest, dein Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten und Reden, das war noch gar nichts. Das Leben fängt erst an. Es besteht <term type="Sachen" key="Leben, besteht darin, dass man einen Zweck hat im Dasein">darin</term>, dass man einen Zweck hat in seinem Dasein. Den hatte Jesus, denn er kannte den <hi rend="italic">Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term></hi>, und darum konnte er sagen: Folge mir nach! Zum Leben gehört weiter, dass man wisse, was zu tun ist, um jenen Zweck zu erreichen. Das wusste Jesus, denn er wusste, dass Gottes Willen damit geschieht, dass <hi rend="italic">allen Menschen geholfen</hi> wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.2.4">1.Tim. 2,4</ref>]. Darum konnte er sagen: Folge mir nach! Mach’s auch so! Zum <term type="Sachen" key="Leben, zum L. gehört großes Zutrauen">Leben</term> gehört schließlich ein großes Zutrauen. Man muss irgendwie wissen können, dass man Meister wird mit dem, was man verrichten soll in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>. Das wusste Jesus, denn er wusste, dass die ganze Welt mit <term type="Sachen" key="Freude">Freud</term> und <term type="Sachen" key="Leid">Leid</term>, <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term> und <term type="Sachen" key="Krankheit">Krankheit</term> und allem in der <hi rend="italic">Hand desselben <term type="Sachen" key="Welt, in der Hand Gottes">Gottes</term></hi> ist, der uns sagt, was wir in der Welt verrichten sollen. Darum konnte Jesus sagen: Folge mir <term type="Sachen" key="Nachfolge">nach!</term> Du darfst dies Zutrauen auch haben. Ich sage: es ist etwas ganz Gewaltiges um diese Aufforderung, wie wir sie auch auslegen mögen. Es ist ein Gebot darin verborgen, das über alle <term type="Sachen" key="Gebote">Gebote</term> hinausgeht, das uns ganz und gar in Anspruch <term type="Sachen" key="Nachfolge, Aufforderung zur N. geht über alle Gebote hinaus">nimmt</term>. Einen Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> zu erkennen und anzuerkennen in unserm Leben, diesen Willen zu erfüllen durch Liebe zu den <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Brüdern</term>, das Zutrauen zu haben, dass es so gut, dass es so das Beste sei, das ist ein erschütternd großes <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term>, und wenn wir an den denken, der es ausgesprochen, der zum Menschen sagt: Folge mir nach!, an seine Überlegenheit uns gegenüber, dann kommt es uns <pb xml:id="p367" ed="pga"/> ernsthaft, furchtbar sogar vor, was er ein andermal gesagt: ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>] Es ist eine enge Pforte und ein steiler Weg, diese Nachfolge <term type="Sachen" key="Nachfolge">Jesu</term>, und wenige sind es, die diesen Weg gehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.14">Mt. 7,14</ref>].</p>
                <p>Auf diese Aufforderung hat nun jener Mensch geantwortet: <hi rend="italic">Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe!</hi> Das war eine durch und durch <hi rend="italic">katholische</hi> Antwort, obwohl es dazumal noch keine katholische Kirche gab. Er hat etwas gespürt von dem gewaltigen Ernst, der in Jesu Wort lag: es war ihm, wie wenn eine mächtige Hand nach ihm griffe und ihn umgestalten wolle in seinem innersten <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>. Seiner <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term>, seinem Willen, seinem <term type="Sachen" key="Gefühle">Gefühl</term> ist eine Aufgabe gestellt, er braucht nur Jesus anzusehen, der mit ihm redet, so weiß er, in was diese Aufgabe besteht: Aufwachen! Ernsthaft sein! Nicht für sich selbst leben, sondern für die Andern! Und in dem Allem ruhig und still sein! Eine unendlich einfache Aufgabe, aber unendlich schwer zugleich. Und im Angesicht dieser Aufgabe hat nun jener erste Katholik nicht Ja und nicht Nein gesagt, sondern: <hi rend="italic">erlaube mir, dass ich zuvor –</hi> – noch eine andre <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> und Aufgabe erfülle, die auch gar schön und wichtig ist: Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! Wer wollte bezweifeln, dass das an sich ein ganz schöner Gedanke, ja, eine selbstverständliche Pflicht kindlicher <term type="Sachen" key="Pietät">Pietät</term> und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> war, an der auch Jesus seine Freude hätte haben können? Hat sich dieser Mensch mit seiner Antwort nicht als ein besonders Frommer ausgewiesen? Wie kommt Jesus zu dem schroffen Ausspruch: <hi rend="italic">Lass die Toten ihre Toten begraben?</hi></p>
                <p>Wir müssen versuchen, in die Seele dieses Mannes hineinzusehen, wie Jesus es getan hat. Jawohl, es war eine schöne <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term>, die er zuvor erfüllen wollte. Das wusste Jesus so gut wie wir. Aber warum kommt er gerade in diesem Augenblick, statt mit einem freudigen Ja zu antworten auf Jesu große Aufforderung, mit dieser halbverlegenen Bitte: <hi rend="italic">Herr, erlaube mir, dass ich zuvor…</hi>? Liebe Freunde, dieser Mann brauchte das, was an sich etwas Schönes, Natürliches, Frommes ist, als <hi rend="italic">Ausrede</hi> der Forderung <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, als Ausrede gegenüber der Aufforderung zur Nachfolge">Jesu</term> gegenüber. Er spürte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, wie ich vorhin sagte, aber er hatte Angst davor, er hält sie gleichsam auf: Herr, erlaube mir, ich habe zuerst noch etwas zu tun, das auch gar wichtig ist! Etwas Schönes gewiss, aber doch etwas <hi rend="italic">Anderes</hi>, nicht das Aufwachen und die Tätigkeit und das Ver<pb xml:id="p368" ed="pga" break="no"/>trauen, das Jesus von ihm forderte: die stellte er zurück, zu späterer Erledigung. Erst muss ich ein frommer Sohn sein!</p>
                <p> Das ist <term type="Sachen" key="Katholizismus">Katholizismus</term>. Der Katholik hört die Botschaft und das Gebot Jesu so gut wie wir. Aber er antwortet darauf zunächst weder mit Ja noch mit Nein, sondern: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor <hi rend="italic">hingehe und ein gutes Werk <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit">tue</term></hi><hi rend="italic">.</hi> Jesus verlangt vom Menschen nur eins: Folge mir nach! Schenke mir dein <hi rend="italic">Herz</hi>! Das ist das, was unsre <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> den <term type="Sachen" key="Glaube, Nachfolge"><hi rend="italic">Glauben</hi></term> genannt haben. Der Katholik antwortet auf das Verlangen Jesu mit dem Hinweis auf einen Schwall von Verrichtungen und <term type="Sachen" key="Katholizismus, Werkgerechtigkeit statt Nachfolge">Werken</term>. Es ist viel wirklich <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> und Schönes darunter, zweifellos, gerade wie es auch schön war von jenem Mann, dass er seinen Vater begraben wollte. Aber wenn wir es mit der Forderung Jesu vergleichen, müssen wir sagen: es ist etwas <hi rend="italic">Anderes,</hi> es ist nicht das, was er von uns will, ihm gegenüber sind diese guten und schönen Verrichtungen und Werte eine <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit, als Ausrede gegenüber der Aufforderung zur Nachfolge"><hi rend="italic">Ausrede</hi></term><hi rend="italic">.</hi></p>
                <p>Der Katholizismus lehrt seine Anhänger: Eine erste Christenpflicht ist der <hi rend="italic">Gehorsam</hi> gegen die <term type="Sachen" key="Katholizismus, Pflicht zum Gehorsam gegen die Kirche">Kirche</term>, die dasteht als die Repräsentantin der Überlieferung von zwei Jahrtausenden. Die Reiche der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, die Perioden der <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> kommen und gehen, der Felsen <persName ref="kbga-actors-1814">Petri</persName> in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> steht und wird bestehen, und die Pforten der Hölle sollen ihn nicht überwältigen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.18">Mt. 16,18</ref>]. Hieher gehört, wer zu Christus gehört, denn hier ist zu hören, was immer, was überall, was für Alle rechter Glaube und rechtes Leben <term type="Sachen" key="Katholizismus, Lehramt der Kirche">gewesen</term> ist. Das ist ein großer und reicher Gedanke, und wir verstehen die, die sich dafür begeistern. Großes und Unvergängliches hat die römische <term type="Sachen" key="Katholizismus, Autoritätsanspruch der Kirche">Kirche</term> mit diesem ihrem Autoritätsanspruch in alten Zeiten geleistet, und noch heute steht sie da wie eine wohldis[zi]plinierte <term type="Sachen" key="Katholizismus, röm.-kath. Kirche eine wohldisziplinierte Armee">Armee</term>. Das Apostelwort: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.5">Eph. 4,5</ref>] scheint sich in ihr glänzend erfüllt zu haben. Aber eins können wir nicht anerkennen: dieser <term type="Sachen" key="Gehorsam, Gehorsam gegen die Kirche ist nicht Nachfolge">Gehorsam</term> ist nicht das, was Jesus gemeint hat, wenn er den Seinen zurief: Folget mir nach! Es mag etwas Schönes sein, wir wollen darüber heute nicht streiten, aber es ist etwas Anderes, es ist gegenüber der Forderung Jesu ein Ausweichen, eine Ausrede. Es ist ein «gutes <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werk»</term> und nicht der gute Wille, den Jesus von uns verlangt. Es sieht aus wie eine gewaltige Leistung zur Ehre Gottes, aber es ist in Wirklichkeit eine eigenmächtige Verwechslung des schwereren mit einem leichteren <term type="Sachen" key="Gehorsam, schwererer gegen Gott und leichterer gegen die Kirche">Gehorsam</term>. Denn es ist leichter, einer Kirche sich zu unterwerfen, als <pb xml:id="p369" ed="pga"/> Gott! Es lebt noch sehr viel von diesem Christentum und Leben der äußern Autorität auch im <term type="Sachen" key="Katholizismus und Protestantismus, es lebt viel K. im Pr.">Protestantismus</term>. Immer wieder kommen Stimmen auch auf unsrer Seite, die unsern Glauben auf Worte und Lehren und Bücher gründen möchten. Schöne Worte und Lehren und Bücher, ganz gewiss. Aber das «Folge mir nach!» Jesu ist etwas Anderes. Und wenn wir auf irgend ein Schlagwort hören und schwören, wenn wir uns dieser oder jener Partei verschreiben mit Haut und Haar, wenn wir uns vielleicht in eine selbst gefundene Idee verbohren, ja, ist das etwas Anderes als das römisch-katholische <term type="Sachen" key="Katholizismus, Ausweichen gegenüber der Forderung Gottes">Ausweichen</term> gegenüber der Forderung Gottes, die uns eben nicht festlegen, sondern vorwärts treiben will?</p>
                <p>Ich will einen andern Punkt herausgreifen: die katholische Kirche ist die Kirche des <term type="Sachen" key="Sakrament"><hi rend="italic">Sakraments</hi></term>. <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünden</term> und Leben aus <term type="Sachen" key="Leben, aus Gott">Gott</term> erwirbt sich nach ihrer Lehre der Gläubige durch seine Teilnahme am Vollzug der heiligen Handlungen, vor Allem des <term type="Sachen" key="Messopfer">Messopfers</term>. Ich betone wieder: diese heiligen Handlungen haben Alle etwas Schönes und Sinnreiches. Die <term type="Sachen" key="Messe">Messe</term> im Besonderen ist für den, der sie verstehen kann, etwas Ehrwürdiges und Großes und Wahres. Wer Sinn hat für Formen und Symbole, wird sich immer wieder daran erfreuen, auch wenn er ein guter <term type="Sachen" key="Protestanten, auch Pr. können sich an der Messe erfreuen">Protestant</term> ist. Aber bei alledem ist es doch wieder die denkbar schwerste Verwechslung, wenn nach katholischer Lehre und <term type="Sachen" key="Katholizismus, Frömmigkeit und Messbesuch eins und dasselbe">Praxis</term> Frömmigkeit und Messbesuch so ziemlich eins und dasselbe wird. Folge mir nach!, sagt Jesus. Herr, erlaube mir, dass ich zuvor in die Kirche gehe und meine Gebote verrichte!, antwortet der Katholizismus. Das heißt <term type="Sachen" key="Katholizismus, Ausweichen gegenüber der Forderung Gottes">Ausweichen</term>. Das heißt, etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, etwas G. tun, um sich dem Besseren zu entziehen">Gutes</term> vorschützen, um sich dem Bessern zu entziehen. Haben <hi rend="italic">wir</hi> das noch nie getan? Ist die Art ganz ausgestorben unter uns, die das Gewissen zu beschwichtigen sucht durch einen Besuch in der <term type="Sachen" key="Gottesdienst, Besuch zur Beruhigung des Gewissens">Kirche</term>, um dann hinabzugehen<note xml:id="n13">Die <placeName ref="kbga-places-1044">Kirche in Safenwil</placeName> ist auf einem Hügel etwas oberhalb des Ortskerns gelegen.</note>: Nun habe ich das Meinige getan? Dass die Kinder <term type="Sachen" key="Taufe">getauft</term> werden müssen, das scheint noch immer den Meisten selbstverständlich. Aber warum ist es ihnen dann nicht auch selbstverständlich, diese Kinder später nach bestem Wissen und Gewissen zu Bürgern des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, zu rechten Menschen zu <term type="Sachen" key="Erziehung">erziehen</term>. Das Eine ohne das andre ist katholische <term type="Sachen" key="Religion, katholische Sakramentsreligion">Sakramentsreligion</term>. Steht’s <pb xml:id="p370" ed="pga"/> nicht noch mit vielen unsrer Bräuche so, dass wir sie ausüben, um uns bequem einer größeren <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> entziehen zu können, noch dazu unter dem Schein der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Pietät">Pietät</term>? «Erlaube mir, dass ich hingehe und meinen Vater begrabe!» Ist nicht so oft gerade unsre Beteiligung an Beerdigungen ein stiller Ersatz für die schwerere Pflicht, die wir den Lebenden schuldig gewesen wären? Wünscht nicht Mancher dem Nachbar eine «gute Zeit», um ihn dann umso getroster in seinen Verlegenheiten sitzen zu lassen. Das ist katholisch gedacht und gehandelt. Man erledigt seine Pflicht, indem man einen schönen <term type="Sachen" key="Bräuche">Brauch</term> ausübt. Und so geht man an der Forderung Jesu vorbei.</p>
                <p>Ein Drittes soll noch genannt sein. Der Katholizismus unterscheidet scharf zwischen den <hi rend="italic">guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werken</term></hi><hi rend="italic">,</hi> die von der Kirche angeordnet oder gebilligt sind, und dem Rest der übrigen menschlichen <term type="Sachen" key="Gute Werke, und übrige menschliche Verrichtungen">Verrichtungen</term>. Nur die erstern sind <hi rend="italic">verdienstlich</hi> vor <term type="Sachen" key="Gute Werke, verdienstlich vor Gott">Gott</term>, während die übrigen gleichgiltig «weltlich» sind. <term type="Sachen" key="Kommunion">Kommunionsbesuch</term>, <term type="Sachen" key="Beten">Beten</term>, <term type="Sachen" key="Buße, katholische Bußübungen">Bußübungen</term>, <term type="Sachen" key="Almosen">Almosen</term> sind verdienstlich, sind gute <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term>. Wir wollen wiederum nicht streiten darüber, ob diese Dinge nun wirklich diesen Namen verdienen. Halten wir nur das eine fest: es wird hier ein Kreis bestimmter Handlungen als heilig bezeichnet, während die ganze übrige <term type="Sachen" key="Katholizismus, Trennung des Geistlichen vom Weltlichen">Welt</term>, die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und <term type="Sachen" key="Sorge">Sorge</term> dieses Lebens, im Halbdunkel der Gleichgiltigkeit, wenn nicht der <term type="Sachen" key="Katholizismus, «Welt» im Halbdunkel der Sünde">Sünde</term> liegt. So wird Jesu Forderung: Folge mir nach! abgeschwächt, auf einen kleinen Bezirk des Lebens beschränkt. Die Folgen dieser Verschiebung sind ungeheuer gewesen und reichen bis tief in den <term type="Sachen" key="Protestantismus, beeinflusst von kath. Unterscheidung zwischen weltlichem und «geistlichem» Leben">Protestantismus</term> hinein. Fern vom Getriebe des Lebens, in den stillen Räumen des <term type="Sachen" key="Klöster">Klosters</term>, im besten Fall in der Armen- und Krankenpflege streben der Mönch und die Nonne einem «geistlichen» <term type="Sachen" key="Lebensideal, mönchisch-«geistliches»">Lebensideal</term> nach, das die Welt lässt, wie sie ist. Selbst ein so guter <term type="Sachen" key="Calvinisten">Calvinist</term> wie <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> war in diesem Stück völlig katholisch: die Welt war ihm nur ein Getöse, dem man entfliehen müsse!<note xml:id="n14">Vgl. etwa die fünfte Strophe aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-320"><persName ref="kbga-actors-797">Tersteegens</persName> Lied «Stille doch mein armes Herze / O du stilles Wesen du»</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Meinen edeln Geist erlöse, </l>
                                    <l>Daß ihn nichts hinfort berühr, </l>
                                    <l>Was auch mag geschehen hier, </l>
                                    <l>Mach ihn von der Welt Getöse, </l>
                                    <l>Von Vernunft und Phantasei, </l>
                                    <l>Und vom Reich der Sinne frei. </l>
                                </lg>
                            </q>
                         (<bibl corresp="kbga-bibls-3702"><hi rend="italic">Gerhard Terstegen’s geistliches Blumengärtlein inniger Seelen, nebst der Frommen Lotterie, nach den Ausgaben letzter Hand berichtigt und mit einigen Zusätzen versehen</hi>, Stuttgart [1905], S. 295</bibl>).</note> Und wie viele seiner Geistesverwandten gehen bis heute noch in dieser katholischen Spur, ohne es auch nur zu <pb xml:id="p371" ed="pga"/> wissen. Und wie hat man doch noch bis tief in die Gegenwart hinein auch in der reformierten <term type="Sachen" key="Kirche, reformierte Landesk.">Landeskirche</term> die Religion als ein <term type="Sachen" key="Religion, vom weltlichen Leben fernzuhaltendes Schmuckstück">Schmuckstück</term> betrachtet, das man vom übrigen Leben möglichst fernzuhalten trachtete. Man respektierte die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> und den <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term>, aber unter der Bedingung, von ihnen in Ruhe gelassen zu werden in den Dingen des Lebens. Das war die katholische Trennung des «Geistlichen» und <term type="Sachen" key="Katholizismus, Trennung des Geistlichen vom Weltlichen">«Weltlichen»</term>. Und weiter: Ich bekam dieser Tage einen Bericht der <orgName ref="kbga-actors-9011">Kulturgesellschaft</orgName><note xml:id="n15">Die Aargauer «<orgName ref="kbga-actors-9011">Gesellschaft für Vaterländische Kultur</orgName>» (überwiegend nur als «Kulturgesellschaft» bezeichnet) wurde <date when="1811">1811</date> im Haus des Literaten und Politikers <persName ref="kbga-actors-2263">Heinrich Zschokke</persName> gegründet. Sie war die erste ihrer Art in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, und ihre Besonderheit war, dass sie moralische, wissenschaftliche und soziale Ziele gleichermaßen verfolgte und dementsprechend in «Fachklassen» (landwirtschaftlich, staatswirtschaftlich, naturforschend, historisch und eine Klasse für Gewerbe und Wohlstand) gegliedert war. Zugleich war man von Anfang an gewillt, durch Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lage der ärmeren Bevölkerung auch zur Linderung der sozialen Not beizutragen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5389"><persName ref="kbga-actors-10407">E. Zschokke</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Gesellschaft für vaterländische Cultur im Kanton Aargau, zur 50jährigen Gedenkfeier ihres Bestehens</hi>, Aarau 1861, dort bes. S. 17–19. 36–39</bibl>. – Dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in den letzten Monaten des Jahres <date when="1911">1911</date> öfters auf die «Kulturgesellschaft» anspielt oder sie direkt erwähnt (vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/51/p393#p393">S. 393</ref>.<ref type="pub" target="../volume/51/p410#p410">410</ref>.<ref type="pub" target="../volume/51/p416#p416">416</ref>), könnte mit den großen Feierlichkeiten zu deren Jubiläum zusammenhängen, die kurz vorher stattgefunden hatten; vgl. Art. <bibl corresp="kbga-bibls-5390">«Jahrhundertfeier der Kulturgesellschaft», in: Zofinger Tagblatt, Nr. 237, 10.10.1911, [S. 1]</bibl>.</note> und sah mit Staunen und Bewunderung, wie viel in humanitärer Hinsicht bei uns geleistet wird. Und doch bin ich vielleicht nicht der Einzige, der sich im Stillen fragt: Warum steht’s nicht besser, wo doch so viel getan wird? Steht’s nicht vielleicht auch hier so, dass man allerlei Gutes tut, um das eine Bessere nicht tun zu <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, etwas G. tun, um sich dem Besseren zu entziehen">müssen</term>? Dass man herumdoktert an den Wunden, die die heutige <term type="Sachen" key="Gesellschaftsordnung">Gesellschaftsordnung</term> dem Volksleben schlägt, statt einmal zu verhindern, dass Wunden geschlagen werden. Was nützten die komfortabelsten <term type="Sachen" key="Zuchthäuser">Zuchthäuser</term> und <term type="Sachen" key="Alkohol, Heilanstalten">Alkoholheilanstalten</term>, wenn derselbe Staat, der sie baut, der offizielle Protektor des <term type="Sachen" key="Alkohol, Staat ist offizieller Protektor des A.">Alkohols</term> ist? Was nützen alle <term type="Sachen" key="Sittlichkeit">Sittlichkeitsbestrebungen</term> und <term type="Sachen" key="Bibliohtheken">Volksbibliotheken</term>, wenn man uns da<pb xml:id="p372" ed="pga" break="no"/>neben mit zweifelhafter und schlechter <term type="Sachen" key="Literatur, schlechte">Literatur</term> überschwemmen darf? Was nützen alle Sanatorien und Krankenpflegerinnen, wenn ungesunde <term type="Sachen" key="Fabriken, ungesunde">Fabrikräume</term> immer neue Patientinnen produzieren dürfen? Heißt das Alles nicht, seinen Vater begraben wollen, um nicht Jesus nachfolgen zu müssen?</p>
                <p>Seht, für dieses Vorschützen und Ausweichen hat Jesus nicht ein zu scharfes, sondern das zutreffende Wort gefunden, als er sagte: <hi rend="italic">Lasst die Toten ihre Toten begraben!</hi> So schön und recht es ist, seinem Vater die letzte Ehre zu erweisen, wollte er jenem Mann sagen – wenn du dich hinter diese <term type="Sachen" key="Pflicht, Verstecken hinter einer Pfl.">Pflicht</term> verstecken willst, um die größere Pflicht nicht auf dich zu nehmen, dann gehörst du selbst zu den Toten. Tot ist der <term type="Sachen" key="Eifer, toter">Eifer</term>, den du an den Tag legst, tot das <term type="Sachen" key="Gefühle, tote">Gefühl</term>, das du dadurch zu bewähren meinst, tot ist das gute <term type="Sachen" key="Gute Werke, tote">Werk</term>, das du verrichtest geschäftig, während ein größeres, besseres ungetan bleibt. Denselben Protest gegen das Tote in der Religion haben 1500 Jahre nach <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> erhoben. Sie durchschauten es, dass es einen Mangel an <term type="Sachen" key="Ernsthaftigkeit"><hi rend="italic">Ernst</hi></term> bedeutet, wenn man den <term type="Sachen" key="Gehorsam, gegen Menschen">Gehorsam</term> gegen Menschen an Stelle des <term type="Sachen" key="Gehorsam, gegen Gott">Gehorsams</term> gegen den Gott setzt, der sich in Jesus Christus und in unserm <term type="Sachen" key="Gott, offenbart sich in Jesus Christus in unserem Gewissen">Gewissen</term>
                    <term type="Sachen" key="Offenbarung">offenbart</term>. Sie durchschauten es, dass es eine Verleugnung des innern <hi rend="italic">persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term></hi> ist, den Verkehr mit Gott an den Vollzug einer äußern heiligen Handlung zu binden. Sie durchschauten es, dass es eine Preisgabe unserer eigentlichen <hi rend="italic">göttlichen Bestimmung</hi> bedeutet, fromm statt <term type="Sachen" key="Katholizismus, Frömmigkeit statt Fleiß">fleißig</term>, mildtätig statt <term type="Sachen" key="Katholizismus, Mildtätigkeit statt sozialer Gerechtigkeit">sozial</term> sein zu wollen. Auf diesen Protest gegen das <term type="Sachen" key="Reformation, Protest gegen das Tote">Tote</term> sind die Kirchen der <term type="Sachen" key="Kirchen, der Reformation">Reformation</term> aufgebaut. – |</p>
                <p>Und doch nicht nur auf einen Protest, auf ein Nein, so wenig dort Jesus bei einem Nein geblieben ist. – – <hi rend="italic">Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.</hi> Das ist das <hi rend="italic">Ja</hi> der <term type="Sachen" key="Reformation, Verkündigung des Reiches Gottes ist das Ja der R.">Reformation</term>. Meine Freunde! Brauche ich erst noch auszuführen, dass der Protestantismus, wo er sich selber recht versteht, nie etwas anderes sein will als unmittelbarer Gehorsam gegen <term type="Sachen" key="Protestantismus, unmittelbarer Gehorsam gegen Gott ohne Ausreden">Gott</term>, ein Gehorsam ohne Ausreden, Umwege und Flausen, ein Gehorsam ohne ein solches <term type="Sachen" key="Protestantismus, unmittelbarer Gehorsam gegen Gott ohne katholischen Vorbehalt">«zuvor»» </term>, wie es die römische Kirche einschaltet?</p>
                <p>Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes! Das heißt, dass der Mensch in rückhaltlosester <term type="Sachen" key="Freiheit"><hi rend="italic">Freiheit</hi></term> die Hand Jesu ergreift, der ihm sein «Folge mir nach!» zuruft. Ein <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term>, der nicht <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> wäre, ein geschnürter, gezwungener <term type="Sachen" key="Gehorsam, gezwungener G. wäre für Jesus kein G.">Gehorsam</term> wäre für Jesus kein <pb xml:id="p373" ed="pga"/> Gehorsam. Nicht durch ein Opfer des <term type="Sachen" key="Gotteserkenntnis, nicht durch ein Opfer des Intellekts und des Willens">Intellekts</term> und des Willens, sondern durch Aufrichtigkeit und Selbstbesinnung wird der Wille Gottes erkannt. Und wenn es nun an das Tun dieses Gotteswillens geht, dann muss alles zauberhafte <term type="Sachen" key="Sakramente, zauberhaftes Sakramentswesen">Sakramentswesen</term> zurückbleiben hinter dem <hi rend="italic">persönlichen innern <term type="Sachen" key="Erlebnis, persönliches inneres E. des Geistes Gottes">Erlebnis</term></hi> des Geistes Gottes, der in Jesus Christus – nicht in dem Christus einer noch so schönen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, der Chr. einer schönen Zeremonie">Zeremonie</term>, sondern in dem Christus des neuen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, der Chr. des Neuen Testaments">Testamentes</term> – zu uns redet. In der persönlichen Erfahrung und in dem persönlichen Tun des göttlichen <term type="Sachen" key="Wort Gottes, persönliche Erfahrung und Tun des W. G. sind das einzige Gute Werk">Wortes</term> geschieht das eine einzige gute Werk, das es gibt, geschieht der Wille <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term>. Und was ist schließlich dieser Wille Gottes? Dass ich fromm sei? Dass ich in einer idealen geistlichen Welt in den Wolken schwebe? Mitnichten, sondern das, was ich als Mensch und Christ soll, das ist <term type="Sachen" key="Helfen"><hi rend="italic">Helfen</hi></term>, Helfen in dieser <term type="Sachen" key="Helfen, H. in dieser Welt entspricht dem Willen Gottes">Welt</term>. Dazu brauche ich nicht erst besondere gute Werke zu verrichten, sondern das ist <hi rend="italic">das</hi> gute <term type="Sachen" key="Helfen, H. in dieser Welt ist das gute Werk">Werk</term>, das ich in meinem <term type="Sachen" key="Beruf">Beruf</term>, welcher Art er auch sei, das ich in meiner <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>, das ich als Bürger im <term type="Sachen" key="Staat">Staat</term> täglich erfülle, indem ich in all diesen Kreisen – nicht etwas Besonderes –, sondern meine <term type="Sachen" key="Pflicht, Pflichterfüllung im Alltag ist das von uns geforderte gute Werk">Pflicht</term> tue.</p>
                <p> Wo ein Mensch frei und aufrichtig ist, wo er in persönlichem <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnis</term> die Gnade <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gottes</term> empfangen hat und weitergibt, wo er hilft an dem Punkte, wo er hingestellt ist in dieser Welt – da geschieht der unmittelbare Wille <term type="Sachen" key="Helfen, H. in dieser Welt entspricht dem Willen Gottes">Gottes</term>, da wird sein <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> verkündigt.</p>
                <p> Gott mache auch uns zu solchen Menschen, zu <term type="Sachen" key="Protestanten, im Geist und in der Wahrheit">Protestanten</term> im Geist und in der Wahrheit.</p>
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                <salute>Amen.</salute>
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