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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,10a</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,10a, 20. August 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51022 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 251–262.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,10a</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">251–262</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,10a, 20. August 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1518">KBA 1053</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-08-20">Sonntag, den 20. August 1911</date> 
                        <lb/>(10. nach Trinitatis)
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Matthäus 6,10a</ref>
                            <quote>
                                Dein Reich komme!
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
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                <div type="main">
                <p>Die Bitte: Dein Reich komme! ist die größte und wichtigste unter den Bitten des <term type="Sachen" key="Unser Vater">Unser-Vaters</term>. Jesus lebte und arbeitete und starb für nichts Anderes als für das Eine, dass Gottes <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> komme, und wir können uns auch nicht ernstlich denken, dass er um etwas Anderes zu Gott gebetet hat als darum, dass sein Reich komme. Wenn er gelegentlich und auch im Unser-Vater noch um andere Dinge gebetet hat, so sind das doch nur andre Worte für dieselbe Sache. Das Gebet um das Kommen des Gottesreichs war der Strom, in den alle seine andern Gebete schließlich einmündeten. Und was für Jesus gilt, das gilt auch für alle die, die seine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> und <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolger</term> sein möchten. Er hat nicht nur sein eigenes, sondern <hi rend="italic">unser</hi> Lebensprogramm ausgesprochen in dem bekannten Wort: Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch Solches Alles zufallen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref>]. Sollen wir am Ersten danach trachten, so sollen wir auch am Ersten darum beten. Es gibt für unser <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">äußeres</term> und inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>, für unser Leben in der <term type="Sachen" key="Leben, in der Welt">Welt</term> und für unser Leben in <term type="Sachen" key="Leben, in Gott">Gott</term> nichts anderes, woran uns mehr gelegen sein könnte, als das, worum wir bitten, wenn wir es Jesus nachsprechen: Dein Reich komme!</p>
                <p>Aber eben weil das so ist, scheint es mir ein ganz unmögliches Unternehmen, über dies Wort eine <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> zu halten, was man so unter einer Predigt versteht, es auszulegen, zu erklären und anzuwenden. Es ist zu groß dazu, denn es ist einfach Alles darin. Man könnte es gerade so gut unternehmen, Gott auszulegen und zu erklären oder das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> oder das <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>. Man würde dabei dastehen wie Einer, der das Meer mit der hohlen Hand ausschöpfen wollte.<note xml:id="n01">Im Hintergrund des hier verwendeten Bildes steht die über <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> vielfach und in verschiedenen Varianten erzählte Legende, nach der ein Junge, der am Strand das Meer mit einer Muschel ausschöpfen wollte, ihm die Augen dafür geöffnet habe, dass dies Unterfangen nicht weniger aussichtsreich sei als das Wesen Gottes ergründen zu wollen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5326">G. Wenz, <hi rend="italic">Filioque. Kontexte einer Kontroverse</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Grundfragen ökumenischer Theologie. Gesammelte Aufsätze</hi>, Bd. 2 (FSÖTh 131), Göttingen 2010, S. 242–309, dort S. 242, Anm. 1</bibl>.</note> Man könnte <pb xml:id="p252" ed="pga"/> ein Jahr lang Predigten halten und anhören nur über dieses kleine Wort, und man würde zum Schluss merken, dass man gerade einen kleinen Anfang von Auslegung und Erklärung fertiggebracht hat. Wer die Bitte: Dein Reich komme! versteht, der versteht das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, und wer sie nicht nur versteht, sondern zu beten versteht, wie sie gebetet sein will, der ist ein echter <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu, denn in dieser Bitte hören wir den Herzschlag unsres Meisters. Aber wer wollte vom einen oder andern sagen: ich bin so Einer?! Und so steht jetzt dieses Wort vor mir wie ein mächtiger ungefüger Felsblock, wie ihr solche in unsern Bergen alle schon gesehen habt. Es kann keine Rede davon sein, dass ich in dieser Stunde so einfach mit einigen Erklärungen hinaufklettere und euch mit hinaufklettern lasse. Es könnte uns dabei Hören und Sehen vergehen.<note xml:id="n02">Redewendung im Sinne von: jemand ist sehr überrascht, versteht gar nichts mehr, ist wie betäubt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich III, S. 738</bibl>.</note> Und doch steht’s fest, dass wir hinauf <hi rend="italic">müssen</hi>, nicht in dieser Stunde, aber in unserm Leben. Denn man kann schließlich gerade sein Leben damit ausfüllen, es durch Nachdenken und Erfahrung verstehen zu lernen, wie das ist, wenn das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommt, und es versuchen zu lernen, darum zu beten. Es führen nämlich schon Wege hinauf auf den Felsblock, von allen Seiten sogar. Je mehr wir uns die Sache vertiefen, desto andächtiger und feierlicher wird uns zu Mute angesichts des überwältigenden Reichtums verschiedenartiger, oft entgegengesetzter Beziehungen und Wahrheiten, die in dem kleinen Wort beschlossen liegen. Aber die Sache steht so, dass jeder seinen eigenen Weg entdecken und gehen muss, und das ist eine <term type="Sachen" key="Lebensaufgabe">Lebensaufgabe</term> und ein <term type="Sachen" key="Lebensinhalt">Lebensinhalt</term>. Was wir heute tun können, das soll nur darin bestehen, dass wir einander in einigen Worten aufmerksam machen auf die verschiedenartigen und entgegengesetzten Wege, die nach demselben Ziel laufen, dass wir versuchen eine Ahnung zu bekommen von dem Reichtum, der sich in diesem Worte uns anbietet. Da muss dann jeder selbst ergreifen und verstehen: welches ist in dieser Mannigfaltigkeit <hi rend="italic">mein</hi> Weg?</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p253" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Dein Reich komme! Wenn wir das von Herzen beten, dann müssen wir es vor Allem immer wieder empfinden wie einen Schnitt, der in unsre Gedanken und Interessen und <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühle</term> hinein gemacht wird. Von einer ganzen Menge von Dingen in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> heißt’s da: sie sind etwas Anderes als Reich Gottes, sie müssen zurücktreten, verschwinden. So haben schon die alten <term type="Sachen" key="Christen, alte (der ersten Jahrhunderte)">Christen</term> so gebetet: Es komme dein Reich, es vergehe die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>!<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1615">Didache 10,6</bibl> (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p009#fn_n07">S. 9, Anm. 7</ref>).</note> Für Jesus selbst lag ein scharfer Gegensatz in diesem <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term>. Er dachte an die Reiche dieser Erde, an das <term type="Sachen" key="Römisches Reich">Römerreich</term>, das in aller Herrlichkeit damals dastand, und an das Weltreich, das wenigstens in den Köpfen der <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israeliten</term> lebte. Das waren oder sollten sein Reiche, die ihre Größe hatten in dem, was sichtbar ist, in der Macht der Waffen und des Geldes, in der Schlauheit und Rücksichtslosigkeit, im Reichtum und Wohlleben. In dieses ganze Bild hinein machte Jesus einen Schnitt, wie ich sagte. Er findet die ganze Idee eines solchen Weltreiches ärmlich, klein, menschlich-allzumenschlich,<note xml:id="n04">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p194#fn_n05">S. 194, Anm. 5</ref>.</note> er wendet sich von den Menschen ab und zu Gott hin, um ihn anzurufen: <hi rend="italic">Dein</hi>
                    <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> komme<hi rend="italic">.</hi> Etwas von dieser Abwendung müssen wir auch erfahren, wenn wir mit ihm leben wollen. Wir Alle stecken drin in einer dicken Atmosphäre von irdischen Gedanken. Es sind Gedanken an unser Vorwärtskommen, an unsren Verdienst, an unser Selbstgefühl, auch an unser Wohlsein und <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term>. Wenn’s jetzt heißt: Dein Reich komme, dann bedeutet das: dass das Alles zurückbleiben muss, weil es etwas Größeres gibt. Gott braucht der Mensch, aber <term type="Sachen" key="Gott, wohnt nicht im Sichtbaren">Gott</term> wohnt nicht im Sichtbaren. Wollen wir ihn haben, so müssen wir hinaus über das Sichtbare. Alle Herrlichkeit der <term type="Sachen" key="Erde, Herrlichkeit">Erde</term>, alles Glück des <term type="Sachen" key="Leben, Lebensglück">Lebens</term> kann uns das Eine nicht ersetzen, was nottut. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Mt. 16,26</ref>] Gott ist Geist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>], und sein Reich ist das Reich des <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Reich des Geistes">Geistes</term>. Als Geist muss es zu uns kommen und das Sichtbare überwinden. Die Menschen sollen aufhören, für ihren <term type="Sachen" key="Leib">Leib</term> und für ihre <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> zu sorgen als für zwei getrennte Dinge. Die Gefahr ist zu groß, dass sie dabei zwei Herren <pb xml:id="p254" ed="pga"/> dienen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.24">Mt. 6,24</ref>] und keinem recht; sondern sie sollen <hi rend="italic">nur</hi> noch für ihre Seele sorgen. Was gilt das Auswendige neben dem Inwendigen, was der Körper neben dem <term type="Sachen" key="Geist, und Körper">Geist</term>, was die Welt neben <term type="Sachen" key="Welt, und Gott">Gott</term>? <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat einmal von den irdischen Dingen gesagt, er habe sie alle für Kot erachtet, auf dass er Christum gewinne [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.8">Phil. 3,8</ref>]. Die Stimmung eines Menschen, der ums Kommen des <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreiches</term> betet, wird keine andre sein können. Jesus selbst ist es gerade so ergangen. «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>] – solange wir kleben an den Dingen, solange kommt also auch dies Reich nicht zu uns. Vielleicht gefällt uns das nicht, vielleicht ist uns das zu schroff und radikal, aber ändern können wir’s nicht. Solange uns die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> nicht vergeht, kommt das Reich nicht zu uns. – |</p>
                <p> Und nun folgt aus demselben Gebet <term type="Sachen" key="Unser Vater">Jesu</term> scheinbar der genaue Gegensatz. «Dein Reich komme!» beten wir. Ja, wissen wir denn auch, was wir damit sagen? Die meisten Christen, gerade die <term type="Sachen" key="Christen, ernsthafte">ernsthaften</term> und eifrigen, gerade die, welche es begriffen haben, dass die Welt vergeht mit ihrer Lust [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.17">1.Joh. 2,17</ref>], sie denken sich die Sache gewöhnlich umgekehrt. Sie beten nicht: «Dein Reich komme!», sondern: lass mich oder uns in den <term type="Sachen" key="Himmel">Himmel</term> kommen! Ja, das ist sehr zweierlei. Wenn’s darauf ankäme, dass der Mensch in den Himmel, ins Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommt, dann wäre die Entwicklung eines rechten Menschen die, dass er diese <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und <term type="Sachen" key="Erde">Erde</term>, die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und den <term type="Sachen" key="Beruf">Beruf</term> und die andern <term type="Sachen" key="Mensch, Mitmensch">Menschen</term> immer hinter sich lasse als ein schlechtes Tal des Jammers, als Dinge, die des Verstehens nicht wert. «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh … Nein, nein, hier ist sie nicht, die Heimat der Seele ist droben im Licht.»<note xml:id="n05">Vgl. Strophe 1 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-150">«Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh» von <persName ref="kbga-actors-1372">Fr. L. Jörgens</persName></bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh? </l>
                                    <l>Wer deckt sie mit schützenden Fittichen zu? </l>
                                    <l>Ach, bietet die Welt keine Freistatt mir an, </l>
                                    <l>Wo Sünde nicht herrschen, nicht anfechten kann? </l>
                                    <l>Nein, nein, nein, nein! Hier ist sie nicht; </l>
                                    <l>Die Heimat der Seele ist droben im Licht! </l>
                                </lg>
                            </q>
                         Abdruck u. a.: <bibl corresp="kbga-bibls-1303"><hi rend="italic">Lieder zur Ehre des Erretters! Vereinslieder des Blauen Kreuzes (Schweizerausgabe)</hi>, Bern (1908<hi rend="sup">9</hi>) 1924<hi rend="sup">14</hi>, Nr. 80</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1314"><hi rend="italic">Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen</hi>, Dortmund o. J. [Ausgabe 1908; 1915; 1921], Anhang: Geistliche Lieder, Nr. 43</bibl>.</note> Wir haben gesehen: das hat sein Recht: das Reich <pb xml:id="p255" ed="pga"/> Gottes ist <hi rend="italic">sein</hi> Reich, ein Reich des <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Reich des Geistes">Geistes</term>, es ist nicht von dieser <term type="Sachen" key="Reich Gottes, nicht von dieser Welt">Welt</term>. Aber wir wollen vorsichtig sein und nicht sagen, dass das letzte Wort sei, dass man recht verächtlich von der Welt denke und rede. Wie denn? Beten wir nicht: Dein Reich <hi rend="italic">komme</hi>?! Komme zu uns in unsre <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, auf diese <term type="Sachen" key="Erde">Erde</term>, zu uns Menschen? Ist das nicht unendlich viel größer und herrlicher, als dass wir in den <term type="Sachen" key="Himmel">Himmel</term> kommen? Es steht nicht so, dass Gottes Reich irgendwo in der Ferne liegt, und wir hätten nach ihm zu pilgern, sondern es steht so, dass es zu uns kommt. Gottes Reich ist ja nicht ein Land, das an seiner Stelle bleibt, sondern eine Herrschaft, wie die eines Königs, ein Machtbezirk, der sich ausdehnen und wachsen, der zu uns kommen kann. Und er kommt wirklich, und zwar zu uns, in unser Leben hinein. Nicht das ist unser <term type="Sachen" key="Lebensziel">Lebensziel</term>, dass wir aus diesem Leben entrückt werden, sondern dass Gottes Reich in dies Leben hinein dringe, dass dies unser <term type="Sachen" key="Leben, unser L. werde selbst ein Stück Gottesreich">Leben</term> selbst ein Stück Gottesreich werde. Wir wollen es uns recht klarmachen, was das heißen will. Viele <term type="Sachen" key="Christen, ernsthafte">Christen</term>, denen es sehr ernst ist, denken sich das so, es müsse in ihrem Leben, im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> der Menschen überhaupt eine gewisse Parzelle von Reich Gottes sein. Sie denken beim Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> an die Werke der <term type="Sachen" key="Mission, innere">innern</term> und äußern <term type="Sachen" key="Mission, äußere">Mission</term>, an christliche Unternehmungen und Bestrebungen aller Art, an die Pflege des geistlichen <term type="Sachen" key="Leben, gesitliches">Lebens</term> in <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> und <term type="Sachen" key="Versammlung (pietistische)">Versammlungen</term>.<note xml:id="n06">«Versammlungen» meint die neben dem oder im Gegenüber zum Gemeindegottesdienst stattfindenden Versammlungen der pietistischen Gemeinschaft (s. auch die nachfolgende Anm.).</note> Das sind ihnen die Dinge des Reiches Gottes, während nebenan die Dinge der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> liegen. Ich glaube doch: da ist noch nicht Ernst gemacht mit dem <hi rend="italic">Kommen</hi> des Gottesreichs<hi rend="italic">.</hi> Kommen heißt, dass es durchdringt, wie das Salz im Scheffel Mehl [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Mt. 13,33</ref>], dass also gerade die <term type="Sachen" key="Welt, wird Reich Gottes">Welt</term>, gerade das Gewöhnliche, Alltägliche, Ungeistliche und Äußere Reich Gottes wird, gerade das!! Das ist noch nicht das Kommen des Reiches Gottes, dass ein Mensch fromme <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, fromme Gedanken">Gedanken</term> hat, dass er in die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> oder <term type="Sachen" key="Kapelle (Versammlungsort der Pietisten)">Kapelle</term><note xml:id="n07">«Kapelle» steht hier für den Versammlungsraum der pietistischen Gemeinschaft und wurde von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> synonym auch für diese Gemeinschaft als solche verwendet: «Merkwürdigerweise machen z. Z. auch die Kapellenleute gegen mich mobil» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Thurneysen I, <ref type="pub" target="../volume/03/p325#p325">S. 325</ref></bibl>). Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3095">E. Busch, <hi rend="italic">Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung</hi> (BEvTh 82), München 1978, S. 47f., Anm. 78</bibl>.</note> geht oder dass er für die <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> arbeitet oder einen Beitrag <pb xml:id="p256" ed="pga"/> gibt. Sondern da kommt das Reich Gottes, wo einer fleißig und treu in der Fabrik seine <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> tut, wo einer sich zusammennimmt seinen Gewohnheiten und <term type="Sachen" key="Leidenschaft">Leidenschaften</term> gegenüber, wo einer <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term> verbreitet in seiner Umgebung. |</p>
                <p>Und das ist das Kommen des Reiches Gottes, um das wir beten sollen, dass unser <term type="Sachen" key="Volk">Volk</term> und unsre <term type="Sachen" key="Regierung">Regierungen</term> Sinn und Kraft finden zu einer gesunden, vom Geist gegenseitiger Opferwilligkeit getragenen <term type="Sachen" key="Politik">Politik</term>, dass die <term type="Sachen" key="Fabrikanten">Fabrikanten</term> lernen, sich verantwortlich [zu] fühlen für <term type="Sachen" key="Arbeiter, Seele">Seele</term> und <term type="Sachen" key="Arbeiter, Körper">Körper</term> ihrer Arbeiter, und dass die <term type="Sachen" key="Arbeiter">Arbeiter</term> lernen, sich solidarisch zu fühlen nicht nur mit den Gliedern ihrer <term type="Sachen" key="Klassen">Klasse</term>, sondern mit dem <term type="Sachen" key="Volk">Volk</term> als Ganzem und den nationalen Verpflichtungen, die für Alle da sind. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn man <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> annimmt in den scheinbar belanglosen Dingen des <term type="Sachen" key="Haushalt">Haushalts</term>, wenn die Mütter die Pflicht empfinden, ihre arbeitenden Kinder nicht nur zu ernähren, sondern recht zu ernähren, wenn die Väter es versuchen, die Kinder nicht nur zur <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> anzuhalten, sondern ihnen an der Arbeit <term type="Sachen" key="Freude, an der Arbeit">Freude</term> zu machen. Das ist das Kommen des Reiches Gottes, wenn die Leute Sinn bekommen für edles <term type="Sachen" key="Vergnügen, edles">Vergnügen</term> gegenüber dem <term type="Sachen" key="Vergnügen, gemeines">gemeinen</term>, das den Menschen schlecht macht, wenn ihnen die Augen aufgehen für den Unterschied von schön und hässlich, wenn sie Geschmack bekommen und Gefühl für das, was groß und klein ist, wertvoll und wertlos in dem, was man ihnen bietet an Bildern und Büchern und Liedern. Das Alles sind weltliche Dinge, ich weiß es und wiederhole: Die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> vergeht, wenn das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommt. Und doch ist auch das Andre wahr: Das Reich Gottes schwebt nicht über der Welt wie der Geist Gottes nach dem Bericht der Bibel am Anfang über den Wassern schwebte [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.2">Gen. 1,2</ref>], sondern es kommt in die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, kommt in die Welt">Welt</term>, in <hi rend="italic">diese</hi> Alltagswelt; es macht uns frei vom <term type="Sachen" key="Alltag">Alltag</term>, um uns dem Alltag zurückzugeben, es macht uns los vom Gewöhnlichen, um uns gerade am Gewöhnlichen <term type="Sachen" key="Freude, am Gewöhnlichen">Freude</term> zu machen. Es weist uns ganz auf den <term type="Sachen" key="Geist">Geist</term>, aufs Unsichtbare, damit die ganze Kraft des Geistes dem Sichtbaren zu Gute komme. Wenn das Reich Gottes kommen soll, dann heißt das: denk an deine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, an Gott und sonst an gar nichts Anderes! Aber wer das ernstlich tut, der erfährt, was ein tiefsinniger Gläubiger einmal so ausgedrückt: Das Ende der Wege Gottes ist die <term type="Sachen" key="Leiblichkeit, Ende der Wege Gottes">Leiblichkeit</term>!<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5327"><persName ref="kbga-actors-306">Fr. Chr. Oetinger</persName>, <hi rend="italic">Biblisches und emblematisches Wörterbuch</hi> (1776), Bd. 1: <hi rend="italic">Text</hi>, hrsg. von G. Schäfer (Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. VII: Friedrich Christoph Oetinger, Bd. 3/1), Berlin 1999, S. 223</bibl>: «Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes, wie aus der Stadt Gottes klar erhellet.» Der Satz wird aber auch in der von Barth genannten Version («Wege» statt «Werke») zitiert: vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-3730"><persName ref="kbga-actors-4215">C. A. Auberlen</persName>, <hi rend="italic">Die Theosophie Friedrich Christoph Oetinger’s nach ihren Grundzügen. Ein Beitrag zur Dogmengeschichte und zur Geschichte der Philosophie</hi>, Zweite Ausgabe, Basel 1859, S. 33.155.516</bibl>.</note> Eine Seele haben heißt, einen hei<pb xml:id="p257" ed="pga" break="no"/>ligen Leib haben. Gott dienen heißt, ein rechtschaffener Mensch in dieser Welt sein. Im Geist leben heißt, am Stoffe arbeiten. So ist das Reich Gottes zugleich das Allergeistigste und das Allermateriellste, was man sich denken kann. Es sind verschiedene Wege, wenn wir die eine oder die andere Seite der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ins Auge fassen, aber sie führen zum selben Ziel.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <p rend="noindent">Und nun muss ich noch einmal Nachdruck darauf legen, dass wir beten: Dein Reich komme! Nicht wir kommen, sondern <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Gott und sein Reich kommen">Gott</term> und sein Reich kommen. Ein Ausleger dieses Wortes hat sehr richtig gesagt: es handelt sich nicht um eine Bewegung von unten nach oben, sondern um eine Bewegung von oben nach unten.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1520"><persName ref="kbga-actors-418">J. Weiß</persName>, <hi rend="italic">Die drei älteren Evangelien</hi>, in: SNT I, Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 233</bibl>: «In beiden Ausdrücken der Evangelien kommt diese letztere Beziehung stark zum Ausdruck, daß <hi rend="italic">Gott</hi> seine Herrschaft <hi rend="italic">errichten</hi> wird, daß das Reich vom <hi rend="italic">Himmel her kommt</hi>. Damit ist ausgeschlossen sowohl die ethische Vorstellung, daß das Reich Gottes erst durch das Handeln der Menschen <hi rend="italic">entsteht</hi>, wie die andre, daß das Himmelreich dauernd droben im Himmel <hi rend="italic">bleibt</hi>, […]. Der Begriff ist nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten gedacht.»</note> Wir Alle ohne Ausnahme sind weit davon entfernt, es recht zu verstehen, wie wahr das ist. Wir müssten wieder lernen, so anschaulich zu denken, wie Jesus und seine Zeitgenossen es taten. Wenn sie beteten: Dein Reich komme!, dann dachten sie nicht bloß etwas, sondern sie <hi rend="italic">sahen</hi> etwas, sie sahen das himmlische <term type="Sachen" key="Jerusalem, himmlisches"><placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName></term>, die Stadt Gottes mit den 12 Thronen von Perlen droben in den Lüften, bereit, sich herniederzusenken, wenn seine Zeit da wäre [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.21">21</ref>]. Das war ein «Kommen», das der Erwartung wert war, wenn einmal diese ganze Herrlichkeit kam, wirklich auf Erden kam, so dass die Menschen nichts zu tun <pb xml:id="p258" ed="pga"/> hatten, als durch offene Tore einzugehen zu ihres Herrn Freude [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.21">Mt. 25,21</ref>]. Solche farbenprächtigen Vorstellungen vom Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> mögen manchem von uns zu kindlich und auch wohl zu materiell vorkommen. Ich will nicht mit ihm darüber streiten. Aber das möchte ich: ich möchte, wir hätten die kindlichen Gedanken aller Zeiten, und wir hätten dafür auch die klare Erkenntnis, die sich in solchen Gedanken ihren Ausdruck suchte, die Erkenntnis: Gott ist’s, der schafft und wirkt, wenn sein Reich kommt, wir können nur dastehen und bekennen: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104.24">Ps. 104,24</ref>]. Diese Erkenntnis fehlt uns: euch und mir auch. Wir meinen immer, das Reich Gottes sei das, was <hi rend="italic">wir</hi> machen an guten und schönen Dingen, also z. B. <hi rend="italic">unsere</hi> tiefen und richtigen Anschauungen über Gott und die <term type="Sachen" key="Welt, Gott und die W.">Welt</term> oder <hi rend="italic">unser</hi> tugendhaftes <term type="Sachen" key="Leben, unser tugendhaftes">Leben</term>, <hi rend="italic">unsre</hi> Bemühungen und Verbesserung der <term type="Sachen" key="Welt, Bemühungen um Verbesserung">Welt</term> und der Menschen oder gar, was das Gefährlichste ist: <hi rend="italic">unsre</hi> christlichen <term type="Sachen" key="Kirchen, christliche">Kirchen</term> und <term type="Sachen" key="Gemeinschaften, christliche">Gemeinschaften</term>. Und darüber geraten wir so tief hinein in die Unkraft und in das <term type="Sachen" key="Unrecht">Unrecht</term>. Wenn es uns nicht gut geht, dann verzweifeln wir am Leben überhaupt, wenn man uns widerspricht, dann meinen wir gleich, es mit Widerspruch gegen Gott zu tun zu haben, wenn es uns mit unsrer guten Meinung nicht gelingt, dann denken wir, das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> sei überhaupt angefochten. Und so sind wir zugleich selbstbewusst und haltlos, zugleich borniert und unsicher, und dies kleinliche Wesen nennen wir dann wohl gar noch Reichsgotteswerk. Das wusste <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> anders, und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> wusste es anders, und <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> wussten es anders. Für sie gab es nur <hi rend="italic">ein</hi> Reichsgotteswerk: das, welches Gott selbst treibt. «Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet», hat <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ausgelegt,<note xml:id="n10">Vgl. die Auslegung der zweiten Bitte des Vaterunsers in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Kleinem Katechismus (<bibl corresp="kbga-bibls-1595">BSLK, S. 513,7–9</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-15">BSLK.NE, S. 876,4f.</bibl>): «Gottes Reich kömmpt wohl ohn unser Gebet von ihme selbs, aber wir bitten in diesem Gebet, daß es auch zu uns komme.»</note> und <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName> hat es in Versen ausgedrückt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ihr dürft euch nicht bemühen</l>
                            <l>Noch sorgen Tag und Nacht,</l>
                            <l>Wie ihr ihn wollet ziehen</l>
                            <l>Mit eures Armes Macht.</l>
                            <l><lb/></l>
                            <l><pb xml:id="p259" ed="pga" rend="noPipe"/>Er kommt, er kommt mit Willen,</l>
                            <l>Ist voller Lieb’ und Lust,</l>
                            <l>All Angst und Not zu stillen,</l>
                            <l>Die ihm an euch bewusst.<note xml:id="n11">Strophe 7 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-64">«Wie soll ich dich empfangen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS 90; RG 367; EG 11)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Wir können keine <term type="Sachen" key="Freude, am Reich Gottes">Freude</term> haben am Reiche Gottes, solange wir nicht gelernt, Gott wirklich <hi rend="italic">kommen</hi> zu lassen. Wir müssen daran glauben lernen, dass das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, ist die Macht in der Welt">Gute</term> die Macht ist in der Welt, auch ganz abgesehen von unsrer Person. Dann wird unser Streben frei von der <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> und ihren Enttäuschungen, dann sind wir zugleich bescheiden und sicher. Wir wissen, dass es auf uns nicht ankommt und dass wir doch auf dem allerfestesten Boden stehen. Wir warten dann auch auf die Gottesstadt <term type="Sachen" key="Jerusalem, himmlisches"><placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName></term>, die wir nicht zu bauen haben mit unsern Steinlein und unserm Mörtel, sondern die vom Himmel kommt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>]. – |</p>
                <p>Und nun müssen wir wieder den scheinbaren Gegensatz aussprechen, der sich bei diesen Gedanken notwendig erheben muss. Es ist wahr, und wir wollen uns fest daran halten: Gottes Reich kommt ohne uns, es ist an uns und unser bisschen Anstrengung nicht gebunden. Und doch gibt es nichts, was die Menschen mehr in Bewegung versetzen könnte, als wenn das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> zu ihnen kommt. Wenn das Reich Gottes zu den Menschen kommt, dann heißt das nicht, dass ihnen mit gekreuzten Armen<note xml:id="n12">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p181#fn_n12">S. 181, Anm. 12</ref>.</note> etwas passiert, sondern das besteht ganz unmittelbar darin, dass jeder seinen besondern <term type="Sachen" key="Reich Gottes, besonderer Auftrag eines jeden im R. G."><hi rend="italic">Auftrag</hi></term> bekommt. Dass das Reich Gottes kommt, das zeigt sich darin, dass die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Kommen zeigt sich im Schaffen der Menschen">Menschen</term> schaffen. Gerade weil Gott Alles allein macht, können die Menschen in seinem Reich nichts Anderes tun, als guten Willen zu <term type="Sachen" key="Mensch, muss sich bewähren an seinem Platz">bewähren</term> an dem Platz oder Plätzlein, wo das Leben sie hingestellt. Denn <term type="Sachen" key="Gott, der große gute Wille in der Welt">Gott</term> ist der große gute Wille in der Welt. Hat man das Vertrauen zu dieser Tatsache, da muss man sie auch in seinem Leben gelten lassen. Wo das Reich Gottes ist, da sind die Menschen an der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, und ich meine damit nicht irgend eine christliche Extraarbeit, sondern das, was ihr alle unter Arbeit versteht, das Werken in Haus und Feld und Fabrik, und wo es sei. Wo das Reich Gottes ist, da tut man alle diese <pb xml:id="p260" ed="pga"/> Arbeit <term type="Sachen" key="Freude, an der Arbeit">freudig</term> und aus Herzensgrund. Denn man weiß, dass man sie im Dienst Gottes tut, des Gottes, dessen ältestes <term type="Sachen" key="Gebot">Gebot</term> lautet: Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die Erde untertan! [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>] Gott allein <hi rend="italic">wirkt</hi> und die Menschen sollen <hi rend="italic">schaffen</hi>, so lautet das Gesetz des <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Gesetz">Gottesreichs</term>. Wieder ist’s ein Widerspruch, den wir damit aussprechen, aber der Widerspruch löst sich in der Erfahrung des Lebens. Es sind zwei Wege, die zum selben Ziel führen.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Und nun müssen wir auf noch Eines achten: Das Reich Gottes ist nicht da, sondern es kommt, es ist etwas <term type="Sachen" key="Reich Gottes, etwas Zukünftiges"><hi rend="italic">Zukünftiges</hi></term>. Wenn wir beten: Dein Reich komme!, so sagen wir: lass deine glorreiche <term type="Sachen" key="Gott, glorreiche Zukunft">Zukunft</term>
                    <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term> werden. Unsre Augen sind dann vorwärts gerichtet, nicht auf das, was ist, sondern auf das, was werden soll in der Welt. Wer sein Neues <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> kennt, der weiß, dass alle seine Bücher voll sind von Zukunftsgedanken. Die <term type="Sachen" key="Evangelien">Evangelien</term> fangen an mit der Botschaft <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes des Täufers</persName>: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.17">Mt. 4,17</ref>]. Und die Offenbarung des <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> schließt mit dem Gebet: Amen, ja komm, Herr Jesu! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.20">Apk. 22,20</ref>] Die ältesten <term type="Sachen" key="Christen, alte (der ersten Jahrhunderte">Christen</term> lebten in der beständigen heißen <term type="Sachen" key="Naherwartung">Erwartung</term> dieses Kommens. Und wie ist gerade diese Erwartung ihnen eine Kraft gewesen, die sie antrieb, sich zu heiligen und treu zu sein mit dem, was Jeder empfangen. «Wachet und betet, denn Ihr wisset weder Tag noch Stunde, da des Menschen Sohn kommen wird!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.13">Mt. 25,13</ref>]. Es sind dann Jahrhunderte und Jahrtausende gefolgt, in denen die <term type="Sachen" key="Christen">Christenheit</term> diese <term type="Sachen" key="Zukunft, Zukunftserwartung">Zukunftserwartung</term> fast völlig verlernt hat, in denen sie wenigstens in ihrer großen Mehrheit sich mit der <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term> zufrieden gab. Wir haben das hohe Vorrecht, in einer Zeit zu leben, die vielleicht mit mehr Verständnis als die meisten früheren wieder beten kann: Dein Reich komme! |</p>
                <p> Die große sozialistische <term type="Sachen" key="Sozialismus">Bewegung</term> hat es uns gezeigt, was das heißt: an die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> glauben, wie das die Gedanken und die Arme der Menschen in Bewegung setzt, wenn man ihnen ein Bild vorhält mit der <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>: Das soll Wirklichkeit werden.<note xml:id="n13">Den Gedanken einer Vergleichbarkeit der Ziele von sozialistischer Bewegung und Christentum führte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im <date when="1911-12">Dezember 1911</date> in einem Vortrag auf Einladung des <orgName ref="kbga-actors-9909">Arbeitervereins Safenwil</orgName> aus, der auch sonst viele Parallelen zur Gedankenführung dieser Predigt aufweist: <bibl corresp="kbga-bibls-1528">K. Barth, <hi rend="italic">Jesus Christus und die soziale Bewegung</hi> (1911), in: V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p380#p380">S. 380–409</ref></bibl>.</note> Was würden wir <pb xml:id="p261" ed="pga"/> für eine <term type="Sachen" key="Christen">Christenheit</term> sein, wenn wir lernten, Gott wieder in der Zukunft zu suchen als den, der uns <hi rend="italic">vor</hi>steht. Wenn es mehr <term type="Sachen" key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> gäbe in unsren Reihen, Sehnsucht nach dem Bessern im <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">persönlichen</term> und öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Leben</term>, in <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term> und <term type="Sachen" key="Vaterland">Vaterland</term>. Wir würden es dann auch erfahren, dass die Sehnsucht an sich selbst schon eine Kraft ist fürs <term type="Sachen" key="Sehnsucht, S. nach dem Besseren eine Kraft fürs Leben">Leben</term>, das es etwas Größeres nicht gibt als den Willen zur <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, zur <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, dass das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> schon da ist, wo man ernstlich <term type="Sachen" key="Beten">betet</term>: Dein Reich komme! Oder war es etwa nicht da, als Jesus so gebetet hat? Hat er da Andern nicht gesagt: Ihr erwartet es, ihr stellt allerlei Überlegungen an über sein Kommen, aber so kommt es nicht, siehe, es ist in eurer Mitte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.21">Lk. 17,21</ref>]! Das ist nun das Allermerkwürdigste und doch das Allersicherste: Gottes Reich, auf das wir warten, das ist schon da. Die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, nach der wir uns ausstrecken, sie ist bereits <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term>. |</p>
                <p>Das war nun der vollkommene Widerspruch. Und doch ist es Wahrheit. Gottes Reich ist schon da in der <term type="Sachen" key="Reich Gottes, in Jesus Christus schon da in der Welt">Welt</term>, weil Jesus schon da ist in der Welt. In ihm ist ein Stück Zukunft Gegenwart <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gegenwart der Zukunft">geworden</term>, ein vorgeschobener Posten gleichsam im Feindesland. Und die zu ihm sich halten, die brauchen sich auch nicht mehr im Feindesland zu fürchten. Für sie ist die Zukunftsherrlichkeit des <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Zukunftsherrlichkeit">Gottesreiches</term> bereits <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Gegenwart">Gegenwart</term>. Sie machen Erlebnisse, in denen sie im <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreich</term> bereits mittendrin stehen, der Gehorsam <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Christi</term> erfüllt sie, so dass sie <term type="Sachen" key="Vertrauen">Vertrauen</term> bekommen zum <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> und durch Sorge und Leid hindurchgehen wie die Kinder. Die Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Christi</term> dringet sie, dass sie nicht mehr anders können, als das Ihrige und sich selbst einzusetzen, um Andern einen Schritt weiterzuhelfen auf dem Weg zum Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>]. Der Friede <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Frieden">Christi</term> liegt in ihren Augen, so dass sie fähig werden, in der Schönheit der <term type="Sachen" key="Welt, Schönheit">Welt</term>, wie sie uns heute wieder einmal aufgegangen ist, die Herrlichkeit <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Gottes</term> zu sehen. In solchen Erlebnissen ist das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> da. Noch kennt ihr Leben auch andre Stunden, noch gibt es ungeheure Strecken darin, wo sie nur mit aller Kraft seufzen und beten können: Dein Reich komme! Aber sie selber haben geschmeckt und gesehen, wie freundlich der Herr ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.34.9">Ps. 34,9</ref>]. <pb xml:id="p262" ed="pga"/> Liebe Freunde, zu diesen Leuten gehören wir Alle, Alle ohne Ausnahme. Das Reich Gottes ist mitten unter uns, so sicher etwas vom Geiste <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Jesu</term> mitten unter uns ist. Er ist an Keinem von uns ganz vorbeigegangen. Jeder von uns darf wissen, dass er in einem kleinen Stück seines Geschlechts ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Und dieses kleine Stück von seinem Geist soll uns das Unterpfand sein für das Reich Gottes, das kommt. Wer da hat, dem wird gegeben werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.12">Mt. 13,12</ref>]. Und wo das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes, wo das R. G. ist, da kommt es">Gottes</term> ist, da kommt es. Glaubst du das?</p>
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                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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