12. November 1911

Predigt: Lukas 9,61–62

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Lukas 9,61–62
Und ein Anderer sprach zu Jesus: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
Liebe Freunde!

Auch der Mensch, von dem unser heutiger Text berichtet, war sicher kein schlechter Mensch. Wir hören nicht, dass er einen besonderen Charakterfehler gehabt oder dass er sich in seinem Reden oder Handeln ein Unrecht hatte zu Schulden kommen lassen. Vielleicht hatte er sogar hervorragende Herzens- und Geisteseigenschaften, um deren willen Andre ihn liebten und hochschätzten. Er war auf alle Fälle so gut und rechtschaffen wie wir Alle. Ja, wir hören sogar ausdrücklich, dass er eine ideale gläubige Gesinnung an den Tag gelegt, dass er sich zu einem Entschluss aufgeschwungen hat, bei dem wir vielleicht noch lange nicht Alle angelangt sind: er ist vor Jesus hingetreten mit dem Bekenntnis: Herr, ich will dir nachfolgen! Das will etwas sagen! Wieviel Faulheit und Irrtum und schlechter Wille muss doch überwunden werden in einem Menschen, bis er soweit ist, um zu erkennen: Dein Weg, Herr Jesus, ist der rechte, ich will dir nachfolgen! Jener Mann war so weit. Wer weiß, er war darin weiter als wir Alle miteinander. Er war ernsthafter und gründlicher entschlossen als wir. Er hatte bessere Augen für die Herrlichkeit Jesu als wir und er hatte ein größeres Zutrauen zu der Macht des Guten im Leben. Und nun musste er trotz Allem aus Jesu Mund das Urteil entgegennehmen: Nicht geschickt, nicht geeignet, nicht brauchbar, nicht tauglich zum Reich Gottes!

Jener Mensch war ein Gemütsmensch, das war sein Fehler, der ihm dies Urteil zuzog. Wir denken oft, das sei etwas Schönes! Es gibt solche, die sich förmlich damit rühmen: ich bin ein Gemütsmensch! Vielleicht haben wir es auch schon als Entschuldigung gebraucht, |375 wenn man etwas von uns wollte, wenn man uns aufweckte und zur Ordnung rief: Ach lasst mich, ich bin eben ein Gemütsmensch! Ja, Gemüt ist wohl etwas Schönes, wenn man Herr seines Gemütes ist, wenn das Gemüt erzogen und gebildet ist. Aber o weh, wenn es uns in der Gewalt hat, wenn wir uns treiben und regieren lassen von Stimmungen und Gefühlen, die aus den Tiefen unsres Innern so emporsteigen wie die Dämpfe aus dem Krater eines Vulkans. Es ist das Jammervollste von der Welt, seinem Gemüt untertan sein zu müssen. Da sind wir dann heute lustig und morgen traurig, heute redselig und morgen verdrossen, heute arbeitseifrig und morgen träge, und das Alles nicht aus hellen klaren Gründen, sondern nur, weil wieder einmal aus dem Grundwasser unsres Gefühlslebens eine Luftblase aufgestiegen und auf der Oberfläche zerplatzt ist. O wir armen Gemütsmenschen! Wieviel schöne Gelegenheiten, etwas Gutes zu erkennen oder zu tun, verpassen wir, weil uns ein Gefühl im Wege ist. Wieviel Zeit und Kraft verbrauchen wir, um uns mit unsern Stimmungen abzugeben, uns darüber zu besinnen und sie Andern mitzuteilen. Wie fehlt es uns so oft an der Kraft zur Freude im wirklichen Glück und zur Standfestigkeit im wirklichen Unglück, nur weil wir unsre Kraft bereits in den nutzlosen Aufregungen und Kämpfen des Stimmungslebens aufgebraucht haben. Vielleicht sind wir bei dem Allem ganz erträgliche und brauchbare Leute, die etwas leisten, die Andern Kraft und Hilfe sind. Jawohl, das mag gern sein, aber es ist ein Manko da. Die Andern sehen es nicht, aber Gott sieht es und wir selbst sehen es. Wir sollen nicht nur erträglich und brauchbar sein im Leben, sondern unbedingt tüchtig und vollkommen. Wir sollten nicht bloß etwas leisten, sondern unendlich Großes leisten. Wir könnten Kraft und Hilfe ausströmen in unendlich viel reicherer Fülle. Wir sind es nicht, können es nicht, tun es nicht, weil uns unser Gemüt mit seiner dumpfen unterirdischen Gewalt hindert, uns ganz zu entfalten, weil unsre Stimmungen und Gefühle uns das Blut aussaugen, das wir dazu nötig hätten. Wir scheinen reich, aber wir sind arm, wir scheinen groß, aber wir sind klein, wir scheinen kraftvoll, aber wir sind schwach. Und darum sagt Gott zu uns Gemütsmenschen: Nicht geschickt zu meinem Reiche!

Es gibt allerlei Arten von solchen Gemütsmenschen. In dem Menschen, von dem unser Text erzählt, lernen wir nur eine von diesen |376 Arten kennen. Aber sie ist verbreitet genug, um uns lebhaft zu interessieren. Jener Mensch hatte sich entschlossen, ein neues Leben anzufangen. Er war innerlich willig geworden, Alles zu verlassen um Jesu willen. Nicht ohne Kampf war das bei ihm so gekommen. Er hatte gute Freunde und Hausgenossen, die sahen die Sache anders an, die sagten ihm, er solle sich doch das Leben nicht schwer machen mit ernsten Gedanken, er könne getrost leben und sterben auch ohne diesen Jesus. Sie erinnerten ihn an schöne Stunden, die er mit ihnen verlebt, und an Alles, was ihnen gemeinsam gewesen war. Sollte das Alles jetzt aufhören? Aber er war sich trotz ihres Widerspruchs und ihrer sauren Gesichter klar geworden darüber, dass ihre Art, ihr Treiben ihm nichts mehr sage, seit er etwas Besseres kennengelernt. Er hatte gesehen, dass er von ihnen getrennt war durch einen unsichtbaren, aber tiefen Abgrund. Entweder ihr geht jetzt den Weg mit mir, den ich gehe, oder ihr seid meine Freunde gewesen, ein Drittes gibt es nicht, das stand ihm fest und sicher. Ich will dir nachfolgen! sagt er zu Jesus, und so ist es seine ernsthafte Meinung.

Aber indem er so redet und denkt, kommt ihm sein Gemüt in die Quere. Ein schweres «Aber» hängt sich an seine Flügel. Ich will dir nachfolgen, aber… erlaube mir zuvor, dass ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind! Ein kleines Abendessen wollte er machen mit denen, die er bis jetzt gern gehabt, zum letzten Mal bei ihnen sein, aber doch noch einmal so wie bisher, noch einmal sie sehen, ihre Worte hören, ihren Händedruck spüren, nur noch einmal! In seinem Herzen sind die Freude am Herrn Jesus und die Freude an Allem, was er bisher erlebt, nebeneinander. Er ist nicht mehr unschlüssig, er hat gewählt zwischen beiden oder er meint doch, es getan zu haben. Er hat ja nur einen Wunsch, nun möglichst nett und fröhlich ins neue Leben hinüberzugehen. Das gute Alte noch einmal feierlich und ein klein wenig wehmütig ansehen und genießen und dann – – – dann rüstig hinein in das bessere Neue. War das nicht ein guter Plan? Ja, das war gut, das war echt menschlich! So machen es wir Gemütsmenschen. Wir haben eine Erkenntnis, einen Entschluss uns abgerungen, eine klare neue Überzeugung uns zu eigen gemacht, – da kommt die Stimmung über uns – wenn ich einen Ausdruck aus dem politischen Leben dafür brauchen darf, könnte man sie am Besten eine konservative Stimmung nennen. Da sagen wir zu uns selbst: Noch |377 einmal will ich jetzt das Alte, hinter mir Liegende freundlich und gefühlvoll begucken und betasten, nur noch einmal, um ihm Lebewohl zu sagen – dann… dann sollt ihr aber sehen, was ich für ein Mann bin. Was ich dann mache, das mache ich gleich recht! So reden wir. So empfinden wir. So will es einer der mächtigsten Instinkte unsrer Natur. Zu Echternach am Rhein findet alle Jahre am Fronleichnamsfest eine Prozession statt, bei der die Teilnehmer in eigentümlich hüpfender Bewegung immer zwei Schritte vor und dann wieder einen Schritt zurückgehen.1 Diese Echternacher Springprozession ist um ihrer Sonderbarkeit willen weit und breit berühmt. Aber im Grunde ist da nichts Sonderbares dabei. Wir tun dasselbe in unserm Gefühlsleben sehr oft, alle Tage vielleicht. Zwei Schritte vor! – Einen Schritt zurück! Ich will dir nachfolgen! – Aber erlaube zuvor, dass ich einen Abschied mache!

Ich will ein etwas grobes Beispiel nennen, das aber dafür jedem deutlich zeigen wird, worum es sich handelt. Es hat Einer den Vorsatz gefasst, das Trinken aufzugeben. Er ist sich völlig klar über alle Gründe, die für diesen Entschluss sprechen. Er hat nichts, gar nichts einzuwenden gegen Alles, was man ihm dafür sagt. Er ist willens, Temperenzler2 zu werden. Morgen gleich will ich dran hin! sagt er. Aber heute Abend will ich mir noch ein Glas gönnen, fügt er rasch hinzu, um noch einmal zu probieren, wie es ist, und um den Kumpanen am Biertisch zu erklären, warum ich von jetzt an nicht mehr |378 mitmache. Vielleicht, dass ich sie bei dem Anlass auch bekehre! Und so geht er «noch einmal» hin. Es ist nichts Schlimmes dabei scheinbar. Aber wer von uns glaubt an den Ernst seines Entschlusses? Glaubt auch nur der Mann selbst daran?

Etwas Anderes: Zwei Menschen haben Streit gehabt, jahrelang vielleicht, und einander Alles Böse nachgeredet und angetan. Das kommt vor in der Welt und in Safenwil besonders häufig, wie mir scheinen will. Nun kommt’s dem einen von Beiden in den Sinn – ob von ihm selber, wollen wir nicht untersuchen –, Frieden halten wäre besser und christlicher. Er geht zum Andern: Wir wollen neu anfangen miteinander, wollen lernen uns zu vertragen und zu achten, aber… lass mich zuvor…, und während er noch vom Frieden redet und vom Fortschritt, den es jetzt geben soll, ist auch schon die konservative Stimmung in ihm erwacht. Es würgt ihn, es drängt ihn, er kann nicht anders, er muss dem Andern erst noch einmal gehörig die Meinung sagen, er muss gleichsam noch einmal Abschied nehmen von seinem alten Groll, ein Wort gibt das Andre, der Andre bleibt auch nicht stumm. Was meint ihr, wie wird der Friedensschluss endigen? Was meint ihr, ist es praktisch, sich zum Abschied erst noch einmal einen Fußtritt zu geben und dann mit der Friedenshand zu kommen?

Aber wir wollen höher steigen. Es gibt Menschen, die haben eine traurige Vergangenheit, ohne dass sie etwas dafür können. Vielleicht ist ihnen in ihrer Jugend ein schweres Unrecht zugefügt worden, das verfolgt sie wie ein böser Druck noch nach zehn und zwanzig Jahren. Sie könnten es jetzt gut haben, es ist niemand mehr da, der ihnen übel will, und sie selber haben wohl auch den guten Willen vorwärts zu gehen. Aber jedesmal, wenn sie sich dazu aufraffen, kommt ihnen wieder die alte dumpfe Erinnerung in die Quere. Ich will ja schon glücklich sein, aber erlaube mir, dass ich zuvor noch ein wenig an das Traurige denke, das ich erlebt habe. Da nehmen sie dann wieder und wieder Abschied von der Vergangenheit, stöbern an den alten Wunden umher und leben Alles noch einmal durch. Würde der Abschied wirklich ein Abschied sein? Nicht wahr, wir wissen, was wir davon zu halten haben, wenn wir schon solche bedauernswerten Menschen gekannt haben.

Aber es kommt auch vor, dass ein Mensch eine schöne Vergangenheit hinter sich lassen muss. Er hat vielleicht in irgend einer Beschäf|379tigung, in irgend einem Bestreben oder in einer Freundschaft seinen Lebensinhalt gefunden. Da kommt er an eine Kreuzung seines Lebens. Er erkennt selber: was mir bis jetzt das Höchste war, so groß und schön es ist, es muss nun zurückbleiben, nicht weil ich es verschmähe, sondern weil ich jetzt etwas Anderes, noch Höheres kenne. Er ist entschlossen, das Opfer zu bringen. Aber bevor er es tut, kehrt er noch einmal dazu zurück, versenkt sich feuriger als je in die Wonne, auf die er verzichten will. Es ist sein gutes Recht. Aber wird so das Opfer wirklich gebracht werden? Oder wird es ihm durch den Abschied erst recht zum Bewusstsein kommen, dass er sich von den Gütern der Vergangenheit nicht trennen kann?

Jesus hat dieses Zurückkommen und Abschiednehmen, dieses Verweilen und Wiederholen des Vergangenen abgelehnt. Wer in dieser Neigung des menschlichen Gemüts gefangen ist, «der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes». Das Zurückkommen auf das Vergangene, das Abschiednehmen davon hat nur einen Sinn, wo man das Vergnügen später wieder zu finden begehrt. Abschiednehmen heißt: wir wollen einander treu bleiben und uns nicht vergessen. Wenn Freunde oder Brautleute auseinander gehen, dann sagen sie: Auf Wiedersehen! und darum machen sie einen Abschied zusammen, und das ist schön und recht so. Aber wo ein Mensch dem Reiche Gottes entgegengeht, da will er doch dem Vergangenen gerade nicht treu bleiben. Er ist nicht von einem Ding zum andern übergangen, wie es das Leben eben so mit sich bringt, sondern vom Bösen zum Guten oder vom Guten zum Bessern. Ist es ihm aufrichtig ernst mit seiner Sache, dann hofft er, was vorüber ist, nicht wiederzusehen. «Das Alte ist vergangen, siehe es ist Alles neu geworden» [2.Kor. 5,17] – «Ich vergesse, was das dahinten ist, ich strecke mich aus nach dem, was vorne ist» [Phil. 3,13], das ist das Grundgesetz im Reiche Gottes. Ist es das aber, dann ist das Zurückkommen und Abschiednehmen vom Vergangenen eine Heuchelei, eine Lüge nach der einen oder nach der andern Seite: Entweder dieses «nur noch einmal» ist ein verstecktes, verdrücktes Geständnis, dass wir überhaupt lieber im Alten bleiben würden. Dann lügen wir, indem wir uns mit lauter Stimme zu dem Neuen des Reiches Gottes bekennen. Oder wir sagen: «Nur noch einmal», weil wir an das Alte gewöhnt sind und gleichsam noch einmal damit spielen wollen, ohne dass wir doch mit dem Herzen dabei sind. Dann lügen |380 wir unsre eigene Vergangenheit an, und es gibt kaum eine gefährlichere Lüge als diese. Manchmal sind bei diesem Abschiednehmen auch beide Lügen miteinander vereinigt. |

Ich habe das in meinem eigenen Leben einmal erfahren: Es war mir fast gegangen wie dem Mann unsres Textes. Es war mir klar geworden, dass meine bisherigen Beziehungen zu gewissen «Freunden» mir fürderhin unmöglich sein würden. Ich ging andere Wege und hatte andre Interessen als sie. Ich wäre am Besten stillschweigend weggeblieben. Aber nachdem ich sie lange nicht mehr gesehen hatte, dachte ich: du willst noch einmal zu ihnen gehen zum Abschied, noch einmal der Ihrige sein wie vorher – und dann Schluss! Ich tat es, ich war noch einmal wie sie auch und wie ich früher gewesen, aber es wird mir immer erinnerlich bleiben, wie unsäglich fade ich mir an jenem Abend vorkam. Halb log ich damals gegen meine neu gewonnene Überzeugung, indem das, was ich meinen «Abschied» nannte, ganz einfach ein kleiner Rückfall in das alte Wesen war. Halb log ich gegen meine Vergangenheit, indem ich tat, als ob ich ihr noch angehöre, während ich doch innerlich, im Kern meines Wesens, längst weiter war. Es schüttelt mich noch jetzt, wenn ich an das leere, kohlige Gefühl denke, mit dem ich schließlich wegging. Es war die doppelte Lüge des Abschiednehmens am falschen Platz, die sich damit rächte.3

Jesus hat es sehr scharf, aber auch erfreulich und tröstlich klar gesagt, warum das Zurückgucken und Abschiedwinken nicht geht, wenn es sich um das Reich Gottes handelt: Wer die Hand an den Pflug legt und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Mit diesem schönen Bild ist die Sache auf den rechten Boden gestellt. Auf das Reich Gottes zugehen, das heißt pflügen, heißt arbeiten, heißt schaffend vorwärtsschreiten. Könnte man bummeln ins Reich Gottes, dann könnte man auch zurücksehen, warum nicht? Arbeiten aber und |381 zurücksehen, das geht nicht zusammen. Da kann der gefühlvollste Widerspruch nicht dagegen ankommen. Wo es um das Reich Gottes geht, da ist Zurückfühlen und Zurücksehen ein Feind, denn da haben wir Alles vor uns zu suchen und unser Heil liegt im Vorwärtsstreben. Im Alten Testament ist dieser Gedanke in einer sinnigen Geschichte ausgesprochen: Lot, der Patriarch, verlässt, rechtzeitig gewarnt, mit seiner Familie die dem Untergang geweihten Städte Sodom und Gomorrha. Da kann es seine Frau nicht lassen zurückzugucken auf den Regen von Feuer und Schwefel, der die alte Heimat zerstört. Zur Strafe verwandelt sie sich in eine Salzsäule und muss nun ewig dort stehen und zurücksehen [vgl. Gen. 19,17–26]. Sie war gewiss auch ein Gemütsmensch! Aber so kann es uns gehen, wenn wir solche sind!!

Jesus nachfolgen heißt pflügen, heißt arbeiten. Wenn der Pflüger zurücksieht, dann steht der Pflug still. Während wir Abschied nehmen, kommen wir sicher nicht vorwärts. Wir wollen uns den günstigsten Fall denken. Wir haben nicht etwas Minderwertiges und Schlechtes hinter uns gelassen, sondern etwas Gutes, z. B. eine Gewohnheit, eine Beschäftigung, die uns lieb und teuer war. Wir haben darauf verzichtet, um mit freien Händen auf etwas Anderes zuzugehen, das uns jetzt noch wichtiger geworden. Aber dann kamen wir wieder auf das alte Gute zurück. Die alte Liebe wollte nicht rosten.4 Vielleicht war an sich nichts Schlimmes dabei – aber sicher kamen wir unterdessen dem Andern, Wichtigern nicht näher. Der Pflug steht still, weil der Pflüger wieder seinen alten Göttern dient!!!

Aber das ist vielleicht noch der geringste Schade, wenn der Pflug bloß stillsteht. Das kann nachgeholt werden. Man kann aber pflügen und dazu zurücksehen, und der Pflug fasst nicht, er schneidet nur oberflächlich in den Boden, man tut Scheinarbeit. Das ist schlimm! Ich denke daran, wie Mancher meint, seinem Beleidiger zu vergeben, und der böse alte Groll ist doch noch da, weil er es nicht lassen kann, immer noch darauf zurückzukommen. Oder wie Mancher sich anstrengt, etwas zu schaffen in der Welt, aber er schaut zurück, er denkt an seine frühern Misserfolge, er traut seiner Kraft nicht mehr – sein Pflug fasst nicht, er schafft wirklich nichts Rechtes mehr!! Wie schrecklich ist es, wenn Kunst und Wissenschaft so oft von Leuten |382 getrieben werden, die innerlich gar keine Freude an ihrer Sache haben, die sich viel lieber misstrauisch von Allem zurückzögen, wenn es anginge. Da wird Scheinarbeit geleistet. Da läuft der Pflug eben obenhin; es wird nichts damit gefördert.

Und es gibt etwas, das ist noch schlimmer. Der Pflug kann auch laufen und fassen, aber er läuft in großem Bogen nach seitwärts und rückwärts, vielleicht in die Steine und vielleicht in den Acker des Nachbars, weil der Pflüger zurückgesehen, statt vorwärts. Er hat Pfuscharbeit geliefert, und das ist das Ärgste. Die Prozession von Echternach kann man ja noch hübsch finden, denn mit: zwei Schritt vor! ein Schritt zurück! kommt man doch gemächlich vorwärts. Aber es passiert leicht, dass dabei die Verwechslung passiert: ein Schritt vor! zwei Schritt zurück! Man tut nicht nur keine Arbeit und nicht nur ungenügende Arbeit, sondern schlechte, schädliche Arbeit. Es steht schlimmer als zuvor. Wer mit einer schlechten Gewohnheit, z. B. dem Trinken, damit aufhören will, dass er ihr noch einmal nachgibt, der kommt sicher bei diesem Anlass tiefer hinein als je. So energisch er das Neue ergreifen wollte, so energisch wird er jetzt in Gedanken «nur noch einmal» in das Alte hineinlaufen – der Pflug geht im Bogen nach rückwärts! Wer sich von seiner traurigen Vergangenheit nicht trennen kann, sondern an jedem Wendepunkt seines Lebens die neue Strecke damit anfängt, dass er sich und Andren das Alte wieder ins Gedächtnis ruft, der verbohrt sich sicher bei diesen Anlässen tiefer und immer tiefer in seine Traurigkeit – der Pflug geht im Bogen nach rückwärts! Es ist nicht nur nicht besser geworden, sondern schlimmer!

Wir können innehalten. Jesus hat Recht. Durch das gemütliche Abschiednehmen werden wir zu Salzsäulen. Wer ins Reich Gottes gehen will und sieht zurück, der ist zu diesem Reiche nicht geschickt. Aber Jesus wollte uns auch mit diesem Wort nicht abweisen. Nicht einmal jenen Mann dort wollte er abweisen, so scharf die Antwort war, die er bekam. Ich sagte es schon: seine Schärfe ist Klarheit. Und Klarheit ist immer etwas Tröstliches. Jesus wollte uns auch mit diesem Wort anweisen, wie wir es machen sollen. Mit der konservativen Stimmung kommen wir nicht hinein ins Reich Gottes. Dabei muss es sein Bewenden haben. Die Stimmung: Ja – Aber!, der wir Gemütsmenschen uns so gerne hingeben, sie trägt nicht. Mit der Prozession von Echternach kommen wir nicht ins Reich Gottes. Darüber sind wir uns |383 wohl heute klar geworden. Und jetzt wissen wir auch, was wir zu [tun] haben. Das, was in uns sich ereignen muss, ist ein Ja ohne Aber, ein Vorwärts ohne Zurück, eine Abreise ohne Händedruck. Du sagst: das ist ja gerade das Schwere, ein solches Ja ohne Aber!

Ja, hast du denn gemeint, es sei leicht ins Reich Gottes zu kommen?

Amen.
Lieder:
  • Nr. 33: «Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig» von J. Neander, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 159: «Fahre fort, fahre fort!» von J. E. Schmidt, Strophen 1.4.6. 🎵

Sachfußnoten

1
Die Tradition dieser Prozession, die jedes Jahr nicht an Fronleichnam, sondern am Dienstag nach Pfingsten im luxemburgischen Echternach stattfindet, ist in der heute noch ausgeübten Form erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt, reicht aber bis ins Mittelalter zurück. Die üblicherweise mit dieser Prozession verbundene Vorstellung vom Vorwärts- und Rückwärtsspringen der Teilnehmer ist nirgends festgeschrieben und wurde nur vereinzelt geübt; vgl. A. Döring, Art. «Echternacher Springprozession», in: LThK3 3, Sp. 441 📖; L. Senninger, Über Ursprung und Wesen der Echternacher Springprozession, in: Willibrordus. Echternacher Festschrift zur 12. Jahrhundertfeier des Todes des heiligen Willibrord, hrsg. von N. Goetzinger, Luxemburg 1940, S. 284–305 📖.↩
2
Menschen, die sich des Alkohols enthalten. In Safenwil war die Abstinenzbewegung besonders durch den «Verein vom Blauen Kreuz» (s. auch oben, S. 289, Anm. 9) vertreten, in den Barth am 24. September 1911 eingetreten war (im Brief an seinen Vater vom 21.9.1911 [KBA 9211.81] kündigte er diesen Schritt für den folgenden Sonntag an).↩
3
Karl Barth bezieht sich hier wohl auf seinen «Abschied» von der Studentenverbindung Zofingia, in der zu seiner Zeit viel Alkohol getrunken wurde. In einem Brief an seinen Freund Fritz Zulauf vom 22. Oktober 1911 (KBA 9211.123) schrieb er darüber: «Der Alkoholgenuss in der Zofingia ist doch ein wüster Flecken in der Erinnerung, geht es dir nicht so? Überhaupt, was soll man eigentlich denken von den dort zugebrachten vielen, vielen Stunden? Der Ertrag geht doch nahe zusammen. Man lebt nachher […] von so ganz andern Dingen. Und dann war’s doch manchmal wieder schön dabei.»↩
4
Sprichwort: «Alte Liebe rostet nicht»; vgl. Röhrich III, S. 964 📖.↩