Predigt: Matthäus 6,13c
(18. nach Trinitatis)
Das Unser Vater schließt mit einem Glaubensbekenntnis. Die Worte, in denen es ausgeschrieben ist: «Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit», stammen sehr wahrscheinlich nicht von Jesus selbst her. Denn in den ältesten Handschriften, in denen das Evangelium nach
Ich sage: sie sind ein Glaubensbekenntnis. Nachdem wir hilfe- und kraftsuchend zu Gott gegangen sind, nachdem wir unsre Seele erhoben haben zu ihm von der Anrede: Unser Vater! bis zu dem Seufzer: Erlöse uns von dem Bösen, nachdem wir betend wieder stark geworden sind für unser Leben, erheben wir nicht mehr bittend und verlangend, sondern anbetend, in stillem Sinnen und Schauen unsre Augen und Hände und bekennen: Ja, Herr, das Alles suche ich bei dir, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen! Man redet gerade in unsern Tagen wieder viel vom Glaubens|330bekenntnis, weniger bei uns als besonders in unserm Nachbarland
Aber wir wollen dem nicht weiter nachsinnen, sondern uns nun sofort zu diesem gewaltigen Bekenntnis selbst wenden. Es hat uns viel zu sagen.
Überlegen wir zuerst, was das bedeuten will, wenn wir da so am Schluss aller unsrer Bitten plötzlich die Art der Rede wechseln, statt weiter zu beten, wie wir angefangen: Gib uns unser täglich Brot [
Wir ehren und verherrlichen Gott mit unserm Gebet, so gut wir es eben können als Leute, die auf der Wanderschaft sind, die noch im Kampfe stehen. Wir beten wohl: Unser Vater im Himmel! Aber wir |332 sind noch nicht, was das Gebet ausspricht: Gottes Kinder, Brüder und Schwestern untereinander, Bürgen des Himmels. Wir beten schon: Dein Name werde geheiligt! Aber es fehlt diesem Gebet so empfindlich die Heiligkeit des Beters. Wir bitten: Dein Reich komme! Aber ist es uns bei diesem Beten nicht vielmehr um das zu tun, was uns als göttlich und recht vorkommt, als um das Reichsgesetz Gottes? Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Aber wie müssen wir uns immer wieder schämen, wenn wir sehen, wie wir auf Erden unsern eigenen Willen tun, obwohl wir wissen, dass im Himmel nur der Wille Gottes gilt. Gib uns heute unser tägliches Brot! Ja, aber wenn wir dann doch so tun, als ob er es uns nicht gäbe, als ob wir es uns auf eine Weise nehmen müssten, bei der andre Menschen und unsre eigene Seele zu kurz kommt? Vergib uns unsre Schulden! Das wäre wohl gut, wenn es uns ernst ist, wenn wir unsre Schulden erkennen und wenn wir Sehnsucht tragen, sie uns vergeben zu lassen. Wenn! Führe uns nicht in Versuchung! Das würde heißen, dass wir wachsam sind und auf unsre schwachen Seiten Acht geben. Aber wer ist wachsam genug? Erlöse uns von dem Bösen! Aber wenn wir nun in unserem Leben so viel und so viele Ecken und Strecken wahrnehmen, in denen wir vom Bösen gar nicht erlöst sein wollen, weil wir es lieb haben!? Ich meine, wenn wir unser Gebet aufrichtig ansehen, auch unser ernstes, eindringliches Gebet, dann müssen wir sagen: es ist noch lange nicht die Verherrlichung Gottes darin, die wir ihm schuldig sind. Es ist eine Verherrlichung, so gut es eben geht, und es geht sehr oft nicht gut, sondern schlecht. Wir beten recht krüppelhaft und machen Gott wenig Freude damit. Und nun wollen wir bloß bedenken, dass unser Gebet die Seele unsres Lebens ist. Wie unser Gebet, so unser Leben. Es ist auch im Leben der allermeisten Menschen viel Gutes und Edles, Vieles, was auf Gott hinweist und auf Gott hinstrebt, gerade wie all die Bitten des Unser Vater auf Gott hinweisen und hinstreben. Aber es ist kein vollkommenes Streben, es ist so viel Halbheit und Schläfrigkeit und Beschränktheit und Unwahrhaftigkeit darin. Wir laufen wohl, aber wir laufen nicht bis ans Ziel, wir kämpfen wohl, aber wir kämpfen nicht recht [vgl.
Was sollen wir machen, wenn wir merken, dass unser Leben, unser Streben nach der Wahrheit und nach dem Guten überhaupt, nicht genügt, nicht vollkommen ist? Ich glaube, im Licht dieser Frage müs|333sen wir das Glaubensbekenntnis am Ende des Unser Vater auffassen. Was sagen wir zu den Unvollkommenheiten unsres Betens und unsres Lebens? – |
Viele Menschen gibt’s, die sagen überhaupt nichts dazu. Aus dem einfachen Grund, weil sie gar nichts davon gemerkt haben. Diese glücklichen oder unglücklichen Leute sind sehr viel zahlreicher, als man so meint. Zu gewissen Zeiten unsres Lebens haben wir Alle zu ihnen gehört oder gehören noch zu ihnen. Gewiss, wir sind schnell bereit zuzugestehen: jeder Mensch hat seine Fehler, ich habe auch meine Fehler! Solches Zugeständnis beweist gar nichts. Denn wehe dem, der uns auf einen bestimmten Punkt hindeutend sagen würde: hier hast du diesen Fehler gemacht. Da wehren wir uns mit Händen und Füßen, und daran, an diesem Zappeln und Sträuben gegen jeden bestimmten Vorwurf, zeigt es sich, dass wir zu denen gehören, die nichts gemerkt von ihrer Unvollkommenheit, die ein schlechtes Gehör haben für die falschen Töne, die sie zur Ehre Gottes hervorzubringen meinen. O es gibt nichts Fataleres, als wenn man schlechte Musik macht und nicht merkt, dass sie schlecht ist (Βλικκ ναχ δερ Οργελ5). |
Und nun denken wir uns einmal, wie wir das Unser Vater beten, wenn wir zu diesen Nichts-Merkern gehören. Es kann übrigens auch ein anderes Gebet sein, auch eines, das uns aus freiem Herzen kommt. Nicht wahr, da zählen wir Gott auf, was wir von ihm haben möchten für unsre Seele und unsern Leib; da erheben wir uns zu tiefen Gedanken und großen Versuchen und nun soll unser Gebet zu Ende gehen. Was tun und was denken wir nun? Haben wir da nicht Alle schon gedacht: das Alles, Herr mein Gott, wollest du nun geben, denn ich habe nun gut gebetet. Mit der Kraft unsres frommen Gebetes glauben wir Gott gewonnen zu haben. Und wie unser Gebet, so unser Leben. Weil uns niemand etwas vorwerfen kann, denken wir, auch innerlich tadellos zu sein. Weil wir im Ganzen immer brav gewesen sind, vermuten wir, auch Gott werde uns als brav anerkennen. Weil wir vielleicht in irgend einer guten Sache Energie entfaltet haben, kommen |334 wir uns als starke Kämpfer Gottes vor. Ich bin ein rechter Mensch, Gott ist zufrieden mit mir, denn ich habe mich angestrengt und das Meinige getan. Dieses denn ist das Kennzeichen des Nichtmerkens. Des Nicht-Merkens gegenüber dem Mangel unsres Gebets und unsrer Anstrengung. – |
Es gibt nun Andre, die merken recht gut. Sie haben das dumpfe Gefühl oder die klare Einsicht, dass an ihrem Leben und auch an ihren Bemühungen, das Gute und Rechte zu tun, Vieles fehlt. Aber nun helfen sie sich auf eine geradezu wunderbare Art: Oh, sagen sie, «es isch öppene jede nid grad wiener sott, en Engel bin i au nid, aber ma ka nid me als mache und der Herrgott wird wohl es Isähe ha!»6 Mit solchen Versicherungen hilft man sich dann über die Beunruhigung hinweg, die einem das Merken eigentlich verschafft hat. Man sieht und erkennt seine Unvollkommenheit, aber man zuckt die Achseln dazu, es werde wohl nicht so bös sein. Man macht es etwa so wie jener Knecht im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, der so trostlich vor seinen Herrn tritt, um ihm das eine Pfund, das [er] erhalten, zurückzugeben, das er, statt es zu vermehren, im Schweißtuch vergraben hatte. Hier hast du dein Pfund wieder [vgl.
Da wollten nun offenbar die ältesten Christen weder das Eine noch das Andere, weder die Selbstzufriedenheit noch den Leichtsinn. Sie wussten, wie leicht auch unser eifrigstes Beten und Streben dazu ausartet. Und darum haben sie dem Gebet des Herrn einen Schluss beigegeben, bei dem unser Beten und Streben überhaupt aufhört, in dem |335 wir unsre Wanderschaft gleichsam unterbrechen, um in Gott auszuruhen. Noch ist unser Leib unterwegs im Suchen Gottes, im Ringen nach dem Guten, im Kampf gegen das Böse, aber unser Geist schwingt sich beflügelt voraus und wartet unser am Ziele, zeigt uns, dass das, was wir suchen, Wahrheit und dass es erreichbar ist. Wir haben gebetet und wir beten noch, denn – nun kommen wir auch mit einem kräftigen denn! – denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen! Da reibt man sich nicht die Hände über sein frommes Gebet, und da zuckt man nicht die Achseln über sein schlechtes Gebet. Da denkt man überhaupt nicht mehr an das, was man selber getan, sondern man blickt nach oben, man freut sich über sein Gebet, weil man sich über Gott freut! Diese Freude an Gott bricht hervor in dem Bekenntnis: «Dein ist Reich, Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit»!
Man könnte vielleicht dasselbe mit noch einfacheren Worten so ausdrücken: Denn du bist Gott! Der Nachdruck liegt auf dem Worte du. Das ist das gewaltigste Erlebnis auf dem Gebiet des innern Lebens, wenn uns dieses du aufgeht. Das Ich ist von Anfang an da, das braucht nicht erst aufzugehen. Das Ich ist auch dabei, wenn wir beten, auch wenn wir fromm beten, es ist dabei, auch wenn wir uns Mühe geben im Leben, auch wenn wir nach den höchsten Zielen streben. Es mischt auch in unsre klarsten Gedanken, unsre lobenswertesten Entschlüsse, unsre feinsten Gefühle einen Tropfen, den wir vielleicht gar nicht bemerken oder mit Bewusstsein übersehen. Andre bemerken ihn umso besser. Beim Einen ist’s ein Tropfen Eigensinn, beim zweiten ein Tropfen Eitelkeit, beim dritten ein Tropfen Beschränktheit. So lange unser inneres Leben beherrscht ist von dem Ton: ich denke, ich will, 7-ich fühle-7, ich empfinde, ich bin der Mittelpunkt von all den Anstrengungen und Erlebnissen, dann sind die beiden genannten Gefahren: die Selbstzufriedenheit und die leichtsinnige Gleichgiltigkeit fast unvermeidlich. Das erstere droht, wenn das Ich noch ein naives Kind ist, das zweite, wenn es seine Erfahrungen mit dem Leben gemacht hat. Da ist es nun die gewaltige befreiende Erfahrung, wenn uns aufgeht: nein, nicht ich, du! Was ich bin, denke, tue, fühle, empfinde, es ist nur etwas wert, weil du dabei bist. Aber weil du dabei bist, deshalb |336 ist es etwas wert: denn du bist Gott! Oder ich will dieselbe Erfahrung noch anders beschreiben: Göttliches und Menschliches wogen in unserm Innern ungeschieden durcheinander. Wir wissen selbst nicht, was davon halten. Das Göttliche in uns sucht nach Gott, seiner Heimat, aber das Menschliche hat auch seine Heimat und hält uns unten. Wir könnten nicht bestimmt sagen, wie es sein soll. Aber dann können wir es eines Tages sagen. Wir haben gelernt, Gott du zu nennen. Von allen Möglichkeiten haben wir die eine [zu] ergreifen, Gott Knechte zu werden. Wir lassen hinter uns, was nicht zu ihm passen würde und bekennen: denn du bist Gott! Nicht ich, du! Ich in Allem nur durch dich!
Das Evangelium sagt: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Mit diesen Worten wird Gott beschrieben, den wir auf der Höhe unsres Gebets still anschauen dürfen. – |
Dein ist das Reich. Da bekennen wir: alle Ordnung im Leben, die ist Gottes Ordnung, die ist sein Königsgesetz. Wenn wir beten und wenn wir arbeiten in der Welt, dann tun wir das doch bewusst oder unbewusst, um die großen Ordnungen des Lebens zu erfüllen: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen [
Und dein ist die Kraft! Was für ein wunderbares Wort, wenn man es so allein nimmt! Wieder stehen wir vor der Unvollkommenheit unsres Betens und Strebens. Leugnen wollen wir sie nicht, gleichgiltig sein dagegen auch nicht. Ja, was wollen wir denn, wenn unsre Energie auf allen Punkten nicht genügt, wenn wir einem Ballon gleichen, der zu wenig Steigtrieb hat? Dann wollen und sollen wir hinübersehen von uns zu Gott. Gewiss, bei uns fehlt es, aber bei ihm fehlt es nicht. Gott ist die ungeheuerste Energie, die wir uns denken können, und wenn wir jetzt zurückblicken auf uns selbst, auf unsre kleine Kraft und Energie, dann dürfen wir zu Gott sagen: sie ist dein! Es gibt keine größere innere Erholung, als wenn wir so das Unsrige zurücklegen in die Hände dessen, der es uns gegeben. Mit Zins und Zinseszins kommt es alsbald zu uns zurück. Unsre hilflose Kraft zum Guten verdoppelt und verdreifacht sich, wenn wir einmal erkannt: nicht mein, sondern dein ist diese Kraft. Wenn wir einfach aufschauen, was Gott tut und vollbringt.
Und dein ist die Herrlichkeit. Herrlichkeit ist etwas Schönes, Leuchtendes. So müsste unser Beten und Leben beschaffen sein. Aber daran fehlt’s vielleicht am Allermeisten, auch wenn wir Gottes Ordnungen und Gottes Kraft erkannt haben. Wir sind vielleicht brav und wohlgesinnt und tun unsre Sache, aber von der Herrlichkeit des Lebens verspüren wir wenig, und auch die andern Menschen sehen nicht so aus, als wären ihnen in uns Gottes Sonnenstrahlen begegnet. Und das plagt uns. Ich glaube, es leiden viel mehr Menschen als man denkt darunter, dass es in ihrem Leben so gar nichts Herrliches, Schönes, Leuchtendes gibt, trotz ihrem Beten und Anstrengen. Ihnen sagt der Schluss des Unser Vater: Denk jetzt einmal gar nicht an dein Beten und Anstrengen: sieh jetzt nur einmal hinüber zu Gott. Was siehst du? Ja, nicht wahr: da ist Herrlichkeit. Wenn es bei uns oft hässlich und klein zugeht, so ist in seinem Wollen und Wirken Schönheit und Größe. Und nun versuch es einmal, auszuruhen in dieser Schönheit und Größe, ohne gleich zu denken, ob dein Leben auch so sei, auch |338 solchen Eindruck mache. Lass Gottes Herrlichkeit still auf dich wirken, das ist das Allerbeste, was du tun kannst. Bekenne es mit aller Inbrunst: Dein ist die Herrlichkeit! so wirst du’s erleben, dass sie auch deinem Leben nicht auf die Länge fernbleibt.
Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit! Da gewinnt unser Gebet Schwung und Tiefe, wo es redet in der Gotteserkenntnis. Da wird unser Arbeiten und Kämpfen in der Welt erfolgreich trotz unsrer Schwachheit, wo wir hinsehen auf die Tatsachen der Gotteswelt, die da sind, lange bevor wir uns aufgemacht haben.
- Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von
J. D. Herrnschmidt , Strophen 1–3 (RG 99; EG 303). - Nr. 31: «Ach bleib mit deiner Gnade» von
J. Stegmann , Strophen 1.3.4.6 (RG 342; EG 347 [Textabweichungen]).