16. Juli 1911

Predigt: Lukas 11,1

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Lukas 11,1
Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Und da er aufgehört hatte, sprach seiner Jünger einer zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.
Liebe Freunde!

Jesus betete. Seine Seele lebte davon. Sie konnte nicht auf der Oberfläche des Lebens bleiben. Sie musste mit Gott reden. Jesus hat mit Gott geredet, wie vor ihm und nach ihm Keiner. Darum konnte Gott durch ihn zu den Menschen reden und darum redet er durch ihn noch heute zu uns.

Beten heißt Einkehr halten bei dem verborgenen Gott. Und darum ist Beten das Gegenteil von der Oberflächlichkeit, die sich nur an das Sichtbare hält und die darum den Meinungen und Leidenschaften des sichtbaren Lebens das Regiment überlässt. Beten heißt, in die Tiefe gehen, und Beten heißt: sich regieren lassen von jener Macht, die in der Tiefe verborgen ist. So hat Jesus gebetet. Er hat das sichtbare Leben gekannt, wie wir auch. Er hat gegessen und getrunken und geschlafen, er hat sich gefreut und getrauert, er hat nachgedacht und sich gefragt, – wie wir auch. Aber er blieb in alledem nicht hängen, wie wir es tun. Er betete. Er suchte und fand hinter Allem immer wieder die verborgene Gottestiefe, die das Leben groß und schön macht und ohne die das Leben leer und fad ist. Er redete mit dem Vater, er fragte ihn und er erhielt Antwort. Ununterbrochen hat er innerlich mit ihm geredet, es gab nichts in seinem Leben, was diesen Verkehr hätte unterbrechen können. Was Paulus einmal an die Christen in Thessalonich schrieb: Betet ohne Unterlass! [1.Thess. 5,17], das hat Jesus getan. Seine Worte und seine Taten machen uns alle den Eindruck, dass sie betend gesprochen und vollbracht worden seien. Sie haben gleichsam alle noch eine heimliche Rückseite, und diese Rückseite, die nicht jedermann sieht, war das Gebet Jesu.

207Ununterbrochen war dies Gebet. Jesu Leben selbst ist Gebet gewesen, Suchen des Vaters, Reden mit ihm, Jasagen zu dem, was sein Wille war. Und doch hat er einzelne besondere Stunden gehabt, in denen er auch in besonderer Weise gebetet, den Vater gesucht, mit ihm geredet hat. Die Kraft Gottes wohnte in ihm und doch hat er sie immer wieder gesucht und erbeten. Er sah sie nicht als einen Besitz an, der selbstverständlich ist und nicht mehr erworben werden muss,1 sondern er zog immer aufs Neue aus, sie zu finden, sie sich schenken zu lassen. Ich glaube, das ist die Erklärung des Geheimnisses, warum diese Kraft so reich war bei ihm. Wir haben ja sicher Alle auch schon gebetet und von Gott eine Antwort empfangen, wir fühlten uns dann wohl auf einer Höhe unsres innern Lebens. Aber dann war’s, als ob der schöne Ton, der in uns angeschlagen war, langsam verklänge, als ob der Strom, der anfangs in uns rauschte wie ein Bergbach, anfinge zu schleichen, um schließlich zu versanden wie der Rhein in Holland. Es konnte nicht anders sein. Der Ton wiederholte sich nicht, der Strom bekam keine weiteren Zuflüsse, wir hörten auf zu beten. Wir meinten zu besitzen und darüber verloren wir. Wir dachten, unser Leben sei jetzt tief und göttlich, und darüber kamen wir wieder auf die Oberfläche und sehr ins Menschliche hinein. Das war anders bei Jesus. Er hatte die Fülle, aber er suchte immer wieder, und darum wurde ihm gegeben [vgl. Mt. 7,7]. Wenn er einen Tag lang Gott gedient, vertrauend und gehorsam, dann suchte er des Abends seine Ruhe nicht anderswo, sondern wieder bei Gott. Er lebte und wirkte für Gott und mit Gottes Hilfe und er wurde doch nicht müde, immer wieder die Hände aufzutun, um Gottes unermessliche Gaben nur zu empfangen. Weil es so stand bei ihm, ist der göttliche Ton in ihm nie verklungen und der göttliche Strom in ihm nie verrauscht. Jene Abendstunden und Morgenstunden, in denen er in die Einsamkeit zu Gott ging, die waren für ihn wie Brunnenstuben2. Da sammelte er die Gedanken und Erfahrungen des Tages zu großen einheitlichen Bildern, da prüfte er die Stimmungen und Gefühle, die er tagsüber erlebt, da durchdachte er noch einmal seine Taten und Worte und vollbrachte im Geiste das Geschehene noch einmal. Und dann raffte er das Alles zusammen, das |208 Große und das Kleine, das Sichere und das Unsichere, das Frohe und das Traurige, wie ein Schnitter die Garben des reifen Korns zusammenrafft, und so brachte er es vor den Gott der Weisheit, des Rechts und der Liebe. Fragend: Vater, ist es dein Wille gewesen so? Dankend: Vater, du hast vollbracht, was ich vollbracht habe. Flehend: Vater, wirke ferner in mir und durch mich nach deinem Wohlgefallen. |

Die griechische Sage erzählt von dem Riesen Atlas, der nur seine Mutter, die Erde, zu berühren brauchte, um immer aufs Neue in Jugendkraft dazustehen.3 So berührte der betende Jesus in jenen Stunden die Quelle, aus der sein inneres Leben geflossen war, er kehrte ein in den stillen Grund der Ewigkeit, und indem er einkehrte, empfing er Ewigkeitswahrheit und Ewigkeitsschönheit in seinen Gedanken und Entschlüssen, der Sohn Gottes suchte den Vater, und indem er suchte, hatte ihn der Vater des Lichts und der Wahrheit schon gefunden. Jesu Gebet war nicht ein Werk, nicht eine Leistung, nicht ein Opfer, wie es das bei uns so oft ist, wenn wir beten, um Gott zufriedenzustellen oder um dies oder jenes von ihm zu verlangen. Wenn Jesus betete, so wartete er nicht erst auf eine Erhörung, die erst hintendrein hätte kommen müssen. Sondern sein Gebet war bereits seine Erhörung. Das Gnadengeschenk Gottes war das Gebet selbst. Und darum waren Jesu Gebetsstunden die Brunnenstuben für sein Leben.

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Von einer solchen Stunde ist in unserm Text die Rede. Der Vorgang, den er erzählt, ist so einfach wie möglich: Jesus war an einem Ort und betete. Und da er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten!

Liebe Freunde, ich glaube, das ist das Allergrößte, was ein Mensch von einem andern verlangen kann: lehre mich beten! Denn es braucht zu dieser Bitte ein unendlich großes Vertrauen zu diesem Andern. Wir |209 werden uns in den meisten Fällen zu befangen und unfreudig fühlen zu einem solchen Wort. Denn die Menschen sind ganz selten, denen wir es zutrauen, dass sie uns beten lehren könnten. Wie müsste das ein Mensch sein, der zugleich den Schlüssel zu unserm Herzen besäße und den Schlüssel zum Himmel, ein Mensch, der zuerst unsre Seele zu finden wüsste und dann mit unsrer Seele zusammen den lebendigen Gott, ein Mensch, zu dem wir eine tiefe aufrichtige Liebe empfänden und vor dem wir zugleich einen großen inwendigen Respekt hätten. Solche Menschen kommen uns im Leben nur ganz selten vor. Wir begegnen Manchem, der uns viel wert wird, der uns lehrt, wie wir uns durchs Leben kämpfen, wie wir mit den Menschen fertig werden, wie wir die Zufriedenheit lernen können. Aber wer ist uns so viel wert und wer tritt uns so nahe, dass er uns beten lehren könnte? |

Wir Pfarrer sollten für die Andern solche Menschen sein. Dann wird unser Amt ein Amt von göttlicher Größe, wenn es uns geschenkt wird, da und dort einem Menschen die Türe aufzutun zu jenen Tiefen des Lebens, die sich uns im Gebet erschließen. Aber die Fähigkeit dazu wird uns eben nicht mit dem Amte übertragen. Mancher hat das Amt, und er hat nie einen Andern beten gelehrt, und mancher hat kein Amt, aber Hunderte und Tausende sind ihm dankbar dafür, dass er sie beten gelehrt hat. Die Liebe und den Respekt, die zu solcher Vertrauensstellung gehören, können wir nicht von euch fordern um unsres Amtes willen; es muss auch da von selber kommen, wenn es dazu kommt, dass das Herrliche eintritt und eine Gemeinde oder doch Viele in ihr von ihrem Pfarrer das Gefühl hat: er lehrt uns beten. Einzigartig ist da die Stellung der Mutter zum Kinde. Wohl ihr, wenn sie es weiß und wenn sie sie zu brauchen weiß. Sie darf ihren Kleinen zum ersten Mal die Hände falten, sie darf sie lehren, die ersten schwachen Gedanken zum Vater im Himmel [zu] erheben. Da übt sie ein Priesteramt, dem keines zu vergleichen und in dem sie durch keinen anderen Menschen zu ersetzen ist. Wohl dem Menschen, der so mit dem Erwachen seines Geistes auch das Beten gelernt, dessen Augen von Anfang an nicht nur das Leben, sondern das ewige Leben gesehen haben.

Und nun hat Jesus bei seinen Jüngern diese seltene und große Vertrauensstellung eingenommen. In einer Stunde, da er selbst eben gebetet hatte, kommt einer von ihnen, offenbar im Auftrag der Anderen, |210 und bittet ihn: Herr, lehre uns beten. Indem Jesus betet, gewinnt er jenes höchste und tiefste Vertrauen der Andern, so dass sie ihn angehen: Lehre uns auch beten. Das zeigt uns das Gebet Jesu von einer neuen Seite. In seinem Gebet empfing er nicht nur selber Kraft, sondern es ging davon eine Wirkung aus auf die andern Menschen. Wenn Jesus betete, dann bekamen die Andern den Eindruck: da möchten wir auch dabei sein. Wir werden uns diesen Eindruck gewiss nicht äußerlich vorstellen wollen. Jesus hat nicht zur Schau gebetet, auch nicht vor seinen Jüngern. Nicht sein Händefalten und nicht sein Gesichtsausdruck und nicht die Bewegung seiner Lippen hat die Andern gewonnen, denn Keiner hat sie gesehen. Jesu Gebet war einsam, wie er es auch den Seinen anbefohlen: Wenn du beten willst, so gehe in dein Kämmerlein [Mt. 6,6]! Aber wenn Jesus aufhörte zu beten, wenn er zurückkam zu seinen Freunden, dann begann die Wirksamkeit seines Gebets. Er kam von Gott her in solchen Augenblicken, das sagt uns Alles. Von Moses wird erzählt, dass sein Angesicht geleuchtet habe wie die Sonne, als er vom Berg Sinai herunterstieg, wo er die Herrlichkeit des Herrn gesehen hatte. Aber es heißt auch, er habe sich dann das Gesicht verhüllen müssen, um das Volk nicht zu blenden [vgl. Ex. 34,29–35]. Von Jesus hören wir Größeres: Wenn er von Gott herkam, dann fühlte man sich nicht geblendet und erschreckt, sondern angezogen und eingeladen, dann brach man in die Bitte aus: Herr, führe uns auch zu Gott, Herr, lehre uns beten!

Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Wie ist das zugegangen? Ich glaube, je einfacher wir es uns denken, umso besser. Die Jünger spürten Jesus an, wo er herkam, und das machte ihnen Freude, auch dahin zu gehen. Es macht einen Unterschied aus, ob man vom Markt herkommt oder von einer Lustbarkeit oder von einem Streit mit Andern oder von einer einsamen Stunde der Unzufriedenheit – oder ob man Augenblicke des Gebets hinter sich hat, wie Jesus sie erlebte. Wir spüren das den Menschen sofort an, an ihren Worten und Bewegungen, an ihren Augen sogar. Ich möchte, ich hätte einmal in Jesu Augen sehen dürfen, wenn er aufgehört zu beten. Ich wollte, ich könnte, statt darüber zu reden, euch in diese Augen sehen lassen. Denn diese Augen hatten im Gebet das ewige Licht gesehen und nun ging ein Widerschein davon aus, dem sich keiner entziehen konnte. In seiner Seele war der reine Gotteston aufs Neue angeschlagen, und der zitterte nun |211 nach, glockenklar, und wer ihn hörte, dem war es, als ob die Heimat ihn grüße. In ihm rauschte der Strom göttlichen Lebens, neu angeschwellt in der Stunde des Gebets, und dieser Strom musste nun über die Ufer treten und alles Land fruchtbar machen. Etwas Siegreiches und Überwältigendes muss in solchen Augenblicken von Jesus ausgegangen sein. Er war bei Gott gewesen und hatte ihm dargebracht, was ihn bewegte, um zu enden mit der Bitte: dein Wille geschehe! So war sein Wille eins geworden mit Gottes Willen. Denk dir einmal, du könntest dasselbe von dir sagen! Meinst du nicht auch, dass dein Benehmen und Reden dann die Andern ergreifen würde? Er war bei Gott gewesen, um ihm zu danken. Ja, wer gedankt hat von Herzen, der verbreitet um sich eine stille Atmosphäre des Friedens, die unwillkürlich wohltut. Er war bei Gott gewesen, um die rechte Weisheit zu holen. Musste da nicht in seinen einfachsten Worten eine Überlegenheit und Zielbewusstheit zum Vorschein kommen, die die Andern stutzig und staunig machen konnte, weil sie ihnen fehlte. Gerade in diesen Augenblicken mochte es den Jüngern zu Mute sein, auf die Knie zu fallen und auszurufen: nicht nur: mein Herr! sondern: mein Gott! [vgl. Joh. 20,28] Denn was ist Gott und göttlich, wenn du es nicht bist, Christus, in deiner Menschheit. In diesen Augenblicken wurde er ihnen aus dem bloßen Lehrer zum Meister und Herrn, und er wurde es, weil er gerade in diesen Augenblicken sich gebeugt unter den Meister und Herrn, der über uns Allen ist. Er konnte sie führen, weil er sich selbst hatte führen lassen. Er konnte ihr höchster Vertrauter werden, weil er selbst wusste, was höchstes Vertrauen ist. Er konnte sie beten lehren, nachdem er selbst beten gelernt hatte. Etwas ganz Wundervolles tut sich hier vor uns auf: Je besser wir unsere Hände öffnen zum Empfangen, zum Nehmen aus den Händen Gottes, desto mehr werden unsere Hände gefüllt für die Andern. Es war nicht eine zwecklose Merkwürdigkeit, eine Privatangelegenheit, dieser Gebetsverkehr Jesu mit Gott, durch den ihm solche Reichtümer geschenkt wurden. Sondern da war Gottes Liebe wirksam, der will, dass allen Menschen geholfen werde [1.Tim. 2,4]. Jesus hat gebetet, um die Andern beten lehren zu können, er hat Gott gesucht, um ihn den Andern zu zeigen, er hat den Gotteston erklingen lassen, um die Andern zu wecken, er hat den Gottesstrom rauschen lassen, um die Felder der Andern zu befruchten. Es offenbart sich hier das Geheim|212nis der Liebe, die nicht das Eigene will, das Geheimnis der Selbstlosigkeit Jesu. Des Menschen Sohn hat auch nicht gebetet, damit er sich dienen lasse, sondern damit er diene und gebe sein Leben zum Lösegeld für Viele [Mt. 20,28].

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So wollen wir zum Schluss noch darauf achten, was das heißt: Lehre uns beten! und was es auf sich hat mit der Erfüllung dieser Bitte. Was wollten die Jünger, als sie ihm diese Bitte vorbrachten? Zunächst wollten sie damit nichts Anderes, als dass Jesus ihnen die rechten Worte vorsage, durch die man zu Gott sich wenden müsse. Sie hatten von den Jüngern Johannes des Täufers gehört, dass der den Seinigen solche rechten Worte vorsagte, und es schien ihnen nun begehrenswert, auch solche Worte zu haben. Es mag uns vorkommen, dass das eine recht äußerliche Art war, die Sehnsucht auszudrücken, die bei dem Gebet Jesu in ihnen erwacht war. Bei dem, wonach sie Verlangen bekommen hatten, bei dem Verkehr Jesu mit Gott, da waren doch die Worte das Geringste. Und doch hat Jesus ihre Bitte verstanden. Und doch war diese Bitte im Grunde eine tiefe und warme. Sie wollten nicht eine Zauberformel von Jesus, um sie dann leicht und gedankenlos herplappern zu können. Sie wollten, dass er ihnen mit seinen Worten eine Brücke baue. Es geht uns auch oft so. Wir spüren das Wehen des Geistes, wir sind ergriffen und erweckt, wie dort die Jünger Jesu, aber was uns fehlt, das sind die Worte, und erst wenn wir die Worte haben, werden wir auch des Geistes sicher und froh. Gerade in den höchsten Dingen ist das rechte Wort für die Sache oft wie ein Anker, durch den wir erst unserer Sache auch sicher werden. Wer uns das rechte Wort gibt, der gibt auch uns das Größte, was ein Mensch dem Andern geben kann. – |

Das hat Jesus verstanden. Wir würden vielleicht an seiner Stelle den bittenden Jünger angefahren haben: Was willst du mit meinen Worten? Wenn du den Geist nicht hast, so helfen sie dir nichts! Jesus hat die Menschen besser begriffen als so. Er hat ihnen ohne Zögern die rechten Worte gegeben, er hat sie beten gelehrt, wie sie es wünschten. Die rechten Worte waren das Unser Vater, das wir alle kennen. Er hat der Sehnsucht damit einen Weg, eine Leiter, eine Brücke gebaut, und |213 wie unendlich Viele sind seit jenem Tag diesen Weg gegangen und ans Ziel gekommen. Wir wollen an den nächsten Sonntagen in unseren Predigten diesen Gebetsworten Jesu nachgehen. Sie sind mehr als bloße Worte. Der Geist ist darin, der lebendig macht [Joh. 6,63; Röm. 8,2]. Denn Jesus selbst ist darin. Indem er seine Jünger beten lehrte, da war jedes der Worte, das er brauchte, wie eine gewaltige Hand, die die Hörer ergriff und nach oben riss. Er zog sie mit hinein in die Erfahrung seiner eignen Seele. Er übertrug seine innere Bewegung auf sie. Er sagte ihnen nicht: So müsst ihr’s machen, um dann mit gekreuzten Armen daneben zu stehen, sondern mit ihnen zusammen suchte und fand er jetzt Gott. Es war, wie wenn er seine Seele hätte einziehen lassen in ihre Seelen, wie wenn er sich selbst in sie hinein verpflanzt hätte. Wenn er anhob: Unser Vater, der du bist in dem Himmel! [Mt. 6,9], dann war’s den Andern: jetzt lebe nicht ich mehr, sondern Christus lebt und lebt in mir [vgl. Gal. 2,20]. So hat Jesus die Seinen beten gelehrt. So wolle er auch uns lehren. Er hat sie gesucht mit einer großen Liebe und er hat ihnen das Beste mitgeteilt, was er hatte, sich selber.

So wollen auch wir das Unser Vater zusammen verstehen. Jesu Worte sind es, und Jesus wird uns auf Schritt und Tritt der Schlüssel dazu sein müssen. Er ist es, der uns zu Gott führt. Und wir wollen uns von ihm führen lassen, wir haben keinen bessern Führer. Wir wollen unser Beten zu Gott reinigen und verklären lassen von seinem Geist, hier in der Kirche und jeder in seinem Hause. Wir wollen uns anschließen an jene Bitte des Jüngers und mit ihm sagen: Ja Herr, du bist der rechte Beter, wir haben das Zutrauen zu dir, lehre du uns beten!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth (RG 572; EG 450). 🎵
  • Nr. 151: «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen (RG 510) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 163, Anm. 5.↩
2
Einfassungen von Quellen zur Gewinnung von Trinkwasser.↩
3
Hier liegt eine Verwechslung vor. Nicht Atlas, sondern Antaios ist in der griechischen Mythologie der Sohn der Gaia (und des Poseidon), dem die Berührung mit seiner Mutter, der Erde, immer neue Kraft verlieh. In den Kämpfen, zu denen er alle aufforderte, die in sein Land kamen, konnte er deshalb nicht besiegt werden. Vgl. I. Becher, Art. «Antaios», in: Lexikon der Antike, hrsg. von J. Irmscher in Zusammenarbeit mit R. Johne, Leipzig 199010, S. 39 📖.↩