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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Mt. 6,10b</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Mt. 6,10b, 27. August 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51023 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 263–273.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Mt. 6,10b</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,10b, 27. August 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1519">KBA 1054</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-08-27">Sonntag, den 27. August 1911</date> 
                        <lb/>(11. nach Trinitatis)
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10b</ref>
                            <quote>
                                Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine Freunde!</salute>
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                <div type="main">
                <p>Es sieht auf den ersten Blick recht schwer aus, zu sagen, in was nun der Unterschied besteht zwischen dem Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, von dem wir vor acht Tagen sprachen,<note xml:id="n01">Siehe oben, <ref type="pub" target="51022">S. 251-262, Predigt Nr. 75</ref>.</note> und dem Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term>, von dem in der uns heute vorliegenden Bitte des Unser <term type="Sachen" key="Unser Vater">Vaters</term> die Rede ist. Beide Male handelt es sich doch offenbar um die göttliche <term type="Sachen" key="Ordnung, göttliche Lebensordnung">Lebensordnung</term>, die bei uns herrschend werden muss und durch die wir freie und heilige Menschen werden. Es haben darum auch manche, die dies Gebet auslegten, darauf verzichtet, etwas Neues und Besonderes in der Bitte «Dein Wille geschehe!» zu finden. Ich meine nun auch: wenn wir der Sache auf den Grund gehen, so ist es eins und dasselbe, um das wir in beiden Fällen bitten: «Dein Reich komme» und «Dein Wille geschehe». Denn wenn Gottes Reich kommt, dann geschieht sein Wille, und sein Wille besteht darin, dass sein Reich komme. Und doch tun wir gut, auf das Besondere zu achten, das in den beiden Ausdrücken liegt und das uns auch etwas Besonderes zu sagen hat. Bei Gottes <hi rend="italic">Reich</hi> denken wir, wie das Wort es nahelegt, in erster Linie an Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Macht">Macht</term>. Wir suchen dann danach, wie wir es vor acht Tagen ausgelegt, dass diese Macht immer mehr die Macht auch in unserm Leben werde. Allein nun kommt Gottes Reich in unendlich vielen Fällen in einer verhüllten <term type="Sachen" key="Reich Gottes, kommt in verhüllter Weise">Weise</term> zu uns, wenn ich so sagen darf. Wir spüren wohl Gottes Macht, wir fühlen uns in seiner Hand, aber es liegt noch eine bedenkliche Schranke zwischen ihm und uns. Es geschieht ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, ein Eisenbahnunglück. Kein frommer, ja was sage ich, kein nachdenkender Mensch überhaupt kann daran zweifeln, dass ein solches Ereignis eine Handlung der Königlichen Macht <term type="Sachen" key="Unglück, Handlung der königlichen Macht Gottes">Gottes</term> ist. Und doch ist es uns ein dunkles Ereignis zunächst. Wir stehen und fragen: Warum musste es so sein? |</p>
                <p><pb xml:id="p264" ed="pga" rend="noPipe"/>Oder denken wir, wie es uns in unserm eigenen Leben so oft geht: wir stehen vor irgend einer <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term>, wo wir vor der Wahl sind, so oder so oder so zu handeln. Wie wir uns auch entschließen, wir wissen von vornherein: unser Entschluss ist in der Macht <term type="Sachen" key="Entscheidung, unsere E. ist in der Macht Gottes">Gottes</term>: er lenkt unsre Gedanken und das, was daraus folgt, nach seinem <term type="Sachen" key="Gott, Wohlgefallen">Wohlgefallen</term>. Wir dürfen und sollen die kühne Zuversicht haben, dass <term type="Sachen" key="Gott, braucht auch unsere bösen Taten zu Gutem">Gott</term> auch unsre bösen Gedanken und Taten braucht für sein <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term>, zu irgendetwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutem</term>, gerade wie ein geschickter Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug etwas Gutes machen kann. Und doch spüren wir deutlich: wir werden in solchen Augenblicken ins Dunkel, auf einen Abgrund zulaufen, wollten wir einfach mit den Achseln zucken und sagen: es ist gleichgiltig, wie ich mich entschließe, Gott macht ja doch Alles allein. Wir haben das dringende Bedürfnis, uns noch nach etwas Anderem umzusehen als nach der bloßen Gewissheit, dass Gottes Macht unser Leben regiert. – |</p>
                <p> Da ist <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> im Garten <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName>. Er hat einen Wunsch mitgebracht, den trägt er dort Gott vor. Der Wunsch lautet: Vater, ist es möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.39">Mt. 26,39</ref>] Gewiss kein Wunsch, dem Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Macht">Macht</term> und <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Herrlichkeit</term> hätte entgegen sein müssen. Und doch lag in diesem Wunsch noch eine Scheidewand, die ihn auf Augenblicke von Gott trennte. Es war noch eine Dunkelheit und <hi rend="italic">Zweideutigkeit</hi> in seinem innern <term type="Sachen" key="Jesus Christus, inneres Leben">Leben</term>, solange sein <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> nicht höher stieg.</p>
                <p>Und nun gibt es etwas Höheres, etwas Innerliches, Inniges, Persönliches, das die letzte Scheidewand zwischen Gott und uns zerbricht, das uns in die tiefe, bewusste <term type="Sachen" key="Gemeinschaft, mit Gott">Gemeinschaft</term> führt mit ihm, und das ist, wenn sein <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes"><hi rend="italic">Wille</hi></term> geschieht, nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden, nicht nur in der Gotteswelt überhaupt, sondern in uns. Gottes Reich kann längst zu uns gekommen sein, wir mögen in seiner <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Herrschaft">Herrschaft</term> längst drinstehen, aber wir tun’s unbewusst. Wir gleichen Schlafwandelnden, die von einer freundlichen Hand ohne ihr Wissen geleitet und vor dem Fall geschützt werden. In diesem Fall sind wir Alle in unsrer Jugend. Da leben wir dank unsrer <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term> im Gottesreich und seiner <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Ordnung">Ordnung</term> bereits mitten drin, ohne uns Rechenschaft darüber zu geben. Und wie vielen Erwachsenen ist das Reich Gottes unmerkbar die Luft, in der sie leben und atmen. Recht zu sein und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> zu üben, tief zu empfinden und edel zu denken, das ist <pb xml:id="p265" ed="pga"/> ihnen etwas Angeborenes, Selbstverständliches. Ich denke dabei gar nicht an irgendwelche <term type="Sachen" key="Mensch, Extra-Menschen">Extra-Menschen</term>, sondern an den <term type="Sachen" key="Mensch, Durchschnittsmensch">Durchschnitt</term> von uns Menschen wie wir sind, an das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, Reichsgottesmäßige, das jeder von uns in sich trägt. Dieses Erbteil haben die Meisten von uns unbewusst. Wir sind in einem kleinen Stück unsres Wesens <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu, ohne es zu wissen. Das ist kein idealer Zustand. Es ist nie gut, wenn man eine Erbschaft, die man gemacht, in die Tasche steckt und damit einschläft. Sie könnte uns gestohlen werden. Aber gerade solche Schläfer sind wir mit unserm unbewussten Reichsgottesbesitz.</p>
                <p>In diesen unsern Schlaf hinein kommt es nun wie eine Wecktrompete: <hi rend="italic">Dein Wille geschehe!</hi> Es ist nicht genug, dass wir in Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Macht">Macht</term> sind, es ist nicht genug, dass Gottes <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> irgendwie auch zu uns gekommen ist. Das Alles gibt uns erst dann <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> für unser Leben, wenn wir die Gesinnung <term type="Sachen" key="Gott, Gesinnung">Gottes</term> begreifen und ergreifen, die in den Taten seiner Macht zu uns redet, wenn wir bewusst und freudig und selbständig nicht nur geführt und geleitet werden, wie er will, sondern tun und wollen, wie er will. Es muss da etwas mit uns geschehen, wie das Durchbrechen der Sonne durch die Wolken. Das verborgene Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes, verborgenes R. G. in der Welt">Gottes</term> in der Welt und in unserm <term type="Sachen" key="Reich Gottes, verborgenes R. G. in unserem Leben">Leben</term> muss sich enthüllen. Wir müssen klar werden, was Gottes Macht nicht nur im Allgemeinen, sondern gerade mit uns will. Das ist das Besondere, um das wir bitten, wenn wir sagen: Dein <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> geschehe! Wir möchten das Innere, das Persönliche, den Vorsatz und Gedanken, der in Gottes Reich waltet, zuerst verstehen und dann uns zu eigen machen.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Zuerst ist’s also ein <hi rend="italic">Verständnis</hi>, das wir suchen, wenn wir bitten: Dein Wille geschehe! Wir stehen vor der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und unserm <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>. Aber wir verstehen sie nicht. Sie gleichen einem Buch, auf dessen Titel jemand das Wort «Gott» geschrieben hat. Das verstehen wir. Aber was dann weiter kommt, das wissen wir nicht zu deuten. Es ist in einer fremden Sprache geschrieben. Wir wissen nicht, was das Alles mit «Gott» zu tun haben soll, der auf dem Titel steht. Dunkel sind uns die Ereignisse, die wir erleben, schwierig die Entscheidungen, die wir fällen sollen, traumhaft und unbewusst sogar das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, in uns selbst">Gute</term> und Göttliche, das in uns selbst ist. Da müssen wir also vor Allem lesen lernen im Buche des <term type="Sachen" key="Leben, Buch des L.">Lebens</term>.</p>
                <p><pb xml:id="p266" ed="pga" rend="noPipe"/>Und jeder Lehrer wird uns sagen, dass man zum Lesenlernen nicht mit den schwierigen Buchstaben und Worten anfängt, sondern mit den leichten. Das wollen wir auch so machen. Wenn wir jetzt fragen: was ist der Sinn und Wille Gottes, der hinter den Ereignissen steckt?, dann wollen wir nicht zuerst an das Erdbeben von <placeName ref="kbga-places-1059">Messina</placeName><note xml:id="n02">Am <date when="1908-12-28">28. Dezember 1908</date> zerstörte ein Erdbeben weite Teile von <placeName ref="kbga-places-1059">Messina</placeName> und anderen Städten; dem Beben und dem darauf folgenden Tsunami fielen nach Schätzungen zwischen 70 000 und 100 000 Menschen zum Opfer.</note> denken oder an die Eisenbahnkatastrophe von <placeName ref="kbga-places-1469">Müllheim</placeName><note xml:id="n03">Am <date when="1911-07-17">17. Juli 1911</date> raste ein von <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> kommender D-Zug in <placeName ref="kbga-places-1469">Müllheim (Markgräflerland)</placeName> in eine Baustelle; bei diesem Unglück starben 14 Menschen, 32 wurden verletzt.</note> oder an die traurigen <term type="Sachen" key="Unglück">Unglücksfälle</term>, die wir vor 14 Tagen in unsrer Nachbarschaft erlebt haben,<note xml:id="n04">Vermutlich meint <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Brände, denen am <date when="1911-08-03">3. August 1911</date> in der Nähe des benachbarten <placeName ref="kbga-places-382">Uerkheim</placeName> drei Menschen zum Opfer fielen (vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/51/p400#fn_n05">S. 400, Anm. 5</ref>), denn gegen Ende der Predigt benutzt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen Brandfall als Folie, um das gegenüber Unglücksfällen solcher Art angemessene Verhalten zu beschreiben.</note> sondern einmal an etwas ganz Einfaches, dafür aber ganz Sicheres. Ihr habt Alle schon des Nachts zum Sternenhimmel aufgesehen. Ich weiß nicht, was euch dabei bewegt hat; vielleicht war es die Pracht des leuchtenden Firmamentes, vielleicht der Gedanke an seine <term type="Sachen" key="Unendlichkeit">Unendlichkeit</term>, vielleicht der Schauder des Geheimnisses, der uns erfasst, wenn wir es versuchen zu ermessen: woher? wohin? seit wann? wie lange? das Alles. Ich denke jetzt an etwas Anderes. Was mich ergreift, das ist die unermessliche <term type="Sachen" key="Ordnung, der Welt"><hi rend="italic">Ordnung</hi></term> und Regelmäßigkeit, die in dem Allem waltet. In dem ganzen Meer von Welten, in das wir da hineinsehen, ist keine Spur von Willkür, sie Alle kommen und gehen nach ewigen, ehernen, großen <term type="Sachen" key="Gesetze">Gesetzen</term>, jedes nach dem seinen: Fixsterne, Planeten und Monde, und sogar für das Erscheinen eines so verlorenen Gesellen wie des <term type="Sachen" key="Komet, Halleyscher">Kometen</term> vom letzten Jahr<note xml:id="n05">Im Jahr <date when="1910">1910</date> näherte sich der Halleysche Komet der Erde sehr nahe an und war über Monate hinweg sichtbar. Nachrichten über giftige Stoffe im Schweif des Kometen, den die Erde am <date when="1910-05-19">19. Mai 1910</date> durchquerte, hatten zuvor viele Menschen verunsichert.</note> haben die Gelehrten die Regel gefunden, das Gesetz, über das er nicht hinaus kann. Ja, was sagt uns denn das Alles? Es sagt uns, dass eine Ordnung da ist in der <term type="Sachen" key="Ordnung, der Welt">Welt</term>, sagt es uns in einer Weise, dass nicht darüber zu <pb xml:id="p267" ed="pga"/> diskutieren ist. Hier ist nichts, was du erst «glauben» müsstest, du brauchst nur zu sehen. Die Welt ist nicht ein Zusammenhang des <term type="Sachen" key="Zufall">Zufalls</term> und der Willkür, sondern ein festverschränktes Gefüge von Ursachen und Wirkungen, eine Bewegung in immer gleichen Bahnen. Du weißt, das gilt nicht nur von der Sternenwelt, sondern von der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> überhaupt. Und nun stehst du unter diesen Sternen und inmitten dieser Natur. Kannst du noch immer nicht lesen? Verstehst du den Buchstaben nicht, den du gesehen hast und der <term type="Sachen" key="Ordnung">«Ordnung»</term> heißt? Durch Alles hindurch, was wirklich ist, geht die Ordnung und Regelmäßigkeit. Sieh, jetzt hast du bereits etwas vom Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> kennengelernt. Sein Wille ist nicht eine Laune, sondern er<note xml:id="n06"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «sie».</note> ist <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term>. Er ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern der Ordnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.14.33">1.Kor. 14,33</ref>]. |</p>
                <p>Versuch’s einmal, mit Hilfe dieses Buchstabens, den du verstanden, weiter zu lesen in dem großen Buche des Lebens. Da sind jene <term type="Sachen" key="Unglück">Unglücksfälle</term> vor Allem, die es uns so schwer fällt, mit dem Gedanken an Gott zusammenzubringen. Ja, ein <term type="Sachen" key="Trost">Trost</term> ist es sicher noch nicht, aber eine Gewissheit, an die wir uns halten wollen: Auch das Schwerste und Schrecklichste, was geschehen kann, geschieht nach der ewigen <term type="Sachen" key="Ordnung, ewige">Ordnung</term> und Gesetzlichkeit, die in Allem waltet. Gegen einen <term type="Sachen" key="Zufall">Zufall</term>, wenn es einen gäbe, könnte man anstürmen und die Faust machen, vor der Ordnung werden wir Ehrfurcht empfinden, auch wo sie uns schrecklich ist. Und wenn du, wie wir’s beschrieben, an Kreuzwegen des Lebens stehst und nicht weißt: soll ich links oder rechts gehen, muss da nicht die Ungewissheit schwinden, sobald du dir klar machst: Willkür und Laune wäre eine <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> gegen die Grundverfassung der <term type="Sachen" key="Welt, Grundverfassung">Welt</term>, sobald du dich fragst: welches ist der Weg, den ich – nicht gehen kann und nicht gehen möchte –, sondern gehen <hi rend="italic">muss,</hi> wie die Sonne ihre Bahn geht? – |</p>
                <p>Aber du musst weitere Buchstaben kennenlernen in dem großen Buche des <term type="Sachen" key="Leben, Buch des L.">Lebens</term>. Betrachte jetzt einmal die <term type="Sachen" key="Vergangenheit">Vergangenheit</term> der Welt und vergleiche sie mit der <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term>. Denk an das, was du etwa weißt von den Zuständen vor 100 oder 200 Jahren, oder an das, was du in der <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term> gehört aus der alten <term type="Sachen" key="Schweiz, Geschichte">Schweizergeschichte</term>. Ganz unverkennbar drängt es sich dir dann auf, dass da ein <term type="Sachen" key="Fortschritt, in der Geschichte"><hi rend="italic">Fortschritt</hi></term> da ist auf allen <pb xml:id="p268" ed="pga"/> Gebieten vom Groben zum Feinen, vom Niedern zum Höhern. Man kann darüber streiten, ob die Menschen besser geworden seien gegen früher, aber darüber kann man nicht streiten, dass wir bessere Maschinen haben als früher, dass wir mehr wissen als früher, dass man genauer, sorgfältiger denkt und arbeitet als früher. Das sind Tatsachen. Ist das nicht auch ein Buchstabe in dem unverständlichen Buche des <term type="Sachen" key="Leben, Buch des L.">Lebens</term>, auf dessen Titel das Wort «Gott» steht? Ist’s nicht auch etwas von dem Willen dieses Gottes? Und hilft dir dieser Buchstabe nicht Wörter entziffern, die dir vorher noch spanisch waren?<note xml:id="n07">Wenn einem etwas «spanisch vorkommt», hält man es für merkwürdig oder unverständlich; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 121</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich IV, S. 1493f.</bibl></note> Vielleicht bist du einer von den eingeschlafenen <term type="Sachen" key="Jünger">Jesus-Jüngern</term>, von denen, die unbewusst ein Stück Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> in sich tragen. Muss es dir nicht zu denken geben, dass die ganze Geschichte der Menschheit unwiderleglich einen <term type="Sachen" key="Fortschritt, in der Geschichte">Fortschritt</term>, sei er, welcher er wolle, erkennen lässt? Heißt das nicht, dass dein Samenkorn wachsen muss, dass es bei dir im Kleinen gehen sollte wie bei der Menschheit im Großen: vom Groben zum Feinen, vom Guten zum Bessern? Und ist nicht das, was du von Jesu Art in dir hast, das größte Fortschrittsprinzip, weil es das Allerlebendigste ist, was man sich denken kann? – |</p>
                <p>Aber es gibt auch etwas zu lesen und zu erkennen, das größer ist als die <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term> und als der <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>. Und dazu brauchst du weder nach dem Sternenhimmel zu sehen noch in die <term type="Sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term>. Achte einmal darauf: was ist’s, das den Menschen schließlich das Leben möglich macht, das Leben in der <term type="Sachen" key="Ehe">Ehe</term> z. B. oder das Leben in der <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>, im Geschäft, unter Freunden, das Leben in <term type="Sachen" key="Gemeinde (politisch)">Gemeinde</term> und <term type="Sachen" key="Staat">Staat</term> sogar? Viele sagen, es sei die <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>, das Leben nach den eigenen Gedanken, Wünschen und <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühlen</term>. In Wirklichkeit löst ein solches Leben das Leben auf. Keine <term type="Sachen" key="Ehe">Ehe</term> könnte damit bestehen, kein Vater seine Kinder <term type="Sachen" key="Erziehung">erziehen</term>, keine gemeinsame <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> vollbracht werden, keine aufrichtigen Beziehungen unter Menschen andauern, ja, kein <term type="Sachen" key="Volk">Volk</term> und Land würde sich erhalten, wenn die <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> die Grundkraft im Leben wäre. Sondern alles <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> besteht darin, dass Einer sich einsetzt für Andre. Der Eine tut es damit, dass er seine Kraft der gemeinsamen <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> widmet, der Andre damit, dass er auf irgend etwas verzichtet, einen Anspruch nicht geltend macht, Wünsche nicht <pb xml:id="p269" ed="pga"/> äußert oder durchsetzt, die er sonst hatte. Das ist das wirkliche <term type="Sachen" key="Leben, wirkliches">Leben</term>. Es ist überall etwas von <term type="Sachen" key="Liebe"><hi rend="italic">Liebe</hi></term> darin schon auf den ersten Blick, und wenn man genauer zusieht, ist die Liebe die starke Klammer, die Alles zusammenhält. Siehst du den Buchstaben und verstehst du ihn? Wie wäre es, wenn das die höchste Erkenntnis des Willens <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> wäre? Wenn darin die <term type="Sachen" key="Ordnung, im Leben">Ordnung</term> und der Fortschritt im <term type="Sachen" key="Fortschritt, im Leben">Leben</term> bestünden, dass wir Menschen <term type="Sachen" key="Gemeinschaft, von Menschen untereinander">Gemeinschaft</term> untereinander haben, dass wir einander liebhaben? Ich glaube hier ist der Punkt, wo Jesus in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> vom Dunkel ans Licht gekommen ist. Wäre der Kelch vorübergegangen, das Leiden ihm erspart geblieben, so wäre das die Erfüllung <hi rend="italic">seines</hi> Wunsches gewesen. Andern hätte er damit nicht geholfen. Er drang aber damals durch zu der Erkenntnis: ich muss den Andern helfen, und weil es sein soll durch <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leiden</term>, so geschehe dein <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term>. Es ist die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> gewesen, die in ihm gesiegt hat.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Liebe Freunde! Wer sich interessiert für die Frage: was ist der Wille Gottes, der hat noch immer Antwort gefunden. Man braucht bloß die Oberfläche des Lebens etwas anzuschürfen, wie wir es eben getan haben, so tritt das lautere Gold des Gotteswillens an das Licht des Tages. <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term>, <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term>, <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> habe ich genannt. Es ist lange nicht Alles. Wir könnten auf dieselbe Weise die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, die <term type="Sachen" key="Schönheit">Schönheit</term>, die <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> entdecken und so manche andre Züge, die zum Bilde des Willens Gottes gehören. Was wir nannten, mag für heute genügen. Es sagt jedem deutlich genug, worauf es bei dem Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> ankommt.</p>
                <p>Aber nun kommt erst die Frage, die Hauptfrage: Was machen wir damit? Der begriffene Wille Gottes will ergriffen sein. Ich glaube, wir Alle leiden in irgend einer Weise darunter, dass wir den Willen Gottes wohl erkennen, aber nicht bei uns gelten, nicht in uns geschehen lassen. Es gibt keinen einzigen Menschen, dem nicht einmal irgend etwas aufgegangen wäre von den Zusammenhängen im Leben, die wir genannt haben, der nicht den einen oder andern Buchstaben erfasst hätte, der ihm den Sinn des <term type="Sachen" key="Leben, Sinn">Lebens</term> oder den Willen Gottes deuten konnte. Aber daran fehlt es, dass wir diesen Willen bei uns zur Ausführung kommen lassen. Wir stehen daneben und weichen ihm aus, <pb xml:id="p270" ed="pga"/> statt uns von ihm ergreifen zu lassen. Wir gleichen einem Menschen, der an einem Strome steht, dessen Wellen ihn sicher in ein schönes Land tragen würden, und ein Boot wäre auch da, er brauchte nur einzusteigen. Aber er steht und zaudert, er kann sich vom Ufer nicht trennen, er traut dem Boote nicht, er fürchtet die Bewegung der ­Wellen. Die Wellen kommen und gehen und schlagen ans Ufer – – – –  So stehen wir neben dem Willen Gottes, nachdem wir ihn längst begriffen. Und es ist das große Herzeleid unsres Lebens, das wir so daneben stehen. Denn täuschen wir uns nicht: wer ihn einmal gesehen und verstanden hat, der kann an dem Halbdunkel, in dem er lebt, keine Freude mehr haben. Wer es <hi rend="italic">einmal</hi> erfasst und eingesehen: im ganzen <term type="Sachen" key="Ordnung, Zucht und O. im Weltall">Weltall</term> waltet Zucht und Ordnung, den peinigt es von da an, dass in ihm selbst die Laune, die <term type="Sachen" key="Leidenschaft">Leidenschaft</term>, die <term type="Sachen" key="Stimmung">Stimmung</term>, die Willkür waltet. Wie ein Ausgeschlossener kommt er sich vor im Reiche des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>. Wer es <hi rend="italic">einmal</hi> begriffen hat, dass das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, kein toter Besitz">Gute</term>, das von unsern Eltern her fast unbewusst in uns lebt, kein toter Besitz sein darf, sondern wachsen und fortschreiten muss, den lässt der Gedanke nicht mehr in Ruhe; er wird misstrauisch gegen sich selbst, seine guten Seiten erscheinen ihm in einem andern Licht. Die kindliche <term type="Sachen" key="Freude, kindliche F. an sich selbst">Freude</term> an sich selbst und seiner <term type="Sachen" key="Tugend">Tugend</term> ist ihm verlorengegangen. Und wer <hi rend="italic">einmal</hi> hinausgesehen hat über die Klostermauern der <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> in das Land der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, der wird die Sehnsucht danach nicht mehr los. Es stört ihn in seinen schönsten Träumen und es verdirbt ihm die Stunden höchsten Genusses der Gedanke, dass er ein toter Ast ist, solange er innerlich so lebt, wie er es jetzt tut, dass die Menschheit vor 6000 Jahren schon zu Grunde gegangen wäre, wäre nicht immer wieder ein gesunder Stamm von Männern und Frauen dagewesen, die den Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> gelten ließen und Liebe übten. Es hilft uns nichts: wir richten uns zu Grunde, solange wir dem Willen Gottes gegenüberstehen, ihn bewundern und preisen, aber ihn nicht selber annehmen und tun.</p>
                <p>Jesus hat gesagt: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Ja, im Himmel geschieht er, in der großen Gotteswelt geschieht er beständig, und es ist nicht so schwer, ihn zu erkennen. Aber das ist schwer, ihn auf Erden, bei uns geschehen zu lassen. Und das ist’s gerade, worum wir beten. Aber dieses <term type="Sachen" key="Beten, innerer Vorgang">Beten</term> muss ein innerer Vorgang sein, nicht ein bloßes <term type="Sachen" key="Beten, kein bloßes Wort">Wort</term>. Beten wir: Dein Wille geschehe!, dann heißt das, dass der Wille Gottes, den wir erkannt, in uns in Kampf tritt <pb xml:id="p271" ed="pga"/> mit dem Willen von allerlei andern scheinbaren <term type="Sachen" key="Gewalten">Gewalten</term>. Es sind scheinbare <term type="Sachen" key="Gewalten, scheinbare">Gewalten</term>; es geht ihnen, wie es jetzt den Morgennebeln geht, wenn die Sonne ernsthaft darauf scheint: sie lösen sich auf, und man weiß nicht mehr, wo sie gewesen sind. Aber auflösen müssen sie sich. Damit geschieht dann der Wille Gottes. Da ist die scheinbare Gewalt der <term type="Sachen" key="Natur, scheinbare Gewalt">Natur</term>, wie sie z. B. bei einem <term type="Sachen" key="Unglück">Brandunglück</term> zum Ausdruck kommt. Ist es uns nicht, als ob da auch ein Wille, aber ein finsterer, zerstörender Wille am Werke sei? Seht, solche Gedanken verscheuchen wir, indem wir unser Herz in beide Hände nehmen und Gott anreden: dein <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> geschehe! deine <term type="Sachen" key="Gott, Ordnung">Ordnung</term>, deine <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> triumphiere! Ja, und was heißt denn das nun Anderes in einem solchen Unglücksfall, als dass wir mit beiden Händen an die Arbeit gehen sollen, um die Wunden, die das <term type="Sachen" key="Unglück">Unglück</term> geschlagen, zu verbinden. Ja nicht mit frommem <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, frommer Augenaufschlag">Augenaufschlag</term> daneben stehen, sondern zugreifen und helfen, dann geschieht Gottes Wille. – |</p>
                <p> Eine andere scheinbare Gewalt sind die <term type="Sachen" key="Menschen, scheinbare Gewalt">Menschen</term> mit ihren Sitten, Gewohnheiten, Anschauungen und Vorurteilen. Es ist uns oft auch zu Mute, wie wenn wir’s da mit einem einheitlichen Willen zu tun hätten, obwohl er zugleich in vielen Hunderten von Köpfen lebt, und dieser Wille ist oft so schrecklich eng und beschränkt. Aber es ist ein Wille, der sich auflösen muss, wenn wir ihm entgegentreten mit dem Gebet: Gott, <hi rend="italic">dein</hi> Wille geschehe! Denn wer so betet, der trägt eine Macht im Busen, die stärker ist als alle Vorurteile. Auch da wird unser <term type="Sachen" key="Gebet, besteht am besten in der Tat">Gebet</term> wieder am besten in der <hi rend="italic">Tat</hi> bestehen, in einem <term type="Sachen" key="Leben, voll Wahrheit und Schönheit">Leben</term> voll Wahrheit und Schönheit. Das steht dann im Meer der Reden, die die Leute führen, und der Hindernisse, die sie uns bereiten, wie ein Felsen. – |</p>
                <p>Aber die größte scheinbare Gewalt, der größte Gegenwille gegen den Willen Gottes ist nicht außer uns, sondern in uns. Diese Gewalt heißt <term type="Sachen" key="Ich, scheinbare Gewalt"><hi rend="italic">Ich</hi></term>. Wir kennen sie Alle. Wenn der Wille <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> uns zur <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term>, zum <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> anhält, dann lockt uns das <term type="Sachen" key="Ich">Ich</term>, es sei besser, nach Belieben zu leben. Wenn der Wille Gottes uns auf die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> weist, dann findet das Ich seine Freude darin, sich zu verkleiden vor sich selbst und den Andern. Wenn der Wille Gottes uns zur <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> treibt, so ist es dem Ich wohler in der Untätigkeit. Wenn der Wille Gottes sich offenbart als die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, die Alles schafft und Alles leitet, so gibt das Ich dem kleinlichen Instinkt Recht, der die eigene Person zum Mittelpunkt der <term type="Sachen" key="Ich, macht sich zum Mittelpunkt der Welt">Welt</term> macht. Wenn irgendwo, so heißt es nun hier: <pb xml:id="p272" ed="pga"/> Dein Wille geschehe! Wenn es irgendwo schwer ist, so zu beten, so ist es hier. Aber nirgends ist es auch so herrlich, wie wenn hier im innersten Heiligtum des <term type="Sachen" key="Mensch, innerstes Heiligtum">Menschen</term> der Gott des falschen, scheinbaren Willens vom Altar stürzen muss, um dem lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> den Platz zu räumen. Da muss es nun freilich zu einem Kampf auf Leben und Tod kommen. Denn wir können den Willen <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Gottes</term> überall gelten lassen, [dass] aber gerade in unserm Inwendigsten er an die Stelle von uns selbst treten müsse, das geht uns schwer ein. Hier sind die Nebel hartnäckig. Bei Manchen weichen sie erst, wenn es Mittag wird. Und wieder bei Manchen sind sie noch am Abend nicht verschwunden. Wer wäre fertig mit diesem Kampf? Seht, wir wollen ihn Alle aufnehmen an der Stelle, wo wir stehen. Bei dem Einen muss die Ernsthaftigkeit den Leichtsinn überwinden, beim Andern die Klugheit den Eigendünkel, beim Dritten die Aufrichtigkeit die Schlauheit, beim Vierten die Freundlichkeit den Starrsinn. Es ist immer derselbe Vorgang. Der Wille Gottes muss an die Stelle unsres Willens treten, der geschlagene Feind muss die Stadt verlassen und der Sieger durch das andere Tor einziehen. So sieht’s aus, wenn Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> geschieht. Darum müssen wir bitten. <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> hat es in seinen wundervollen Versen beschrieben:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Du durchdringest Alles!</l>
                            <l>Komm mit deinem Lichte</l>
                            <l>Zu berühren mein Gesichte!</l>
                            <l>Wie die zarten Blumen</l>
                            <l>Willig sich entfalten</l>
                            <l>Und der Sonne stille halten:</l>
                            <l>Lass mich so, still und froh,</l>
                            <l>Deine Strahlen fassen</l>
                            <l>Und dich wirken lassen!<note xml:id="n08">Strophe 6 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">«Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 174; RG 162; EG 165)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <pb xml:id="p273" ed="pga"/>
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-146">Nr. 42: «Die goldne Sonne» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–3 (RG 571; EG 449 [dort jeweils: «Die güldne Sonne»; EG 449,3 mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-80">Nr. 229: Ich habe nun den Grund gefunden» von <persName ref="kbga-actors-1396">J. A. Rothe</persName>, Strophen 1, 3 und 9 (EG 354; dort ohne Strophe 9)</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
