Predigt: Matthäus 6,9a (II)
(7. nach Trinitatis)
Gott ist gegenwärtig!1 haben wir eben gesungen. Und: Gott ist gegenwärtig! heißt auch die Freudenbotschaft, die wir heute aus unserm Textwort entnehmen wollen. Es soll uns aus der kurzen Anrede, die Jesus gebraucht hat, heute nur das Wort «unser» beschäftigen. Es wird gerade genug darin sein für eine Woche. «Unser Vater!» wenn wir das von Herzen beten, dann wissen und erfahren wir’s, dass Gott nicht nur ein weiser, liebender, uns führender Vater ist, sondern gerade unser, dein und mein Vater. Dann erfahren wir, dass zwischen ihm und uns eine direkte persönliche Beziehung besteht. Er ist der Vater, er der herrliche Gott der Ordnung, der Freude und der Kraft, und wir zwei, du und ich, sind seine Kinder. Er ist gegenwärtig. –
Du denkst vielleicht: das habe ich oft gehört, das ist mir nichts Neues mehr, das sagt mir wenig. Wenn du das denkst, so antworte ich: das mag wohl sein, dass du das schon oft gehört hast. Aber hast du’s dann auch verstanden? Und hast du dann auch Ernst gemacht damit? Sieh, wenn wir genauer zusehen, müssen wir sagen, dass den meisten Menschen nichts so bitterlich fehlt, wie gerade das: ein Gott, der wirklich ihr Vater wäre, ein Gott, der ihnen gegenwärtig wäre. An andern Göttern leiden wir keinen Mangel. Die Menschen beten unzählige Götter an und gar nicht bloß Götzen, sondern schöne und große Götter. Es fehlt ihnen immer nur gerade Eines. Es wird Keiner von ihnen ganz und wirklich unser Gott, es bleibt ein Graben zwischen ihnen und uns, es sind keine gegenwärtigen Götter, und vielleicht zeigt es sich gerade daran, dass es falsche Götter sind, oder doch nur Stufen, durch die wir zu dem einen wahren Gott gelangen müssen, der unser Gott ist.
224So gibt es Menschen, die haben sich ein Ideal gemacht. Man versteht unter diesem Fremdwort das Bild, das sich einer im Stillen entwirft von dem Lebensziel, das er erreichen möchte. Das besteht für den Einen darin, dass er wirksam sein möchte in einem möglichst großen Kreis, seine Kräfte entfalten in einer breiten Tätigkeit, vielleicht als Geschäftsmann, vielleicht als Politiker in Gemeinde und Vaterland. Das besteht für den Andern vielmehr darin, dass er im kleinsten Kreis seiner Familie Liebe empfangen und Liebe geben möchte. Den Dritten führt sein Ideal in die Einsamkeit, das sind die stillen, tiefen Naturen, die ohne Geräusch und Aufhebens den Schönheiten des Lebens nachgehen, denen ein gutes Buch oder eine schöne Landschaft mehr sagt, als ihnen irgend ein Mitmensch sagen und sein könnte, die ein doppeltes Dasein führen, und die schönere Hälfte ist die, von der kein Anderer weiß. Das sind so einige Ideale, denen man nachgehen, an die man glauben kann. Ich brauche absichtlich diesen Ausdruck. Denn es spielen solche Lebensziele, die wir uns im Stillen zurechtmachen, im Leben vieler Menschen genau die Rolle des lieben Gottes. Wir richten unser ganzes Leben darauf ein, ihnen näher zu kommen. Sie begleiten unsre Gedanken und Gefühle bei der Arbeit und in der Ruhe. Bei ihnen suchen wir Trost, wenn es uns nicht gut geht, und sie sind unsre höchste Freude. Es ist mancher im Glauben an ein solches Ideal gestorben. – |
Wir wollen dazu vor Allem sagen: gäbe es nur mehr unter uns, die sich solche Ideale machen und ihnen nachgehen. Der lebendige Gott ist oft gerade denen am Nächsten, die scheinbar andere Götter anrufen. Aber nun wollen wir auch sagen, warum wir uns freuen, einen Gott zu haben, der größer und schöner ist als die schönsten Ideale. Darum, weil das Götter sind, die uns immer nur von ferne grüßen. Sie sind uns nicht gegenwärtig, sie erfüllen uns wohl mit Sehnsucht, aber nicht mit Kraft. Wir können sie nicht anreden: unser Gott! mein Gott! Ich bin sicher, es sind auch unter uns solche, Männer und Frauen, die ein solches Ideal von Arbeit und Wirksamkeit, von Freundschaft und Liebe, von Schönheit und Erkenntnis in sich tragen. Je älter sie sind, umso besser werden sie verstehen, was ich meine: solchen Göttern fehlt das trauliche «unser», mit dem wir Gott anrufen möchten. Ein deutscher Dichter, der auch etwas davon erfahren in seinem Leben, hat es einmal erschütternd dargestellt, wie wir aufsehen zu einer Welt |225 voll herrlichen, edlen, reinen Lebens, wie wir selbst uns denken möchten, wandelnd droben im Licht, als Wesen, deren selige Augen blicken in stiller ewiger Klarheit. Aber wir sehen bloß auf zu dieser Welt – sie ist nicht unser, wir sind keine solchen Wesen: uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhen, es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings von einer Stunde zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahrlang ins Ungewisse hinab!2 Zwischen uns und den Zielen, die wir sehnsüchtig von Ferne bewundern, treten die Schicksale unsres Lebens, die unsre schönsten Träume zerstören oder so wenig davon übriglassen. Dazwischen treten die Menschen, die uns unsere Ideale verspotten und widerlegen, deren Widerstand und deren Stumpfheit sich wie ein Bleigewicht an unser Streben hängt. Dazwischen tritt unsre eigene Unfähigkeit, jenen Zielen nahezukommen, unsre Energielosigkeit oder unser irrtümlicher Eifer. Und so haben wir unsere Ideale und wir haben sie doch nicht. Wir sehen hinein in eine schöne Gotteswelt, aber wir wandeln nicht droben im Licht. Wir haben einen Gott, aber er ist nicht unser Gott.
Andre Menschen gibt’s, die reden und sagen viel von Glück als von dem, was das Höchste sei im Leben: das Glück des Besitzes und das Glück des Genusses. Und wenn sie’s auch nicht sagen, so ist doch ihr Glück ihr Gott. Je nachdem es groß oder klein ist, je nachdem steigt und fällt auch der Barometer ihrer Seele. Sie verlangen nur Eines, an |226 der Sonnenseite des Lebens zu sein, wo man viel Geld verdient und wo man dies Geld dann auf eine anständige und erfreuliche Weise wieder braucht. Es leben unzählige Menschen so, als wäre das Glück wirklich der höchste Gott. Warum ist das ein Aberglaube? Darum, weil wir Alle es aufs Handgreiflichste erfahren müssen, dass dieser Gott nicht unser Gott, dass er kein gegenwärtiger Gott ist. Ihr habt alle die Zigeuner gesehen, die in den letzten Tagen durch unser Dorf gekommen sind. Das waren arme Menschen, über deren Dasein man das Wort schreiben könnte: «wir haben hier keine bleibende Stadt» [
Und wieder gibt’s Menschen, die haben ihren Gott in einem andern Menschen gefunden. Es ist ihnen einer über den Weg gegangen, von nahem oder von weitem, und wie sie ihn sahen, da erwachte und rief es ihnen: Da! so zu sein wie der! das ist das Leben! Und von da ab begannen sie innerlich sich zu bewegen immer um diesen Andern herum wie es Trabantensterne gibt, die um die Planeten kreisen. In ihm sahen sie die Erfüllung ihrer tiefsten Wünsche und Gedanken, von ihnen erwarteten4 sie Alles, was ihnen selbst noch fehlte. O es ist etwas Wunderbares um ein solches Finden, um eine solche Begegnung, um einen solchen Anschluss an einem Andern, in welchem uns etwas Größeres, Besseres, Reicheres entgegentritt als das, was wir in uns selbst spüren. Und wie es manchen geben mag, dem der Gedanke an Gott verloren geht über seinem Ideal oder über seinem Glück, so mag’s schon Mancher gedacht haben: was bedarf ich Gottes, da ich einen Menschen habe, der mir Alles geworden ist: Gesetz und Ermutigung und Segen und Trost und Kraft? So hat schon Mancher gedacht, und es ist vielleicht der edelste und schönste Irrtum, der gerade in diesen Gedanken liegt. Aber ein Irrtum ist es doch, und wie er der edelste ist, so ist er vielleicht zugleich der schwerste und schmerzlichste. Wir können es ertragen und überstehen, wenn unsre Ideale uns schwankend werden und zerrinnen, wenn unser Glück kommt und vorübergeht wie ein Schatten an der Wand. Aber wenn wir an einem Menschen irre werden, der uns einst Alles gewesen ist, das sind von den Schmerzen, die nie ganz mehr verheilen. Und doch ist gerade das Etwas, was das Leben eines Jeden von uns mit sich bringt, dass Leute, die uns Propheten Gottes, wo nicht Götter gewesen sind, uns enttäuschen. Dass wir gewahr werden: Oh nein! Er ist auch menschlich, allzu menschlich.5 Er mag besser sein als manche Andre, aber seine Fehler hat er auch. Wir mögen ihn dann wohl auch fernerhin lieben und ehren, aber das, was er uns vorher war, kann er uns jetzt nicht mehr sein, es ist uns etwas verloren gegangen, und wenn er in |228 unserm Gefühl wirklich die Stelle Gottes eingenommen hatte, wenn er zu unsrer letzten Instanz geworden war, dann geht uns mit ihm Alles verloren, dann reißt sein Sturz uns selber mit sich in die Ratlosigkeit und Unklarheit. Wir sind aber bei keinem Menschen davor sicher, dass nicht einst eine solche Enttäuschung eintritt, eine Ernüchterung, wo wir sehen: die Vollendung, die ich ihm zumaß, besitzt er nicht. Sehen wir wohl zu, wie uns diese Enttäuschung treffe. Sie kann überwunden werden. Sie kann uns weiterführen und besser und reicher und reiner machen. Aber nur dann, wenn wir eine oberste Instanz, einen höhern Thron kennen, einen Gott, zu dem wir sagen können: unser Gott, mein Gott, auch dann, wenn der Trost und die Kraft jedes Menschen uns im Stich lässt.
Dieser Gott ist der Gott, den Jesus Christus als seinen Vater angerufen hat. Und wenn ihr mich fragt: wer ist dieser Gott und wie sieht er aus und wie findet man ihn?, so antworte ich auf das Alles mit dem Einen: Gott ist die Liebe [
Diese seine reine, geistige Art ist die Liebe. Und diese Liebe ist Gott in der Welt. Alles andere geht vorüber. Die Liebe bleibt. Alles Andre kann nicht unser eigener, dauernder Besitz sein. Die Liebe schafft in uns etwas Unvergängliches. Denn sie entspricht unsrer allertiefsten und ursprünglichsten Anlage. Unsre Götter, auch die größten und schönsten, werden nie ganz unsre Götter, den Gott, der die Liebe ist, können und dürfen wir anreden: unser Vater im Himmel, denn die Liebe vergeht nicht und veraltet nicht und enttäuscht nicht. Sie lässt sich nicht untergraben und irre machen und vernichten, sie bleibt, auch wenn die Ideale und das Glück und die guten Menschen uns im Stiche lassen. Wo sie ist, da sehnt sich der Mensch nicht nur, da besitzt er. Wenig vielleicht. Aber er hat an dem Wenigen, das er von diesem Gott hat, mehr als von dem Reichtum aller Scheingötter.
230Aber wenn Jesus uns gelehrt hat, diesen Gott anzurufen: Unser Vater im Himmel!, dann hat er damit mehr getan, als uns gesagt: Seht, so ist er! Er ist der Gott, der uns gegenwärtig ist und bleibt, der uns nicht untreu wird! Nicht eine neue Anrede an Gott, sondern ein neues Gebet zu ihm hat er uns gebracht, eine neue Art, ihn zu suchen. Achten wir darauf, dass es nicht heißt: Mein Vater!, sondern: Unser Vater im Himmel. Liebe Freunde, die meisten von uns, auch die guten und aufrichtigen Christen, sind gewohnt zu beten: mein Vater im Himmel, auch wenn sie es nach den Worten anders tun. Sie verkehren mit Gott auf ich und du, und sie denken, dass es Alles ist, wenn sie da in ihrer Seele recht tiefe und herzliche Erfahrungen mit ihm machen. Ob nicht manches im stillen Kämmerlein verborgene Ungenügen und Unbefriedigtsein vom Beten hierin seine6 Ursache hat? Ob nicht die merkwürdige Härte und Unfreundlichkeit manches sehr eifrigen Beters herkommt von dieser Abweichung vom Gebete Jesu? Wollen wir wirklich beten, wie Jesus gebetet hat, dann heißt’s eben nicht: ich und du, sondern wir und du, dann heißt’s: unser Vater, dann treten wir nicht vor Gott als Privatpersonen und in unsern Privatangelegenheiten, sondern als Bruder und Schwester von vielen Andern in den Angelegenheiten eines Reiches, in dem all diese Andern gleichberechtigte Bürger sind.
Und das heißt dann ganz einfach, dass der Geist, in dem wir den Gott der Liebe anrufen und suchen, wieder kein anderer uns sein kann als die Liebe. Der innere Sinn, in dem wir vor Gott treten, kann nicht ein enger kleinlicher sein; wir können nicht vor Gott treten mit der Zumutung: Gib mir das und das, lass mir das und das erspart bleiben, hilf mir dazu und dazu! Die Liebe sucht bei Gott etwas Anderes. Die Liebe sieht Aufgaben in der Welt, sie sieht Fortschritte, die das Gute bei den Menschen machen sollte, sie erkennt Lücken und Fehler und Unvollkommenheiten in ihren Erkenntnissen und Fähigkeiten. Und nun tritt sie vor Gott und sagt nicht: Vater, hier bin ich!, sondern: Vater, sieh, hier sind wir. Wir mit unsern Bresten und Bedürfnissen, wir mit unsrer Sehnsucht und Schwachheit. Vater, hilf uns! Und nun mache mich, wenn du willst, zu einem bescheidenen Werkzeug, uns allen zu dienen, zu einem Werkzeug in deiner Hand. Ich bitte nicht |231 etwas für mich, sondern für die, die neben mir stehen als meine Brüder, für die ich mich verantwortlich fühle, die ich lieb habe. Vater im Himmel, unser Vater, lass deine Liebe auch durch mich walten auf Erden.
So betet die Liebe. So sucht und findet sie die ewige Liebe Gottes. Und wo sie betet, o da werden die Herzen weit und die Geister hell. Da eröffnet sich unser Sinn für die Pflichten, die wir haben unserm Nachbar gegenüber, da verschärft sich das Gewissen für das Gebot der Liebe, dem es gilt nachzuleben im häuslichen Kreise und draußen auf dem Feld und in der Werkstatt. Da fließt in unser Handeln ein neuer Geist, der Geist, der jeden Einzelnen auf den andern verweist als auf seinen Bruder, dem er helfen und den er führen soll, der Geist, der uns untereinander verbindet wie mit starken Ketten, der die Familien, die Gemeinden, die Völker zu Gemeinschaften des höhern Lebens verbindet. Es könnte uns nicht anders gehen, es müssten diese unheuren Folgen unser Gebet begleiten, wenn wir einmal Ernst machen würden nur mit dem Wörtchen unser in diesem Gebet, das wir alle kennen. Unser Vater im Himmel! Der Geist dieses Wortes «unser» ist es, den wir nötig haben. Es ist der Geist des gewissen Besitzes, weil es der Geist der Liebe ist.