25. Juni 1911

Predigt: Matthäus 10,26–27 (Abschiedspredigt)

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Abschiedspredigt
Matthäus 10,26–27
Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
Meine lieben Freunde!

Das Wort Jesu, das wir eben gehört, ist vor Allem eine Aufforderung, die an uns ergeht, ein Aufruf zu froher, tapferer Mission unsres Glaubens, zum Bekennen und Vertreten und Verbreiten dessen, was uns inwendig höchste Wahrheit geworden ist. Man könnte ihren Sinn kurz so zusammenfassen: Was drinnen in dir lebt, musst du draußen den Menschen kundgeben. Es ist in anderer Form derselbe Befehl des Herrn, den alle Missionsarbeit auf ihre Fahne geschrieben hat: Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur! [Mk. 16,15] Und es ist die Aufforderung, die die treibende Kraft ist auch in der Arbeit des evangelischen Pfarrers. Offenbar werden lassen, was in uns verborgen ist, die Leute wissen lassen von den heimlichen Tatsachen des Lebens aus Gott und mit Gott, so gut wir’s können, Zeugnis geben von dem, was in uns lebt, das ist unsre Pflicht und unsre Aufgabe. Aber ich möchte weder von der besondern Aufgabe des Missionars noch von der des Pfarrers reden, die in diesem Jesuswort gestellt ist, sondern von der Aufforderung, die es an ausnahmslos Jedes von uns zu richten hat. Ein Missionar und Pfarrer ist ja im Grunde jeder Christ, vor Gott gibt es den Unterschied nicht zwischen solchen, die auf, und solchen, die unter der Kanzel sind. Da hat Jedes Teil an dem Recht und an der Pflicht, das Evangelium zu verkündigen, denn da ist Jedes verantwortlich für den Nächsten, für die Seele des Nächsten. Was drinnen in dir lebt an Gottesgeist, das musst du draußen den andern Menschen kundgeben – das ist nicht ein besonderes Amts|185programm, sondern das ist das christliche Lebensprogramm für jedermann.

Nichts Selbstverständliches hat Jesus mit dieser Aufforderung ausgesprochen. Wir Alle ohne Ausnahme müssen über einen gewissen Graben hinweg, wenn wir nicht nur verstehen, sondern uns aneignen wollen, was das heißt: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht, und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Es hat manchen Menschen gegeben mit einer reichen und tiefen Lebensanschauung, mit großem Vermögen und Fähigkeiten auf diesem oder jenem Gebiet gerade des geistigen Daseins, mit einem großen Besitz an Gewissheiten und Kräften, die sein Leben schön und froh machten, aber von diesem Bedürfnis nach Mitteilung verspürte er nichts. Was er hatte, das war von der Art, dass es nur von ihm selbst und vielleicht von einigen Auserwählten verstanden und genossen werden konnte, nicht aber Etwas, was ihn von selbst trieb und drängte, es jedermann zu sagen, damit es jedermann helfe. So gab es im Altertum Geheimreligionen und Geheimweisheiten mit schönen und sinnreichen Gebräuchen und Gedanken, aber es war eben bei all der Herrlichkeit das Wörtchen Geheim- davor. Es war nicht eine Freude, die allem Volke widerfahren soll [Lk. 2,10], sondern eine Freude für die Eingeweihten. Und so gab es und gibt es noch heute Unzählige, die sind reich an schönen Gedanken und Gefühlen, an Einsichten und Lebensmöglichkeiten, es fehlt nur das Eine: sie haben keine Lust, mit dem, was sie haben, ans Licht und auf die Dächer zu gehen, mit ihrem geistigen Besitz Pfarrer und Missionare zu werden. Sie sind Aristokraten des innern Lebens, sie sind glückliche Besitzende,1 aber nicht glückliche Gebende, sie sind noch diesseits des Grabens. Die Aufforderung Jesu ist ihnen nicht selbstverständlich, sondern erstaunlich und oft ärgerlich.

Und nun wollen wir uns gar nicht einbilden, dass wir mit unsrem Christentum nicht zu diesen Menschen und in diese Richtung gehörten. Sondern wir wollen es uns nur klar machen, dass Jesu Aufforderung etwas gewaltig Großes und Schweres von uns verlangt. Es ist |186 uns natürlich, und es ist nicht nur natürlich, sondern recht und notwendig so, dass wir uns von Gott zunächst in die Stille, in die Verborgenheit führen lassen. Ich glaube nicht, dass der tiefe Einblicke in die Geheimnisse Gottes und des Lebens geworfen hat, der sofort anfängt, jedermann mit seinen Erlebnissen zu haranguiren2. Wenn Gott bei uns einkehrt, sei es, dass er uns ein Ziel zeigt oder dass er uns eine Kraft schenkt, dann ist das eine Wirkung von so unaussprechlicher Art, dass unser Bedürfnis stille zu sein viel größer sein muss als das Bedürfnis zu reden. Die Demut vor Gott muss uns zu Zeiten den Mund verschließen, wenn wir Gott wirklich kennengelernt haben. Es muss uns vorkommen wie eine Entweihung, das Verborgene offenbar werden zu lassen, weil wir uns unfähig fühlen, es würdig zu tun. Es ist etwas daran, dass Gottes Wort an uns zunächst in die Finsternis und nicht ans Licht gehört. Und auf der andern Seite ist es sicher, dass es uns in die Einsamkeit führt, wenn es recht ist. Denn wenn Gott unser Auge erkennen lässt und unsern Arm stark macht, dann ist das ein Geschenk der überraschendsten Art, durch das wir uns ohne unser Wollen aus den Reihen der andern Menschen herausgehoben fühlen. Wir haben damit etwas Besonderes, Einzigartiges erfahren, das Allerpersönlichste in uns ist erwacht, wir fühlen es dankbar, dass Gott nicht nur geredet, sondern gerade zu uns geredet hat. Wieder müsste es uns vorkommen wie eine Entweihung, unsern Besitz an Andre preiszugeben, von denen wir ja beinahe bestimmt annehmen müssen, dass sie es nicht verstehen können. Und wieder ist etwas daran, dass wir das Wort Gottes ins Ohr gesagt bekommen, dass es schlecht auf den Markt passt [vgl. 2.Kor. 2,17] und dass es gerade Gottes unverdiente und einzigartige Gnade zu sein scheint, die uns zu geistigen Aristokraten macht. – |

Das Alles hat nun auch Jesus in seinem Recht und in seiner Notwendigkeit gekannt und anerkannt. Durch sein Wort: denn er hat uns ausdrücklich aufgefordert: Wenn du beten willst, so gehe in dein Kämmerlein und schließe deine Türe zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen! [Mt. 6,6] Und vielleicht noch mehr durch sein eigenes Vorbild. Er ist ein stiller Mann gewesen, der die Geheimnisse des Himmelreichs nicht an die große Glocke hängte und der es die Leute |187 merken ließ: Gott ist wunderbarer und herrlicher, als ich oder irgend ein Mensch aussprechen kann. Und er ist im Grunde seines Wesens auch immer ein einsamer Mann gewesen, nicht ein populärer Redner und Anführer, sondern ein Wanderer, der seinen eigenen Weg ging, dessen tiefster Charakterzug in dem Wort zum Ausdruck kam, dass niemand den Vater kenne denn nur der Sohn [Mt. 11,27].

Ist’s nicht gerade die Art des Geistes Gottes und des Geistes Jesu, dass er uns zurückhält diesseits des Grabens, zurückhält von dem Gehorsam gegen die Aufforderung: Redet im Licht! Predigt auf den Dächern! Ich antworte: jawohl, das ist die Art des Geistes Gottes und Jesu. Gerade wenn wir etwas Ernstes und Großes und Feierliches erlebt haben, fällt es uns Allen zunächst schwer, davon zu reden, und es muss uns schwer fallen. Aber diese Zurückhaltung kann nicht das Letzte sein, sondern sie ist nur die eine Hälfte der Sache. Wenn Gott zu uns geredet hat, dann müssen wir erst schweigen, aber dann müssen wir auch anfangen zu reden, und erst damit kommt Gottes Werk in uns zur Vollendung. Es ist nichts von Gott in uns verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts von Gott heimlich in uns, das man nicht wissen werde. Würde es nicht offenbar, würde kein Anderer davon wissen, so wäre das ein Zeichen, dass es überhaupt nicht da war. Es wäre eine Selbsttäuschung und vielleicht ein Selbstbetrug. – |

Denn das Wort Gottes, das an uns ergeht und uns ermutigt, auf den Weg stellt und vorwärts trägt, es gleicht dem Weizenkorn in der Ähre. Es muss im Verborgenen wachsen, aber wenn die Reife da ist, dann sprengt es die Schale, und was heimlich war, wird offenbar [vgl. Mk. 4,26–29]. Was Jesus seinen Jüngern von dem Reden am Licht und vom Predigen auf den Dächern gesagt, das hat er von der Zeit ihrer Reife gesagt. Die ist nicht gekommen vor den Tagen, da sie ihn haben leiden und sterben und auferstehen sehen. Dann aber ist sie gekommen. Denn in jenen Tagen sind sie reif geworden. Im Angesicht des Kreuzes Christi ist es ihnen klar geworden, was es auf sich habe mit dem Reiche Gottes, mit dem Regiment des Gottesgehorsams und der Menschenliebe. Sie erkannten Jesus als den Helden, als den Erlöser, als den König, sie erkannten, dass sein Weg ihr Weg zu Gott sei. Und seit dieser Erkenntnis, durch die sie reif wurden, wäre es eine Unwahrheit und Feigheit für sie gewesen, zurückzuhalten und zu verbergen, was in ihnen lebte. Das Verborgene drängte sie unwiderstehlich zur Of|188fenbarung. Ich glaube, dass es auch in unserm innern Leben einen Punkt der Reife gibt, wo wir wie Paulus sagen müssen: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte [1.Kor. 9,16], wo wir über aller Scheu vor unsrer eigenen Unwürdigkeit und vor der Verständnislosigkeit der Andern hinweg reden müssen von dem, was in uns ist. Einfach darum, weil das, was in uns ist von Gottesbesitz, uns selbst zu groß wird, weil uns etwas aufgegangen ist, was viel zu mächtig ist, als dass es bei uns bleiben könnte. Das Wort Gottes in seiner Wahrheit und Güte und Schönheit kann nicht bei uns bleiben, wenn es wirklich bei uns ist. Ist es in uns reif geworden, dann muss es auch hervorbrechen, um zu Andern zu gehen. Da hat dann die Scheu vor uns selbst und den Andern ihre Zeit gehabt und ein Neues ist an ihre Stelle getreten. Das Neue ist die Liebe. Die Liebe besteht darin, dass wir Andern helfen wollen. Hier wird der Graben sichtbar, über den wir hinweg müssen. Das Reifwerden bedeutet, dass die Liebe die Macht wird in unserem Leben. Vorher können wir von Gott und mit Gott das Höchste erfahren haben, es kann uns im Leben das Schönste aufgegangen, wir können innerlich Besitzer einer großen Welt von Wahrheit und Klarheit geworden sein, es fehlt doch dieser Erfahrung die Vollendung, wir sind dann wohl reich, aber noch nicht reif, wir können dann mit Menschen- und Engelzungen reden, wir können alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse wissen und doch nichts sein [vgl. 1.Kor. 13,1f.]. Denn es ist das Geheimnis Gottes und das Geheimnis des Lebens, dass wir erst dann etwas sind, wenn wir überströmen von dem Vielen und Wenigen, das in uns ist, um etwas zu sein für die Andern. |

Wieder denken wir daran, wie es den Jüngern Jesu gegangen ist. Auch ihnen war einst das Reich Gottes ein schöner Besitz und Genuss gewesen, um den man streiten und konkurrieren kann, wer weiter obenan sein dürfe [vgl. Lk. 14,7f.]. Da lernten sie am Kreuze Jesu eine Gesinnung kennen, die es nicht für einen Gewinn ansah, Gott gleich zu sein [Phil. 2,6], sondern die auch den höchsten Besitz aufs Spiel setzte, die den Frieden, das Glück und die Ruhe und Alles daran wagte, den Andern zu helfen. Das war Liebe, was sie da kennenlernten. Es ging davon etwas auch auf sie über. Sie mussten jetzt von sich selbst sagen: Die Liebe Christi dringet uns also! [2.Kor. 5,14] Wir müssen helfen, wie Christus geholfen hat. Wir müssen überwinden, |189 was noch in uns lebt an Furcht vor unsrer eigenen Unvollkommenheit und an Furcht vor dem blinden Unverstand der Juden und Heiden. Wir müssen es überwinden – nicht um unser selbst, sondern um der Liebe willen. Meine Freunde, seht ihr, da ist uns der Weg vorgezeichnet, den wir zu gehen haben. Jesus sagt uns: redet im Licht! Predigt auf den Dächern! Da mag es uns zunächst wohl zu Mute sein, dass wir antworten möchten wie der Ölbaum in jener Fabel des Alten Testaments: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die beide, Götter und Menschen, an mir preisen, und hingehen, dass ich über den Bäumen schwebe? [Ri. 9,9] Aber dann muss unsre Einsicht wachsen und uns höher führen. Unser inneres Leben muss reif werden und nach außen wirken. Und die Liebe muss uns anleiten, unsern Frieden Andern mitzuteilen, auch auf die Gefahr hin, unsre Ruhe zu verlieren. Da können Eltern und Kinder, Freund und Freund, Gotte und Götti3 nicht mehr nebeneinander hergehen, als wäre das Höchste im Leben etwas, dessen man sich zu schämen hat. Da muss ihr Zusammenleben im Gegenteil immer mehr ein Offenbarwerden des Verborgenen, ein Bekanntwerden des Heimlichen sein. Da müsste jeder in seinem Kreise und in seiner Weise ein Seelsorger, ein Verkündiger des Evangeliums werden. Da müsste die Liebe Christi aber auch einen jeden hinaustreiben über seinen engern Kreis, es müsste aus der gegenseitigen Gleichgiltigkeit und aus der Gleichgiltigkeit den höchsten Dingen gegenüber ein gegenseitiges und gemeinsames Suchen werden. Es müsste das entstehen in Wahrheit, was vorläufig erst als Gedankending und auf dem Papier besteht, eine christliche Gemeinde, christliche Gemeindearbeit und christliches Gemeindeleben.

*   *   *

Es muss! Es müsste! Es müsste das, was drinnen in uns lebt, draußen den Menschen kundgegeben werden. Das ist die Aufforderung, die aus dem Worte Jesu an uns ergeht, an uns Alle ohne Ausnahme. Aber es ist mehr darin als eine Aufforderung. Es ist eine Verheißung darin, eine Versicherung, ein Geschenk. Ja, genau genommen ist das Geschenk, das in diesem Wort ausgesprochen ist, das Erste und Wich|190tigste. Es heißt nicht nur: es müsste sein! sondern es heißt zuerst und hauptsächlichst: es ist! Nicht nur: es soll geschehen! sondern: es geschieht! Das Erste ist das herrliche Gesetz, das Jesus in allem Leben erkennt: Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Das ist eine allgemeine Ordnung, die der Bestätigung durch uns nicht erst bedarf. Sondern es ist nur eine Anwendung auf uns, wenn es jetzt heißt: Redet auch ihr im Licht, was ich euch in der Finsternis sage, und predigt auf den Dächern, was ihr ins Ohr höret. Das Eine folgt aus dem Andern. Es handelt sich nicht darum, dass wir gegen die Natur, einem schweren Zwang folgend, aus uns herausgehen, sondern es handelt sich darum, dass wir uns einordnen dürfen in die Lebensbewegung von innen nach außen, dass wir eintauchen dürfen in den Strom der Offenbarung.

Es ist eine herrliche Sache, dass wir glauben können an dieses Dürfen und an diese allgemeine Ordnung des Lebens, von der wir bloß ein kleiner, unbedeutender Teil sind. Wir haben das nötig. Denn gerade, wenn wir die Forderung Jesu verstanden haben, wenn wir uns reif fühlen und wenn die Liebe uns drängt, Andre es merken zu lassen, Andren es mitzuteilen, was uns innerlich bewegt und hebt und selig macht, dann ist es oft so unendlich deprimierend, mit den Hindernissen zu kämpfen, die man uns von allen Seiten entgegenstellt. Wir möchten etwas überströmen lassen von Gottesgeist auf die Andern. Wir reden ihnen vom Vertrauen auf den Vater, der die Seinen freundlich führt, wir möchten sie hinleiten auf den tiefen Ernst und die hohen Aufgaben des Lebens, wir möchten ihr Gewissen schärfen, ihr Herz reif und rein, ihren Verstand hell machen, wir möchten das Alles, weil wir selbst auf diesen Wegen Frieden gefunden und weil wir die Andren dieses Friedens teilhaftig machen möchten. Aber sowie wir heraustreten mit dem, was in uns ist, so begegnen uns auch mit starrem, feindseligem Blick Mächte, die der Macht des Gottesgeistes direkt entgegenstehen. Da ist das Misstrauen dem Leben gegenüber, das in Allem nur das Widerwärtige und Unerfreuliche finden will, da ist die Oberflächlichkeit, der nichts schrecklicher ist als die Zumutung, das Leben ernst zu nehmen, da ist jene sittliche Zweideutigkeit, die mit der Rechten das Gute und mit der Linken das Böse tun zu können meint, da ist die geistige Verlotterung, die es als höchste Wohltat empfindet, wenn sie sich nicht mehr vom Fleck bewegen muss, da ist der |191 moralische Stumpfsinn, der das Nichtssagende interessant und das Banale wertvoll findet. Ich sage, diesen Mächten begegnen wir, wenn wir so oder so das Evangelium verkündigen möchten, und nun steht’s so, dass diese Mächte auftreten und sagen: Wir sind die eigentliche Welt- und Lebensordnung. Wir sind’s, die am Licht des Tages und auf der Straße gelten. Wir beherrschen das Geschäftsleben und den normalen Verkehr der Menschen. Solche Zusammenstöße haben wir alle schon erfahren. Und wir haben dann auch wohl erfahren, wie es uns dabei erging. Wie traurig und alleingelassen und unnütz wir uns vorkamen mit dem, was uns innerlich Wahrheit geworden, was wir in der Seele empfangen hatten. |

Gerade in einer Stadt wie Genf, wo neben den edlen und guten auch die gemeinen und schlechten Regungen des Menschen sich mit größter Deutlichkeit und Lebhaftigkeit äußern können, muss einem oft der Gedanke kommen, ob dann nicht Gott und die Güter des innern Lebens, ob nicht die Gesinnung und der gute Wille, das Vertrauen und die Ernsthaftigkeit, die Reinheit und das klare Denken Dinge seien, die bloß in die Finsternis gehören, wo man sich allerlei Schönes und Gutes ins Ohr sagen kann, während da draußen in der Wirklichkeit eben jene anderen Mächte das große Wort führen. Vielleicht nimmt dieser Widerstand der stumpfen Welt die Form eines offenen Kampfes an, so dass wir deutlich das Gefühl haben: hier heißt es anpacken und losschlagen, ohne zu zaudern. Vielleicht stehn wir einer trägen, klebrigen Masse von Gleichgiltigkeit gegenüber, bei der wir schwer haben zu unterscheiden, ob’s formlose Faulheit oder bewusste Feindschaft ist. Aber immer ist er da, dieser Widerstand, so oder so, und wenn jetzt bloß aufs Neue die Aufforderung an uns erschölle, zu reden, zu verkündigen, zu geben, zu verbreiten, zu leuchten für die Andern, dann möchte es uns wohl auch manchmal naheliegen, uns wie der Prophet flau unter einen Wacholder zu setzen und zu seufzen: Es ist genug [1.Kön. 19,4], ich kann nicht, es kommt doch bei Allem nichts heraus. Das liegt nahe, sage ich.

Aber nun ist es eben eine herrliche Sache, dass es nicht bloß heißt: Redet, prediget, wirket! Sondern dass ohne uns und über uns jene Lebensbewegung, jener Offenbarungsstrom da ist und fließt, in dem wir einfach als ein Tropfen mitfließen dürfen. Als eine allgemeingiltige Tatsache hat Jesus es hingestellt, dass das Verborgene offenbar werden |192 muss. Vielleicht hat auch er daran gedacht, wie das reife Weizenkorn die Schote sprengt, oder an den wunderbaren Vorgang, durch den Tiere und Menschen zum Leben kommen. Jesus hat tiefen Sinn gehabt für die Natur und ihre beziehungsreiche Herrlichkeit, die gerade in der Notwendigkeit ihres Geschehens zur Entfaltung kommt. Oder hat er an die Tätigkeit des Bergmanns gedacht, der Salz und Eisen und edle Metalle aus der Tiefe der Erde hervorgehen lässt? Oder denkt er an das Seelenleben des Menschen, der Erlebnisse und Eindrücke in sich aufnehmen kann, um sie für Jahre scheinbar zu begraben und doch sind sie in ihm und wirken in ihm und müssen eines Tages wieder offenbar werden in ihrem Wesen und in ihren Folgen? Oder daran, wie im Leben, in der Geschichte der Menschen und Völker untereinander gewisse Beziehungen und Eigentümlichkeiten im Verborgenen da sind, oft unbekannt und missverstanden und doch unaufhörlich auf der Oberfläche wirksam, wie eine Quelle auf der Oberfläche eines stillen Bergsees? All diese und manch andre Beobachtungen aus Natur und Geisteswelt mag Jesus gemacht haben; sicher hat er die Regel erkannt, die ihnen allen zu Grunde liegt, und er hat sie erkannt und genannt nicht als ein trockenes Naturgesetz, nicht als einen weltlichen Grundsatz, der für das Reich Gottes bedeutungslos wäre, sondern als eine frohe, begeisternde Erkenntnis, die in ihrer Weise gerade ein Schlüssel ist zu diesem Reich Gottes. |

Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar würde! Froh und begeisternd war für Jesus diese Erkenntnis, weil er es durchschaute, dass das Verborgene, das offenbar werden muss, letzten Grundes immer das Echte, das Große, das Gute ist. Das Verborgene, das offenbar wird in der Natur, das ist immer das Leben, und wo Leben ist, da muss es auch offenbar werden, da muss es irgendwie fruchtbar und nutzbar werden in dem ungeheuren Haushalt des All-Lebens. Und wieder ist’s im Zusammenleben der Menschen schließlich das Gute und Brauchbare, das in irgend einem Sinn Tüchtige, das sich behauptet und durchsetzt, das vom Dunkel zum Lichte dringt, und wo etwas wirklich Tüchtiges und Gutes ist, da dringt es auch durch. Dieser Vorgang mag oft dunkel und kompliziert sein, er ist doch so wirklich, als das Leben wirklich ist, und nun weist Jesus uns einfach darauf hin und sagt: seht da! Das ist die allgemeine Lebensordnung. Dürft ihr und wollt ihr euch dieser Ordnung entziehen? Es ist nichts Verbor|193genes, das nicht offenbar werde, wollt und könnt ihr um der Hindernisse willen den Schatz des Wortes Gottes verborgen in euch lassen? Es liegt zugleich etwas Beruhigendes und etwas Anfeuerndes in diesem: es muss das Verborgene offenbar werden. Es befreit uns auf der einen Seite von der törichten Angst, als ob der Sieg Gottes abhängig wäre von uns und unsrem Tun. Es sagt uns: Was liegt an dir, du kleines Menschlein? Gott geht seinen Weg ohne dich, das Verborgene wird offenbar mit oder ohne dein Wirken und Reden. Sei du froh, wenn du wirken und reden darfst, wenn du dich dem Gange Gottes anschließen darfst! Auf der andern Seite ist gerade dies beruhigende: «du darfst» der höchste Antrieb. Wenn es denn in allem Leben Gesetz und Ordnung ist, dass das Verborgene zum Lichte drängt, wer möchte da zurückbleiben?

Wach auf, wach auf, du Menschenkind,
dass dich der Lenz nicht schlafend find.4

Da verliert man den Respekt vor jenen Mächten und Gewalten, die sich den Kundgebungen des Geistes widersetzen wollen, vor der akuten Feindschaft wie vor der schleichenden Gleichgiltigkeit. Da wird man die Sünde in der Welt ernst nehmen, aber man wird nicht mehr vor ihr die Waffen zu strecken wagen, weil man von vornherein weiß, dass es nichts, gar nichts gibt, was den Sieg Gottes schließlich hindern könnte. Wer da sagen wollte: ich kann nicht mehr, es kommt doch nichts heraus dabei, der würde selbst auf die Teilnahme an der siegreichen Lebensbewegung verzichten, der würde sich selbst geistig unter die Toten rechnen. Als ein Geschenk Gottes lehrt es uns also Jesus verstehen, dass wir auswirken und ausstrahlen dürfen, was in uns ist.

*   *   *

Aber gerade wenn wir nun dieser Gewissheit nachgehen, dass das Verborgene offenbar werden muss, dann entdecken wir schließlich in Jesu Wort einen Ton, der uns zu noch ernsteren und tieferen Über|194legungen leiten muss. Was drinnen, in der Seele, lebt, muss draußen, im Licht des Tages, bei den Menschen, in den Verhältnissen, mit denen wir’s zu tun haben, zur Geltung kommen. Es ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde… Was sagen wir dazu, wenn das nun tatsächlich geschieht, wenn das, was in uns ist, draußen zur Geltung kommt, wenn das Verborgene offenbar und das Heimliche bekannt wird? Wir sagten, dass es nach allgemeiner Ordnung schließlich das Gute und Tüchtige sei, das sich im Leben durchsetzt und zur Geltung bringt. Das ist gewiss so. Aber es ist ein Endziel. |

Wie steht es mit der Gegenwart? Und hauptsächlich: wer sagt uns, ob wir gerade berufen und fähig sind, das Gute ans Licht zu bringen, ob wir nicht vielleicht zum Abfall des Lebens gehören, ob Gottes Sieg sich nicht vollzieht über unsre Köpfe weg, so dass er uns links liegen lässt. Wahrhaftig, es kann uns ein Wort des Gerichtes werden, dies Wort vom Offenbarwerden des Verborgenen. Oder ist es nicht eine Erfahrung von erschütternder Schwere, wenn mit dem bisschen Guten, das in uns ist, auch all unsre Schwachheit und Halbheit und Unkraft und Unwahrhaftigkeit unaufhaltsam an den Tag kommt. Wir handeln und schaffen, wie wir aus innerer Notwendigkeit müssen, aber gerade dabei werden uns die Schranken unsres Könnens klar. Wir wirken, wie der Geist es uns heißt, aber wir erfahren es, wie der Geist uns zugleich verurteilt, wir werden gewahr, dass neben dem heiligen Geist auch mancher andre recht unheilige Geist uns treibt und aus uns redet. Wie oft ist es uns so ergangen: indem wir auf andre zu wirken unternahmen, wurden wir uns der eigenen Unvollkommenheit und Sünde bewusst. Der Gletscher im Gebirg, der sich langsam bewegt, gibt freilich das reine kalte Bergwasser von sich, aber auch Geröll und Geschiebe. Und so muss das Verborgene unsres innern Lebens freilich offenbar werden, aber mit dem Göttlichen, das von uns ausgeht, redet und wirkt aus uns auch das Menschliche, Allzumenschliche5, an dem weder wir selbst noch Andre noch Gott Freude haben können. Ja, wenn wir das Wort Jesu von dieser Seite ansehen, so bekommt es den Charakter eines Urteilsspruchs, vor dem wir vergehen müssen und der uns das Andre, was auch darin liegt, die Aufforderung und die |195 Verheißung, vergessen machen könnte. Denn es muss den nachhaltigen Zweifel in uns wecken, ob wir denn je der Aufforderung nachkommen können und ob denn die Verheißung wirklich für uns gelte.

Aber nun wollen wir auf ein Letztes achten. Gewiss, Gott ist unser Richter, und er richtet uns vielleicht nie so scharf, wie dann, wenn er uns zu seinen Boten und Mitarbeitern macht. Aber er ist ein gnädiger Richter. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe [vgl. Hes. 18,23], dass er von seiner Gnade lebe. Gerade unser Jesuswort ruft uns schließlich aufs Eindrücklichste zurück zu Gottes Gnade.

Ja, wenn wir auf das sehen müssen, was wir aus uns selbst haben, dann müsste es sich zuletzt einfach anhören wie eine Drohung, wenn uns gesagt wird: Die Sonne bringt es an den Tag.6 Aber nun heißt es: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht. Das verändert unsre Situation. Da hören wir, dass wir etwas in uns haben, das ist besser als wir selbst. Gewiss, mit unsren eigenen Kräften und Fähigkeiten sollen wir ans Licht. Das ist das Handwerkszeug, das Gott uns mitgegeben für’s Leben, für den Bau des Reiches Gottes. Aber nun steht’s gerade so: solange wir sie betrachten und gebrauchen als unsre eigenen Tugenden, solange werden uns jene Beschämungen und Niederlagen nicht erspart bleiben. Denn indem wir sie zum Vorschein bringen, kommen auch jene unsre eigenen Schwächen und Fehler zum Vorschein. Hier darf und muss nun das Neue einsetzen, die Gnade, die uns frei macht von der Furcht vor uns selbst. Wir haben etwas in uns, das ist nicht unser eigen. Und gerade das ist’s, was aus uns heraustreten, was offenbar werden soll, weil es das Beste in uns ist. Wir haben etwas in uns von einem Wort Gottes, das Jesus uns gesagt, von einem Leben, das von ihm her stammt. Hier stoßen wir auf Felsboden. Alles Andre, was in uns lebt: Gewandtheit, Beredsamkeit, Schönheitssinn, Gelehrtheit, es kann etwas Gutes sein, es kann aber auch etwas sehr Ungutes sein, je nachdem wir es gebrauchen. Es ist nichts Sicheres, Zuverlässiges, nichts, das uns Gewissheit gibt, dass Gottes Le|196bensverheißung auch für uns Gültigkeit hat. Wohl aber haben wir etwas Sicheres und Zuverlässiges in dem kleinsten Stück vom Geiste Jesu, das in uns lebt. Wenn du etwas in dir spürst von seinem stillen Gottesgehorsam und von seiner schlichten Menschenliebe, dann bist du berufen zum Verkündiger des Evangeliums. Es ist dann das in dir verborgen, das offenbar werden soll. Fürchte dich nicht, freue dich! Ich aber bete zu Gott, dass er auch durch mich etwas unter euch habe offenbar werden lassen von Worten, die nicht aus meinem, sondern aus Christi Geist kommen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen, Strophen 1.5.6 (RG 162, 1.4.5; EG 165). 🎵
  • Nr. 224: «Such’, wer da will, ein ander Ziel» von G. Weißel, Strophen 1.2.4 (RG 276; EG 346). 🎵
  • Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt!» von Fr. A. Krummacher, Strophen 2.3.6. 🎵
Lesungstext:
  • Mt. 13,1–23

Sachfußnoten

1
Von «glücklichen Besitzenden» (beati possidentes) spricht der römische Rechtsgrundsatz, nach dem Besitz als solcher geschützt ist; vgl. zum Herkommen auch Büchmann, S. 314 📖.↩
2
Veraltet für: «anreden», «feierlich ansprechen» (franz.: haranguer).↩
3
Schweizerdeutsch für: Patin und Pate.↩
4
Aus Strophe 3 des Liedes «Der Frühling naht mit Brausen» von K. Klingemann (Melodie: F. Mendelssohn-Bartholdy; u. a. in: 266 Volks-, Trink- und Wanderlieder. Vollständiges Textbuch, hrsg. von H. Hartmann, Stade [1891], S. 50 📖) 🎵: «Drum wach, erwach, du Menschenkind / Dass dich der Lenz nicht schlafend find.»↩
5
Vgl. den Titel der Schrift von Fr. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, Chemnitz 1878 📖.↩
6
Titel und Kehrreim einer Ballade von A. von Chamisso, 1827 gedichtet nach dem Motiv des in die Sammlung der Gebrüder Grimm aufgenommenen Märchens «Die klare Sonne bringts an den Tag» (vgl. H.-J. Uther, Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation, Berlin 2008, S. 256f. 📖).↩