Predigt: Matthäus 6,10a
(10. nach Trinitatis)
Die Bitte: Dein Reich komme! ist die größte und wichtigste unter den Bitten des Unser-Vaters. Jesus lebte und arbeitete und starb für nichts Anderes als für das Eine, dass Gottes Reich komme, und wir können uns auch nicht ernstlich denken, dass er um etwas Anderes zu Gott gebetet hat als darum, dass sein Reich komme. Wenn er gelegentlich und auch im Unser-Vater noch um andere Dinge gebetet hat, so sind das doch nur andre Worte für dieselbe Sache. Das Gebet um das Kommen des Gottesreichs war der Strom, in den alle seine andern Gebete schließlich einmündeten. Und was für Jesus gilt, das gilt auch für alle die, die seine Jünger und Nachfolger sein möchten. Er hat nicht nur sein eigenes, sondern unser Lebensprogramm ausgesprochen in dem bekannten Wort: Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch Solches Alles zufallen [
Aber eben weil das so ist, scheint es mir ein ganz unmögliches Unternehmen, über dies Wort eine Predigt zu halten, was man so unter einer Predigt versteht, es auszulegen, zu erklären und anzuwenden. Es ist zu groß dazu, denn es ist einfach Alles darin. Man könnte es gerade so gut unternehmen, Gott auszulegen und zu erklären oder das Leben oder das Christentum. Man würde dabei dastehen wie Einer, der das Meer mit der hohlen Hand ausschöpfen wollte.1 Man könnte |252 ein Jahr lang Predigten halten und anhören nur über dieses kleine Wort, und man würde zum Schluss merken, dass man gerade einen kleinen Anfang von Auslegung und Erklärung fertiggebracht hat. Wer die Bitte: Dein Reich komme! versteht, der versteht das Evangelium, und wer sie nicht nur versteht, sondern zu beten versteht, wie sie gebetet sein will, der ist ein echter Jünger Jesu, denn in dieser Bitte hören wir den Herzschlag unsres Meisters. Aber wer wollte vom einen oder andern sagen: ich bin so Einer?! Und so steht jetzt dieses Wort vor mir wie ein mächtiger ungefüger Felsblock, wie ihr solche in unsern Bergen alle schon gesehen habt. Es kann keine Rede davon sein, dass ich in dieser Stunde so einfach mit einigen Erklärungen hinaufklettere und euch mit hinaufklettern lasse. Es könnte uns dabei Hören und Sehen vergehen.2 Und doch steht’s fest, dass wir hinauf müssen, nicht in dieser Stunde, aber in unserm Leben. Denn man kann schließlich gerade sein Leben damit ausfüllen, es durch Nachdenken und Erfahrung verstehen zu lernen, wie das ist, wenn das Reich Gottes kommt, und es versuchen zu lernen, darum zu beten. Es führen nämlich schon Wege hinauf auf den Felsblock, von allen Seiten sogar. Je mehr wir uns die Sache vertiefen, desto andächtiger und feierlicher wird uns zu Mute angesichts des überwältigenden Reichtums verschiedenartiger, oft entgegengesetzter Beziehungen und Wahrheiten, die in dem kleinen Wort beschlossen liegen. Aber die Sache steht so, dass jeder seinen eigenen Weg entdecken und gehen muss, und das ist eine Lebensaufgabe und ein Lebensinhalt. Was wir heute tun können, das soll nur darin bestehen, dass wir einander in einigen Worten aufmerksam machen auf die verschiedenartigen und entgegengesetzten Wege, die nach demselben Ziel laufen, dass wir versuchen eine Ahnung zu bekommen von dem Reichtum, der sich in diesem Worte uns anbietet. Da muss dann jeder selbst ergreifen und verstehen: welches ist in dieser Mannigfaltigkeit mein Weg?
Dein Reich komme! Wenn wir das von Herzen beten, dann müssen wir es vor Allem immer wieder empfinden wie einen Schnitt, der in unsre Gedanken und Interessen und Gefühle hinein gemacht wird. Von einer ganzen Menge von Dingen in unserm innern Leben heißt’s da: sie sind etwas Anderes als Reich Gottes, sie müssen zurücktreten, verschwinden. So haben schon die alten Christen so gebetet: Es komme dein Reich, es vergehe die Welt!3 Für Jesus selbst lag ein scharfer Gegensatz in diesem Gebet. Er dachte an die Reiche dieser Erde, an das Römerreich, das in aller Herrlichkeit damals dastand, und an das Weltreich, das wenigstens in den Köpfen der Israeliten lebte. Das waren oder sollten sein Reiche, die ihre Größe hatten in dem, was sichtbar ist, in der Macht der Waffen und des Geldes, in der Schlauheit und Rücksichtslosigkeit, im Reichtum und Wohlleben. In dieses ganze Bild hinein machte Jesus einen Schnitt, wie ich sagte. Er findet die ganze Idee eines solchen Weltreiches ärmlich, klein, menschlich-allzumenschlich,4 er wendet sich von den Menschen ab und zu Gott hin, um ihn anzurufen: Dein
Reich komme. Etwas von dieser Abwendung müssen wir auch erfahren, wenn wir mit ihm leben wollen. Wir Alle stecken drin in einer dicken Atmosphäre von irdischen Gedanken. Es sind Gedanken an unser Vorwärtskommen, an unsren Verdienst, an unser Selbstgefühl, auch an unser Wohlsein und Vergnügen. Wenn’s jetzt heißt: Dein Reich komme, dann bedeutet das: dass das Alles zurückbleiben muss, weil es etwas Größeres gibt. Gott braucht der Mensch, aber Gott wohnt nicht im Sichtbaren. Wollen wir ihn haben, so müssen wir hinaus über das Sichtbare. Alle Herrlichkeit der Erde, alles Glück des Lebens kann uns das Eine nicht ersetzen, was nottut. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? [
Und nun folgt aus demselben Gebet Jesu scheinbar der genaue Gegensatz. «Dein Reich komme!» beten wir. Ja, wissen wir denn auch, was wir damit sagen? Die meisten Christen, gerade die ernsthaften und eifrigen, gerade die, welche es begriffen haben, dass die Welt vergeht mit ihrer Lust [
Und das ist das Kommen des Reiches Gottes, um das wir beten sollen, dass unser Volk und unsre Regierungen Sinn und Kraft finden zu einer gesunden, vom Geist gegenseitiger Opferwilligkeit getragenen Politik, dass die Fabrikanten lernen, sich verantwortlich [zu] fühlen für Seele und Körper ihrer Arbeiter, und dass die Arbeiter lernen, sich solidarisch zu fühlen nicht nur mit den Gliedern ihrer Klasse, sondern mit dem Volk als Ganzem und den nationalen Verpflichtungen, die für Alle da sind. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn man Vernunft annimmt in den scheinbar belanglosen Dingen des Haushalts, wenn die Mütter die Pflicht empfinden, ihre arbeitenden Kinder nicht nur zu ernähren, sondern recht zu ernähren, wenn die Väter es versuchen, die Kinder nicht nur zur Arbeit anzuhalten, sondern ihnen an der Arbeit Freude zu machen. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn die Leute Sinn bekommen für edles Vergnügen gegenüber dem gemeinen, das den Menschen schlecht macht, wenn ihnen die Augen aufgehen für den Unterschied von schön und hässlich, wenn sie Geschmack bekommen und Gefühl für das, was groß und klein ist, wertvoll und wertlos in dem, was man ihnen bietet an Bildern und Büchern und Liedern. Das Alles sind weltliche Dinge, ich weiß es und wiederhole: Die Welt vergeht, wenn das Reich Gottes kommt. Und doch ist auch das Andre wahr: Das Reich Gottes schwebt nicht über der Welt wie der Geist Gottes nach dem Bericht der Bibel am Anfang über den Wassern schwebte [
Und nun muss ich noch einmal Nachdruck darauf legen, dass wir beten: Dein Reich komme! Nicht wir kommen, sondern Gott und sein Reich kommen. Ein Ausleger dieses Wortes hat sehr richtig gesagt: es handelt sich nicht um eine Bewegung von unten nach oben, sondern um eine Bewegung von oben nach unten.9 Wir Alle ohne Ausnahme sind weit davon entfernt, es recht zu verstehen, wie wahr das ist. Wir müssten wieder lernen, so anschaulich zu denken, wie Jesus und seine Zeitgenossen es taten. Wenn sie beteten: Dein Reich komme!, dann dachten sie nicht bloß etwas, sondern sie sahen etwas, sie sahen das himmlische
Wir können keine Freude haben am Reiche Gottes, solange wir nicht gelernt, Gott wirklich kommen zu lassen. Wir müssen daran glauben lernen, dass das Gute die Macht ist in der Welt, auch ganz abgesehen von unsrer Person. Dann wird unser Streben frei von der Selbstsucht und ihren Enttäuschungen, dann sind wir zugleich bescheiden und sicher. Wir wissen, dass es auf uns nicht ankommt und dass wir doch auf dem allerfestesten Boden stehen. Wir warten dann auch auf die Gottesstadt
Und nun müssen wir wieder den scheinbaren Gegensatz aussprechen, der sich bei diesen Gedanken notwendig erheben muss. Es ist wahr, und wir wollen uns fest daran halten: Gottes Reich kommt ohne uns, es ist an uns und unser bisschen Anstrengung nicht gebunden. Und doch gibt es nichts, was die Menschen mehr in Bewegung versetzen könnte, als wenn das Reich Gottes zu ihnen kommt. Wenn das Reich Gottes zu den Menschen kommt, dann heißt das nicht, dass ihnen mit gekreuzten Armen12 etwas passiert, sondern das besteht ganz unmittelbar darin, dass jeder seinen besondern Auftrag bekommt. Dass das Reich Gottes kommt, das zeigt sich darin, dass die Menschen schaffen. Gerade weil Gott Alles allein macht, können die Menschen in seinem Reich nichts Anderes tun, als guten Willen zu bewähren an dem Platz oder Plätzlein, wo das Leben sie hingestellt. Denn Gott ist der große gute Wille in der Welt. Hat man das Vertrauen zu dieser Tatsache, da muss man sie auch in seinem Leben gelten lassen. Wo das Reich Gottes ist, da sind die Menschen an der Arbeit, und ich meine damit nicht irgend eine christliche Extraarbeit, sondern das, was ihr alle unter Arbeit versteht, das Werken in Haus und Feld und Fabrik, und wo es sei. Wo das Reich Gottes ist, da tut man alle diese |260 Arbeit freudig und aus Herzensgrund. Denn man weiß, dass man sie im Dienst Gottes tut, des Gottes, dessen ältestes Gebot lautet: Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die Erde untertan! [
Und nun müssen wir auf noch Eines achten: Das Reich Gottes ist nicht da, sondern es kommt, es ist etwas Zukünftiges. Wenn wir beten: Dein Reich komme!, so sagen wir: lass deine glorreiche Zukunft
Gegenwart werden. Unsre Augen sind dann vorwärts gerichtet, nicht auf das, was ist, sondern auf das, was werden soll in der Welt. Wer sein Neues Testament kennt, der weiß, dass alle seine Bücher voll sind von Zukunftsgedanken. Die Evangelien fangen an mit der Botschaft
Die große sozialistische Bewegung hat es uns gezeigt, was das heißt: an die Zukunft glauben, wie das die Gedanken und die Arme der Menschen in Bewegung setzt, wenn man ihnen ein Bild vorhält mit der Verheißung: Das soll Wirklichkeit werden.13 Was würden wir |261 für eine Christenheit sein, wenn wir lernten, Gott wieder in der Zukunft zu suchen als den, der uns vorsteht. Wenn es mehr Sehnsucht gäbe in unsren Reihen, Sehnsucht nach dem Bessern im persönlichen und öffentlichen Leben, in Familie und Vaterland. Wir würden es dann auch erfahren, dass die Sehnsucht an sich selbst schon eine Kraft ist fürs Leben, das es etwas Größeres nicht gibt als den Willen zur Gerechtigkeit, zur Liebe, dass das Reich Gottes schon da ist, wo man ernstlich betet: Dein Reich komme! Oder war es etwa nicht da, als Jesus so gebetet hat? Hat er da Andern nicht gesagt: Ihr erwartet es, ihr stellt allerlei Überlegungen an über sein Kommen, aber so kommt es nicht, siehe, es ist in eurer Mitte [vgl.
Das war nun der vollkommene Widerspruch. Und doch ist es Wahrheit. Gottes Reich ist schon da in der Welt, weil Jesus schon da ist in der Welt. In ihm ist ein Stück Zukunft Gegenwart geworden, ein vorgeschobener Posten gleichsam im Feindesland. Und die zu ihm sich halten, die brauchen sich auch nicht mehr im Feindesland zu fürchten. Für sie ist die Zukunftsherrlichkeit des Gottesreiches bereits Gegenwart. Sie machen Erlebnisse, in denen sie im Gottesreich bereits mittendrin stehen, der Gehorsam Christi erfüllt sie, so dass sie Vertrauen bekommen zum Leben und durch Sorge und Leid hindurchgehen wie die Kinder. Die Liebe Christi dringet sie, dass sie nicht mehr anders können, als das Ihrige und sich selbst einzusetzen, um Andern einen Schritt weiterzuhelfen auf dem Weg zum Leben [vgl.