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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 10,26–27 (Abschiedspredigt)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 10,26–27 (Abschiedspredigt), 25. Juni 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 184–196.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 10,26–27 (Abschiedspredigt)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">184–196</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 10,26-27: "Abschiedspredigt", 25. Juni 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1511">KBA 1046</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-06-25">Sonntag, den 25. Juni 1911</date> 
                        <lb/>(2. nach Trinitatis) 
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                    <head type="event"><hi rend="italic">Abschiedspredigt</hi></head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.26 Mt.10.27">Matthäus 10,26–27</ref>
                            <quote>
                                Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine lieben Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Das Wort Jesu, das wir eben gehört, ist vor Allem eine <hi rend="italic">Aufforderung</hi>, die an uns ergeht, ein Aufruf zu froher, tapferer <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> unsres <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term>, zum Bekennen und Vertreten und Verbreiten dessen, was uns inwendig höchste <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> geworden ist. Man könnte ihren Sinn kurz so zusammenfassen: Was drinnen in dir lebt, musst du draußen den Menschen kundgeben. Es ist in anderer Form derselbe Befehl des Herrn, den alle <term type="Sachen" key="Mission">Missionsarbeit</term> auf ihre Fahne geschrieben hat: Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>] Und es ist die Aufforderung, die die treibende Kraft ist auch in der Arbeit des evangelischen <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrers</term>. Offenbar werden lassen, was in uns verborgen ist, die Leute wissen lassen von den heimlichen Tatsachen des Lebens aus <term type="Sachen" key="Leben, aus Gott">Gott</term> und mit <term type="Sachen" key="Leben, mit Gott">Gott</term>, so gut wir’s können, Zeugnis geben von dem, was in uns lebt, das ist unsre Pflicht und unsre Aufgabe. Aber ich möchte weder von der besondern Aufgabe des <term type="Sachen" key="Missionar">Missionars</term> noch von der des <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrers</term> reden, die in diesem Jesuswort gestellt ist, sondern von der Aufforderung, die es an ausnahmslos Jedes von uns zu richten hat. Ein <term type="Sachen" key="Missionar, im Grunde jeder Christ">Missionar</term> und Pfarrer ist ja im Grunde jeder <term type="Sachen" key="Pfarrer, im Grunde jeder Christ">Christ</term>, vor Gott gibt es den Unterschied nicht zwischen solchen, die auf, und solchen, die unter der Kanzel sind. Da hat Jedes Teil an dem Recht und an der Pflicht, das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> zu <term type="Sachen" key="Verkündigung">verkündigen</term>, denn da ist Jedes verantwortlich für den <term type="Sachen" key="Nächster">Nächsten</term>, für die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> des Nächsten. Was drinnen in dir lebt an <term type="Sachen" key="Gott, Geist">Gottesgeist</term>, das musst du draußen den andern Menschen kundgeben – das ist nicht ein besonderes Amts<pb xml:id="p185" ed="pga" break="no"/>programm, sondern das ist das christliche <term type="Sachen" key="Lebensprogramm, christliches">Lebensprogramm</term> für jedermann.</p>
                <p>Nichts Selbstverständliches hat Jesus mit dieser Aufforderung ausgesprochen. Wir Alle ohne Ausnahme müssen über einen gewissen Graben hinweg, wenn wir nicht nur verstehen, sondern uns aneignen wollen, was das heißt: Was ich euch sage in der <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term>, das redet im <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term>, und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Es hat manchen Menschen gegeben mit einer reichen und tiefen Lebensanschauung, mit großem Vermögen und Fähigkeiten auf diesem oder jenem Gebiet gerade des geistigen Daseins, mit einem großen Besitz an Gewissheiten und Kräften, die sein Leben schön und froh machten, aber von diesem Bedürfnis nach Mitteilung verspürte er nichts. Was er hatte, das war von der Art, dass es nur von ihm selbst und vielleicht von einigen Auserwählten verstanden und genossen werden konnte, nicht aber Etwas, was ihn von selbst trieb und drängte, es jedermann zu sagen, damit es jedermann helfe. So gab es im <term type="Sachen" key="Altertum">Altertum</term>
                    <term type="Sachen" key="Religion / Religionen, Geheimreligionen">Geheimreligionen</term> und <term type="Sachen" key="Weisheit, Geheimweisheit">Geheimweisheiten</term> mit schönen und sinnreichen Gebräuchen und Gedanken, aber es war eben bei all der Herrlichkeit das Wörtchen Geheim- davor. Es war nicht eine Freude, die allem Volke widerfahren soll [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>], sondern eine Freude für die Eingeweihten. Und so gab es und gibt es noch heute Unzählige, die sind reich an schönen Gedanken und <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühlen</term>, an Einsichten und Lebensmöglichkeiten, es fehlt nur das Eine: sie haben keine Lust, mit dem, was sie haben, ans Licht und auf die Dächer zu gehen, mit ihrem geistigen Besitz <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> und <term type="Sachen" key="Missionar">Missionare</term> zu werden. Sie sind Aristokraten des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, sie sind glückliche Besitzende,<note xml:id="n01">Von «glücklichen Besitzenden» (<foreign xml:lang="lat">beati possidentes</foreign>) spricht der römische Rechtsgrundsatz, nach dem Besitz als solcher geschützt ist; vgl. zum Herkommen auch <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 314</bibl>.</note> aber nicht glückliche Gebende, sie sind noch diesseits des Grabens. Die Aufforderung Jesu ist ihnen nicht selbstverständlich, sondern erstaunlich und oft ärgerlich.</p>
                <p>Und nun wollen wir uns gar nicht einbilden, dass wir mit unsrem <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>
                    <hi rend="italic">nicht</hi> zu diesen Menschen und in diese Richtung gehörten. Sondern wir wollen es uns nur klar machen, dass Jesu Aufforderung etwas gewaltig Großes und Schweres von uns verlangt. Es ist <pb xml:id="p186" ed="pga"/> uns natürlich, und es ist nicht nur natürlich, sondern recht und notwendig so, dass wir uns von Gott zunächst in die Stille, in die Verborgenheit führen lassen. Ich glaube nicht, dass der tiefe Einblicke in die Geheimnisse <term type="Sachen" key="Gott, Geheimnis">Gottes</term> und des <term type="Sachen" key="Leben, Geheimnis">Lebens</term> geworfen hat, der sofort anfängt, jedermann mit seinen Erlebnissen zu haranguiren<note xml:id="n02">Veraltet für: «anreden», «feierlich ansprechen» (franz.: <foreign xml:lang="fre">haranguer</foreign>).</note>. Wenn Gott bei uns einkehrt, sei es, dass er uns ein Ziel zeigt oder dass er uns eine <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term> schenkt, dann ist das eine Wirkung von so unaussprechlicher Art, dass unser Bedürfnis <hi rend="italic">stille zu sein</hi> viel größer sein muss als das Bedürfnis zu reden. Die <term type="Sachen" key="Demut">Demut</term> vor Gott muss uns zu Zeiten den Mund verschließen, wenn wir Gott wirklich kennengelernt haben. Es muss uns vorkommen wie eine Entweihung, das Verborgene offenbar werden zu lassen, weil wir uns unfähig fühlen, es würdig zu tun. Es ist etwas daran, dass Gottes <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> an uns zunächst in die <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term> und nicht ans <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> gehört. Und auf der andern Seite ist es sicher, dass es uns in die <term type="Sachen" key="Einsamkeit"><hi rend="italic">Einsamkeit</hi></term> führt, wenn es recht ist. Denn wenn Gott unser Auge erkennen lässt und unsern Arm stark macht, dann ist das ein Geschenk der überraschendsten Art, durch das wir uns ohne unser Wollen aus den Reihen der andern Menschen herausgehoben fühlen. Wir haben damit etwas Besonderes, Einzigartiges erfahren, das Allerpersönlichste in uns ist erwacht, wir fühlen es dankbar, dass Gott nicht nur geredet, sondern gerade zu uns geredet hat. Wieder müsste es uns vorkommen wie eine Entweihung, unsern Besitz an Andre preiszugeben, von denen wir ja beinahe bestimmt annehmen müssen, dass sie es nicht verstehen können. Und wieder ist etwas daran, dass wir das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> ins Ohr gesagt bekommen, dass es schlecht auf den Markt passt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.2.17">2.Kor. 2,17</ref>] und dass es gerade Gottes unverdiente und einzigartige <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes unverdiente und einzigartige">Gnade</term> zu sein scheint, die uns zu geistigen Aristokraten macht. – |</p>
                <p> Das Alles hat nun auch <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> in seinem Recht und in seiner Notwendigkeit gekannt und anerkannt. Durch sein Wort: denn er hat uns ausdrücklich aufgefordert: Wenn du <term type="Sachen" key="Beten">beten</term> willst, so gehe in dein Kämmerlein und schließe deine Türe zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.6">Mt. 6,6</ref>] Und vielleicht noch mehr durch sein eigenes Vorbild. Er ist ein stiller <term type="Sachen" key="Jesus Christus, ein stiller Mann">Mann</term> gewesen, der die Geheimnisse des <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term> nicht an die große Glocke hängte und der es die Leute <pb xml:id="p187" ed="pga"/> merken ließ: Gott ist wunderbarer und herrlicher, als ich oder irgend ein Mensch aussprechen kann. Und er ist im Grunde seines Wesens auch immer ein einsamer <term type="Sachen" key="Jesus Christus, ein einsamer Mann">Mann</term> gewesen, nicht ein populärer Redner und Anführer, sondern ein Wanderer, der seinen eigenen Weg ging, dessen tiefster <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Charakter">Charakterzug</term> in dem Wort zum Ausdruck kam, dass niemand den Vater kenne denn nur der Sohn [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.27">Mt. 11,27</ref>].</p>
                <p> Ist’s nicht gerade die Art des Geistes <term type="Sachen" key="Gott, Geist">Gottes</term> und des Geistes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Jesu</term>, dass er uns zurückhält diesseits des Grabens, zurückhält von dem Gehorsam gegen die Aufforderung: Redet im Licht! Predigt auf den Dächern! Ich antworte: jawohl, das ist die Art des Geistes Gottes und Jesu. Gerade wenn wir etwas Ernstes und Großes und Feierliches erlebt haben, fällt es uns Allen zunächst schwer, davon zu reden, und es muss uns schwer fallen. Aber diese Zurückhaltung kann nicht das Letzte sein, sondern sie ist nur die eine Hälfte der Sache. Wenn Gott zu uns geredet hat, dann müssen wir erst schweigen, aber dann müssen wir auch anfangen zu reden, und erst damit kommt Gottes Werk in <term type="Sachen" key="Gott, sein Werk in uns">uns</term> zur Vollendung. Es ist nichts von Gott in uns verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts von Gott heimlich in uns, das man nicht wissen werde. Würde es <hi rend="italic">nicht</hi> offenbar, würde kein Anderer davon wissen, so wäre das ein Zeichen, dass es überhaupt nicht da war. Es wäre eine <term type="Sachen" key="Selbsttäuschung">Selbsttäuschung</term> und vielleicht ein <term type="Sachen" key="Selbstbetrug">Selbstbetrug</term>. – |</p>
                <p> Denn das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, das an uns ergeht und uns ermutigt, auf den Weg stellt und vorwärts trägt, es gleicht dem Weizenkorn in der Ähre. Es muss im Verborgenen wachsen, aber wenn die <hi rend="italic">Reife</hi> da ist, dann sprengt es die Schale, und was heimlich war, wird offenbar [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.26 Mk.4.29">Mk. 4,26–29</ref>]. Was <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> seinen <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> von dem Reden am Licht und vom Predigen auf den Dächern gesagt, das hat er von der Zeit ihrer Reife gesagt. Die ist nicht gekommen vor den Tagen, da sie ihn haben <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">leiden</term> und <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">sterben</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus Auferstehung">auferstehen</term> sehen. Dann aber ist sie gekommen. Denn in jenen Tagen sind sie reif geworden. Im Angesicht des Kreuzes <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> ist es ihnen klar geworden, was es auf sich habe mit dem Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, mit dem Regiment des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottesgehorsam">Gottesgehorsams</term> und der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschliebe">Menschenliebe</term>. Sie erkannten Jesus als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Held">Helden</term>, als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Erlöser">Erlöser</term>, als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, König">König</term>, sie erkannten, dass <hi rend="italic">sein</hi> Weg <hi rend="italic">ihr</hi> Weg zu Gott sei. Und seit dieser Erkenntnis, durch die sie reif wurden, wäre es eine Unwahrheit und Feigheit für sie gewesen, zurückzuhalten und zu verbergen, was in ihnen lebte. Das Verborgene drängte sie unwiderstehlich zur Of<pb xml:id="p188" ed="pga" break="no"/>fenbarung. Ich glaube, dass es auch in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> einen Punkt der Reife gibt, wo wir wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagen müssen: Wehe mir, wenn ich das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> nicht predigte [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.16">1.Kor. 9,16</ref>], wo wir über aller Scheu vor unsrer eigenen Unwürdigkeit und vor der Verständnislosigkeit der Andern hinweg reden <hi rend="italic">müssen</hi> von dem, was in uns ist. Einfach darum, weil das, was in uns ist von Gottesbesitz, uns selbst zu groß wird, weil uns etwas aufgegangen ist, was viel zu mächtig ist, als dass es bei uns bleiben könnte. Das Wort Gottes in seiner <term type="Sachen" key="Wort Gottes, Wahrheit">Wahrheit</term> und <term type="Sachen" key="Wort Gottes, Güte">Güte</term> und <term type="Sachen" key="Wort Gottes, Schönheit">Schönheit</term> kann nicht bei uns bleiben, wenn es wirklich bei uns ist. Ist es in uns reif geworden, dann muss es auch hervorbrechen, um zu Andern zu gehen. Da hat dann die Scheu vor uns selbst und den Andern ihre Zeit <hi rend="italic">gehabt</hi> und ein Neues ist an ihre Stelle getreten. Das Neue ist die <term type="Sachen" key="Liebe"><hi rend="italic">Liebe</hi></term>. Die Liebe besteht darin, dass wir Andern helfen wollen. Hier wird der Graben sichtbar, über den wir hinweg müssen. Das Reifwerden bedeutet, dass die Liebe die Macht wird in unserem Leben. Vorher können wir von Gott und mit Gott das Höchste erfahren haben, es kann uns im Leben das Schönste aufgegangen, wir können innerlich Besitzer einer großen Welt von <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und <term type="Sachen" key="Klarheit">Klarheit</term> geworden sein, es fehlt doch dieser Erfahrung die <term type="Sachen" key="Vollendung">Vollendung</term>, wir sind dann wohl reich, aber noch nicht reif, wir können dann mit Menschen- und Engelzungen reden, wir können alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse wissen und doch <hi rend="italic">nichts</hi> sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.1 1.Kor.13.2">1.Kor. 13,1f.</ref>]. Denn es ist das Geheimnis <term type="Sachen" key="Gott, Geheimnis">Gottes</term> und das Geheimnis des <term type="Sachen" key="Leben, Geheimnis">Lebens</term>, dass wir erst dann <hi rend="italic">etwas</hi> sind, wenn wir überströmen von dem Vielen und Wenigen, das in uns ist, um etwas zu sein für die Andern. |</p>
                <p> Wieder denken wir daran, wie es den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> Jesu gegangen ist. Auch ihnen war einst das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ein schöner Besitz und Genuss gewesen, um den man streiten und konkurrieren kann, wer weiter obenan sein dürfe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.14.7 Lk.14.8">Lk. 14,7f.</ref>]. Da lernten sie am Kreuze <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> eine Gesinnung kennen, die es nicht für einen Gewinn ansah, Gott gleich zu sein [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.6">Phil. 2,6</ref>], sondern die auch den höchsten Besitz aufs Spiel setzte, die den <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term>, das <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> und die Ruhe und Alles daran wagte, den Andern zu helfen. Das war <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, was sie da kennenlernten. Es ging davon etwas auch auf sie über. Sie mussten jetzt von sich selbst sagen: Die Liebe Christi dringet uns also! [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>] Wir müssen helfen, wie Christus geholfen hat. Wir müssen überwinden, <pb xml:id="p189" ed="pga"/> was noch in uns lebt an <term type="Sachen" key="Furcht">Furcht</term> vor unsrer eigenen Unvollkommenheit und an Furcht vor dem blinden Unverstand der <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term>. Wir müssen es überwinden – nicht um unser selbst, sondern um der Liebe willen. Meine Freunde, seht ihr, da ist uns der Weg vorgezeichnet, den wir zu gehen haben. <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> sagt uns: redet im Licht! Predigt auf den Dächern! Da mag es uns zunächst wohl zu Mute sein, dass wir antworten möchten wie der Ölbaum in jener Fabel des Alten <term type="Sachen" key="Altes Testament">Testaments</term>: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die beide, Götter und Menschen, an mir preisen, und hingehen, dass ich über den Bäumen schwebe? [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.9.9">Ri. 9,9</ref>] Aber dann muss unsre Einsicht wachsen und uns höher führen. Unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> muss reif werden und nach außen wirken. Und die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> muss uns anleiten, unsern <term type="Sachen" key="Frieden"><hi rend="italic">Frieden</hi></term> Andern mitzuteilen, auch auf die Gefahr hin, unsre <hi rend="italic">Ruhe</hi> zu verlieren. Da können Eltern und Kinder, Freund und Freund, Gotte und Götti<note xml:id="n03">Schweizerdeutsch für: Patin und Pate.</note> nicht mehr nebeneinander hergehen, als wäre das Höchste im Leben etwas, dessen man sich zu schämen hat. Da muss ihr Zusammenleben im Gegenteil immer mehr ein Offenbarwerden des Verborgenen, ein Bekanntwerden des Heimlichen sein. Da müsste jeder in seinem Kreise und in seiner Weise ein Seelsorger, ein <term type="Sachen" key="Verkündigung">Verkündiger</term> des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> werden. Da müsste die Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Christi</term> aber auch einen jeden hinaustreiben über seinen engern Kreis, es müsste aus der gegenseitigen <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> und aus der Gleichgiltigkeit den höchsten Dingen gegenüber ein gegenseitiges und gemeinsames Suchen werden. Es müsste das entstehen in <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, was vorläufig erst als Gedankending und auf dem Papier besteht, eine christliche <term type="Sachen" key="Gemeinde, christliche">Gemeinde</term>, christliche Gemeindearbeit und christliches Gemeindeleben.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Es muss! Es müsste! Es müsste das, was drinnen in uns lebt, draußen den Menschen kundgegeben werden. Das ist die Aufforderung, die aus dem Worte Jesu an uns ergeht, an uns Alle ohne Ausnahme. Aber es ist mehr darin als eine Aufforderung. Es ist eine <term type="Sachen" key="Verheißung"><hi rend="italic">Verheißung</hi></term> darin, eine Versicherung, ein Geschenk. Ja, genau genommen ist das Geschenk, das in diesem Wort ausgesprochen ist, das Erste und Wich<pb xml:id="p190" ed="pga" break="no"/>tigste. Es heißt nicht nur: es müsste sein! sondern es heißt zuerst und hauptsächlichst: es ist! Nicht nur: es soll geschehen! sondern: es geschieht! Das Erste ist das herrliche <term type="Sachen" key="Gesetz, das Jesus in allem Leben erkennt">Gesetz</term>, das Jesus in allem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> erkennt: Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Das ist eine allgemeine Ordnung, die der Bestätigung durch uns nicht erst bedarf. Sondern es ist nur eine Anwendung auf uns, wenn es jetzt heißt: Redet auch ihr im <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term>, was ich euch in der <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term> sage, und predigt auf den Dächern, was ihr ins Ohr höret. Das Eine folgt aus dem Andern. Es handelt sich nicht darum, dass wir gegen die <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>, einem schweren Zwang folgend, aus uns herausgehen, sondern es handelt sich darum, dass wir uns einordnen <hi rend="italic">dürfen</hi> in die <term type="Sachen" key="Lebensbewegung">Lebensbewegung</term> von innen nach außen, dass wir eintauchen <hi rend="italic">dürfen</hi> in den Strom der <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>.</p>
                <p>Es ist eine herrliche Sache, dass wir glauben können an dieses <hi rend="italic">Dürfen</hi> und an diese allgemeine <term type="Sachen" key="Ordnung, des Lebens">Ordnung</term> des Lebens, von der wir bloß ein kleiner, unbedeutender Teil sind. Wir haben das nötig. Denn gerade, wenn wir die Forderung <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Forderung">Jesu</term> verstanden haben, wenn wir uns reif fühlen und wenn die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> uns drängt, Andre es merken zu lassen, Andren es mitzuteilen, was uns innerlich bewegt und hebt und selig macht, dann ist es oft so unendlich deprimierend, mit den Hindernissen zu kämpfen, die man uns von allen Seiten entgegenstellt. Wir möchten etwas überströmen lassen von <term type="Sachen" key="Gott, Geist">Gottesgeist</term> auf die Andern. Wir reden ihnen vom Vertrauen auf den <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>, der die Seinen freundlich führt, wir möchten sie hinleiten auf den tiefen Ernst und die hohen Aufgaben des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>, wir möchten ihr <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> schärfen, ihr Herz reif und rein, ihren Verstand hell machen, wir möchten das Alles, weil wir selbst auf diesen Wegen <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term> gefunden und weil wir die Andren dieses Friedens teilhaftig machen möchten. Aber sowie wir heraustreten mit dem, was in uns ist, so begegnen uns auch mit starrem, feindseligem Blick Mächte, die der Macht des Gottesgeistes direkt entgegenstehen. Da ist das <term type="Sachen" key="Misstrauen">Misstrauen</term> dem Leben gegenüber, das in Allem nur das Widerwärtige und Unerfreuliche finden will, da ist die <term type="Sachen" key="Oberflächlichkeit">Oberflächlichkeit</term>, der nichts schrecklicher ist als die Zumutung, das Leben ernst zu nehmen, da ist jene sittliche <term type="Sachen" key="Sittlichkeit, sittliche Zweideutigkeit">Zweideutigkeit</term>, die mit der Rechten das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> und mit der Linken das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> tun zu können meint, da ist die geistige <term type="Sachen" key="Geist, geistige Verlotterung">Verlotterung</term>, die es als höchste Wohltat empfindet, wenn sie sich nicht mehr vom Fleck bewegen muss, da ist der <pb xml:id="p191" ed="pga"/> moralische <term type="Sachen" key="Moral, moralischer Stumpfsinn">Stumpfsinn</term>, der das Nichtssagende interessant und das Banale wertvoll findet. Ich sage, diesen Mächten begegnen wir, wenn wir so oder so das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>
                    <term type="Sachen" key="Verkündigung">verkündigen</term> möchten, und nun steht’s so, dass diese Mächte auftreten und sagen: <hi rend="italic">Wir</hi> sind die eigentliche <term type="Sachen" key="Ordnung, Weltordnung">Welt-</term> und <term type="Sachen" key="Ordnung, Lebensordnung">Lebensordnung</term>. <hi rend="italic">Wir</hi> sind’s, die am Licht des Tages und auf der Straße gelten. <hi rend="italic">Wir</hi> beherrschen das Geschäftsleben und den normalen Verkehr der Menschen. Solche Zusammenstöße haben wir alle schon erfahren. Und wir haben dann auch wohl erfahren, wie es uns dabei erging. Wie traurig und alleingelassen und unnütz wir uns vorkamen mit dem, was uns innerlich <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> geworden, was wir in der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> empfangen hatten. |</p>
                <p> Gerade in einer Stadt wie <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, wo neben den edlen und guten auch die gemeinen und schlechten Regungen des Menschen sich mit größter Deutlichkeit und Lebhaftigkeit äußern können, muss einem oft der Gedanke kommen, ob dann nicht Gott und die Güter des innern <term type="Sachen" key="Leben, Güter des inneren L.">Lebens</term>, ob nicht die <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnung</term> und der gute <term type="Sachen" key="Wille, guter">Wille</term>, das <term type="Sachen" key="Vertrauen">Vertrauen</term> und die Ernsthaftigkeit, die Reinheit und das klare Denken Dinge seien, die bloß in die <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term> gehören, wo man sich allerlei Schönes und <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> ins Ohr sagen kann, während da draußen in der Wirklichkeit eben jene anderen Mächte das große Wort führen. Vielleicht nimmt dieser <term type="Sachen" key="Widerstand, der stumpfen Welt">Widerstand</term> der stumpfen Welt die Form eines offenen Kampfes an, so dass wir deutlich das Gefühl haben: hier heißt es anpacken und losschlagen, ohne zu zaudern. Vielleicht stehn wir einer trägen, klebrigen Masse von <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit, klebrige Masse von G.">Gleichgiltigkeit</term> gegenüber, bei der wir schwer haben zu unterscheiden, ob’s formlose <term type="Sachen" key="Faulheit, formlose">Faulheit</term> oder bewusste Feindschaft ist. Aber immer ist er da, dieser <term type="Sachen" key="Widerstand, der stumpfen Welt">Widerstand</term>, so oder so, und wenn jetzt bloß aufs Neue die Aufforderung an uns erschölle, zu reden, zu verkündigen, zu geben, zu verbreiten, zu leuchten für die Andern, dann möchte es uns wohl auch manchmal naheliegen, uns wie der <term type="Personen" key="Elia">Prophet</term> flau unter einen Wacholder zu setzen und zu seufzen: Es ist genug [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.4">1.Kön. 19,4</ref>], ich kann nicht, es kommt doch bei Allem nichts heraus. Das liegt nahe, sage ich.</p>
                <p>Aber nun ist es eben eine herrliche Sache, dass es nicht bloß heißt: Redet, prediget, wirket! Sondern dass ohne uns und über uns jene <term type="Sachen" key="Lebensbewegung">Lebensbewegung</term>, jener <term type="Sachen" key="Offenbarung, Offenbarungsstrom">Offenbarungsstrom</term> da ist und fließt, in dem wir einfach als ein Tropfen mitfließen dürfen. Als eine allgemeingiltige Tatsache hat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> es hingestellt, dass das Verborgene offenbar werden <pb xml:id="p192" ed="pga"/>
                    <hi rend="italic">muss</hi>. Vielleicht hat auch er daran gedacht, wie das reife Weizenkorn die Schote sprengt, oder an den wunderbaren <term type="Sachen" key="Geburt">Vorgang</term>, durch den Tiere und Menschen zum Leben kommen. Jesus hat tiefen Sinn gehabt für die <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> und ihre beziehungsreiche <term type="Sachen" key="Natur, beziehungsreiche Herrlichkeit">Herrlichkeit</term>, die gerade in der <term type="Sachen" key="Natur, Notwendigkeit ihres Geschehens">Notwendigkeit</term> ihres Geschehens zur Entfaltung kommt. Oder hat er an die Tätigkeit des Bergmanns gedacht, der Salz und Eisen und edle Metalle aus der Tiefe der Erde hervorgehen lässt? Oder denkt er an das <term type="Sachen" key="Seele">Seelenleben</term> des Menschen, der <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnisse</term> und Eindrücke in sich aufnehmen kann, um sie für Jahre scheinbar zu begraben und doch sind sie in ihm und wirken in ihm und müssen eines Tages wieder offenbar werden in ihrem Wesen und in ihren Folgen? Oder daran, wie im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, in der <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> der Menschen und Völker untereinander gewisse Beziehungen und Eigentümlichkeiten im Verborgenen da sind, oft unbekannt und missverstanden und doch unaufhörlich auf der Oberfläche wirksam, wie eine Quelle auf der Oberfläche eines stillen Bergsees? All diese und manch andre Beobachtungen aus <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> und <term type="Sachen" key="Geist">Geisteswelt</term> mag Jesus gemacht haben; sicher hat er die Regel erkannt, die ihnen allen zu Grunde liegt, und er hat sie erkannt und genannt nicht als ein trockenes <term type="Sachen" key="Gesetz, Naturgesetz">Naturgesetz</term>, nicht als einen weltlichen Grundsatz, der für das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> bedeutungslos wäre, sondern als eine frohe, begeisternde <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term>, die in ihrer Weise gerade ein Schlüssel ist zu diesem Reich Gottes. |</p>
                <p>Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar würde! Froh und begeisternd war für <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> diese Erkenntnis, weil er es durchschaute, dass das Verborgene, das offenbar werden muss, letzten Grundes immer das Echte, das Große, das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> ist. Das Verborgene, das offenbar wird in der <term type="Sachen" key="Natur, Offenbarwerden des Verborgenen in der N.">Natur</term>, das ist immer das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, und wo Leben ist, da muss es auch offenbar werden, da muss es irgendwie fruchtbar und nutzbar werden in dem ungeheuren Haushalt des <term type="Sachen" key="Leben, All-Leben">All-Lebens</term>. Und wieder ist’s im Zusammenleben der Menschen schließlich das Gute und Brauchbare, das in irgend einem Sinn <term type="Sachen" key="Tüchtiges / das Tüchtige">Tüchtige</term>, das sich behauptet und durchsetzt, das vom Dunkel zum <term type="Sachen" key="Licht">Lichte</term> dringt, und wo etwas wirklich Tüchtiges und Gutes ist, da dringt es auch durch. Dieser Vorgang mag oft dunkel und kompliziert sein, er ist doch so wirklich, als das Leben wirklich ist, und nun weist Jesus uns einfach darauf hin und sagt: seht da! Das ist die allgemeine <term type="Sachen" key="Ordnung, Lebensordnung">Lebensordnung</term>. Dürft ihr und wollt ihr euch dieser Ordnung entziehen? Es ist nichts Verbor<pb xml:id="p193" ed="pga" break="no"/>genes, das nicht offenbar werde, wollt und könnt ihr um der Hindernisse willen den Schatz des Wortes <term type="Sachen" key="Wort Gottes, Schatz">Gottes</term> verborgen in euch lassen? Es liegt zugleich etwas Beruhigendes und etwas Anfeuerndes in diesem: es <hi rend="italic">muss</hi> das Verborgene offenbar werden. Es befreit uns auf der einen Seite von der törichten Angst, als ob der Sieg <term type="Sachen" key="Gott, Sieg">Gottes</term> abhängig wäre von uns und unsrem Tun. Es sagt uns: Was liegt an dir, du kleines Menschlein? Gott geht seinen Weg ohne dich, das Verborgene wird offenbar mit oder ohne dein Wirken und Reden. Sei du froh, wenn du wirken und reden <hi rend="italic">darfst</hi>, wenn du dich dem Gange <term type="Sachen" key="Mensch, darf sich dem Gange Gottes anschließen">Gottes</term> anschließen <hi rend="italic">darfst</hi>! Auf der andern Seite ist gerade dies beruhigende: «du darfst» der höchste Antrieb. Wenn es denn in allem Leben <term type="Sachen" key="Gesetz, des Lebens">Gesetz</term> und <term type="Sachen" key="Ordnung, des Lebens">Ordnung</term> ist, dass das Verborgene zum Lichte drängt, wer möchte da zurückbleiben?</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wach auf, wach auf, du Menschenkind,</l>
                            <l>dass dich der Lenz nicht schlafend find.<note xml:id="n04">Aus Strophe 3 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-313">«Der Frühling naht mit Brausen» von <persName ref="kbga-actors-6441">K. Klingemann</persName> (Melodie: <persName ref="kbga-actors-10344">F. Mendelssohn-Bartholdy</persName>; u. a. in: <bibl corresp="kbga-bibls-5281"><hi rend="italic">266 Volks-, Trink- und Wanderlieder. Vollständiges Textbuch</hi>, hrsg. von H. Hartmann, Stade [1891], S. 50</bibl>)</bibl>: «Drum wach, erwach, du Menschenkind / Dass dich der Lenz nicht schlafend find.»</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Da verliert man den Respekt vor jenen Mächten und Gewalten, die sich den Kundgebungen des <term type="Sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> widersetzen wollen, vor der akuten Feindschaft wie vor der schleichenden <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit, schleichende">Gleichgiltigkeit</term>. Da wird man die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> ernst nehmen, aber man wird nicht mehr vor ihr die Waffen zu strecken wagen, weil man von vornherein weiß, dass es nichts, gar nichts gibt, was den Sieg <term type="Sachen" key="Gott, nicht kann den Sieg G. hindern">Gottes</term> schließlich hindern könnte. Wer da sagen wollte: ich kann nicht mehr, es kommt doch nichts heraus dabei, der würde selbst auf die Teilnahme an der siegreichen <term type="Sachen" key="Lebensbewegung, siegreiche">Lebensbewegung</term> verzichten, der würde sich selbst geistig unter die Toten rechnen. Als ein Geschenk Gottes lehrt es uns also <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> verstehen, dass wir auswirken und ausstrahlen <hi rend="italic">dürfen</hi>, was in uns ist.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber gerade wenn wir nun dieser Gewissheit nachgehen, dass das Verborgene offenbar werden <hi rend="italic">muss</hi>, dann entdecken wir schließlich in Jesu Wort einen Ton, der uns zu noch ernsteren und tieferen Über<pb xml:id="p194" ed="pga" break="no"/>legungen leiten muss. Was drinnen, in der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, lebt, muss draußen, im <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> des Tages, bei den Menschen, in den Verhältnissen, mit denen wir’s zu tun haben, zur Geltung kommen. Es ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde… Was sagen wir dazu, wenn das nun tatsächlich geschieht, wenn das, was in uns ist, draußen zur Geltung kommt, wenn das Verborgene offenbar und das Heimliche bekannt wird? Wir sagten, dass es nach allgemeiner <term type="Sachen" key="Ordnung">Ordnung</term> schließlich das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> und <term type="Sachen" key="Tüchtiges / das Tüchtige">Tüchtige</term> sei, das sich im <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> durchsetzt und zur Geltung bringt. Das ist gewiss so. Aber es ist ein Endziel. |</p>
                <p> Wie steht es mit der <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term>? Und hauptsächlich: wer sagt uns, ob wir gerade berufen und fähig sind, das Gute ans Licht zu bringen, ob wir nicht vielleicht zum Abfall des <term type="Sachen" key="Leben, Abfall des L.">Lebens</term> gehören, ob Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Sieg">Sieg</term> sich nicht vollzieht über unsre Köpfe weg, so dass er uns links liegen lässt. Wahrhaftig, es kann uns ein Wort des <term type="Sachen" key="Gericht"><hi rend="italic">Gerichtes</hi></term> werden, dies Wort vom Offenbarwerden des Verborgenen. Oder ist es nicht eine Erfahrung von erschütternder Schwere, wenn mit dem bisschen <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>, das in uns ist, auch all unsre Schwachheit und Halbheit und Unkraft und Unwahrhaftigkeit unaufhaltsam an den Tag kommt. Wir handeln und schaffen, wie wir aus innerer Notwendigkeit müssen, aber gerade dabei werden uns die Schranken unsres <term type="Sachen" key="Mensch, Schranken unsres Könnens">Könnens</term> klar. Wir wirken, wie der Geist es uns heißt, aber wir erfahren es, wie der Geist uns zugleich verurteilt, wir werden gewahr, dass neben dem heiligen <term type="Sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> auch mancher andre recht unheilige <term type="Sachen" key="Geist, unheilige Geister">Geist</term> uns treibt und aus uns redet. Wie oft ist es uns so ergangen: indem wir auf andre zu wirken unternahmen, wurden wir uns der eigenen Unvollkommenheit und <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> bewusst. Der Gletscher im Gebirg, der sich langsam bewegt, gibt freilich das reine kalte Bergwasser von sich, aber auch Geröll und Geschiebe. Und so muss das Verborgene unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> freilich offenbar werden, aber mit dem Göttlichen, das von uns ausgeht, redet und wirkt aus uns auch das Menschliche, Allzumenschliche<note xml:id="n05">Vgl. den Titel der Schrift von <bibl corresp="kbga-bibls-4969"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister</hi>, Chemnitz 1878</bibl>.</note>, an dem weder wir selbst noch Andre noch Gott <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> haben können. Ja, wenn wir das Wort Jesu von dieser Seite ansehen, so bekommt es den Charakter eines Urteilsspruchs, vor dem wir vergehen müssen und der uns das Andre, was auch darin liegt, die Aufforderung und die <pb xml:id="p195" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, vergessen machen könnte. Denn es muss den nachhaltigen Zweifel in uns wecken, ob wir denn je der Aufforderung nachkommen können und ob denn die Verheißung wirklich <hi rend="italic">für uns</hi> gelte.</p>
                <p>Aber nun wollen wir auf ein Letztes achten. Gewiss, Gott ist unser <term type="Sachen" key="Gott, Richter">Richter</term>, und er richtet uns vielleicht nie so scharf, wie dann, wenn er uns zu seinen Boten und <term type="Sachen" key="Mensch, Bote und Mitarbeiter Gottes">Mitarbeitern</term> macht. Aber er ist ein gnädiger <term type="Sachen" key="Gott, gnädiger Richter">Richter</term>. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.18.23">Hes. 18,23</ref>], dass er von seiner Gnade lebe. Gerade unser Jesuswort ruft uns schließlich aufs Eindrücklichste zurück zu Gottes <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>.</p>
                    <p>Ja, wenn wir auf das sehen müssen, was wir aus uns selbst haben, dann müsste es sich zuletzt einfach anhören wie eine Drohung, wenn uns gesagt wird: Die Sonne bringt es an den Tag.<note xml:id="n06">Titel und Kehrreim einer Ballade von <persName ref="kbga-actors-945">A. von Chamisso</persName>, <date when="1827">1827</date> gedichtet nach dem Motiv des in die Sammlung der <rs type="person" ref="kbga-actors-2031 kbga-actors-2032">Gebrüder Grimm</rs> aufgenommenen Märchens «Die klare Sonne bringts an den Tag» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4852">H.-J. Uther, <hi rend="italic">Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation</hi>, Berlin 2008, S. 256f.</bibl>).</note> Aber nun heißt es: <hi rend="italic">Was ich euch sage</hi> in der <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term>, das redet im <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term>. Das verändert unsre Situation. Da hören wir, dass wir etwas in uns haben, das ist besser als wir selbst. Gewiss, mit unsren eigenen Kräften und Fähigkeiten sollen wir ans Licht. Das ist das Handwerkszeug, das Gott uns mitgegeben für’s <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, für den Bau des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Aber nun steht’s gerade so: solange wir sie betrachten und gebrauchen als unsre <hi rend="italic">eigenen</hi> Tugenden, solange werden uns jene Beschämungen und Niederlagen nicht erspart bleiben. Denn indem wir sie zum Vorschein bringen, kommen auch jene unsre <hi rend="italic">eigenen</hi> Schwächen und Fehler zum Vorschein. Hier darf und muss nun das Neue einsetzen, die <term type="Sachen" key="Gnade">Gnade</term>, die uns frei macht von der <term type="Sachen" key="Furcht, vor uns selbst">Furcht</term> vor uns selbst. Wir haben etwas in uns, das ist nicht unser eigen. Und gerade das ist’s, was aus uns heraustreten, was offenbar werden soll, weil es das Beste in uns ist. Wir haben etwas in uns von einem Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, das <hi rend="italic">Jesus</hi> uns gesagt, von einem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, das von <hi rend="italic">ihm</hi> her stammt. Hier stoßen wir auf Felsboden. Alles Andre, was in uns lebt: Gewandtheit, Beredsamkeit, Schönheitssinn, Gelehrtheit, es <hi rend="italic">kann</hi> etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> sein, es <hi rend="italic">kann</hi> aber auch etwas sehr Ungutes sein, je nachdem wir es gebrauchen. Es ist nichts Sicheres, Zuverlässiges, nichts, das uns Gewissheit gibt, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Lebensverheißung">Le<pb xml:id="p196" ed="pga" break="no"/>bensverheißung</term> auch für uns Gültigkeit hat. Wohl aber haben wir etwas Sicheres und Zuverlässiges in dem kleinsten Stück vom Geiste <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist">Jesu</term>, das in uns lebt. Wenn du etwas in dir spürst von seinem stillen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottesgehorsam">Gottesgehorsam</term> und von seiner schlichten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschenliebe">Menschenliebe</term>, dann bist du berufen zum <term type="Sachen" key="Verkündigung">Verkündiger</term> des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>. Es ist dann das in dir verborgen, das offenbar werden soll. Fürchte dich nicht, freue dich! Ich aber bete zu Gott, dass er auch durch mich etwas unter euch habe offenbar werden lassen von Worten, die nicht aus meinem, sondern aus Christi <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Worte aus seinem Geist">Geist</term> kommen.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
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                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen 1.5.6 (RG 162, 1.4.5; EG 165).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-220">Nr. 224: «Such’, wer da will, ein ander Ziel» von <persName ref="kbga-actors-1415">G. Weißel</persName>, Strophen 1.2.4 (RG 276; EG 346).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-139">Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt!» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen 2.3.6.</bibl>
                    </listBibl>
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                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.1 Mt.13.23">Mt. 13,1–23</ref></item>
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