20. August 1911

Predigt: Matthäus 6,10a

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Matthäus 6,10a
Dein Reich komme!
Liebe Freunde!

Die Bitte: Dein Reich komme! ist die größte und wichtigste unter den Bitten des Unser-Vaters. Jesus lebte und arbeitete und starb für nichts Anderes als für das Eine, dass Gottes Reich komme, und wir können uns auch nicht ernstlich denken, dass er um etwas Anderes zu Gott gebetet hat als darum, dass sein Reich komme. Wenn er gelegentlich und auch im Unser-Vater noch um andere Dinge gebetet hat, so sind das doch nur andre Worte für dieselbe Sache. Das Gebet um das Kommen des Gottesreichs war der Strom, in den alle seine andern Gebete schließlich einmündeten. Und was für Jesus gilt, das gilt auch für alle die, die seine Jünger und Nachfolger sein möchten. Er hat nicht nur sein eigenes, sondern unser Lebensprogramm ausgesprochen in dem bekannten Wort: Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch Solches Alles zufallen [Mt. 6,33]. Sollen wir am Ersten danach trachten, so sollen wir auch am Ersten darum beten. Es gibt für unser äußeres und inneres Leben, für unser Leben in der Welt und für unser Leben in Gott nichts anderes, woran uns mehr gelegen sein könnte, als das, worum wir bitten, wenn wir es Jesus nachsprechen: Dein Reich komme!

Aber eben weil das so ist, scheint es mir ein ganz unmögliches Unternehmen, über dies Wort eine Predigt zu halten, was man so unter einer Predigt versteht, es auszulegen, zu erklären und anzuwenden. Es ist zu groß dazu, denn es ist einfach Alles darin. Man könnte es gerade so gut unternehmen, Gott auszulegen und zu erklären oder das Leben oder das Christentum. Man würde dabei dastehen wie Einer, der das Meer mit der hohlen Hand ausschöpfen wollte.1 Man könnte |252 ein Jahr lang Predigten halten und anhören nur über dieses kleine Wort, und man würde zum Schluss merken, dass man gerade einen kleinen Anfang von Auslegung und Erklärung fertiggebracht hat. Wer die Bitte: Dein Reich komme! versteht, der versteht das Evangelium, und wer sie nicht nur versteht, sondern zu beten versteht, wie sie gebetet sein will, der ist ein echter Jünger Jesu, denn in dieser Bitte hören wir den Herzschlag unsres Meisters. Aber wer wollte vom einen oder andern sagen: ich bin so Einer?! Und so steht jetzt dieses Wort vor mir wie ein mächtiger ungefüger Felsblock, wie ihr solche in unsern Bergen alle schon gesehen habt. Es kann keine Rede davon sein, dass ich in dieser Stunde so einfach mit einigen Erklärungen hinaufklettere und euch mit hinaufklettern lasse. Es könnte uns dabei Hören und Sehen vergehen.2 Und doch steht’s fest, dass wir hinauf müssen, nicht in dieser Stunde, aber in unserm Leben. Denn man kann schließlich gerade sein Leben damit ausfüllen, es durch Nachdenken und Erfahrung verstehen zu lernen, wie das ist, wenn das Reich Gottes kommt, und es versuchen zu lernen, darum zu beten. Es führen nämlich schon Wege hinauf auf den Felsblock, von allen Seiten sogar. Je mehr wir uns die Sache vertiefen, desto andächtiger und feierlicher wird uns zu Mute angesichts des überwältigenden Reichtums verschiedenartiger, oft entgegengesetzter Beziehungen und Wahrheiten, die in dem kleinen Wort beschlossen liegen. Aber die Sache steht so, dass jeder seinen eigenen Weg entdecken und gehen muss, und das ist eine Lebensaufgabe und ein Lebensinhalt. Was wir heute tun können, das soll nur darin bestehen, dass wir einander in einigen Worten aufmerksam machen auf die verschiedenartigen und entgegengesetzten Wege, die nach demselben Ziel laufen, dass wir versuchen eine Ahnung zu bekommen von dem Reichtum, der sich in diesem Worte uns anbietet. Da muss dann jeder selbst ergreifen und verstehen: welches ist in dieser Mannigfaltigkeit mein Weg?

253*   *   *

Dein Reich komme! Wenn wir das von Herzen beten, dann müssen wir es vor Allem immer wieder empfinden wie einen Schnitt, der in unsre Gedanken und Interessen und Gefühle hinein gemacht wird. Von einer ganzen Menge von Dingen in unserm innern Leben heißt’s da: sie sind etwas Anderes als Reich Gottes, sie müssen zurücktreten, verschwinden. So haben schon die alten Christen so gebetet: Es komme dein Reich, es vergehe die Welt!3 Für Jesus selbst lag ein scharfer Gegensatz in diesem Gebet. Er dachte an die Reiche dieser Erde, an das Römerreich, das in aller Herrlichkeit damals dastand, und an das Weltreich, das wenigstens in den Köpfen der Israeliten lebte. Das waren oder sollten sein Reiche, die ihre Größe hatten in dem, was sichtbar ist, in der Macht der Waffen und des Geldes, in der Schlauheit und Rücksichtslosigkeit, im Reichtum und Wohlleben. In dieses ganze Bild hinein machte Jesus einen Schnitt, wie ich sagte. Er findet die ganze Idee eines solchen Weltreiches ärmlich, klein, menschlich-allzumenschlich,4 er wendet sich von den Menschen ab und zu Gott hin, um ihn anzurufen: Dein Reich komme. Etwas von dieser Abwendung müssen wir auch erfahren, wenn wir mit ihm leben wollen. Wir Alle stecken drin in einer dicken Atmosphäre von irdischen Gedanken. Es sind Gedanken an unser Vorwärtskommen, an unsren Verdienst, an unser Selbstgefühl, auch an unser Wohlsein und Vergnügen. Wenn’s jetzt heißt: Dein Reich komme, dann bedeutet das: dass das Alles zurückbleiben muss, weil es etwas Größeres gibt. Gott braucht der Mensch, aber Gott wohnt nicht im Sichtbaren. Wollen wir ihn haben, so müssen wir hinaus über das Sichtbare. Alle Herrlichkeit der Erde, alles Glück des Lebens kann uns das Eine nicht ersetzen, was nottut. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? [Mt. 16,26] Gott ist Geist [Joh. 4,24], und sein Reich ist das Reich des Geistes. Als Geist muss es zu uns kommen und das Sichtbare überwinden. Die Menschen sollen aufhören, für ihren Leib und für ihre Seele zu sorgen als für zwei getrennte Dinge. Die Gefahr ist zu groß, dass sie dabei zwei Herren |254 dienen [vgl. Mt. 6,24] und keinem recht; sondern sie sollen nur noch für ihre Seele sorgen. Was gilt das Auswendige neben dem Inwendigen, was der Körper neben dem Geist, was die Welt neben Gott? Paulus hat einmal von den irdischen Dingen gesagt, er habe sie alle für Kot erachtet, auf dass er Christum gewinne [vgl. Phil. 3,8]. Die Stimmung eines Menschen, der ums Kommen des Gottesreiches betet, wird keine andre sein können. Jesus selbst ist es gerade so ergangen. «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» [Joh. 18,36] – solange wir kleben an den Dingen, solange kommt also auch dies Reich nicht zu uns. Vielleicht gefällt uns das nicht, vielleicht ist uns das zu schroff und radikal, aber ändern können wir’s nicht. Solange uns die Welt nicht vergeht, kommt das Reich nicht zu uns. – |

Und nun folgt aus demselben Gebet Jesu scheinbar der genaue Gegensatz. «Dein Reich komme!» beten wir. Ja, wissen wir denn auch, was wir damit sagen? Die meisten Christen, gerade die ernsthaften und eifrigen, gerade die, welche es begriffen haben, dass die Welt vergeht mit ihrer Lust [1.Joh. 2,17], sie denken sich die Sache gewöhnlich umgekehrt. Sie beten nicht: «Dein Reich komme!», sondern: lass mich oder uns in den Himmel kommen! Ja, das ist sehr zweierlei. Wenn’s darauf ankäme, dass der Mensch in den Himmel, ins Reich Gottes kommt, dann wäre die Entwicklung eines rechten Menschen die, dass er diese Welt und Erde, die Arbeit und den Beruf und die andern Menschen immer hinter sich lasse als ein schlechtes Tal des Jammers, als Dinge, die des Verstehens nicht wert. «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh … Nein, nein, hier ist sie nicht, die Heimat der Seele ist droben im Licht.»5 Wir haben gesehen: das hat sein Recht: das Reich |255 Gottes ist sein Reich, ein Reich des Geistes, es ist nicht von dieser Welt. Aber wir wollen vorsichtig sein und nicht sagen, dass das letzte Wort sei, dass man recht verächtlich von der Welt denke und rede. Wie denn? Beten wir nicht: Dein Reich komme?! Komme zu uns in unsre Welt, auf diese Erde, zu uns Menschen? Ist das nicht unendlich viel größer und herrlicher, als dass wir in den Himmel kommen? Es steht nicht so, dass Gottes Reich irgendwo in der Ferne liegt, und wir hätten nach ihm zu pilgern, sondern es steht so, dass es zu uns kommt. Gottes Reich ist ja nicht ein Land, das an seiner Stelle bleibt, sondern eine Herrschaft, wie die eines Königs, ein Machtbezirk, der sich ausdehnen und wachsen, der zu uns kommen kann. Und er kommt wirklich, und zwar zu uns, in unser Leben hinein. Nicht das ist unser Lebensziel, dass wir aus diesem Leben entrückt werden, sondern dass Gottes Reich in dies Leben hinein dringe, dass dies unser Leben selbst ein Stück Gottesreich werde. Wir wollen es uns recht klarmachen, was das heißen will. Viele Christen, denen es sehr ernst ist, denken sich das so, es müsse in ihrem Leben, im Leben der Menschen überhaupt eine gewisse Parzelle von Reich Gottes sein. Sie denken beim Reich Gottes an die Werke der innern und äußern Mission, an christliche Unternehmungen und Bestrebungen aller Art, an die Pflege des geistlichen Lebens in Kirche und Versammlungen.6 Das sind ihnen die Dinge des Reiches Gottes, während nebenan die Dinge der Welt liegen. Ich glaube doch: da ist noch nicht Ernst gemacht mit dem Kommen des Gottesreichs. Kommen heißt, dass es durchdringt, wie das Salz im Scheffel Mehl [vgl. Mt. 13,33], dass also gerade die Welt, gerade das Gewöhnliche, Alltägliche, Ungeistliche und Äußere Reich Gottes wird, gerade das!! Das ist noch nicht das Kommen des Reiches Gottes, dass ein Mensch fromme Gedanken hat, dass er in die Kirche oder Kapelle7 geht oder dass er für die Mission arbeitet oder einen Beitrag |256 gibt. Sondern da kommt das Reich Gottes, wo einer fleißig und treu in der Fabrik seine Arbeit tut, wo einer sich zusammennimmt seinen Gewohnheiten und Leidenschaften gegenüber, wo einer Freude und Frieden verbreitet in seiner Umgebung. |

Und das ist das Kommen des Reiches Gottes, um das wir beten sollen, dass unser Volk und unsre Regierungen Sinn und Kraft finden zu einer gesunden, vom Geist gegenseitiger Opferwilligkeit getragenen Politik, dass die Fabrikanten lernen, sich verantwortlich [zu] fühlen für Seele und Körper ihrer Arbeiter, und dass die Arbeiter lernen, sich solidarisch zu fühlen nicht nur mit den Gliedern ihrer Klasse, sondern mit dem Volk als Ganzem und den nationalen Verpflichtungen, die für Alle da sind. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn man Vernunft annimmt in den scheinbar belanglosen Dingen des Haushalts, wenn die Mütter die Pflicht empfinden, ihre arbeitenden Kinder nicht nur zu ernähren, sondern recht zu ernähren, wenn die Väter es versuchen, die Kinder nicht nur zur Arbeit anzuhalten, sondern ihnen an der Arbeit Freude zu machen. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn die Leute Sinn bekommen für edles Vergnügen gegenüber dem gemeinen, das den Menschen schlecht macht, wenn ihnen die Augen aufgehen für den Unterschied von schön und hässlich, wenn sie Geschmack bekommen und Gefühl für das, was groß und klein ist, wertvoll und wertlos in dem, was man ihnen bietet an Bildern und Büchern und Liedern. Das Alles sind weltliche Dinge, ich weiß es und wiederhole: Die Welt vergeht, wenn das Reich Gottes kommt. Und doch ist auch das Andre wahr: Das Reich Gottes schwebt nicht über der Welt wie der Geist Gottes nach dem Bericht der Bibel am Anfang über den Wassern schwebte [Gen. 1,2], sondern es kommt in die Welt, in diese Alltagswelt; es macht uns frei vom Alltag, um uns dem Alltag zurückzugeben, es macht uns los vom Gewöhnlichen, um uns gerade am Gewöhnlichen Freude zu machen. Es weist uns ganz auf den Geist, aufs Unsichtbare, damit die ganze Kraft des Geistes dem Sichtbaren zu Gute komme. Wenn das Reich Gottes kommen soll, dann heißt das: denk an deine Seele, an Gott und sonst an gar nichts Anderes! Aber wer das ernstlich tut, der erfährt, was ein tiefsinniger Gläubiger einmal so ausgedrückt: Das Ende der Wege Gottes ist die Leiblichkeit!8 Eine Seele haben heißt, einen hei|257ligen Leib haben. Gott dienen heißt, ein rechtschaffener Mensch in dieser Welt sein. Im Geist leben heißt, am Stoffe arbeiten. So ist das Reich Gottes zugleich das Allergeistigste und das Allermateriellste, was man sich denken kann. Es sind verschiedene Wege, wenn wir die eine oder die andere Seite der Wahrheit ins Auge fassen, aber sie führen zum selben Ziel.

*   *   *

Und nun muss ich noch einmal Nachdruck darauf legen, dass wir beten: Dein Reich komme! Nicht wir kommen, sondern Gott und sein Reich kommen. Ein Ausleger dieses Wortes hat sehr richtig gesagt: es handelt sich nicht um eine Bewegung von unten nach oben, sondern um eine Bewegung von oben nach unten.9 Wir Alle ohne Ausnahme sind weit davon entfernt, es recht zu verstehen, wie wahr das ist. Wir müssten wieder lernen, so anschaulich zu denken, wie Jesus und seine Zeitgenossen es taten. Wenn sie beteten: Dein Reich komme!, dann dachten sie nicht bloß etwas, sondern sie sahen etwas, sie sahen das himmlische Jerusalem, die Stadt Gottes mit den 12 Thronen von Perlen droben in den Lüften, bereit, sich herniederzusenken, wenn seine Zeit da wäre [vgl. Apk. 21,2.21]. Das war ein «Kommen», das der Erwartung wert war, wenn einmal diese ganze Herrlichkeit kam, wirklich auf Erden kam, so dass die Menschen nichts zu tun |258 hatten, als durch offene Tore einzugehen zu ihres Herrn Freude [vgl. Mt. 25,21]. Solche farbenprächtigen Vorstellungen vom Reiche Gottes mögen manchem von uns zu kindlich und auch wohl zu materiell vorkommen. Ich will nicht mit ihm darüber streiten. Aber das möchte ich: ich möchte, wir hätten die kindlichen Gedanken aller Zeiten, und wir hätten dafür auch die klare Erkenntnis, die sich in solchen Gedanken ihren Ausdruck suchte, die Erkenntnis: Gott ist’s, der schafft und wirkt, wenn sein Reich kommt, wir können nur dastehen und bekennen: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel [Ps. 104,24]. Diese Erkenntnis fehlt uns: euch und mir auch. Wir meinen immer, das Reich Gottes sei das, was wir machen an guten und schönen Dingen, also z. B. unsere tiefen und richtigen Anschauungen über Gott und die Welt oder unser tugendhaftes Leben, unsre Bemühungen und Verbesserung der Welt und der Menschen oder gar, was das Gefährlichste ist: unsre christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Und darüber geraten wir so tief hinein in die Unkraft und in das Unrecht. Wenn es uns nicht gut geht, dann verzweifeln wir am Leben überhaupt, wenn man uns widerspricht, dann meinen wir gleich, es mit Widerspruch gegen Gott zu tun zu haben, wenn es uns mit unsrer guten Meinung nicht gelingt, dann denken wir, das Gute sei überhaupt angefochten. Und so sind wir zugleich selbstbewusst und haltlos, zugleich borniert und unsicher, und dies kleinliche Wesen nennen wir dann wohl gar noch Reichsgotteswerk. Das wusste Jesus anders, und Paulus wusste es anders, und Luther und Calvin wussten es anders. Für sie gab es nur ein Reichsgotteswerk: das, welches Gott selbst treibt. «Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet», hat Luther ausgelegt,10 und Paul Gerhardt hat es in Versen ausgedrückt:

Ihr dürft euch nicht bemühen
Noch sorgen Tag und Nacht,
Wie ihr ihn wollet ziehen
Mit eures Armes Macht.

259Er kommt, er kommt mit Willen,
Ist voller Lieb’ und Lust,
All Angst und Not zu stillen,
Die ihm an euch bewusst.11

Wir können keine Freude haben am Reiche Gottes, solange wir nicht gelernt, Gott wirklich kommen zu lassen. Wir müssen daran glauben lernen, dass das Gute die Macht ist in der Welt, auch ganz abgesehen von unsrer Person. Dann wird unser Streben frei von der Selbstsucht und ihren Enttäuschungen, dann sind wir zugleich bescheiden und sicher. Wir wissen, dass es auf uns nicht ankommt und dass wir doch auf dem allerfestesten Boden stehen. Wir warten dann auch auf die Gottesstadt Jerusalem, die wir nicht zu bauen haben mit unsern Steinlein und unserm Mörtel, sondern die vom Himmel kommt [vgl. Apk. 21,2]. – |

Und nun müssen wir wieder den scheinbaren Gegensatz aussprechen, der sich bei diesen Gedanken notwendig erheben muss. Es ist wahr, und wir wollen uns fest daran halten: Gottes Reich kommt ohne uns, es ist an uns und unser bisschen Anstrengung nicht gebunden. Und doch gibt es nichts, was die Menschen mehr in Bewegung versetzen könnte, als wenn das Reich Gottes zu ihnen kommt. Wenn das Reich Gottes zu den Menschen kommt, dann heißt das nicht, dass ihnen mit gekreuzten Armen12 etwas passiert, sondern das besteht ganz unmittelbar darin, dass jeder seinen besondern Auftrag bekommt. Dass das Reich Gottes kommt, das zeigt sich darin, dass die Menschen schaffen. Gerade weil Gott Alles allein macht, können die Menschen in seinem Reich nichts Anderes tun, als guten Willen zu bewähren an dem Platz oder Plätzlein, wo das Leben sie hingestellt. Denn Gott ist der große gute Wille in der Welt. Hat man das Vertrauen zu dieser Tatsache, da muss man sie auch in seinem Leben gelten lassen. Wo das Reich Gottes ist, da sind die Menschen an der Arbeit, und ich meine damit nicht irgend eine christliche Extraarbeit, sondern das, was ihr alle unter Arbeit versteht, das Werken in Haus und Feld und Fabrik, und wo es sei. Wo das Reich Gottes ist, da tut man alle diese |260 Arbeit freudig und aus Herzensgrund. Denn man weiß, dass man sie im Dienst Gottes tut, des Gottes, dessen ältestes Gebot lautet: Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die Erde untertan! [Gen. 1,28] Gott allein wirkt und die Menschen sollen schaffen, so lautet das Gesetz des Gottesreichs. Wieder ist’s ein Widerspruch, den wir damit aussprechen, aber der Widerspruch löst sich in der Erfahrung des Lebens. Es sind zwei Wege, die zum selben Ziel führen.

*   *   *

Und nun müssen wir auf noch Eines achten: Das Reich Gottes ist nicht da, sondern es kommt, es ist etwas Zukünftiges. Wenn wir beten: Dein Reich komme!, so sagen wir: lass deine glorreiche Zukunft Gegenwart werden. Unsre Augen sind dann vorwärts gerichtet, nicht auf das, was ist, sondern auf das, was werden soll in der Welt. Wer sein Neues Testament kennt, der weiß, dass alle seine Bücher voll sind von Zukunftsgedanken. Die Evangelien fangen an mit der Botschaft Johannes des Täufers: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! [Mt. 4,17]. Und die Offenbarung des Johannes schließt mit dem Gebet: Amen, ja komm, Herr Jesu! [Apk. 22,20] Die ältesten Christen lebten in der beständigen heißen Erwartung dieses Kommens. Und wie ist gerade diese Erwartung ihnen eine Kraft gewesen, die sie antrieb, sich zu heiligen und treu zu sein mit dem, was Jeder empfangen. «Wachet und betet, denn Ihr wisset weder Tag noch Stunde, da des Menschen Sohn kommen wird!» [Mt. 25,13]. Es sind dann Jahrhunderte und Jahrtausende gefolgt, in denen die Christenheit diese Zukunftserwartung fast völlig verlernt hat, in denen sie wenigstens in ihrer großen Mehrheit sich mit der Gegenwart zufrieden gab. Wir haben das hohe Vorrecht, in einer Zeit zu leben, die vielleicht mit mehr Verständnis als die meisten früheren wieder beten kann: Dein Reich komme! |

Die große sozialistische Bewegung hat es uns gezeigt, was das heißt: an die Zukunft glauben, wie das die Gedanken und die Arme der Menschen in Bewegung setzt, wenn man ihnen ein Bild vorhält mit der Verheißung: Das soll Wirklichkeit werden.13 Was würden wir |261 für eine Christenheit sein, wenn wir lernten, Gott wieder in der Zukunft zu suchen als den, der uns vorsteht. Wenn es mehr Sehnsucht gäbe in unsren Reihen, Sehnsucht nach dem Bessern im persönlichen und öffentlichen Leben, in Familie und Vaterland. Wir würden es dann auch erfahren, dass die Sehnsucht an sich selbst schon eine Kraft ist fürs Leben, das es etwas Größeres nicht gibt als den Willen zur Gerechtigkeit, zur Liebe, dass das Reich Gottes schon da ist, wo man ernstlich betet: Dein Reich komme! Oder war es etwa nicht da, als Jesus so gebetet hat? Hat er da Andern nicht gesagt: Ihr erwartet es, ihr stellt allerlei Überlegungen an über sein Kommen, aber so kommt es nicht, siehe, es ist in eurer Mitte [vgl. Lk. 17,21]! Das ist nun das Allermerkwürdigste und doch das Allersicherste: Gottes Reich, auf das wir warten, das ist schon da. Die Zukunft, nach der wir uns ausstrecken, sie ist bereits Gegenwart. |

Das war nun der vollkommene Widerspruch. Und doch ist es Wahrheit. Gottes Reich ist schon da in der Welt, weil Jesus schon da ist in der Welt. In ihm ist ein Stück Zukunft Gegenwart geworden, ein vorgeschobener Posten gleichsam im Feindesland. Und die zu ihm sich halten, die brauchen sich auch nicht mehr im Feindesland zu fürchten. Für sie ist die Zukunftsherrlichkeit des Gottesreiches bereits Gegenwart. Sie machen Erlebnisse, in denen sie im Gottesreich bereits mittendrin stehen, der Gehorsam Christi erfüllt sie, so dass sie Vertrauen bekommen zum Leben und durch Sorge und Leid hindurchgehen wie die Kinder. Die Liebe Christi dringet sie, dass sie nicht mehr anders können, als das Ihrige und sich selbst einzusetzen, um Andern einen Schritt weiterzuhelfen auf dem Weg zum Leben [vgl. 2.Kor. 5,14]. Der Friede Christi liegt in ihren Augen, so dass sie fähig werden, in der Schönheit der Welt, wie sie uns heute wieder einmal aufgegangen ist, die Herrlichkeit Gottes zu sehen. In solchen Erlebnissen ist das Reich Gottes da. Noch kennt ihr Leben auch andre Stunden, noch gibt es ungeheure Strecken darin, wo sie nur mit aller Kraft seufzen und beten können: Dein Reich komme! Aber sie selber haben geschmeckt und gesehen, wie freundlich der Herr ist [Ps. 34,9]. |262 Liebe Freunde, zu diesen Leuten gehören wir Alle, Alle ohne Ausnahme. Das Reich Gottes ist mitten unter uns, so sicher etwas vom Geiste Jesu mitten unter uns ist. Er ist an Keinem von uns ganz vorbeigegangen. Jeder von uns darf wissen, dass er in einem kleinen Stück seines Geschlechts ist [vgl. Act. 17,28]. Und dieses kleine Stück von seinem Geist soll uns das Unterpfand sein für das Reich Gottes, das kommt. Wer da hat, dem wird gegeben werden [Mt. 13,12]. Und wo das Reich Gottes ist, da kommt es. Glaubst du das?

Amen.

Sachfußnoten

1
Im Hintergrund des hier verwendeten Bildes steht die über Augustin vielfach und in verschiedenen Varianten erzählte Legende, nach der ein Junge, der am Strand das Meer mit einer Muschel ausschöpfen wollte, ihm die Augen dafür geöffnet habe, dass dies Unterfangen nicht weniger aussichtsreich sei als das Wesen Gottes ergründen zu wollen; vgl. G. Wenz, Filioque. Kontexte einer Kontroverse, in: ders., Grundfragen ökumenischer Theologie. Gesammelte Aufsätze, Bd. 2 (FSÖTh 131), Göttingen 2010, S. 242–309, dort S. 242, Anm. 1 📖.↩
2
Redewendung im Sinne von: jemand ist sehr überrascht, versteht gar nichts mehr, ist wie betäubt; vgl. Röhrich III, S. 738 📖.↩
3
Vgl. Didache 10,6 📖 (vgl. oben, S. 9, Anm. 7).↩
4
Siehe oben, S. 194, Anm. 5.↩
5
Vgl. Strophe 1 des Liedes «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh» von Fr. L. Jörgens 🎵:
Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?
Wer deckt sie mit schützenden Fittichen zu?
Ach, bietet die Welt keine Freistatt mir an,
Wo Sünde nicht herrschen, nicht anfechten kann?
Nein, nein, nein, nein! Hier ist sie nicht;
Die Heimat der Seele ist droben im Licht!
Abdruck u. a.: Lieder zur Ehre des Erretters! Vereinslieder des Blauen Kreuzes (Schweizerausgabe), Bern (19089) 192414, Nr. 80 📖; Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Dortmund o. J. [Ausgabe 1908; 1915; 1921], Anhang: Geistliche Lieder, Nr. 43 📖.↩
6
«Versammlungen» meint die neben dem oder im Gegenüber zum Gemeindegottesdienst stattfindenden Versammlungen der pietistischen Gemeinschaft (s. auch die nachfolgende Anm.).↩
7
«Kapelle» steht hier für den Versammlungsraum der pietistischen Gemeinschaft und wurde von Barth synonym auch für diese Gemeinschaft als solche verwendet: «Merkwürdigerweise machen z. Z. auch die Kapellenleute gegen mich mobil» (Bw.Thurneysen I, S. 325 📖). Vgl. E. Busch, Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung (BEvTh 82), München 1978, S. 47f., Anm. 78 📖.↩
8
Vgl. Fr. Chr. Oetinger, Biblisches und emblematisches Wörterbuch (1776), Bd. 1: Text, hrsg. von G. Schäfer (Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. VII: Friedrich Christoph Oetinger, Bd. 3/1), Berlin 1999, S. 223 📖: «Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes, wie aus der Stadt Gottes klar erhellet.» Der Satz wird aber auch in der von Barth genannten Version («Wege» statt «Werke») zitiert: vgl. etwa C. A. Auberlen, Die Theosophie Friedrich Christoph Oetinger’s nach ihren Grundzügen. Ein Beitrag zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Philosophie, Zweite Ausgabe, Basel 1859, S. 33.155.516 📖.↩
9
Vgl. J. Weiß, Die drei älteren Evangelien, in: SNT I, Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 233 📖: «In beiden Ausdrücken der Evangelien kommt diese letztere Beziehung stark zum Ausdruck, daß Gott seine Herrschaft errichten wird, daß das Reich vom Himmel her kommt. Damit ist ausgeschlossen sowohl die ethische Vorstellung, daß das Reich Gottes erst durch das Handeln der Menschen entsteht, wie die andre, daß das Himmelreich dauernd droben im Himmel bleibt, […]. Der Begriff ist nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten gedacht.»↩
10
Vgl. die Auslegung der zweiten Bitte des Vaterunsers in Luthers Kleinem Katechismus (BSLK, S. 513,7–9 📖; vgl. BSLK.NE, S. 876,4f. 📖): «Gottes Reich kömmpt wohl ohn unser Gebet von ihme selbs, aber wir bitten in diesem Gebet, daß es auch zu uns komme.»↩
11
Strophe 7 des Liedes «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt (GERS 90; RG 367; EG 11) 🎵.↩
12
Vgl. oben, S. 181, Anm. 12.↩
13
Den Gedanken einer Vergleichbarkeit der Ziele von sozialistischer Bewegung und Christentum führte Barth im Dezember 1911 in einem Vortrag auf Einladung des Arbeitervereins Safenwil aus, der auch sonst viele Parallelen zur Gedankenführung dieser Predigt aufweist: K. Barth, Jesus Christus und die soziale Bewegung (1911), in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 380–409 📖.↩