24. September 1911

Predigt: Matthäus 6,12

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Matthäus 6,12
Vergib uns unsre Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Liebe Freunde!

An der Bitte des Unser Vaters, die uns heute vorliegt, können wir besonders deutlich wahrnehmen, was beten heißt. Wir haben es schon bei unsern bisherigen Auslegungen gesehen: Beten ist niemals bloß ein Reden mit Gott. Das wäre ein ganz überflüssiges und schädliches Tun. Überflüssig, weil Gott unser Reden nicht braucht, schädlich, weil wir dann meinen könnten, das sei’s, was wir brauchten, dass wir mit Gott reden. Beten ist ein Reden mit Gott und ein Reden mit sich selber. Bei Gott suchen wir Kraft und Trost und Ernst fürs Leben, und bei uns selber machen wir Ordnung, damit unser Leben so aussehe, wie es einem Menschen zukommt, der jene Dinge bei Gott gesucht und gefunden hat. Wir können nicht zu Gott beten und uns selber stehen lassen, wie wir sind. Sondern das rechte Beten hat immer eine Seite gegen uns zu, und da geschieht auch etwas nicht nur auf der Seite gegen Gott zu, und nur wo das Beten in solcher Weise doppelseitig ist, ist es rechtes Beten, das zur Ehre Gottes dient und zu unsrer Erbauung. Wir können nicht beten: Dein Reich komme! [Mt. 6,10a], ohne zugleich mit allen Kräften am Kommen dieses Reichs mitzuarbeiten. Wir können nicht beten: Dein Wille geschehe! [Mt. 6,10b], ohne von ganzem freudigem Herzen Gottes Willen bei uns und durch uns geschehen zu lassen. Wir können nicht beten: Gib uns unser täglich Brot! [Mt. 6,11], ohne dass wir durch ruhige, treue, selbstlose Arbeit zeigen, dass wir unser täglich Brot wirklich aus der Hand Gottes empfangen.

Diese Art des rechten Betens kann uns an der heutigen Bitte besonders anschaulich werden. Vergib uns unsre Schulden! reden wir Gott an. Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! das sagen wir ja nicht zu Gott, als wollten wir ihm den Grund vorhalten, weshalb er uns vergeben müsse, sondern das sagen wir zu uns selbst. Es ist, als ob |299 wir uns damit erinnern würden: Merk wohl auf, was du eben gebetet hast: vergib uns unsre Schulden! Wenn es dir ernst ist mit diesem Gebet, dann muss man das jetzt daran erkennen, dass du deinen Schuldigern auch vergibst. Nimmt man davon nichts wahr, so ist es das Zeichen, dass dein Gebet zu Gott kein Gebet war, sondern ein törichtes Geplapper in die Luft hinaus. Was du bei Gott suchst, das musst du selbst suchen. Die Vergebung, die du von ihm verlangst, muss für deine Seele nicht ein bloßes Wort sein, sondern eine Tatsache. Du musst von Herzen beten, und dies von Herzen bedeutet, dass das, was du von Gott erbittest, in deinem Herzen geschieht: die Vergebung der Schulden.

Aber das sind nun Alles schwere und große Worte, die wir in dieser Bitte aussprechen. Von Gottes Vergebung ist da die Rede, von unsern Schulden vor Gott, von unsern Schuldigern und von unserm Vergeben. Das sind Alles Dinge, die nichts weniger als selbstverständlich sind, und wir müssen wohl heute besonders gut nachdenken, wenn wir ein wenig in die Tiefe des Wortes eindringen wollen.

*   *   *

Wir wollen den Anfang machen mit dem Wörtlein in der Bitte, das uns allen am Nächsten liegt und das wir deshalb am Ehesten verstehen werden, das Wörtlein: unsere Schuldiger. Leute, denen wir etwas vorzuhalten haben, mit denen wir nicht zufrieden sind, gegen die wir vielleicht sogar schwere Klage im Herzen oder auf den Lippen haben, das sind «unsre Schuldiger». Jedermann hat solche Schuldiger. Und ihr wisst, wie gern wir uns innerlich mit diesen Leuten beschäftigen, wie gern wir von ihnen, über sie reden, obwohl sie uns so unangenehm sind, dass es eigentlich viel das Natürlichere wäre, uns nicht weiter mit ihnen zu beschäftigen. Aber nein, es ist, wie wenn ein geheimes Band uns mit ihnen verbände, dass wir nicht von ihnen loskommen, dass wir immer wieder daran denken, jedem neuen Bekannten davon erzählen müssen, wie es damals war vor so und so viel Jahren, als dieser oder jener uns dies und das gesagt oder angetan hat. Zwischen einem, der Geld schuldig ist, und seinem Gläubiger besteht auch ein solches geheimes Band. Der Gläubiger wird sich immer für den Andern interessieren. Warum? etwas vom Seinigen ist in den Händen des An|300dern, und selbst wenn die Rückzahlung aussichtslos geworden ist, wird der Gedanke an den Schuldner nicht aus seinem Herzen verschwinden. Wenn er seinen Namen nennen hört, wird es ihn aufregen, wenn er ihm auf der Straße begegnet, wird ein Schatten über sein Gesicht gehen, und wenn der Andre vielleicht längst tot ist, brummt und klagt es noch in seinem Herzen: der war mir schuldig und hat seine Schuld nie bezahlt. Es ist ein feiner Zug, dass Jesus solche Menschen, mit denen wir nicht zufrieden sind, gerade «Schuldiger» nennt, wie wir es in Geldsachen tun. Schuldiger will auch sagen, dass diese Leute uns etwas schuldig gewesen waren, dass sie aber ihre Schuldigkeit an uns nicht erfüllt haben. Da sind solche, die waren uns als unsre Mitmenschen mindestens schuldig gewesen, uns ruhig und sicher leben zu lassen, aber sie haben nicht einmal das getan; sie haben uns durch kurz und lang das Wasser abgegraben, das wir nötig hatten; sie haben den Gang unsres Lebens roh gestört durch ihre Ungeschicklichkeit oder ihre Bosheit, sie haben uns geschädigt an unserm Vermögen oder an unserm guten Ruf. Wir denken [bei] ihnen daran. Sie haben uns ihre doch wahrhaftig kleine Schuld nicht bezahlt. – |

Da sind Andre, von denen hätten wir mehr erwarten dürfen, sie wären uns schuldig gewesen beizutragen zum Glück unsres Lebens. Wer uns nahe steht oder nahe tritt, von dem dürfen wir mit Recht erwarten, dass er uns Freude und Sonnenschein ins Leben bringt. Das kleine Kind, das noch keine Enttäuschungen erlebt hat, hat eigentlich vollständig Recht, wenn es alle Leute so ansieht, als könnten sie gar keine andern Absichten haben als die, ihm Liebes und Gutes zu erweisen. Aber wie bleiben da die meisten Menschen zurück hinter dem, was wir von ihnen erwarten! Wir müssen merken, dass sie kalt ihren eigenen Weg gehen, ohne sich um das, was uns freuen würde, Gedanken zu machen, ja dass sie, wenn es darauf ankommt, unbedenklich uns die Freude verderben und unser Glück zertreten. Sie haben ihre Schuld nicht bezahlt. – |

Aber das Lebensglück und die Freude ist nicht das Höchste, und es gibt eine noch größere Schuld als diese. Es gibt Menschen, die wären uns schuldig, für unser inneres, geistiges Dasein zu sorgen; wir erwarten von ihnen nicht nur Freude, sondern ein großes Gut von geistigen Kräften. Sie sollen uns von einer niedern Stufe unsrer Erkenntnis, unsrer Bildung, unsres Glaubens auf eine höhere führen. Sie |301 sollten uns verschlossene Türen auftun, sie sollen uns Führer sein auf die Berge des Lebens und Pfadfinder im Lande Gottes. Und nun erfüllen sie von alledem wenig oder nichts. Wir müssen entdecken, dass sie noch nicht weiter sind als wir selbst, vielleicht weniger weit, dass sie das Gut nicht besitzen, nach dem wir uns sehnen, oder dass sie nicht vermögen, es uns mitzuteilen. Wie manches Kind hat da zu Eltern und Lehrern aufgesehen als zu den Leuten, von denen es Alles erwartete an Liebe und Wahrheit und Recht, um seinen Geist und sein Herz zu nähren, aber die Nahrung ist ausgeblieben. Wie manche Frau hat ihren Mann verehrt (oder umgekehrt)1 als ein Ideal von menschlicher Trefflichkeit, und das Ideal hat sich als eine Durchschnittsgestalt entpuppt, die Ehe wurde nicht der Himmel, von dem das Eine oder das Andre geträumt hatte. Und wie manche Gemeinde hat in ihrem Pfarrer einen Boten Gottes gesucht, einen Hirten und Seelsorger und Helfer, und als sie ihn näher kennenlernte, fehlte es hier und fehlte es da, am Glauben oder an der Liebe oder an der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13], er kann ihr nicht sein, was er sein sollte; er bleibt ihr schuldig, was er für sie tun sollte. Ich bekam dieser Tage einen Brief, in dem die Worte vorkommen: «wir müssen an unsre Pfarrer glauben können.»2 Heißt das nicht, dass wir Pfarrer immer und ewig die Schuldiger der Andern bleiben werden, denn wo ist der, an den die Andern ohne Enttäuschung «glauben» könnten? Ja, es ist so in allen Beziehungen: jeder Mensch hat unendlich viele «Schuldiger», Leute, durch die er in diesem oder jenem Sinn enttäuscht und verkürzt worden ist. Und es bringt mancher sein Leben damit zu, sich über diese seine Schuldner zu beschweren.

Das Gebet Jesu zeigt uns nun gerade aus dieser Lage, in der wir Alle uns befinden, einen andern Weg. Die Bitte: Vergib uns unsre Schulden, die wir an Gott richten, hat eine Seite gegen uns zu, und die lautet: wie wir vergeben unsern Schuldigern. Wir wollen zuerst auf diese Seite gegen uns zu achtgeben. Wir sollen denen, die uns Ruhe, Freude und Förderung in unserm Leben schuldig geblieben sind, vergeben, diese Aufforderung an uns selbst sprechen wir im Gebet des Herrn aus. Was heißt nun dieses Wort, das in der Sprache des religiösen Lebens so |302 wichtig ist, dieses vergeben? Man hat es oft mit dem andern Wort «vergessen» zusammengestellt, redet von «vergeben und vergessen» und denkt sich wohl, Beides sei eins und dasselbe. Das mag nun wohl sein, dass unser Vergeben oft einfach im Vergessen besteht, aber dann kommt das eben daher, dass wir oft sehr oberflächlich sind, denn das Vergessen ist etwas Oberflächliches, fast könnte man sagen: etwas Gemeines. Es ist fatal genug, dass wir durch Trägheit und Gleichgiltigkeit unsres Geistes so viel vergessen im Leben; wir würden uns nicht so innerlich arm fühlen, wie es oft der Fall ist, wenn wir nicht fünf Sechstel von Allem, was wir hören, sehen, empfinden und erleben, wieder vergessen würden. Jesus hat dem jedenfalls nicht das Wort reden wollen. Vollends könnte er nicht der Meinung gewesen sein, wir sollten unsre Schuldiger, die doch auch unsre Mitmenschen sind, vergessen. Das könnte uns am Ende noch passen. Es ist schon Mancher, wenn ihn die Menschen so oder so enttäuscht haben, vergrämt abseits gegangen, indem er etwa vor sich hin brummelte: Man het mirs au wüest gmacht, jetz frog ich Niemeren me nüt no!3 Das wäre denn nur so «Vergessen», wenn man die böse Welt damit bestraft, dass man ihr nichts mehr nachfragt. So ziehen sich etwa enttäuschte Eheleute voreinander ins Schneckenhaus zurück, so straft man einen Pfarrer, der einen enttäuscht hat, damit, dass man ihm aus dem Wege geht. So lassen Kinder, die eine freudlose Jugend erlebt, ihre Eltern später oft jahrelang ohne Nachricht. Man hilft sich gegen seine Schuldiger durch Vergessen. Ich sage: das könnte uns passen. Aber Vergeben ist das nicht. |

Im Gegenteil: wir müssen uns klar sein, dass wir schon mit der Gleichgiltigkeit gegen unsre Schuldiger, geschweige denn mit jeder Art handfesterer Rache an ihnen, selbst ihr Schuldiger werden. Damit, dass sie uns Liebe, Freude, Förderung schuldig geblieben sind, wird nicht aufgehoben, dass wir ihnen dieselben Dinge schuldig sind. Sie sind unsre Mitmenschen so gut wie wir die ihren. Sie mögen an uns verfehlt haben, was sie wollen, es hebt nicht auf, dass wir ihnen verpflichtet sind. Sind wir gleichgiltig gegen sie, so heißt das doch, dass wir ihnen das Gute nicht zuteilwerden lassen wollen, das wir ihnen als |303 unsern Mitmenschen schuldig sind. Vergessen hieße direkt selbst schuldig werden. Vergeben ist nicht Vergessen. Vergessen ist immer eine Leichtfertigkeit. Das Vergeben dagegen ist etwas tief Ernsthaftes. Es fängt an mit der Wahrhaftigkeit, mit der ruhigen, bestimmten Einsicht, dass der Andre wirklich gefehlt hat, dass die Schuld tatsächlich da ist. Wer einem Andern eine Geldschuld erlässt, der anerkennt damit auch vor Allem, dass die Schuld wirklich besteht, sonst könnte man sie nicht erlassen. Es wäre ein Leichtsinn gegen uns selbst, würden wir es anders machen. Denn die Schuld des Andern ist ein Verlust, den er mir zugefügt hat, und diesen Verlust würde nur ein Unweiser vergessen. Und es wäre auch eine Lieblosigkeit gegen den Andern. Denn wenn er in Schuld und Fehler ist mir gegenüber, dann ist das das Zeichen, dass ihm selbst etwas fehlt, dass es bei ihm nicht steht, wie es sollte; darüber darf ich nicht hinwegsehen, ich muss vielmehr festhalten, dass es bei ihm fehlt. |

Und nun besteht das große Vergeben, von dem Jesus geredet und das er während seines ganzen Lebens geübt hat, gerade darin, dass wir in Gedanken zu unsern Schuldigern sagen: Du armer Mensch, du hast mir deine Schuld nicht bezahlt. Du hast mich gestört in meinem Leben. Du hast nicht daran gedacht, mich glücklich zu machen. Ich bin durch dich nicht besser und reiner geworden. Du armer Mensch, es muss schlimm mit dir stehen. Der Schaden auf deiner Seite muss viel größer sein, als den du mir angerichtet hast; denn Unrechttun ist der größere Schaden als Unrecht leiden. Du armer Mensch, ich will jetzt gar nicht mehr an deine Schuld denken, ich sehe nur, dass du in großem Schaden bist und dass es jetzt sofort meine Schuldigkeit ist, dir aus diesem Schaden herauszuhelfen. Die Vergebung ist die Umkehrung von allen unsern Begriffen. Bevor wir vergeben, betrachten wir immer nur den Verdruss und die Not, in die uns unser Schuldiger versetzt hat. Unsre Gedanken bleiben bei unsrer eigenen Person. Es können das Gedanken der gerechtesten Entrüstung sein über den Andern. Und doch sind es noch keine göttlichen Gedanken. Göttlich werden unsre Gedanken erst, wenn sie die Not bei dem finden, der uns in Not gebracht, den Schmerz bei dem, der uns quälte, die Schmach bei dem, der uns verhöhnte, wenn wir den Jammer entdecken, in dem nicht wir selbst, sondern unser Schuldiger drin steckt, und wenn wir nun sofort das Bedürfnis verspüren: der muss aus sei|304nem Elend heraus. Das heißt Vergeben: Wenn Einer an mir gefehlt hat, dann muss ich erst recht meine Schuldigkeit an ihm tun, eben weil er gefehlt hat, hat er’s bitter nötig. Ich wiederhole: Das ist eine Umkehrung von allen unsern Begriffen. In 99 von 100 Fällen handeln und denken wir nicht so. Ums Vergessen wär es uns zu Mut, vielleicht, aber nicht ums Vergeben. Es ist etwas Ungeheuerliches, was uns damit zugemutet wird. Wir sollen Feindseligkeit beantworten mit Freundlichkeit, Kälte mit Wärme, Lieblosigkeit mit Liebe, ungenügende innere Kraft mit umso größerer Anstrengung unsres Geistes. Jedes Mal gerade das Gegenteil von dem, wozu uns das natürliche Empfinden hinreißen möchte. Ungeheuerlich. |

Jawohl! Und doch ist’s gerade das, was wir zum Leben unumgänglich nötig haben. Wir können nicht leben ohne zu vergeben. Wir sind umgeben von Schuldigern, von Menschen, die uns unendlich viel mehr sein sollten, als sie es tun. Sie sind es nicht, aus Schwäche, aus Unverstand, aus falscher Erziehung, aus Bosheit – das Alles sind Fehler auf ihrer Seite, das Leben vor uns her wimmelt von solchen Nöten und Fehlern. Ja, wozu sind wir denn da, wenn nicht dazu, solchen Nöten und Fehlern im Leben an unserm kleinen Teil abzuhelfen? Wozu sind wir nötig, wenn nicht die Not der Andern, unter der wir zu leiden haben, bei uns eine Kraft zum Bessermachen wird? Wir erfüllen unsre Bestimmung im Leben, indem wir unsern Schuldigern vergeben, d. h. indem wir ihnen entgegentreten mit dem festen Willen, nicht an uns zu denken, sondern an sie, an die tiefe Not, in der sie sich befinden, und mit dem festen Willen, dieser Not zu begegnen. So müssen Eltern die Not auf sich nehmen, die ihnen die Fehler der Kinder verursachen, ohne ihnen gram zu sein. So vergibt ein Freund dem Andern seine Schulden, so geht es zu zwischen den Gatten in einer rechten Ehe, eines trägt des Andern Schuld, um ihm zu helfen. Was für eine Macht könnte sie sein, unsre Vergebung, wenn wir sie frei walten ließen, statt sie zu unterdrücken in den meisten Fällen. Ein Lebensprogramm liegt in diesem Wort: wie wir vergeben unsern Schuldigern! Jeden Tag könnten wir nur anfangen mit seiner Ausführung und doch nie damit fertig werden. Immer neue Schuldiger könnten wir entdecken, denen wir etwas zu vergeben, etwas zu geben haben.

305Aber nun brauchen wir das bloß so zu sagen und uns zu fragen, wie wir’s bis jetzt mit der Ausführung dieses Programms gehalten haben, dann verstehen wir das Andre, das vorausgeht, die Bitte: Vergib uns unsre Schulden! Wir haben nicht bloß Schuldiger, sondern wir sind es selbst. Um uns davon zu überzeugen, müssen wir vielleicht nur einmal das Erste mit Überlegung aussprechen: wie wir vergeben unsern Schuldigern. Das wäre unser Lebensprogramm: an den Andern denken, seine Not verstehen, ihm helfen. Und da bleiben wir so erbärmlich dahinter zurück. Wie unendlich ungern raffen wir uns dazu auf, an den Andern zu denken, an den, der uns gegenüber gefehlt hat. Ja, an ihn denken wir, wie wir am Anfang gesagt, aber wir denken nicht für ihn, wir betrachten ihn von vornherein unter dem Gesichtspunkt unsres Interesses, statt uns zu fragen: wie geht es im Grunde diesem Mann oder dieser Frau? Sind sie auf gutem Weg oder in der tiefen Not? Wie mancher langjährige Streit wäre im Keime erstickt, wenn nur eine der Parteien sich zur Pflicht gemacht hätte, für die Andern zu denken. Aber wir haben es unterlassen und sind selbst schuldig geworden, schuldig vor Gott, der uns das Vergeben zur Pflicht gemacht. Die Not des Andern verstehen, darauf käme es weiter an, begreifen, dass der, der uns schädigt, selbst ein armer geschädigter Mann ist. Aber wo bleiben wir damit? |

Ich habe letzthin die Aufsätze gelesen, die eine hiesige Schulklasse angefertigt hat über das Thema: «Die Zigeuner». Ich muss sagen, dass ich geradezu erschrocken bin über den harten, selbstgerechten Geist, der mich aus den meisten dieser Kinderaufsätze angeweht hat. Da waren unzählige Worte der Entrüstung über das Vagabundieren und Stehlen der Zigeuner, aber auch kaum ein Tönlein Verständnis dafür, dass diese Leute mit ihrem unerfreulichen Leben tief zu bedauern sind. Nur von der Not, die die Zigeuner den Safenwilern machen, war die Rede, sonst von nichts. Was die Kinder geschrieben, das wird wohl auch den Erwachsenen nicht fremd sein. Was sollen wir dazu sagen? Herr, vergib uns unsre Schulden, denn wir haben unsern Schuldigern nicht vergeben! Und wie steht’s mit dem Helfen? Ist die Hilfe unsre Antwort auf die Not, die man uns verursacht, oder ist’s nicht in den meisten Fällen die feinere oder grobere Rache? Wir sind so gerecht in dem stolzen Bewusstsein, verletzt zu sein von den Andern, dass wir vor lauter Gerechtigkeit die größte Ungerechtigkeit begehen. Wir |306 vergessen die einzigartige Gelegenheit, die Bestimmung unsres Lebens zu erfüllen. Statt den Menschen, die sich wider uns stellen, zu Hilfe zu kommen, stellen wir uns auch wider sie. Wenn sie uns schmähen, kanzeln wir sie ab, wenn sie uns verachten, verachten wir sie auch, wenn sie uns schlagen, schlagen wir sie wieder. Schuld erwidern wir durch Schuld. Wir tun nicht, wozu wir da sind. Herr, vergib uns unsre Schulden!

Und nun vergibt uns Gott unsre Schulden. Das ist das Größte, Alles Umfassende, was wir uns heute sagen dürfen. Auch Gottes Vergebung ist nicht Vergessen. Unser Versäumnis, unsre Härte, unsre hölzerne Gerechtigkeit, unser Nicht-Vergeben, das sind Tatsachen, über die Gott nicht mit einem milden Lächeln hinweggeht, als wären sie nicht. Sie sind, diese Sünden. Aber gerade weil sie sind, vergibt sie Gott. Gottes Vergebung besteht auch nicht darin, dass er uns die Strafe erlässt. Die innere Not, in die wir durch unsre Schuld kommen, kann nur verschwinden, wenn die Schuld selbst verschwindet. Aber gerade die Schuld selbst nimmt Gottes Vergebung von uns weg.

Wir dürfen die Erfahrung machen, dass wir nicht nur selbst Schuldiger sind, sondern Schuldiger, denen vergeben wird. Unter dem Kreuze Jesu Christi stehen die Kriegsknechte, die Schriftgelehrten und das Volk. Sie haben den Mann ans Kreuz gebracht, weil sie Angst vor ihm hatten. Wir wären wahrscheinlich auch auf ihrer Seite gewesen, wenn wir damals gelebt hätten. Und nun betet dieser Mann, und sein Gebet lautet: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! [Lk. 23,34] Von dieser Stunde an haben eine Anzahl von denen, die dabei waren, verstanden, was das sei: für Andere denken, für die denken, die unsre Schuldiger sind, sich um die Not derer sorgen, die uns Not machen, denen helfen, die uns hassen. Sie hatten in dieser Stunde Gottes Liebe kennengelernt, die Gottesliebe, die in Christus war. Sie sind als andre Menschen von dort weggegangen. Gott ist ganz Liebe, Gott ist ganz Vergebung. Die ihn kennen, wie ihn jene unter dem Kreuze Christi kennenlernten, die können nicht mehr los von ihm. Ein neues Wesen, ein neuer Trieb erfasst sie, ähnlich zu werden seinem Bilde. Gott vergibt ihnen ihre Schuld. Er nimmt sie weg von ihnen, er versetzt sie in einen neuen Lebensstand, in dem die Schulden vergeben sind und in dem man Schulden vergibt. Dazu kommen wir, wenn wir etwas von der Art erleben wie jene unter dem Kreuze |307 Christi, eine Offenbarung der Vergebung. Wir gehen oft jahrelang durchs Leben, ohne etwas so zu erfahren. Darum bitten wir: Vergib uns unsre Schulden! Dann lässt Gott auch uns etwas sehen und begreifen von der Größe und Schönheit des Herrn Jesus, der die Sünden vergibt, vielleicht an den biblischen Geschichten von ihm, vielleicht aber noch wirksamer durch Menschen, die von Jesu Sinnesart sind. Und dann geht etwas von seiner Sinnesart auch auf uns über. Wir spüren, wie unsre Schuld, unsre selbstsüchtige Hülle abnimmt, wie wir Freude bekommen daran, Andren zu vergeben, an andre zu denken, andre zu verstehen, andern zu helfen. Haben wir etwas von diesem innern Vorgang schon erlebt? Ist die Seite gegen uns zu unsres Gebetes in Ordnung gekommen? Heißt’s bei uns wirklich:… wie wir vergeben unsern Schuldigern? Dann wird auch die Seite gegen Gott zu in Ordnung sein. Uns sind unsre Schulden vergeben. Denn das ist Gottes Vergebung, dass wir vergeben dürfen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 176: «Gottesruhe, Sabbatstille» von Chr. Fr. D. Schubart, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 214: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther, Strophen 2 u. 5 (RG 83; EG 299). 🎵

Sachfußnoten

1
Im Mskr. nicht eingeklammert.↩
2
Liegt im KBA nicht vor.↩
3
Schweizerdeutsch für: «Man hat mir auch Böses getan, jetzt geht mich niemand mehr etwas an!»↩