13. August 1911

Predigt: Matthäus 6,9b

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Matthäus 6,9b
Dein Name werde geheiligt!
Liebe Freunde!

Den Namen Gottes haben wir in unsern letzten Betrachtungen kennenzulernen versucht. Gott heißt das, was er ist: Vater, unser Vater im Himmel. Unter uns Menschen dient der Name dazu, den Einzelnen kenntlich zu machen, von Andern seinesgleichen zu unterscheiden. An den Namen eines Menschen erinnern wir uns, indem wir an ihn denken; seinen Namen brauchen wir, wenn wir etwas von ihm sagen; mit seinem Namen reden wir ihn an, wenn wir etwas von ihm wollen. Leider haben die Namen unter uns nicht mehr den Sinn, den sie ursprünglich hatten. In alten Zeiten bezeichneten sie genau und unmissverständlich den oder jenen bestimmten Menschen. So haben alle unsre Vornamen so gut wie die Familiennamen einmal einen Grund und Sinn gehabt in irgendeiner Eigenschaft bestimmter Menschen. Dann wurden sie allgemein und gedankenlos gegeben wie unsre Vor- und Taufnamen oder sie vererbten sich auf ganze Familien und beide Mal verloren sie den ursprünglichen genauen Sinn. Man weiß nicht mehr, wer gemeint ist, wenn man sie ausspricht. Will man einen bestimmten Menschen damit bezeichnen, dann muss man schon eine Art Übernamen1 hinzufügen, wie es ja gerade in unserm Dorf üblich ist, und es entsteht dann im Grunde ein neuer Name. – |

Der Name des Gottes, zu dem Jesus Christus uns führt, ist von vornherein gegen alle Verwechslungen und Missverständnisse geschützt. Er heißt: Unser Vater im Himmel! Entweder man kennt die|242sen Namen nicht oder man kennt ihn, und dann kennt man auch sofort den, der damit gemeint ist. Einen Zweiten dieses Namens gibt es nicht. Denn man kann nur Einen kennen als unsern Vater im Himmel. So hat der Name Gottes, den uns Jesus auf die Lippen gelegt, von vornherein etwas an sich, was ihn von allen Menschennamen unterscheidet. Und wir haben auch Alle das Gefühl, dass es immer etwas Einzigartiges ist, wenn wir diesen Namen denken und aussprechen oder wenn wir mit diesem Namen den anreden, der damit gemeint ist. – |

Aber nun heißt uns Jesus auch ausdrücklich und als erste Bitte von allen Gott anrufen: Dein Name werde geheiligt! Das kann uns stutzig machen. Denn wir denken: dieser Name ist heilig, wir brauchen nicht erst darum zu bitten, dass er’s werde. Oder ist es nicht ein heiliger Name: unser Vater im Himmel? Wozu das Gebet um das, was schon da ist: dein Name werde geheiligt? Darauf hat schon Martin Luther in seinem kleinen Katechismus die kurze und gute Antwort gegeben. Zur Erklärung dieser Bitte sagt er dort sehr schön und tiefsinnig und einfach: Gottes Name ist zwar an ihm selbst heilig, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er bei uns auch heilig werde.2 Gerade so erklärt er bei den folgenden Bitten: Gottes Reich kommt ohne unser Gebet, Gottes Wille geschieht ohne unser Gebet, Gott gibt Brot auch ohne unsre Bitte, und doch sollen wir um alle diese Dinge bitten, denn nur indem wir beten, werden die großen Taten der Liebe Gottes auch gerade in unserm Leben wirksam.3 Es ist also wirklich so, wie es uns eben zu unserm Erstaunen zu sein schien: Gottes Name ist heilig, Gottes Reich kommt, sein Wille geschieht – ohne4 unser Gebet, wir brauchen nicht erst darum zu bitten: es ist schon da. Und wir können uns nicht genug darüber freuen, dass dem so ist. Wenn Einer z. B. vor den Richter geht mit der Bitte: lass mir Gerechtigkeit widerfahren in dieser oder jener Sache, dann tut er’s, weil er weiß: der Richter ist der Mann, der auch ganz abgesehen von meiner persönlichen Bitte dazu da ist, Recht Recht sein zu lassen. Wüsste er’s anders, dann würde er nicht vor diesen Richter gehen. Oder du wendest dich mit der Bitte |243 um Hilfe in irgend einer Sache an deinen Nachbar. Das tust du, weil du weißt: der Nachbar ist auch ohne meine Bitte von vornherein hilfsbereit gesinnt. Indem ich ihn um Hilfe bitte, klopfe ich nicht Nusskerne aus einem harten Stein, sondern ich weiß, dass das, was ich suche, da ist, bevor ich es suche. Und wenn du zum Arzt gehst mit der Bitte, er möchte deinen zerbrochenen Arm einrichten, oder zum Schuster, er möchte deine Schuhe flicken, dann tust du’s, weil du zum vornherein, und bevor du fragst, weißt: das sind die Leute, die zerbrochene Arme einrichten und Schuhe flicken, weil sie’s gelernt haben, weil sie dazu da sind. Wüsstest du’s anders, du würdest mit deiner Bitte nicht zu ihnen gehen. Und so ist’s bei allen Bitten, die Menschen aneinander richten. Wir wissen: der Andre tut’s, was wir bitten geschieht auch ohne unsre Bitte. Der Richter lässt das Recht gelten, der Nachbar hilft, der Arzt heilt, der Schuster flickt, lange bevor wir bitten, und gerade deshalb wenden wir uns an sie. Und doch bitten wir. Warum? Wir bitten, dass das, was ohnehin geschieht, auch bei uns geschehe, dass der Richter gerade in unserm Fall erkläre, was Recht und Unrecht sei, dass der Nachbar gerade uns seine freundliche Hilfe zuteilwerden lasse und dass der Arzt und der Schuster gerade an uns tun, was seines Berufes ist. Ein Bitten besteht immer darin, dass ich zum Andern sage: Tu mir, was du ohnehin tust. Zur Erfüllung braucht’s also immer zweierlei: dieses «ohnehin» und die Bitte. Wenn du deine Wiese wässern willst, braucht es auch zweierlei: erstens, dass ohnehin ein Bach oder Teich da ist, zweitens, dass du einen Zufluss zu deiner Wiese machst. Eins nicht ohne das Andre. Und so steht’s nun auch bei unserm Gebet zu Gott. Was wir bitten, erfüllt sich ohne unser Gebet. Aber wir bitten, dass es sich bei uns erfülle. Gottes herrliche Taten geschehen fortwährend – das ist der Bach oder Teich. Aber nur indem wir beten geschehen sie auch in unserm Leben – das Gebet ist der Zufluss, der das Wasser auf unsre Wiese leitet. Wir werden bei allen Bitten des Gebetes Jesu finden, dass es so ist.

So auch bei der Bitte: Dein Name werde geheiligt. Ja, es ist so: Gottes Name ist an ihm selbst heilig. Auch ein oberflächlicher Mensch kann es schwerlich ohne einen ehrfürchtigen Schauder denken und aussprechen: Unser Vater im Himmel! Aber wie ist es denn? Ist Gott unser Vater, so sind wir seine Kinder, so wird ebenso viel darauf ankommen, dass sein Name auch bei uns heilig sei. Es ist auch |244 unter Menschen Mancher ein Ehrenmann, aber ob sein Name in Ehren bleibt, das hängt von seinen Kindern ab. Ein Name kann seinen guten Klang behalten durch viele Generationen hindurch, er kann ihn aber auch verlieren durch einen ungeratenen Sohn. So ist der gute Name des Vaters Ehrensache nicht nur des Vaters, sondern gerade der Kinder. Auch wir sind Träger eines guten Namens, des Namens unsres Vaters im Himmel. Wir sind durch unsre Taufe, durch unsre Erziehung, durch unsre Lebenserfahrungen dazu geführt worden, dass wir seine Kinder heißen dürfen. Jetzt wird es darauf ankommen, ob wir unserm Namen, der der Name Gottes ist, Ehre machen. Das ist wahrhaftig unsre eigene dringende Angelegenheit, obwohl Gott schon selber für seine Heiligkeit sorgt. Und darum hat es seinen guten und klaren Grund, wenn wir beten: Dein Name werde geheiligt! Ich würde diese Bitte etwa so ausdrücken mit andern Worten: Unser Vater im Himmel! Lass uns dessen wert sein, dass wir Deine Kinder heißen dürfen!

*   *   *

Wir können schon den Namen unsres menschlichen Vaters auf zweierlei Weise wert halten oder nicht wert halten. Erstens mit unsern Worten. Zweitens mit unserm Leben. Von den Worten wollen wir zuerst reden. Was heißt denn das, einen Namen mit Worten wert halten oder heiligen? Offenbar doch soviel als: ihn nie anders über unsre Lippen bringen, als wie es dem Träger dieses Namens zukommt. Es heißt also einfach: diesen Namen mit Wahrhaftigkeit und nicht in Lüge gebrauchen. Ein Sohn, der den Namen seines Vaters zu Unrecht mit einer leichtsinnigen oder sträflichen Tat in Verbindung bringt, der entheiligt den Namen seines Vaters, denn er lügt. Ein Sohn, der betrügerisch Schulden macht auf den Namen seines Vaters, entweiht ihn, denn auch da ist eine Lüge im Spiel. Ein Sohn, der ein schlechtes und unnützes Leben decken will mit dem Gedanken: mein Vater heißt ja so und so, der entheiligt dessen Namen, denn auch er lügt. In all diesen Fällen wird der gute Name vorgeschoben für etwas, das nicht gut ist. Der Vater wird durch eine offenkundige Lüge seines Sohnes als Einer hingestellt, der er gar nicht ist. So verliert sein Name, er wird entheiligt. Und gerade so machen es nun Unzählige, die Gottes Kinder heißen |245 dürfen. Sie entheiligen seinen Namen, indem sie durch eine Lüge Gott hinstellen als einen, der er gar nicht ist. Da sind vor Allem die, die Gottes Namen oberflächlich und gedankenlos in den Mund nehmen. Ich denke an Alles das, was Jesus als Plappern bezeichnet hat [vgl. Mt. 6,7]. Da redet man von Gott und redet doch nicht von ihm. Es gibt so viele Gebete und fromme Redensarten, mit denen es so steht; man spricht sie, aber man denkt und erfährt nichts dabei. Und doch spricht man sie immer wieder. Aus solch plapperndem, gedankenlosem Frommreden ist auch das Fluchen hervorgegangen. Das heißt Gottes Namen entheiligen. Denn unser Vater im Himmel ist Leben, und wo man seinen Namen braucht, ohne dass das innere Leben da ist, da entheiligt man seinen Namen, weil man damit lügt, und wenn man noch so fromm zu sein denkt dabei. Gottes Namen heiligen in seinen Worten, das heißt ernsthaft von ihm reden. Der Name Gottes darf nicht zu viel über unsere Lippen gehen. Es ist nicht ein Zeichen von besonderer Frömmigkeit, sondern von fehlender Tiefe, wenn man’s nicht lassen kann, hinten und vorne beständig vom «lieben Gott» zu reden. Den Namen eines toten Götzen mag man 100 000 Mal nennen und meinen, etwas Gutes damit zu tun, unser Vater im Himmel verträgt es nicht, wie alles wahrhaft Große es nicht erträgt, dass man zuviel davon redet. Reden wir aber davon, nennen wir Gottes Namen, dann müssen wir selbst und die Andern das Gefühl haben, dass damit etwas Besonderes geschehe. Es muss etwas innerlich in uns zittern vor Ergriffenheit dabei, es muss unser Wort klingen nicht nur wie ein ehrfurchtsvoller Anruf, sondern wie ein Gelöbnis der Treue und der Arbeit. So kommt es dem zu, der den Namen Vater im Himmel trägt. So heiligen wir seinen Namen. – |

Eine andre Art, Gottes Namen zu entheiligen, ist die unfreudige Art von ihm zu reden. Es gibt viele Menschen, die nehmen es wohl recht wichtig und ernst, wenn sie von Gott reden, aber fast hätte ich gesagt: sie nehmen es zu ernst damit. Sie machen, sobald von Gott und Religion und Kirche auch nur von Weitem die Rede ist, ein feierliches, böses Gesicht und meinen, es müsse so sein. Sehr oft sind das gar nicht die, die auch in ihrem Leben so ernst und zurückhaltend sind, sie leben im Übrigen wie Andre auch oder sogar heiterer als Andre, aber für den lieben Gott ziehen sie gleichsam immer ein schwarzes Kleid an. Ja, was soll denn das? Heißt das nicht auch, aus Gott etwas ganz |246 Anderes machen, als er ist? Heißt das nicht, seinen Namen entheiligen, wenn wir ihn nie anders als mit einem traurigen Gesicht aussprechen? Gott ist doch der Vater, der uns lieb hat, der uns Freude macht, und da sollen wir auch Freude an ihm haben, und das muss sich zeigen, wenn wir von ihm reden. Wenn du nicht weißt, was das heißt, dann schlag einmal dein Gesangbuch auf und nimm die Lieder von Paul Gerhardt vor, etwa so eins wie «Sollt ich meinem Gott nicht singen!»5 oder: «Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerszeit.»6 Das heißt Gottes Namen heiligen; so müssen wir’s auch machen. Wir können z. B. damit anfangen, indem wir hier in der Kirche etwas kräftiger und freudiger unsre schönen Choräle singen, als es gewöhnlich geschieht. Und nicht so langsam, ein Choral ist kein Trauermarsch, und Gott hält es nicht mit den Griesgrämigen, sondern mit den Freudigen. – |

Aber nun müssen wir eine Stufe höher steigen. Gottes Name wird entheiligt überall da, wo man ein Menschenmaß aufrichtet über das, was von Gott gelehrt oder nicht gelehrt werden solle, überall da also, wo man über Andre richtet, weil sie nicht die gleichen Gedanken über Gott haben wie der, welcher richtet. So hat man vor einigen Wochen in Preußen einen Pfarrer, der von seiner ganzen Gemeinde verehrt wurde wegen seiner geistlichen Wirksamkeit, abgesetzt, weil er von Gott nicht mehr so lehre, wie man es in Preußen für richtig hält.7 Ich glaube nicht, dass solches Richten und Absetzen, ob es nun im Großen oder Kleinen geschehe, verträglich ist mit Gottes Heiligkeit. Denn es wird auch da, oft in bester Meinung, Gott Gewalt angetan, er wird klein und eng gemacht, während er doch groß und weit ist wie der Himmel. Gottes Name wird als Buchstabe gebraucht, während er gebraucht sein will als Geist und Wahrheit. Wer Gottes Namen heiligen will in seinen Worten, der kann nicht der Knecht eines Buch|247stabens sein und noch weniger andre zu solchen Knechten machen wollen; der dringt ein in die Tiefen des Geistes des Herrn; der erkennt, dass, wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit [2.Kor. 3,17]. Die Freiheit ist das Gegenteil von Menschenmaß. Wir haben Freiheit, weil unser Gott so überschwänglich reich und mannigfaltig ist. Er hat jedem von uns etwas Besonderes zu sagen, je nach seinem besondern Charakter, seinen Erfahrungen und Lebensumständen. Und darum will er vor Allem, dass jeder aufrichtig sei und sich von Niemandem, wer es auch sei, das Heft korrigieren lasse. Er ist der Gott der Wahrheit und kann uns nur brauchen, wenn wir zuerst und zuletzt wahr sind mit uns selber. Sonst sind wir seine wahren Kinder nicht. Und so gehört die Freiheit hinzu zum Heilighalten seines Namens. – |

Ernsthaftigkeit, Freude, Freiheit haben wir genannt, aber das Höchste und Größte kommt erst. – Gottes Name ist dann heilig in unsern Worten, wenn sie aus der Liebe kommen. Darin ist alles Übrige enthalten. Und wenn’s am Übrigen fehlt, so kommt es daher, dass es im Grunde an der Liebe fehlt. Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,16], das predigt uns jedes Wort in seinem Namen, den wir nun kennengelernt haben. Und da erhebt sich nun sofort die Frage: Warum nimmst du den Namen dieses Gottes in den Mund? Was willst du damit? Das kann die mannigfachsten Gründe haben. Bei manchen ist’s das, dass sie sich damit Ruhe schaffen möchten vor ihrem eigenen Gewissen, sie hoffen Seelenfrieden zu finden, wenn ihr Mund göttliche Worte spricht. Ja, so einfach ist das nicht. Es hat schon Mancher geredet und geredet von Gott, und es ist nicht besser geworden in seinem Innern. Dem Freiherr von Münchhausen, der sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen wollte,8 wird es schwerlich gelungen sein, und wer |248 nur von seiner eigenen Sehnsucht zehrt, wird nicht satt werden. Aber nun versuch es einmal, von Gott zu reden, ohne an dich zu denken, suche ihn den Andern zu bringen, zu zeigen, lebendig zu machen. Sieh, damit heiligst du seinen Namen, denn das entspricht seiner eigenen Art: lieben, helfen, sich öffnen. So handelt Gott an uns. So sollen wir von ihm reden. – |

Andre gibt’s, die reden von ihm, weil sie selbst in der Welt kein Glück gehabt und weil sie’s nun auch den Andern versauern möchten. Das gibt dann jenes unfreudige Christentum, von dem wir sprachen. Solche Menschen mögen oft in tiefem Ernst von Gott reden. Aber ist ihr Ernst auch heiliger Ernst? Heiligen sie den Namen Gottes? Reden sie so von ihm, wie es seiner Art entspricht, oder wird er unter ihren Händen, in ihrem Munde ein finsterer, unfreundlicher Tyrann? Seht, wenn uns Gott heilig ist, dann reden wir so von ihm, dass wir Freude um uns verbreiten. Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,16], und die Liebe denkt nicht zuerst ans Verleiden, sondern ans Schenken. So auch wir, wenn wir seinen Namen in den Mund nehmen. – |

Und wieder Andre sind, die reden von Gott, aber sie tun es aus einer versteckten, aber gründlichen Eitelkeit. Es tut der Selbstliebe so wohl, es hebt die Person so prächtig heraus, wenn man zu andern Leuten von dem reden darf, was das Höchste ist im Leben. Es liegt etwas so Angenehmes in dem Gefühl, sich selbst mit Gott auf die eine Seite zu stellen und die ganze übrige Welt auf die andre. Aber eine Heiligung des Namens Gottes ist das Reden nicht, das aus diesem Gefühl kommt. Es kann sehr schön und sehr fromm sein, aber es ist nicht das, was Gott braucht. Denn wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts [1.Kor. 13,1]. Es sind vielmehr die Geister des Messens und Abwägens und Richtens der Andern, die aus diesem Gefühl kommen. Gottes Geist ist ein anderer. Wo er wirklich ist, da vergisst man seine eigene Person, da denkt man nur daran: wie kann ich den Andern etwas sein, da ist man ganz von selber frei und unbefangen, da braucht man den Namen Gottes, wie er gebraucht sein will, nicht um ein selbstgefälliges Spiel damit zu treiben, sondern um den Andern damit ein Evangelium, eine frohe, helfende, erlösende Botschaft zu bringen.

Was sollen wir jetzt noch besonders davon reden, dass Gottes Name nicht nur in unsern Worten, sondern in unserm Leben geheiligt |249 werden soll. Als ob das Eine möglich wäre ohne das Andre! Als ob man von Gott würdig reden könnte, ohne seiner würdig zu sein. Ernsthaftigkeit, Freude, Freiheit, Liebe – das sind die Dinge, die nicht nur in unsern Worten liegen müssen, sondern in unsern Herzen und in unserm Tun, wenn Gottes Name bei uns heilig sein soll. Liegen sie nicht in unserm Herzen, so liegen sie sicher auch nicht in unsern Worten.

Und nun können wir zum Schluss noch etwas Näheres sagen über das merkwürdige Wort «heilig» und «heiligen». Es haben auch die Juden zur Zeit Jesu gebetet: Dein Name werde geheiligt! Aber es hatte einen tief verschiedenen Sinn, ob sie es beteten oder ob Jesus es tat. Wenn sie es taten, dann bedeutete es so viel als: man muss Respekt haben, man muss feierlich und gewichtig werden, man muss Umstände und Zeremonien machen, wenn man das Wort «Gott» ausspricht. Sogar für das Schreiben des Wortes hatten sie allerlei Heimlichkeiten erfunden, um nur ja eine Entheiligung zu verhindern. Und so denken es sich wohl auch noch manche Christen, als ob das die Heiligkeit des Namens Gottes sei, dass er nur mit besondern Betonungen und in besonderer Feierlichkeit von uns gebraucht werde. – |

Der Sinn Jesu ist ganz ein anderer. Ihm kommt Alles an auf den Geist und die Meinung, in der wir von Gott reden. Ihm kommt es überhaupt auf den Geist und die Meinung an, die in uns leben. Es gibt einen Geist und eine Meinung, die heiligen Gott, weil sie seiner würdig sind, und einen andern Geist und eine andre Meinung, die entheiligen ihn, weil sie ihn zur Lüge machen. Was wir nötig haben, um vor Gott zu bestehen, das sind nicht die heiligen Worte, sondern das ist der heilige Geist, der Geist der Zucht und der Kraft und der Selbstlosigkeit [vgl. 2.Tim. 1,7], der von Gott redet, ohne dass ein Wort über unsre Lippen kommt, der von Gott redet, während wir an der Arbeit sind oder bei Tische sitzen, während wir unsre häuslichen Pflichten tun oder während wir mit guten Freunden zusammen sind. Wenn wir diesen Geist haben, sind wir Gottes Kinder und seiner würdig [vgl. Röm. 8,14]. Dann ist sein Name heilig bei uns. Denn dieser Geist ist sein Geist. Aber eben weil es sein Geist ist, müssen wir bei ihm selbst darum bitten und suchen. Und unser Suchen kann nicht vergeblich sein: er hat uns Jesus gegeben und gezeigt, damit er uns heilig macht, wie es den Söhnen des himmlischen Vaters zukommt. Er muss uns |250 anleiten, zu suchen und zu finden, worum wir bitten: Dein Name werde geheiligt! Dein guter Geist der Ernsthaftigkeit, der Freude, der Freiheit, der Liebe, er erfülle unsre Herzen und reinige unsre Lippen!

Amen.

Sachfußnoten

1
Übernamen sind Beinamen, die eine Person nach körperlichen, geistigen, charakterlichen Merkmalen oder Ereignissen aus ihrer Lebensgeschichte für ein bestimmtes Umfeld eindeutig kenntlich machen, besonders dann, wenn es in diesem Umfeld mehrere Personen mit gleichen Vor- und Familiennamen gibt. Üblich waren und sind sie in engen Gemeinschaften, etwa eben in Dörfern wie dem damaligen Safenwil oder auch in studentischen Verbindungen.↩
2
Vgl. BSLK, S. 512,28–30 📖; BSLK.NE, S. 874,11f. 📖.↩
3
Vgl. BSLK, S. 513,7–9.20–22.39–42 📖; BSLK.NE, S. 876,4f.13f.; S. 878,4–6 📖.↩
4
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
5
GERS 3; RG 724; EG 325 🎵.↩
6
GERS 57; RG 537; EG 503 🎵.↩
7
Der Kölner Pfarrer Carl Jatho (1851–1913) wurde am 23. Juli 1911 aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem überkommenen Bekenntnis nach dem am 16. März 1910 für die altpreußische Union erlassenen Kirchengesetz betr. das «Verfahren bei Beanstandung der Lehre von Geistlichen» (AKED 59 [1910], S. 265) 📖 dienstentlassen. Vgl. M. Wolfes, Art. «Jatho, Karl Wilhelm», in: RGG4 IV, Sp. 392 📖.↩
8
Vgl. G. A. Bürger, Wunderbare Reise zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt, (Erstdruck: 1786) Frankfurt/Main 1976, S. 53f. 📖: «Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größern Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloß, wieder herausgezogen hätte.»↩