Das kann nicht gemeint sein mit der heutigen Bitte des Unser Vater, dass Gott uns die Bekanntschaft mit der Versuchung reinlich ersparen, dass er uns unversucht durchs Leben gehen lassen möchte. Das würde streiten mit einem andern Wort der Bibel, das lautet: Meine lieben Brüder, achtet es für eitel Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallet [Jak. 1,2]. Was ist denn das, eine Versuchung? Wir denken gewöhnlich nur das Eine: eine Gelegenheit, das Böse zu tun. Wäre das Alles, dann wär’s in der Tat natürlich, Gott zu bitten: lass uns von solchen Gelegenheiten möglichst verschont bleiben, lass uns nicht in die Lage kommen, das Böse zu tun. Nun ist aber eine Versuchung ebenso gut und noch viel mehr eine Gelegenheit, das Gute zu tun. Eine Versuchung ist eine Prüfung, ein Examen, wie die Examen in der Schule. Und nun ist ein Examen freilich eine Gelegenheit, bei der man nichts wissen und durchfallen kann, aber doch ebenso gut eine Gelegenheit, etwas zu wissen und mit Ehren zu bestehen. Ein Schüler, der sich wünschen wollte, übers Examen krank zu sein, damit er sich drücken könne und nicht Gefahr laufe, Schande zu erleben, das wäre erstens ein Feigling und zweitens sicher kein guter Schüler; denn wer etwas weiß, der muss Freude daran haben, sich auf die Probe stellen zu lassen. Ein solches Sichdrücken vor dem Examen wäre es, wenn wir Gott bitten wollten, uns keine Versuchung erleben zu lassen, keine Gelegenheit, wo wir zur Entscheidung aufgefordert würden zwischen Gut und Böse. Solcher Entscheidung aus dem Weg gehen, das könnte uns freilich passen, aber wir wären dann auch Feiglinge und Schüler, aus denen nichts wird. Der Herr des Lebens denkt gar nicht daran, uns die Versuchung zu ersparen. Im Gegenteil, es ist gerade eine Tat seiner Liebe gegen uns, dass er uns Versuchungen erleben lässt. Denn ohne Versuchung keine Bewährung und ohne Bewährung keine Vollendung. |309 Wir sehen das aus der Tatsache, dass Gott gerade seine Auserwählten und Helden den Weg der Versuchung geführt hat. «Gott versuchte Abraham» heißt es, als der Gehorsam des Erzvaters auf die Probe gestellt wurde wegen der Opferung des Isaak [Gen. 22,1; vgl. Hebr. 11,17]. Im 26. Psalm betet ein alttestamentlicher Gläubiger: «Prüfe mich, Herr, und versuche mich» [Ps. 26,2]. Im ersten Kapitel des Hiobbuches lesen wir die merkwürdige Geschichte, wie Gott dem Satan Vollmacht gegeben habe, einen reinen, hochstehenden Mann durch Leid und Unglück zu versuchen [Hiob 1,6–22]. Und wie könnten wir denken, dass es ohne Gottes Willen geschehen sei, was uns die Evangelien erzählen, dass der Versucher auch zu Jesus Christus getreten sei [vgl. Mt. 4,3; Mk. 1,13; Lk. 4,2]. |
In all diesen Fällen zeigt sich uns die Versuchung nicht als etwas an sich selbst Böses und Widriges, so dass wir beten müssten: Lass uns nur nicht versucht werden!, sondern im Gegenteil als eine Stufe zu etwas Höherem, Besserem. In der Versuchung bewährt sich Abraham als der Knecht Gottes und wird würdig, der Vater vieler Völker zu sein. Durch die Versuchung hindurch muss Hiob, um zu erkennen: «Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, nun aber hat mein Auge dich gesehen» [Hiob 42,5]. Und die Versuchung musste selbst über den Heiligsten und Reinsten kommen, damit er nach den Worten des Hebräerbriefs wurde «ein Hohepriester, der Mitleiden haben kann mit unsern Schwachheiten, weil er versucht ist allenthalben gleich wie wir» [vgl. Hebr. 4,15]. In der Versuchung ist Wille Gottes, guter Wille Gottes. Das gilt auch für uns. Wir dürfen die Versuchung, wenn sie an uns tritt, nicht als ein Unglück ansehen. Sie ist eine Frage, die Gott an uns richtet. Mit solchen Fragen erzieht er uns und führt uns weiter, von einer Einsicht und Erfahrung zur andern, gerade wie ein Lehrer die Kinder von einem zum andern leitet durch Fragen. An dieses Weiterführen hat Jakobus gedacht, als er so hochgemut die Anfechtung «eitel Freude» nannte, daran auch jener Beter, der Gott bittet: versuche mich!
Aber was heißt es dann, wenn Jesus uns anleitet zu beten: Führe uns nicht in Versuchung! Ich glaube, Martin Luther hat ihn wieder richtig verstanden, wenn er in seiner urchigen1 Weise auslegt: «Da bitten wir, |310 dass wir nicht hineinfallen und ersaufen.»2 Versuchung sollen und müssen wir erleiden. Es steckt ein Segen drin; aber wir sollen den Segen daraus nehmen und nicht zum Bösen Ja sagen. Wir sollen nicht hineinfallen. Gegen diese Gefahr wehren wir uns mit dem Gebet: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wollen damit sagen: Lass uns das Examen ehrenvoll bestehen! Lass uns die rechte
Entscheidung treffen: Lass uns die gute Antwort finden!
Wir müssen näher davon reden: von der Versuchung und vom Gebet, das die Versuchung überwindet.
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Die Versuchung ist eine Frage Gottes an uns, sagte ich. Die Frage lautet, ob wir seinen, den Namen Gottes heiligen wollen, ob wir arbeiten wollen am Kommen seines Reiches und uns ergeben darein, dass sein Wille geschieht [vgl. Mt. 6,9f.]. Und diese Frage stellt Gott nicht in Worten – wie er auch keine Antwort in Worten darauf erwartet –, sondern er stellt sie, indem er uns eine Gelegenheit gibt, wo wir das Gegenteil von alledem tun könnten. Diese Gelegenheit ist die Versuchung. Ich will einige Beispiele nennen:
Die Meisten von uns haben viel mit dem Geld zu tun. Ob sich’s nun um viel oder wenig Geld handelt, ist gleichgiltig. Tatsache ist, dass man am Tage arbeitet, um Geld zu verdienen, und des Nachts daran denkt und davon träumt. Die Ursache ist sehr einfach: ohne Geld könnte man nicht leben. Daran ist nicht zu rütteln. In dieser von Gott so gewollten Tatsache liegt eine Versuchung, eine Frage an uns. Denn weil das Geld da ist und weil es so wichtig ist für unser Leben, eröffnet sich die Möglichkeit zu sagen: also sei nur das Geldverdienen mein einziges und höchstes Ziel im Leben. Alles Übrige, Geist und Liebe und Recht, kommt in zweiter Linie. Ich will mich nicht aufhalten mit anderen Dingen und ich will auch nicht wählerisch sein in der Auslese der Mittel, die ich brauche. Der Zweck heiligt die Mittel.3 Ob ich dabei innerlich verrohe, ob ich den Sinn verliere für Gottes beste Ga|311ben, ob ich die Gesundheit und das innere Leben anderer Menschen gefährde, ob ich die heiligsten Pflichten verletze – das Alles ist gleichgiltig, wenn ich nur mit Hilfe meiner Ellenbogen zu meiner Sache komme. So denken und so handeln Unzählige. Das heißt in die Versuchung hineinfallen. Das heißt auf Gottes Frage die Antwort geben: Nein ich will nicht, was du willst! Die Versuchung war die Gelegenheit zu solcher Antwort.
Eine andre Versuchung: In jedem von uns leben die natürlichen Triebe unsres Leibes: der Trieb zum Essen und Trinken, der Trieb zum Schlafen und zur Bewegung und der mächtigste von allen, der Trieb, der Mann und Frau in der Liebe zusammenführt. Auch diese Triebe sind nun einmal einfach da. Man kann sie nicht wegleugnen, und wenn man’s doch tut, zieht man sich selber so oder so seine Strafe zu. Aber nun ist auch diese Tatsache des Trieblebens, des Fleisches, wie der Apostel sagt [vgl. Gal 5,16 u. ö.], eine Frage Gottes an uns, denn da ist ganz zweifellos eine Gelegenheit, das Gegenteil des Willens Gottes zu tun. Man kann zu den Trieben wie zum Geld sagen: ihr sollt herrschen in meinem innern Leben. Ich will euch nicht leiten, sondern mich von euch leiten lassen. Das gibt dann die faulen, sinnlichen, selbstsüchtigen Menschen. Sie fallen hinein in die Versuchung, sie empfangen nicht den Segen, der darin verborgen wäre, sondern den Fluch. Sie werden arme Sklaven ihrer Neigungen und Begierden.
Eine Versuchung besonderer Art ist das Unglück. Nicht umsonst redet man von «Anfechtungen», wenn einem etwas Schmerzliches widerfährt. Denn da wird unsre Ruhe, unsre Seelenruhe meine ich jetzt, angefochten. Da wird in Frage gestellt, wie weit es her sei mit unsrem Charakter, unserm Gottvertrauen und unsrer Menschenliebe. Das Examen in den wichtigsten Fächern des Lebens kommt nicht in den guten Tagen, sondern in den bösen. Auch da kann man so unendlich leicht hineinfallen. Kann mürrisch werden oder mutlos, menschenverdrossen oder leichtsinnig. Krankheit und Sorge und Leid, das Alles sind Erlebnisse, die uns fast unwiderstehlich in diese Fehler hineinzutreiben scheinen.
Und endlich kommt die große Verführung an uns ganz einfach durch die Menschen, mit denen wir zusammen leben. Ich denke jetzt gar nicht an besonders böse Menschen, die sich eine Freude daraus machen, Andre absichtlich auf schlechte Wege zu leiten. Jeder Mensch
|312 hat etwas Verführerisches in sich, etwas, was die Gottesfrage an uns stellt, weil es uns Gelegenheit gibt, «Nein» zu Gott zu sagen. Denn jeder Mensch hat gewisse schlechte Eigenschaften, die unsre eigenen schlechten Eigenschaften förmlich herausfordern, wie wenn sie einander nötig hätten. Das Böse in uns erwacht beim Anblick des Bösen im Andern. Wenn einer schwindeln will, dann hat er z. B. die Dummheit der Leute nötig. So z. B. die verschiedenen Engländer, die jetzt in unsern Zeitungen – ich meine das «Zofinger Tagblatt» und den Lokalanzeiger – versprechen, uns gratis unsre zukünftigen Lebensschicksale zu eröffnen.4 So können Menschen einander versuchen, indem sie auf die Torheit der Andern rechnen. Und so kann man hineinfallen, wenn man ein Tor ist. Hoffentlich ist das bei keinem Safenwiler der Fall! Es gibt nichts, durch das wir uns so beeinflussen ließen, im Guten und im Bösen, wie durch die andern Menschen. Sie brauchen dazu gar keine Inserate in Zeitungen zu machen, nicht einmal mit uns zu reden, sie brauchen nur zu leben um uns her, gleich wird ihre Art auch auf uns abfärben; wir lassen uns imponieren von ihnen, vielleicht in ganz falsche Bahnen lenken durch die Macht ihres Beispiels. Es hat schon Mancher sein Bestes preisgegeben: seine Pflicht und seine Überzeugung, nur weil er es nicht wagte, sie vor dem Nachbarn oder der Nachbarin zu behaupten, aus Furcht nicht vor ihren Gründen, aber vor ihrem Achselzucken und vor ihrem Lächeln. Dieser steckt uns an mit seiner Rücksichtslosigkeit und jener mit seiner Bedenklichkeit, dieser mit seiner Geschwätzigkeit und jener mit seiner Gleichgiltigkeit. Vielleicht sind es sonst Leute mit trefflichen Eigenschaften, aber gerade in den schlimmen liegt das Verführerische, das Auffällige, Ansteckende, das, worin die Frage Gottes liegt, die Examensfrage.
313* * *
Unser aller Leben ist voll von Versuchungen. Ist’s nicht diese, so ist’s jene. Anders sind die Versuchungen des Alten, anders die des Jungen, anders die des Reichen, anders die des Armen. Jeder Stand, jeder Bildungsgrad, jeder Charakter hat seine besondern Versuchungen. Es gehört auch zu dem unermesslichen Reichtum Gottes, dass die Aufgaben, die er seinen Kindern stellt, so unermesslich verschieden sind. Aber wer und was wir auch seien, wir sollen und dürfen es angesichts dieser Aufgabe Jesus nachbeten: Führe uns nicht in Versuchung!
Dieses Gebet bedeutet zunächst ganz einfach, dass wir wachsam sein wollen. Es ist mancher hineingefallen in böses, gottwidriges Denken und Handeln, weil er gar nicht wahrnahm, dass er’s mit einer Versuchung zu tun hatte. Wer im Examen die Frage nicht hört und deshalb nicht antwortet, bei dem ist’s soviel, als habe er sie nicht gewusst. Ich habe das Geld genannt als eine Versuchung. Ja, wie Mancher ist da, vielleicht auch unter uns, der gar nichts weiß von dieser Versuchung, bis er ihr eines Tages rücklings erlegen ist. Es gibt Menschen, die sich für sehr gute Menschen und Christen halten und es wohl auch in manchem Sinn sind, aber in Geldsachen sind sie ungemütlich, gierig, unbedenklich, zugreifig, und bei alledem merken sie gar nicht, auf welchem Weg sie sind. Sie haben die Frage Gottes überhört. Und wie ist’s mit den schlechten Gewohnheiten, dem Trinken z. B., da kommt man in der Regel auch nicht hinein, weil man mit klarer Einsicht sich fürs Schlechte entschieden hätte, im Gegenteil: vielleicht unter sehr nobeln Gefühlen und Gedanken, in der Freude der Freundschaft etwa oder in der Begeisterung des Politisierens. Die meisten Trinker halten sich für tadellose Ehrenmänner. Das Trinken ist auch rücklings über sie gekommen, weil sie die Versuchung gar nicht erkannt. Oder es hat irgend ein Andrer oder eine Andre übel an dir gehandelt, dir Schaden zugefügt, dir wehgetan. Das ist eine Versuchung, ihm auch wehzutun. Aber du merkst gar nicht, dass es eine Versuchung ist. Ja, wenn man dich am Rockknopf fassen würde mit der Frage: …wie auch wir vergeben unsern Schuldigern [Mt. 6,12], Ja oder Nein? dann würdest du antworten: Natürlich, ja! Aber die feine verborgene Frage Gottes, die in dem rohen Benehmen der Andern liegt, die überhörst du. Du fällst hinein und kommst ihm, wie er dir |314 kommt. Es geht eben leider mit den Versuchungen nicht so zu, wie man es auf alten Bildern dargestellt findet, wo man den Heiligen Antonius in der Wüste sieht, umgeben von einer ganzen Schar wüster Teufel und Tiere, die von allen Seiten mit ihren Zähnen und Klauen nach ihm schnappen und an ihm zerren.5 Das sollen die Versuchungen sein. Ja wenn’s so wäre, dann wäre das göttliche Leben eine einfache Sache. Mit den Versuchungen, wo man auf erstem Schritt das Teufelsgesicht erkennt, kann man fertig werden. Aber es ist eben nicht so. Unsre eigentlichen Versuchungen, die schwersten Fragen Gottes an uns, sind immer da, wo wir sie nicht suchen. Und wenn wir jetzt beten: Führe uns nicht in Versuchung!, so wollen wir dabei vor Allem wachsam sein, uns nicht von der Versuchung suchen lassen, sondern ihr entgegengehen. Die Regel dabei wird wohl die sein, dass wir gerade bei unsern sogenannten starken Seiten am Aufmerksamsten sein müssen. Wer sich für besonders gescheit hält, der mag sich fragen, ob da nicht das kalte, kahle Selbstbewusstsein nahe vor seiner Tür liegt. Wer seine Stärke hat im Reden, der soll darüber nachdenken, ob er nicht mit seinen Worten Rauch macht, weil kein Feuer da ist. Wer ein Gefühls- und Stimmungsmensch ist, der sehe zu, dass er nicht krank werde an der Unklarheit und Willkür seiner Neigungen, die mit den schönen Gefühlen
gar nichts zu tun haben. Und wer gar etwa denkt, seine Stärke sei die Frömmigkeit, der gebe Acht, ob er nicht in fataler Verwandtschaft sei mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, denn bei denen war’s gerade so [vgl. Mt. 23,18]. Führe uns nicht in Versuchung! Lass uns wachsam sein! Damit wir nicht hineinfallen! Denn
Unverhofft
Ist schon oft
Über viele Frommen
Dann ist’s aber auch sehr wichtig, dass wir mit diesem Gebet ein offenes Bekenntnis unsrer Schwachheit ablegen. Wenn wir die Versuchungen wirklich erkennen, jeder die Seinige, dann können wir |315 nicht selbstbewusst bleiben, können nicht stolz und froh sagen: damit will ich schon fertig werden. Sondern gerade weil wir es in den Versuchungen mit Gott selbst zu tun haben, gerade deshalb müssen wir uns in solchen Erfahrungen hüten vor seiner Majestät mit der Bitte: O Herr, lass uns nicht sterben! [vgl. Hab. 1,12] Denn das Selbstvertrauen hängt mit der Selbsttäuschung, von der wir vorhin sprachen, gar eng zusammen. Solange wir noch meinen, selbst fertig werden zu können, solange glauben wir noch an unsre «starken Seiten», solange sind wir gerade den größten und Hauptversuchungen unsres Lebens gegenüber nicht wachsam. Umgekehrt: wenn wir misstrauisch werden gegen uns selbst, dann gehen uns die Augen auf über die Größe der Aufgabe, dann nehmen wir unsre Lage ernst. Damit, dass wir so schwach und klein werden, werden wir fähig, uns nach Gott auszustrecken. Das Schwachwerden ist gerade das, was wir nötig haben; denn gerade darin und nur darin liegt die Kraft, die es zur Überwindung der Versuchung braucht. Wer sich schwach fühlt, der wird sich gerade darum zusammennehmen. Wir brauchen es förmlich, dass wir zur Erkenntnis unsrer Schwachheit geführt werden. Und das bekennen wir, indem wir Gott anrufen: Führe uns nicht in Versuchung!
Aber damit wird dann dies Gebet auch sofort zu einem unerschöpflichen Kraftgewinn. Wenn wir schwach sind, sind wir stark [vgl. 2.Kor. 12,10]. Was ist es denn Anderes, denn ein Anrufen der Treue
Gottes! Wir wissen von ihm Beides, dass er uns als seine gehorsamen Kinder zu sich ziehen will und dass er uns Versuchungen schickt, die uns von diesem Gehorsam abzulenken drohen. Wir wissen Beides. Und wir wissen Beides nicht recht zu vereinigen. Wir stehen hier vor dem großen Welträtsel, dass Gott uns mit der einen Hand zu nehmen scheint, was er uns mit der andern gibt, oder dass er mit der einen Hand Gesetze schreibt und mit der andern uns in Lagen führt, wo wir fast sicher uns nicht nur versuchen, sondern verführen lassen zur Übertretung dieser Gesetze. So musste es wenigstens den alttestamentlichen Frommen erscheinen, die das Antlitz Gottes nur verhüllt kannten, nicht so, wie es uns erschienen ist im Antlitz Jesu Christi [vgl. 2.Kor. 3,12–18]. So wird uns die Sache immer vorkommen, wenn wir sie überdenken rein nach den Angaben unsrer Vernunft, ohne an Jesus, sein Leben und Sterben zu denken. Gottes beide Hände scheinen dann hoffnungslos zu streiten. – |
316Aber nun haben wir eben das Bild Jesu vor Augen, der gelitten hat und versucht worden ist wie wir und eben darum denen helfen kann, die versucht werden. Es ist das Bild eines Siegers in der Versuchung von dem Erlebnis in der Wüste bis zu Gethsemane und Golgatha. Gerade wenn wir unsre eigene Schwachheit erkannt, leuchtet uns seine Größe ein. Und jetzt gewinnen wir Kraft in dem Gebet: Führe uns nicht in Versuchung! Denn das Bild Jesu verändert uns jenes zwiespältige Bild Gottes. Nein, das ist unmöglich, dass Gott uns so mit der einen Hand zu sich zöge und mit der andern von sich stieße. Er will uns zu sich ziehen und er will nur das! Das sagt uns Jesu Freundlichkeit zu den Menschen und Jesu Vertrauen zu seinem himmlischen Vater aufs Allerbestimmteste. Gott ist getreu!7 Aber das andre, was das Bild Jesu uns sagt, ist, dass Gottes Treue uns den Weg der Versuchung und des Kreuzes führt und dass wir diesen Weg gehen müssen und dürfen, weil es der Gottesweg ist. Führe uns nicht in Versuchung! beten wir auf diesem Weg. Lass deine Treue hervorleuchten aus den dunkeln Wolken! Stelle uns Fragen, die wir beantworten können! Lass uns nicht in die Irre gehen. Paulus hat diese Treue Gottes, an die wir uns wenden, gut erläutert, als er geschrieben hat: «Gott ist getreu, der Euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern machet, dass die Versuchung so ein Ende gewinne, dass ihrs könnt ertragen» [1.Kor. 10,138]. Gott hat uns in Jesus dieses Ende der Versuchung geschenkt. Wo sein Geist ist, da steht man nicht mehr schläfrig und hilflos vor den Gottesfragen der Versuchung, sondern man hat helle und klare Antworten zur Hand, die einem in Fleisch und Blut übergehen, je besser man sie verstehen lernt. Auf die Versuchungen des Geldes antwortet man dann: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein [Mt. 4,4; Lk. 4,4]! Auf die Versuchungen der Sinnlichkeit: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen [Mt. 4,10; Lk. 4,8]! Auf die Versuchungen durch andre Menschen: Hebe dich weg, du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist [vgl. Mt. 16,23]! Und wenn die Versuchung uns bis ans Herz greift, halten wir uns |317 daran, dass nicht unser, sondern Gottes Wille geschehen muss [vgl. Lk. 22,42]. Das ist der Geist Jesu im Kampf der Versuchung. Wo er ist, da kann man die Versuchung ertragen. Da gewinnt sie ein Ende. Und wenn das Ende da ist, sehen wir, dass Gott uns damit nicht hat plagen, sondern uns hat weiterhelfen wollen. Er legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch [Ps. 68,20]. Er führt uns nicht in Versuchung, sondern er lässt uns die Versuchung überwinden.