22. Oktober 1911

Predigt: Lukas 9,51–57

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Lukas 9,51–57
Es begab sich aber, da die Zeit erfüllt war, dass Jesus sollte hinweggenommen werden, nahm er die Richtung gerade aus auf Jerusalem, und sandte Boten aus vor sich her. Die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um für ihn Herberge zu bestellen; und sie nahmen ihn nicht auf, weil er in der Richtung nach Jerusalem zog. Da das die Jünger Jakobus und Johannes sahen, sagten sie: Herr, willst du, dass wir Feuer vom Himmel herunter kommen und sie verzehren heißen, wie es Elias machte? Er aber wandte sich um und schalt sie und sagte: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern es zu retten. Und sie zogen in ein anderes Dorf.
Liebe Zuhörer!

Diese Samariter auf ihrem Dorf, von denen das Evangelium erzählt, waren einfältige Menschen. Ich meine jetzt «einfältig» nicht in dem Sinn, wie wir es hoffentlich Alle sind, also im Sinn von aufrichtig und ehrlich und einfach. Sondern ihre Einfalt war Torheit und Beschränktheit, und in dem Sinn wollen wir ja nicht einfältig sein. Wir wollen sehen, in was ihre Beschränktheit bestand. Eines Tages gegen Abend kam ein Mann in ihr Dorf und verlangte den Ammann1 zu sprechen. Der Samaritische Bauer, dem er das sagte, machte aber gleich ein unfreundliches Gesicht; denn aus der Sprache des Fremden hörte er, dass er aus Galiläa komme und also ein Jude sei. Die Juden und die Samariter waren damals nicht gut aufeinander zu sprechen, und zwar, wie es leider oft vorgekommen ist, aus religiösen Meinungsverschiedenheiten. Sie verehrten zwar beide Gott mit dem gleichen Namen, aber nicht am gleichen Ort und auf dieselbe äußere Art, sondern die Juden auf ihre Weise im Tempel zu Jerusalem und die Samariter auf ihre Weise in einem Tempel auf dem Berge Garizim. Wegen dieser |340 Verschiedenheit lebten sie auf gespanntem Fuß zusammen, und darum machte jener Bauer an jenem Abend ein unfreundliches Gesicht, als er den Fremden zum Ammann führte. Der hatte dort folgenden Auftrag zu bestellen: Ein Lehrer mit Namen Jesus von Nazareth sei mit einer großen Gesellschaft von Freunden und Gefährten auf der Reise nach Jerusalem. In einer Stunde oder zwei werde er in dies Dorf kommen. Ob da nicht einige Bürger wären, die genug Platz und guten Willen hätten, den Reisenden in ihren Häusern Nachtquartier zu geben gegen ein bescheidenes Entgelt. Dieses Ansinnen war in alten Zeiten nichts Außerordentliches und in dem sonst so gastfreien Morgenland erst recht nicht. Aber dieser Gemeindeamman blickte nun nicht eben gastfreundlich drein. Er ließ den Boten erst lange stehen, um mit den Nachbarn zu reden. Dann kam er zurück, allein, und sah zum Fenster hinaus, wie Einer der etwas Unangenehmes zu sagen hat und nicht damit heraus mag. «Ist’s abgemacht?» fragte der Bote Jesu von Nazareth. «He2 nein», antwortete der Ammann, «wir haben gesinnet, wir wollten von dem neuen nichts wissen!» «So? und warum denn nicht?» «He, ihr habt doch gesagt, dass ihr nach Jerusalem wollet, in den Tempel, ans Fest vermutlich. Das haben wir hierzuland nicht gern. Warum kommt ihr nicht mit uns auf den Garizim? Dort betet man Gott an, wie es recht ist. Wisst ihr was? Geht ihr ins nächste Dorf, vielleicht, dass man euch dort aufnimmt.» «Aber es ist gleich Nacht und der Weg noch drei Stunden.» «Ja das ist eure Sache, es heißt euch ja niemand nach Jerusalem gehen!» – So wiesen die Samariter den Herrn Jesum ab, und so zeigten sie, dass sie einfältige, beschränkte Menschen seien. Sie hörten: es sind Juden, und: sie gehen nach Jerusalem, und da war es für sie schon fertig. Wer diese Fremden auch sonst sein mochten und was ihre Art und ihre Absichten – sie waren gerichtet in den Augen der Leute vom Samariterdorf. Geht weiter, wir wollen nichts mit euch zu tun haben. Das ist die Beschränktheit, und sie ist unendlich oft der Feind Jesu und der Feind Gottes gewesen.

Beschränkte Leute machen es immer wie die Samariter dort. Sie sehen an einer Sache irgend etwas Äußerliches, was ihnen Misstrauen einflößt, sie hören das Wort «Jerusalem» oder ein anderes Wort und dann schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen: E b’hüetis3, |341 davon wollen wir nichts wissen. Und wenn’s der Herr Jesus wäre, der nach Jerusalem will, sie schließen ihm die Türe zu und sagen: Jerusalem gefällt uns nicht, geh ins nächste Dorf! – Für Viele besteht das Äußerliche an einer Sache, der sie misstrauen, schon darin, dass sie ihnen neu ist. Wenn sie sagen können: man hat es nie so gemacht, dann ist ihnen das Grund statt aller Gründe, um sie abzulehnen. Wie es gewisse Tiere machen sollen, wenn sie zum ersten Mal durch das neue Scheunentor sollen, so geht es ihnen, wenn man ihnen mit etwas Ungewohntem kommt: sie scheuen und wollen nicht weiter. Und wie oft ist man misstrauisch gegen ein Unternehmen, nur weil einem die Menschen nicht passen, die dabei sind. So, der und der macht’s? sagt man etwa und zuckt die Achseln, z. B. dieser Fremde, einer, der gar nicht von Safenwil ist, was will jetzt der herkommen und etwas davon verstehen! Das kommt nicht gut. Oder man sagt: was der? oder die? weiß man nicht von seiner Mutter oder Großmutter gar Erschreckliches zu erzählen! Nun, das kann nichts Rechtes sein, was der jetzt will. Und genügt es nicht manchmal, dass uns die Nase eines Menschen nicht gefällt, um ein Misstrauen gegen ihn zu haben? Aber die Worte, die leidigen Worte sind es doch am Allermeisten, die auf die beschränkten Menschen so wirken wie eine Vogelscheuche. Bei den Samaritern war es ja auch nur das Wort Jerusalem, das sie geschreckt hat. Für manche Menschen hat das Wort «Kirche» einen solchen Klang. Sie denken dann gleich an Heuchelei und Finsternis und Pfaffen und solche schrecklichen Dinge. Aber das ist eben beschränkt, so zu denken! Andre bekommen einen Schreck, wenn sie das Wort «freisinnig» oder «Reformer» hören; sie stellen sich dabei etwas ganz Schändliches vor und gehen solchen Leuten in weitem Bogen aus dem Wege. Wieder Andern geht es gerade so mit dem Worte «Pietisten» oder «Stündeler»4. Da müsse eine Werkerei dahinter sein, meinen sie ganz selbstverständlich, auch wenn sie nie in einer Stunde gewesen sind. Und wie stellten viele Leute sich einen Sozialdemokraten vor als einen bösen Aufrührer gegen Gott und Menschen, der Alles niederreißen und womöglich ausplündern wolle. O ich bin sicher, es gibt im |342 Kopf von jedem von uns mehr als ein solches Scheunentor oder Wort, bei dessen Anblick oder Anhören wir bereits scheuen und bocken, obwohl wir uns nie genauer überlegt, was dahinter stecken könnte. Solange wir noch eine solche Abscheu nach dieser oder jener Seite in uns herumtragen, solange gehören wir auch noch in die Gesellschaft der beschränkten Samariter, von denen geschrieben steht: sie nahmen ihn nicht auf, weil er nach Jerusalem zog.

*   *   *

Aber nun begeben wir uns in Gedanken zu Jesus, der da mit seinen 70 oder mehr Jüngern auf das Samariterdorf zuzog. Sie waren gewiss müde vom weiten Gehen und hofften nun auf eine gute Herberge. Da kommt ihnen am Eingang des Dorfes der Bote entgegen, den sie ausgesandt. Er winkt schon [von] Weitem: «nicht weiter! hier kommen wir nicht an!», und er erzählt die ganze trübselige Geschichte den Vordersten des Zuges. Es gibt eine Störung, einen Halt. Einige werfen sich unmütig ins Gras, nachdem sie gehört, worum es sich handelt, andre stehen und ballen die Fäuste, wieder andre umringen den Boten, um noch einmal von ihm zu hören, was die Samariter gesagt. Jesus allein hat sich seitwärts auf einen Stein gesetzt und sieht mit einer stillen Freudigkeit auf dem Gesicht in das abendliche Land mit seinen vollen, satten Farben hinaus. Aber es achtet in diesem Augenblick keiner auf seinen Gesichtsausdruck. Ein unzufriedenes Murmeln geht durch die Reihen der Leute, die da in der Dämmerung auf der Landstraße stehen. Plötzlich lösen sich zwei von ihnen ab und gehen auf den einsamen Jesus zu. Jakobus ist es und Johannes, das Brüderpaar, Söhne des Zebedäus. Ihnen ist ein Gedanke gekommen; den müssen sie Jesus mitteilen. War’s nicht gerade in dieser Gegend gewesen, wo in grauer Vorzeit der König von Samaria zweimal fünfzig Soldaten ausschickte, um den Propheten Elias zu fangen, und wo dieser Elias in der Kraft Gottes Blitz und Donner fallen ließ vom Himmel, die die zweimal 50 verschlangen [vgl. 2.Kön. 1,9–15]?! O, denken sie, der Moment ist gekommen, zu zeigen, dass hier mehr ist als Elias. Und sind nicht diese ungastlichen Samariter die passenden Nachfolger jener Prophetenmörder? Und noch bevor Jesus sich umgewandt, um zu sehen, wer mit ihm reden wolle, hat es der feurige Johannes schon heraus|343gesprudelt: Herr, willst du, dass wir Feuer vom Himmel fallen lassen und sie verzehren heißen, wie es Elias machte? |

Ich muss vor Allem gestehen, dass mir dies Wort Freude macht. Die andern Jünger kommen und schimpfen unterirdisch, bei den Söhnen des Zebedäus kommt es sofort zu einem Ausbruch. Es ist Zug und Schwung in diesen Leuten, es sind keine Blindschleichen, sondern Menschen mit Temperament und Charakter, die auch in ihrem Zorn nicht ins Kleinliche gehen. Feuer vom Himmel! das scheint ihnen das Geeignete für solch beschränkte Leute wie die Samariter. Wir brauchen uns bloß etwas in sie zu versetzen, um ihre Seelenregung zu verstehen und bis zu gewissem Grad auch schön zu finden. Es war doch jedenfalls nicht bloß die Erregung darüber, dass sie um ihr Nachtquartier kamen, die sie nach den Blitzstrahlen des Elias rufen ließ. Ich will nicht sagen, dass dieser Grund nicht auch dabei war. Wenn wir zornigen Geistes sind, auch wenn es um des Rechtes willen geschieht und auch wenn wir Johannes oder Jakobus heißen, dann mischen sich solche niedern Gründe oft gar wunderlich in die höhern. Aber wenn wir jetzt davon absehen wollen, so war es, wir dürfen das bestimmt aussprechen, eine heilige Entrüstung, die diese Jünger bewegte. |

Sie hatten jetzt ein Jahr lang oder mehr in der Gesellschaft Jesu gelebt und hatten da einen Mann kennengelernt, der gerade von aller Beschränktheit und Engigkeit der Gesinnung so gründlich frei war. Hatte er sie nicht angeleitet, ihre Gedanken abzulenken von den kleinen menschlichen, ängstlichen Unterscheidungen, von den Scheunentoren und Worten? In ihren Ohren klang noch das kühne Wort: Es kommt die Zeit, da ihr weder auf dem Garizim noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten, sondern wo die wahrhaftigen Anbeter ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten werden [Joh. 4,21.23]. Sie dachten an die Stunde, wo ihnen Jesus gleichnisweise gerade einen Samariter hingestellt als Bild der werktätigen Liebe zum Nächsten, die keine Volks- und Religionsgrenzen kennt [vgl. Lk. 10,25–37]. Sie hatten an Jesu Hand Blicke getan in eine freie, schöne Gotteswelt. Es war ihnen aufgegangen, wie groß das Leben wird, wenn man die Angst vor den Worten verliert. Wer weiß, es war vielleicht auch bei ihnen früher anders gewesen. Zwei Jahre zuvor hätten sie vielleicht auch noch mit Unverstand geeifert, wie es jetzt die Leute im Dorf vor ihnen taten. |344 Aber jetzt waren sie eben frei und weitherzig geworden. Sie hatten Jesu Art vor Augen, und als nun plötzlich das Benehmen der Samariter kam, konnten sie es nicht erbärmlich und schändlich genug finden. War es nicht unerhört gegenüber dem, der so weit über ihrem zänkischen kleinen Abweisungsgrund stand? Waren sie, die ihn so gut verstanden, nicht berufen dazu, mit einem Wunder dreinzuschlagen, dass den beschränkten Menschen darüber Hören und Sehen verging? O wenn wir bei einem guten Meister etwas gelernt haben, dann zeigt sich das bei den meisten Menschen vor Allem darin, dass sie gegen Alle mit Feuer und Schwert losfahren, die es anders machen als der Meister. Ganz besonders geht es einem so, wenn man Freiheit und Weitherzigkeit gelernt hat, wie es bei jenen Jüngern der Fall war. Da ist schon Mancher aus einem Fanatiker der Beschränktheit flugs zu einem Fanatiker der Freiheit geworden. Man kann’s nicht mehr begreifen, dass Andre noch so eng und unverständig sein können, während man selbst gelernt hat, über die trennenden Zäune hinwegzusehen, und man würde es den Andern am Liebsten durch die Polizei verbieten lassen zu sein, wie sie sind. So ist’s schon manchem Sohn gegangen, der aus der freien Luft der Fremde ins Vaterhaus zurückkam. Er findet Alles, die Ansichten und Bräuche so klein und borniert, und wenn er’s den Leuten nicht gerade sagt, so denkt er’s doch:

Ich find euch noch, wie ich euch sah,
Ein Andrer bin ich wieder da.5

So ist’s manchem jungen Lehrer gegangen, der vom Seminar6 zurückkommt mit der Einsicht, dass das mit den sieben Schöpfungstagen in der Bibel nicht so einfach sei, wie er sich’s bis jetzt gedacht, und mit andern ähnlichen aufgeklärten Meinungen. Was, ihr beschränkten Leute wisst das noch nicht? hat er gesagt und ist in Eifer gekommen, und wenn er aus guten Gründen nicht hat Feuer regnen lassen, so hat er doch jedes Schulkind wissen lassen, dass dies und jenes nicht wahr sei, was es bis jetzt geglaubt, und hat große Verwirrung angerichtet in den Köpfen. – |

345Und ich will einmal von mir selber reden. O wie sind wir als Studenten mit geschwollenem Mut von den Universitäten Deutschlands7 zurückgekehrt, wo uns quirlige, scharfsinnige Männer zu neuen tiefen Anschauungen des Evangeliums angeleitet haben durch ihre Persönlichkeit und durch ihre Forscherarbeit, die uns zur Nachahmung anregte. Ja, da meinten wir auch, wir müssten nun unsre erst gewonnene Einsicht vor Allem dadurch bewähren, dass wir auf Alle, die die Dinge etwas anders nahmen als wir, mitleidig heruntersahen oder aber einen großen Streit mit ihnen anfingen. – |

Es liegt sicher etwas Natürliches und Berechtigtes in solchem Eifer. Es ist ja einfach der Eifer des Kämpfenden, dessen, der seiner Sache noch nicht so recht sicher ist und der darum meint, jetzt vor Allem recht um sich schlagen zu müssen, um sicher zu werden. Das war’s gewiss auch bei Jakobus und Johannes. Sie wünschten Feuer regnen zu lassen über die Beschränktheit der Samariter, weil sie ihrer eigenen Freiheit noch nicht so ganz sicher waren. Wer ganz in der Freiheit atmet und lebt, der hat es nicht mehr nötig, gegen die Unfreiheit zu tosen und aufzubegehren. So weit waren sie noch nicht. Ihre Empörung ist so recht das Zeichen davon, dass sie noch Schüler und Lehrlinge waren. Und das zeigt sich noch deutlicher in dem, was sie hinzufügten: Wir wollen es machen, wie Elias es machte. Ein Ausleger hat zu dieser Stelle bemerkt: «Wir ahmen die Heiligen am Liebsten darin nach, worin wir es nicht sollten.»8 Das würde ich nun nicht gerade so sagen, aber so ist’s sicher richtig: Wir ahmen die großen Männer am Liebsten in ihrem Dreinschlagen, in ihrem Schelten und Verurteilen nach. Es gibt manchen evangelischen Christen, der von unsern Reformatoren nicht viel Anderes zu sagen wüsste, als dass sie der katholischen Kirche gehörig am Zeug geflickt haben. Es gibt eine ganze große Klasse von Gläubigen, die kennt den Herrn Jesus fast auch nur |346 als den großen strengen Richter und Verurteiler, und wie sie sich Christus denken, so machen sie es selber. Es ist so wunderbar süß und erhebend, auch wenn man kein Elias ist, wenigstens dreinzuschlagen mit Worten und Taten wie ein Elias oder doch seine Kampfpositur anzunehmen. Wir vergessen dabei zwar, dass, wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist.9 Aber darin zeigt sich eben, dass wir noch Schüler und Lehrlinge sind. Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: es ist etwas Prächtiges, so ein Schüler zu sein, der noch kämpfen und noch dreinschlagen muss für seine Erkenntnisse. Wir wollen uns also nicht schämen, mit Jakobus und Johannes verwandt zu sein. Manchem wäre es zu wünschen, er wäre es überhaupt!

*   *   *

Aber nun wendete sich Jesus um, heißt es, und sah den Beiden in die Augen. Das muss ein Blick gewesen sein, der sie da getroffen hat! Ein Blick, der eben noch die Schönheit der Welt und durch die Welt die Schönheit Gottes in sich aufgenommen hatte. Die Jünger Johannes und Jakobus glaubten eben noch, mit ihrem Wunsch nach Blitz und Donner in sehr hohen oder tiefen Gedanken und Gefühlen sich zu bewegen. Das ist ihnen gewiss vergangen, als sie die Augen Jesu auf sich gerichtet sahen. Die kamen aus einer Welt der Majestät und des Friedens, aus der man nur lächelnd auf alles menschliche Kämpfen und Bekämpfen heruntersehen kann. Das erkannten sie gewiss, noch bevor Jesus den Mund geöffnet. O das tut uns gut, wenn manchmal mitten in unserm Streiten und Kritisieren solche Augen uns treffen und uns verwundert fragen: Sag, was treibst du da eigentlich? Meinst du im Ernst, das sei etwas Großes und Wichtiges, was du da tust? Willst du jetzt nicht aufhören mit deinem kleinen Tosen und Protestieren gegen dies und das?

Aber Jesus hat nicht nur mit den Augen geredet damals. Es heißt: er schalt sie. Diesen Ausdruck müssen wir nicht zu schwer nehmen. Es ist gemeint: er wies sie zurecht. Und da hat er ihnen die Worte gesagt, |347 die wir Alle, wenn es uns ums Kämpfen und Kritisieren zu Mute ist, uns immer wieder vorhalten und im Notfall vorsagen sollten: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern es zu retten.

Seine Jünger sollten einen andern Geist haben als den Geist des Kampfs, der Widerlegung, des Gerichts, sagt Jesus zuerst. Er bezeichnet diesen Kampfgeist nicht als etwas Schlechtes. Er weiß, dass es der Geist der Propheten des alten Bundes ist, dass die Jünger sich nicht mit Unrecht auf Elias berufen haben. Er weiß auch, dass es auf dem Wege der Wahrheit ohne ein kräftiges Nein-Sagen, ohne Protest und Entrüstung auf einer gewissen Strecke gar nicht weiter ginge. Hat er nicht selber den Tempel gereinigt von den Taubenkrämern und Geldwechslern [vgl. Joh. 2,13–17]? Das Alles weiß er. Der Geist des Kampfs ist auch ein Geist, auch ein Geist Gottes. Aber der Geist der Jünger Jesu soll ein andrer Geist sein, sagt er. Das Streiten gegen die Beschränktheit und gegen den Irrtum, die ganze Empörung des Freiheitsbewusstseins, sie sind eine untere Stufe des Geistes, auf die man hinuntersieht als auf etwas Überwundenes, wenn man Jesus nachfolgt. Für Jesus war es wirklich etwas Überwundenes. Einem Menschen zu zürnen, weil er es nicht verstehen wollte, dass Gott Geist und Wahrheit sei [vgl. Joh. 4,24], das hat er nie fertig gebracht, nicht, weil er zu wenig frei dachte, sondern weil er zu frei und groß dachte. Jesu Jünger waren Toleranzfanatiker, das gibt es nämlich auch – gerade das war er selbst nicht. Er war tolerant auch gegen die»  Intoleranz. Auf diese höhere Stufe wollte er die Seinen mitziehen, als er ihnen sagte: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?

Wir wollen sehen, warum sie höher ist. Schon darum, weil das Bestreiten und Kritisieren leicht, aber eben darum wohlfeil ist. Man meint zuerst ein großes Werk damit zu tun, wenn man so Alles über den Haufen wirft, Alles in Frage stellt und vernütigt10. Man kann große Reden halten und Bücher schreiben, in denen man nichts tut, als Feuer regnen zu lassen auf alle möglichen beschränkten und böswilligen Leute und Standpunkte. Ich kann das darum sagen, weil ich selber in frühern Zeit oft so gepredigt habe, dass ich den Leuten gar |348 gut zu sagen wusste, was sie nicht glauben sollten, wenn’s aber an das gehen sollte, was sie denn glauben sollten, da ging mir der Atem aus. Das ist mir bald verleidet. Ich sah, dass Feuer regnen leicht ist. Die beste Kur für alles radikale und aufklärerische Wesen ist, wenn man die Leute beim Rockknopf nimmt und sie fragt: jetzt sag mir einmal deutlich nicht, was du nicht willst, sondern was du willst, dann können wir weiter reden. Erst von da an wird der Radikalismus und die Aufklärung etwas Gutes und Fruchtbares. Vorher sind sie Kinderspiel. Ich habe darum etwas gelächelt, als ich jüngst in der Arbeiterzeitung die Gründe las, die man als Agitationsmittel brauchen will für die kommenden Nationalratswahlen. Es waren alles Gründe, bei denen ein Nicht die Hauptsache war: Wir wollen dies nicht und jenes nicht…11 Ich glaube, Nein-Sagen ist eine zu leichte Politik.

Weiter aber: es ist ein höherer, ein anderer Geist nötig für den Jünger Jesu als der Geist des Streites, weil das Streiten und Bekämpfen nichts besser macht in der Welt. Ja vielleicht das, dass es mich stärker und gewisser macht in der eigenen Überzeugung. Aber wenn das der Nutzen der Sache ist, dann müssen wir uns selbst sagen, dass diese Überzeugung in etwas Höherm bestehen muss als wiederum in einem Nein-Sagen gegenüber diesem und jenem. Wer nicht über das Nein-Sagen, das Bestreiten und Bekritteln hinauskommt, der kann wohl die Leute vor den Kopf stoßen und große Verwirrung anrichten unter den Beschränkten und Irrenden, die er bessern wollte, aber sehr wahrscheinlich erreicht er dann gerade das Gegenteil: er stößt sie in die |349 Beschränktheit nur noch tiefer hinein. Dadurch ist noch selten jemand klüger geworden, dass man ihn vor den Kopf gestoßen hat. Das sollten wir immer bedenken, wenn wir uns berufen fühlen, Andre klüger zu machen.

Aber schließlich macht man nicht nur nichts besser, sondern Vieles schlimmer damit, dass man auf der untern Stufe, auf der Eliasstufe des Gottesgeistes stehen bleibt. Damit kommen wir schon zu dem andern, was Jesus gesagt hat: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten. Jawohl, darum handelt es sich. Daran haben Johannes und Jakobus gar nicht gedacht, als sie zu Ehren der Freiheit Feuer regnen lassen wollten. Eine schöne Freiheit, die damit endigt, dass die, [die] nicht frei sein wollen, vom Blitz erschlagen werden müssen! Aber daran denken wir sehr oft auch nicht. Wir machen es gern, wie es jener Christenmensch tat, der am Fenster stand und eine Frau, die unten arbeitete, fragte: Kann auch das Wort Gottes einem Menschen schaden? Nein, antwortete sie; da warf er ihr eine schwere, messingbeschlagene Bibel auf den Kopf und zeigte, dass das Wort Gottes in eines Narren Hand großen Schaden anrichten kann. So ist mit dem Nein-Sagen und Kritisieren, so nötig es oft ist, schon großer Schaden angerichtet worden. Man verletzte nicht nur Irrtümer und Torheiten, sondern tiefe, aufrichtige Empfindungen; man prallte mit seinem Angriff gegen etwas Schönes und Gutes, das in einem Menschenherzen war, und verdarb es; man vernichtete edle Güter, Glauben, Pietät, Selbstvertrauen, Kindlichkeit und hatte nichts Besseres an den Platz zu tun. Der Platz blieb eine rauchende Trümmerwüste. Oder es erzeugte das Streiten und Kritisieren den unguten Geist der Auflehnung gegen Alles und Jedes, und die Menschen verdarben in unfruchtbarem Aufbegehren, in haltloser Zweifelsucht.

Darum hebt sich von diesem Geist des Feuerregnens klar und bestimmt ab die höhere Stufe, der andere Geist Jesu und seiner rechten Jünger. Wo es Feuer regnet, da wird zuletzt immer Leben vernichtet. Des Menschen Sohn aber ist gekommen, Leben zu retten. Das will dieser Geist, dass allen Menschen geholfen werde, auch den Beschränkten, den Unfreien, gerade ihnen. Jesus sah an jenem Abend weit hinweg über die Borniertheit der Samariter. Er denkt nur an eins: auch in ihnen ist Leben, das muss gerettet werden. Weil dieser Gedanke bei ihm oben ist, darum kommt für ihn der Vorschlag der Jün|350ger nun auch gar nicht in Betracht. Hat man je einen Menschen dadurch gerettet, dass man ihn erschlagen hat? Nein, wenn Einer sich der Wahrheit entgegenstellt, dann ist das nur ein Zeichen dafür, dass er sie nötig hat. Nicht strafen, helfen! Das ist der Sinn Jesu. Nicht schelten, besser machen! Das ist der Weg der Wahrheit.

Ich möchte nun noch kurz darauf hinweisen, wie Jesus diesen Sinn bei den Samaritern betätigt hat. Wir könnten erwarten, dass er sie aufgesucht, vielleicht mit ihnen disputiert habe. Wir würden es wahrscheinlich so gemacht haben. Wir hören von Jesus nichts Derartiges. Sondern: sie zogen in ein anderes Dorf. Jesus betätigt seine rettende Liebe gegenüber diesen beschränkten Geistern dadurch, dass er an ihnen vorübergeht, vorwärts! Wie mögen sie ihm nachgesehen haben in jenem Dorf, als er nun bei einbrechender Nacht hindurch zog mit seiner Schar, als ob nichts geschehen wäre. Als der eine oder andere ihm in das innerliche, friedliche, ernste Gesicht sah, als sie dann daran dachten, dass sie diesen Wanderer hatten aufhalten wollen um eines Wortes willen, das ihnen anstößig war. Und nun ging er an ihnen vorüber, er und seine Freunde. Sie zogen in ein anderes Dorf!! Man könnte eine neue Predigt halten über dieses kleine Wort, könnte zeigen, dass die Beschränktheit überwunden wird dadurch, dass die Wahrheit ohne unsern Willen weitergeht. Wenn Jesus weitergeht, in ein andres Dorf, zu andren Menschen, wenn er da Aufnahme findet und Wunder tut, dann gehen uns die Augen auf. Aber wir können dieses Thema heute nicht mehr behandeln. Nur ein Bild aus dem Leben haben wir heute betrachten wollen. Wir haben gesehen, wie das ist, wenn wir beschränkt sind. Und wie das ist, wenn wir gegen andre beschränkte Menschen Blitze schleudern wollen. Und wie das ist, wenn Jesus uns den Blitz wieder aus der Hand nimmt, hoffentlich noch bevor wir Unheil angerichtet. Das ist eine alte Geschichte. Aber sie kommt alle Tage vor.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1–3 (RG 243; EG 338 [jeweils mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 303: «Komm ins Reich der Liebe» von E. G. Woltersdorf, Strophen 1.4.5. 🎵

Sachfußnoten

1
Schweizerdeutsch: «Gemeindevorsteher».↩
2
Schweizerdeutsch etwa im Sinn von: «also».↩
3
Schweizerdeutsch für: «Ach, [Gott] behüte uns!»↩
4
Anderes Wort für «Pietisten», das sich auf deren Bibelstunden bezieht, ­die sie neben dem kirchlichen Gottesdienst halten. Vgl. auch oben, S. 145, Anm. 10.↩
5
J. W. von Goethe, Faust II, 2. Akt, V. 6725f. (Hochgewölbtes enges ­gotisches Zimmer) 📖.↩
6
Lehrerseminare waren damals in der Schweiz die Ausbildungsstätte für Primarlehrer (Klassen 1–9), die nach dem Besuch der Sekundarschule in einem erst zwei-, dann dreijährigen Kurs das «Patent» zu ihrem Beruf erlangen konnten.↩
7
An deutschen Fakultäten zu studieren war damals für viele Schweizer Theologiestudenten üblich; Barth hatte zwischen 1906 und 1908 an den Theologischen Fakultäten in Berlin, Tübingen und Marburg studiert.↩
8
Vgl. J. A. Bengel, Gnomon Novi Testamenti, in quo ex nativa verborum vi simplicitas, profunditas, concinnitas, salubritas sensuum coelestium indicatur, Ed. Tertia, per filium superstitem E. Bengelium quondam curata tertio recusa adjuvante J. Steudel, Tübingen 1850, S. 284 📖: «Ibi libentius imitamur sanctos, ubi non debemus.»↩
9
Auf Terenz, Adelphoe V,3,37f. 📖 zurückgehendes Sprichwort: «Duo cum idem faciunt, […] hoc licet impune facere huic, illi non licet.» Vgl. Büchmann, S. 327 📖.↩
10
Schweizerdeutsch für: «(verbal) heruntermachen, zunichtemachen».↩
11
Im Wahlkampf der Sozialdemokraten, der von innerparteilichen Richtungskämpfen geprägt war, spielte die Einschätzung gegenüber dem die Politik damals dominierenden Freisinn, von der Unterstützung der Bauernschaft abhängig zu sein und dementsprechend die Politik zu gestalten, eine wichtige Rolle bei dem prinzipiellen Vorwurf, dass «die in Behandlung stehenden sozialpolitischen Vorlagen […] ständig verschlechtert» würden (Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919. Wahlrecht, Wahlsystem, Wahlbeteiligung. Verhalten von Wählern und Parteien. Wahlthemen und Wahlkämpfe, bearb. von E. Gruner, Bd. 1, 2. Teil [Helvetica Politica. Ser. A, Vol. VI/1B], Bern 1978, S. 777–779, Zitat S. 778 📖). Die «eigentlichen Wahlthemen» der SP waren: «Schneckengang der Sozialgesetzgebung, ungebändigte Teuerung zugunsten einer reichen Minderheit, aber zum Nachteil der breiten Massen, einseitige Verwendung der Bundesgelder für militärische Zwecke und Verhinderung einer gerechten Wahlgesetzgebung» (a.a.O., S. 775).↩