Was in diesen paar Worten gesagt ist, das habe ich schon erfahren. Und ich bin sicher, dass die Meisten von euch es so oder so auch schon erfahren haben: Ihre Augen wurden geöffnet, und sie erkannten ihn – und er verschwand vor ihnen. So geht’s zu, wenn Gott mit uns redet, wenn er unsern Verstand erleuchtet, unser Gewissen antreibt, unser Herz entzündet: Wir sehen, wir erkennen, und er wird unsichtbar, er verschwindet wieder vor uns. Eigentlich müsste es nicht so sein, dass wir Gottes Stimme nur so dann und wann zu uns reden hören. Bei Jesus ist es nicht so gewesen, er hat ihn immer gehört, er lebte, webte und war in Gott [vgl. Act. 17,28] und seinem verborgenen Wort. So müsste es bei uns auch sein. Aber es ist eben nicht so. Wir hören ihn gleichsam nur in abgerissenen Sätzen: Hier ein Anstoß zum Glauben, hier eine Weckung der Liebe, dort eine Unterstützung und Kräftigung der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13]. Dann kommen wieder andre Klänge: die Gedanken und Sorgen des Lebens, die Zwischenreden der Mitmenschen, die wechselnden Gefühle und Stimmungen unsres eigenen Innern. Da heißt’s denn auch alle Augenblicke wieder: Und er verschwand vor ihnen. Oft, wenn’s gerade am Schönsten wäre, wenn wir gerade denken, das Höchste ergriffen zu haben. Das sind immer kritische Momente in unserm Leben, und es kommt viel darauf an, dass wir verstehen, was sie uns zu sagen haben. Manche Menschen erleben sie und merken kaum, was mit ihnen und in ihnen vorgegangen ist. Manche erleben sie und merken es wohl, dass Gott jetzt wieder verschwunden ist, aber sie nehmen das so hin, als ob es selbstverständlich wäre, wie sie sich längst an den selbstverständlichen Wechsel von Sonntag und Werktag gewöhnt haben. Und wieder andre erleben sie und merken, was vorgeht, und das Herz blutet ihnen darüber, es ist |130 ihnen jedes Mal zumute wie bei einer Katastrophe, wenn die Weihestunden, in denen Gott zu ihnen geredet hat, wieder auslaufen in das nüchterne Einerlei des Alltags. Wir beneiden die ersten nicht um ihre Gefühllosigkeit und Ruhe. Wer kaum etwas davon merkt, was das heißt: er verschwand vor ihnen, dem ist kaum ein sehr lebhaftes und großes Bild oder Wort Gottes vor der Seele gestanden, sonst könnte er nicht einfach gelassen sein, wenn es wieder verschwindet. Und darum wird auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweiten die Sache hinnehmen, kaum das Rechte sein. |
Es gibt doch schwerlich etwas Dürftigeres und innerlich Haltloseres als die Art vieler Menschen, dem lieben Gott so am Karfreitag oder Ostern oder auch sonst ab und zu im schwarzen Rock einen Besuch zu machen, ihn scheinbar rasch zu Worte kommen zu lassen, um dann wieder zur Tagesordnung des gewohnten Kehrums von Arbeit und Vergnügen überzugehen, als ob es sich von selbst verstünde, dass es, wenn die Festtage vorbei sind, bei ihnen ganz deutlich heißt: und er verschwand vor ihnen. Aber so sicher das Alles oberflächlich und töricht ist, so sicher empfinden wir doch wohl, dass auch das Dritte nicht das Richtige sein kann, dass wir händeringend dastehen, 1-kraftlos wie vor einer Katastrophe-1, wie ein Kind vor seinem zerbrochenen Spielzeug, in den Stunden, wo die großen, innern Erlebnisse aufhören, wo Gott seinen Mund scheinbar schließt, wo wir dastehen wie vor einem niedergefallenen Vorhang im Theater, der der Fülle der Gesichte2, die noch eben auf uns eindrang, ein Ende macht. Sicher ist es höher und besser, wenn uns das Herz darüber wehtut, als wenn wir es gleichgiltig oder selbstverständlich über uns ergehen lassen. Aber das Höchste und Beste ist es noch nicht. Und weil die gleichgiltigen und selbstverständlichen Christen, die es gelassen und füglich hinnehmen, dass am Ostermontag Gott wieder verschwindet vor ihnen bis zum Bettag oder bis zur nächsten Ostern, weil sie heute doch nicht hier sind, wollen wir uns nicht lange aufhalten damit, auszu|131machen, was dieses Verschwinden Gottes für sie bedeutet, sondern gleich versuchen, vom Bessern zum Besten, vom Hohen zum Höchsten vorzudringen, also von den schmerzlichen und wehmütigen Gefühlen zu dem besondern Wort Gottes, das er gerade damit an uns richtet, dass er oft scheinbar schweigt und uns allein lässt, dass wir auch, wenn wir ihn mit allem Ernst gesucht und mit aller Freude gefunden haben, so oft wieder die Erfahrung machen müssen: er verschwand vor ihnen. Denn es ist ein besonderes Wort Gottes an uns auch in dieser Erfahrung verborgen, und wir müssen uns nur die Ruhe nehmen, es zu entdecken. |
Dazu kann uns von vornherein die Tatsache Mut machen, dass auch die Jünger Jesu in den Stunden und Tagen, wo sie das Höchste erlebt haben, nämlich die Auferstehung des Herrn, mehr als einmal diese Erfahrung gemacht haben. Sie sind davon gewiss auch schmerzlich und wehmütig berührt gewesen, aber wir sehen auch deutlich, dass der Schmerz und die Wehmut bei ihnen nicht das Letzte gewesen sind. Sie erzählen selbst – in unserm Textwort sind es die zwei, die nach Emmaus gegangen sind –, dass die Erscheinung Jesu des Auferstandenen plötzlich aufgehört habe, verschwunden sei, als ob Alles, was sie erlebt, bloß eine Einbildung, eine Halluzination ihrer aufgeregten Sinne gewesen sei – aber wir merken dann doch wieder ihrem ganzen späteren Verhalten an, dass dies Verschwinden nicht das Letzte war, dass Jesus bei ihnen blieb in einem viel höheren und besseren Sinn, als sie es vorher vielleicht gewünscht. Gewiss und mit Recht werden wir es also als etwas Abnormes, als etwas, was nicht so ist, wie es sein sollte, empfinden, wenn wir die Erfahrung machen, dass unsre Gotteserlebnisse oft in so unerfreulicher Weise aufhören, dass Gott gleichsam schweigt und unsichtbar wird vor unsern innern Augen und Ohren, dass wir mitten aus der Offenbarung, die uns noch lange nicht zu Ende scheint, wieder auf die nüchterne, nichtssagende Straße des Lebens gestellt werden, aber wir dürfen auch in diesem Fall wissen, dass Gott der Herr auch das Abnorme, das, was nicht ist, wie es sollte, das Unerfreuliche in der Hand hält und nach seinem Willen braucht, der ein guter Wille ist. Diese Erfahrung haben die Jünger von Emmaus gemacht, und wir dürfen sie auch machen.
132* * *
Zuerst heißt es, dass ihre Augen geöffnet wurden. Was das heißen will, davon haben wir in den Passions- und Ostertagen geredet. Die Erkenntnis kam über sie, dass der gekreuzigte Christus nicht ein Unterlegener, sondern der Sieger war. Vorher, am Abend des Karfreitags, an jenem Samstag, der dazwischen lag, am Morgen des Ostersonntags, während bereits unter manchen Jüngern und Jüngerinnen andere Stimmen laut wurden, und noch auf ihrem Gang nach Emmaus hinaus war es jenen Zweien zu Mute gewesen, wie wenn jetzt Alles zu Ende sei. Jesu Lebenswerk lag zerschmettert am Boden. Die vorher Gläubige gewesen, waren jetzt zu mutlosen Zweiflern geworden, und die Zweifler gewesen, zu offenen Feinden und Verächtern. Die kleine Schar der Freunde war zersprengt, der Leib Jesu ins Grab gelegt. Wie war’s mit dem Reich Gottes? Kein Engel war vom Himmel gekommen, um zu hindern, was geschehen, kein Naturereignis hatte die Ungläubigen verschlungen, bevor sie triumphierten. Es ist vollbracht, so dachten wohl auch jene zwei, aber in anderem Sinn als Jesus: es ist zu Ende, es ist vorbei, unsre Hoffnungen und Ideale sind gescheitert. Und nun ist auch über sie das Ostererlebnis gekommen, von dem sie am Morgen kopfschüttelnd die stammelnden und verworrenen Berichte der Frauen angehört hatten. Das Resultat jenes Nachmittags war für sie das direkte Gegenteil seines Anfangs. Sie kommen zur Erkenntnis: was da geschehen ist, das ist ja nicht das Ende, sondern der Anfang. Christus hat freilich gelitten, aber musste
leiden, damit Gottes Wille erfüllt werde. Was scheinbar ein Sieg der Sünde ist, das ist ja der Sieg Gottes. Und darum heißt’s jetzt nicht: aus und fertig mit der Welt, mit dem Guten, mit all dem, was Jesus in uns geweckt und angeregt, sondern: vorwärts und hinein ins Reich Gottes, das gerade durch diesen scheinbaren Untergang unvertilgbar begründet ist. Denn dieser Jesus hat mit seinem Tod ein für alle Mal gezeigt und offenbart, was Leben ist. Etwas Größeres hätte er gar nicht vollbringen können, als so zu enden. Indem er nach unsrer Meinung die Beute des Todes und der Vergänglichkeit wurde, hat er uns Leben und Unvergänglichkeit gebracht, indem er nach unsrer Meinung der Sünde, dem Bösen erlag, hat er den Weg zu Gott für uns gebahnt und aufgetan. Und darum ist dieses Sterben ein Schein gewesen,3 wir spüren’s ja, |133 wie dieser Gekreuzigte lebt und wie uns selbst sein Leben erfasst. Wir legten ihn mit Tränen nieder,4 aber angesichts dessen, was auf Golgatha geschehen, müssen die Tränen versiegen. Wir seufzten mit ihm unter der Macht der Sünde, an der wir uns mitschuldig wussten, aber sein Leiden unter der Sünde, sein Gehorsam und seine Liebe, die er gerade darin bewiesen, hat ja die Macht der Sünde, unsrer Sünde gebrochen. Indem er zu Grabe ging, hat er die Herrschaft des Grabes zerstört. Der Tod ist nicht das letzte Wort in einer Welt, die diesen Tod gesehen. Hölle, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? [1.Kor. 15,55] Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben in Jesus Christus [1.Kor. 15,57], in dem gekreuzigten Christus. Er ist auferstanden, er lebt, er wirkt, sein Gehorsam und seine Liebe haben uns nun endlich, endlich ergriffen und besiegt. Unsre Augen sind geöffnet, wir erkennen ihn! |
Ich sage, das war das innere Resultat jenes Nachmittags für die Zweie, und damit sind sie umgekehrt nach Jerusalem, um es den Andern zu sagen, wie ein Bächlein dem Strome zueilt, dem Strome des Christusevangeliums, der nun bald hervorbrechen sollte, um alle Welt zu überfluten, um das dürstende Land zu befruchten. Wie wir uns das Erlebnis im Einzelnen zu denken haben, das jene Zwei wie vorher und nachher die andern Jünger Jesu zu diesem Resultat geführt hat, das werden wir nie ausmachen können. Das Evangelium erzählt uns anschaulich, dass Jesus selbst auf dem Wege zu ihnen getreten sei, mit ihnen geredet und sich mit ihnen zu Tische gesetzt habe. Aber wenn es berichtet, dass die Jünger ihn zuerst gar nicht, sondern erst im letzten Moment erkannt hätten, wenn wir weiter auf dieses plötzliche Verschwinden achten, so legt es uns selbst nahe, uns den Vorgang als ein Ereignis von der Art zu denken, wie wir sie in der ganzen Bibel finden, wo Menschen etwas Außerordentliches mit Gott erlebt haben, nämlich menschlich gesprochen als ein Gesicht, als eine Vision, göttlich gesprochen als eine Offenbarung. Sie haben nicht nur an Jesus gedacht und sich nicht bloß seiner erinnert, sondern sie haben ihn mit Augen gesehen. Die Umwandlung und Neuschöpfung, die sich in ihrem In|134nern vollzog, die Erkenntnis Christi, des Gekreuzigten, setzte auch ihre leiblichen Sinne in Bewegung. Und was sie sahen, den lebendigen Jesus, das begründete und bestärkte wieder ihre innere Erkenntnis. Sie sahen ihn, nicht wie ich hier euch sehe oder ihr mich – ein Kaiphas oder Pilatus hätten lange auf jener Straße gehen können, sie hätten ihn nicht gesehen –, sondern so wie Jesajas den Thron Gottes gesehen hat [vgl. Jes. 6,1–4], so wie später Paulus vor Damaskus den Gekreuzigten gesehen hat als den Auferstandenen [vgl. Act. 9,1–6]. Es war ein Schauen in der Verzückung und Begeisterung, wie es Menschen zu allen Zeiten in den großen Stunden ihres Lebens erlebt haben. Und es war ein Schauen in Wahrheit, so sicher das, was damals in ihrem Innern vorging, Wahrheit war: das Aufgehen ihrer Augen, die Erkenntnis, dass Christus, der Gekreuzigte, der Weg zum Vater sei [vgl. Joh. 14,6], das Ergriffenwerden von seiner Kraft und von seinem Wesen. Das war das Erlebnis der Jünger von Emmaus, wie es ähnlich das Erlebnis aller Jünger in jenen Ostertagen gewesen ist, wie es einige Jahre später Paulus noch erlebt hat. Es war eine Revolution radikalster Art, die sich in ihnen vollzogen hat. Gott hat da eingegriffen in ihre Lebensgeschichte, wie es nicht alle Tage der Fall ist, nicht durch einen magischen Zauberschlag, sondern indem er das Bild des gekreuzigten
Nazareners in ihren Seelen durchdringen, in ihrem Denken, Handeln und Fühlen Gestalt gewinnen ließ. Paulus hat später diese Revolution in feurigen Zungen beschrieben: Ist jemand in Christo, sagt er, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden [2.Kor. 5,17]. Und ein andermal: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir [Gal. 2,20]. Das war das Ostererlebnis der Männer des Neuen Testaments, sage ich. – |
Ich würde mich hüten, ohne Weiteres hinzuzufügen: Dieses Erlebnis habe ich auch gemacht, oder euch zu sagen, dass ihr es auch schon gemacht habt oder noch machen werdet. Von einem Augustin oder Luther könnte man es sagen, aber nicht von den Meisten von uns. Wir erleben den innern Vorgang, dass Christus von uns Besitz ergreift, in einer unendlich viel matteren, farbloseren Form. Wir sind dabei angewiesen auf die Stärkung und Belebung, die auf uns ausgeht von den Erlebnissen jener Größeren und Stärkeren und Lebendigeren, als wir es sind, und merken dabei, wie nötig wir immer wieder die Bibel und die Geschichte überhaupt haben. Aber wenn wir uns so bescheiden in |135 den Hintergrund stellen vor den einzigartigen Erfahrungen, die größere Zeiten und Menschen als die unsrigen und wir aufzuweisen haben, so bleibt es Gott sei Dank doch dabei: Wir erleben in unsrer Weise auch, was sie erlebt haben, dass uns die Augen aufgehen, dass wir Christus erkennen und von Christus ergriffen werden. Ich glaube, wenn wir uns das vor Augen halten, was die Jünger Jesu von Karfreitag bis Ostern erlebt haben, so dürfen wir ein Ostererlebnis und darum eine Stimme Gottes, eine Tat Gottes in unserm Leben überall da erkennen, wo sich etwas, was uns traurig gemacht hat, in eine Quelle des Lebens und der Freude verwandelt, wenn es bei uns in irgend einem Sinn Nacht geworden ist und wenn uns dann in der Nacht das ewige Licht aufgeht, das wir am heitern Tage nicht wahrgenommen hätten. Jesu Seligpreisungen aus der Bergpredigt sind in dieser Hinsicht die allerwirksamste Osterbotschaft und die einfachste Anweisung für uns, das Ostererlebnis auch zu machen. |
Ich darf jetzt an die Reihe von Betrachtungen erinnern, in der wir uns mit diesen Worten beschäftigt haben.5 Wir sahen dabei jedes Mal im Grunde dasselbe: Das Leben führt uns äußerlich und hauptsächlich innerlich in Lagen, die uns nicht gefallen. Wir müssen erkennen, dass wir an Geist, an höherem persönlichem Wert nicht reich, sondern arm sind. Wir werden entblößt von dem, was die Menschen und wir selbst Glück nennen. Wir verlieren den Mut, uns aufrichtig und trotzig hinzustellen in ungebrochenem Selbstbewusstsein. Wir erblicken ein ewiges Ideal von Güte und Wahrheit, aber indem wir es erblicken, müssen wir uns sagen, dass wir unheilbar von ihm entfernt sind. Wir müssen es erfahren, dass der Stumpfsinn und die Bosheit der andern Menschen auch unserm besten Streben Schranken auferlegt, dass der Gerechte verfolgt werden muss, und wenn wir der Sache auf den Grund gehen, entdecken wir, dass wir selber mit schuld sind an diesem Zustand, dass wir selber die Wahrheit durch Ungerechtigkeit darniederhalten [vgl. Röm. 1,18] und uns über die Verfolgung nicht einmal so sehr beklagen dürfen. Das sind Karfreitagserkenntnisse, das sind Erfahrungen, die uns bald mit Donnerstimme, bald mit leisem, boshaftem Geflüster einzureden scheinen, dass uns das Reich genommen ist, wo Fried und Freude lacht.6 |
136Aber nun hat Jesus vor alle diese Erfahrungen ein Selig! gesetzt. Das versetzt uns zunächst in starre Verwunderung, in ungläubiges Kopfschütteln, gerade wie es zunächst den Jüngern von Emmaus gegangen ist gegenüber der Erkenntnis, dass das Kreuz Christi seine Auferstehung sei, dass er leiden musste, um in seine Herrlichkeit einzugehen [vgl. Lk. 24,26]. Aber wir sind auch bei der Betrachtung aller jener traurigen und dunklen Erfahrungen auf die geheimnisvolle Wahrheit gestoßen, dass der Weg des Lebens, der aufwärts führt, zunächst in ein Tal geht, dessen finstere Klüfte und Engpässe uns freilich mit den schlimmsten Befürchtungen erfüllen. Aber es ist wirklich der Weg des Lebens. Es war nicht eine Illusion von Jesus, wenn er alle jene erstaunlichen «Selig sind sie!» mit solcher siegesgewissen Bestimmtheit ausgesprochen hat. Unzählige, die auch keine Apostel und Reformatoren gewesen sind, sondern einfache, trockene Menschen wie wir, haben jene geheimnisvolle Wahrheit nicht nur erkannt, sondern erlebt. Sie sind geistlich arm geworden [vgl. Mt. 5,3], und indem sie allen geistigen Zierrat ihres Innern abgelegt, indem sie alles geistliche Flügelschlagen gründlich verlernt haben, haben sie das Himmelreich gefunden. Sie haben Leid getragen [vgl. Mt. 5,4], aber sie haben im Leid die wirksame Güte Gottes erfahren, ihr Schmerz ist ihnen zur Herrlichkeit geworden, weil er sie vorwärts geführt hat. Sie sind zusammengebrochen in ihrem Selbstbewusstsein, aber dieser Zusammenbruch war die Aufrichtung ihres Gottesbewusstseins, ihres Lebens. Sie haben gehungert und gedürstet nach Gerechtigkeit, aber hungernd und dürstend sind sie satt geworden [vgl. Mt. 5,6]. Sie haben Verfolgung erlitten um der Gerechtigkeit willen [vgl. Mt. 5,10], aber sie sind dadurch Gottes Mitarbeiter geworden an der Erlösung der Welt. Das alles sind Ostererlebnisse, von denen wir nicht nur hören und lesen, die wir nicht nur bewundern und uns daran erbauen, sondern die wir machen können. Es ist die wunderbare und vor Gott doch so einfache Verwandlung der traurigen Erfahrung in eine Le|137bens- und Freudenerfahrung. Es ist bei uns wie bei den Jüngern Jesu eine völlige Umkehrung unsrer gewöhnlichen Betrachtungsweise – mehr als das: eine Revolution, eine Umwertung aller Werte7. In diesem Vorgang ergreift Christus Besitz von uns, wieder nicht unter magischen Zauberschlägen, sondern konkret und real und praktisch so, dass das Kreuz uns zur Auferstehung wird, «denn wenn wir so in seines Todes Bild hineingewachsen sind, so wird das auch mit seiner Auferstehung geschehen» [Röm. 6,5]. Und diese Verwandlung wird dann sofort zur Begründung eines neuen Lebensstandes. Alle jene Erfahrungen bestehen ja gerade darin, dass wir Anstöße empfangen, Gott zu suchen, den Menschen zu helfen, uns selbst zu verleugnen, zu beherrschen, zu erziehen. So sind die Jünger zu Aposteln geworden, und so werden wir aus Menschen zu rechten Menschen. Aber das wird bei uns wie bei ihnen so zugehen, dass uns einmal oder auch mehrmals, aber eben nicht alle Tage, in einzelnen Momenten und Wendepunkten die Erkenntnis aufgeht wie ein Blitz, was es mit unsern scheinbar traurigen Erlebnissen in Wirklichkeit auf sich habe, dass aus den dunkeln Erfahrungen das Licht des Selig sind sie! in all seiner Erstaunlichkeit und Herrlichkeit hervortritt. Das sind dann jedes Mal die Christuserscheinungen, die uns zuteilwerden. Mancher sieht sie auf dem Krankenbett, mancher an den Gräbern seiner Lieben, mancher in den Hindernissen und Niederlagen seiner Arbeit, mancher in den Erfahrungen, die er bei seiner Selbsterziehung macht. Das sind die Osterglocken, die Stimmen Gottes, die sich in unserm Leben vernehmen lassen, das Christusevangelium vom Kreuz, das eine Gotteskraft ist.
* * *
Aber nun geschieht es, dass diese Osterglocken, diese Stimmen Gottes plötzlich zu verstummen scheinen, dass das Christusevangelium in uns nicht mehr klingt, sondern nur noch nachklingt. Wird es verklingen? Werden unsre Ostererlebnisse zu den vielen Erfahrungen gehören, die erst mächtig tönend schallten, dann aber wie alles Irdische nicht bestehen, sondern verhallen?8
138Bei den Jüngern in Emmaus ist gerade in dem Moment, wo die Ostererkenntnis in ihnen endgiltig und kräftig durchbrach, das Ereignis eingetreten, das das Evangelium mit dem kurzen Wort beschreibt: Und er verschwand vor ihnen. Wie wir uns auch ihr Erlebnis im Einzelnen denken wollen, ob es äußerlicher und greifbarer oder innerlicher und geistiger Art gewesen ist – auf alle Fälle hat es aufgehört. Wir hören nichts Näheres darüber, was das für einen Eindruck bei ihnen erzeugt habe. Auf alle Fälle hat es eine starke Dosis von Enttäuschung in die Seligkeit des Erlebnisses, das sie eben gemacht, hineingebracht. Wunderbar! Im Moment, wo sie Jesus erkennen, wird er wieder unsichtbar. Musste es ihnen nicht zu Mute sein, wie einem Schiffer, der eben seinen Kahn im schützenden Hafen anlegen will – da ergreift ihn eine ungeheure, zurückflutende Welle und führt ihn wieder aufs offene Meer hinaus. War jetzt nicht plötzlich wieder Karfreitag geworden, jetzt, wo die Offenbarung aus, wo die Verzückung und Begeisterung des Erlebnisses zu Ende war? Wir wissen von jenen zweien, dass die Enttäuschung über dies Verschwinden jedenfalls nicht das Vorherrschende geblieben ist, auch nicht bei den andern Jüngern, die es gleichfalls erleben mussten, dass die Christuserscheinungen seltener wurden und schließlich aufhörten. Im Gegenteil: sie haben erkannt, dass Sinn und Ordnung in diesem Verschwinden war, und haben sich nur um so fester an den lebendigen Jesus gehalten, auch als es mit den Erscheinungen aus war. – |
Wir erfahren nun auch etwas von diesem Verschwinden, aber wir sind offenbar nicht sicher, wie wir damit fertig werden! Es ist etwas vom Schmerzlichsten und Rätselhaftesten in unserm Leben, dass jene einzelnen großen Momente, wo wir im Kreuz die Auferstehung erleben, wo die Seligkeit uns ergreift, die Jesus in der Bergpredigt schildert, eben nur einzelne Momente sind. Es leuchtet etwas in mir auf von dem Himmelreich, das denen beschieden ist, die geistlich arm sind, aber dann beginne ich plötzlich doch wieder zu leiden darunter, |139 dass ich so gar nicht reich bin. Ich ergreife die Hand, die mich im Leiden schlägt, als die Hand des Vaters, der es gut meint, aber indem ich mich daran freuen will, ist das Leid doch wieder da, und ich bin nicht selig. Ich werde satt im Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit, aber dann meldet sich doch wieder die sehnsüchtige Qual, die diesem Hungern und Dürsten von Natur innewohnt. Ich freue mich, Gottes Genosse im Leiden um Gerechtigkeit willen zu sein, aber dann meldet sich doch wieder ein Rest von Unbefriedigung darüber, dass ich unterliegen und nicht siegen soll. Ich habe da allemal den Auferstandenen gesehen, aber dann hieß es auch bei mir: er verschwand vor mir. Das Ostererlebnis, das ich mit meiner traurigen Erfahrung gemacht, hörte auf; der Schwung und die Erhebung, die meine Seele genommen, ließen nach, und die traurige Erfahrung blieb zurück als das, was sie war. Es schien wieder Karfreitag geworden und die Woge des Lebens flutete zurück, bevor ich festen Fuß gefasst. Nicht wahr, so ist es uns Allen schon mehr als einmal ergangen. Wie Vielen mag es gerade in den letzten acht Tagen im Stillen so ergangen sein: sie haben in der Karfreitags- oder Osterpredigt oder bei der Feier des heiligen Abendmahls etwas empfangen, was ihnen Freude und Antrieb war, eine Lösung und Erleuchtung für ihr Leben, aber dann ist die große Welle gekommen, und die frohe Botschaft ist wieder in weiter Ferne: Er verschwand vor ihnen. Es klingt noch etwas nach in ihnen, aber es droht zu verklingen. Was nun?
Da gilt es nun vor Allem Eines festzustellen: Grund und Ursache solchen Verschwindens müssen wir sofort bei uns selbst suchen. Uns steigt die bittere Frage auf die Lippen: warum sehe ich jetzt nichts mehr von der Güte Gottes in meinem Leben, wo ich sie eben zu sehen meinte? War denn Alles Illusion? Wir wollen diese Frage nicht an Gott richten, meine Freunde, sondern an uns selbst. Regte sich da nicht eben, als du die Hand nach der Seligkeit ausstrecken wolltest, etwas von deinem alten Menschen, etwas, was noch nicht mit Christus gestorben ist, ein Stück Eitelkeit oder Selbstsucht oder Lieblosigkeit oder Faulheit? Meinst du im Ernst, dass dein Ostererlebnis bestehen kann neben diesen Regungen? Ist’s nicht ganz in der Ordnung, dass es vergeht, wenn du die Voraussetzung, den Karfreitag, noch so ungründlich erlebt hast? Seht, wenn uns dies rätselhafte Verschwinden Gottes aus unserm Leben zu gar nichts anleiten würde als zu |140 diesen Fragen, so wäre es schon ein inhaltsreiches Wort Gottes an uns. – |
Es liegt aber noch mehr darin. Wir können wohl theoretisch sagen, dass es schön wäre, alle Tage beständig Ostern zu erleben, wie es den Jüngern geschah oder wie es uns geschieht in den großen Momenten, wo eine der Seligpreisungen Jesu auf uns zutrifft. Aber wenn wir vor dem stehen, so wie wir sind, müssen wir uns sagen, dass uns ein solch fortdauerndes Erleben gar nicht gesund wäre. Wir sollten freilich beständig auf der Menschheit Höhe wandeln, beständig in der Seligkeit des Gottschauens [vgl. Mt. 5,8]. Aber wenn uns das jetzt, da wir noch nicht reif sind dafür, durch ein Wunder widerführe, wir würden daran zu Grunde gehen. Und wenn wir’s künstlich zu erzwingen suchen, so würden wir gespreizte, unnatürliche, unglückliche Menschen. Ihr erinnert euch, wie Paulus einmal von sich sagt, ihm sei ein Dorn ins Fleisch gegeben, damit er sich der hohen Offenbarungen nicht überhebe [vgl. 2.Kor. 12,7].9 Das ist der weitere Sinn jenes Verschwindens, das uns ängstigt: es erzieht uns zur Demut, zur Vorsicht gegen uns selbst, die wir, so wie wir sind, sehr nötig haben. – |
Es erzieht uns, sagte ich eben. Das führt uns auf etwas Weiteres. Unser Leben, auch unser neues Leben, das im Kreuze erweckt worden ist, ist nicht ein Zustand, sondern eine Entwicklung, und zwar eine Entwicklung, die wir uns vielleicht am Besten in Form einer Spirallinie denken: Wir kommen scheinbar immer wieder an dieselben Punkte: das sind auf der einen Seite die Ostererlebnisse, wo Christus von uns Besitz ergreift, und das sind auf der andern Seite die Momente, wo es heißt: er verschwand vor ihnen. Es sind doch nur scheinbar dieselben Punkte, die wir da immer wieder berühren, in Wirklichkeit dürfen wir jedes Mal eine Stufe höher steigen! Es geht in die Enttäuschung hinein, aber gerade damit kommen wir wieder in eine Situation, wo Jesus von uns sagen würde: Selig seid ihr, wenn ihr diese traurige Situation zu brauchen wisst. Nun geht uns das vielleicht auf, wir erleben wieder Auferstehung, unsre Augen werden geöffnet, wir erkennen ihn – aber wir dürfen nicht denken, dass wir nun fertig seien. Das Leben führt uns weiter. Bereits liegt das Erlebnis hinter uns, wir blicken wehmütig darauf zurück, auch das Misstrauen und die nach|141trägliche Enttäuschung werden uns nicht erspart, wenn wir nun merken, dass der Gipfel noch nicht erreicht ist. Ich meine, wir wollen nicht zu lange zurücksehen, der Kultus der Erinnerung wie der Verdruss in der Erinnerung dienen zu gar nichts, sondern nun heißt’s vorwärts, wenn’s sein muss auch ohne besondere Erlebnisse. So haben es die Jünger dort auch gemacht, und so wird’s recht sein. Schließlich ist ja der Sinn unsres Lebens nicht der, dass wir angestoßen und getrieben werden, sondern dass wir uns tatsächlich bewegen. In jenen Erlebnissen ergreift uns Gott in Christus, aber wenn sie nun aufhören, so ist das nicht eine Katastrophe, sondern einfach das Zeichen, dass nun probiert werden soll, wie weit wir wirklich ergriffen sind, wie weit Jesu Vertrauen und Hilfsbereitschaft und Lebensernst unser geworden seien. Es gleicht dieses scheinbare Verschwinden dem wichtigen Akt in der Erziehung des Kindes, wo die Mutter es zum ersten Mal allein von einem Stuhl zum andern laufen lässt, oder dem andern, wo es das Vaterhaus verlässt, um auf eigenen Füßen zu stehen. Wir wollen das nicht nur wehmütig hinnehmen, wie es ist, sondern wir wollen sagen: es ist recht so. Denn ich kann nun Alles zusammenfassen, indem ich sage: Gott will im letzten Grunde gar nicht, dass wir ihn erleben, wie man heutzutage so oft sagen hört, sondern das, was er uns in jenen Offenbarungen
erleben lässt, das soll uns dazu dienen, ihm zu leben. Wir sollen selbständig werden. Jesus soll in uns Gestalt annehmen, als ob wir selbst es wären. Und um uns dazu zu erziehen, lässt uns Gott oft scheinbar allein. Ich erinnere noch einmal an Jesus selbst, um euch zu zeigen, wohin Gott uns führen will und welche Wege er dabei einschlägt. In Jesu eigenem Leben haben die Verzückungen und Begeisterungen eine sehr geringe Rolle gespielt. Sein Bild zeigt uns wenig von hohen, besondern Erlebnissen, aber viel von einem hohen, besondern Leben, das schön und gleichmäßig erfüllt war von dem, wonach wir in einzelnen Momenten dürstend die Hand ausstrecken. Er pilgert nicht von einer Gotteserfahrung zur andern wie wir, aber ist in seinem Denken und Tun voll von bearbeiteter, angewandter, fruchtbar gemachter Gotteserfahrung. Er war auferstanden, bevor er gestorben war. Und weil es so war, war er der Sohn Gottes. Er war das, was wir werden sollen.
Einmal hat auch er das erfahren, wie schmerzlich es sein kann, wenn Gott uns selbständig macht und uns scheinbar verschwindet. |142 Aber gerade in dieser Stunde ist ihm Gott in Wirklichkeit am Nächsten gewesen. Es war die Stunde, da er in den rätselhaften Ruf ausgebrochen ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [Mt. 27,46]