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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 14,24 (Antrittspredigt)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 14,24 (Antrittspredigt), 9. Juli 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 197–205.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 14,24 (Antrittspredigt)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 14,24: "Antrittspredigt" in Safenwil, 9. Juli 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1512">KBA 1047</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-07-09">Sonntag, den 9. Juli 1911</date> 
                    <lb/>(4. nach Trinitatis)
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                <head type="event"><hi rend="italic">Antrittspredigt</hi></head>
                <epigraph>
                    <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.24">Johannes 14,24</ref>
                            <quote>
                                Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.
                            </quote>
                     </cit>
                </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Ich habe mich lange gefreut auf den Augenblick, da ich euch nun anreden darf als <hi rend="italic">meine</hi> Gemeinde, da ich vor euch treten darf nicht mehr als ein Fremder, sondern als <hi rend="italic">euer</hi> Pfarrer. Der Augenblick ist nun gekommen, und wir wollen hoffen und es uns von Gott erbitten, dass wir Alle immer mit Freude auf den Anfang, den wir heute machen, zurückblicken dürfen. Es liegt für mich unendlich viel Großes und Schönes in dem Bewusstsein von dem persönlichen Verhältnis, das jetzt zwischen uns anhebt. Es liegt darin, dass ich nun nach langen Jahres des Wechsels und der Wanderschaft in eurer Mitte wieder eine <term type="Sachen" key="Heimat"><hi rend="italic">Heimat</hi></term> und ein freundliches Heim gefunden habe. Dass ich wissen darf: hier kann und soll und will ich nun zu Hause sein. Ihr kennt das gewiss aus eigener Erfahrung, dass es ein ganz anderes Leben ist, wenn man einen solchen Ort gefunden hat, wo man sich nicht nur vorübergehend aufhalten will, sondern wo man hingehört. Das ist mir jetzt zuteil geworden. – Und nun sehe ich hinein in all die Augen, die jetzt auf mich gerichtet sind, in die alten und die jungen, und die sagen mir schon jetzt: du gehörst nun zu uns, in unsern Kreis von Interessen und Sorgen, von Leiden und Freuden hinein als unser Nachbar und Mitbürger. Willst du auch unser <hi rend="italic">Freund</hi> sein? Und da antworte ich euch nun mit Freuden: ja, das will ich. Ich habe bis jetzt nur Wenige von euch persönlich kennengelernt, aber ich kann euch schon jetzt sagen, dass ich euch gern habe und dass ich euch meinerseits bitte, meine Freunde zu werden. Ich möchte, dass ihr recht bald das Gefühl bekommt, dass im Pfarrhaus nicht ein fremder Mann wohnt, sondern Einer, der herzlich Anteil nimmt an Allem, was euch bewegt, und der im Ernst einer der Eurigen werden möchte. – |</p>
                <p><pb xml:id="p198" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber es handelt sich noch um Größeres in der Beziehung zwischen euch und mir, die heute ihren Anfang nimmt. Euer Vertrauen hat mich hieher berufen zur <term type="Sachen" key="Arbeit"><hi rend="italic">Arbeit</hi></term>, und die Arbeit, die ihr mir anbefehlt, ist von allen menschlichen Arbeiten vielleicht die höchste und schönste, aber auch die schwierigste und die am Meisten innere Anstrengung erfordert. Ich soll euer Freund und Berater werden nicht nur in einem äußern Sinn, sondern gerade in den höchsten Angelegenheiten des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>. Es soll sich zwischen uns nicht um Geld und Gut handeln und auch nicht bloß darum, dass wir in persönlicher Neigung und Eintracht miteinander auskommen, sondern darum, dass das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> zu uns komme, wie wir im Unser <term type="Sachen" key="Unser Vater">Vater</term> beten. Das Reich Gottes ist die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Ernsthaftigkeit">Ernsthaftigkeit</term>, die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Wahrheit">Wahrheit</term>, die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Liebe">Liebe</term>, die <term type="Sachen" key="Reich Gottes, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> in den Menschenherzen, in den Häusern und Familien, im öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Leben</term>. Es ist das Allergrößte und Wichtigste im Leben des einzelnen Menschen wie im Leben der <term type="Sachen" key="Volk / Völker">Völker</term>, dass dies Reich Gottes bei ihnen Fortschritte mache. Und nun bin ich dazu berufen, in eurer Mitte ein Handlanger dieses <term type="Sachen" key="Fortschritt, des Reiches Gottes">Fortschritts</term> zu sein. Ich bin stolz auf diese Aufgabe, und ich freue mich darauf, sie in Angriff zu nehmen. Ihr sagt mir heute, – eure Augen sagen es mir, und es sagen es mir die muntern Stimmen eurer Gesänge –: Komm! Lass uns immer wieder etwas hören von großen Gedanken in den kleinen Sorgen des Lebens! Zeig uns etwas, was uns <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term> gibt nicht nur für den <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term>, sondern für die Tage und Stunden der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, für die Zeiten, wo wir uns innerlich leer und traurig fühlen. Hilf uns sorgen für unsre <term type="Sachen" key="Seele">Seelen</term>, damit unser Leben schon hier ein ewiges <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> werde, damit das Grab in unserm Dasein nicht das letzte Wort habe. Sei vor Allem unsern Kindern und jungen Leuten ein Führer und Wegweiser und Genosse, der sie versteht in ihren guten Anlagen und auch in ihren Fehlern, in ihren Bedürfnissen und in ihrer Sehnsucht und der sie wiederum verstehen lehrt, was sie verstehen müssen: Gott und die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> und die <term type="Sachen" key="Mensch">Menschen</term> und das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>. Ich danke euch, liebe Freunde, dass ihr mich zu dieser Arbeit bei euch berufen habt, und ich bitte euch, mir mit eurem Vertrauen und eurem Interesse entgegenzukommen. – |</p>
                <p>Ich kann euch noch eins sagen: Ich freue mich über diese Stunde, weil ich heute definitiv und selbständig eintrete gerade in <hi rend="italic">die</hi> Arbeit, in die Lebensstellung, durch die ich mich durch meine <hi rend="italic">Überzeugun<pb xml:id="p199" ed="pga" break="no"/>gen</hi> berufen weiß. Es gibt heutzutage manche Arbeit, die geschätzter, ehrenvoller und einträglicher ist als gerade die eines evangelischen <term type="Sachen" key="Pfarrer, evangelischer">Pfarrers</term>. Viele gehen mit Achselzucken daran vorüber und viele mit feindseligen Worten. Auch von ernstgesinnten Menschen kann man die Meinung vertreten hören, dass die Zeit der <term type="Sachen" key="Kirche, ihre Zeit sei vorüber">Kirche</term> vorüber sei. Ich weiß das Alles. Ich verstehe auch die Motive derer, die so denken. Ich habe ihre Zweifel an dem Wert unsres <term type="Sachen" key="Amt">Amtes</term> auch durchgelebt. Ich denke noch jetzt, dass es viele Wege zu Gott und zum rechten <term type="Sachen" key="Leben, rechtes">Leben</term> gibt <hi rend="italic">außer</hi>
                    <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> und <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>. Und doch bin ich mit Überzeugung Pfarrer geworden, weil ich erkannt habe, dass es bei allem Wechsel der Zeiten und der Anschauungsweisen ein ewiges Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes, ewiges">Gottes</term> gibt, das uns hinweist auf ein Reich, das nicht von dieser Welt ist und das doch gerade <hi rend="italic">diese</hi> Welt erleuchten und erfüllen will mit seinem Glanze [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.9 Joh.1.10">Joh. 1,9f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.6">2.Kor. 4,6</ref>]. Dies Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes, weder alt noch modern">Gottes</term> ist weder alt noch modern, man kann davon nur sagen, dass es wirksam und <term type="Sachen" key="Wort Gottes, wirksam und fruchtbar">fruchtbar</term> ist. Das ist mir zur Gewissheit geworden, und weil ich weiter gesehen habe, dass es nötig ist, die Menschen deutlich und verständlich und ausdrücklich an dies Gotteswort zu erinnern, deshalb bin ich Pfarrer geworden. Ich bitte euch, mir auch darin Vertrauen zu schenken, dass ich euch nicht von Gott rede, weil ich einmal Pfarrer bin, sondern dass ich <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> bin, weil ich von Gott reden <hi rend="italic">muss</hi>, wenn ich mir selber, meinem bessern Ich, treu bleiben will. Ich möchte euch bringen, was mir selber <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> geworden ist. Ich möchte euch Ziele zeigen, die mir für mein eigenes Leben bedeutungsvoll geworden sind. Und ich möchte euch hinweisen auf eine Hilfe, an die ich selber gelernt habe und immer noch lerne, mich zu halten.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber ich möchte nicht länger von mir und meinen heutigen <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühlen</term> reden. Es ist etwas Großes um das persönliche Verhältnis zwischen <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> und Pfarrer. Ich trete mit Freude und Genugtuung hinein in dies Verhältnis und in die Arbeit, die es mit sich bringt. Aber mir und euch möchte ich dabei von Anfang an das vorhalten, was unser <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Meister</term> von sich selbst und seiner Arbeit gesagt: <hi rend="italic">Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern meines <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term></hi><hi rend="italic">, der mich gesandt hat.</hi> Es ist gut, dass wir uns das vorhalten können.</p>
                <p><pb xml:id="p200" ed="pga" rend="noPipe"/>Müsste ich denken, dass ich in meinem eigenen Namen und Auftrag hier stehe, dann hätte dieser Tag für mich nichts Frohes, sondern etwas ungeheuer Bedrückendes und Entmutigendes. Ist es mir doch so schon zu Mute, wie einem armen Mann zu Mute wäre, dem man einen gewaltigen Goldschatz in seine kleine Hütte brächte mit dem Auftrag, ihn würdig und sicher aufzubewahren. Er fühlt mit Stolz und Freude das Vertrauen, das man ihm schenkt, aber er fragt sich mit Bangen im Stillen: wo soll ich hin damit? Werden meine Augen wachsam und meine Hände stark genug sein? So spüre ich, gerade wenn ich an die Größe und Schönheit meiner Aufgabe denke, das Gewicht der <term type="Sachen" key="Verantwortung">Verantwortung</term>, das mir damit auferlegt wird. Eure Augen sagen mir: wir erwarten etwas von dir. Was wirst du uns bringen? Wirst du erfüllen, was wir von dir denken? Und nun brauche ich bloß neben diese Verantwortlichkeit das zu halten, was ich bin und weiß und kann, um sehr bescheiden zu werden. Welche Gottestiefe des innern <term type="Sachen" key="Leben, Gottestiefe des inneren L.">Lebens</term> müsste ein Mensch haben, der das wäre, was ein <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> sein sollte?! Wie reich müsste er sein an innern und äußern <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term>, an <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnissen</term> und <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühlen</term>, wie stark im Denken, wie mannigfaltig in seinem Empfinden, wie energisch und umsichtig in seinen Entschlüssen!! Ganz von selber kommt da die Frage: Wie steht’s? und die Antwort: es steht nicht gut und es kommt nicht gut, wenn’s jetzt auf dich und deine guten Eigenschaften ankommt. – |</p>
                <p>Aber nun hat es eben etwas Erlösendes, dass ich das auch sagen darf: Das Wort, das ihr höret, das ich rede, die <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, die ich tue, ist nicht mein, sondern des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term>, der mich gesandt hat. Das will sagen: ich habe euch etwas Größeres und Besseres zu bringen als meine Person. Ich habe in meinem bisherigen Leben, durch meine Erziehung und durch mein Studium etwas empfangen, von dem ich weiß, es ist unendlich viel wichtiger als Alles, was ich etwa aus dem Meinigen hinzutun kann. Was ich durch Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> empfangen habe, das möchte ich euch nur weitergeben, so fasse ich mein <term type="Sachen" key="Amt">Amt</term> auf und bin froh, dass ich es so auffassen darf. Denn nun kann ich mit froher Zuversicht an meine Arbeit gehen trotz dem Druck der <term type="Sachen" key="Verantwortung">Verantwortung</term>, den ich spüre. Ich weiß, dass ich etwas zu geben habe, das ist groß und genügend für euch, auch wenn ich manchmal klein und ungenügend sein werde. Ich weiß, dass das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> wirksam ist, auch wenn ich manchmal herzlich unwirksam sein sollte. Es gehört zu <pb xml:id="p201" ed="pga"/> den schönsten Erfahrungen meiner bisherigen Berufstätigkeit, dass ich in diesem oder jenem Fall einem Menschen dazu helfen durfte, besser zu werden, als ich es bin. Ich möchte auch hier in eurer Mitte weder der <term type="Sachen" key="Priester">Priester</term> sein noch der <term type="Sachen" key="Prophet">Prophet</term>, der kraft seines <term type="Sachen" key="Amt">Amtes</term> Gott näher stünde als die Andern und den Andern das Heiligtum auf- und zuschlösse. Es sind Viele unter euch, die durch ihre <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term> und <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnisse</term> Gott näher stehen als ich. Mir ist’s genug, wenn ich Gottes Instrument und Sprachrohr sein darf, das wohl manchmal undeutlich tönen wird; lasst es euch nicht anfechten, die Stimme ist Gottes Stimme. Wenn ich es nicht recht mache, macht er es recht, er kann auch ein schlechtes Instrument zum Guten <term type="Sachen" key="Gott, kann auch ein schlechtes Instrument zum Guten brauchen">brauchen</term>. Das ist die Zuversicht, mit der ich heute mein verantwortungsvolles <term type="Sachen" key="Amt">Amt</term> übernehme.</p>
                <p>Aber nun darf und soll es auch auf euch angewendet werden, liebe Freunde: Das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term>, der mich gesandt hat. Wenn ich heute vor euch trete und euch um euer Vertrauen bitte und um euer Interesse, dann handelt es sich da nicht um meine Privatsache. Sondern meine Bitte lautet in andern Worten so: Lasset euch versöhnen mit Gott! [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.20">2.Kor. 5,20</ref>] Gott hat euch durch mich etwas zu sagen, und zwar das Allergrößte, dass Er euch lieb hat und dass ihr euch untereinander lieb haben dürft. Und was Gott euch da zu sagen hat, das sollt ihr hören. Vielleicht hört ihr’s lieber anderswo als in der <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> und aus anderem Munde als dem meinen, darauf kommt es nicht an, wenn ihr’s nur hört. Aber ignorieren dürft ihr’s nicht, denn das wäre euer eigener Verlust. Ihr könnt mich ignorieren, vielleicht geringschätzen, ihr könnt euch stoßen an den Fehlern, die ich sicher machen werde, ihr könnt sagen, die Art, wie ich rede und unterrichte, genüge euch nicht, das Alles nehme ich euch nicht übel, sondern begreife euch, und Gott tut es auch. Aber eins sollt ihr bei alledem: ihr sollt euch klar sein, dass ihr mich ablehnen könnt, nicht aber das Wort, das ich euch zu bringen habe, eben darum, weil es größer und besser ist als ich selbst, weil es nicht mein Wort ist, sondern das Wort des Vaters, der mich gesandt. Mit dem <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> kann man fertig werden, aber mit <term type="Sachen" key="Gott, mit G. kann man nicht fertig werden">Gott</term> kann man nicht fertig werden. Hört nicht auf mich, sondern hört auf Gott, der durch mich zu euch reden will. Etwas werdet ihr immer brauchen können von dem, was ich euch zu sagen habe, auch wenn euch manches Andre nicht gefällt. Es geht uns <pb xml:id="p202" ed="pga"/> manchmal so, dass gerade solche von unsern Worten wirksam sind, bei denen wir kaum etwas Besonderes gedacht und beabsichtigt. Das sind dann deutlich genug Worte des Vaters gewesen, die durch unsern Mund gegangen sind zu seiner <term type="Sachen" key="Gott, Verherrlichung">Verherrlichung</term>, nicht zur unsern. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr solche Worte von mir hören möchtet, und ich bitte euch, <hi rend="italic">darauf</hi> und nicht auf mich aufmerksam zu sein. Dann könnt auch ihr euch auf unsre gemeinsame Zukunft freuen. – |</p>
                <p>Ich möchte das schließlich auch denen ans Herz legen, die von vornherein meiner Person freundlich entgegenkommen oder die es tun werden. Das freut mich, wenn es der Fall ist. Aber ich möchte, dass auch sie sich vornehmen, weniger auf mich als auf das zu achten, was ich zu bringen habe, weniger auf den Boten als auf die Botschaft. Es hat schon viel edles Streben mit Enttäuschungen und Niederlagen geendet, weil man es anders gemacht hat. Und sicher wird nichts Großes in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> erreicht, wo man nicht lernt, es auch unabhängig von den Menschen, die es uns vielleicht zuerst gezeigt, aufzusuchen. Denn von Allem, was wahr und recht und schön ist, gilt es, dass es nicht Menschenwort ist, nicht etwas persönlich Beschränktes, sondern Wort des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term>, der seine Kinder bloß sendet in seinem Auftrag, nicht sie zu Herren der Andern macht. Denkt daran, liebe Freunde, dass es sich in unserm neuen Verhältnis um Gott handelt, nicht um mich, um das Fortschreiten unsrer <term type="Sachen" key="Wahrheit, Erkenntnis der W.">Wahrheitserkenntnis</term>, um die Verfeinerung unsres <term type="Sachen" key="Gerechtigkeitssinn">Gerechtigkeitssinnes</term>, um das Wachsen unsrer <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, um die <term type="Sachen" key="Leben, Erfahrung">Erfahrung</term> und Vertiefung unsres <term type="Sachen" key="Leben, Vertiefung">Lebens</term>. Daran wollen wir zusammen arbeiten. Denkt daran, ihr werdet dadurch euch Enttäuschungen ersparen, wenn ich vielleicht nicht bin, was ihr von mir erwartet, und ihr werdet mich damit zur Arbeit anspornen wie durch nichts Anderes. Denn auch das habe ich bereits erfahren dürfen: Nichts macht uns fleißiger und treuer, als wenn wir eben das Gefühl haben können, dass die Leute nicht uns und unsre Freundschaft suchen, sondern jenes Größere und Bessere, das aus uns redet, jenes Wort der <term type="Sachen" key="Wahrheit, Wort der W.">Wahrheit</term> aus unserm Mund, das nicht unser ist, sondern dessen, der uns gesandt.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent"><pb xml:id="p203" ed="pga" rend="noPipe"/>Und nun ist dies Wort der <term type="Sachen" key="Wahrheit, Wort der W. ist das Wort des Vaters">Wahrheit</term>, das ich euch zu bringen habe, das <hi rend="italic">Wort des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term></hi>. Für mich, der es zu geben, und für euch, die ihr es zu empfangen habt, hängt Alles davon ab, dass dem so ist. Was ich euch zu bringen habe, sind nicht die verstandesmäßigen Erkenntnisse der <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>. Was dazu nottut, das bringt euch die <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term>, und ich freue mich, an einen Ort zu kommen, wo man Eifer und Interesse hat für diese wichtige Einrichtung.<note xml:id="n01">«Durch das neue Schulhaus», so <persName ref="kbga-actors-552">G. A. Fischer</persName> in einem Brief an <persName ref="kbga-actors-21">Fr. Barth</persName> vom <date when="1911-03-23">23.3.1911</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 12050</idno>), in dem er diesem von der für seinen Sohn in Frage kommenden Gemeinde berichtete, war <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> – und das wird man als Beleg für die hohe Wertschätzung werten dürfen – sogar «ein wenig in Schulden geraten». Die Kosten für das <date when="1910">1910</date> fertiggestellte <term type="Sachen" key="Safenwil, Schulhaus">Haus</term> hatten 184 000 Franken betragen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5282"><hi rend="italic">Kirchen- und Dorfgeschichte von Safenwil</hi>, im Auftrag der Kirchenpflege zusammengestellt von R. Hilfiker-Schudel, Safenwil 1966, S. 39</bibl>.</note> Aber es gibt keine einzige Erkenntnis des <term type="Sachen" key="Verstand">Verstandes</term>, die uns das Wort des Vaters ersetzen <term type="Sachen" key="Verstand, keine Erkenntnis des V. kann das Wort des Vaters ersetzen">könnte</term>. Und eben darum denke ich euch nicht ausgeklügelte Theorien über Gott und <term type="Sachen" key="Theorie, über Gott und die Welt">Welt</term> zu bringen. Sie können wahr sein oder nicht wahr, alt oder modern, man kann darüber streiten und sich verständigen, aber sie machen uns nicht sicher, frei und froh. Wir hören sie, aber wir fühlen uns dabei nicht besser und reiner, sie schenken uns vielleicht Ruhe, aber nicht <term type="Sachen" key="Friede">Frieden</term>, sie machen uns vielleicht Mut, aber sie schenken uns nicht <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term>. Sie sind nicht das Wort des Vaters.</p>
                <p> Sondern das Wort des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term> ist die Antwort auf eine Frage, die in keiner <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term> und in keinem Kurs behandelt wird und die doch das Tiefste unsres Wesens bewegt, ob wir’s wissen oder nicht. Auf die Frage: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Oder anders ausgedrückt: Wie mag es zugehen, dass mein Leben aus einem Schatten, aus einem Rauch und Wind<note xml:id="n02">Vgl. die Schlusszeilen des Sonetts <bibl corresp="kbga-bibls-5283">«Auff den Sontag deß Ewigen Messiae/ oder Judica, Joh. 8» von <persName ref="kbga-actors-7635">A. Gryphius</persName> (Erstdruck 1639; ders., <hi rend="italic">Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke</hi>, hrsg. von M Szyrocki / H. Powell, Tübingen 1963, Bd. 1, S. 200)</bibl>: 
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                                <lg>
                                    <l>Es ist das Leben selbst! mein Leben ist nur Noth. </l>
                                    <l>Ein Schatten/ Rauch vnd Wind/ ein tausendfacher Tod: </l>
                                    <l>Mein Sterben aber nichts/ als in den Himmel schreiten.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> zu einem lebendigen, schönen, guten <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> wird? Das ist die Frage des Kindes. Sie ist in jedem von uns verborgen. Wir können sie zuschütten, halb oder ganz. Sie bleibt doch da. Und auf diese Frage des Kindes ist nun eine Antwort des Vaters da und das <pb xml:id="p204" ed="pga"/> ist’s, was ich euch zu bringen habe, sie ist das Größere und Bessere, das aus mir nun zu euch reden soll.</p>
                <p>Die Antwort des Vaters ist keine Erkenntnis und keine Theorie. Sie ist Leben. Und das Leben ist in dem Menschen Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Christus</term>. Indem wir seine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> werden, indem wir seinen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Geist</term> in unsre Herzen einziehen lassen, indem wir an ihn glauben, wird unser Leben lebendig, schön und gut. Er ist wie ein älterer <term type="Sachen" key="Jesus Christus, wie ein älterer Bruder">Bruder</term> über unsre Erde gegangen, um ein solches Leben unter uns zu pflanzen. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Das ist’s: <term type="Sachen" key="Jesus Christus, hat uns die Herrlichkeit Gottes gezeigt">Christus</term> hat uns die Herrlichkeit des <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Vaters</term> gezeigt und zugänglich gemacht. Weil wir ihn kennen, wissen wir, dass wir frei und froh sein dürfen, weil wir einen lieben <term type="Sachen" key="Gott, lieber Vater">Vater</term> haben. Wir dürfen vertrauensvoll und tapfer durchs Leben gehen, weil er es auch getan hat. Er weist uns unsre <term type="Sachen" key="Heimat">Heimat</term> an in der unsichtbaren Welt des <term type="Sachen" key="Geist, unsichtbare Welt des G">Geistes</term>, und doch ist er es gerade, der uns diese sichtbare <term type="Sachen" key="Welt, sichtbare W. als schönes Vaterland">Welt</term> zu einem schönen Vaterland macht. Er lehrt uns ergreifen und festhalten das wunderbare verborgene Gut der eigenen <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, und doch ist er es gerade, der uns unsre Seele verlieren heißt um der Brüder willen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.16">1.Joh. 3,16</ref>], der uns den Weg weist zu einem <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialismus</term>, der erst seines Namens wert ist. Er ist in seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzestod</term> und in seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstehung">Auferstehung</term> die <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> des großen Geheimnisses, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Liebe G. muss leiden">Liebe</term> und unsre <term type="Sachen" key="Liebe, muss leiden">Liebe</term> leiden muss, um wirksames ewiges <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> zu werden.</p>
                <p> Seht, liebe Freunde, dieser Mensch Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Christus</term> ist das Wort des <term type="Sachen" key="Gott, Jesus Christus ist das Wort des Vaters">Vaters</term>, das ich euch zu sagen habe. In die Tiefe und in den Reichtum und in die Kraft seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Person">Person</term> und seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Geistes</term> wollen wir uns zusammen versenken; das ist das einzige Programm, das ich euch vorzulegen habe. Ich lade euch ein, dabei zu sein. Nicht um meinetwillen, sondern um Gottes willen. Um euretwillen. Menschen kommen und gehen. <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> haben ihre starken und ihre schwachen Seiten. Aber das Wort, das ihr von uns höret, ist nicht unser, sondern des <term type="Sachen" key="Gott, Wort des Vaters">Vaters</term>, der uns gesandt hat. Es kommt aus der <term type="Sachen" key="Wort Gottes, kommt aus der Ewigkeit">Ewigkeit</term> und es bleibet in <term type="Sachen" key="Wort Gottes, bleibt in Ewigkeit">Ewigkeit</term>.</p>
                <p> Ich habe während zwei Jahren in der <term type="Sachen" key="Genf">Stadt</term> <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvins</persName> gelebt und auf seiner Kanzel gepredigt.<note xml:id="n03">Das «Auditoire», neben der Kirche <placeName ref="kbga-places-819">St. Pierre</placeName> gelegen, wurde seit <date when="1903">1903</date> als Predigtstätte der <orgName ref="kbga-actors-8501">deutschen reformierten Gemeinde in Genf</orgName> benutzt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-179">O.Br. 1909–1935, <ref type="pub-" target="../volume/35/p003#p003">S. 3</ref></bibl>.</note> Ich möchte, dass wir auch unsre <pb xml:id="p205" ed="pga"/> hiesige gemeinsame Arbeit im Geiste dieses großen Zeugen der Wahrheit beginnen. <hi rend="italic">Ehre sei Gott!</hi><note xml:id="n04">Mit «LAUS DEO» beschloss <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sein Hauptwerk: <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. IV,20,32</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-39">CR 30, col. 1117/1118</bibl>.</note> Das soll unsre Losung sein. Wenn sie von Herzen kommt, dann dürfen wir heut mit Freuden anfangen.</p>
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                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">Nr. 294: «Mir nach, spricht Christus, unser Held!» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName> (RG 812; EG 385).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-48">Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName> (RG 654; EG 70).</bibl>
                    </listBibl>
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