Heute wollen wir miteinander darüber nachdenken, was Jesus uns hat sagen wollen, indem er Gott den Vater im Himmel genannt hat. Das ist ein Gegenstand, der besonders gut passt in diese Jahreszeit, in der wir Alle nun so oft schon ausgesehen haben nach dem Himmel, was er uns wohl bringen werde. Und es ist ein Gegenstand, der auch gut passt zu unserm heutigen Gottesdienst. Haben wir doch für heute unsere Kirche leer stehen lassen und sind hinausgegangen, hier im grünen Wald unter freiem Himmel Gottes Wort zu hören.
Was will das sagen: unser Vater im Himmel? Manche werden uns antworten: das will heutzutage gar nichts mehr sagen. Wir sind darüber hinaus, im Himmel einen Gott zu suchen. Sie denken an das Wort jenes Astronomen, der gesagt hat, er habe mit seinem Fernrohr den ganzen Himmel durchforscht und keinen Gott gefunden.1 Sie sagen uns, das sei ein gemütlicher Irrtum früherer Zeiten gewesen, sich den Himmel so vorzustellen wie die Zimmerdecke in einem Haus: im ersten Stock wohnen die Menschen und im zweiten der liebe Gott. Mit diesen Gedanken sei es vorbei, seit wir im Weltall etwas besser Bescheid wüssten. Wer mir heute so oder ähnlich antworten |233 würde oder wer im Stillen so denkt, dem würde ich jetzt sagen: ich dank dir, dass du mich aufgeklärt hast. Ich wusste zwar diese Dinge auch schon. Ich denke mir den lieben Gott auch nicht als einen Mann, der auf einem Thron da oben in der blauen Luft sitzt, wie man es etwa auf alten Bildern sehen kann, und ich denke auch nicht, dass er in einem zweiten Stockwerk wohnt oben an den Sternen. Und nun bete ich trotzdem, wie Jesus es getan: Unser Vater im Himmel! Ja, was gilt’s, ich habe gegen das alte kindliche Bild von Gott, der wie ein König auf den Wolken thront, viel ernsthaftere Einwendungen als du. Du meinst: das kann nicht wahr sein, weil du oder dein Schullehrer einmal in ein Fernrohr geguckt habt. Dagegen könnte man immer noch sagen, dass auch das beste Fernrohr uns noch nicht den millionsten Teil des Himmels übersehen lässt. |
Ich habe etwas viel Schwerwiegenderes zu sagen: Wenn ich das Leben des Herrn Jesu lese oder die Geschichte des Paulus oder die von Luther und Calvin, oder auch wenn ich mich in die Werke etwa von Goethe vertiefe, dann habe ich den starken Eindruck, dass der Gott, von dem diese Menschen geredet haben, nicht ein Gott sein kann, der in weiter Ferne von ihnen in einem obern Stockwerk der Welt wohnt, sondern dann merke ich, dass Gott bei ihnen, in ihnen gewesen ist. Sie spürten sein gegenwärtiges, nahes Wirken, weil sie etwas von seinem Geist hatten. Ihnen wäre es einfach lächerlich vorgekommen, ihn mit einem Fernrohr da oben zu suchen, weil sie aus tiefster Erfahrung wussten, dass er nur da drinnen zu uns redet und von uns zu finden ist. Den Unvergleichlichen unter ihnen, Jesus von Nazareth, nennen wir ja gerade deshalb Gottes Sohn, weil er Gott nicht mehr wie die andern und wie wir erst suchen musste in fernen Himmelsräumen, bei andern Menschen oder gar in Büchern, sondern er war bleibend bei ihm und in ihm, Jesus konnte sagen: ich und der Vater sind eins [Joh. 10,30]. Aber auch wenn ich von der kleinen bescheidenen Erfahrung sprechen darf, die ich selbst mit Gott gemacht, muss ich sagen, was wir am letzten Sonntag ausgeführt: Gott ist ein gegenwärtiger Gott, er wohnt nicht über den Sternen, sondern er lebt im Pulsschlag unseres Herzens, in den Regungen unseres Gewissens, im Fortschritt unserer Erkenntnis, im Strom unseres Gefühls. Entweder wir erfahren ihn hier oder gar nicht. Da muss er uns ermuntern, Gesetz geben, trösten, strafen, richten und heilen oder wir wissen nichts von ihm. Stünde es so, dass |234 Gott im Himmel wohnte und wir auf Erden, dann gäbe es gar keine Religion; denn darin besteht die Religion, dass Gott auf Erden, bei den Menschen wohnt, in den Menschen. So hätten wir einen starken Grund, stärker als Alles, was die Naturwissenschaft uns sagen könnte, uns aufzulehnen gegen dieses «im Himmel». Es hat zu allen Zeiten gerade innig und tiefsinnig Gläubige gegeben, die es getan haben. Wir könnten dann den Ausdruck, den Jesus gebraucht hat, nicht auslegen und anwenden, sondern wir müssten sagen: er hat ihn gebraucht, weil es zu seinen Zeiten üblich war, sich Gott im Himmel vorzustellen, oder weil er sich darin den Leuten anpasste. Für uns hat es nichts mehr zu sagen. Es ist ein bloßes Wort geworden, dieses «Vater im Himmel». Ich sage noch einmal: Wir wollen das nicht tun, wollen ja nicht zu rasch aburteilen. Wir könnten sonst etwas Kostbares verlieren. Es ist die tiefste Wahrheitserkenntnis ausgesprochen gerade in diesem merkwürdigen Zusatz: Vater im Himmel. Wir wollen zusammen versuchen, sie zu entdecken.
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Dazu darfst du freilich nicht auf eine Sternwarte gehen, um da mit dem Fernrohr Gott zu suchen im Himmel. Das ist darum ein törichtes Unternehmen, weil du mit dem Fernrohr wohl Sterne wahrnehmen kannst, aber nicht den Himmel und darum auch nicht den Vater im Himmel. Der Himmel gehört ja nicht zu den Dingen im Unendlichen, die man sehen kann, sondern der Himmel ist selbst das Unendliche. Das Sehen und Rechnen und Begreifen hört auf, wenn wir vom Himmel reden, obwohl er scheinbar ein Ding ist wie ein anderes, das in unserm Auge sich spiegelt. Nicht zu sehen, zu schauen gilt es, wenn du den Himmel wahrnehmen willst. Wie es der Dichter Paul Gerhardt in seinem Morgenlied gesagt hat: «Schaue den Himmel mit meinem Gesicht …»2 Du musst lernen, den Himmel zu schauen, dann wird dir auch der Vater im Himmel nicht fern sein. Sieh, um das zu lernen, würde ich dir raten, einmal in den Wald zu gehen, wie wir es heute getan haben, aber dann geh ganz allein. Nimm alles mit, was dich |235 innerlich beschäftigt: die Sorge um Familie und Vermögen, das Verlangen nach diesem oder jenem Glück, den jahrzehntealten Streit mit dem Nachbar und den Kummer über jenen Menschen, der dir das Leben schwer macht. Nimm das Alles mit und vergiss ja nichts. Und nun lege dich einmal auf den Rücken unter die hohen Tannen und sieh über dich und höre gut zu! Was siehst du und was hörst du? Dein Blick geht den mächtigen Stämmen entlang und folgt ihnen bis hinauf zur Krone, die sich weit, weit oben mit der Krone des Nachbars berührt. Unwiderstehlich, wie Pfeile zeigen sie aufwärts; wie klein kommst du dir da bereits vor, wie geringfügig neben diesen alten sicheren Gesellen. Und nun geht dein Blick weiter, die Tannen selber leiten ihn, und es ist dir, wie wenn du durch das Geäst hindurch führest zu einem mächtigen Saal. Du musst deine Augen gewöhnen daran. Er ist viel, viel größer, als es auf den ersten Blick aussieht. Sieh, wie unendlich hoch die kleine weiße Wolke über den Tannen steht, und über der Wolke geht’s immer weiter, immer höher. Lass nicht ab, hinein zu sehen, auch wenn das Auge sich verliert und müde wird. Und dann schließe die Augen und hör, wie es da droben über dir rauscht und webt in den Kronen, wie all das Geäst Stimme bekommen zu haben scheint und sich vereinigt zu einem Chor, der tönt wie die ferne Brandung des Meeres. Der Wind geht über den Wald und spielt darauf wie auf einer mächtigen Harfe. Du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, von wannen er kommt noch wohin er geht [Joh. 3,83]. Sieh, dann hast du das Unendliche gehört und gesehen, geahnt, ergriffen, geschaut; und nun kehre von alledem zu dir selber zurück, zu deinen Angelegenheiten und Gedanken, die du mitgebracht hast. Kommt es dann nicht vor Allem über dich: wie klein, wie unendlich klein bin ich mit alldem, was mich bewegt und aufregt. Wie verschwindend geringfügig sind meine Angelegenheiten gegenüber dem Leben der unendlichen Welt, in die ich eben einen kleinen Blick getan. Und dann schämst du dich vor dem blauen Dom, der da oben aufgerichtet ist, du schämst dich, weil er so groß ist und du so klein; es kommt dir vor, als hätten deine Sorgen und Begierden so gar keine Daseinsberechtigung mehr, es ist, wie wenn sie erdrückt werden von der Ewigkeit, in die du hineingesehen. |
236Aber das ist noch nicht Alles. Die Hauptsache kommt erst. Besinne dich, was übrig bleibt in deinem Innern, wenn du dich mit der Unendlichkeit verglichen hast: Hast du etwas vorzubringen, von dem du hier im Angesichte der Ewigkeit aufrichtig sagen und denken könntest: es ist eine wichtige, dringende Sache? Nicht wahr, da hält das Allermeiste nicht stand: deine Sorgen und deine Wünsche bedeuten gar wenig in dem großen Haushalt der Welt, sogar dein gutes Recht, auf das du pochst gegenüber den Andern, und dein begründeter Kummer, sie werden so kleinlich und unbedeutend, wenn du sie an das Licht des Himmels bringst. |
Aber nun hast du etwas Anderes in dir, und das hält stand. Du hast dir einmal dein gutes Gewissen bewahrt in der Stunde der Versuchung, Du bist einmal tapfer gewesen, als es galt, Stand zu halten gegen die Mehrheit der Andern. Du hast einmal ein Opfer gebracht um einer guten Sache willen. An diese Dinge denkst du jetzt auch, nicht um dich damit vor dir selber zu rühmen, du denkst vielmehr daran zurück wie an Etwas, das dir geschenkt worden ist. Aber du hast hier einen festen Punkt in deinem Leben, etwas, das dir nicht klein und verächtlich wird, nachdem du die Ewigkeit zu dir hast reden lassen, etwas, das bleibt auch im Angesicht des Himmels. Und was da in dir ist, das ist nicht eine bloße Erinnerung; es ist ein lebendiger Same für die Zukunft. Du spürst den kräftigen Antrieb in dir, deine Pflicht zu erfüllen, an dem Platz in der Welt, wo du hingestellt bist, dich verlangt im tiefsten Herzensgrund danach, Liebe zu erweisen einem andern Menschen um der Liebe willen, du hast den ernsten Willen, deine Person und deine Kraft einzusetzen, damit das Gute und Rechte in der Welt einen Schritt vorwärts gehen. Und nun sieh, was da in dir lebt, das ist ja auch etwas Unendliches, Ewiges. Je ernster du es damit nimmst, je größer der Platz ist, den es bei dir einnimmt, desto mehr gleicht es dem Himmel in seiner Erhabenheit. Du spürst hier wie dort: da handelt es sich um etwas ganz Großes, vor dem ich selbst ganz klein bin. Gegen die majestätische Macht, die da in meinem Geist eine wenn auch noch so kleine Wohnung aufgeschlagen, gegen sie kann ich ebenso wenig aufkommen wie gegen die Majestät des Himmels, in dessen unendlichen Räumen meine Augen sich verirren und dessen Winden meine Ohren lauschen, ohne zu verstehen. |
237So hat schon der Philosoph Kant diese beiden Ewigkeiten miteinander verglichen: «Zwei Dinge», hat er gesagt, «sind es, die das Gemüt mit immer neuer Ehrfurcht erfüllen: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.»4 Aber warum sollen wir denn dabei bleiben, Beide so nebeneinander zu stellen, bloß miteinander zu vergleichen, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten, die Ewigkeit des Himmels über uns und die Ewigkeit der Pflicht, der Liebe, und der Selbstverleugnung in uns. Steht’s nicht vielmehr so, dass eine die Erfüllung der andern ist? Sieh, die Größe des Himmels, die du ahnend anschaust, sie zwingt dich beinahe, dich zu besinnen auf das, was groß ist im innern Leben, groß zu werden, auch du! Und wenn du jetzt unterwegs bist, das Große in dir zu erkennen und groß zu werden, dann erfüllt dich wieder die Größe der Welt, des Himmels mit Jubel und Entzücken. Vorher hat sie dich erdrückt und klein gemacht, weil du selber klein warst. Jetzt befreit sie dich und lässt dich dankbar sein dafür, dass du groß sein darfst in einer großen Welt. Der Himmel, seine Unendlichkeit ist dir jetzt nicht mehr etwas Feindselig-Erschreckendes, nicht mehr etwas Beschämendes, sondern sie ist dir etwas Vertrautes geworden, etwas Nahes und Eigenes. Du kennst den Himmel aus deinem eignen Leben, du weißt, was das ist: die unendliche Sehnsucht nach den Zielen eines köstlichen Daseins, das unendliche Streben und Arbeiten, um diese Ziele zu erreichen, die unendliche Kraft, die uns durchströmt, wenn wir ehrlich arbeiten, die unendliche Güte, die uns zu sich zieht.
Verstehst du’s jetzt, warum Jesus Gott den «Vater im Himmel» genannt hat? Sieh, jetzt können wir es verstehen in einem guten und tiefen Sinn.
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238Das heißt zuerst: Gott steht über uns in unendlicher ewiger Größe und Überlegenheit. Das hat schon der Psalmsänger gewusst, als er vor tausenden von Jahren dem nachsann, was uns heute beschäftigt: «Wenn ich sehe die Himmel, deiner Hände Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkest, und des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst?» [Ps. 8,4f.] Wir haben einen Gott, der sich unser annimmt, aber wir sollen und wollen seine Herrlichkeit mit Ehrfurcht verehren und ihn nicht klein machen, weil wir auch klein sind. Unendlich wie der Himmel, der sich über uns wölbt, ist seine Macht. Es ist bald ausgesprochen: Gott ist allmächtig. Aber das ist etwas, was erfahren und angeeignet sein will. Auch das Böse steht unter Gottes Macht. Wenn Jesus uns beten heißt: Vater im Himmel! Allmächtiger Gott!, dann meint er, dass wir Gottes Macht nicht nur erleiden, sondern freudig uns ihr unterstellen sollen. Hier fängt die Ehrfurcht an. Wir müssen es alle Tage spüren, dass unser Können und Vermögen seine Grenzen hat. Werden wir es begreifen, dass es die Macht Gottes ist, die uns Grenzen steckt? Wir Alle kennen Lebenslagen, in denen wir vor Aufgaben gestellt sind, die scheinbar hoffnungslos über unsre Kraft gehen. Werden wir es begreifen, dass wir in der Kraft Gottes Taten tun sollen? |
Aber Gott ist nicht nur die überlegene Macht über unserem Leben. Wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind seine Gedanken höher denn unsre Gedanken [vgl. Jes. 55,9]. Es hat Mancher schon kapituliert vor der Macht Gottes, aber die Gedanken Gottes sind ihm fern geblieben. Der Mohammedaner ist ein glühender Verehrer der Allmacht Gottes, aber er dringt nicht ein in die Tiefe seiner Gedanken. Er macht Gott zu einem Menschen, und zwar zu einem kleinlichen, beschränkten Menschen. Wir müssen erkennen, dass die Gedanken Gottes unendliche Gerechtigkeit sind, unendliche Liebe, unendliche Selbstlosigkeit. Beten wir mit Jesus zum Vater im Himmel, so beten wir zu einem Gott, der Gewaltiges von uns fordert, weil er das Gewaltigste und Schönste ist, das wir uns denken können. Ehrfurchtsvoll sollen wir uns bewusst werden, wozu wir bestimmt sind, vollkommen zu werden, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist [vgl. Mt. 5,48].
Und nun steigt Gottes Überlegenheit noch eine Stufe höher, unerreichbar hoch scheint seine Herrlichkeit vor uns zu stehen, aber in|239dem sie unerreichbar hoch geht, steigt sie zu uns nieder und macht uns der Herrlichkeit teilhaftig. Du hast vielleicht verstanden und erfasst, dass Gottes Macht unendlich ist wie der Himmel und seine Gedanken hoch wie der Himmel. Du fügst dich mit Wissen in seinen Willen und du strebst ehrlich danach, zu erfüllen, was er von dir fordert. Aber nun musst du Bekanntschaft machen mit der Tatsache, dass wir Menschen auch bei den besten Absichten so leicht und immer wieder den Weg verfehlen. Mit unsern Absichten möchten wir wohl auf den Himmel zu, aber nun mischt sich wieder die Erde in unsre Absichten. Unsre Gerechtigkeit verderben wir, indem wir eingebildet werden wie die Pharisäer zur Zeit Jesu. Unsre Liebe gleicht nicht der Liebe Gottes, sie wählt und verteilt ihre Gaben parteiisch und ist vielleicht doch wieder bloß versteckte Selbstliebe. Und indem wir uns selbst verleugnen wollen, wie Jesus es von uns verlangt, verlieren wir uns selbst, wir werden haltlos und oberflächlich und weichmütig vor lauter Streben, uns selbst zu opfern, hinzugeben. Das ist die Verwirrung, die wir Menschen immer wieder anrichten auch in dem besten Leben. Und da heißt es nun noch einmal und zuhöchst an Gottes Überlegenheit, an seine überlegene Liebe [zu] glauben und sich daran zu halten. Wir dürfen nicht stehen bleiben bei dem Gedanken: ich bin ja ein ehrlicher Streber, ich will ja das Gute und nichts Anderes. Wüssten wir nichts Anderes als das, so würden wir dünkelhafte Geschöpfe, die sich über sich selbst der schlimmsten Täuschung hingeben. Denn wir mögen noch so himmlisch gesinnt sein, es ist zu viel Erde dabei, als dass wir ehrlich sagen könnten: Ich will nur das Gute. Und wenn wir nun die Täuschung bemerkten und wüssten nichts Größeres als unsere eigene Tugend und Strebsamkeit, dann wäre das Ende eine große Hoffnungslosigkeit, ein resigniertes Zurückziehen, eine welt- und selbstverdrossene Müdigkeit. |
Wir haben aber etwas Größeres: Gott ist der Vater im Himmel, und wir dürfen es zu unsern Gunsten auslegen, was Jesus von ihm gesagt hat: er lässt seine Sonne scheinen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte [Mt. 5,45]. Gott ist größer als unser Herz [1.Joh. 3,20], als unsere Tugend und unser Streben, das ist vielleicht das Größte, was wir an ihm haben. Die Länder und Meere haben ihre Grenzen, der Himmel hat keine Grenzen. So hat unsre Liebe und Güte ihr sehr bestimmtes Ziel. In Gottes Liebe und Güte
|240 findet sich weder Ziel noch Ende. Er ist beständig und rein, auch wenn wir unbeständig und unrein sind. Und nun dürfen wir zweierlei erfahren: Gott braucht auch unsre Schwachheiten und Fehler, um uns vorwärts zu helfen. Die Juden haben in missverstandenem Glaubenseifer den Herrn Jesum verworfen und gekreuzigt, und gerade dieser furchtbare Irrtum hat der Liebe Gottes dienen müssen. Und vielleicht haben wir Alle schon Etwas davon erfahren, wie uns unsre Fehler oft förmlich zu Stufen wurden auf der Treppe, die nach oben führt. Das ist Gottes Güte, dass es so ist. Aber das heißt nun nicht, dass Gott unsre Fehler und Schwachheiten haben will. Wenn er sie uns nachsieht, wenn er sie uns sogar zum Besten dienen lässt, dann ist das das beste Zeichen dafür, dass sie verschwinden müssen. Gottes überlegene Liebe will von unserem Leben Besitz ergreifen. Wir sollen selbst überlegene Menschen werden. Wir dürfen es. Wir können es, weil uns in Jesus Einer begegnet, der uns dazu Vertrauen und Mut gibt. Wenn wir ihn kennen, wenn wir in ihn hineingesehen haben, dann steht Gott nicht mehr hoch über uns in seiner Herrlichkeit, dann ist er bei uns. Er ist dann aus dem Himmel zu uns gekommen, und wir sind zu ihm in den Himmel versetzt.