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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 9,51–57</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 9,51–57, 22. Oktober 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51030 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 339–350.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 9,51–57</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">339–350</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 9,51-57, 22. Oktober 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1526">KBA 1061</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1911-10-22">22. Oktober 1911</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-10-22">Sonntag, den 22. Oktober 1911</date> 
                        <lb/>(19. nach Trinitatis)
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.9.51 Lk.9.57">Lukas 9,51–57</ref>
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Es begab sich aber, da die Zeit erfüllt war, dass Jesus sollte hinweggenommen werden, nahm er die Richtung gerade aus auf <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, und sandte Boten aus vor sich her. Die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, um für ihn Herberge zu bestellen; und</hi> sie nahmen ihn nicht auf, weil er in der Richtung nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> zog. <hi rend="text-recte">Da das die Jünger <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> sahen, sagten sie: Herr,</hi> willst du, dass wir Feuer vom Himmel herunter kommen und sie verzehren heißen, wie es <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> machte? <hi rend="text-recte">Er aber wandte sich um und schalt sie und sagte:</hi> Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern es zu retten. <hi rend="text-recte">Und sie zogen in ein anderes Dorf.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Diese <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term> auf ihrem Dorf, von denen das Evangelium erzählt, waren einfältige Menschen. Ich meine jetzt «einfältig» nicht in dem Sinn, wie wir es hoffentlich Alle sind, also im Sinn von aufrichtig und ehrlich und einfach. Sondern ihre Einfalt war Torheit und <term type="Sachen" key="Beschränktheit"><hi rend="italic">Beschränktheit</hi></term><hi rend="italic">,</hi> und in dem Sinn wollen wir <hi rend="italic">ja</hi> nicht einfältig sein. Wir wollen sehen, in was ihre Beschränktheit bestand. Eines Tages gegen Abend kam ein Mann in ihr Dorf und verlangte den <term type="Sachen" key="Ammann">Ammann</term><note xml:id="n01">Schweizerdeutsch: «Gemeindevorsteher».</note> zu sprechen. Der Samaritische Bauer, dem er das sagte, machte aber gleich ein unfreundliches Gesicht; denn aus der Sprache des Fremden hörte er, dass er aus <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> komme und also ein Jude sei. Die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und die Samariter waren damals nicht gut aufeinander zu sprechen, und zwar, wie es leider oft vorgekommen ist, aus religiösen Meinungsverschiedenheiten. Sie verehrten zwar beide Gott mit dem gleichen Namen, aber nicht am gleichen Ort und auf dieselbe äußere Art, sondern die Juden auf ihre Weise im Tempel zu <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und die Samariter auf ihre Weise in einem Tempel auf dem Berge <placeName ref="kbga-places-1116">Garizim</placeName>. Wegen dieser <pb xml:id="p340" ed="pga"/> Verschiedenheit lebten sie auf gespanntem Fuß zusammen, und darum machte jener Bauer an jenem Abend ein unfreundliches Gesicht, als er den Fremden zum Ammann führte. Der hatte dort folgenden Auftrag zu bestellen: Ein Lehrer mit Namen Jesus von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth"><placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName></term> sei mit einer großen Gesellschaft von Freunden und Gefährten auf der Reise nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. In einer Stunde oder zwei werde er in dies Dorf kommen. Ob da nicht einige Bürger wären, die genug Platz und guten Willen hätten, den Reisenden in ihren Häusern Nachtquartier zu geben gegen ein bescheidenes Entgelt. Dieses Ansinnen war in alten Zeiten nichts Außerordentliches und in dem sonst so gastfreien Morgenland erst recht nicht. Aber dieser Gemeindeamman blickte nun nicht eben gastfreundlich drein. Er ließ den Boten erst lange stehen, um mit den Nachbarn zu reden. Dann kam er zurück, allein, und sah zum Fenster hinaus, wie Einer der etwas Unangenehmes zu sagen hat und nicht damit heraus mag. «Ist’s abgemacht?» fragte der Bote Jesu von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>. «He<note xml:id="n02">Schweizerdeutsch etwa im Sinn von: «also».</note> nein», antwortete der Ammann, «wir haben gesinnet, wir wollten von dem neuen nichts wissen!» «So? und warum denn nicht?» «He, ihr habt doch gesagt, dass ihr nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> wollet, in den <term type="Sachen" key="Jerusalem, Tempel">Tempel</term>, ans <term type="Sachen" key="Passahfest">Fest</term> vermutlich. Das haben wir hierzuland nicht gern. Warum kommt ihr nicht mit uns auf den <placeName ref="kbga-places-1116">Garizim</placeName>? Dort betet man Gott an, wie es recht ist. Wisst ihr was? Geht ihr ins nächste Dorf, vielleicht, dass man euch dort aufnimmt.» «Aber es ist gleich Nacht und der Weg noch drei Stunden.» «Ja das ist eure Sache, es heißt euch ja niemand nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> gehen!» – So wiesen die Samariter den Herrn Jesum ab, und so zeigten sie, dass sie einfältige, beschränkte Menschen seien. Sie hörten: es sind <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term>, und: sie gehen nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, und da war es für sie schon fertig. Wer diese Fremden auch sonst sein mochten und was ihre Art und ihre Absichten – sie waren gerichtet in den Augen der Leute vom Samariterdorf. Geht weiter, wir wollen nichts mit euch zu tun haben. Das ist die <term type="Sachen" key="Beschränktheit, Feind Jesu und Gottes">Beschränktheit</term>, und sie ist unendlich oft der Feind Jesu und der Feind Gottes gewesen.</p>
                <p>Beschränkte Leute machen es immer wie die Samariter dort. Sie sehen an einer Sache irgend etwas Äußerliches, was ihnen Misstrauen einflößt, sie hören das Wort «<placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>» oder ein anderes Wort und dann schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen: E b’hüetis<note xml:id="n03">Schweizerdeutsch für: «Ach, [Gott] behüte uns!»</note>, <pb xml:id="p341" ed="pga"/> davon wollen wir nichts wissen. Und wenn’s der Herr Jesus wäre, der nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> will, sie schließen ihm die Türe zu und sagen: <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> gefällt uns nicht, geh ins nächste Dorf! – Für Viele besteht das Äußerliche an einer Sache, der sie misstrauen, schon darin, dass sie ihnen <hi rend="italic">neu</hi> ist. Wenn sie sagen können: man hat es nie so gemacht, dann ist ihnen das Grund statt aller Gründe, um sie abzulehnen. Wie es gewisse Tiere machen sollen, wenn sie zum ersten Mal durch das neue Scheunentor sollen, so geht es ihnen, wenn man ihnen mit etwas Ungewohntem kommt: sie scheuen und wollen nicht weiter. Und wie oft ist man misstrauisch gegen ein Unternehmen, nur weil einem die <hi rend="italic">Menschen</hi> nicht passen, die dabei sind. So, der und der macht’s? sagt man etwa und zuckt die Achseln, z. B. dieser Fremde, einer, der gar nicht von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ist, was will jetzt der herkommen und etwas davon verstehen! Das kommt nicht gut. Oder man sagt: was der? oder die? weiß man nicht von seiner Mutter oder Großmutter gar Erschreckliches zu erzählen! Nun, das kann nichts Rechtes sein, was der jetzt will. Und genügt es nicht manchmal, dass uns die Nase eines Menschen nicht gefällt, um ein Misstrauen gegen ihn zu haben? Aber die <hi rend="italic">Worte,</hi> die leidigen Worte sind es doch am Allermeisten, die auf die beschränkten Menschen so wirken wie eine Vogelscheuche. Bei den <term type="Sachen" key="Samariter">Samaritern</term> war es ja auch nur das Wort <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, das sie geschreckt hat. Für manche Menschen hat das Wort <term type="Sachen" key="Kirche">«<hi rend="italic">Kirche</hi>»</term> einen solchen Klang. Sie denken dann gleich an <term type="Sachen" key="Heuchelei">Heuchelei</term> und <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term> und <term type="Sachen" key="Pfarrer, Pfaffen">Pfaffen</term> und solche schrecklichen Dinge. Aber das ist eben <term type="Sachen" key="Beschränktheit">beschränkt</term>, so zu denken! Andre bekommen einen Schreck, wenn sie das Wort <term type="Sachen" key="Freisinnige">«<hi rend="italic">freisinnig</hi>»</term> oder «Reformer» hören; sie stellen sich dabei etwas ganz Schändliches vor und gehen solchen Leuten in weitem Bogen aus dem Wege. Wieder Andern geht es gerade so mit dem Worte <term type="Sachen" key="Pietisten">«Pietisten»</term> oder <term type="Sachen" key="Pietisten, «Stündeler»">«<hi rend="italic">Stündeler</hi>»</term><note xml:id="n04">Anderes Wort für «Pietisten», das sich auf deren Bibelstunden bezieht, ­die sie neben dem kirchlichen Gottesdienst halten. Vgl. auch oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p145#fn_n10">S. 145, Anm. 10</ref>.</note>. Da müsse eine <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit">Werkerei</term> dahinter sein, meinen sie ganz selbstverständlich, auch wenn sie nie in einer Stunde gewesen sind. Und wie stellten viele Leute sich einen <term type="Sachen" key="Sozialdemokratie, Aufruhr gegen Gott und Menschen"><hi rend="italic">Sozialdemokraten</hi></term> vor als einen bösen Aufrührer gegen Gott und Menschen, der Alles niederreißen und womöglich ausplündern wolle. O ich bin sicher, es gibt im <pb xml:id="p342" ed="pga"/> Kopf von jedem von uns mehr als ein solches Scheunentor oder Wort, bei dessen Anblick oder Anhören wir bereits scheuen und bocken, obwohl wir uns nie genauer überlegt, was dahinter stecken könnte. Solange wir noch eine solche Abscheu nach dieser oder jener Seite in uns herumtragen, solange gehören wir auch noch in die Gesellschaft der beschränkten <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term>, von denen geschrieben steht: <hi rend="italic">sie nahmen ihn nicht auf, weil er nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> zog.</hi></p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun begeben wir uns in Gedanken zu Jesus, der da mit seinen 70 oder mehr <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> auf das Samariterdorf zuzog. Sie waren gewiss müde vom weiten Gehen und hofften nun auf eine gute Herberge. Da kommt ihnen am Eingang des Dorfes der Bote entgegen, den sie ausgesandt. Er winkt schon [von] Weitem: «nicht weiter! hier kommen wir nicht an!», und er erzählt die ganze trübselige Geschichte den Vordersten des Zuges. Es gibt eine Störung, einen Halt. Einige werfen sich unmütig ins Gras, nachdem sie gehört, worum es sich handelt, andre stehen und ballen die Fäuste, wieder andre umringen den Boten, um noch einmal von ihm zu hören, was die Samariter gesagt. Jesus allein hat sich seitwärts auf einen Stein gesetzt und sieht mit einer stillen Freudigkeit auf dem Gesicht in das abendliche Land mit seinen vollen, satten Farben hinaus. Aber es achtet in diesem Augenblick keiner auf seinen Gesichtsausdruck. Ein unzufriedenes Murmeln geht durch die Reihen der Leute, die da in der Dämmerung auf der Landstraße stehen. Plötzlich lösen sich zwei von ihnen ab und gehen auf den einsamen Jesus zu. <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> ist es und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>, das Brüderpaar, Söhne des <persName ref="kbga-actors-6559">Zebedäus</persName>. Ihnen ist ein Gedanke gekommen; den müssen sie Jesus mitteilen. War’s nicht gerade in dieser Gegend gewesen, wo in grauer Vorzeit der König von <term type="Personen" key="Ahasja"><placeName ref="kbga-places-965">Samaria</placeName></term> zweimal fünfzig Soldaten ausschickte, um den Propheten <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> zu fangen, und wo dieser <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> in der Kraft Gottes Blitz und Donner fallen ließ vom Himmel, die die zweimal 50 verschlangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.1.9 2.Kön.1.15">2.Kön. 1,9–15</ref>]?! O, denken sie, der Moment ist gekommen, zu zeigen, dass hier mehr ist als <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName>. Und sind nicht diese ungastlichen Samariter die passenden Nachfolger jener Prophetenmörder? Und noch bevor Jesus sich umgewandt, um zu sehen, wer mit ihm reden wolle, hat es der feurige <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> schon heraus<pb xml:id="p343" ed="pga" break="no"/>gesprudelt: <hi rend="italic">Herr, willst du, dass wir Feuer vom Himmel fallen lassen und sie verzehren heißen, wie es <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> machte</hi>? |</p>
                <p>Ich muss vor Allem gestehen, dass mir dies Wort Freude macht. Die andern <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> kommen und schimpfen unterirdisch, bei den Söhnen des <persName ref="kbga-actors-6559">Zebedäus</persName> kommt es sofort zu einem Ausbruch. Es ist Zug und Schwung in diesen Leuten, es sind keine Blindschleichen, sondern Menschen mit <term type="Sachen" key="Temperament">Temperament</term> und <term type="Sachen" key="Charakter">Charakter</term>, die auch in ihrem Zorn nicht ins Kleinliche gehen. Feuer vom Himmel! das scheint ihnen das Geeignete für solch beschränkte Leute wie die <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term>. Wir brauchen uns bloß etwas in sie zu versetzen, um ihre Seelenregung zu verstehen und bis zu gewissem Grad auch schön zu finden. Es war doch jedenfalls nicht bloß die Erregung darüber, dass sie um ihr Nachtquartier kamen, die sie nach den Blitzstrahlen des <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> rufen ließ. Ich will nicht sagen, dass dieser Grund nicht <hi rend="italic">auch</hi> dabei war. Wenn wir zornigen Geistes sind, auch wenn es um des Rechtes willen geschieht und auch wenn wir <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> heißen, dann mischen sich solche niedern Gründe oft gar wunderlich in die höhern. Aber wenn wir jetzt davon absehen wollen, so war es, wir dürfen das bestimmt aussprechen, eine <hi rend="italic">heilige <term type="Sachen" key="Heilige Entrüstung">Entrüstung</term></hi>, die diese <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> bewegte. |</p>
                <p>Sie hatten jetzt ein Jahr lang oder mehr in der Gesellschaft Jesu gelebt und hatten da einen Mann kennengelernt, der gerade von aller <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> und Engigkeit der Gesinnung so gründlich frei war. Hatte er sie nicht angeleitet, ihre Gedanken abzulenken von den kleinen menschlichen, ängstlichen Unterscheidungen, von den Scheunentoren und Worten? In ihren Ohren klang noch das kühne Wort: Es kommt die Zeit, da ihr weder auf dem <placeName ref="kbga-places-1116">Garizim</placeName> noch zu <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> werdet den Vater anbeten, sondern wo die wahrhaftigen Anbeter ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.21">Joh. 4,21</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.23">23</ref>]. Sie dachten an die Stunde, wo ihnen Jesus gleichnisweise gerade einen <term type="Sachen" key="Samariter, Vorbild der Nächstenliebe">Samariter</term> hingestellt als Bild der werktätigen Liebe zum Nächsten, die keine Volks- und Religionsgrenzen kennt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.25 Lk.10.37">Lk. 10,25–37</ref>]. Sie hatten an Jesu Hand Blicke getan in eine freie, schöne <term type="Sachen" key="Gotteswelt">Gotteswelt</term>. Es war ihnen aufgegangen, wie groß das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> wird, wenn man die Angst vor den Worten verliert. Wer weiß, es war vielleicht auch bei ihnen früher anders gewesen. Zwei Jahre zuvor hätten sie vielleicht auch noch mit Unverstand geeifert, wie es jetzt die Leute im Dorf vor ihnen taten. <pb xml:id="p344" ed="pga"/> Aber jetzt waren sie eben frei und weitherzig geworden. Sie hatten Jesu Art vor Augen, und als nun plötzlich das Benehmen der <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term> kam, konnten sie es nicht erbärmlich und schändlich genug finden. War es nicht unerhört gegenüber dem, der so weit über ihrem zänkischen kleinen Abweisungsgrund stand? Waren sie, die ihn so gut verstanden, nicht berufen dazu, mit einem Wunder dreinzuschlagen, dass den beschränkten Menschen darüber Hören und Sehen verging? O wenn wir bei einem guten Meister etwas gelernt haben, dann zeigt sich das bei den meisten Menschen vor Allem darin, dass sie gegen Alle mit Feuer und Schwert losfahren, die es anders machen als der Meister. Ganz besonders geht es einem so, wenn man Freiheit und Weitherzigkeit gelernt hat, wie es bei jenen <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> der Fall war. Da ist schon Mancher aus einem <term type="Sachen" key="Fanatismus, Fanatiker der Beschränktheit">Fanatiker</term> der Beschränktheit flugs zu einem Fanatiker der <term type="Sachen" key="Fanatismus, Fanatiker der Freiheit">Freiheit</term> geworden. Man kann’s nicht mehr begreifen, dass Andre noch so eng und unverständig sein können, während man selbst gelernt hat, über die trennenden Zäune hinwegzusehen, und man würde es den Andern am Liebsten durch die Polizei verbieten lassen zu sein, wie sie sind. So ist’s schon manchem Sohn gegangen, der aus der freien Luft der Fremde ins Vaterhaus zurückkam. Er findet Alles, die Ansichten und Bräuche so klein und borniert, und wenn er’s den Leuten nicht gerade sagt, so denkt er’s doch:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ich find euch noch, wie ich euch sah,</l>
                            <l>Ein Andrer bin <hi rend="italic">ich</hi> wieder da.<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, 2. Akt, V. 6725f. (Hochgewölbtes enges ­gotisches Zimmer)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">So ist’s manchem jungen Lehrer gegangen, der vom Seminar<note xml:id="n06">Lehrerseminare waren damals in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> die Ausbildungsstätte für Primarlehrer (Klassen 1–9), die nach dem Besuch der Sekundarschule in einem erst zwei-, dann dreijährigen Kurs das «Patent» zu ihrem Beruf erlangen konnten.</note> zurückkommt mit der Einsicht, dass das mit den sieben <term type="Sachen" key="Schöpfung, Schöpfungstage">Schöpfungstagen</term> in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> nicht so einfach sei, wie er sich’s bis jetzt gedacht, und mit andern ähnlichen aufgeklärten Meinungen. Was, ihr beschränkten Leute wisst das noch nicht? hat er gesagt und ist in Eifer gekommen, und wenn er aus guten Gründen nicht hat Feuer regnen lassen, so hat er doch jedes Schulkind wissen lassen, dass dies und jenes nicht wahr sei, was es bis jetzt geglaubt, und hat große Verwirrung angerichtet in den Köpfen. – |</p>
                <p><pb xml:id="p345" ed="pga" rend="noPipe"/>Und ich will einmal von mir selber reden. O wie sind wir als Studenten mit geschwollenem Mut von den Universitäten <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName><note xml:id="n07">An deutschen Fakultäten zu studieren war damals für viele Schweizer Theologiestudenten üblich; <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte zwischen <date when="1906">1906</date> und <date when="1908">1908</date> an den Theologischen Fakultäten in <orgName ref="kbga-actors-8297">Berlin</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8276">Tübingen</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8110">Marburg</orgName> studiert.</note> zurückgekehrt, wo uns quirlige, scharfsinnige Männer zu neuen tiefen Anschauungen des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> angeleitet haben durch ihre Persönlichkeit und durch ihre Forscherarbeit, die uns zur Nachahmung anregte. Ja, da meinten wir auch, wir müssten nun unsre erst gewonnene Einsicht vor Allem dadurch bewähren, dass wir auf Alle, die die Dinge etwas anders nahmen als wir, mitleidig heruntersahen oder aber einen großen Streit mit ihnen anfingen. – |</p>
                <p>Es liegt sicher etwas Natürliches und Berechtigtes in solchem Eifer. Es ist ja einfach der Eifer des Kämpfenden, dessen, der seiner Sache noch nicht so recht sicher ist und der darum meint, jetzt vor Allem recht um sich schlagen zu müssen, um sicher zu werden. Das war’s gewiss auch bei <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>. Sie wünschten <hi rend="italic">Feuer regnen zu lassen</hi> über die <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> der <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term>, weil sie ihrer eigenen Freiheit noch nicht so ganz sicher waren. Wer ganz in der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> atmet und lebt, der hat es nicht mehr nötig, gegen die Unfreiheit zu tosen und aufzubegehren. So weit waren sie noch nicht. Ihre Empörung ist so recht das Zeichen davon, dass sie noch Schüler und Lehrlinge waren. Und das zeigt sich noch deutlicher in dem, was sie hinzufügten: Wir wollen es machen, <hi rend="italic">wie <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName></hi>
                    <hi rend="italic">es machte.</hi> Ein Ausleger hat zu dieser Stelle bemerkt: «Wir ahmen die <term type="Sachen" key="Heilige">Heiligen</term> am Liebsten darin nach, worin wir es nicht sollten.»<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3520"><persName ref="kbga-actors-38">J. A. Bengel</persName>, <hi rend="italic">Gnomon Novi Testamenti, in quo ex nativa verborum vi simplicitas, profunditas, concinnitas, salubritas sensuum coelestium indicatur</hi>, Ed. Tertia, per filium superstitem E. Bengelium quondam curata tertio recusa adjuvante J. Steudel, Tübingen 1850, S. 284</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Ibi libentius imitamur sanctos, ubi non debemus.</foreign>»</note> Das würde ich nun nicht gerade so sagen, aber so ist’s sicher richtig: Wir ahmen die großen <term type="Sachen" key="Große Männer">Männer</term> am Liebsten in ihrem Dreinschlagen, in ihrem Schelten und Verurteilen nach. Es gibt manchen evangelischen Christen, der von unsern <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> nicht viel Anderes zu sagen wüsste, als dass sie der katholischen <term type="Sachen" key="Kirche, katholische">Kirche</term> gehörig am Zeug geflickt haben. Es gibt eine ganze große Klasse von Gläubigen, die kennt den Herrn Jesus fast auch nur <pb xml:id="p346" ed="pga"/> als den großen strengen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, als strenger Richter und Verurteiler">Richter</term> und Verurteiler, und wie sie sich Christus denken, so machen sie es selber. Es ist so wunderbar süß und erhebend, auch wenn man kein <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> ist, wenigstens dreinzuschlagen mit Worten und Taten wie ein <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> oder doch seine Kampfpositur anzunehmen. Wir vergessen dabei zwar, dass, wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist.<note xml:id="n09">Auf <bibl corresp="kbga-bibls-5381"><persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName>, <hi rend="italic">Adelphoe</hi> V,3,37f.</bibl> zurückgehendes Sprichwort: «<foreign xml:lang="lat">Duo cum idem faciunt, […] hoc licet impune facere huic, illi non licet.</foreign>» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 327</bibl>.</note> Aber darin zeigt sich eben, dass wir noch Schüler und Lehrlinge sind. Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: es ist etwas Prächtiges, so ein Schüler zu sein, der noch kämpfen und noch dreinschlagen muss für seine Erkenntnisse. Wir wollen uns also nicht schämen, mit <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> verwandt zu sein. Manchem wäre es zu wünschen, er <hi rend="italic">wäre</hi> es überhaupt!</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun <hi rend="italic">wendete sich Jesus um</hi>, heißt es, und sah den Beiden in die Augen. Das muss ein Blick gewesen sein, der sie da getroffen hat! Ein Blick, der eben noch die Schönheit der <term type="Sachen" key="Welt, Schönheit">Welt</term> und durch die Welt die Schönheit <term type="Sachen" key="Gott, Schönheit">Gottes</term> in sich aufgenommen hatte. Die Jünger <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> und <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> glaubten eben noch, mit ihrem Wunsch nach Blitz und Donner in sehr hohen oder tiefen Gedanken und Gefühlen sich zu bewegen. Das ist ihnen gewiss vergangen, als sie die Augen Jesu auf sich gerichtet sahen. Die kamen aus einer Welt der Majestät und des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Blick aus einer Welt der Majestät und des Friedens">Friedens</term>, aus der man nur lächelnd auf alles menschliche Kämpfen und Bekämpfen heruntersehen kann. Das erkannten sie gewiss, noch bevor Jesus den Mund geöffnet. O das tut uns gut, wenn manchmal mitten in unserm <term type="Sachen" key="Streit">Streiten</term> und Kritisieren solche Augen uns treffen und uns verwundert fragen: Sag, was treibst du da eigentlich? Meinst du im Ernst, das sei etwas Großes und Wichtiges, was du da tust? Willst du jetzt nicht aufhören mit deinem kleinen Tosen und Protestieren gegen dies und das?</p>
                <p>Aber Jesus hat nicht nur mit den Augen geredet damals. Es heißt: <hi rend="italic">er schalt sie.</hi> Diesen Ausdruck müssen wir nicht zu schwer nehmen. Es ist gemeint: er wies sie zurecht. Und da hat er ihnen die Worte gesagt, <pb xml:id="p347" ed="pga"/> die wir Alle, wenn es uns ums Kämpfen und Kritisieren zu Mute ist, uns immer wieder vorhalten und im Notfall vorsagen sollten: <hi rend="italic">Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern es zu retten.</hi></p>
                <p> Seine <term type="Sachen" key="Jünger, Geist der J. Jesu">Jünger</term> sollten <hi rend="italic">einen andern Geist</hi> haben als den Geist des Kampfs, der Widerlegung, des Gerichts, sagt Jesus zuerst. Er bezeichnet diesen Kampfgeist nicht als etwas Schlechtes. Er weiß, dass es der Geist der <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> des alten <term type="Sachen" key="Bund">Bundes</term> ist, dass die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> sich nicht mit Unrecht auf <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> berufen haben. Er weiß auch, dass es auf dem Wege der <term type="Sachen" key="Wahrheit, Weg der W. bedarf des Protestes und der Entrüstung">Wahrheit</term> ohne ein kräftiges Nein-Sagen, ohne Protest und Entrüstung auf einer gewissen Strecke gar nicht weiter ginge. Hat er nicht selber den Tempel gereinigt von den Taubenkrämern und Geldwechslern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.13 Joh.2.17">Joh. 2,13–17</ref>]? Das Alles weiß er. Der Geist des Kampfs ist auch ein Geist, auch ein Geist Gottes. Aber der Geist der Jünger <term type="Sachen" key="Jünger, Geist der J. Jesu">Jesu</term> soll ein <hi rend="italic">andrer</hi> Geist sein, sagt er. Das Streiten gegen die <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> und gegen den <term type="Sachen" key="Irrtum">Irrtum</term>, die ganze Empörung des <term type="Sachen" key="Freiheit, Freiheitsbewusstsein">Freiheitsbewusstseins</term>, sie sind eine untere Stufe des <term type="Sachen" key="Streit, untere Stufe des Geistes">Geistes</term>, auf die man hinuntersieht als auf etwas Überwundenes, wenn man Jesus <term type="Sachen" key="Nachfolge">nachfolgt</term>. Für Jesus war es wirklich etwas Überwundenes. Einem Menschen zu zürnen, weil er es nicht verstehen wollte, dass <term type="Sachen" key="Gott, Geist">Gott</term> Geist und <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term> sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>], das hat er nie fertig gebracht, nicht, weil er zu wenig frei dachte, sondern weil er <hi rend="italic">zu frei</hi> und groß dachte. Jesu <term type="Sachen" key="Jünger, Toleranzfanatiker">Jünger</term> waren <term type="Sachen" key="Fanatismus, Fanatiker der Toleranz">Toleranzfanatiker</term>, das gibt es nämlich auch – gerade das war er selbst nicht. Er war <term type="Sachen" key="Toleranz">tolerant</term> auch gegen <term type="Sachen" key="Intoleranz">die» </term>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, tolerant auch gegen die Intoleranz">Intoleranz</term>. Auf diese höhere Stufe wollte er die Seinen mitziehen, als er ihnen sagte: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?</p>
                <p>Wir wollen sehen, warum sie höher ist. Schon darum, weil das Bestreiten und Kritisieren <hi rend="italic">leicht,</hi> aber eben darum wohlfeil ist. Man meint zuerst ein großes Werk damit zu tun, wenn man so Alles über den Haufen wirft, Alles in Frage stellt und vernütigt<note xml:id="n10">Schweizerdeutsch für: «(verbal) heruntermachen, zunichtemachen».</note>. Man kann große Reden halten und Bücher schreiben, in denen man nichts tut, als Feuer regnen zu lassen auf alle möglichen beschränkten und böswilligen Leute und Standpunkte. Ich kann das darum sagen, weil ich selber in frühern Zeit oft so gepredigt habe, dass ich den Leuten gar <pb xml:id="p348" ed="pga"/> gut zu sagen wusste, was sie <hi rend="italic">nicht</hi> glauben sollten, wenn’s aber an das gehen sollte, was sie denn glauben sollten, da ging mir der Atem aus. Das ist mir bald verleidet. Ich sah, dass Feuer regnen leicht ist. Die beste Kur für alles <term type="Sachen" key="Radikalismus">radikale</term> und <term type="Sachen" key="Aufklärung">aufklärerische</term> Wesen ist, wenn man die Leute beim Rockknopf nimmt und sie fragt: jetzt sag mir einmal deutlich nicht, was du <hi rend="italic">nicht</hi> willst, sondern was du <hi rend="italic">willst</hi>, dann können wir weiter reden. Erst von da an wird der <term type="Sachen" key="Radikalismus">Radikalismus</term> und die <term type="Sachen" key="Aufklärung">Aufklärung</term> etwas Gutes und Fruchtbares. Vorher sind sie Kinderspiel. Ich habe darum etwas gelächelt, als ich jüngst in der Arbeiterzeitung die Gründe las, die man als Agitationsmittel brauchen will für die kommenden <term type="Sachen" key="Schweiz, Nationalratswahlen 1911">Nationalratswahlen</term>. Es waren alles Gründe, bei denen ein <hi rend="italic">Nicht</hi> die Hauptsache war: Wir wollen dies nicht und jenes nicht…<note xml:id="n11">Im Wahlkampf der <term type="Sachen" key="Sozialdemokratie, Schweizer Wahlkampf 1911"><orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokraten</orgName></term>, der von innerparteilichen Richtungskämpfen geprägt war, spielte die Einschätzung gegenüber dem die Politik damals dominierenden Freisinn, von der Unterstützung der Bauernschaft abhängig zu sein und dementsprechend die Politik zu gestalten, eine wichtige Rolle bei dem prinzipiellen Vorwurf, dass «die in Behandlung stehenden sozialpolitischen Vorlagen […] ständig verschlechtert» würden (<bibl corresp="kbga-bibls-5382"><hi rend="italic">Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919. Wahlrecht, Wahlsystem, Wahlbeteiligung. Verhalten von Wählern und Parteien. Wahlthemen und Wahlkämpfe</hi>, bearb. von E. Gruner, Bd. 1, 2. Teil [Helvetica Politica. Ser. A, Vol. VI/1B], Bern 1978, S. 777–779, Zitat S. 778</bibl>). Die «eigentlichen Wahlthemen» der <orgName ref="kbga-actors-6132">SP</orgName> waren: «Schneckengang der Sozialgesetzgebung, ungebändigte Teuerung zugunsten einer reichen Minderheit, aber zum Nachteil der breiten Massen, einseitige Verwendung der Bundesgelder für militärische Zwecke und Verhinderung einer gerechten Wahlgesetzgebung» (a.a.O., S. 775).</note> Ich glaube, <term type="Sachen" key="Nein-Sagen">Nein-Sagen</term> ist eine zu leichte <term type="Sachen" key="Politik, Nein-Sagen ist eine zu leichte P.">Politik</term>.</p>
                <p>Weiter aber: es ist ein höherer, ein anderer Geist nötig für den Jünger <term type="Sachen" key="Jünger, Geist der J. Jesu">Jesu</term> als der Geist des Streites, weil das <term type="Sachen" key="Streit, macht allein nichts besser in der Welt">Streiten</term> und Bekämpfen <hi rend="italic">nichts besser macht</hi> in der Welt. Ja vielleicht das, dass es mich stärker und gewisser macht in der eigenen Überzeugung. Aber wenn das der Nutzen der Sache ist, dann müssen wir uns selbst sagen, dass diese Überzeugung in etwas Höherm bestehen muss als wiederum in einem Nein-Sagen gegenüber diesem und jenem. Wer nicht über das Nein-Sagen, das Bestreiten und Bekritteln hinauskommt, der kann wohl die Leute vor den Kopf stoßen und große Verwirrung anrichten unter den Beschränkten und Irrenden, die er bessern wollte, aber sehr wahrscheinlich erreicht er dann gerade das Gegenteil: er stößt sie in die <pb xml:id="p349" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> nur noch tiefer hinein. Dadurch ist noch selten jemand klüger geworden, dass man ihn vor den Kopf gestoßen hat. Das sollten wir immer bedenken, wenn wir uns berufen fühlen, Andre klüger zu machen.</p>
                <p>Aber schließlich macht man nicht nur nichts besser, sondern <hi rend="italic">Vieles <term type="Sachen" key="Streit, macht allein vieles schlimmer in der Welt">schlimmer</term></hi> damit, dass man auf der untern <term type="Sachen" key="Streit, untere Stufe des Gottesgeistes">Stufe</term>, auf der <term type="Personen" key="Elia">Eliasstufe</term> des Gottesgeistes stehen bleibt. Damit kommen wir schon zu dem andern, was Jesus gesagt hat: <hi rend="italic">Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten.</hi> Jawohl, darum handelt es sich. Daran haben <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> und <persName ref="kbga-actors-2294">Jakobus</persName> gar nicht gedacht, als sie zu Ehren der <term type="Sachen" key="Freiheit, Feuerregen zu Ehren der Freiheit">Freiheit</term> Feuer regnen lassen wollten. Eine schöne Freiheit, die damit endigt, dass die, [die] nicht frei sein wollen, vom Blitz erschlagen <term type="Sachen" key="Freiheit, schöne Fr., die damit endet, dass, wer nicht frei sein will, erschlagen werden muss">werden</term> müssen! Aber daran denken wir sehr oft auch nicht. Wir machen es gern, wie es jener Christenmensch tat, der am Fenster stand und eine Frau, die unten arbeitete, fragte: Kann auch das Wort Gottes einem Menschen schaden? Nein, antwortete sie; da warf er ihr eine schwere, messingbeschlagene Bibel auf den Kopf und zeigte, dass das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes, kann in der Hand eines Narren großen Schaden anrichten">Gottes</term> in eines Narren Hand großen Schaden anrichten kann. So ist mit dem <term type="Sachen" key="Nein-Sagen">Nein-Sagen</term> und Kritisieren, so nötig es oft ist, schon großer Schaden angerichtet worden. Man verletzte nicht nur <term type="Sachen" key="Irrtum">Irrtümer</term> und <term type="Sachen" key="Torheit">Torheiten</term>, sondern tiefe, aufrichtige Empfindungen; man prallte mit seinem Angriff gegen etwas Schönes und <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term>, das in einem Menschenherzen war, und verdarb es; man vernichtete edle Güter, <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, <term type="Sachen" key="Pietät">Pietät</term>, <term type="Sachen" key="Selbstvertrauen">Selbstvertrauen</term>, Kindlichkeit und hatte nichts Besseres an den Platz zu tun. Der Platz blieb eine rauchende Trümmerwüste. Oder es erzeugte das <term type="Sachen" key="Streit, erzeugt allein den unguten Geist der Auflehnung gegen alles und jedes">Streiten</term> und Kritisieren den unguten Geist der Auflehnung gegen Alles und Jedes, und die Menschen verdarben in unfruchtbarem Aufbegehren, in haltloser Zweifelsucht.</p>
                <p>Darum hebt sich von diesem Geist des Feuerregnens klar und bestimmt ab die höhere Stufe, der <hi rend="italic">andere Geist</hi>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Jesu</term> und seiner rechten <term type="Sachen" key="Jünger, Geist der J. Jesu">Jünger</term>. Wo es Feuer regnet, da wird zuletzt immer <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> vernichtet. Des Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschensohn">Sohn</term> aber ist gekommen, <hi rend="italic">Leben zu retten.</hi> Das will dieser Geist, dass allen Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, will, dass allen Menschen geholfen werde"><hi rend="italic">geholfen</hi></term> werde, auch den <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränkten</term>, den Unfreien, gerade ihnen. Jesus sah an jenem Abend weit hinweg über die Borniertheit der <term type="Sachen" key="Samariter">Samariter</term>. Er denkt nur an eins: auch in ihnen ist Leben, das muss gerettet werden. Weil dieser Gedanke bei ihm oben ist, darum kommt für ihn der Vorschlag der <term type="Sachen" key="Jünger">Jün<pb xml:id="p350" ed="pga" break="no"/>ger</term> nun auch gar nicht in Betracht. Hat man je einen Menschen dadurch gerettet, dass man ihn erschlagen hat? Nein, wenn Einer sich der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> entgegenstellt, dann ist das nur ein Zeichen dafür, dass er sie nötig hat. Nicht strafen, helfen! Das ist der Sinn Jesu. Nicht schelten, besser machen! Das ist der Weg der <term type="Sachen" key="Wahrheit, besser machen ist der Weg der Wahrheit">Wahrheit</term>.</p>
                <p>Ich möchte nun noch kurz darauf hinweisen, wie Jesus diesen Sinn bei den <term type="Sachen" key="Samariter">Samaritern</term> betätigt hat. Wir könnten erwarten, dass er sie aufgesucht, vielleicht mit ihnen disputiert habe. Wir würden es wahrscheinlich so gemacht haben. Wir hören von Jesus nichts Derartiges. Sondern: <hi rend="italic">sie zogen in ein anderes Dorf.</hi> Jesus betätigt seine rettende <term type="Sachen" key="Jesus Christus, rettende Liebe">Liebe</term> gegenüber diesen beschränkten Geistern dadurch, dass er an ihnen vorübergeht, vorwärts! Wie mögen sie ihm nachgesehen haben in jenem Dorf, als er nun bei einbrechender Nacht hindurch zog mit seiner Schar, als ob nichts geschehen <term type="Sachen" key="Als ob nichts geschehen wäre">wäre</term>. Als der eine oder andere ihm in das innerliche, friedliche, ernste Gesicht sah, als sie dann daran dachten, dass sie diesen Wanderer hatten aufhalten wollen um eines Wortes willen, das ihnen anstößig war. Und nun ging er an ihnen vorüber, er und seine Freunde. <hi rend="italic">Sie zogen in ein anderes Dorf!!</hi> Man könnte eine neue Predigt halten über dieses kleine Wort, könnte zeigen, dass die <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term> überwunden wird dadurch, dass die <term type="Sachen" key="Wahrheit, geht ohne unseren Willen weiter">Wahrheit</term> ohne unsern Willen weitergeht. Wenn Jesus weitergeht, in ein andres Dorf, zu andren Menschen, wenn er da Aufnahme findet und Wunder tut, dann gehen uns die Augen auf. Aber wir können dieses Thema heute nicht mehr behandeln. Nur ein Bild aus dem Leben haben wir heute betrachten wollen. Wir haben gesehen, wie das ist, wenn wir beschränkt sind. Und wie das ist, wenn wir gegen andre beschränkte Menschen Blitze schleudern wollen. Und wie das ist, wenn Jesus uns den Blitz wieder aus der Hand nimmt, hoffentlich noch bevor wir Unheil angerichtet. Das ist eine alte Geschichte. Aber sie kommt alle Tage vor.</p>
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                <salute>Amen.</salute>
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                    <head>Lieder:</head>
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                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-52">Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName>, Strophen 1–3 (RG 243; EG 338 [jeweils mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-250">Nr. 303: «Komm ins Reich der Liebe» von <persName ref="kbga-actors-9041">E. G. Woltersdorf</persName>, Strophen 1.4.5.</bibl>
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