Predigt: Matthäus 6,9b
(9. nach Trinitatis)
Den Namen Gottes haben wir in unsern letzten Betrachtungen kennenzulernen versucht. Gott heißt das, was er ist: Vater, unser Vater im Himmel. Unter uns Menschen dient der Name dazu, den Einzelnen kenntlich zu machen, von Andern seinesgleichen zu unterscheiden. An den Namen eines Menschen erinnern wir uns, indem wir an ihn denken; seinen Namen brauchen wir, wenn wir etwas von ihm sagen; mit seinem Namen reden wir ihn an, wenn wir etwas von ihm wollen. Leider haben die Namen unter uns nicht mehr den Sinn, den sie ursprünglich hatten. In alten Zeiten bezeichneten sie genau und unmissverständlich den oder jenen bestimmten Menschen. So haben alle unsre Vornamen so gut wie die Familiennamen einmal einen Grund und Sinn gehabt in irgendeiner Eigenschaft bestimmter Menschen. Dann wurden sie allgemein und gedankenlos gegeben wie unsre Vor- und Taufnamen oder sie vererbten sich auf ganze Familien und beide Mal verloren sie den ursprünglichen genauen Sinn. Man weiß nicht mehr, wer gemeint ist, wenn man sie ausspricht. Will man einen bestimmten Menschen damit bezeichnen, dann muss man schon eine Art Übernamen1 hinzufügen, wie es ja gerade in unserm Dorf üblich ist, und es entsteht dann im Grunde ein neuer Name. – |
Der Name des Gottes, zu dem Jesus Christus uns führt, ist von vornherein gegen alle Verwechslungen und Missverständnisse geschützt. Er heißt: Unser Vater im Himmel! Entweder man kennt die|242sen Namen nicht oder man kennt ihn, und dann kennt man auch sofort den, der damit gemeint ist. Einen Zweiten dieses Namens gibt es nicht. Denn man kann nur Einen kennen als unsern Vater im Himmel. So hat der Name Gottes, den uns Jesus auf die Lippen gelegt, von vornherein etwas an sich, was ihn von allen Menschennamen unterscheidet. Und wir haben auch Alle das Gefühl, dass es immer etwas Einzigartiges ist, wenn wir diesen Namen denken und aussprechen oder wenn wir mit diesem Namen den anreden, der damit gemeint ist. – |
Aber nun heißt uns Jesus auch ausdrücklich und als erste Bitte von allen Gott anrufen: Dein Name werde geheiligt! Das kann uns stutzig machen. Denn wir denken: dieser Name ist heilig, wir brauchen nicht erst darum zu bitten, dass er’s werde. Oder ist es nicht ein heiliger Name: unser Vater im Himmel? Wozu das Gebet um das, was schon da ist: dein Name werde geheiligt? Darauf hat schon
So auch bei der Bitte: Dein Name werde geheiligt. Ja, es ist so: Gottes Name ist an ihm selbst heilig. Auch ein oberflächlicher Mensch kann es schwerlich ohne einen ehrfürchtigen Schauder denken und aussprechen: Unser Vater im Himmel! Aber wie ist es denn? Ist Gott unser Vater, so sind wir seine Kinder, so wird ebenso viel darauf ankommen, dass sein Name auch bei uns heilig sei. Es ist auch |244 unter Menschen Mancher ein Ehrenmann, aber ob sein Name in Ehren bleibt, das hängt von seinen Kindern ab. Ein Name kann seinen guten Klang behalten durch viele Generationen hindurch, er kann ihn aber auch verlieren durch einen ungeratenen Sohn. So ist der gute Name des Vaters Ehrensache nicht nur des Vaters, sondern gerade der Kinder. Auch wir sind Träger eines guten Namens, des Namens unsres Vaters im Himmel. Wir sind durch unsre Taufe, durch unsre Erziehung, durch unsre Lebenserfahrungen dazu geführt worden, dass wir seine Kinder heißen dürfen. Jetzt wird es darauf ankommen, ob wir unserm Namen, der der Name Gottes ist, Ehre machen. Das ist wahrhaftig unsre eigene dringende Angelegenheit, obwohl Gott schon selber für seine Heiligkeit sorgt. Und darum hat es seinen guten und klaren Grund, wenn wir beten: Dein Name werde geheiligt! Ich würde diese Bitte etwa so ausdrücken mit andern Worten: Unser Vater im Himmel! Lass uns dessen wert sein, dass wir Deine Kinder heißen dürfen!
Wir können schon den Namen unsres menschlichen Vaters auf zweierlei Weise wert halten oder nicht wert halten. Erstens mit unsern Worten. Zweitens mit unserm Leben. Von den Worten wollen wir zuerst reden. Was heißt denn das, einen Namen mit Worten wert halten oder heiligen? Offenbar doch soviel als: ihn nie anders über unsre Lippen bringen, als wie es dem Träger dieses Namens zukommt. Es heißt also einfach: diesen Namen mit Wahrhaftigkeit und nicht in Lüge gebrauchen. Ein Sohn, der den Namen seines Vaters zu Unrecht mit einer leichtsinnigen oder sträflichen Tat in Verbindung bringt, der entheiligt den Namen seines Vaters, denn er lügt. Ein Sohn, der betrügerisch Schulden macht auf den Namen seines Vaters, entweiht ihn, denn auch da ist eine Lüge im Spiel. Ein Sohn, der ein schlechtes und unnützes Leben decken will mit dem Gedanken: mein Vater heißt ja so und so, der entheiligt dessen Namen, denn auch er lügt. In all diesen Fällen wird der gute Name vorgeschoben für etwas, das nicht gut ist. Der Vater wird durch eine offenkundige Lüge seines Sohnes als Einer hingestellt, der er gar nicht ist. So verliert sein Name, er wird entheiligt. Und gerade so machen es nun Unzählige, die Gottes Kinder heißen |245 dürfen. Sie entheiligen seinen Namen, indem sie durch eine Lüge Gott hinstellen als einen, der er gar nicht ist. Da sind vor Allem die, die Gottes Namen oberflächlich und gedankenlos in den Mund nehmen. Ich denke an Alles das, was Jesus als Plappern bezeichnet hat [vgl.
Eine andre Art, Gottes Namen zu entheiligen, ist die unfreudige Art von ihm zu reden. Es gibt viele Menschen, die nehmen es wohl recht wichtig und ernst, wenn sie von Gott reden, aber fast hätte ich gesagt: sie nehmen es zu ernst damit. Sie machen, sobald von Gott und Religion und Kirche auch nur von Weitem die Rede ist, ein feierliches, böses Gesicht und meinen, es müsse so sein. Sehr oft sind das gar nicht die, die auch in ihrem Leben so ernst und zurückhaltend sind, sie leben im Übrigen wie Andre auch oder sogar heiterer als Andre, aber für den lieben Gott ziehen sie gleichsam immer ein schwarzes Kleid an. Ja, was soll denn das? Heißt das nicht auch, aus Gott etwas ganz |246 Anderes machen, als er ist? Heißt das nicht, seinen Namen entheiligen, wenn wir ihn nie anders als mit einem traurigen Gesicht aussprechen? Gott ist doch der Vater, der uns lieb hat, der uns Freude
macht, und da sollen wir auch Freude an ihm haben, und das muss sich zeigen, wenn wir von ihm reden. Wenn du nicht weißt, was das heißt, dann schlag einmal dein Gesangbuch auf und nimm die Lieder von
Aber nun müssen wir eine Stufe höher steigen. Gottes Name wird entheiligt überall da, wo man ein Menschenmaß aufrichtet über das, was von Gott gelehrt oder nicht gelehrt werden solle, überall da also, wo man über Andre richtet, weil sie nicht die gleichen Gedanken über Gott haben wie der, welcher richtet. So hat man vor einigen Wochen in
Ernsthaftigkeit, Freude, Freiheit haben wir genannt, aber das Höchste und Größte kommt erst. – Gottes Name ist dann heilig in unsern Worten, wenn sie aus der Liebe kommen. Darin ist alles Übrige enthalten. Und wenn’s am Übrigen fehlt, so kommt es daher, dass es im Grunde an der Liebe fehlt. Gott ist die Liebe [
Andre gibt’s, die reden von ihm, weil sie selbst in der Welt kein Glück gehabt und weil sie’s nun auch den Andern versauern möchten. Das gibt dann jenes unfreudige Christentum, von dem wir sprachen. Solche Menschen mögen oft in tiefem Ernst von Gott reden. Aber ist ihr Ernst auch heiliger Ernst? Heiligen sie den Namen Gottes? Reden sie so von ihm, wie es seiner Art entspricht, oder wird er unter ihren Händen, in ihrem Munde ein finsterer, unfreundlicher Tyrann? Seht, wenn uns Gott heilig ist, dann reden wir so von ihm, dass wir Freude um uns verbreiten. Gott ist die Liebe [
Und wieder Andre sind, die reden von Gott, aber sie tun es aus einer versteckten, aber gründlichen Eitelkeit. Es tut der Selbstliebe so wohl, es hebt die Person so prächtig heraus, wenn man zu andern Leuten von dem reden darf, was das Höchste ist im Leben. Es liegt etwas so Angenehmes in dem Gefühl, sich selbst mit Gott auf die eine Seite zu stellen und die ganze übrige Welt auf die andre. Aber eine Heiligung des Namens Gottes ist das Reden nicht, das aus diesem Gefühl kommt. Es kann sehr schön und sehr fromm sein, aber es ist nicht das, was Gott braucht. Denn wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts [
Was sollen wir jetzt noch besonders davon reden, dass Gottes Name nicht nur in unsern Worten, sondern in unserm Leben geheiligt |249 werden soll. Als ob das Eine möglich wäre ohne das Andre! Als ob man von Gott würdig reden könnte, ohne seiner würdig zu sein. Ernsthaftigkeit, Freude, Freiheit, Liebe – das sind die Dinge, die nicht nur in unsern Worten liegen müssen, sondern in unsern Herzen und in unserm Tun, wenn Gottes Name bei uns heilig sein soll. Liegen sie nicht in unserm Herzen, so liegen sie sicher auch nicht in unsern Worten.
Und nun können wir zum Schluss noch etwas Näheres sagen über das merkwürdige Wort «heilig» und «heiligen». Es haben auch die Juden zur Zeit Jesu gebetet: Dein Name werde geheiligt! Aber es hatte einen tief verschiedenen Sinn, ob sie es beteten oder ob Jesus es tat. Wenn sie es taten, dann bedeutete es so viel als: man muss Respekt haben, man muss feierlich und gewichtig werden, man muss Umstände und Zeremonien machen, wenn man das Wort «Gott» ausspricht. Sogar für das Schreiben des Wortes hatten sie allerlei Heimlichkeiten erfunden, um nur ja eine Entheiligung zu verhindern. Und so denken es sich wohl auch noch manche Christen, als ob das die Heiligkeit des Namens Gottes sei, dass er nur mit besondern Betonungen und in besonderer Feierlichkeit von uns gebraucht werde. – |
Der Sinn Jesu ist ganz ein anderer. Ihm kommt Alles an auf den Geist und die Meinung, in der wir von Gott reden. Ihm kommt es überhaupt auf den Geist und die Meinung an, die in uns leben. Es gibt einen Geist und eine Meinung, die heiligen Gott, weil sie seiner würdig sind, und einen andern Geist und eine andre Meinung, die entheiligen ihn, weil sie ihn zur Lüge machen. Was wir nötig haben, um vor Gott zu bestehen, das sind nicht die heiligen Worte, sondern das ist der heilige Geist, der Geist der Zucht und der Kraft und der Selbstlosigkeit [vgl.