28. Mai 1911

Predigt: 1.Timotheus 6,12 (Konfirmation)

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Konfirmation1
1.Timotheus 6,12
Kämpfe den guten Kampf des Glaubens und ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.
Meine lieben jungen Kameraden!

Wenn ich euch heute, am Schluss unsres Unterrichts noch einmal einen Gedanken, einen Grundsatz, eine Wahrheit mitgeben darf mit der Bitte, sie nicht zu vergessen, sondern aufzuschreiben, nicht aufs Papier, sondern in eure Köpfe und Herzen, dann soll’s das sein, was ihr eben in dem Wort des Apostels gehört habt: Du bist berufen zum ewigen Leben! Ich möchte, dass jeder Einzelne von euch aus all den Dingen, die wir seit dem Herbst zusammen besprachen, das Eine herausgehört habe und jetzt lebendig vor sich habe, die große Botschaft an seinen innersten Menschen: Du bist berufen zum ewigen Leben! Ich möchte, dass ihr das mitnehmt, wenn ihr nachher aus der Kirche ins Freie tretet, wenn die Konfirmation vorüber ist, dies Eine: Du bist berufen zum ewigen Leben! Dass es, wenn ihr morgen und übermorgen wieder an eure Arbeit geht, wenn ihr nun als konfirmierte Menschen euren Lebensweg fortsetzt, wenn ihr am Geldverdienen seid oder am Vergnügen, im Ernst oder in der Freude, dass es da immer wieder vor euch aufsteige und euch nicht verlasse: Du bist berufen zum ewigen Leben! Dass es euch verfolge als eine Erinnerung, die ihr nicht loswerden könnt, auch wenn ihr allerlei Anderes wieder vergessen habt, dass es euch störe und beunruhige, wenn ihr gemeine und schlechte Wege gehen wollt, und dass es euch ermutige und stärke, wenn ihr ernsthaft und tapfer seid: Du bist berufen zum ewigen Leben.

159 Berufen! Das will heißen: Du hast eine Zukunft, die auf dich wartet, die für dich bestimmt ist. Vorwärts marsch! ergreife sie; denn sie gehört dir. Man kann jungen Leuten wie uns doch nichts Schöneres und Erfreulicheres sagen als, dass wir eine Zukunft haben. Ihr seid berufen! Da muss es uns sein, wie wenn wir jetzt an einem goldenen Sommermorgen in ein schönes Land hinauszögen und sängen dazu das Lied der Wandergesellen:

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein;
Wer lange sitzt, muss rosten.
Den allersonnigsten Sonnenschein
Lässt uns der Himmel kosten.2

So muss es einem zu Mute sein, der berufen ist. Er spürt: ich kann und darf nicht sitzen oder liegen bleiben. Es reißt ihn unwiderstehlich vorwärts. Er kann nicht darauf warten, ob etwas käme, das ihn mitnähme.3 Er hat einen Ruf gehört, das heißt ja berufen sein, und nun hat er schon zusammengepackt und das Gewehr angehängt und bricht auf wie der Soldat, wenn Alarm gemacht wird.

Meine lieben Freunde! Es kommt für die Gestaltung eures künftigen Lebens Alles darauf an, dass ihr in dieser jetzigen gegenwärtigen Periode eures Lebens Burschen seid, die einen Ruf gehört haben für ihre Zukunft, Burschen, die jetzt nicht mit gefalteten Händen und schläfrigen Augen warten, was da komme, die auch nicht der Zukunft entgegenbummeln mit den Händen in den Hosen, sondern die jetzt bereits abmarschiert sind mit festem Schritt und Tritt dem Leben entgegen, das auf euch wartet, zu dem ihr berufen seid. |

Und zwar heißt es: berufen zum ewigen Leben. Ich weiß ganz gut, an was ihr etwa denkt, wenn ihr in die Zukunft seht, und möchte euch eure Gedanken ja nicht verleiden. Da steht im Vordergrund die Freude darüber, dass ihr jetzt bald Groß sein sollt. Vorläufig ist ja eure Situation in der Schule und bei der Arbeit äußerlich nach wie vor der Konfirmation dieselbe. Aber innerlich ist’s doch nicht dieselbe. Ihr seid jetzt wie Soldaten, die schon das Korporalpatent in der Tasche |160 haben. Bald, bald wird das anders. Das Abzeichen kommt auf den Ärmel, der Schüler wird zu einem gelernten Mann, der Lehrling zum Gesellen. Immer weniger kann man euch dreinreden in euer Leben, immer mehr dürft ihr machen, was ihr wollt, immer mehr selbständige, freie Leute sein. Nicht wahr, auf all das freut ihr euch? Und mit diesem Übergang vom Kind zum Erwachsenen verbindet sich dann alles Übrige. Da ist die Welt der Arbeit, in die ihr eintreten sollt. Ihr ahnt schon jetzt, dass es etwas ganz Anderes, Schöneres ist, als ein kleines, ganz kleines Rad in das große Getriebe der menschlichen Tätigkeit einzugreifen, als bloß sich selber und seiner Ausbildung zu leben. Die rechte Lebensfreude kommt erst mit diesem Schaffen und Eingreifen, und so schön das abwechselnde Träumen und Lernen der Jugendzeit ist, ihr werdet es schon gemerkt haben, es gibt etwas noch Schöneres, und das ist das Gefühl, dass wir an ganz bestimmten Punkten im Leben der Andern brauchbar, nötig, unentbehrlich sind. Dieses Gefühl bekommt man mit der selbständigen Arbeit, welcher Art sie auch sei. Und was soll ich noch weiter ausführen, was ihr jetzt Alles von der Zukunft erwartet, der Eine lebhafter, der Andre weniger: Freude, wachsende Erkenntnis, schöne und interessante Erlebnisse und Erfahrungen. |

Ich sage euch: ganz recht, das Alles erwartet euch, freuet euch darüber! Aber wenn ihr euch freuen wollt darauf, dann seht hin auf das ewige Leben, das über und hinter dem Allem verborgen ist. Das könnt ihr ja gut verstehen. Damit, dass ihr jetzt als Erwachsene zählt z. B., ist’s noch nicht getan, damit, dass ihr euch frei und selbständig fühlt, auch noch nicht. Auch die Berufsarbeit an und für sich ist noch nicht sicher etwas Herrliches, und erst recht muss es sich noch zeigen, ob die Freude, die das Leben euch bringen wird, wahrhafte Freude sein wird, ob die Erkenntnisse, die ihr machen werdet, euch bereichern oder enttäuschen werden, ob die Erlebnisse und Erfahrungen, an denen es euch nicht fehlen wird, euch vorwärts tragen werden oder rückwärts wie eine große Flutwelle. Würden wir nur an all das denken, was ich genannt, so müssten wir vielleicht doch schließlich die Achseln zucken und sagen: Man weiß nicht, wie es kommen wird. Es ist schon aus manchem goldenen Sommermorgen ein Gewitternachmittag und ein Regenabend geworden. Es ist schon Mancher mit geblähten Segeln und flatternden Fähnlein auf den See hinausgefahren |161 und nicht mehr oder sehr zerzaust nach Hause gekommen. Man könnte angesichts dieses ganzen Bildes nicht mit der Sicherheit sagen, die ich euch wünsche: ich bin berufen! Vorwärts ins Leben hinein!, denn dieses Bild könnte sich plötzlich auch in ein Schreckensbild verwandeln. |

Aber nun sage ich euch heute noch einmal: dass hinter und über dem Allem das ewige Leben verborgen ist. Freut euch der Freiheit, der ihr nun entgegengeht! Füllt euren Platz aus in der Gesellschaft der Menschen, damit man jedem von euch einmal den Ehrentitel geben könne: er ist ein Arbeiter gewesen! Tut die Augen weit auf für den goldenen Überfluss der Welt4, für alle Wahrheit und Schönheit, die ihr ergreifen, verstehen und genießen könnt! Aber das Alles wird dann mit Sicherheit geschehen, wenn ihr in alledem im letzten Grund das ewige Leben sehet und sucht. Ihr sollt nicht nur freie und selbständige Menschen werden, um tun zu können, was euch passt. Die Freiheit des Schlendrians ist die übelste Unfreiheit. Sondern ihr soll frei sein, um zu tun, was recht ist. Ihr sollt nicht Arbeiter werden, weil es eben so sein muss, sondern weil ihr es wollt; nicht bloß, weil es euch zusagt, sondern weil ihr etwas ausrichten wollt; nicht bloß weil Arbeit die Tasche füllt, sondern weil jede Arbeit ein Beitrag ist ans Allgemeine, weil der Mensch dabei seine hohe Bestimmung erfüllt, ein Baustein zu sein für das Reich Gottes. Ihr sollt auch nicht dies und das erleben und erkennen in der Zukunft, was euch vielleicht Freude zu machen scheint einen Tag oder auch ein Jahr lang. Sondern ich wünsche euch die großen Erlebnisse und Erkenntnisse, die unsere Seele umwandeln, erneuern, verankern [?], die Erlebnisse und Erkenntnisse Gottes, wo ein stiller, tiefer Friede in uns einzieht und doch zugleich eine Feuerkraft uns berührt und ergreift und hinwegträgt über Alles das, was der Reinheit und Güte unsres Lebens noch im Wege ist. Das ist die Zukunft des ewigen Lebens, zu der ihr berufen seid.

Und noch ein Wort möchte ich jetzt unterstreichen und hervorheben. Es heißt: Du bist berufen zum ewigen Leben. Ich hoffe, dass ihr in dem hinter uns liegenden Unterricht etwas herausgehört habt von |162 diesem Du. Es hat sich bei alledem, von dem wir geredet, nicht um interessante Theorien gehandelt über Gott und die Welt und den Menschen. Sondern es hieß da auf Schritt und Tritt direkt für Jeden von euch: Du bist der Mann [2.Sam. 12,7], von dir ist die Rede, du bist berufen zum ewigen Leben. Seht einmal. Wenn es sich jetzt handeln würde um den Reichtum oder um die Gelehrsamkeit oder um die Berühmtheit, dann könnte ich jetzt nicht kommen und jedem Einzelnen von euch mit aller Bestimmtheit sagen: Du bist dazu berufen. Denn es ist mindestens eine sehr fragliche Sache, ob ihr dazu berufen seid, reiche, gelehrte oder berühmte Männer zu werden. Eins aber ist keinen Augenblick zweifelhaft, nämlich das, dass jeder von Euch berufen ist zum ewigen Leben. Bei allem Andern, auch bei den schönsten und größten Dingen, die das Leben bietet, ist immer gerade das Du das Unsichere, da ist immer die Frage da, ob wir dazu verurteilt sind, sie bloß von ferne zu bewundern mit dem Gedanken: das wäre wohl schön, ist aber nichts für mich, oder ob wir sie ergreifen und besitzen und in unserm eigenen Leben Freude daran haben können. Wir Alle müssen in den wichtigsten Beziehungen des Lebens, seinen schönsten Gaben gegenüber unendlich oft vor verschlossenen Türen stehen, und über den Türen steht geschrieben: Dieses ist nichts für dich. Das ist eine Erfahrung, die ihr in der einen oder anderen Weise Alle machen werdet. Handelt es sich dagegen um das ewige Leben, also um die Wahrheit des Herzens, um die Reinheit des Willens, um die Strammheit und die Opferwilligkeit des Charakters, um den innern Wert unsres Lebens mit einem Wort, dann ist mit einmal gerade das Du das Sichere. Da heißt’s nicht mehr: das ist leider gerade für dich nichts, da musst du dich mit dem Zusehen begnügen, sondern da heißt’s: da bist gerade du dazu berufen. Gerade du, ob du nun Handwerker oder Bäcker oder auf dem Bureau bist, gerade du sollst ein Mensch mit einem solchen ewigen Leben in sich werden. Ob du nun reich oder arm bist, ob begabt oder weniger begabt, das ist ganz gleich: Du bist berufen zum ewigen Leben. Und weil das ewige Leben nicht nur das Höchste ist von allem, was man nennen kann, sondern weil es das Eine ist, was auch all die andern Dinge im Grunde erst schön und groß machen kann, was so recht der Schlüssel ist zu den wahren Reichtümern des Lebens, so haben wir allen Anlass, Gott dankbar zu sein, dass er uns gerade in dieser einen notwendigen Sache mit Du anruft und zu sich zieht, jeden Einzelnen, wie er ist.

163Ich habe euch gezeigt, liebe Konfirmanden, woher wir diese großen, wichtigen Lebenserkenntnisse haben und wie wir dazu kommen. Wir haben uns immer wieder mit dem Mann beschäftigen müssen, der wie kein Anderer den Menschen gezeigt hat, dass sie berufen seien für eine herrliche Zukunft, dass diese Zukunft bestehe in einem Leben des Gottesgehorsams und der Menschenliebe, wie er selbst es lebte, und der unermüdlich den Klugen und den Dummen, den guten und den schlechten Menschen nachgegangen ist, um ihnen zu sagen: Du, gerade du bist zu dieser Zukunft berufen. Das Alles hat er nun auch zu uns gesagt. Als ihr noch klein wart, seid ihr ohne euer Wissen und Wollen zu dieser Zukunft berufen worden durch die heilige Taufe. Gott hat euch, jedem von euch, da gleich ein großes Geschenk mit ins Leben gegeben, indem er euch hat geboren werden und aufwachsen lassen in einer Welt und Umgebung, durch die unzählige Wirkungen Jesu an euch gekommen sind, durch die bereits auch euer inneres Leben ganz anders gestaltet worden ist, als es zum Beispiel bei einem Heidenkind der Fall gewesen wäre. Und das Alles, ohne dass ihr’s euch klar bewusst waret in den meisten Hinsichten. Dieses Unbewusste soll nun aufhören. Ihr sollt nun mit klaren Augen und festen Händen Gottes Gabe in Empfang nehmen, nicht mehr bloß als etwas, was ihr ererbt habt, sondern als etwas, was ihr erwerben wollt, um es selbst zu besitzen.5 Ihr habt bei eurer Taufe eine Königskrone in die Wiege gelegt bekommen, wie es wohl in alten Zeiten bei fürstlichen Kindern getan wurde; nun hört das Spiel auf und ihr sollt die Krone aufs Haupt setzen und den Thron besteigen. Ihr seid bis jetzt getragen und getrieben worden von dem Strome des Lebens, der von Jesus ausgegangen ist, nun sollt ihr anfangen, selber in diesem Strome zu schwimmen. Die Wahrheit und die Liebe, die er in die Welt gebracht, ist euch allen auf allerlei Wegen zu Gute gekommen, ohne Jesus wäre keiner von euch, was er ist; nun aber soll seine Wahrheit und seine Liebe eure Wahrheit und eure Liebe werden, sollen ein Stück, und zwar das Herzstück von eurem innern Leben werden. Bis jetzt hat Christus euch ergriffen, nun sollt ihr anfangen, auch ihn zu ergreifen. |164 Bis jetzt stand sein Bild vor euch, vielleicht als das Bild eines Mannes, den ihr respektiert, hochgeachtet und verehrt habt, nun soll das Bild dieses Mannes anfangen, in euch zu leben, in euch Gestalt anzunehmen, euer Leben zu verwandeln mit eurer bewussten Überzeugung und Willensentscheidung. Bis jetzt habt ihr den Kindlein geglichen, die Jesus zu sich rief mit den Worten: Lasset sie zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich [vgl. Mt. 19,14], jetzt sollt ihr anfangen, den Jünglingen und Männern zu gleichen, die dem Meister ins Auge sehen in ihrer Schwachheit, aber auch im Gefühl einer großen entschlossenen Freudigkeit: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe [Joh. 21,17]! Ihr sollt euch mit einem Wort den Weg Jesu jetzt nicht mehr bloß führen oder fahren oder schleppen lassen, sondern ihr sollt diesen Weg jetzt selber gehen wollen. Es soll jetzt von euch nicht mehr heißen: sie glauben, was ihnen die Mutter und der Pfarrer gesagt haben, sondern: sie glauben, was sie selbst erfahren, erlebt, erkannt haben. Sie glauben! Da haben wir das große Wort. Das ewige Leben, zu dem ihr berufen seid, ist das Leben des Glaubens, und das, worauf es jetzt, und nicht nur heute, sondern für euer ganzes Leben, ankommt, das ist, dass ihr anfanget und immer besser lernet zu glauben. |

Und nun lasst mich’s euch noch einmal mit aller Energie in Erinnerung rufen, was das heißt: glauben. Glauben heißt nicht: mit seinem Verstand und Kopf annehmen, dass allerlei, was man euch gesagt, Wahrheit sei. Sondern Glauben heißt: Inwendig umgekehrt sein, so dass aus dem alten, borstigen, selbstsüchtigen, faulen Menschen ein Jünger und Nachfolger Jesu Christi geworden ist und täglich neu wird. Das ist Glaube und nichts Anderes. Denn es kann einer denken und sagen: es ist wahr, dass es einen Gott gibt, es ist wahr, dass Jesus für mich gelebt hat und gestorben ist, und es hilft ihm gar nichts, dass er so denkt und redet, er ist doch ein Ungläubiger, denn es fehlt seinem innern und äußern Leben die Ähnlichkeit mit dem Bilde Christi. Und es kann umgekehrt ein anderer denken und sagen: Mein Kopf und Verstand wehren sich gegen jene Dinge, die ich für wahr annehmen soll. Aber sein Leben, seine Denk- und Fühlweise, sein Charakter, seine Wirksamkeit sind tatsächlich Abbilder des Lebens Jesu. Ich sage euch, dieser steht vor Gott gerecht da vor jenem [vgl. Lk. 18,14]. Lasst in dieser Stunde alles Fragen nach dem, was wahr und nicht wahr ist an den Gedanken über Gott, die ihr in eurem bisherigen |165 Leben und auch in unserm Unterricht kennengelernt habt.6 Ob ihr sie annehmt oder nicht, das ist vorderhand wirklich ganz gleichgiltig. Sondern darauf kommt’s an, dass ihr euch klipp und klar die Frage stellt: Soll Jesus, seine Denkweise, seine Willensart in meinem Leben gelten oder nicht? Ja oder Nein. Wo’s Ja heißt, und wenn’s noch so bescheiden und zaghaft wäre, da ist der Glaube. Wo’s Nein heißt oder wo man zu träge ist, sich diese Frage zu stellen, da ist der Unglaube. Wenn’s also darauf ankommt, dass Jesu Leben sich abdrückt in unserm Leben, wie ein Stempel im weichen Wachs, dann ist vor Allem das die Art des Glaubens, dass wir mit einer großen innern Freudigkeit und Sicherheit durch unser Leben gehen, weil wir das ruhige Zutrauen haben, dass Alles, was uns äußerlich widerfahren kann, aber auch das Auf- und Abwogen unsrer innern Stimmungen, nicht das Spiel eines Schicksals oder Zufalls ist, sondern uns zum Guten dienen muss, weil es eine Handlung Gottes in unserm Leben ist. Dies Zutrauen ist dann nur ein anderes Wort dafür, dass wir Gott gehorsam sein, dass wir den guten Weg des rechten Lebens gehen wollen, ohne uns durch Zwischenfälle, die von außen oder innen kommen, das Konzept verderben zu lassen. Der Weg des rechten Lebens aber, den ich eben nannte, wird der Weg der Liebe sein, auf dem man zuerst an die Andern und dann an sich denkt. Das ist die goldene Regel des Glaubens. Denn Jesu Wesen war die Liebe zu den andern, und man kann nicht an ihn glauben, sein Jünger sein, ohne getränkt und erfüllt zu sein von dieser Liebe, die nicht das Ihre sucht [vgl. 1.Kor. 13,5]. Seht, meine lieben Konfirmanden, wenn ihr von diesen beiden Seiten der Sache etwas gemerkt und erkannt und erfahren und erlebt habt, wenn ihr in euch etwas verspürt von der Sicherheit des Zutrauens zu Gott und wenn man euch etwas anspürt von der Liebe, die im Reich Gottes gilt, wenn es euch ist: ja, in dieser Richtung will ich nun marschieren, hier muss irgendwo das Ziel meines Lebens liegen, dann steht ihr jetzt am Anfang des Glaubens, am Anfang eures Jüngerberufes, dann dürft ihr uns nachher frei und fröhlich mit «Ja» antworten. Mehr verlangt Gott nicht von euch in dieser Stunde und in dieser eurer jetzigen Lebensperiode.

166Aber eins müsst ihr euch nun recht klar machen. Der bescheidene Anfang eures Glaubens, mit dem ihr jetzt hieher gekommen seid – und unser aller Glaube ist solch ein bescheidener Anfang –, er soll euch eine ernsthafte und große Sache sein. Ich habe euch schon gesagt, dass ihr in das ewige Leben, zu dem ihr berufen seid, nicht hineinschlendern könnt. Ich füge jetzt hinzu, dass man auch nicht hineinlaufen kann. Sondern wer hinein will, der muss sich hineinkämpfen. Kämpfen! Da haben wir das, womit Paulus in der Ermahnung an seinen Schüler Timotheus den Anfang gemacht hat: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! hat er ihm geschrieben. Freundlich und heiter und lockend hat es vorhin getönt: Du bist berufen zum ewigen Leben, nun aber kommt’s wie scharfer Trompetenton dazu: Kämpfe! Als guter Freund hat Jesus sich uns angeboten, um mit uns über das Feld unsres Lebens zu gehen, nun verwandelt sich der Freund in den Feldherrn, der uns zuruft: Vorwärts! Marschieren, aber nicht nur marschieren, sondern Fechten!

Wir haben in unserm Unterricht oft und viel von diesem guten Kampf des Glaubens geredet, wir haben gesehen, wie das nichts Leichtes und Selbstverständliches ist, ein Jünger Jesu zu sein, wie wir’s da zu tun bekommen mit Feinden und Schwierigkeiten aller Art, mit der Sünde, vor Allem mit unsrer eigenen und der der andern, mit dem Unglück, mit der Langeweile und Eintönigkeit des Lebens, mit dem Gefühl unsrer innern Schwäche. Das sind alles Dinge, die in der Zukunft an keinem von euch ganz fehlen werden, und wenn ihr euch darüber freuen dürft, dass ihr berufen seid zum ewigen Leben, so sollt ihr euch auch klar sein darüber, dass ihr berufen seid, kämpfend in das ewige Leben einzugehen.

Dass dem so ist, das würden euch eure Eltern und jedermann, der schon etwas Erfahrung vom Leben und vom ewigen Leben hat, bestätigen können. Ich will jetzt nichts ins allgemeine über diese ungeheure Frage reden, sondern nur zwei Dinge euch zur Überlegung und Beherzigung in Erinnerung rufen.

Das Erste ist eine Regel über die Art, wie man den Feind findet. Das ist im Krieg eine sehr wichtige Frage. Es ist schon manche Schlacht verloren gegangen, nicht weil man geschlagen wurde, sondern weil man den Feind nicht fand und ins Blaue hinauslief. Und so ist schon mancher im Kampf des Glaubens und des rechten Lebens verun|167glückt, nur weil er nicht merkte, was ist eigentlich das Hindernis, mit dem ich’s zu tun habe. Er rostete innerlich ein, er kam zu keinem Frieden der Seele und zu keinem erfreulichen Verhältnis zu den Menschen und wusste nie recht: wo fehlt’s? Er suchte den Fehler bei Gott oder beim Schicksal oder bei den Menschen oder bei den Umständen, und nun kämpfte er wohl und schlug um sich, aber er glich dem Ritter Don Quichote von der spanischen Sage, er kämpfte gegen Windmühlen, während er gegen seinen Feind zu kämpfen glaubte.7 Seht, jeder Mensch ist in seinem Lebenskampf eine Zeitlang ein solcher Don Quichote und mancher bleibt es sein Leben lang. Ich will euch sagen, wie man darüber hinweg kommt: Indem man die Regel befolgt, den Feind so nahe als möglich bei sich selbst zu suchen. Solange du meinst, Gott sei schuld oder die Mitmenschen oder dies und jenes daran, dass es bei dir inwendig nicht stimmen will, solange marschierst und kämpfst du ins Blaue hinein, du wirst nur müde werden. Dagegen wird die Sache ungemein praktisch und einfach, wenn du einmal gemerkt hast, dass der Feind und das Hindernis unendlich nahe bei dir selber ist, dass du sie nicht außer dir suchen musst, sondern drinnen in dem verborgenen Labyrinth deiner eigenen Stimmungen und Neigungen. Da sitzt ein anderer Mensch vor dir selbst sozusagen: der will faul sein und oberflächlich und liederlich, der wehrt sich mit einer Kraft gegen den Anfang des Glaubens in dir, wie kein äußeres Hindernis sie hätte. Ja, er mag von außen gestärkt werden durch schlechten Umgang oder schlechte Lektüre z. B., und diese Verstärkung musst du ihm dann abschneiden; aber die Hauptsache ist doch immer, dass er selbst will, nämlich faul sein und all das andre; und wenn etwas bekämpft und geschlagen werden muss, dann ist’s dieser Andre in dir, den du ja ganz gut kennst. Sieh ihm ins Auge, lerne ihn so recht kennen in all seinen Eigenschaften, mit all den Hinterlisten, die er anzuwenden weiß, und der Kampf des Glaubens ist bereits zur Hälfte gewonnen. |

168Das Zweite, was ich euch sagen wollte, ist die Regel wie man den Feind, wenn er gefunden ist, besiegen kann. Die Regel ist wieder sehr einfach, und sie lautet: angreifen! Das hat schon der große Napoleon so gemacht8 und, wenn’s gegen den bewussten Gesellen in eurem Innern geht, dann soll jeder von euch ein kleiner Napoleon sein, der sich vom Feind nicht aufsuchen und angreifen lässt, sondern der ihn aufsucht in seinen Schlupfwinkeln und sich daran macht, ihm den Meister zu zeigen. Das habt ihr ganz sicher auch schon gemerkt, dass es einen großen Unterschied ausmacht, ob ihr euch z. B. sagt: wir wollen sehen, ob ich heute Nachmittag faul oder fleißig sein werde, oder ob ihr euch sagt: Ich weiß wohl, dass da einer in mir ist, der jetzt gerne faul wäre, aber daraus wird nichts, da gibt’s nichts zu sehen und abzuwarten, sondern ich werde jetzt nicht faul sein. Das Erste heißt: sich angreifen lassen, und ihr wisst, wie es herauskommt. Das Letztere heißt angreifen, und so gewinnt man die Schlacht. Oder es macht einen großen Unterschied, ob ihr denkt: ich habe diese oder jene dumme oder schlechte Neigung, aber es ist ja noch lange kein Laster, und bis dahin kann man sie gewähren lassen. Es ist dann noch Zeit genug, sich zu wehren. Das heißt, sich angreifen lassen, und so bekommt man Schläge. Das Andere und Bessere wird sein, die Neigung anzugreifen, bevor sie ein Laster geworden. Und nun wendet das an auf alle Seiten jenes andern Menschen in euch, der der eigentliche Feind des Glaubens ist. Packt ihn bei seiner Gleichgiltigkeit, bevor Stumpfsinn daraus geworden, packt ihn bei seiner Gedankenlosigkeit, bevor Lieblosigkeit daraus geworden, bei seiner Gefallsucht, bevor sie zur Eitelkeit ausgewachsen ist. Erklärt der Beschränktheit den Krieg, bevor sie Zeit gefunden, sich zur Selbstsucht, der Mutter aller Sünden, auszuwachsen. Seht ihr, das heißt Angreifen, und ich glaube, wenn ihr diese Regel befolgt, so ist dann der Kampf des Glaubens auch zur andern Hälfte gewonnen.

169So, meine lieben Freunde, das war’s, was ich euch heute noch einmal sagen wollte. Ihr sollt jetzt mit dem «Ja» eures Bekenntnisses in die Gemeinde der erwachsenen, bewussten Jünger Jesu aufgenommen werden. Seht und versteht ihr, was das heißen will? Seht ihr das Ziel, das ewige Leben, zu dem ihr berufen seid? Seht ihr den Meister, der uns den Weg zu diesem Ziel vorangegangen, der uns den Weg dahin aufgetan hat? Seht ihr den Kampf und seine Aufgabe, der euch bevorsteht, wenn ihr diesen Weg mit ihm gehen wollt? Ich habe euch das Alles nach bestem Verstehen zeigen können, das Sehen selbst konnte ich euch nicht abnehmen, und so kann ich euch auch heute die Antwort und den Entschluss nicht abnehmen, wo es sich darum handelt, ob ihr selbst sehet und sehen wollet.

Gott, der ein Gott der Wahrheit ist, wolle in dieser Stunde eure Herzen erleuchten und er, der Gott der Kraft, wolle mit euch sein, wenn ihr nun zu uns tretet auf den Weg, der der Weg ist zum Vaterhaus.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 171: «Liebster Jesu, wir sind hier» von T. Clausnitzer, Strophen 1–3 (RG 159; EG 161). 🎵
  • Nr. 250: «Wenn ich ihn nur habe» von Fr. von Hardenberg, Strophen 1.2.4. 🎵
  • Nr. 294: «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler, Strophen 1 u. 7 (RG 812, 1.6; EG 385, 1.6). 🎵
Lesungstext:
  • Mt. 25,14–30

Sachfußnoten

1
Laut Barths Taschenkalender handelte es sich um die "Konfirmation der Knaben".↩
2
Mit diesen Zeilen beginnt das «Wanderlied» von J. V. von Scheffel (ders., Werke. Kritische Ausgabe in vier Bänden, hrsg. von Fr. Panzer, Bd. 1, Leipzig / Wien 1917, S. 40f.) 📖.↩
3
Aus Fr. Rückerts Gedicht «Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen» 📖 (s. oben, S. 6, Anm. 3).↩
4
Aus der vierten Strophe von G. Kellers «Abendlied» (ders., Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 2, Berlin 1961, S. 35) 📖:
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!
↩
5
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 682f. (Nacht) 📖:
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
↩
6
Dieser Satz ist im Mskr. mit einer mit Bleistift gezogenen Schlängellinie unterstrichen.↩
7
Vgl. M. de Cervantes Saavedra, El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha (1605/15), dt. unter dem Titel: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha, übers. von L. Braunfels, München 1956 📖, dessen Titelheld vor allem aufgrund dieses Kampfes gegen die Windmühlenflügel zum «Sinnbild des weltfremden Kämpfers für das Gute und Edle, der an der harten Wirklichkeit scheitert», wurde (Büchmann, S. 293 📖).↩
8
Napoleon Bonaparte hatte auf Barth schon von früher Kindheit an Eindruck gemacht: Seine «grundlegende und oft wiederholte Lektüre galt Niemeyers ‹Heldenbuch›, einer blutrünstigen Schilderung der Kriege gegen den nicht genug zu verurteilenden ‹Buonaparte› aus dem Jahre 1818» (Lebenslauf Barths vom 27.3.1927, geschrieben für das Münsteraner Fakultätsalbum [Abschrift: KBA 11016]). Gemeint ist: Chr. Niemeyer, Heldenbuch. Ein Denkmal der Großthaten in den Befreiungskriegen von 1808–1815, Leipzig 18183 📖. Vgl. Busch, S. 27 📖.↩