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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: 1.Timotheus 6,12 (Konfirmation)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1.Timotheus 6,12 (Konfirmation), 28. Mai 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51013 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 158–169.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: 1.Timotheus 6,12 (Konfirmation)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Tim 6,12 (Konfirmation), 28. Mai 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1509">KBA 1044</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-05-28">Sonntag, den 28. Mai 1911</date> 
                        <lb/>(Exaudi)
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                    <head type="event">Konfirmation<note xml:id="n01">Laut <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> handelte es sich um die "Konfirmation der Knaben".</note></head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.12">1.Timotheus 6,12</ref>
                            <quote>
                                Kämpfe den guten Kampf des Glaubens und ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine lieben jungen Kameraden!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Wenn ich euch heute, am Schluss unsres <term type="Sachen" key="Konfirmandenunterricht">Unterrichts</term> noch einmal einen Gedanken, einen Grundsatz, eine Wahrheit mitgeben darf mit der Bitte, sie nicht zu vergessen, sondern aufzuschreiben, nicht aufs Papier, sondern in eure Köpfe und Herzen, dann soll’s das sein, was ihr eben in dem Wort des Apostels gehört habt: <hi rend="italic">Du bist <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">berufen</term></hi>
                    <hi rend="italic">zum ewigen Leben!</hi> Ich möchte, dass jeder Einzelne von euch aus all den Dingen, die wir seit dem Herbst zusammen besprachen, das Eine herausgehört habe und jetzt lebendig vor sich habe, die große Botschaft an seinen innersten Menschen: Du bist berufen zum ewigen Leben! Ich möchte, dass ihr das mitnehmt, wenn ihr nachher aus der <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> ins Freie tretet, wenn die <term type="Sachen" key="Konfirmation">Konfirmation</term> vorüber ist, dies Eine: Du bist berufen zum ewigen Leben! Dass es, wenn ihr morgen und übermorgen wieder an eure <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> geht, wenn ihr nun als konfirmierte Menschen euren <term type="Sachen" key="Lebensweg">Lebensweg</term> fortsetzt, wenn ihr am Geldverdienen seid oder am Vergnügen, im Ernst oder in der Freude, dass es da immer wieder vor euch aufsteige und euch nicht verlasse: Du bist berufen zum ewigen Leben! Dass es euch verfolge als eine Erinnerung, die ihr nicht loswerden könnt, auch wenn ihr allerlei Anderes wieder vergessen habt, dass es euch störe und beunruhige, wenn ihr gemeine und schlechte Wege gehen wollt, und dass es euch ermutige und stärke, wenn ihr ernsthaft und tapfer seid: Du bist berufen zum ewigen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>.</p>
                <p><pb xml:id="p159" ed="pga" rend="noPipe"/>
                    <term type="Sachen" key="Berufung"><hi rend="italic">Berufen</hi></term><hi rend="italic">!</hi> Das will heißen: Du hast eine <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, die auf dich wartet, die für dich bestimmt ist. Vorwärts marsch! ergreife sie; denn sie gehört dir. Man kann jungen Leuten wie uns doch nichts Schöneres und Erfreulicheres sagen als, dass wir eine Zukunft haben. Ihr seid berufen! Da muss es uns sein, wie wenn wir jetzt an einem goldenen Sommermorgen in ein schönes Land hinauszögen und sängen dazu das Lied der Wandergesellen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wohlauf, die Luft geht frisch und rein;</l>
                            <l>Wer lange sitzt, muss rosten.</l>
                            <l>Den allersonnigsten Sonnenschein</l>
                            <l>Lässt uns der Himmel kosten.<note xml:id="n02">Mit diesen Zeilen beginnt das <bibl corresp="kbga-bibls-5252">«Wanderlied» von <persName ref="kbga-actors-1209">J. V. von Scheffel</persName> (ders., <hi rend="italic">Werke. Kritische Ausgabe in vier Bänden</hi>, hrsg. von Fr. Panzer, Bd. 1, Leipzig / Wien 1917, S. 40f.)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">So muss es einem zu Mute sein, der berufen ist. Er spürt: ich kann und darf nicht sitzen oder liegen bleiben. Es reißt ihn unwiderstehlich vorwärts. Er kann nicht darauf warten, ob etwas käme, das ihn mitnähme.<note xml:id="n03">Aus <bibl corresp="kbga-bibls-5177"><persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückerts</persName> Gedicht «Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen»</bibl> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p006#fn_n03">S. 6, Anm. 3</ref>).</note> Er hat einen Ruf gehört, das heißt ja <term type="Sachen" key="Berufung">berufen</term> sein, und nun hat er schon zusammengepackt und das Gewehr angehängt und bricht auf wie der Soldat, wenn Alarm gemacht wird.</p>
                <p>Meine lieben Freunde! Es kommt für die Gestaltung eures künftigen <term type="Sachen" key="Lebensgestaltung">Lebens</term>
                    <hi rend="italic">Alles</hi> darauf an, dass ihr in dieser jetzigen gegenwärtigen Periode eures Lebens Burschen seid, die einen Ruf gehört haben für ihre Zukunft, Burschen, die jetzt nicht mit gefalteten Händen und schläfrigen Augen warten, was da komme, die auch nicht der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> entgegenbummeln mit den Händen in den Hosen, sondern die jetzt bereits abmarschiert sind mit festem Schritt und Tritt dem Leben entgegen, das auf euch wartet, zu dem ihr berufen seid. |</p>
                <p>Und zwar heißt es: berufen zum <hi rend="italic">ewigen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>. Ich weiß ganz gut, an was ihr etwa denkt, wenn ihr in die Zukunft seht, und möchte euch eure Gedanken ja nicht verleiden. Da steht im Vordergrund die <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> darüber, dass ihr jetzt bald <hi rend="italic">Groß sein</hi> sollt. Vorläufig ist ja eure Situation in der <term type="Sachen" key="Schule">Schule</term> und bei der <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> äußerlich nach wie vor der <term type="Sachen" key="Konfirmation">Konfirmation</term> dieselbe. Aber innerlich ist’s doch nicht dieselbe. Ihr seid jetzt wie Soldaten, die schon das Korporalpatent in der Tasche <pb xml:id="p160" ed="pga"/> haben. Bald, bald wird das anders. Das Abzeichen kommt auf den Ärmel, der Schüler wird zu einem gelernten Mann, der Lehrling zum Gesellen. Immer weniger kann man euch dreinreden in euer Leben, immer mehr dürft ihr machen, was ihr wollt, immer mehr selbständige, freie Leute sein. Nicht wahr, auf all das freut ihr euch? Und mit diesem Übergang vom Kind zum Erwachsenen verbindet sich dann alles Übrige. Da ist die Welt der <term type="Sachen" key="Arbeit"><hi rend="italic">Arbeit</hi></term>, in die ihr eintreten sollt. Ihr ahnt schon jetzt, dass es etwas ganz Anderes, Schöneres ist, als ein kleines, ganz kleines Rad in das große Getriebe der menschlichen Tätigkeit einzugreifen, als bloß sich selber und seiner Ausbildung zu leben. Die rechte <term type="Sachen" key="Lebensfreude">Lebensfreude</term> kommt erst mit diesem Schaffen und Eingreifen, und so schön das abwechselnde Träumen und Lernen der <term type="Sachen" key="Jugend">Jugendzeit</term> ist, ihr werdet es schon gemerkt haben, es gibt etwas <hi rend="italic">noch</hi> Schöneres, und das ist das Gefühl, dass wir an ganz bestimmten Punkten im Leben der Andern brauchbar, nötig, unentbehrlich sind. Dieses Gefühl bekommt man mit der selbständigen <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term>, welcher Art sie auch sei. Und was soll ich noch weiter ausführen, was ihr jetzt Alles von der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> erwartet, der Eine lebhafter, der Andre weniger: <term type="Sachen" key="Freude"><hi rend="italic">Freude</hi></term>, wachsende <term type="Sachen" key="Erkenntnis"><hi rend="italic">Erkenntnis</hi></term>, schöne und interessante <term type="Sachen" key="Erlebnis"><hi rend="italic">Erlebnisse</hi></term> und <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term>. |</p>
                <p>Ich sage euch: ganz recht, das Alles erwartet euch, freuet euch darüber! Aber wenn ihr euch freuen wollt darauf, dann seht hin auf das <hi rend="italic">ewige <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term></hi><hi rend="italic">,</hi> das über und hinter dem Allem verborgen ist. Das könnt ihr ja gut verstehen. Damit, dass ihr jetzt als Erwachsene zählt z. B., ist’s noch nicht getan, damit, dass ihr euch frei und selbständig fühlt, auch noch nicht. Auch die <term type="Sachen" key="Arbeit">Berufsarbeit</term> an und für sich ist noch nicht sicher etwas Herrliches, und erst recht muss es sich noch zeigen, ob die Freude, die das Leben euch bringen wird, wahrhafte <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> sein wird, ob die <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnisse</term>, die ihr machen werdet, euch bereichern oder enttäuschen werden, ob die <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnisse</term> und <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term>, an denen es euch nicht fehlen wird, euch vorwärts tragen werden oder rückwärts wie eine große Flutwelle. Würden wir nur an all das denken, was ich genannt, so müssten wir vielleicht doch schließlich die Achseln zucken und sagen: Man weiß nicht, wie es kommen wird. Es ist schon aus manchem goldenen Sommermorgen ein Gewitternachmittag und ein Regenabend geworden. Es ist schon Mancher mit geblähten Segeln und flatternden Fähnlein auf den See hinausgefahren <pb xml:id="p161" ed="pga"/> und nicht mehr oder sehr zerzaust nach Hause gekommen. Man könnte angesichts dieses ganzen Bildes nicht mit der Sicherheit sagen, die ich euch wünsche: ich bin <term type="Sachen" key="Berufung">berufen</term>! Vorwärts ins Leben hinein!, denn dieses Bild könnte sich plötzlich auch in ein Schreckensbild verwandeln. |</p>
                <p>Aber nun sage ich euch heute noch einmal: dass hinter und über dem Allem das ewige <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> verborgen ist. Freut euch der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, der ihr nun entgegengeht! Füllt euren Platz aus in der <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term> der Menschen, damit man jedem von euch einmal den Ehrentitel geben könne: er ist ein <term type="Sachen" key="Arbeiter, Ehrentitel">Arbeiter</term> gewesen! Tut die Augen weit auf für den goldenen <hi rend="italic">Überfluss</hi> der <term type="Sachen" key="Welt, goldener Überfluss">Welt</term><note xml:id="n04">Aus der vierten Strophe von <bibl corresp="kbga-bibls-1584"><persName ref="kbga-actors-637">G. Kellers</persName> «Abendlied» (ders., <hi rend="italic">Sämtliche Werke in acht Bänden</hi>, Bd. 2, Berlin 1961, S. 35)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, </l>
                                    <l>Von dem goldnen Überfluß der Welt!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note>, für alle <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und <term type="Sachen" key="Schönheit">Schönheit</term>, die ihr ergreifen, verstehen und genießen könnt! Aber das Alles wird dann mit Sicherheit geschehen, wenn ihr in alledem im letzten Grund das ewige <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> sehet und sucht. Ihr sollt nicht nur freie und selbständige Menschen werden, um tun zu können, was euch passt. Die Freiheit des <term type="Sachen" key="Freiheit, F. des Schlendrians ist Unfreiheit">Schlendrians</term> ist die übelste Unfreiheit. Sondern ihr soll frei sein, um zu tun, was recht ist. Ihr sollt nicht <term type="Sachen" key="Arbeiter">Arbeiter</term> werden, weil es eben so sein muss, sondern weil ihr es wollt; nicht bloß, weil es euch zusagt, sondern weil ihr etwas ausrichten wollt; nicht bloß weil Arbeit die Tasche füllt, sondern weil jede <term type="Sachen" key="Arbeit, Beitrag an das Allgemeine">Arbeit</term> ein Beitrag ist ans Allgemeine, weil der Mensch dabei seine hohe <term type="Sachen" key="Mensch, Bestimmung">Bestimmung</term> erfüllt, ein Baustein zu sein für das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Ihr sollt auch nicht dies und das erleben und erkennen in der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, was euch vielleicht Freude zu machen scheint einen Tag oder auch ein Jahr lang. Sondern ich wünsche euch die großen <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnisse</term> und <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erkenntnisse</term>, die unsere <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> umwandeln, erneuern, verankern [?], die <term type="Sachen" key="Gotteserlebnis">Erlebnisse</term> und Erkenntnisse <term type="Sachen" key="Gotteserkenntnis">Gottes</term>, wo ein stiller, tiefer <term type="Sachen" key="Frieden">Friede</term> in uns einzieht und doch zugleich eine Feuerkraft uns berührt und ergreift und hinwegträgt über Alles das, was der Reinheit und Güte unsres Lebens noch im Wege ist. Das ist die Zukunft des ewigen Lebens, zu der ihr berufen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">seid</term>.</p>
                <p>Und noch ein Wort möchte ich jetzt unterstreichen und hervorheben. Es heißt: <hi rend="italic">Du</hi> bist berufen zum ewigen Leben. Ich hoffe, dass ihr in dem hinter uns liegenden Unterricht etwas herausgehört habt von <pb xml:id="p162" ed="pga"/> diesem <hi rend="italic">Du</hi>. Es hat sich bei alledem, von dem wir geredet, nicht um interessante Theorien gehandelt über Gott und die Welt und den Menschen. Sondern es hieß da auf Schritt und Tritt direkt für Jeden von euch: <hi rend="italic">Du</hi> bist der Mann [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.12.7">2.Sam. 12,7</ref>], von <hi rend="italic">dir</hi> ist die Rede, <hi rend="italic">du</hi> bist berufen zum ewigen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>. Seht einmal. Wenn es sich jetzt handeln würde um den <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> oder um die <term type="Sachen" key="Gelehrsamkeit">Gelehrsamkeit</term> oder um die <term type="Sachen" key="Berühmtheit">Berühmtheit</term>, dann könnte ich jetzt nicht kommen und jedem Einzelnen von euch mit aller Bestimmtheit sagen: Du bist dazu berufen. Denn es ist mindestens eine sehr fragliche Sache, ob ihr dazu berufen seid, reiche, gelehrte oder berühmte Männer zu werden. Eins aber ist keinen Augenblick zweifelhaft, nämlich das, dass jeder von Euch berufen ist zum ewigen Leben. Bei allem Andern, auch bei den schönsten und größten Dingen, die das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> bietet, ist immer gerade das <hi rend="italic">Du</hi> das Unsichere, da ist immer die Frage da, ob wir dazu verurteilt sind, sie bloß von ferne zu bewundern mit dem Gedanken: das <hi rend="italic">wäre</hi> wohl schön, ist aber nichts für mich, oder ob wir sie ergreifen und besitzen und in unserm eigenen Leben Freude daran haben können. Wir Alle müssen in den wichtigsten Beziehungen des Lebens, seinen schönsten Gaben gegenüber unendlich oft vor verschlossenen Türen stehen, und über den Türen steht geschrieben: Dieses ist nichts für dich. Das ist eine <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term>, die ihr in der einen oder anderen Weise Alle machen werdet. Handelt es sich dagegen um das ewige <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term>, also um die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> des Herzens, um die Reinheit des <term type="Sachen" key="Wille, Reinheit des W.">Willens</term>, um die Strammheit und die Opferwilligkeit des <term type="Sachen" key="Charakter">Charakters</term>, um den innern Wert unsres <term type="Sachen" key="Leben, innerer Wert">Lebens</term> mit einem Wort, dann ist mit einmal gerade das <hi rend="italic">Du</hi> das Sichere. Da heißt’s nicht mehr: das ist leider gerade für dich nichts, da musst du dich mit dem Zusehen begnügen, sondern da heißt’s: da bist gerade du dazu <term type="Sachen" key="Berufung">berufen</term>. Gerade du, ob du nun Handwerker oder Bäcker oder auf dem Bureau bist, gerade du sollst ein Mensch mit einem solchen ewigen <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> in sich werden. Ob du nun reich oder arm bist, ob begabt oder weniger begabt, das ist ganz gleich: <hi rend="italic">Du</hi> bist berufen zum ewigen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>. Und weil das ewige Leben nicht nur das Höchste ist von allem, was man nennen kann, sondern weil es das Eine ist, was auch all die andern Dinge im Grunde erst schön und groß machen kann, was so recht der Schlüssel ist zu den wahren Reichtümern des <term type="Sachen" key="Leben, wahre Reichtümer">Lebens</term>, so haben wir allen Anlass, Gott dankbar zu sein, dass er uns gerade in dieser einen notwendigen Sache mit Du anruft und zu sich zieht, jeden Einzelnen, wie er ist.</p>
                <p><pb xml:id="p163" ed="pga" rend="noPipe"/>Ich habe euch gezeigt, liebe Konfirmanden, woher wir diese großen, wichtigen <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Lebenserkenntnisse</term> haben und wie wir dazu kommen. Wir haben uns immer wieder mit dem Mann beschäftigen müssen, der wie kein Anderer den Menschen gezeigt hat, dass sie <term type="Sachen" key="Berufung">berufen</term> seien für eine herrliche <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, dass diese Zukunft bestehe in einem Leben des <term type="Sachen" key="Gottesgehorsam">Gottesgehorsams</term> und der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Menschenliebe</term>, wie er selbst es lebte, und der unermüdlich den Klugen und den Dummen, den guten und den schlechten Menschen nachgegangen ist, um ihnen zu sagen: <hi rend="italic">Du</hi>, gerade <hi rend="italic">du</hi> bist zu dieser Zukunft berufen. Das Alles hat er nun auch zu uns gesagt. Als ihr noch klein wart, seid ihr ohne euer Wissen und Wollen zu dieser Zukunft berufen worden durch die heilige <term type="Sachen" key="Taufe">Taufe</term>. Gott hat euch, jedem von euch, da gleich ein großes Geschenk mit ins <term type="Sachen" key="Taufe, Geschenk fürs Leben">Leben</term> gegeben, indem er euch hat geboren werden und aufwachsen lassen in einer Welt und Umgebung, durch die unzählige Wirkungen Jesu an euch gekommen sind, durch die bereits auch euer inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> ganz anders gestaltet worden ist, als es zum Beispiel bei einem <term type="Sachen" key="Heiden">Heidenkind</term> der Fall gewesen wäre. Und das Alles, ohne dass ihr’s euch klar bewusst waret in den meisten Hinsichten. Dieses Unbewusste soll nun aufhören. Ihr sollt nun mit klaren Augen und festen Händen Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gabe">Gabe</term> in Empfang nehmen, nicht mehr bloß als etwas, was ihr ererbt habt, sondern als etwas, was ihr erwerben wollt, um es selbst zu besitzen.<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 682f. (Nacht)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Was du ererbt von deinen Vätern hast, </l>
                                    <l>Erwirb es, um es zu besitzen.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Ihr habt bei eurer <term type="Sachen" key="Taufe">Taufe</term> eine Königskrone in die Wiege gelegt bekommen, wie es wohl in alten Zeiten bei fürstlichen Kindern getan wurde; nun hört das Spiel auf und ihr sollt die Krone aufs Haupt setzen und den Thron besteigen. Ihr seid bis jetzt getragen und getrieben worden von dem Strome des Lebens, der von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> ausgegangen ist, nun sollt ihr anfangen, selber in diesem Strome zu schwimmen. Die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, die er in die Welt gebracht, ist euch allen auf allerlei Wegen zu Gute gekommen, ohne Jesus wäre keiner von euch, was er ist; nun aber soll seine Wahrheit und seine Liebe <hi rend="italic">eure</hi> Wahrheit und <hi rend="italic">eure</hi> Liebe werden, sollen ein Stück, und zwar das Herzstück von eurem innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> werden. Bis jetzt hat Christus euch ergriffen, nun sollt ihr anfangen, auch ihn zu ergreifen. <pb xml:id="p164" ed="pga"/> Bis jetzt stand sein Bild vor euch, vielleicht als das Bild eines Mannes, den ihr respektiert, hochgeachtet und verehrt habt, nun soll das Bild dieses Mannes anfangen, in euch zu leben, in euch Gestalt anzunehmen, euer Leben zu verwandeln mit eurer bewussten Überzeugung und Willensentscheidung. Bis jetzt habt ihr den Kindlein geglichen, die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> zu sich rief mit den Worten: Lasset sie zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.14">Mt. 19,14</ref>], jetzt sollt ihr anfangen, den Jünglingen und Männern zu gleichen, die dem Meister ins Auge sehen in ihrer Schwachheit, aber auch im Gefühl einer großen entschlossenen Freudigkeit: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.17">Joh. 21,17</ref>]! Ihr sollt euch mit einem Wort den Weg Jesu jetzt nicht mehr bloß führen oder fahren oder schleppen lassen, sondern ihr sollt diesen Weg jetzt selber gehen wollen. Es soll jetzt von euch nicht mehr heißen: sie glauben, was ihnen die Mutter und der Pfarrer gesagt haben, sondern: sie glauben, was sie selbst erfahren, erlebt, erkannt haben. Sie <term type="Sachen" key="Glaube"><hi rend="italic">glauben</hi></term>! Da haben wir das große Wort. Das ewige Leben, zu dem ihr berufen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">seid</term>, ist das Leben des <term type="Sachen" key="Leben, des Glaubens">Glaubens</term>, und das, worauf es jetzt, und nicht nur heute, sondern für euer ganzes Leben, ankommt, das ist, dass ihr anfanget und immer besser lernet zu <hi rend="italic">glauben</hi>. |</p>
                <p>Und nun lasst mich’s euch noch einmal mit aller Energie in Erinnerung rufen, was das heißt: glauben. <term type="Sachen" key="Glauben">Glauben</term> heißt nicht: mit seinem <term type="Sachen" key="Verstand">Verstand</term> und Kopf annehmen, dass allerlei, was man euch gesagt, <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> sei. Sondern Glauben heißt: Inwendig umgekehrt sein, so dass aus dem alten, borstigen, selbstsüchtigen, faulen <term type="Sachen" key="Mensch, alter">Menschen</term> ein <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> und <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolger</term> Jesu Christi geworden ist und täglich neu wird. Das ist Glaube und nichts Anderes. Denn es kann einer denken und sagen: es ist wahr, dass es einen Gott gibt, es ist wahr, dass <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> für mich gelebt hat und <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">gestorben</term> ist, und es hilft ihm gar nichts, dass er so denkt und redet, er ist doch ein Ungläubiger, denn es fehlt seinem <term type="Sachen" key="Leben, inneres">innern</term> und äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Leben</term> die Ähnlichkeit mit dem Bilde Christi. Und es kann umgekehrt ein anderer denken und sagen: Mein Kopf und Verstand wehren sich gegen jene Dinge, die ich für wahr annehmen soll. Aber sein Leben, seine Denk- und Fühlweise, sein <term type="Sachen" key="Charakter">Charakter</term>, seine Wirksamkeit sind tatsächlich Abbilder des Lebens Jesu. Ich sage euch, dieser steht vor Gott gerecht da <hi rend="italic">vor</hi> jenem [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.14">Lk. 18,14</ref>]. Lasst in dieser Stunde alles Fragen nach dem, was wahr und nicht wahr ist an den Gedanken über Gott, die ihr in eurem bisherigen <pb xml:id="p165" ed="pga"/> Leben und auch in unserm <term type="Sachen" key="Konfirmandenunterricht">Unterricht</term> kennengelernt habt.<note xml:id="n06">Dieser Satz ist im <ref corresp="A">Mskr.</ref> mit einer mit Bleistift gezogenen Schlängellinie unterstrichen.</note> Ob ihr sie annehmt oder nicht, das ist vorderhand wirklich ganz gleichgiltig. Sondern <hi rend="italic">darauf</hi> kommt’s an, dass ihr euch klipp und klar die Frage stellt: Soll Jesus, seine Denkweise, seine Willensart in meinem Leben gelten oder nicht? Ja oder <term type="Sachen" key="Ja oder Nein">Nein</term>. Wo’s Ja heißt, und wenn’s noch so bescheiden und zaghaft wäre, da ist der <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term>. Wo’s Nein heißt oder wo man zu träge ist, sich diese Frage zu stellen, da ist der <term type="Sachen" key="Unglaube">Unglaube</term>. Wenn’s also darauf ankommt, dass Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> sich abdrückt in unserm Leben, wie ein Stempel im weichen Wachs, dann ist vor Allem das die Art des Glaubens, dass wir mit einer großen innern <term type="Sachen" key="Freude">Freudigkeit</term> und Sicherheit durch unser Leben gehen, weil wir das ruhige Zutrauen haben, dass Alles, was uns äußerlich widerfahren kann, aber auch das Auf- und Abwogen unsrer innern <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term>, nicht das Spiel eines <term type="Sachen" key="Schicksal">Schicksals</term> oder <term type="Sachen" key="Zufall">Zufalls</term> ist, sondern uns zum <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> dienen muss, weil es eine Handlung <term type="Sachen" key="Gott, handelt in unserm Leben">Gottes</term> in unserm Leben ist. Dies Zutrauen ist dann nur ein anderes Wort dafür, dass wir Gott <term type="Sachen" key="Gehorsam">gehorsam</term> sein, dass wir den guten Weg des rechten <term type="Sachen" key="Leben, rechtes">Lebens</term> gehen wollen, ohne uns durch Zwischenfälle, die von außen oder innen kommen, das Konzept verderben zu lassen. Der Weg des rechten <term type="Sachen" key="Leben, Weg des rechten L.">Lebens</term> aber, den ich eben nannte, wird der Weg der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> sein, auf dem man zuerst an die Andern und dann an sich denkt. Das ist die goldene Regel des <term type="Sachen" key="Glaube, Goldene Regel des G.">Glaubens</term>. Denn Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wesen">Wesen</term> war die Liebe zu den andern, und man kann nicht an ihn glauben, sein <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> sein, ohne getränkt und erfüllt zu sein von dieser Liebe, die nicht das Ihre sucht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.5">1.Kor. 13,5</ref>]. Seht, meine lieben Konfirmanden, wenn ihr von diesen beiden Seiten der Sache etwas gemerkt und erkannt und erfahren und erlebt habt, wenn ihr in euch etwas verspürt von der Sicherheit des Zutrauens zu Gott und wenn man euch etwas anspürt von der Liebe, die im Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> gilt, wenn es euch ist: ja, in dieser Richtung will ich nun marschieren, hier muss irgendwo das Ziel meines <term type="Sachen" key="Lebensziel">Lebens</term> liegen, dann steht ihr jetzt am Anfang des <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term>, am Anfang eures <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngerberufes</term>, dann dürft ihr uns nachher frei und fröhlich mit «Ja» antworten. Mehr verlangt Gott nicht von euch in dieser Stunde und in dieser eurer jetzigen Lebensperiode.</p>
                <p><pb xml:id="p166" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber eins müsst ihr euch nun recht klar machen. Der bescheidene Anfang eures Glaubens, mit dem ihr jetzt hieher gekommen seid – und unser aller Glaube ist solch ein bescheidener Anfang –, er soll euch eine ernsthafte und große Sache sein. Ich habe euch schon gesagt, dass ihr in das ewige Leben, zu dem ihr berufen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">seid</term>, nicht hineinschlendern könnt. Ich füge jetzt hinzu, dass man auch nicht hineinlaufen kann. Sondern wer hinein will, der muss sich hineinkämpfen. <hi rend="italic">Kämpfen!</hi> Da haben wir das, womit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in der Ermahnung an seinen Schüler <persName ref="kbga-actors-4503">Timotheus</persName> den Anfang gemacht hat: Kämpfe den guten Kampf des <term type="Sachen" key="Glaube, guter Kampf des Glaubens">Glaubens</term>! hat er ihm geschrieben. Freundlich und heiter und lockend hat es vorhin getönt: Du bist berufen zum ewigen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>, nun aber kommt’s wie scharfer Trompetenton dazu: Kämpfe! Als guter Freund hat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, guter Freund">Jesus</term> sich uns angeboten, um mit uns über das Feld unsres <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> zu gehen, nun verwandelt sich der Freund in den Feldherrn, der uns zuruft: Vorwärts! Marschieren, aber nicht nur marschieren, sondern Fechten!</p>
                <p>Wir haben in unserm Unterricht oft und viel von diesem guten Kampf des Glaubens geredet, wir haben gesehen, wie das nichts Leichtes und Selbstverständliches ist, ein <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu zu sein, wie wir’s da zu tun bekommen mit Feinden und Schwierigkeiten aller Art, mit der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, vor Allem mit unsrer eigenen und der der andern, mit dem <term type="Sachen" key="Unglück">Unglück</term>, mit der Langeweile und Eintönigkeit des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>, mit dem Gefühl unsrer innern Schwäche. Das sind alles Dinge, die in der Zukunft an keinem von euch ganz fehlen werden, und wenn ihr euch darüber freuen dürft, dass ihr berufen seid zum ewigen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">Leben</term>, so sollt ihr euch auch klar sein darüber, dass ihr berufen seid, kämpfend in das ewige <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> einzugehen.</p>
                <p>Dass dem so ist, das würden euch eure Eltern und jedermann, der schon etwas Erfahrung vom <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> und vom ewigen Leben hat, bestätigen können. Ich will jetzt nichts ins allgemeine über diese ungeheure Frage reden, sondern nur zwei Dinge euch zur Überlegung und Beherzigung in Erinnerung rufen.</p>
                <p>Das Erste ist eine Regel über die Art, wie man den Feind findet. Das ist im <term type="Sachen" key="Krieg">Krieg</term> eine sehr wichtige Frage. Es ist schon manche Schlacht verloren gegangen, nicht weil man geschlagen wurde, sondern weil man den Feind nicht fand und ins Blaue hinauslief. Und so ist schon mancher im Kampf des <term type="Sachen" key="Glaube, Kampf des G.">Glaubens</term> und des rechten <term type="Sachen" key="Leben, rechtes">Lebens</term> verun<pb xml:id="p167" ed="pga" break="no"/>glückt, nur weil er nicht merkte, was ist eigentlich das Hindernis, mit dem ich’s zu tun habe. Er rostete innerlich ein, er kam zu keinem <term type="Sachen" key="Friede, der Seele">Frieden</term> der Seele und zu keinem erfreulichen Verhältnis zu den <term type="Sachen" key="Mensch, Mitmensch">Menschen</term> und wusste nie recht: wo fehlt’s? Er suchte den Fehler bei Gott oder beim <term type="Sachen" key="Schicksal">Schicksal</term> oder bei den Menschen oder bei den Umständen, und nun kämpfte er wohl und schlug um sich, aber er glich dem Ritter <persName ref="kbga-actors-10266">Don Quichote</persName> von der spanischen Sage, er kämpfte gegen Windmühlen, während er gegen seinen Feind zu kämpfen glaubte.<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5043"><persName ref="kbga-actors-9226">M. de Cervantes Saavedra</persName>, <hi rend="italic">El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha</hi> (1605/15), dt. unter dem Titel: <hi rend="italic">Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha</hi>, übers. von L. Braunfels, München 1956</bibl>, dessen Titelheld vor allem aufgrund dieses Kampfes gegen die Windmühlenflügel zum «Sinnbild des weltfremden Kämpfers für das Gute und Edle, der an der harten Wirklichkeit scheitert», wurde (<bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 293</bibl>).</note> Seht, jeder Mensch ist in seinem <term type="Sachen" key="Lebenskampf">Lebenskampf</term> eine Zeitlang ein solcher <persName ref="kbga-actors-10266">Don Quichote</persName> und mancher bleibt es sein Leben lang. Ich will euch sagen, wie man darüber hinweg kommt: Indem man die Regel befolgt, den Feind so nahe als möglich bei sich selbst zu suchen. Solange du meinst, Gott sei schuld oder die <term type="Sachen" key="Mensch, Mitmensch">Mitmenschen</term> oder dies und jenes daran, dass es bei dir inwendig nicht stimmen will, solange marschierst und kämpfst du ins Blaue hinein, du wirst nur müde werden. Dagegen wird die Sache ungemein praktisch und einfach, wenn du einmal gemerkt hast, dass der Feind und das Hindernis unendlich nahe bei dir selber ist, dass du sie nicht außer dir suchen musst, sondern drinnen in dem verborgenen Labyrinth deiner eigenen <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term> und Neigungen. Da sitzt ein anderer Mensch vor dir selbst sozusagen: der will faul sein und oberflächlich und liederlich, der wehrt sich mit einer Kraft gegen den Anfang des <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term> in dir, wie kein äußeres Hindernis sie hätte. Ja, er mag von außen gestärkt werden durch schlechten Umgang oder schlechte Lektüre z. B., und diese Verstärkung musst du ihm dann abschneiden; aber die Hauptsache ist doch immer, dass er selbst will, nämlich faul sein und all das andre; und wenn etwas bekämpft und geschlagen werden muss, dann ist’s dieser Andre in dir, den du ja ganz gut kennst. Sieh ihm ins Auge, lerne ihn so recht kennen in all seinen Eigenschaften, mit all den Hinterlisten, die er anzuwenden weiß, und der Kampf des <term type="Sachen" key="Glaube, Kampf des G.">Glaubens</term> ist bereits zur Hälfte gewonnen. |</p>
                <p><pb xml:id="p168" ed="pga" rend="noPipe"/>Das Zweite, was ich euch sagen wollte, ist die Regel wie man den Feind, wenn er gefunden ist, besiegen kann. Die Regel ist wieder sehr einfach, und sie lautet: angreifen! Das hat schon der große <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> so gemacht<note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-292">Napoleon Bonaparte</persName> hatte auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schon von früher Kindheit an Eindruck gemacht: Seine «grundlegende und oft wiederholte Lektüre galt <persName ref="kbga-actors-298">Niemeyers</persName> ‹Heldenbuch›, einer blutrünstigen Schilderung der Kriege gegen den nicht genug zu verurteilenden ‹Buonaparte› aus dem Jahre 1818» (Lebenslauf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> vom <date when="1927-03-27">27.3.1927</date>, geschrieben für das Münsteraner Fakultätsalbum [Abschrift: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 11016</idno>]). Gemeint ist: <bibl corresp="kbga-bibls-1447"><persName ref="kbga-actors-298">Chr. Niemeyer</persName>, <hi rend="italic">Heldenbuch. Ein Denkmal der Großthaten in den Befreiungskriegen von 1808–1815</hi>, Leipzig 1818<hi rend="sup">3</hi></bibl>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 27</bibl>.</note> und, wenn’s gegen den bewussten Gesellen in eurem Innern geht, dann soll jeder von euch ein kleiner <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> sein, der sich vom Feind nicht aufsuchen und angreifen lässt, sondern der ihn aufsucht in seinen Schlupfwinkeln und sich daran macht, ihm den Meister zu zeigen. Das habt ihr ganz sicher auch schon gemerkt, dass es einen großen Unterschied ausmacht, ob ihr euch z. B. sagt: wir wollen sehen, ob ich heute Nachmittag faul oder fleißig sein werde, oder ob ihr euch sagt: Ich weiß wohl, dass da einer in mir ist, der jetzt gerne faul wäre, aber daraus wird nichts, da gibt’s nichts zu sehen und abzuwarten, sondern ich werde jetzt nicht faul sein. Das Erste heißt: sich angreifen lassen, und ihr wisst, wie es herauskommt. Das Letztere heißt angreifen, und so gewinnt man die Schlacht. Oder es macht einen großen Unterschied, ob ihr denkt: ich habe diese oder jene dumme oder schlechte Neigung, aber es ist ja noch lange kein Laster, und bis dahin kann man sie gewähren lassen. Es ist dann noch Zeit genug, sich zu wehren. Das heißt, sich angreifen lassen, und so bekommt man Schläge. Das Andere und Bessere wird sein, die Neigung anzugreifen, bevor sie ein Laster geworden. Und nun wendet das an auf alle Seiten jenes andern Menschen in euch, der der eigentliche Feind des Glaubens ist. Packt ihn bei seiner <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>, <hi rend="italic">bevor</hi> Stumpfsinn daraus geworden, packt ihn bei seiner <term type="Sachen" key="Gedankenlosigkeit">Gedankenlosigkeit</term>, <hi rend="italic">bevor</hi> Lieblosigkeit daraus geworden, bei seiner Gefallsucht, <hi rend="italic">bevor</hi> sie zur <term type="Sachen" key="Eitelkeit">Eitelkeit</term> ausgewachsen ist. Erklärt der Beschränktheit den Krieg, bevor sie Zeit gefunden, sich zur <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>, der Mutter aller <term type="Sachen" key="Selbstsucht, Mutter aller Sünden">Sünden</term>, auszuwachsen. Seht ihr, das heißt Angreifen, und ich glaube, wenn ihr diese Regel befolgt, so ist dann der Kampf des <term type="Sachen" key="Glaube, Kampf des G.">Glaubens</term> auch zur andern Hälfte gewonnen.</p>
                <p><pb xml:id="p169" ed="pga" rend="noPipe"/>So, meine lieben Freunde, das war’s, was ich euch heute noch einmal sagen wollte. Ihr sollt jetzt mit dem «Ja» eures <term type="Sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnisses</term> in die <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> der erwachsenen, bewussten <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu aufgenommen werden. Seht und versteht ihr, was das heißen will? Seht ihr das Ziel, das ewige Leben, zu dem ihr berufen <term type="Sachen" key="Berufung, zum ewigen Leben">seid</term>? Seht ihr den Meister, der uns den Weg zu diesem Ziel vorangegangen, der uns den Weg dahin aufgetan hat? Seht ihr den Kampf und seine Aufgabe, der euch bevorsteht, wenn ihr diesen Weg mit ihm gehen wollt? Ich habe euch das Alles nach bestem Verstehen <hi rend="italic">zeigen</hi> können, das <hi rend="italic">Sehen</hi> selbst konnte ich euch nicht abnehmen, und so kann ich euch auch heute die Antwort und den Entschluss nicht abnehmen, wo es sich darum handelt, ob ihr selbst sehet und sehen wollet.</p>
                <p> Gott, der ein Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term> ist, wolle in dieser Stunde eure Herzen erleuchten und er, der Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Kraft">Kraft</term>, wolle mit euch sein, wenn ihr nun zu uns tretet auf den Weg, der der Weg ist zum Vaterhaus.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-122">Nr. 171: «Liebster Jesu, wir sind hier» von <persName ref="kbga-actors-2169">T. Clausnitzer</persName>, Strophen 1–3 (RG 159; EG 161).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-71">Nr. 250: «Wenn ich ihn nur habe» von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName>, Strophen 1.2.4.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">Nr. 294: «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName>, Strophen 1 u. 7 (RG 812, 1.6; EG 385, 1.6).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
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                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.14 Mt.25.30">Mt. 25,14–30</ref></item>
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