10. September 1911

Predigt: Mt. 6,11

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Mt. 6,11
Gib uns heute unser tägliches Brot!
Liebe Gemeinde!

Mit dieser Bitte kommen wir nun so recht ins äußere, sichtbare Leben hinein. Das Wort «Brot» erinnert uns sofort an das, was die meisten Menschen aus guten Gründen Tag und Nacht beschäftigt, an die Sorge um ihren eigenen und ihrer Kinder leiblichen Unterhalt. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, dass Jesus damit nicht das Brot allein gemeint hat, sondern ebenso gut das, was aufs Brot und zum Brot gehört, ja noch weiter: das, was wir zum äußern Leben nötig haben überhaupt. Luther hat in seinem Großen Katechismus 📖 eine schöne Aufzählung gemacht von dem, was «tägliches Brot» sei. Er sagt dort, dazu gehöre,

«dass uns Gott gebe Essen und Trinken, Kleider, Haus und Hof und gesunden Leib, dazu das Getreide und Früchte auf dem Felde wachsen und wohl geraten lasse. Danach auch daheim wohl haushalten helfe, frommes Weib, Kinder und Gesinde gebe und bewahre, unsre Arbeit, Handwerk oder was wir zu tun haben, gedeihen und gelingen lasse, treue Nachbarn und gute Freunde beschere etc. Item: Kaisern, Königen und allen Ständen und sonderlich unserm Landesfürsten, allen Räten, Oberherrn und Amtleuten Weisheit, Stärke und Glück gebe, wohl zu regieren und wider Türken und alle Feinde zu siegen; den Untertanen und gemeinen Haufen Gehorsam, Friede und Eintracht untereinander zu leben; und wiederum, dass er uns behüte vor allerlei Schaden des Leibes und der Nahrung, Ungewitter, Hagel, Feuer, Wasser, Gift, Pestilenz, Viehsterben, Krieg und Blutvergießen, teurer Zeit, schädlichen Tieren, bösen Leuten etc.»1

275Wir können uns in diesem Sinn jeder nach seiner Lebenslage selbst ausmalen, was für ihn gerade das «Brot» bedeutet. Gemeint sind damit die äußern Dinge, die wir zum Leben nötig haben. Und nun sagt uns Jesus, dass wir uns an Gott wenden dürfen und sollen mit der Bitte: gib uns diese Dinge, die wir nötig haben!

Da stoßen wir nun gleich am Anfang auf eine merkwürdige Tatsache. Es gibt Christen, die beten zu Gott und die halten sich inwendig zu Gott so, als ob nur diese Bitte im Unser Vater stünde. Und es gibt andre Christen, die tun umgekehrt gerade so, als ob sie von dieser Bitte nichts wüssten. Beides führt auf Abwege, die wir vermeiden müssten.

Zuerst die, die heimlich oder offen nur das Eine zu beten wissen: Gib uns heute unser täglich Brot! Es ist ein großes Heer von Betern, das hieher gehört. Sie denken an Gott und sie rufen ihn an, weil sie ihn brauchen für ihr Leben, für Nahrung und Kleidung und Gesundheit, für Familie und Beruf. Wie mancher schlichte und aufrichtige Mensch lebt von jeher und ganz selbstverständlich in einem solchen «Brotverkehr» mit Gott. Seine Gedanken sind nun einmal Gedanken des äußern Lebens, und so ist ihm auch Gott ganz selbstverständlich der, der für das äußere Leben sorgt, von dem Alles herkommt, was wir nötig haben. Es liegt etwas Großes und Schönes in dieser Art, von Gott zu denken, das wollen wir vor Allem sagen. Vor Allem eine große Wahrhaftigkeit, die, so kindlich sie sein mag, nicht ohne Segen sein kann. Ein Mensch, der Alles abstellt auf das Gebet: Gib uns heute unser täglich Brot!, der ist auf alle Fälle ehrlich mit Gott, er macht sich nichts vor, wie es bei so Manchem, der geistlicher denkt und betet, die Gefahr ist, sondern er kommt schlecht und recht mit seinem wirklichen Anliegen, das aus seinem wirklichen Leben stammt, vor Gott. Gottes Ordnung ist es, dass wir zu leben haben auf dieser Erde mit ihren Pflichten und Aufgaben, ihren Bedürfnissen und Nöten. Gottes erstes Gebot an die Menschen hat auch die sichtbare Welt betroffen; es lautete: macht euch die Erde untertan [vgl. Gen. 1,28]! Da kann es ein tiefer, ernster Respekt sein vor dieser Gottesordnung und diesem Gottesgebot, dass ein Mensch erstens und vor Allem antwortet mit der Bitte: Gib mir, was du forderst! Gib uns unser tägliches Brot! |

Ich werde nichts dagegen sagen, wollte mir jemand erklären, er bete nur diese vierte Bitte, die andern seien ihm zu schwer, zu dunkel, zu |276 unpraktisch vielleicht. Das aber leuchte ihm ein, dass man zu Gott ums tägliche Brot, und was dazu gehört, beten könne. Ich würde ihn nur fragen, ob er auch wirklich bete. Ich würde ihm sagen, dass diese eine Bitte reich und groß genug sei, um alle andern einzuschließen, dass es aber darauf ankomme, sie recht zu beten. Vielleicht würde er dann zur Einsicht kommen, dass es gut ist, dass im Unser Vater auch noch ausdrücklich andre Bitten dastehen als die ums Brot. Denn ich glaube nicht, dass unter den vielen Christen, die mit Gott im bloßen Brotverkehr stehen, zahlreiche sind, die es in einem großen und schönen Sinn tun, die also wirklich beten. Bei den Meisten fehlt es daran, dass sie im Grunde nicht beten, sondern betteln. Die Versuchung dazu ist zu groß, wo es sich um diese äußern Dinge handelt. Gebettelt statt gebetet ist es, wenn wir Essen und Trinken, Gesundheit und Wohlergehen bei Gott suchen statt Gott selber. Gott wird uns dann zu einem guten Mann oder zu einer freundlichen Macht, die dazu da ist, uns die Dinge zu verschaffen, die uns nützlich und erfreulich sind, statt dass wir nach jenen Dingen verlangen, um Gott damit näher zu kommen. Wir brauchen Gott, um unser Brot zu bekommen, statt dass wir das Brot brauchen, um unsern Gott zu bekommen. Beim Beten sucht man den Geber, beim Betteln die Gaben. Und das ist nun die Gefahr, die gerade bei dem schlichten Gebet vieler Menschen nahe liegt, dass sie aus dem Beten ins Betteln kommen. Es ist das wirklich eine Gefahr. Gott hat uns freilich in dieses sichtbare Leben gesetzt, und nach seiner Ordnung haben wir Bedürfnis nach den sichtbaren Dingen, und es gibt auch keinen andern Weg zu ihm als den, der hindurchführt durch die sichtbare, leibliche Welt. Aber eben, das Alles ist ein Weg, eine Treppe, und nicht das Ziel. Wer von Gott nicht mehr will, als dass er ihm dies gebe und ihm dort helfe, der bleibt auf der Treppe stehen, und das wollen wir nicht tun:

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir Herr, übern Strom der Zeit.2

277Und der fromme Tersteegen hat einmal gesagt:

Wer Gott aus reinem Herzen liebt,
der meinet keine Gaben!3

Erst dann finden wir Gott, erst dann beten wir, wenn wir ihn selbst suchen, auch wenn wir ihn ums tägliche Brot bitten. Ich erinnere daran, dass wir es mit Gott aber nicht halten dürfen wie der Neger mit seinem Fetisch. Beten heißt nicht: Wünsche vorbringen, damit erniedrigen wir Gott zum Götzen. Ich erinnere aber vor Allem an eine Erfahrung, die wir Alle schon gemacht. Wir brachten Gott einen Wunsch vor, und die Erfüllung dieses Wunsches war wirklich das Höchste, was wir von Gott wollten. Wie ist es uns dann ergangen, wenn der Wunsch nicht erfüllt wurde? Wir standen da wie mit leeren Händen, enttäuscht, trostlos. Das Ende unsres Gebetes war eine trotzige Auflehnung gegen den, zu dem wir gebetet, oder eine kindisch-verärgerte Abwendung von ihm: Er hilft uns doch nicht! Das Beten verleidet uns, weil wir gar nicht gebetet haben. Wir sind Gottes müde, weil wir ihn noch gar nicht gesucht haben. So wollen wir den Abweg des Bettelns vermeiden, wenn wir es Jesus nachsprechen: Gib uns heute unser täglich Brot! Und ich denke, wir vermeiden es am besten, wenn wir darauf achten, dass vorher und nachher auch noch von andern Dingen die Rede ist.

Da gibt es nun jene andre Art von Christen, die hat das gut verstanden, dass Gott nicht dazu ist, um unsre Wünsche zu erfüllen. Es gibt solche, die es gerade heraus sagen: wir sollen Gott gar nicht kommen mit den Angelegenheiten unsres äußern Lebens. Wir brauchen es nun gar nicht mehr zu sagen, dass es eine sehr edle und hohe Gesinnung, eine tiefe Frömmigkeit sein kann, die so redet. Es sind die Menschen, die tief durchdrungen sind von der Wahrheit: Was hülfe es dem |278 Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele [Mt. 16,26]. Ihrer Seele, ihrem inwendigen Leben denken sie nach, hier ist der Schauplatz der Kämpfe, in denen sie Gott nötig haben; ihn hineinzuziehen in die Sorgen des Alltags, in den Staub der Nahrungs- und Wohnungsgedanken, das würde ihnen vorkommen wie eine Entwürdigung. Ich würde auch solchen geistigen Christen nichts sagen zunächst gegen ihre Meinung. Ich würde ihnen nur das sagen: Besinnt euch einmal, ob ihr ernsthaft an eure Seele denken und für eure Seele beten könnt, ohne zugleich der äußern Dinge zu gedenken, ob ihr ein inneres Leben haben könnt getrennt von dem leiblichen, ob es einen Geist gibt ohne Körper und ob das nicht auch vom Geiste Gottes gilt? Ja, es ist wahr, die Welt ist wie eine Brücke zu dir, Herr, übern Strom der Zeit. Aber werden wir zu Gott kommen, wenn wir die Brücke überhaupt nicht betreten wollen? Und dann würde ich ihnen sagen, dass ihr geistiges Christentum seine schweren Gefahren hat so gut wie das materielle Christentum derer, die von Gott nur Brot verlangen. Wer wirklich nur in innern, geistigen Angelegenheiten beten wollte, der würde damit doch ein ganzes großes Gebiet seines Lebens Gott entziehen. Er würde eigenmächtig bestimmen: in meinem Innern, in meiner Seele, da habe ich es mit Gott zu tun, während er eben damit sein äußeres Leben gleichsam verödet ließe im Gedanken, es sei Gottes nicht würdig, ihn mit solchen Fragen zu behelligen. Sein äußeres Leben, all die Dinge, die dazu gehören und die doch keinem einzigen Menschen, auch dem allergeistlichsten nicht, ganz gleichgiltig sind. Da hat man dann die Natur mit der Gabel ausgetrieben, und nun kommt sie mit Gewalt wieder zurück.4 Da haben wir uns in stillen Stunden versenkt in die Tiefen der Gottheit, und am Tag darauf kam’s bei einer Geldsache zum Vorschein, dass wir viel versessener seien auf das Besitzen als mancher, der uns recht ungeistlich erscheint. Da war uns die Größe Gottes aufgegangen vielleicht auf einem Berg bei Sonnenaufgang oder am Waldrand des Abends, aber als wir zurückkamen, musste es der Nachbar erfahren, dass wir kleinlich gesinnt seien in irgend einer erbärmlichen, äußerlichen Frage. Oder wir hatten in der Kirche oder sonst in der Gemein|279schaft der Christen etwas empfangen, was uns innerlich löste und befreite von einem Druck, der auf uns lag, Gott hatte unserer Seele etwas geschenkt, aber gleich darauf mussten wir wahrnehmen, dass wir unsre Sinne und Triebe weniger in der Gewalt haben als der erste beste Weltmensch. Ja, das Alles sind solche Erfahrungen mit dem äußern Leben, und wenn wir solche Erfahrungen machen, dann geht uns vielleicht doch etwas auf, dass es eine gute Sache ist, auch das äußere, materielle Leben, dem wir nun einmal nicht davonlaufen können, in die Hand Gottes zu stellen mit der Bitte, zu der Jesus uns anleitet: Gib uns heute unser tägliches Brot! Gewiss wollen wir nicht bei Gott betteln, gewiss wollen wir nicht einfach vor Gott hinstehen und verlangen: Gib mir dies und jenes. Aber darum beten, das ist eine andre Sache. Und das ist etwas, was wir nicht vernachlässigen, ohne uns selbst schwer zu schädigen.

Aber was heißt denn nun das: «um etwas beten», um unser tägliches Brot beten. Das heißt ganz einfach, dass wir unser tägliches Brot, und was dazu gehört, bei Gott suchen. Darin liegt Alles Übrige beschlossen. Wenn wir beten: Gib uns heute unser tägliches Brot!, so heißt das: wir möchten unser tägliches Brot aus deiner Hand empfangen! wir stellen auch unser äußeres, materielles Leben ganz in diese deine Hand. Wir bringen diese großen Fragen und Aufgaben: was sollen wir essen? was sollen wir trinken? womit sollen wir uns kleiden? [vgl. Mt 6,31] vor dich, damit du sie mit uns lösest.

Ein solches Beten ums tägliche Brot bedeutet dann vor Allem, dass eine tiefe Ruhe einzieht in unser Leben. Es gibt so manchen Menschen, der weiß seiner Lebtage nicht, was Ruhe ist; ich meine jetzt nicht die äußere, sondern die innere Ruhe und Sicherheit, die stetig ihren Weg geht in der Gewissheit: am Ende des Weges ist etwas Gutes. Speziell das moderne Erwerbsleben hat etwas Unruhiges, Hastiges, Flackerndes in die Gedanken von Unzähligen gebracht. Aber es ist im Grunde zu allen Zeiten so gewesen: schon Jesus redet von solchen, die sich «sorgen» um die Dinge des äußern Lebens [vgl. Mt. 6,25–34], und er meint damit die Leute, die denken, es komme besser mit dem Arbeiten und Verdienen, wenn man nicht nur arbeite, wie es recht ist, sondern sich auch noch beständig und nervös frage: wie wird es morgen und übermorgen und im nächsten Monat und übers Jahr gehen. Das ist die Unruhe, wie sie gar nicht nur den armen, sondern manchen |280 reichen Leuten wohlbekannt ist. Denen Allen möchte man es herzlich wünschen, sie lernten die Bitte Jesu verstehen und mitbeten: Gib uns heute unser tägliches Brot! In diesem «Gib uns!» liegt gerade für sie ein ganzes Evangelium. Bis jetzt haben sie ihr Brot, und was dazu gehört, bei sich selbst gesucht, in der eigenen, flackernden, rastlosen Unruhe; nun werden sie an Gott gewiesen, der die ewige Ruhe ist. Damit wird das ganze Bild, das sie sich vom Leben machten, verändert. Das äußere Leben, mit dem wir uns abzufinden haben, es ist nicht ein starres, feindseliges Schicksal, mit dem wir zu kämpfen hätten, ungewiss, wie der Kampf enden wird. Sondern dies äußere Leben ist auch eine Welt Gottes. Wir treten nicht in eine andre Luft, wenn wir aus dem Leben unsrer Seele hinausgehen an unsre Arbeit und unter die Menschen. Wir brauchen hier nicht hastiger zu atmen und uns nicht zu überstürzen, sondern wir dürfen die Ruhe der Seele auf das Leben übertragen. Gott gibt uns! |

Und zwar gibt er uns unser tägliches Brot. Dieses Wort bedeutet: er gibt uns immer gerade das, was wir zunächst, für den kommenden Tag nötig haben. So ist es Ordnung in seiner Welt. Diese Ordnung gleicht einer Kette, in der ein Glied ins andre greift. Wir sollen nicht sorgen; wir sollen nicht die Glieder überspringen wollen, indem wir uns erfüllen mit den Gedanken an übermorgen, sondern wir dürfen freudig die Gegenwart in der Hand halten mit der Sicherheit, dass ihr eine Gotteszukunft nachfolgt. Aber wenn wir zu Gott uns wenden mit der Bitte: gib uns!, da5 heißt das ganz selbstverständlich: dass wir arbeiten für das, was Gott uns geben soll. Beten und arbeiten gehört nicht nur zusammen, sondern Beides sind nur die zwei Seiten desselben Vorgangs. Wer betet, der arbeitet auch. Denn Gott ist ein Gott der Arbeit. Die Ruhe und Sicherheit, die wir in unserm Erwerbsleben haben dürfen, ist die Ruhe und Sicherheit des Menschen, der seine Pflicht tut. Denn es ist Gottes Ordnung so, dass wir unsre Bestimmung für dieses und das ewige Leben nicht anders erfüllen können, denn in der Tätigkeit, und diese Tätigkeit spielt sich im äußern, materiellen Leben ab. Menschen, die aus irgend einem Grund nicht arbeiten, gehen über kurz oder lang innerlich zu Grunde. Das kann man an Einzelnen beobachten, die sich unter diesem oder jenem Vorwand6 als Vagabunden |281 oder als Privatiers in schönen Häusern am Genfer See der Arbeit entziehen. Und man kann es sehen an ganzen Völkern, wie dem indischen, das durch eine reiche Natur jahrtausendelang den Zwang der Arbeit nicht kannte. Das Ende ist immer der innere Schlaf, das äußere, träumerische Verkommen. Und nun verstehen wir schon, dass die Bitte: Gib uns unser tägliches Brot! gar nicht nur in den Mund derer etwa gehört, denen es wegen ihrer Bedürftigkeit nahe liegt, solchen Wunsch auszusprechen. Der Sinn des Gebetes geht höher.

Wir Alle bitten Gott, er wolle uns unser Brot, unser Leben, unsre Existenz zuteilwerden lassen in der Weise, die vor seinem Auge recht ist. Wir stellen uns mit diesem Gebet ganz selbstverständlich in die Reihen der arbeitenden Menschen. Ja, wir suchen unser Brot, unsern leiblichen Unterhalt, aber suchen ihn bei Gott, und darum lautet unser Gebet mit anderen Worten so:

Gib, dass ich tue mit Fleiß,
Was mir zu tun gebühret,
Wozu mich dein Geheiß
In meinem Stande führet!7

Aber sofort müssen wir noch weiter gehen. Suchen wir unser Brot bei Gott, dann muss es beim Erwerb, bei der Arbeit dafür, göttlich und recht zugehen. Man kann nicht beten: Gib uns unser täglich Brot! und dazu seine Arbeit liederlich und gewissenlos tun. Man kann nicht so beten und ein Vater oder eine Mutter sein, die ihre Kinder schon in frühen Jahren ausnutzen für das Geldverdienen, obwohl sie wissen müssen, dass sie ihnen damit Gesundheit und Lebenszeit verkürzen. Man kann so nicht beten und ein Fabrikherr sein, der seine Arbeiter durch niedrigen Lohn, lange Arbeitszeit und schlechte Arbeitsräume zu kurz kommen lässt und schädigt. Die ganze soziale Frage wäre gelöst, wenn die Kapitalisten und die Proletarier miteinander die Hände falten würden zu dem Gebet: Gib uns heute unser tägliches Brot!, denn mit diesem Gebet würden sie bekennen: wir wollen nichts Anderes verdienen und gewinnen, als was wir in Empfang nehmen dürfen als eine Gabe der göttlichen Gerechtigkeit. Wir wollen, dass |282 Gott uns unser Brot gebe, und das besteht darin, dass es beim Brotverdienen recht zugehe oben und unten.

Und nun geht’s noch eine Stufe höher. Es ist auffallend, dass in der Bitte, wie Jesus sie uns lehrt, zweimal das Wort uns vorkommt. Es heißt nicht: Gib mir mein tägliches Brot!, wie wir wahrscheinlich von uns aus gebetet hätten, sondern es heißt uns und unser. Und wenn wir’s neben allem Andern jetzt auch noch mit diesen Wörtern ernst nehmen, so können wir wiederholen, was wir schon sagten: es könnte ein Mensch an diesem einen Gebet: Gib uns heute unser tägliches Brot! genug und über genug haben. Es führte ihn sicher zu Gott. Denn es liegt schließlich in diesem «uns» und «unser» das Größte und Wichtigste des christlichen Glaubensbekenntnisses. Zuerst das, dass alle Menschen untereinander zusammengehören, wie es schon die Anrede «Unser Vater»»  ausgesprochen hat. Es geht nicht an, dass wir aus unserm Leben eine Privatsache machen. Sondern was wir sind, das sind wir gemeinsam mit den Andern. Vielleicht ist es nirgends so nötig, das zu unterstreichen, wie da, wo es sich um das tägliche Brot handelt. In geistlichen Dingen glauben wir ja wohl gerne an Gemeinschaft und üben sie auch, so gut wir’s können. Aber wo sind die Christen, die nicht beide Hände ausstrecken nach ihrem Brotkorb und ihrem Portemonnaie mit dem frohen Ruf: Das ist meine Sache!? Diese Art, die uns so selbstverständlich erscheint, wird uns nun gänzlich verleidet, wenn wir mit Ernst beten: Gib uns unser tägliches Brot! Denn damit sagen wir selbst und vor dem Angesicht Gottes, dass Brotkorb und Portemonnaie absolut nicht meine, sondern unsre Sache sind. Was mein ist, ist in Wirklichkeit unser. Was mir gehört, habe ich in Wirklichkeit durchaus nicht für mich, sondern für mich und die Andern. Wieder verändert sich das Bild des Lebens aufs Gewaltigste, wenn wir uns durchdringen lassen vom Sauerteig dieses Gebetes. Mit diesem selbstverständlichen «uns» sagt Jesus nichts Anderes, als dass die Liebe das Selbstverständliche sei nicht nur im geistlichen, sondern gerade im äußern, materiellen Leben. Wir können den Gedanken nicht weiter folgen, die sich hier eröffnen. Aber wir ahnen an dieser Stelle, wie das eine Gebet uns das Leben in Gott eröffnen würde, wenn wir es einmal recht beten würden.

Eines möchte ich zum Schluss sagen: Mit der Bitte: Gib uns heute unser tägliches Brot! treten wir vor Gott hin mit dem Anliegen: aus |283 deiner Hand möchten wir empfangen, was wir für unser Leben in dieser Welt genießen, aus deiner Hand und anders nicht. Und Gottes Erhörung dieser Bitte besteht darin, dass er uns mehr gibt, als wir fordern, dass er uns unser ganzes äußeres, materielles Leben zu einer großen, reichen Gelegenheit werden lässt, ihn zu suchen und zu finden, Sicherheit zu gewinnen, tätig zu sein, Recht zu üben und Gemeinschaft der Liebe untereinander zu halten.

Etwas von dieser göttlichen Erhörung zeigt uns nun auch das Abendmahl, das wir heute und am kommenden Bettagssonntag zusammen feiern.8 Brot und Wein essen und trinken wir, aber im Sichtbaren dürfen wir das Unsichtbare empfangen. Im Zeichen und Sinnbild der natürlichen Stoffe hat sich Christus seinen Jüngern angeboten und bietet er sich heute uns an. Möchten wir mit ihnen etwas empfangen von der Kraft, die uns gerecht und heilig macht. Und möchte das Abendmahl uns anleiten, alles Sichtbare, unser ganzes äußeres Leben zu verstehen als ein Geschenk aus Gottes Hand, in Allem Weltlichen den Ruf zu vernehmen, mit dem Christus den Seinen das Brot gereicht:

Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird [1.Kor. 11,249]!

Amen.

Sachfußnoten

1
BSLK, S. 680,45–681,20 📖; vgl. BSLK.NE, S. 1096,11–23 📖.↩
2
Strophe 3 aus dem «Morgengebet»: «O wunderbares, tiefes Schweigen» von J. von Eichendorff (Von Wald und Welt. Gedichte und Erzählungen von Josef Freiherrn von Eichendorff, hrsg. von W. von Scholz, 31.–40. Tsd., München / Leipzig 1910, S. 131) 📖.↩
3
Beginn der Nr. 27: «Reine Liebe» im Abschnitt: «Der Frommen Lotterie» in G. Tersteegens Lied- und Gedichtband «Geistliches Blumengärtlein»:
Wer Gott aus reinem Herzen liebt,
Der meinet keine Gaben;
Wird er getröst’t, wird er betrübt,
Gnug, wenn er Gott kann haben.
In Barths Exemplar ist dieses Gedicht – neben einigen anderen – angestrichen: Gerhard Terstegen’s geistliches Blumengärtlein inniger Seelen, nebst der Frommen Lotterie, nach den Ausgaben letzter Hand berichtigt und mit einigen Zusätzen versehen, Stuttgart [1905], S. 419 📖.↩
4
Redewendung in Anlehnung an Horaz, Epistulae I,10,24 📖: «Naturam expelles furca, tamen usque recurrit»; vgl. Büchmann, S. 346 📖.↩
5
Mskr.: «das»; von den Hrsg. korrigiert.↩
6
Die im Mskr. folgenden Worte: «der Arbeit entziehen und» wurden im Blick auf ihre Wiederaufnahme am Ende des Satzes an dieser Stelle von den Hrsg. getilgt.↩
7
Beginn der zweiten Strophe des Liedes «O Gott, du frommer Gott» von ­J. Heer­mann (GERS 32; EG 495 [jeweils «Befehl» statt «Geheiß»]) 🎵.↩
8
Nach älteren Kirchenordnungen in der Schweiz wurde das Abendmahl überwiegend nur an den hohen Festtagen im Jahr – Weihnachten, Karfreitag / Ostern, Pfingsten und am Bettag – gefeiert, aber auch die Praxis einer zusätzlichen, der Vorbereitung dienenden Abendmahlsfeier an den jeweils vorausgehenden Sonntagen war nicht unüblich (vgl. R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. 3: Von 1720 bis 1950, S. 99 u. S. 352 📖). In Safenwil wurden solche zusätzlichen Abendmahlsfeiern am 4. Advent und am Sonntag vor dem Bettag gehalten (vgl. Predigten 1915, S. X 📖).↩
9
In der Fassung der von Barth benutzten revidierten Ausgabe der Luther-Übersetzung von 1892 📖; in neueren Ausgaben steht «gegeben» statt «gebrochen».↩