Predigt: Matthäus 10,26–27 (Abschiedspredigt)
(2. nach Trinitatis)
Das Wort Jesu, das wir eben gehört, ist vor Allem eine Aufforderung, die an uns ergeht, ein Aufruf zu froher, tapferer Mission unsres Glaubens, zum Bekennen und Vertreten und Verbreiten dessen, was uns inwendig höchste Wahrheit geworden ist. Man könnte ihren Sinn kurz so zusammenfassen: Was drinnen in dir lebt, musst du draußen den Menschen kundgeben. Es ist in anderer Form derselbe Befehl des Herrn, den alle Missionsarbeit auf ihre Fahne geschrieben hat: Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur! [
Nichts Selbstverständliches hat Jesus mit dieser Aufforderung ausgesprochen. Wir Alle ohne Ausnahme müssen über einen gewissen Graben hinweg, wenn wir nicht nur verstehen, sondern uns aneignen wollen, was das heißt: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht, und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Es hat manchen Menschen gegeben mit einer reichen und tiefen Lebensanschauung, mit großem Vermögen und Fähigkeiten auf diesem oder jenem Gebiet gerade des geistigen Daseins, mit einem großen Besitz an Gewissheiten und Kräften, die sein Leben schön und froh machten, aber von diesem Bedürfnis nach Mitteilung verspürte er nichts. Was er hatte, das war von der Art, dass es nur von ihm selbst und vielleicht von einigen Auserwählten verstanden und genossen werden konnte, nicht aber Etwas, was ihn von selbst trieb und drängte, es jedermann zu sagen, damit es jedermann helfe. So gab es im Altertum
Geheimreligionen und Geheimweisheiten mit schönen und sinnreichen Gebräuchen und Gedanken, aber es war eben bei all der Herrlichkeit das Wörtchen Geheim- davor. Es war nicht eine Freude, die allem Volke widerfahren soll [
Und nun wollen wir uns gar nicht einbilden, dass wir mit unsrem Christentum
nicht zu diesen Menschen und in diese Richtung gehörten. Sondern wir wollen es uns nur klar machen, dass Jesu Aufforderung etwas gewaltig Großes und Schweres von uns verlangt. Es ist |186 uns natürlich, und es ist nicht nur natürlich, sondern recht und notwendig so, dass wir uns von Gott zunächst in die Stille, in die Verborgenheit führen lassen. Ich glaube nicht, dass der tiefe Einblicke in die Geheimnisse Gottes und des Lebens geworfen hat, der sofort anfängt, jedermann mit seinen Erlebnissen zu haranguiren2. Wenn Gott bei uns einkehrt, sei es, dass er uns ein Ziel zeigt oder dass er uns eine Kraft schenkt, dann ist das eine Wirkung von so unaussprechlicher Art, dass unser Bedürfnis stille zu sein viel größer sein muss als das Bedürfnis zu reden. Die Demut vor Gott muss uns zu Zeiten den Mund verschließen, wenn wir Gott wirklich kennengelernt haben. Es muss uns vorkommen wie eine Entweihung, das Verborgene offenbar werden zu lassen, weil wir uns unfähig fühlen, es würdig zu tun. Es ist etwas daran, dass Gottes Wort an uns zunächst in die Finsternis und nicht ans Licht gehört. Und auf der andern Seite ist es sicher, dass es uns in die Einsamkeit führt, wenn es recht ist. Denn wenn Gott unser Auge erkennen lässt und unsern Arm stark macht, dann ist das ein Geschenk der überraschendsten Art, durch das wir uns ohne unser Wollen aus den Reihen der andern Menschen herausgehoben fühlen. Wir haben damit etwas Besonderes, Einzigartiges erfahren, das Allerpersönlichste in uns ist erwacht, wir fühlen es dankbar, dass Gott nicht nur geredet, sondern gerade zu uns geredet hat. Wieder müsste es uns vorkommen wie eine Entweihung, unsern Besitz an Andre preiszugeben, von denen wir ja beinahe bestimmt annehmen müssen, dass sie es nicht verstehen können. Und wieder ist etwas daran, dass wir das Wort Gottes ins Ohr gesagt bekommen, dass es schlecht auf den Markt passt [vgl.
Das Alles hat nun auch Jesus in seinem Recht und in seiner Notwendigkeit gekannt und anerkannt. Durch sein Wort: denn er hat uns ausdrücklich aufgefordert: Wenn du beten willst, so gehe in dein Kämmerlein und schließe deine Türe zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen! [
Ist’s nicht gerade die Art des Geistes Gottes und des Geistes Jesu, dass er uns zurückhält diesseits des Grabens, zurückhält von dem Gehorsam gegen die Aufforderung: Redet im Licht! Predigt auf den Dächern! Ich antworte: jawohl, das ist die Art des Geistes Gottes und Jesu. Gerade wenn wir etwas Ernstes und Großes und Feierliches erlebt haben, fällt es uns Allen zunächst schwer, davon zu reden, und es muss uns schwer fallen. Aber diese Zurückhaltung kann nicht das Letzte sein, sondern sie ist nur die eine Hälfte der Sache. Wenn Gott zu uns geredet hat, dann müssen wir erst schweigen, aber dann müssen wir auch anfangen zu reden, und erst damit kommt Gottes Werk in uns zur Vollendung. Es ist nichts von Gott in uns verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts von Gott heimlich in uns, das man nicht wissen werde. Würde es nicht offenbar, würde kein Anderer davon wissen, so wäre das ein Zeichen, dass es überhaupt nicht da war. Es wäre eine Selbsttäuschung und vielleicht ein Selbstbetrug. – |
Denn das Wort Gottes, das an uns ergeht und uns ermutigt, auf den Weg stellt und vorwärts trägt, es gleicht dem Weizenkorn in der Ähre. Es muss im Verborgenen wachsen, aber wenn die Reife da ist, dann sprengt es die Schale, und was heimlich war, wird offenbar [vgl.
Wieder denken wir daran, wie es den Jüngern Jesu gegangen ist. Auch ihnen war einst das Reich Gottes ein schöner Besitz und Genuss gewesen, um den man streiten und konkurrieren kann, wer weiter obenan sein dürfe [vgl.
Es muss! Es müsste! Es müsste das, was drinnen in uns lebt, draußen den Menschen kundgegeben werden. Das ist die Aufforderung, die aus dem Worte Jesu an uns ergeht, an uns Alle ohne Ausnahme. Aber es ist mehr darin als eine Aufforderung. Es ist eine Verheißung darin, eine Versicherung, ein Geschenk. Ja, genau genommen ist das Geschenk, das in diesem Wort ausgesprochen ist, das Erste und Wich|190tigste. Es heißt nicht nur: es müsste sein! sondern es heißt zuerst und hauptsächlichst: es ist! Nicht nur: es soll geschehen! sondern: es geschieht! Das Erste ist das herrliche Gesetz, das Jesus in allem Leben erkennt: Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Das ist eine allgemeine Ordnung, die der Bestätigung durch uns nicht erst bedarf. Sondern es ist nur eine Anwendung auf uns, wenn es jetzt heißt: Redet auch ihr im Licht, was ich euch in der Finsternis sage, und predigt auf den Dächern, was ihr ins Ohr höret. Das Eine folgt aus dem Andern. Es handelt sich nicht darum, dass wir gegen die Natur, einem schweren Zwang folgend, aus uns herausgehen, sondern es handelt sich darum, dass wir uns einordnen dürfen in die Lebensbewegung von innen nach außen, dass wir eintauchen dürfen in den Strom der Offenbarung.
Es ist eine herrliche Sache, dass wir glauben können an dieses Dürfen und an diese allgemeine Ordnung des Lebens, von der wir bloß ein kleiner, unbedeutender Teil sind. Wir haben das nötig. Denn gerade, wenn wir die Forderung Jesu verstanden haben, wenn wir uns reif fühlen und wenn die Liebe uns drängt, Andre es merken zu lassen, Andren es mitzuteilen, was uns innerlich bewegt und hebt und selig macht, dann ist es oft so unendlich deprimierend, mit den Hindernissen zu kämpfen, die man uns von allen Seiten entgegenstellt. Wir möchten etwas überströmen lassen von Gottesgeist auf die Andern. Wir reden ihnen vom Vertrauen auf den Vater, der die Seinen freundlich führt, wir möchten sie hinleiten auf den tiefen Ernst und die hohen Aufgaben des Lebens, wir möchten ihr Gewissen schärfen, ihr Herz reif und rein, ihren Verstand hell machen, wir möchten das Alles, weil wir selbst auf diesen Wegen Frieden gefunden und weil wir die Andren dieses Friedens teilhaftig machen möchten. Aber sowie wir heraustreten mit dem, was in uns ist, so begegnen uns auch mit starrem, feindseligem Blick Mächte, die der Macht des Gottesgeistes direkt entgegenstehen. Da ist das Misstrauen dem Leben gegenüber, das in Allem nur das Widerwärtige und Unerfreuliche finden will, da ist die Oberflächlichkeit, der nichts schrecklicher ist als die Zumutung, das Leben ernst zu nehmen, da ist jene sittliche Zweideutigkeit, die mit der Rechten das Gute und mit der Linken das Böse tun zu können meint, da ist die geistige Verlotterung, die es als höchste Wohltat empfindet, wenn sie sich nicht mehr vom Fleck bewegen muss, da ist der |191 moralische Stumpfsinn, der das Nichtssagende interessant und das Banale wertvoll findet. Ich sage, diesen Mächten begegnen wir, wenn wir so oder so das Evangelium verkündigen möchten, und nun steht’s so, dass diese Mächte auftreten und sagen: Wir sind die eigentliche Welt- und Lebensordnung. Wir sind’s, die am Licht des Tages und auf der Straße gelten. Wir beherrschen das Geschäftsleben und den normalen Verkehr der Menschen. Solche Zusammenstöße haben wir alle schon erfahren. Und wir haben dann auch wohl erfahren, wie es uns dabei erging. Wie traurig und alleingelassen und unnütz wir uns vorkamen mit dem, was uns innerlich Wahrheit geworden, was wir in der Seele empfangen hatten. |
Gerade in einer Stadt wie
Aber nun ist es eben eine herrliche Sache, dass es nicht bloß heißt: Redet, prediget, wirket! Sondern dass ohne uns und über uns jene Lebensbewegung, jener Offenbarungsstrom da ist und fließt, in dem wir einfach als ein Tropfen mitfließen dürfen. Als eine allgemeingiltige Tatsache hat Jesus es hingestellt, dass das Verborgene offenbar werden |192 muss. Vielleicht hat auch er daran gedacht, wie das reife Weizenkorn die Schote sprengt, oder an den wunderbaren Vorgang, durch den Tiere und Menschen zum Leben kommen. Jesus hat tiefen Sinn gehabt für die Natur und ihre beziehungsreiche Herrlichkeit, die gerade in der Notwendigkeit ihres Geschehens zur Entfaltung kommt. Oder hat er an die Tätigkeit des Bergmanns gedacht, der Salz und Eisen und edle Metalle aus der Tiefe der Erde hervorgehen lässt? Oder denkt er an das Seelenleben des Menschen, der Erlebnisse und Eindrücke in sich aufnehmen kann, um sie für Jahre scheinbar zu begraben und doch sind sie in ihm und wirken in ihm und müssen eines Tages wieder offenbar werden in ihrem Wesen und in ihren Folgen? Oder daran, wie im Leben, in der Geschichte der Menschen und Völker untereinander gewisse Beziehungen und Eigentümlichkeiten im Verborgenen da sind, oft unbekannt und missverstanden und doch unaufhörlich auf der Oberfläche wirksam, wie eine Quelle auf der Oberfläche eines stillen Bergsees? All diese und manch andre Beobachtungen aus Natur und Geisteswelt mag Jesus gemacht haben; sicher hat er die Regel erkannt, die ihnen allen zu Grunde liegt, und er hat sie erkannt und genannt nicht als ein trockenes Naturgesetz, nicht als einen weltlichen Grundsatz, der für das Reich Gottes bedeutungslos wäre, sondern als eine frohe, begeisternde Erkenntnis, die in ihrer Weise gerade ein Schlüssel ist zu diesem Reich Gottes. |
Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar würde! Froh und begeisternd war für Jesus diese Erkenntnis, weil er es durchschaute, dass das Verborgene, das offenbar werden muss, letzten Grundes immer das Echte, das Große, das Gute ist. Das Verborgene, das offenbar wird in der Natur, das ist immer das Leben, und wo Leben ist, da muss es auch offenbar werden, da muss es irgendwie fruchtbar und nutzbar werden in dem ungeheuren Haushalt des All-Lebens. Und wieder ist’s im Zusammenleben der Menschen schließlich das Gute und Brauchbare, das in irgend einem Sinn Tüchtige, das sich behauptet und durchsetzt, das vom Dunkel zum Lichte dringt, und wo etwas wirklich Tüchtiges und Gutes ist, da dringt es auch durch. Dieser Vorgang mag oft dunkel und kompliziert sein, er ist doch so wirklich, als das Leben wirklich ist, und nun weist Jesus uns einfach darauf hin und sagt: seht da! Das ist die allgemeine Lebensordnung. Dürft ihr und wollt ihr euch dieser Ordnung entziehen? Es ist nichts Verbor|193genes, das nicht offenbar werde, wollt und könnt ihr um der Hindernisse willen den Schatz des Wortes Gottes verborgen in euch lassen? Es liegt zugleich etwas Beruhigendes und etwas Anfeuerndes in diesem: es muss das Verborgene offenbar werden. Es befreit uns auf der einen Seite von der törichten Angst, als ob der Sieg Gottes abhängig wäre von uns und unsrem Tun. Es sagt uns: Was liegt an dir, du kleines Menschlein? Gott geht seinen Weg ohne dich, das Verborgene wird offenbar mit oder ohne dein Wirken und Reden. Sei du froh, wenn du wirken und reden darfst, wenn du dich dem Gange Gottes anschließen darfst! Auf der andern Seite ist gerade dies beruhigende: «du darfst» der höchste Antrieb. Wenn es denn in allem Leben Gesetz und Ordnung ist, dass das Verborgene zum Lichte drängt, wer möchte da zurückbleiben?
Da verliert man den Respekt vor jenen Mächten und Gewalten, die sich den Kundgebungen des Geistes widersetzen wollen, vor der akuten Feindschaft wie vor der schleichenden Gleichgiltigkeit. Da wird man die Sünde in der Welt ernst nehmen, aber man wird nicht mehr vor ihr die Waffen zu strecken wagen, weil man von vornherein weiß, dass es nichts, gar nichts gibt, was den Sieg Gottes schließlich hindern könnte. Wer da sagen wollte: ich kann nicht mehr, es kommt doch nichts heraus dabei, der würde selbst auf die Teilnahme an der siegreichen Lebensbewegung verzichten, der würde sich selbst geistig unter die Toten rechnen. Als ein Geschenk Gottes lehrt es uns also Jesus verstehen, dass wir auswirken und ausstrahlen dürfen, was in uns ist.
Aber gerade wenn wir nun dieser Gewissheit nachgehen, dass das Verborgene offenbar werden muss, dann entdecken wir schließlich in Jesu Wort einen Ton, der uns zu noch ernsteren und tieferen Über|194legungen leiten muss. Was drinnen, in der Seele, lebt, muss draußen, im Licht des Tages, bei den Menschen, in den Verhältnissen, mit denen wir’s zu tun haben, zur Geltung kommen. Es ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde… Was sagen wir dazu, wenn das nun tatsächlich geschieht, wenn das, was in uns ist, draußen zur Geltung kommt, wenn das Verborgene offenbar und das Heimliche bekannt wird? Wir sagten, dass es nach allgemeiner Ordnung schließlich das Gute und Tüchtige sei, das sich im Leben durchsetzt und zur Geltung bringt. Das ist gewiss so. Aber es ist ein Endziel. |
Wie steht es mit der Gegenwart? Und hauptsächlich: wer sagt uns, ob wir gerade berufen und fähig sind, das Gute ans Licht zu bringen, ob wir nicht vielleicht zum Abfall des Lebens gehören, ob Gottes Sieg sich nicht vollzieht über unsre Köpfe weg, so dass er uns links liegen lässt. Wahrhaftig, es kann uns ein Wort des Gerichtes werden, dies Wort vom Offenbarwerden des Verborgenen. Oder ist es nicht eine Erfahrung von erschütternder Schwere, wenn mit dem bisschen Guten, das in uns ist, auch all unsre Schwachheit und Halbheit und Unkraft und Unwahrhaftigkeit unaufhaltsam an den Tag kommt. Wir handeln und schaffen, wie wir aus innerer Notwendigkeit müssen, aber gerade dabei werden uns die Schranken unsres Könnens klar. Wir wirken, wie der Geist es uns heißt, aber wir erfahren es, wie der Geist uns zugleich verurteilt, wir werden gewahr, dass neben dem heiligen Geist auch mancher andre recht unheilige Geist uns treibt und aus uns redet. Wie oft ist es uns so ergangen: indem wir auf andre zu wirken unternahmen, wurden wir uns der eigenen Unvollkommenheit und Sünde bewusst. Der Gletscher im Gebirg, der sich langsam bewegt, gibt freilich das reine kalte Bergwasser von sich, aber auch Geröll und Geschiebe. Und so muss das Verborgene unsres innern Lebens freilich offenbar werden, aber mit dem Göttlichen, das von uns ausgeht, redet und wirkt aus uns auch das Menschliche, Allzumenschliche5, an dem weder wir selbst noch Andre noch Gott Freude haben können. Ja, wenn wir das Wort Jesu von dieser Seite ansehen, so bekommt es den Charakter eines Urteilsspruchs, vor dem wir vergehen müssen und der uns das Andre, was auch darin liegt, die Aufforderung und die |195 Verheißung, vergessen machen könnte. Denn es muss den nachhaltigen Zweifel in uns wecken, ob wir denn je der Aufforderung nachkommen können und ob denn die Verheißung wirklich für uns gelte.
Aber nun wollen wir auf ein Letztes achten. Gewiss, Gott ist unser Richter, und er richtet uns vielleicht nie so scharf, wie dann, wenn er uns zu seinen Boten und Mitarbeitern macht. Aber er ist ein gnädiger Richter. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe [vgl.
Ja, wenn wir auf das sehen müssen, was wir aus uns selbst haben, dann müsste es sich zuletzt einfach anhören wie eine Drohung, wenn uns gesagt wird: Die Sonne bringt es an den Tag.6 Aber nun heißt es: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht. Das verändert unsre Situation. Da hören wir, dass wir etwas in uns haben, das ist besser als wir selbst. Gewiss, mit unsren eigenen Kräften und Fähigkeiten sollen wir ans Licht. Das ist das Handwerkszeug, das Gott uns mitgegeben für’s Leben, für den Bau des Reiches Gottes. Aber nun steht’s gerade so: solange wir sie betrachten und gebrauchen als unsre eigenen Tugenden, solange werden uns jene Beschämungen und Niederlagen nicht erspart bleiben. Denn indem wir sie zum Vorschein bringen, kommen auch jene unsre eigenen Schwächen und Fehler zum Vorschein. Hier darf und muss nun das Neue einsetzen, die Gnade, die uns frei macht von der Furcht vor uns selbst. Wir haben etwas in uns, das ist nicht unser eigen. Und gerade das ist’s, was aus uns heraustreten, was offenbar werden soll, weil es das Beste in uns ist. Wir haben etwas in uns von einem Wort Gottes, das Jesus uns gesagt, von einem Leben, das von ihm her stammt. Hier stoßen wir auf Felsboden. Alles Andre, was in uns lebt: Gewandtheit, Beredsamkeit, Schönheitssinn, Gelehrtheit, es kann etwas Gutes sein, es kann aber auch etwas sehr Ungutes sein, je nachdem wir es gebrauchen. Es ist nichts Sicheres, Zuverlässiges, nichts, das uns Gewissheit gibt, dass Gottes Le|196bensverheißung auch für uns Gültigkeit hat. Wohl aber haben wir etwas Sicheres und Zuverlässiges in dem kleinsten Stück vom Geiste Jesu, das in uns lebt. Wenn du etwas in dir spürst von seinem stillen Gottesgehorsam und von seiner schlichten Menschenliebe, dann bist du berufen zum Verkündiger des Evangeliums. Es ist dann das in dir verborgen, das offenbar werden soll. Fürchte dich nicht, freue dich! Ich aber bete zu Gott, dass er auch durch mich etwas unter euch habe offenbar werden lassen von Worten, die nicht aus meinem, sondern aus Christi Geist kommen.
- Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von
G. Tersteegen , Strophen 1.5.6 (RG 162, 1.4.5; EG 165). - Nr. 224: «Such’, wer da will, ein ander Ziel» von
G. Weißel , Strophen 1.2.4 (RG 276; EG 346). - Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt!» von
Fr. A. Krummacher , Strophen 2.3.6.
Mt. 13,1–23