11. Juni 1911

Predigt: Römer 8,14–16

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Römer 8,14–16
Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermal fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! Derselbige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
Liebe Freunde!

Wir wollen heute zusammen reden von der Frage, wie man den heiligen Geist als eine sichere und gegenwärtige Tatsache in seinem eigenen Leben erkennen kann. Ich halte das für eine sehr dringende und wichtige Frage. Wir haben sicher Alle das Gefühl, dass es sich beim heiligen Geist um eine sehr schöne und große und wünschenswerte Sache handle. Wir haben hoffentlich Alle vom Pfingstfest wieder einmal den Eindruck mitgenommen, dass da nicht von einem religiösen Gedankending die Rede gewesen sei, sondern von dem, was für alle Menschen das Höchste und Beste ist, vom Inhalt, von der Wahrheit, von der Kraft des Lebens, für die wir bestimmt sind und die zu uns kommen wollen. Aber wenn wir auch jenes Gefühl und diesen Eindruck haben, so ist doch eine doppelte Gefahr da. Entweder die, dass uns der heilige Geist oder eben dies Höchste und Beste in unserm Leben zu einem bloßen Erinnerungswesen wird, zu einer Größe der Vergangenheit. Wir denken dann wohl eben an den «Geist der ersten Zeugen», an das enthusiastische Feuer der Liebe und der Überzeugung, das in den Aposteln und ihren Genossen gebrannt.1 Wir bewundern die Macht, die durch die Worte und durch die Taten und durch das Blut jener Menschen so Großes in der Welt ausgerichtet, aber wir bewundern sie von Weitem. Sie ist für uns vielleicht heiliger |171 Geist, aber nicht lebendiger Geist und nicht unser Geist. So ist das Höchste und Beste im Leben für viele Menschen ein bloßes Erinnerungswesen. Sie blicken zurück wie auf das verlorene Traumland ihrer Kindheit, auf die Momente, wo ein Stück ewiger Wahrheit und Schönheit ihnen innerlich nahe war, wie etwas aus dem Leben anderer Menschen in das ihrige hinüberleuchtete wie die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes. Aber sie reden davon, indem sie anfangen: es war einmal. Der heilige Geist scheint nicht mehr gegenwärtig, und er scheint darum nicht mehr ihr Besitz zu sein.

Die andre Gefahr besteht darin, dass uns der Geist oder das höchste Lebensgut eigentlich ein etwas Anderes ist, als ein Ideal, als eine schöne Hoffnung für die Zukunft [gilt]. Auch so wird er uns zu einer Art Märchenland, nur dass es diesmal nicht hinter uns, sondern vor uns liegt. Man muss sagen, dass gerade die Pfingstlieder unsres Gesangbuchs zu dieser in ihrer Einseitigkeit gefährlichen Betrachtungsweise in gewissem Sinn anleiten. Es ist gewiss ein herrlicher Ton, auf den sie alle gestimmt sind, diese Ausschau auf das, was in unsern Seelen werden soll, dieses:

Komm, o komm du Geist des Lebens,
Wahrer Gott von Ewigkeit,
Deine Kraft sei nicht vergebens,
Sie erfüll’ uns jederzeit.
So wird Kraft und Licht und Schein
In den dunklen Herzen sein.2

Und es sind zweifellos edle und reine Gemüter, deren innerm Wesen Goethe Ausdruck gegeben hat, als er jenes berühmte: Süßer Friede, komm, ach, komm in meine Brust!3 niederschrieb. Und doch hat’s etwas Bedenkliches und Krankhaftes, wenn dieses: Komm, ach |172 komm! in dieser oder jener Form das Letzte ist, was wir zu sagen haben. Denn es ist sicher eine große Sache um das Sehnen, Träumen, Wünschen und Trachten, und man möchte den allermeisten Menschen mehr davon wünschen, als sie in der Regel haben, aber, aber leben kann man doch nicht von Idealen und Sehnsüchten, sondern nur von Wirklichkeiten. Verlegen wir unser Leben in die Hoffnung, in die Zukunft allein, dann ist die Gefahr aufs Neue ungeheuer naheliegend, dass der Geist aufhört, lebendiger Geist zu sein, dass er tatsächlich wertlos und unfruchtbar bleibt für uns.

Ich meine, wir Alle kennen mehr oder weniger genau diese beiden Gefahren. Wir schwanken in unsern höchsten Gedanken und Gefühlen zwischen dem Erinnerungswesen und dem Kultus des Ideals. Geist oder das höchste Gut stehen hinter uns oder vor uns, aber sie leben nicht in uns, wir wissen wenigstens nicht sicher davon. Das gibt dann die matten und bei tieferen Menschen wehmütigen Pfingstgedanken, die in die Frage auslaufen, ob denn dem, wovon da die Rede ist, auch eine tatsächliche Wahrheit entspreche. Und noch mehr: Das gibt dann die Lebensstimmung der Unruhe und Friedlosigkeit, die wir bei so Vielen und zu gewissen Zeiten so deutlich bei uns selbst beobachten. Denn nur der kennt die rechte Ruhe und den rechten Frieden, der nicht erst in die Vergangenheit und Zukunft schweifen muss, um zu sehen, was Geist und Leben ist, sondern der von diesen Dingen mit festem Griff etwas unter Händen hält, und wäre es noch so wenig.

Wir wollen uns heute von Paulus sagen lassen, wie das ist, wenn man vom Geist Gottes nicht bloß etwas gehört und auch nicht bloß etwas geahnt und gehofft hat, sondern wenn man etwas davon unter Händen hat, als sichere und gegenwärtige Tatsache. Die triumphierenden Worte vom Geist Gottes, der uns zu Gottes Kindern macht, haben ihren besondern Sinn, wenn man sie im Zusammenhang des wunderbaren achten Kapitels des Römerbriefs liest. Wir wollen sie heute rein für sich zu uns reden lassen.

173Und da muss uns vor Allem schon Eines frappieren. Wir denken daran, wie wir mit unsern höchsten Gedanken zwischen Erinnerung und Hoffnung hin- und herschwanken, wie ich eben sagte. Und nun stellen wir das Pauluswort daneben, das so Schlag auf Schlag vom Geist als von einer gegenwärtigen, jetzigen, tatsächlich bestehenden Realität redet. Der Geist Gottes treibt euch! Ihr seid Gottes Kinder! Ihr habt den kindlichen Geist empfangen! Wir rufen: Abba, lieber Vater! Sein Geist gibt Zeugnis unserm Geist! Es ist schön, wenn man vom Geist Gottes sagen kann: «es war einmal», im Leben der Menschheit und in meinem eigenen. Es ist noch schöner, wenn man ihn anruft: Komm, o komm, du Geist des Lebens.4 Aber besser als Beides ist das, was Paulus sagen kann, nämlich, dass er da ist. Und das Beste von Allem ist vielleicht das, dass er seinen Christen in Rom so unbedenklich schreibt: ihr habt den Geist empfangen, ihr seid Gottes Kinder. Mir scheint, sie haben nichts vor uns voraus, und wir dürfen das ihr auch auf uns beziehen. Und darum wollen wir jetzt gar nicht lange suchen und fragen, wie das zugehe, dass wir den Geist empfangen – das dürfen wir ruhig Gott überlassen –, sondern uns gleich jenen, an die der Apostel schrieb, fröhlich sagen lassen, dass etwas von diesem Geist, und wäre es noch so wenig, tatsächlich in unserm Leben vorhanden und wirksam ist. Wir wollen jetzt einfach auf einige Merkmale dieser Tatsache achten. Fassen wir sie genau ins Auge, so wird sich ein Jedes selbst sagen können, woran es bei ihm vielleicht noch fehlt und worin es bei ihm vielleicht anders werden müsste. Aber das Erste und das Letzte soll sein, dass der Geist und das Leben nicht in der Ferne der Vergangenheit und Zukunft, sondern in uns und bei uns sind.

*   *   *

Das erkennen wir erstens daran, dass wir vom Geist Gottes getrieben werden. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder, sagt Paulus. Es hat mit diesem Treiben und Getriebenwerden seine eigentümliche Bewandtnis. Wenn Goethe in dem vorhin genannten Gedicht ausruft: «Ach, ich bin des Treibens müde»5, so denken wir gleich, |174 dass das mit dem Treiben des Geistes Gottes nichts zu tun haben kann. Man kann in gewissem Sinne das ganze Leben ein solches «Treiben» nennen. Wir stehen drin im Treiben des Geschäftslebens und unsrer täglichen Arbeit; da sind wir wohl tätig aus eigenem Willen und Antrieb, aber schließlich doch nur wie eine Art Figuren auf einem großen Schachbrett oder wie ein Rad an einer Maschine, das seine bestimmten Umdrehungen zu machen hat. Wir sind abhängig, wir werden getrieben. Und wieder stehen wir getrieben und abhängig drin im Verkehr mit den Menschen. Ihre Gesinnung, ihr Geschmack, ihre Neigungen und Leidenschaften bestimmen und bedingen auch unser Leben, oft mit unsrem Willen, oft ohne und oft gegen ihn. Wir werden nicht nur äußerlich, sondern in unsrer innersten Lebens- und Charakterentwicklung getrieben und gestempelt durch das Milieu, in dem wir leben. Und wieder sind wir auf den allermeisten Punkten unsres eigenen Daseins, wo wir nur mit uns selbst und unsrer Natur zu tun haben, nicht Treibende, sondern Getriebene. Wir gehorchen dumpfen Instinkten, die uns führen, wohin wir nicht wollen [vgl. Joh. 21,18]. Wir unterliegen bis in unser intimstes Seelenleben hinein Ordnungen und Gesetzen, an die wir vielleicht gar nicht denken und die doch gelten. Wir müssen täglich und stündlich beobachten, wie wir unter dem Einfluss, vielleicht unter der Herrschaft der Macht stehen, die wir ja auch in der gewöhnlichen Sprache «Trieb» nennen. – |

So heißt’s in allen Beziehungen: Wir werden getrieben. Was fehlt daran? Warum seufzen wir, wenn wir daran denken? Warum ist das etwas Anderes als das Treiben des Geistes Gottes? Ich will’s einmal ganz kurz so sagen: weil das «Treiben» des Lebens, in dem wir drin stehen, gar kein wirkliches Treiben ist, weil wir, indem wir ihm nachgeben, in keinem einzigen Fall sagen können: Ich muss! Es sind Notwendigkeiten da, aber es sind Notwendigkeiten des Zufalls und nicht innere Notwendigkeiten. Mein Leben verläuft in der Gleichförmigkeit der Arbeit, die nun gerade ich einmal zu tun habe, ich werde getrieben, Tag für Tag, ja freilich. Aber es ist für mich kein Müssen in diesem Getriebenwerden. Es könnte auch anders sein, ich könnte auch an einer andren Stelle ein andres kleines oder großes Rad sein. Dass gerade ich gerade so getrieben werde, ist eine Tatsache, die ich vielleicht hinnehmen muss, aber die ich doch nicht im Innersten als notwendig anerkenne. Es ist einmal so, aber es könnte auch anders |175 sein. – Oder ich denke an das Treiben der Menschen um mich herum, das meinen Charakter bedingt, das mich treibt zu werden, was ich bin.6 Ist’s ein wirkliches Treiben, ein Müssen, dem ich da unterliege? Kann ich mit meinen so entstandenen Gesinnungen und Taten nachher auftreten und sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!7 oder muss ich nicht, wenn ich an das Treiben des Milieus und dessen, was es aus mir gemacht, denke, sagen: Gott helfe mir, ich hätte auch anders gekonnt, hier sitze ich, Amen!? – Und wie steht’s erst mit dem Getriebenwerden von den Mächten unsrer Natur, mit der Abhängigkeit von ihren unabänderlichen Ordnungen. Sicher, diese Mächte und die Ordnungen ihres Zusammenhangs sind da. Aber ist’s notwendig, dass wir uns gerade so und nicht anders in ihre Gewalt begeben haben, dass gerade diese ihre Ordnungen an uns zur Anwendung kommen. Musste das so sein mit unserm Nachgeben, unsrer Unterordnung gerade in diesem Sinn? Liegt eine innere Notwendigkeit vor oder doch wieder ein Zufall? Heißt’s nicht auch hier: ich hätte auch anders gekonnt? – |

Nicht wahr, solches Treiben und Müssen ist dir in der einen oder andern Form aus deinem Leben wohlbekannt und du seufzest darunter, aber weil du schließlich nicht mit Notwendigkeit getrieben wirst und musst, sondern durch Zufall, weil das «auch anders möglich!» im Hintergrund steht. Aber nun kann ich dir mit aller Sicherheit sagen, dass du ebenfalls aus deinem Leben auch ein ganz andres Treiben und Müssen kennst. Du hast schon Entscheidungen getroffen, bei denen |176 es dir mit aller Feierlichkeit, wie sie manchmal unsre Seele erfüllen kann, klar war: jetzt gibt’s nicht zwei oder drei mögliche Wege, sondern nur den einen, und der eine ist der richtige. Bei denen es über dich kam mit schwerem, gewichtigem Ernst und doch mit dem höchsten innern Jubel, nicht: ich mag – und nicht: ich will – sondern: ich muss. Bei denen du unter einem Zwang standest, himmelweit verschieden vom Zwang der Verhältnisse und Menschen oder vom Naturzwang. Denn es war ein wirklicher Zwang, ein Treiben, das kein Ausweichen erlaubte, und zugleich empfandest du eben in diesem Zwang die höchste Freiheit, du handeltest nicht unter irgend einem Druck, sondern frei und selbstentschieden aus dir heraus. Ich wiederhole dir: dergleichen hast du schon erfahren. Besinne dich nur darauf! Und die Wirksamkeit, die du da erfahren hast, war die Wirksamkeit des heiligen Geistes. Denn wo der Geist wirkt, da fragt er nicht, da klopft er nicht an, da gibt’s kein Zaudern und Fragen, sondern da treibt er, da kommt’s vom Wählen zum Müssen.8 Was meinst du, es könnte auch etwas Anderes gewesen sein, als gerade der Geist Gottes, was dich in solchen Moment und Zeiten getrieben und bewegt? Empfindest du solches Treiben und Müssen etwa in gleicher Weise bei den gleichgiltigen Entscheidungen des Alltags und des Menschenverkehrs oder gar, wenn du dich treiben ließest von deinen Trieben? Nein, nicht wahr, so steht’s nicht. Das große Treiben und Müssen hebt sich rein und klar aus Allem hervor, was ihm ähnlich sehen mag; es ist Heuchelei und Selbstbetrug, wenn wir’s mit Anderm verwirren. Denn es tritt da in unser Leben hinein, wo es um den guten Willen geht. Der heilige Geist treibt uns da, wo wir das Rechte tun. Es müsste nicht so sein, dass wir nur von einzelnen Momenten unsres Lebens solche Erinnerung bewahren, nur in einzelnen Momenten solches erleben. Die toten, geistlosen Zeiten dazwischen weisen uns ganz einfach darauf hin, dass wir nur zur Ausnahme guten Willens sind. Aber besser nur zur Ausnahme als gar nicht. Halte dich jetzt einmal an diese Ausnahme! Fass es fest ins Auge, was das war, als du getrieben wurdest, dass du nicht mehr anders konntest! Es brauchen keine Entscheidungen über Leben und Tod gewesen zu sein, die du da fälltest, vielleicht |177 waren’s solche, die äußerlich zu den alltäglichen gehören. Aber es lag darin der Fortschritt von der Lüge9 zur Wahrheit, von der Rücksichtslosigkeit zum Mitleid, von der Selbstsucht zur Selbstverleugnung. Wo du einen solchen Fortschritt gemacht hast an großen oder kleinen Punkten, da war’s das Treiben, die unwiderstehliche Notwendigkeit des Geistes, die du dabei empfunden hast. Ich will heute nicht mehr sagen, als dass du dich daran erinnern und daran halten sollst als an ein Zeichen, dass du vom Geist nicht verlassen bist, dass er etwas Sicheres und Gegenwärtiges ist. Denn wenn du auch vielleicht jetzt wieder auf einer toten Strecke bist, es wirkt im Grunde doch etwas nach von der Kraft solcher Erlebnisse. Das Treiben des Geistes, die Notwendigkeit, die dich auf einen bestimmten Weg stellte, sie sind unverlierbare Bestandteile deines inneren Lebens geworden. Du kannst und sollst dich daran freuen, darauf zurückgreifen. Sie sind da, Geschenke Gottes, die weitere Geschenke verheißen.

*   *   *

Das zweite Merkmal für die Gegenwart des Geistes Gottes besteht in der Furchtlosigkeit. Das hängt mit dem ersten eng zusammen: Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermal fürchten müsstet. Wo der Geist wirkt in seiner treibenden, notwendigen Kraft, da lässt sich der Mensch nicht irre machen. Denn «sich fürchten» heißt «irre werden», heißt abweichen von der normalen Richtung unter dem Druck fremder Gewalten, wie die Nadel des Kompasses abweicht und irre wird, wenn ein Magnet in der Nähe ist. Das Leben unzähliger Menschen ist in diesem Sinn ein Leben der Furcht. Es sind Ansätze und Wirkungen da des Gottesgeistes, wenigstens scheint es so; denn sie kennen etwas von jener innern Notwendigkeit in ihrem Denken und Handeln. Und doch kann es der Gottesgeist in seiner Realität noch nicht sein, doch scheint er sich mindestens von ihnen wieder zurückzuziehen. Denn der innern Sicherheit fehlt die äußere. Die Nadel des Kompasses weist nach Norden, aber sie lässt sich stören durch den Magneten. Es ist der innere |178 Fortschritt da vom Dunkel zum Licht, von der Trägheit zur Liebe, aber der Fortschritt ist beständig bedroht. Sie lassen etwas Fremdes hineintreten zwischen sich und ihre Ziele. Sie möchten wohl, aber sie können nicht, weil sie Angst haben, weil sie das Treiben des Geistes nicht ernstnehmen, nicht fortsetzen in ihrem eigenen Wirken. Ich meine, wir kennen auch diesen Zustand Alle. Man kann sich fragen, ob man daraus schließen muss, dass der Geist gar nicht da ist, weil der Geist und die Furcht sich nicht vertragen, oder ob wir’s mit einer Entwicklungsstufe zu tun haben, ob wir das Verhältnis verstehen müssen, wie es im ersten Johannesbrief geschieht, wo es heißt, dass, wer sich fürchtet, nicht völlig ist in der Liebe, dass aber die völlige Liebe die Furcht austreibe [vgl. 1.Joh. 4,18]. Es wird wohl das Eine wie das Andre wahr sein. Den Geist haben und sich fürchten, irre sein, sich abtreiben lassen, das geht im selben Moment unmöglich zusammen. Aber wenn wir auf unser Leben als Ganzes sehen, dann zeigt es uns freilich das Bild einer Ablösung und Entwicklung von der Furcht zum Geist, dann steht’s allerdings so, dass die Liebe oder der Geist erst völlig werden und die Furcht austreiben muss.

Halten wir hier das Eine fest! Wo der Geist ist, da treibt er. Da ist der Zufall ausgeschaltet und die Notwendigkeit an die Stelle gesetzt. Die Furcht aber konnte ja nichts Anderes sein als ein neues Eingreifen10 des Zufalls, ja, sie würde darin bestehen, dass wir recht eigentlich mit Wissen und Wollen den Zufall in unser Leben eingreifen lassen, dass wir uns mit klarer Erkenntnis, dass es anders sein müsste, bestimmen lassen durch die Verhältnisse, durch die Menschen, zuletzt und zuoberst durch uns selbst, statt die treibende Macht des Geistes ernst zu nehmen, wie ich vorhin sagte. Der Geist schließt die Furcht aus, weil er ein treibender, ein notwendiger Geist ist. Wir wollen das nun so anwenden, dass wir wieder sagen: Wo ein Mensch die Erfahrung macht von der rechten Furchtlosigkeit, da macht er eben damit die Erfahrung des Geistes. Und so wird die Furchtlosigkeit das andre Erkennungsmerkmal für die Gegenwart und Sicherheit des Geistes. Wieder sage ich dir: Du kennst aus deinem eigenen Leben nicht nur Momente und Zeiten der Furcht, sondern Momente und Zeiten der |179 Furchtlosigkeit. Halte fest, pflege und erneure, was dich da bewegt, und der Geist wird dir mehr sein als eine Erinnerung und mehr als eine Hoffnung. – |

Wo der Geist ist, da fürchtet man sich nicht mehr vor dem, was man die Verhältnisse nennt, vor dem Zusammentreffen der Umstände, die unser äußeres Leben gestalten. Es gibt Menschen, die einen förmlichen Gottesdienst mit ihnen treiben, indem sie davon denken und reden, als wären sie eine selbständige Macht. Man lässt die Wahrheit und die Liebe nicht restlos reden und wirken um der Furcht willen. Das wird anders, wo der Geist ist. Für den Geist gibt es keine Verhältnisse als eine zufällige, fremde, äußere Macht, sondern er schafft die Verhältnisse. Das ist dir und mir schon so ergangen. Uns standen die Umstände feindlich, hindernd entgegen. Da fürchteten wir uns nicht, da sagten wir uns, dass es eine höhere Notwendigkeit gebe als die der Umstände, da griffen wir zu und durch unser Denken und Handeln mussten die Umstände werden, was sie sind, Diener und Instrumente des Geistes, die sich nach seinem Treiben richten und nicht umgekehrt. – |

Wo der Geist ist, da fürchtet man sich nicht vor den Menschen. Es ist eine erbärmliche Sache zu sehen, wie die Menschen sich untereinander und voneinander irremachen lassen, wie sie das Treiben und die Notwendigkeit hintanstellen und unterdrücken aus Rücksichten, die sich gern als Rücksichten der Liebe verkleiden und die doch nichts Anderem als der Angst entspringen, der Angst vor den Worten und Gedanken, der Angst vor der Klugheit oder Dummheit der Andern. Wie unendlich viel Gutes ist abgebrochen und zerbrochen worden durch die Furcht vor den Menschen. Das hört auf, wenn der Geist da ist. Denn für den Geist sind auch die Menschen mit ihren Worten und Gedanken, mit all ihrer Klugheit und Dummheit nicht etwas Fremdes, Äußeres, Zufälliges. Der Geist, der uns treibt, ist der Geist Gottes des Vaters, der ein Vater ist über alle seine Kinder. Da muss sich die Furcht in Liebe verwandeln, da wird diese Liebe hier fest und dort weich die Menschen zu nehmen und in Dienst zu stellen wissen. Da können die Menschen nicht mehr hindern, sondern sie müssen fördern, da schwindet das Erbärmliche, Kleine, Gehässige in ihrem Leben untereinander und das Große und Fruchtbare bleibt übrig. Das hast du auch schon erfahren, diese Furchtlosigkeit, und wenn du sie erfahren hast, so hast du eben den Geist erfahren. – |

180Und nun gibt’s noch eine Furcht, und das ist vielleicht die gefährlichste. Es ist die Furcht vor sich selber. Wenige Menschen kennen sie. Die Meisten fühlen sich sicher, wenn die Verhältnisse und die Andern sie nicht mehr beunruhigen. Ich sage: wohl denen, die die Furcht vor sich selber kennen! Denn die erst wissen, wo das große Hindernis ihres Lebens sitzt. Und doch gilt’s: wo der Geist ist, da muss auch dieses Hindernis verschwinden, da fürchtet man sich nicht mehr vor sich selber. Und wieder gilt’s: das haben wir schon erfahren. Denn wir haben’s schon erfahren, wie das ist, wenn die Schwachheiten und Mängel unsres Innern, vor denen wir Angst haben, zugedeckt werden durch die große Kraft eines guten Willens, wenn uns unsre Sünde vergeben und unsre Missetat weggenommen wird, wenn wir aufatmend das Alte ablegen und ein neues Leben anfangen dürfen. Das heißt furchtlos werden gegenüber sich selbst, und wo diese Furchtlosigkeit ist, da zuletzt und zuoberst dürfen wir die Gegenwart des Geistes finden und festhalten.

*   *   *

Aber noch ist nun von dem Kern und Stern dessen, was Paulus über den Geist sagt, nicht11 die Rede gewesen. Es ist der Geist, der uns treibt und der uns furchtlos macht, das hörten wir. Aber wenn das Alles wäre, was zu sagen ist, dann könnte man ebenso gut die Äste und den Blätterschmuck eines abgehauenen Baumes rühmen. Wir könnten das Alles bewundern und rühmen, aber wir könnten und müssten dazu den Gedanken sagen, ob die gegenwärtige Herrlichkeit des Lebens im Geist nicht ebenso vergänglich sei wie die des abgehauenen Baumes.

Und nun wollen wir uns in der Tat sagen lassen, dass zu den genannten Erkennungszeichen noch ein Drittes hinzukommen muss. Wo der Geist ist, da rufen wir Gott an als lieben Vater. –

Wir rufen ihn an. Denn das Treiben und die Furchtlosigkeit wären in der Tat eine vorübergehende Illusion, wenn dem Baum die Fähigkeit fehlte, seine Wurzeln in die Tiefe zu erstrecken und da Nahrung |181 und Kraft zu gewinnen. Das Leben manches Menschen sieht bis aufs Letzte der Art des Geisteslebens ähnlich. Er kennt ein großes Sollen und Wollen, er übt es mit einer großen Tapferkeit; es fehlt doch nur gerade das, was das Sollen zum Müssen, das, was die Tapferkeit zur Furchtlosigkeit macht. Er betet nicht. Ich will das, was ihm fehlt, so beschreiben: er steht dem Leben und seinen Aufgaben und Leiden gegenüber als einer fremden Sache. Er packt es an, gewiss, mit großem Drang und großem Mut, aber er packt es an, wie man einen Feind anpackt. Dieser Fehler rächt sich. Das Leben ist nicht zu fassen als etwas Anderes, Fremdes, als etwas, was uns gegenübersteht. Ja, vielleicht einige Jugendjahre lang [mag] man die Sache so ansehen. Es ist die Stimmung des Prometheus, der sich den Göttern mit gekreuzten Armen gegenüberstellt.12 Das geht eine Zeit lang an, wie eine abgeschnittene Pflanze eine Zeit lang grünen und blühen kann im Wasserglas. Wenn dann aber das Leben fortgehen soll, so muss ein Neues hinzukommen, das Einpflanzen in die fruchtbare Erde für die Pflanze, das Gebet für den Menschen. Wer betet, der steht dem Leben nicht mehr gegenüber. Er kennt keine Feinde und Gewalten und Hindernisse mehr. Denn im Leben weiß er den herrschenden Gott verborgen, und mit diesem Gott ist er in Verkehr getreten, ihn und seinen Willen sucht er, ihn und seinen Willen nimmt er auf in sein Inneres, und so hat er mit Gott das Leben auf seiner Seite:

Es kann ihm nichts geschehen
Als, was Gott hat ersehen
Und was ihm selig ist.13

182Das heißt Gott anrufen. Und wenn du so Gott anrufst, dann hast du den heiligen Geist gegenwärtig, mehr brauchst du nicht. Dieser Gott aber ist ein lieber Vater. Die herrschende Gewalt, die im Leben verborgen ist, ist nicht eine Naturmacht von blinder Logik, sondern die Gewalt der Liebe, die schafft und sucht und erhält, was das Ihre ist. Da ist das Suchen unsres Gebets kein blindes Tasten, sondern ein sicheres Gesuchtwerden, dann kann es beim Finden keine Enttäuschung geben, sondern immer nur reiche Entdeckungen, da wird Gott aus einem fernen zu einem nahen Gott.

Und nun? Hast du auch davon schon etwas gesehen in deinem Leben? Ich sage: ja, das hast du. Du hast schon solche Wurzeln ausgestreckt in die Tiefen des Lebens, vielleicht scheu und unbewusst und doch nicht wirkungslos, du hast da schon etwas gefunden von der Macht der Liebe, die uns zum Bilde ihrer Gottheit gemacht hat.14 Ich will Halt machen. Besinne dich selbst auf Alles das, was in dir redet und Zeugnis ablegt vom Wirken des Geistes. Gewahrwerden heißt hier Besitzergreifen. Sehen heißt hier nehmen. Aber ich will dir noch etwas hinzusagen. Was du selbst vom Geist gesehen und erfahren, das hat seine Schranken. Hättest du nur das, so möchtest du am Ende an seiner Gegenwart und Sicherheit doch irrewerden. Ich möchte dir darum nicht raten, auf den heiligen Geist, den du in deiner Brust trägst, deine Gewissheit zu bauen, dies Fundament könnte weichen. Sondern geh einmal den Anfängen des Geistes, die in dir sind, nach, verfolge die Linien ins Große und Vollkommene, dann begegnest du der Person Jesu Christi, in der die Fülle des Geistes war. Das tiefe Müssen, die große Furchtlosigkeit, das Gebet des Kindes zum Vater, das waren die Fundamente seines Lebens. Es sind die starken, großen Linien seines Bildes. Von ihm her ist der Geist ausgegangen und zu uns gekommen, und wieder wüsste ich keine bestimmtere und nachdrücklichere Bürgschaft für die Wahrheit des Geistes als sein Bild.

Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei ihm ist viel mehr Gnade.15

183Halte beides zusammen, das wird das Beste sein, das in dir selbst Erfahrene und das an Christus Angeschaute. Denn es dürfte gerade vom heiligen Geist das Wort gelten: wer da hat, dem wird gegeben werden [Mt. 13,13α u. ö.]. Ich wünsche dir, dass du durch das Haben und durch das Empfangen zur Gewissheit kommst, denn dass wir das Eine und das Andre erleben, das heißt dann wirklich leben.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, ­Strophen 1.3.6 (RG 99, 1.3.7; EG 303, 1.3.8). 🎵
  • Nr. 151: «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen, ­Strophen 1–3 u. 6–7 (RG 510 [Textabweichungen]). 🎵
Lesungstexte:
  • Joh. 3,1–9; Mt. 8,23–27; Lk. 22,41–46

Sachfußnoten

1
Vgl. die Eingangszeilen der ersten beiden Strophen des Liedes von K. H. von Bogatzky: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen, / der Wächter, die auf Zions Mauern stehn», und: «O dass dein Feuer bald entbrennte, / o möchte es doch in alle Lande gehn» (GERS 162; RG 797; EG 241 🎵).↩
2
Strophe 1 des Liedes «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von H. Held (GERS 148; RG 509; EG 134 [Z. 5 jeweils: «So wird Geist und Licht und Schein»]) 🎵.↩
3
«Wandrers Nachtlied» von J. W. von Goethe (1776 / Erstdruck 1780; Berliner Ausgabe, Bd. 1, 1965, S. 68) 📖:
Der Du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
↩
4
Siehe oben, Anm. 2.↩
5
Siehe oben, Anm. 3.↩
6
Vgl. Friedrich Schleiermacher’s Monologen. Kritische Ausgabe, mit Einleitung, Bibliographie und Index von Fr. M. Schiele (PhB 84), Leipzig 1902, S. 68f. 📖 (Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 12, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1995, S. 372f. 📖): «Unmöglichkeit ist für mich nur in dem was ausgeschlossen ist durch der Freiheit in mir ursprüngliche That, durch ihre Vermählung mit meiner Natur. Nur das kann ich nicht, was dieser widerspricht: […] Leb ich doch im Bewußtsein meiner ganzen Natur. Immer mehr zu werden was ich bin, das ist mein einziger Wille; […].» In Barths Exemplar sind diese Sätze unterstrichen.↩
7
Mit diesen Worten soll Luther auf dem Reichstag von Worms 1521 seine Widerrufsverweigerung abgeschlossen haben: «Ich kann nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir, Amen» (WA 7, 838,2–9 📖). Vgl. dazu K. Müller, Luthers Schlußworte in Worms 1521, in: A. Harnack u. a. (Hg.), Philothesia. Festschrift für P. Kleinert, Berlin 1907, S. 269–289 📖.↩
8
Die Betonung könnte angeregt sein durch H. Kutter, Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft, Zürich 1904; Jena 1910 📖.↩
9
Vor «Lüge» steht im Mskr. ein infolge der Lochung der Seite nicht zu entzifferndes Wort.↩
10
Im Mskr. wohl während des Schreibens von «Einschreiten» zu «Eingreifen» korrigiert.↩
11
Mskr.: «noch nicht»; das überzählige «noch» wurde vom Hrsg. gestrichen.↩
12
Die den Göttern gegenüber auf Eigenständigkeit und Konfrontation ausgerichtete Haltung des Prometheus und der Menschen, denen er der griechischen Mythologie nach das Feuer gebracht hatte, kommt zum Ausdruck im Gedicht «Prometheus» von J. W. von Goethe (Erstdruck 1785; Berliner Ausgabe, Bd. 1, 1965, S. 327f.) 📖, das Barth hier vor Augen gestanden haben mag. Vgl. aus Strophe 2: «Ich kenne nichts Ärmeres / Unter der Sonn als Euch, Götter»; Strophe 5: «Ich Dich ehren? Wofür? / Hast Du die Schmerzen gelindert / Je des Beladenen? / Hast Du die Tränen gestillet / Je des Geängstigten? / Hat nicht mich zum Manne geschmiedet / Die allmächtige Zeit / Und das ewige Schicksal, / Meine Herrn und Deine?»↩
13
Aus Strophe 3 des Chorals «In allen meinen Taten» von P. Fleming: «Es kann mir nichts geschehen, / als was er hat ersehen / und was mir selig ist» (GERS 263; RG 676; EG 368 🎵).↩
14
Vgl. den Liedanfang «Liebe, die du mich zum Bilde / Deiner Gottheit hast gemacht» von J. Scheffler (GERS 242; EG 401 🎵).↩
15
Aus Strophe 5 des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther (GERS 214; RG 84; EG 299 [jeweils: «Bei Gott ist viel mehr Gnade»]) 🎵.↩