Predigt: Mt. 6,10b
(11. nach Trinitatis)
Es sieht auf den ersten Blick recht schwer aus, zu sagen, in was nun der Unterschied besteht zwischen dem Reich Gottes, von dem wir vor acht Tagen sprachen,1 und dem Willen Gottes, von dem in der uns heute vorliegenden Bitte des Unser Vaters die Rede ist. Beide Male handelt es sich doch offenbar um die göttliche Lebensordnung, die bei uns herrschend werden muss und durch die wir freie und heilige Menschen werden. Es haben darum auch manche, die dies Gebet auslegten, darauf verzichtet, etwas Neues und Besonderes in der Bitte «Dein Wille geschehe!» zu finden. Ich meine nun auch: wenn wir der Sache auf den Grund gehen, so ist es eins und dasselbe, um das wir in beiden Fällen bitten: «Dein Reich komme» und «Dein Wille geschehe». Denn wenn Gottes Reich kommt, dann geschieht sein Wille, und sein Wille besteht darin, dass sein Reich komme. Und doch tun wir gut, auf das Besondere zu achten, das in den beiden Ausdrücken liegt und das uns auch etwas Besonderes zu sagen hat. Bei Gottes Reich denken wir, wie das Wort es nahelegt, in erster Linie an Gottes Macht. Wir suchen dann danach, wie wir es vor acht Tagen ausgelegt, dass diese Macht immer mehr die Macht auch in unserm Leben werde. Allein nun kommt Gottes Reich in unendlich vielen Fällen in einer verhüllten Weise zu uns, wenn ich so sagen darf. Wir spüren wohl Gottes Macht, wir fühlen uns in seiner Hand, aber es liegt noch eine bedenkliche Schranke zwischen ihm und uns. Es geschieht ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, ein Eisenbahnunglück. Kein frommer, ja was sage ich, kein nachdenkender Mensch überhaupt kann daran zweifeln, dass ein solches Ereignis eine Handlung der Königlichen Macht Gottes ist. Und doch ist es uns ein dunkles Ereignis zunächst. Wir stehen und fragen: Warum musste es so sein? |
264Oder denken wir, wie es uns in unserm eigenen Leben so oft geht: wir stehen vor irgend einer Entscheidung, wo wir vor der Wahl sind, so oder so oder so zu handeln. Wie wir uns auch entschließen, wir wissen von vornherein: unser Entschluss ist in der Macht Gottes: er lenkt unsre Gedanken und das, was daraus folgt, nach seinem Wohlgefallen. Wir dürfen und sollen die kühne Zuversicht haben, dass Gott auch unsre bösen Gedanken und Taten braucht für sein Reich, zu irgendetwas Gutem, gerade wie ein geschickter Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug etwas Gutes machen kann. Und doch spüren wir deutlich: wir werden in solchen Augenblicken ins Dunkel, auf einen Abgrund zulaufen, wollten wir einfach mit den Achseln zucken und sagen: es ist gleichgiltig, wie ich mich entschließe, Gott macht ja doch Alles allein. Wir haben das dringende Bedürfnis, uns noch nach etwas Anderem umzusehen als nach der bloßen Gewissheit, dass Gottes Macht unser Leben regiert. – |
Da ist Jesus im Garten
Und nun gibt es etwas Höheres, etwas Innerliches, Inniges, Persönliches, das die letzte Scheidewand zwischen Gott und uns zerbricht, das uns in die tiefe, bewusste Gemeinschaft führt mit ihm, und das ist, wenn sein Wille geschieht, nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden, nicht nur in der Gotteswelt überhaupt, sondern in uns. Gottes Reich kann längst zu uns gekommen sein, wir mögen in seiner Herrschaft längst drinstehen, aber wir tun’s unbewusst. Wir gleichen Schlafwandelnden, die von einer freundlichen Hand ohne ihr Wissen geleitet und vor dem Fall geschützt werden. In diesem Fall sind wir Alle in unsrer Jugend. Da leben wir dank unsrer Erziehung im Gottesreich und seiner Ordnung bereits mitten drin, ohne uns Rechenschaft darüber zu geben. Und wie vielen Erwachsenen ist das Reich Gottes unmerkbar die Luft, in der sie leben und atmen. Recht zu sein und Liebe zu üben, tief zu empfinden und edel zu denken, das ist |265 ihnen etwas Angeborenes, Selbstverständliches. Ich denke dabei gar nicht an irgendwelche Extra-Menschen, sondern an den Durchschnitt von uns Menschen wie wir sind, an das Gute, Reichsgottesmäßige, das jeder von uns in sich trägt. Dieses Erbteil haben die Meisten von uns unbewusst. Wir sind in einem kleinen Stück unsres Wesens Jünger Jesu, ohne es zu wissen. Das ist kein idealer Zustand. Es ist nie gut, wenn man eine Erbschaft, die man gemacht, in die Tasche steckt und damit einschläft. Sie könnte uns gestohlen werden. Aber gerade solche Schläfer sind wir mit unserm unbewussten Reichsgottesbesitz.
In diesen unsern Schlaf hinein kommt es nun wie eine Wecktrompete: Dein Wille geschehe! Es ist nicht genug, dass wir in Gottes Macht sind, es ist nicht genug, dass Gottes Reich irgendwie auch zu uns gekommen ist. Das Alles gibt uns erst dann Freiheit und Freude für unser Leben, wenn wir die Gesinnung Gottes begreifen und ergreifen, die in den Taten seiner Macht zu uns redet, wenn wir bewusst und freudig und selbständig nicht nur geführt und geleitet werden, wie er will, sondern tun und wollen, wie er will. Es muss da etwas mit uns geschehen, wie das Durchbrechen der Sonne durch die Wolken. Das verborgene Reich Gottes in der Welt und in unserm Leben muss sich enthüllen. Wir müssen klar werden, was Gottes Macht nicht nur im Allgemeinen, sondern gerade mit uns will. Das ist das Besondere, um das wir bitten, wenn wir sagen: Dein Wille geschehe! Wir möchten das Innere, das Persönliche, den Vorsatz und Gedanken, der in Gottes Reich waltet, zuerst verstehen und dann uns zu eigen machen.
Zuerst ist’s also ein Verständnis, das wir suchen, wenn wir bitten: Dein Wille geschehe! Wir stehen vor der Welt und unserm Leben. Aber wir verstehen sie nicht. Sie gleichen einem Buch, auf dessen Titel jemand das Wort «Gott» geschrieben hat. Das verstehen wir. Aber was dann weiter kommt, das wissen wir nicht zu deuten. Es ist in einer fremden Sprache geschrieben. Wir wissen nicht, was das Alles mit «Gott» zu tun haben soll, der auf dem Titel steht. Dunkel sind uns die Ereignisse, die wir erleben, schwierig die Entscheidungen, die wir fällen sollen, traumhaft und unbewusst sogar das Gute und Göttliche, das in uns selbst ist. Da müssen wir also vor Allem lesen lernen im Buche des Lebens.
266Und jeder Lehrer wird uns sagen, dass man zum Lesenlernen nicht mit den schwierigen Buchstaben und Worten anfängt, sondern mit den leichten. Das wollen wir auch so machen. Wenn wir jetzt fragen: was ist der Sinn und Wille Gottes, der hinter den Ereignissen steckt?, dann wollen wir nicht zuerst an das Erdbeben von
Versuch’s einmal, mit Hilfe dieses Buchstabens, den du verstanden, weiter zu lesen in dem großen Buche des Lebens. Da sind jene Unglücksfälle vor Allem, die es uns so schwer fällt, mit dem Gedanken an Gott zusammenzubringen. Ja, ein Trost ist es sicher noch nicht, aber eine Gewissheit, an die wir uns halten wollen: Auch das Schwerste und Schrecklichste, was geschehen kann, geschieht nach der ewigen Ordnung und Gesetzlichkeit, die in Allem waltet. Gegen einen Zufall, wenn es einen gäbe, könnte man anstürmen und die Faust machen, vor der Ordnung werden wir Ehrfurcht empfinden, auch wo sie uns schrecklich ist. Und wenn du, wie wir’s beschrieben, an Kreuzwegen des Lebens stehst und nicht weißt: soll ich links oder rechts gehen, muss da nicht die Ungewissheit schwinden, sobald du dir klar machst: Willkür und Laune wäre eine Sünde gegen die Grundverfassung der Welt, sobald du dich fragst: welches ist der Weg, den ich – nicht gehen kann und nicht gehen möchte –, sondern gehen muss, wie die Sonne ihre Bahn geht? – |
Aber du musst weitere Buchstaben kennenlernen in dem großen Buche des Lebens. Betrachte jetzt einmal die Vergangenheit der Welt und vergleiche sie mit der Gegenwart. Denk an das, was du etwa weißt von den Zuständen vor 100 oder 200 Jahren, oder an das, was du in der Schule gehört aus der alten Schweizergeschichte. Ganz unverkennbar drängt es sich dir dann auf, dass da ein Fortschritt da ist auf allen |268 Gebieten vom Groben zum Feinen, vom Niedern zum Höhern. Man kann darüber streiten, ob die Menschen besser geworden seien gegen früher, aber darüber kann man nicht streiten, dass wir bessere Maschinen haben als früher, dass wir mehr wissen als früher, dass man genauer, sorgfältiger denkt und arbeitet als früher. Das sind Tatsachen. Ist das nicht auch ein Buchstabe in dem unverständlichen Buche des Lebens, auf dessen Titel das Wort «Gott» steht? Ist’s nicht auch etwas von dem Willen dieses Gottes? Und hilft dir dieser Buchstabe nicht Wörter entziffern, die dir vorher noch spanisch waren?7 Vielleicht bist du einer von den eingeschlafenen Jesus-Jüngern, von denen, die unbewusst ein Stück Reich Gottes in sich tragen. Muss es dir nicht zu denken geben, dass die ganze Geschichte der Menschheit unwiderleglich einen Fortschritt, sei er, welcher er wolle, erkennen lässt? Heißt das nicht, dass dein Samenkorn wachsen muss, dass es bei dir im Kleinen gehen sollte wie bei der Menschheit im Großen: vom Groben zum Feinen, vom Guten zum Bessern? Und ist nicht das, was du von Jesu Art in dir hast, das größte Fortschrittsprinzip, weil es das Allerlebendigste ist, was man sich denken kann? – |
Aber es gibt auch etwas zu lesen und zu erkennen, das größer ist als die Ordnung und als der Fortschritt in der Welt. Und dazu brauchst du weder nach dem Sternenhimmel zu sehen noch in die Weltgeschichte. Achte einmal darauf: was ist’s, das den Menschen schließlich das Leben möglich macht, das Leben in der Ehe z. B. oder das Leben in der Familie, im Geschäft, unter Freunden, das Leben in Gemeinde und Staat sogar? Viele sagen, es sei die Selbstsucht, das Leben nach den eigenen Gedanken, Wünschen und Gefühlen. In Wirklichkeit löst ein solches Leben das Leben auf. Keine Ehe könnte damit bestehen, kein Vater seine Kinder erziehen, keine gemeinsame Arbeit vollbracht werden, keine aufrichtigen Beziehungen unter Menschen andauern, ja, kein Volk und Land würde sich erhalten, wenn die Selbstsucht die Grundkraft im Leben wäre. Sondern alles Leben besteht darin, dass Einer sich einsetzt für Andre. Der Eine tut es damit, dass er seine Kraft der gemeinsamen Arbeit widmet, der Andre damit, dass er auf irgend etwas verzichtet, einen Anspruch nicht geltend macht, Wünsche nicht |269 äußert oder durchsetzt, die er sonst hatte. Das ist das wirkliche Leben. Es ist überall etwas von Liebe darin schon auf den ersten Blick, und wenn man genauer zusieht, ist die Liebe die starke Klammer, die Alles zusammenhält. Siehst du den Buchstaben und verstehst du ihn? Wie wäre es, wenn das die höchste Erkenntnis des Willens Gottes wäre? Wenn darin die Ordnung und der Fortschritt im Leben bestünden, dass wir Menschen Gemeinschaft untereinander haben, dass wir einander liebhaben? Ich glaube hier ist der Punkt, wo Jesus in
Liebe Freunde! Wer sich interessiert für die Frage: was ist der Wille Gottes, der hat noch immer Antwort gefunden. Man braucht bloß die Oberfläche des Lebens etwas anzuschürfen, wie wir es eben getan haben, so tritt das lautere Gold des Gotteswillens an das Licht des Tages. Ordnung, Fortschritt, Liebe habe ich genannt. Es ist lange nicht Alles. Wir könnten auf dieselbe Weise die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Schönheit, die Freiheit entdecken und so manche andre Züge, die zum Bilde des Willens Gottes gehören. Was wir nannten, mag für heute genügen. Es sagt jedem deutlich genug, worauf es bei dem Willen Gottes ankommt.
Aber nun kommt erst die Frage, die Hauptfrage: Was machen wir damit? Der begriffene Wille Gottes will ergriffen sein. Ich glaube, wir Alle leiden in irgend einer Weise darunter, dass wir den Willen Gottes wohl erkennen, aber nicht bei uns gelten, nicht in uns geschehen lassen. Es gibt keinen einzigen Menschen, dem nicht einmal irgend etwas aufgegangen wäre von den Zusammenhängen im Leben, die wir genannt haben, der nicht den einen oder andern Buchstaben erfasst hätte, der ihm den Sinn des Lebens oder den Willen Gottes deuten konnte. Aber daran fehlt es, dass wir diesen Willen bei uns zur Ausführung kommen lassen. Wir stehen daneben und weichen ihm aus, |270 statt uns von ihm ergreifen zu lassen. Wir gleichen einem Menschen, der an einem Strome steht, dessen Wellen ihn sicher in ein schönes Land tragen würden, und ein Boot wäre auch da, er brauchte nur einzusteigen. Aber er steht und zaudert, er kann sich vom Ufer nicht trennen, er traut dem Boote nicht, er fürchtet die Bewegung der Wellen. Die Wellen kommen und gehen und schlagen ans Ufer – – – – So stehen wir neben dem Willen Gottes, nachdem wir ihn längst begriffen. Und es ist das große Herzeleid unsres Lebens, das wir so daneben stehen. Denn täuschen wir uns nicht: wer ihn einmal gesehen und verstanden hat, der kann an dem Halbdunkel, in dem er lebt, keine Freude mehr haben. Wer es einmal erfasst und eingesehen: im ganzen Weltall waltet Zucht und Ordnung, den peinigt es von da an, dass in ihm selbst die Laune, die Leidenschaft, die Stimmung, die Willkür waltet. Wie ein Ausgeschlossener kommt er sich vor im Reiche des Lebens. Wer es einmal begriffen hat, dass das Gute, das von unsern Eltern her fast unbewusst in uns lebt, kein toter Besitz sein darf, sondern wachsen und fortschreiten muss, den lässt der Gedanke nicht mehr in Ruhe; er wird misstrauisch gegen sich selbst, seine guten Seiten erscheinen ihm in einem andern Licht. Die kindliche Freude an sich selbst und seiner Tugend ist ihm verlorengegangen. Und wer einmal hinausgesehen hat über die Klostermauern der Selbstsucht in das Land der Liebe, der wird die Sehnsucht danach nicht mehr los. Es stört ihn in seinen schönsten Träumen und es verdirbt ihm die Stunden höchsten Genusses der Gedanke, dass er ein toter Ast ist, solange er innerlich so lebt, wie er es jetzt tut, dass die Menschheit vor 6000 Jahren schon zu Grunde gegangen wäre, wäre nicht immer wieder ein gesunder Stamm von Männern und Frauen dagewesen, die den Willen Gottes gelten ließen und Liebe übten. Es hilft uns nichts: wir richten uns zu Grunde, solange wir dem Willen Gottes gegenüberstehen, ihn bewundern und preisen, aber ihn nicht selber annehmen und tun.
Jesus hat gesagt: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Ja, im Himmel geschieht er, in der großen Gotteswelt geschieht er beständig, und es ist nicht so schwer, ihn zu erkennen. Aber das ist schwer, ihn auf Erden, bei uns geschehen zu lassen. Und das ist’s gerade, worum wir beten. Aber dieses Beten muss ein innerer Vorgang sein, nicht ein bloßes Wort. Beten wir: Dein Wille geschehe!, dann heißt das, dass der Wille Gottes, den wir erkannt, in uns in Kampf tritt |271 mit dem Willen von allerlei andern scheinbaren Gewalten. Es sind scheinbare Gewalten; es geht ihnen, wie es jetzt den Morgennebeln geht, wenn die Sonne ernsthaft darauf scheint: sie lösen sich auf, und man weiß nicht mehr, wo sie gewesen sind. Aber auflösen müssen sie sich. Damit geschieht dann der Wille Gottes. Da ist die scheinbare Gewalt der Natur, wie sie z. B. bei einem Brandunglück zum Ausdruck kommt. Ist es uns nicht, als ob da auch ein Wille, aber ein finsterer, zerstörender Wille am Werke sei? Seht, solche Gedanken verscheuchen wir, indem wir unser Herz in beide Hände nehmen und Gott anreden: dein Wille geschehe! deine Ordnung, deine Liebe triumphiere! Ja, und was heißt denn das nun Anderes in einem solchen Unglücksfall, als dass wir mit beiden Händen an die Arbeit gehen sollen, um die Wunden, die das Unglück geschlagen, zu verbinden. Ja nicht mit frommem Augenaufschlag daneben stehen, sondern zugreifen und helfen, dann geschieht Gottes Wille. – |
Eine andere scheinbare Gewalt sind die Menschen mit ihren Sitten, Gewohnheiten, Anschauungen und Vorurteilen. Es ist uns oft auch zu Mute, wie wenn wir’s da mit einem einheitlichen Willen zu tun hätten, obwohl er zugleich in vielen Hunderten von Köpfen lebt, und dieser Wille ist oft so schrecklich eng und beschränkt. Aber es ist ein Wille, der sich auflösen muss, wenn wir ihm entgegentreten mit dem Gebet: Gott, dein Wille geschehe! Denn wer so betet, der trägt eine Macht im Busen, die stärker ist als alle Vorurteile. Auch da wird unser Gebet wieder am besten in der Tat bestehen, in einem Leben voll Wahrheit und Schönheit. Das steht dann im Meer der Reden, die die Leute führen, und der Hindernisse, die sie uns bereiten, wie ein Felsen. – |
Aber die größte scheinbare Gewalt, der größte Gegenwille gegen den Willen Gottes ist nicht außer uns, sondern in uns. Diese Gewalt heißt Ich. Wir kennen sie Alle. Wenn der Wille Gottes uns zur Ordnung, zum Gesetz anhält, dann lockt uns das Ich, es sei besser, nach Belieben zu leben. Wenn der Wille Gottes uns auf die Wahrheit weist, dann findet das Ich seine Freude darin, sich zu verkleiden vor sich selbst und den Andern. Wenn der Wille Gottes uns zur Arbeit treibt, so ist es dem Ich wohler in der Untätigkeit. Wenn der Wille Gottes sich offenbart als die Liebe, die Alles schafft und Alles leitet, so gibt das Ich dem kleinlichen Instinkt Recht, der die eigene Person zum Mittelpunkt der Welt macht. Wenn irgendwo, so heißt es nun hier: |272 Dein Wille geschehe! Wenn es irgendwo schwer ist, so zu beten, so ist es hier. Aber nirgends ist es auch so herrlich, wie wenn hier im innersten Heiligtum des Menschen der Gott des falschen, scheinbaren Willens vom Altar stürzen muss, um dem lebendigen Gott den Platz zu räumen. Da muss es nun freilich zu einem Kampf auf Leben und Tod kommen. Denn wir können den Willen Gottes überall gelten lassen, [dass] aber gerade in unserm Inwendigsten er an die Stelle von uns selbst treten müsse, das geht uns schwer ein. Hier sind die Nebel hartnäckig. Bei Manchen weichen sie erst, wenn es Mittag wird. Und wieder bei Manchen sind sie noch am Abend nicht verschwunden. Wer wäre fertig mit diesem Kampf? Seht, wir wollen ihn Alle aufnehmen an der Stelle, wo wir stehen. Bei dem Einen muss die Ernsthaftigkeit den Leichtsinn überwinden, beim Andern die Klugheit den Eigendünkel, beim Dritten die Aufrichtigkeit die Schlauheit, beim Vierten die Freundlichkeit den Starrsinn. Es ist immer derselbe Vorgang. Der Wille Gottes muss an die Stelle unsres Willens treten, der geschlagene Feind muss die Stadt verlassen und der Sieger durch das andere Tor einziehen. So sieht’s aus, wenn Gottes Wille geschieht. Darum müssen wir bitten.
- Nr. 42: «Die goldne Sonne» von
P. Gerhardt , Strophen 1–3 (RG 571; EG 449 [dort jeweils: «Die güldne Sonne»; EG 449,3 mit Textabweichungen]). - Nr. 229: Ich habe nun den Grund gefunden» von
J. A. Rothe , Strophen 1, 3 und 9 (EG 354; dort ohne Strophe 9)