23. Juli 1911

Predigt: Matthäus 6,9a (I)

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Matthäus 6,9a (I)
Unser Vater im Himmel!
Liebe Freunde!

Das Unser Vater ist das Vorbild jedes rechten Gebetes. Als ein solches Vorbild hat es Jesus seinen Jüngern gegeben, als sie ihn baten: Herr, lehre uns beten [Lk. 11,1]!1 Seine Meinung war nicht, dass nur diese seine eigenen Gebetsworte das richtige Gebet seien. Aber wenn wir richtig beten wollen, dann müssen wir es tun im Sinn und Geist Jesu. Und wenn wir das möchten, dann werden uns auch die Worte, die Jesus gebraucht, immer wieder wichtig und vorbildlich. Das gilt bereits von jedem Wort der kleinen Anrede, mit der sein Gebet anfängt: Unser Vater im Himmel! So müssen wir lernen beten, an Gott denken, unsere Seele erheben, Ewigkeitskraft suchen. Denn schon diese kleine Anrede ist mehr als eine bloße Reihenfolge von Worten, sie ist wie das ganze Gebet ein Weg, und zwar ein guter Weg. Wir können gleich im Voraus dreierlei sagen über diesen Weg. Erstens, dass er kurz, zweitens, dass er schön ist, drittens, dass er direkt ans Ziel führt. – |

Es gibt Menschen, die lieben in Allem das Lange und Weitschweifige. Sie meinen, sie machen eine Sache besser, wenn sie sie recht umständlich in Angriff nehmen, mit vielen Worten und Formalitäten. So verkehren sie dann nicht nur mit Ihresgleichen, sondern auch mit Gott, es geht auch in ihrem Innern umständlich und schwerfällig zu, wenn ihre Seele sich einmal erheben möchte zur Rede mit Gott. Sie wollen Gott Ehre antun mit feierlichen Gefühlen und Worten, und da ist dann die Gefahr so groß, dass sie Gottes Antwort gar nicht hören über all dem Schönen, was sie anzubringen haben, oder dass sie sie, wenn sie sie hören, nicht ernst nehmen, weil sie vorher ihre eigenen Gefühle und Worte schon zu ernst genommen haben. Darum schnei|215det Jesus alles Feierliche und Umständliche ab und führt uns einen kurzen Weg zu Gott. Es ist auch hier der Beste: Unser – Vater – im Himmel. Wir werden heute sehen, dass damit gerade das gesagt ist, was wir brauchen, nicht mehr noch weniger. Wenn wir Gottes Tor aufsuchen mit dem Schlüssel dieser Worte, wenn wir sie nicht nur sprechen, sondern beten, dann geht das Tor auf. Sie sind kurz, aber es steckt in ihrer Kürze mehr als in ganzen Büchern: Kraft und Salz und Reichtum, und es ist wichtig, dass uns Jesus auf einen kurzen Weg zu diesen Dingen führt, denn damit hat er sie auch dem einfachsten Menschen zugänglich gemacht, auch dem, der von allen komplizierten Gedanken und Gefühlen nichts weiß, weil er über der Last und Not des Lebens nicht dazu kommt. Aber auch der Tiefsinnigste und Feinfühligste wird bei diesen kurzen Worten nicht zu kurz kommen. – |

Denn wir können gleich hinzufügen, dass der Weg des Gebetes Jesu ein schöner Weg ist. Schön ist das, was unsern Sinn auf das Große und Wesentliche führt. Jesu Anrede an Gott ist schön und erhebt uns schon darum. Die Gebete der Heiden sind meistens schon deshalb nicht schön, weil sie bereits in der Art, wie sie Gott anreden, den menschlichen Geist nicht auf das Große führen, sondern auf allerlei kleine, unwesentliche Gedanken. Bei Sonne und Mond, bei Tieren und Pflanzen bleiben da die Gefühle stehen. Es ist aber auch das Gebet so mancher Christen unschön, weil der Gott, zu dem es gerichtet ist, so gar nichts Großes hat. Könnte man das Bild belauschen, das so mancher Beter sich im Stillen von Gott macht, dann wäre es beim Einen das Bild eines großen Korporals, dem man nur mit Zittern und Zagen naht, beim Andern das Bild eines großen Kaufmanns, mit dem man vorsichtig seine Geschäfte zu machen versucht, beim Dritten das Bild eines großen Zahlmeisters, vor den man hintritt mit dem selbstverständlichen Gefühl, man habe nur zu fordern, um zu kriegen, was man verdient habe. Das Alles sind unschöne, kleine, unwesentliche Vorstellungen von Gott. Jesus hat uns eine bessere gegeben. Wenn wir zu Gott beten und nicht nur reden, wie er es uns gelehrt hat, dann steht vor dem Auge unseres Geistes das Bild eines großen Gottes. Denn es gibt nichts Größeres in unserem innern Leben als die Fülle von Beziehungen, an die uns das Wort «Vater» erinnert. Vater sein heißt wirksam sein in schöpferischer Liebe. Denn es ist die Liebe, die schon die Menschen Vater werden lässt. Und diese Liebe schafft Le|216ben nach dem wundervollen Gesetze der Natur. Und sie bleibt wirksam, wenn nun ein Mensch zur Welt geboren ist: Vater und Kind gehören zusammen. Es erfüllt der Vater in der Erziehung des Kindes seine größte und wichtigste Lebenspflicht, und was in ihm lebt an großen Gedanken und Regungen, das überträgt er auf das Kind, damit es wieder die Erfüllung sei von dem, was er selbst angestrebt und vielleicht nur teilweise erreicht. So ist es ein schöner Weg, ganz abgesehen von allem Andern, wenn Jesus uns zu Gott als dem Vater führt. Das Gefühl des Großen und Wesentlichen muss uns erfüllen, indem wir dieses Wort aussprechen. |

Und so steht es auch mit dem andern: mit dem Zusatz: unser Vater im Himmel. Wie das Wort «Vater» an das reichste und schönste Gefühl unseres Herzens appelliert, so das Wort Himmel an den erhabensten, umfassendsten Eindruck unserer leiblichen Augen. Es erinnert uns an die Unendlichkeit der Welt, in der wir leben, an das unausdenklich, geheimnisvoll Große, das all unser Dasein umgibt. Der Himmel ist das Bild dessen, der war und ist und sein wird. Seine Sterne reden vom unerschöpflichen Reichtum, dessen Grenzen wir auch nicht zu ahnen vermögen, seine Sonne von Licht und Wärme, die alles Lebens Quelle ist. Schauen wir den Himmel, so wird das Kleine klein in uns und das Große groß. Die Anrede: Vater im Himmel aber vereinigt das Schönste, was wir innerlich, mit dem Schönsten, was wir äußerlich kennen. Sie regt uns an zu tiefen Gedanken und Empfindungen schon durch ihre Form. – |

Aber sie ist mehr als eine schöne Form. Der Weg, den sie uns führt, ist kurz und schön, aber noch wichtiger ist, dass er direkt und mitten ins Ziel geht. Es gibt Gebetsworte und Gebete, die vielmehr von Gott ab- als zu Gott hinführen. Es ist absolut nicht gleichgiltig, ob wir unsere Seelen zu dem finstern Schicksalsgott des Mohammed erheben, ob unser Gott im Grunde unser eigenes Menschenwesen ist, wie es bei den alten Griechen war, oder ob an die Stelle Gottes in unserem Herzen die Jungfrau Maria getreten ist. Sicher ist in jedem aufrichtigen Gebet dieser Art etwas von wirklicher Erhebung zu Gott enthalten, aber es sind eben die richtigen Umwege, und demgemäß wird die Erhebung, wird der Erfolg, der uns im Gebet zuteilwerden soll, abgeschwächt und verdunkelt. Denn wie der Gott ist, den wir anrufen, so ist das Gebet, mit dem wir es tun, so ist dann auch der Zustand der |217 Seele, in [den] uns das Gebet versetzt. Ist unser Bild von Gott verzeichnet und schlecht, dann wird es auch mit uns nicht gut stehen. Und darum ist es etwas Großes, dass wir schon in der Anrede des Unser Vater ein gutes Bild Gottes haben, dass wir direkt und ohne Ablenkung, sondern mit sicherer Bestimmtheit gleichsam in Gottes Herz hineingeführt werden, indem wir beten: Unser Vater im Himmel! Das heißt Gott recht erkennen, wenn wir ihn erkennen als den Vater, als unsern Vater und schließlich als den Vater, der im Himmel ist. Nur vom ersten soll am heutigen Sonntag die Rede sein. Was hat uns Jesus damit zu sagen, dass er uns beten lehrt: Vater!?

*   *   *

Ich glaube zweierlei: Er wollte uns zeigen, Gott muss man zutraulich und Gott muss man folgsam begegnen. So begegnet ein rechtes Kind seinem rechten Vater. So lässt sich Gott von uns finden und so bleibt er in unsrer Nähe.

Wenn ein Mensch zu Gott das Vertrauen hat, dann heißt das vor Allem, dass er an eine Ordnung glaubt in der Welt und im Leben und dass er weiß: diese Ordnung ist Gottes Ordnung. So fängt für das Kind das bewusste Leben damit an, dass es die elterliche Lebensordnung anerkennt: vorher war und ist es noch ein kleiner Wilder. Und so fängt für den Menschen die Gotteserkenntnis an mit der Erkenntnis, dass Gottes Wille im Leben waltet, dass das Leben und wir selbst von Gott geschaffen sind. Das meinen wir zuerst, wenn wir Gott mit: Vater! anreden. Es gibt so unendlich Vieles, was uns in diesem Vertrauen irremachen kann, was uns den Eindruck erwecken mag, als wäre es vielmehr der Zufall und die Unordnung, die das Leben regierten. Wir sehen schon im Leben der Natur so viel Widriges und Gewaltsames. Warum muss das Wetter den einen Sommer zu feucht sein und den anderen zu trocken, wie wir’s jetzt dicht hintereinander erlebt haben?2 Warum gibt es so viel Tod und Verderben in der Tier- und |218 Pflanzenwelt, so viel Sinnlosigkeit und Grausamkeit? Und dann die Unordnung im Leben der Menschen untereinander. Warum die wunderlich-ungleiche Verteilung von Reichtum und Armut, von Gesundheit und Krankheit, von Glück und Unglück, von Klugheit und Torheit sogar? Warum das blinde Schicksal, das manchmal über unser Leben zu kommen scheint wie eine große Straßenwalze, alles erdrückend und gleichmachend? Warum die Dummheit und Bosheit der Menschen, warum die Ungunst der Verhältnisse, warum unsre eigene Unfähigkeit, sie zu bemeistern? Ja, warum! Da müssen wir nun anfangen mit dem Vertrauen zu Gott, indem wir uns fest daran halten: es ist trotz allem eine Ordnung in der Welt. Das will nicht sagen, wir müssten auf all diese Fragen nun plötzlich eine Antwort geben und den lieben Gott verstehen können, warum er es so macht in der Welt und nicht anders. Solche Antworten und Erklärungen sind oft schrecklich künstlich und unbefriedigend, und das beweist nur, dass wir nicht dazu berufen sind, Gott von oben in den Kopf zu sehen, sondern in kindlichem Vertrauen seine Hand zu ergreifen. Aber das können wir und das ist besser als alle Antworten auf unsre: Warum? Von der Ordnung Gottes wissen wir sozusagen gar nichts außer dem kleinen Stück davon, das er in unsere Herzen geschrieben hat. An das müssen wir uns halten. Das wissen und kennen wir. Es lautet: Du sollst ernsthaft sein! Du sollst recht tun! Du sollst deine Mitmenschen lieben, nicht für dich leben, sondern für sie. Du sollst frei und froh und aufrecht sein und die Andern auch dazu machen! Da müssen wir nur das Vertrauen fassen und das Stück Weltordnung, das wir sicher kennen, auch anerkennen und ergreifen, damit Ernst machen zuerst für uns. Das ist das Erste, womit wir unser kindliches Zutrauen gegen Gott bewähren können. Und wenn wir das tun, dann ist’s wunderbar, wie er uns weiterhilft, Zutrauen zu fassen auch zu der Ordnung, die im Leben, in der Welt verborgen ist. Wenn Gottes Ordnung in unserm Innern aufgerichtet ist, da kommt sie vor unseren Augen auch in der |219 Welt zum Vorschein, ehe wir es nur ahnen. Wer in seinem innern Leben das Rechttun und die Liebe an die erste Stelle gesetzt, der kann nicht mehr aufbegehren wegen Wind und Witterung, denn er weiß, dass sie und der Profit, der damit zusammenhängt, es nicht wert sind, dass unsre Seelen sich der Unzufriedenheit hingeben. Wer gelernt hat [zu] verzichten und Wünsche und Triebe zu unterdrücken um einer bessern Regung willen, den wundert es nicht so sehr, wenn auch im Leben der Natur viel scheinbar sinnloser Tod und Untergang sich zeigt; es muss das weniger Gute dem Bessern Platz machen. Es gilt auch da in gewaltiger Weise die göttliche Weltordnung der Selbstverleugnung, des Todes um des Lebens willen. Wer in seiner Seele erfasst, was das heißt, Mitmenschen haben, und wozu das so ist, der kann sich nicht mehr quälen mit der Frage: warum sind sie so böse und dumm und schlecht, denn er kennt die Antwort, die freilich keine Antwort ist: sie sind so, damit sie durch mich besser werden können. So ist’s überall die Gottesordnung in unserm Innern, die uns die Gottesordnung in der Welt erkennen lässt. Es heißt Vertrauen fassen zu dieser Ordnung, und ihr wisst nun, wo dies Vertrauen anfangen muss: nicht außen, sondern innen. So führt uns das Zutrauen zum Folgsamsein und das Folgsamsein wieder zum Zutrauen. Eins ist nie ohne das Andre, und in Beidem erkennen und finden wir Gott als unsern Vater.

Das Zweite ist dann, dass wir Gottes Ordnung nicht nur erkennen, sondern dass wir Freude daran haben und Freude an Gott. Auch das gehört zum rechten Gottvertrauen und Gottesgehorsam, und wieder gibt es ohne Vertrauen und Gehorsam keine rechte Freude. Wir sollen uns nicht bloß abfinden mit unserm Leben und mit der Welt in dem Gedanken: es muss sein so, sondern es muss uns aufgehen, dass das Leben herrlich ist. Wir sollen uns nicht bloß durchschlagen, sondern wir sollen innerlich Reichtümer gewinnen rechts und links. Wir sollen nicht bloß des Vaters Willen erkennen und anerkennen, sondern wir sollen den Vater lieb gewinnen. Denn was ist das, wenn wir grämlich und verbittert dastehen, traurig über unser Schicksal und über die Welt. Es gibt Menschen, die haben unendlich Schweres zu tragen, in ihrem Leben; ich getraue mich nicht, ihnen zuzureden, fröhlich zu sein; ich weiß nicht, ob ich’s selbst könnte in ihrer Lage; ich habe selbst noch wenig sehr Trauriges erlebt und kann nicht aus eigener Erfahrung reden. Aber dafür habe ich schon andre Menschen kennen|220gelernt, die haben auch sehr Schweres, die haben das Schwerste getragen und tragen es noch – aber nun sagen sie nicht nur: Gott weiß warum!, wie ich auf einem Grabstein in unsrem Friedhof gelesen habe, sondern sie sagen: Gott hat es gut gemacht. Es ist recht so. Sie haben Freude an Gott und seinem Willen. Auch das ist wieder ein Zutrauen, denn sie haben den Augenschein gegen sich, das Glück lacht ihnen nicht, die Welt scheint ihnen gar nichts mehr zu bieten, Gott scheint sie vergessen zu haben. Und doch haben sie Freude. Und das Zutrauen, das sie damit an den Tag legen, es ist wieder begründet in einem verborgenen Folgsamsein. Sie haben einen jahre- und jahrzehntelangen Kampf gekämpft, nicht mit den Menschen, nicht mit der bösen Welt, sondern mit sich selbst, und am Ende dieses Kampfes hieß es: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde [Ps. 73,25]. Solcher Gehorsam war ihnen dann der Zugang zu der Freude, die ihnen jetzt aus den Augen sieht. – |

Schließlich wissen wir Alle davon zu sagen, wie es ist damit. Gott macht uns unendlich viel Freude, jedem von uns. Manchmal ist es, als überschütte er uns förmlich mit seinen Gaben, so reiht sich eins ans andre von schönen Erlebnissen, die uns zu danken geben, die uns reich machen, die uns Aufgaben stellen, die uns einen Schritt vorwärts führen. Wir möchten oft am Liebsten rufen: Halt ein! Womit habe3 ich das verdient, dass es mir so gut geht, dass du es so unerwartet gut mit mir machst? Vielleicht müssten wir viel mehr diese Empfindung haben, vielleicht macht uns Gott beständig unendlich viel Freude, aber wir sehen sie nicht, weil unsre Augen verdorben sind. Ich glaube, dass es in der Tat so ist. Um Freude zu haben an Gott und an der Welt, dazu muss die Freude schon in uns sein. Ohne das können wir erleben, was wir wollen, es lässt uns kalt, wir haben keine Freude daran. Wenn die verborgene Freude in uns da ist, dann fängt die Freude am Leben an. Dann bekommt aber die Welt ein anderes Gesicht, wie dieselbe Landschaft ganz anders dreinsieht am Morgen und am Abend. Wir fangen an, das Gute zu sehen in der bösen Welt, das Bedeutungsvolle im Gleichgiltigen, das Schöne mitten im Hässlichen, die Wahrheit mitten im Irrtum. Wir fangen an, Freude zu haben an der Welt und an den Menschen. Und wieder ist diese innere Freude, die uns die äußere |221 verschafft, nichts Anderes als ein Folgsamsein gegen Gott. Ist unsere Seele auf ihn gerichtet, und wenn sie auch nur erst damit angefangen hätte, dann fängt die Welt an, beseelt und lebendig und farbig und schön zu werden, vielmehr: wir fangen an zu sehen, uns zu freuen über das, was längst schon war. Indem wir den Vater lieben, erkennen wir, was unendlich viel größer ist als unsre Liebe, die Liebe des Vaters. Das ist die rechte Freude, wenn wir es innerlich nachsprechen: Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt [1.Joh. 4,19]4. |

Aber dann müssen wir noch eine Stufe höher. Es kann nicht bei der Erkenntnis und der Liebe bleiben. Es ist die Art jedes Vaters, dass er dem Kinde seine Art mitteilen möchte. Er möchte, dass das Kind ihn nicht bloß versteht und bewundert, sondern dass es ihm gleich werde. Das ist nun auch die Art der Vaterliebe Gottes. Sie ist eine wirksam ergreifende Liebe, und wir können gar nicht anders zu ihm gehen, als indem wir willens sind, uns von ihm ergreifen zu lassen. Andernfalls wäre unsre Gotteserkenntnis und unsre Gottesliebe doch wieder eine Täuschung. Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir seine Kinder heißen [1.Joh. 3,1], dass wir seiner Art werden dürfen. Wieder ist eine Macht da, die uns daran hindern, die uns den Vater verleiden möchte. Wir spüren in uns Regungen der Selbstsucht, der Oberflächlichkeit, der Gier, und diese Regungen führen uns hinab von der Gleichheit mit der reinen, tiefen, gütigen Art Gottes. Es ist der größte Feind, der sich auf der höchsten Stufe erhebt, die Sünde. Wer unter uns ist fertig damit? Und so müsste sie von Rechts wegen eine Schranke sein, die uns trennt von Gott, es müsste uns auf dieser höchsten Stufe und also im Grund überhaupt unmöglich werden, Gott als unsern Vater anzusehen. Unser Gebet müsste aufhören, bevor es angefangen, weil wir uns gar nicht als Gottes Kinder fühlen dürften.

Nun müssen wir zum Schluss an das denken, was wir schon das letzte Mal gehört, dass Christus seines eigenen Gebetes Erfüllung gewesen ist.5 Er konnte nicht bloß die Seinen ermuntern zu sprechen: Unser Vater, sondern er konnte unter sie treten mit der Sicherheit: |222 Wer mich siehet, der sieht unsern Vater [Joh. 14,9]. Er ist als unser Bruder zu uns gekommen, um uns des Vaters gewiss zu machen. Denn er stärkt in uns das Vertrauen, dass Gott etwas von uns wissen will, trotz unsrer Sünde, und er festigt uns im Gehorsam, der die Sünde überwindet. Er hat das Wort «Vater» für uns zu einem Jubelruf gemacht, weil er selbst den Vater gesehen, weil er ihn erfahren und erlebt hat, indem er zutraulich und gehorsam war. Und so wird das der Anfang und das Ende unsres Lebens sein müssen, dass wir ihm ähnlich werden. Es ist sein Geist, der unserm Geiste Zeugnis gibt, dass wir Gottes Kinder sind [Röm. 8,16].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 7: «Wunderbarer König» von J. Neander, Strophen 1–3 (RG 161; EG 327). 🎵
  • Nr. 278: «Gott ist getreu!» von E. Liebich, Strophen 1–3 u. 5–6 (RG 689 [nur Strophen 1–3]). 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 206-213, die Predigt vom 16. Juli 1911.↩
2
Im Juni 1910 kam es infolge starker Niederschläge während der gerade einsetzenden Schneeschmelze zu einer bis heute in der Schweiz in einem solchen Ausmaß nicht wieder eingetretenen Hochwasserkatastrophe am Bodensee, am Walensee, am Zürichsee und am Vierwaldstättersee, bei der in den anliegenden Städten enorme Schäden angerichtet wurden. Aufgrund der anhaltenden großen Niederschlagsmengen gab es auch im Herbst noch erheb­liche Einbußen bei der Ernte und der Weinlese. Vgl. Art. «Das Hochwasser vom Juni 1910», in: Schweizerische Bauzeitung, Jg. 55/56 (1910), Heft 26, S. 356 📖; Art. «Die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz im Jahr 1910/11», in: Appenzeller Kalender, Jg. 191 (1912), S. 2f. 📖 Zur großen Dürre des Jahres 1911 vgl. unten, S. 394, Anm. 1.↩
3
Mskr.: «ich habe»; Streichung des überzähligen «ich» durch die Hrsg.↩
4
Revidierte Ausgabe der Luther-Bibel von 1892 📖; in neueren Ausgaben heißt es: «Lasst uns lieben, […].»↩
5
Siehe oben, S. 208.↩