9. Juli 1911

Predigt: Johannes 14,24 (Antrittspredigt)

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Antrittspredigt
Johannes 14,24
Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.
Liebe Freunde!

Ich habe mich lange gefreut auf den Augenblick, da ich euch nun anreden darf als meine Gemeinde, da ich vor euch treten darf nicht mehr als ein Fremder, sondern als euer Pfarrer. Der Augenblick ist nun gekommen, und wir wollen hoffen und es uns von Gott erbitten, dass wir Alle immer mit Freude auf den Anfang, den wir heute machen, zurückblicken dürfen. Es liegt für mich unendlich viel Großes und Schönes in dem Bewusstsein von dem persönlichen Verhältnis, das jetzt zwischen uns anhebt. Es liegt darin, dass ich nun nach langen Jahres des Wechsels und der Wanderschaft in eurer Mitte wieder eine Heimat und ein freundliches Heim gefunden habe. Dass ich wissen darf: hier kann und soll und will ich nun zu Hause sein. Ihr kennt das gewiss aus eigener Erfahrung, dass es ein ganz anderes Leben ist, wenn man einen solchen Ort gefunden hat, wo man sich nicht nur vorübergehend aufhalten will, sondern wo man hingehört. Das ist mir jetzt zuteil geworden. – Und nun sehe ich hinein in all die Augen, die jetzt auf mich gerichtet sind, in die alten und die jungen, und die sagen mir schon jetzt: du gehörst nun zu uns, in unsern Kreis von Interessen und Sorgen, von Leiden und Freuden hinein als unser Nachbar und Mitbürger. Willst du auch unser Freund sein? Und da antworte ich euch nun mit Freuden: ja, das will ich. Ich habe bis jetzt nur Wenige von euch persönlich kennengelernt, aber ich kann euch schon jetzt sagen, dass ich euch gern habe und dass ich euch meinerseits bitte, meine Freunde zu werden. Ich möchte, dass ihr recht bald das Gefühl bekommt, dass im Pfarrhaus nicht ein fremder Mann wohnt, sondern Einer, der herzlich Anteil nimmt an Allem, was euch bewegt, und der im Ernst einer der Eurigen werden möchte. – |

198Aber es handelt sich noch um Größeres in der Beziehung zwischen euch und mir, die heute ihren Anfang nimmt. Euer Vertrauen hat mich hieher berufen zur Arbeit, und die Arbeit, die ihr mir anbefehlt, ist von allen menschlichen Arbeiten vielleicht die höchste und schönste, aber auch die schwierigste und die am Meisten innere Anstrengung erfordert. Ich soll euer Freund und Berater werden nicht nur in einem äußern Sinn, sondern gerade in den höchsten Angelegenheiten des Lebens. Es soll sich zwischen uns nicht um Geld und Gut handeln und auch nicht bloß darum, dass wir in persönlicher Neigung und Eintracht miteinander auskommen, sondern darum, dass das Reich Gottes zu uns komme, wie wir im Unser Vater beten. Das Reich Gottes ist die Ernsthaftigkeit, die Wahrheit, die Liebe, die Gerechtigkeit in den Menschenherzen, in den Häusern und Familien, im öffentlichen Leben. Es ist das Allergrößte und Wichtigste im Leben des einzelnen Menschen wie im Leben der Völker, dass dies Reich Gottes bei ihnen Fortschritte mache. Und nun bin ich dazu berufen, in eurer Mitte ein Handlanger dieses Fortschritts zu sein. Ich bin stolz auf diese Aufgabe, und ich freue mich darauf, sie in Angriff zu nehmen. Ihr sagt mir heute, – eure Augen sagen es mir, und es sagen es mir die muntern Stimmen eurer Gesänge –: Komm! Lass uns immer wieder etwas hören von großen Gedanken in den kleinen Sorgen des Lebens! Zeig uns etwas, was uns Freude und Kraft gibt nicht nur für den Sonntag, sondern für die Tage und Stunden der Arbeit, für die Zeiten, wo wir uns innerlich leer und traurig fühlen. Hilf uns sorgen für unsre Seelen, damit unser Leben schon hier ein ewiges Leben werde, damit das Grab in unserm Dasein nicht das letzte Wort habe. Sei vor Allem unsern Kindern und jungen Leuten ein Führer und Wegweiser und Genosse, der sie versteht in ihren guten Anlagen und auch in ihren Fehlern, in ihren Bedürfnissen und in ihrer Sehnsucht und der sie wiederum verstehen lehrt, was sie verstehen müssen: Gott und die Welt und die Menschen und das Leben. Ich danke euch, liebe Freunde, dass ihr mich zu dieser Arbeit bei euch berufen habt, und ich bitte euch, mir mit eurem Vertrauen und eurem Interesse entgegenzukommen. – |

Ich kann euch noch eins sagen: Ich freue mich über diese Stunde, weil ich heute definitiv und selbständig eintrete gerade in die Arbeit, in die Lebensstellung, durch die ich mich durch meine Überzeugun|199gen berufen weiß. Es gibt heutzutage manche Arbeit, die geschätzter, ehrenvoller und einträglicher ist als gerade die eines evangelischen Pfarrers. Viele gehen mit Achselzucken daran vorüber und viele mit feindseligen Worten. Auch von ernstgesinnten Menschen kann man die Meinung vertreten hören, dass die Zeit der Kirche vorüber sei. Ich weiß das Alles. Ich verstehe auch die Motive derer, die so denken. Ich habe ihre Zweifel an dem Wert unsres Amtes auch durchgelebt. Ich denke noch jetzt, dass es viele Wege zu Gott und zum rechten Leben gibt außer Pfarrer und Kirche. Und doch bin ich mit Überzeugung Pfarrer geworden, weil ich erkannt habe, dass es bei allem Wechsel der Zeiten und der Anschauungsweisen ein ewiges Wort Gottes gibt, das uns hinweist auf ein Reich, das nicht von dieser Welt ist und das doch gerade diese Welt erleuchten und erfüllen will mit seinem Glanze [vgl. Joh. 1,9f.; 2.Kor. 4,6]. Dies Wort Gottes ist weder alt noch modern, man kann davon nur sagen, dass es wirksam und fruchtbar ist. Das ist mir zur Gewissheit geworden, und weil ich weiter gesehen habe, dass es nötig ist, die Menschen deutlich und verständlich und ausdrücklich an dies Gotteswort zu erinnern, deshalb bin ich Pfarrer geworden. Ich bitte euch, mir auch darin Vertrauen zu schenken, dass ich euch nicht von Gott rede, weil ich einmal Pfarrer bin, sondern dass ich Pfarrer bin, weil ich von Gott reden muss, wenn ich mir selber, meinem bessern Ich, treu bleiben will. Ich möchte euch bringen, was mir selber Wahrheit geworden ist. Ich möchte euch Ziele zeigen, die mir für mein eigenes Leben bedeutungsvoll geworden sind. Und ich möchte euch hinweisen auf eine Hilfe, an die ich selber gelernt habe und immer noch lerne, mich zu halten.

*   *   *

Aber ich möchte nicht länger von mir und meinen heutigen Gefühlen reden. Es ist etwas Großes um das persönliche Verhältnis zwischen Gemeinde und Pfarrer. Ich trete mit Freude und Genugtuung hinein in dies Verhältnis und in die Arbeit, die es mit sich bringt. Aber mir und euch möchte ich dabei von Anfang an das vorhalten, was unser Meister von sich selbst und seiner Arbeit gesagt: Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern meines Vaters, der mich gesandt hat. Es ist gut, dass wir uns das vorhalten können.

200Müsste ich denken, dass ich in meinem eigenen Namen und Auftrag hier stehe, dann hätte dieser Tag für mich nichts Frohes, sondern etwas ungeheuer Bedrückendes und Entmutigendes. Ist es mir doch so schon zu Mute, wie einem armen Mann zu Mute wäre, dem man einen gewaltigen Goldschatz in seine kleine Hütte brächte mit dem Auftrag, ihn würdig und sicher aufzubewahren. Er fühlt mit Stolz und Freude das Vertrauen, das man ihm schenkt, aber er fragt sich mit Bangen im Stillen: wo soll ich hin damit? Werden meine Augen wachsam und meine Hände stark genug sein? So spüre ich, gerade wenn ich an die Größe und Schönheit meiner Aufgabe denke, das Gewicht der Verantwortung, das mir damit auferlegt wird. Eure Augen sagen mir: wir erwarten etwas von dir. Was wirst du uns bringen? Wirst du erfüllen, was wir von dir denken? Und nun brauche ich bloß neben diese Verantwortlichkeit das zu halten, was ich bin und weiß und kann, um sehr bescheiden zu werden. Welche Gottestiefe des innern Lebens müsste ein Mensch haben, der das wäre, was ein Pfarrer sein sollte?! Wie reich müsste er sein an innern und äußern Erfahrungen, an Erkenntnissen und Gefühlen, wie stark im Denken, wie mannigfaltig in seinem Empfinden, wie energisch und umsichtig in seinen Entschlüssen!! Ganz von selber kommt da die Frage: Wie steht’s? und die Antwort: es steht nicht gut und es kommt nicht gut, wenn’s jetzt auf dich und deine guten Eigenschaften ankommt. – |

Aber nun hat es eben etwas Erlösendes, dass ich das auch sagen darf: Das Wort, das ihr höret, das ich rede, die Arbeit, die ich tue, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Das will sagen: ich habe euch etwas Größeres und Besseres zu bringen als meine Person. Ich habe in meinem bisherigen Leben, durch meine Erziehung und durch mein Studium etwas empfangen, von dem ich weiß, es ist unendlich viel wichtiger als Alles, was ich etwa aus dem Meinigen hinzutun kann. Was ich durch Gottes Güte empfangen habe, das möchte ich euch nur weitergeben, so fasse ich mein Amt auf und bin froh, dass ich es so auffassen darf. Denn nun kann ich mit froher Zuversicht an meine Arbeit gehen trotz dem Druck der Verantwortung, den ich spüre. Ich weiß, dass ich etwas zu geben habe, das ist groß und genügend für euch, auch wenn ich manchmal klein und ungenügend sein werde. Ich weiß, dass das Wort Gottes wirksam ist, auch wenn ich manchmal herzlich unwirksam sein sollte. Es gehört zu |201 den schönsten Erfahrungen meiner bisherigen Berufstätigkeit, dass ich in diesem oder jenem Fall einem Menschen dazu helfen durfte, besser zu werden, als ich es bin. Ich möchte auch hier in eurer Mitte weder der Priester sein noch der Prophet, der kraft seines Amtes Gott näher stünde als die Andern und den Andern das Heiligtum auf- und zuschlösse. Es sind Viele unter euch, die durch ihre Erfahrungen und Erlebnisse Gott näher stehen als ich. Mir ist’s genug, wenn ich Gottes Instrument und Sprachrohr sein darf, das wohl manchmal undeutlich tönen wird; lasst es euch nicht anfechten, die Stimme ist Gottes Stimme. Wenn ich es nicht recht mache, macht er es recht, er kann auch ein schlechtes Instrument zum Guten brauchen. Das ist die Zuversicht, mit der ich heute mein verantwortungsvolles Amt übernehme.

Aber nun darf und soll es auch auf euch angewendet werden, liebe Freunde: Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Wenn ich heute vor euch trete und euch um euer Vertrauen bitte und um euer Interesse, dann handelt es sich da nicht um meine Privatsache. Sondern meine Bitte lautet in andern Worten so: Lasset euch versöhnen mit Gott! [2.Kor. 5,20] Gott hat euch durch mich etwas zu sagen, und zwar das Allergrößte, dass Er euch lieb hat und dass ihr euch untereinander lieb haben dürft. Und was Gott euch da zu sagen hat, das sollt ihr hören. Vielleicht hört ihr’s lieber anderswo als in der Kirche und aus anderem Munde als dem meinen, darauf kommt es nicht an, wenn ihr’s nur hört. Aber ignorieren dürft ihr’s nicht, denn das wäre euer eigener Verlust. Ihr könnt mich ignorieren, vielleicht geringschätzen, ihr könnt euch stoßen an den Fehlern, die ich sicher machen werde, ihr könnt sagen, die Art, wie ich rede und unterrichte, genüge euch nicht, das Alles nehme ich euch nicht übel, sondern begreife euch, und Gott tut es auch. Aber eins sollt ihr bei alledem: ihr sollt euch klar sein, dass ihr mich ablehnen könnt, nicht aber das Wort, das ich euch zu bringen habe, eben darum, weil es größer und besser ist als ich selbst, weil es nicht mein Wort ist, sondern das Wort des Vaters, der mich gesandt. Mit dem Pfarrer kann man fertig werden, aber mit Gott kann man nicht fertig werden. Hört nicht auf mich, sondern hört auf Gott, der durch mich zu euch reden will. Etwas werdet ihr immer brauchen können von dem, was ich euch zu sagen habe, auch wenn euch manches Andre nicht gefällt. Es geht uns |202 manchmal so, dass gerade solche von unsern Worten wirksam sind, bei denen wir kaum etwas Besonderes gedacht und beabsichtigt. Das sind dann deutlich genug Worte des Vaters gewesen, die durch unsern Mund gegangen sind zu seiner Verherrlichung, nicht zur unsern. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr solche Worte von mir hören möchtet, und ich bitte euch, darauf und nicht auf mich aufmerksam zu sein. Dann könnt auch ihr euch auf unsre gemeinsame Zukunft freuen. – |

Ich möchte das schließlich auch denen ans Herz legen, die von vornherein meiner Person freundlich entgegenkommen oder die es tun werden. Das freut mich, wenn es der Fall ist. Aber ich möchte, dass auch sie sich vornehmen, weniger auf mich als auf das zu achten, was ich zu bringen habe, weniger auf den Boten als auf die Botschaft. Es hat schon viel edles Streben mit Enttäuschungen und Niederlagen geendet, weil man es anders gemacht hat. Und sicher wird nichts Großes in der Welt erreicht, wo man nicht lernt, es auch unabhängig von den Menschen, die es uns vielleicht zuerst gezeigt, aufzusuchen. Denn von Allem, was wahr und recht und schön ist, gilt es, dass es nicht Menschenwort ist, nicht etwas persönlich Beschränktes, sondern Wort des Vaters, der seine Kinder bloß sendet in seinem Auftrag, nicht sie zu Herren der Andern macht. Denkt daran, liebe Freunde, dass es sich in unserm neuen Verhältnis um Gott handelt, nicht um mich, um das Fortschreiten unsrer Wahrheitserkenntnis, um die Verfeinerung unsres Gerechtigkeitssinnes, um das Wachsen unsrer Liebe, um die Erfahrung und Vertiefung unsres Lebens. Daran wollen wir zusammen arbeiten. Denkt daran, ihr werdet dadurch euch Enttäuschungen ersparen, wenn ich vielleicht nicht bin, was ihr von mir erwartet, und ihr werdet mich damit zur Arbeit anspornen wie durch nichts Anderes. Denn auch das habe ich bereits erfahren dürfen: Nichts macht uns fleißiger und treuer, als wenn wir eben das Gefühl haben können, dass die Leute nicht uns und unsre Freundschaft suchen, sondern jenes Größere und Bessere, das aus uns redet, jenes Wort der Wahrheit aus unserm Mund, das nicht unser ist, sondern dessen, der uns gesandt.

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203Und nun ist dies Wort der Wahrheit, das ich euch zu bringen habe, das Wort des Vaters. Für mich, der es zu geben, und für euch, die ihr es zu empfangen habt, hängt Alles davon ab, dass dem so ist. Was ich euch zu bringen habe, sind nicht die verstandesmäßigen Erkenntnisse der Wissenschaft. Was dazu nottut, das bringt euch die Schule, und ich freue mich, an einen Ort zu kommen, wo man Eifer und Interesse hat für diese wichtige Einrichtung.1 Aber es gibt keine einzige Erkenntnis des Verstandes, die uns das Wort des Vaters ersetzen könnte. Und eben darum denke ich euch nicht ausgeklügelte Theorien über Gott und Welt zu bringen. Sie können wahr sein oder nicht wahr, alt oder modern, man kann darüber streiten und sich verständigen, aber sie machen uns nicht sicher, frei und froh. Wir hören sie, aber wir fühlen uns dabei nicht besser und reiner, sie schenken uns vielleicht Ruhe, aber nicht Frieden, sie machen uns vielleicht Mut, aber sie schenken uns nicht Kraft. Sie sind nicht das Wort des Vaters.

Sondern das Wort des Vaters ist die Antwort auf eine Frage, die in keiner Schule und in keinem Kurs behandelt wird und die doch das Tiefste unsres Wesens bewegt, ob wir’s wissen oder nicht. Auf die Frage: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Oder anders ausgedrückt: Wie mag es zugehen, dass mein Leben aus einem Schatten, aus einem Rauch und Wind2 zu einem lebendigen, schönen, guten Leben wird? Das ist die Frage des Kindes. Sie ist in jedem von uns verborgen. Wir können sie zuschütten, halb oder ganz. Sie bleibt doch da. Und auf diese Frage des Kindes ist nun eine Antwort des Vaters da und das |204 ist’s, was ich euch zu bringen habe, sie ist das Größere und Bessere, das aus mir nun zu euch reden soll.

Die Antwort des Vaters ist keine Erkenntnis und keine Theorie. Sie ist Leben. Und das Leben ist in dem Menschen Jesus Christus. Indem wir seine Jünger werden, indem wir seinen Geist in unsre Herzen einziehen lassen, indem wir an ihn glauben, wird unser Leben lebendig, schön und gut. Er ist wie ein älterer Bruder über unsre Erde gegangen, um ein solches Leben unter uns zu pflanzen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater [Joh. 1,14]. Das ist’s: Christus hat uns die Herrlichkeit des Vaters gezeigt und zugänglich gemacht. Weil wir ihn kennen, wissen wir, dass wir frei und froh sein dürfen, weil wir einen lieben Vater haben. Wir dürfen vertrauensvoll und tapfer durchs Leben gehen, weil er es auch getan hat. Er weist uns unsre Heimat an in der unsichtbaren Welt des Geistes, und doch ist er es gerade, der uns diese sichtbare Welt zu einem schönen Vaterland macht. Er lehrt uns ergreifen und festhalten das wunderbare verborgene Gut der eigenen Seele, und doch ist er es gerade, der uns unsre Seele verlieren heißt um der Brüder willen [vgl. 1.Joh. 3,16], der uns den Weg weist zu einem Sozialismus, der erst seines Namens wert ist. Er ist in seinem Kreuzestod und in seiner Auferstehung die Offenbarung des großen Geheimnisses, dass Gottes Liebe und unsre Liebe leiden muss, um wirksames ewiges Leben zu werden.

Seht, liebe Freunde, dieser Mensch Jesus Christus ist das Wort des Vaters, das ich euch zu sagen habe. In die Tiefe und in den Reichtum und in die Kraft seiner Person und seines Geistes wollen wir uns zusammen versenken; das ist das einzige Programm, das ich euch vorzulegen habe. Ich lade euch ein, dabei zu sein. Nicht um meinetwillen, sondern um Gottes willen. Um euretwillen. Menschen kommen und gehen. Pfarrer haben ihre starken und ihre schwachen Seiten. Aber das Wort, das ihr von uns höret, ist nicht unser, sondern des Vaters, der uns gesandt hat. Es kommt aus der Ewigkeit und es bleibet in Ewigkeit.

Ich habe während zwei Jahren in der Stadt Johannes Calvins gelebt und auf seiner Kanzel gepredigt.3 Ich möchte, dass wir auch unsre |205 hiesige gemeinsame Arbeit im Geiste dieses großen Zeugen der Wahrheit beginnen. Ehre sei Gott!4 Das soll unsre Losung sein. Wenn sie von Herzen kommt, dann dürfen wir heut mit Freuden anfangen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 294: «Mir nach, spricht Christus, unser Held!» von J. Scheffler (RG 812; EG 385). 🎵
  • Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai (RG 654; EG 70). 🎵

Sachfußnoten

1
«Durch das neue Schulhaus», so G. A. Fischer in einem Brief an Fr. Barth vom 23.3.1911 (KBA 12050), in dem er diesem von der für seinen Sohn in Frage kommenden Gemeinde berichtete, war Safenwil – und das wird man als Beleg für die hohe Wertschätzung werten dürfen – sogar «ein wenig in Schulden geraten». Die Kosten für das 1910 fertiggestellte Haus hatten 184 000 Franken betragen; vgl. Kirchen- und Dorfgeschichte von Safenwil, im Auftrag der Kirchenpflege zusammengestellt von R. Hilfiker-Schudel, Safenwil 1966, S. 39 📖.↩
2
Vgl. die Schlusszeilen des Sonetts «Auff den Sontag deß Ewigen Messiae/ oder Judica, Joh. 8» von A. Gryphius (Erstdruck 1639; ders., Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke, hrsg. von M Szyrocki / H. Powell, Tübingen 1963, Bd. 1, S. 200) 📖:
Es ist das Leben selbst! mein Leben ist nur Noth.
Ein Schatten/ Rauch vnd Wind/ ein tausendfacher Tod:
Mein Sterben aber nichts/ als in den Himmel schreiten.
↩
3
Das «Auditoire», neben der Kirche St. Pierre gelegen, wurde seit 1903 als Predigtstätte der deutschen reformierten Gemeinde in Genf benutzt; vgl. O.Br. 1909–1935, S. 3 📖.↩
4
Mit «LAUS DEO» beschloss Calvin sein Hauptwerk: Inst. IV,20,32 📖; CR 30, col. 1117/1118 📖.↩