Wenn wir uns vertiefen in die Betrachtung der Geheimnisse und Offenbarungen des Kreuzes Christi, dann geht es uns wie Einem, der in einer klaren Nacht seine Augen gen Himmel richtet. Er sieht dann wohl Sterne und Sternbilder, deren Lauf und Art und Namen er mit mehr oder weniger großer Kenntnis zu deuten weiß. Aber jenseits der bekannten Gestirne nimmt er eine Unzahl Anderer wahr, von denen nur noch die Astronomen Kunde haben, und dann gibt’s auch da noch einmal ein Jenseits von unendlich fernen und unermesslichen Sonnensystemen und Welten, die noch nie eines Menschen Auge gesehen und die doch unzweifelhaft da sind und leuchten. Ich sage, so geht es uns mit dem Ereignis des Tages von Golgatha: Man wird nicht fertig damit. Wir haben uns von Kind an an diese oder jene Deutung dieses Ereignisses gewöhnt, aber wenn wir älter werden, dringen wir tiefer ein, wir machen Erfahrungen, die uns das Kreuz Christi von ungeahnten neuen Seiten zeigen, und je ernsthafter dann solche Erfahrungen sind, desto mehr müssen wir zur Erkenntnis kommen, dass da jenseits dessen, was wir begreifen und verstehen, noch Lebensgeheimnisse verborgen sind, die auch wahr und die auch wirksam sind, obwohl unsre Augen sie nicht sehen können! Man kann den Tod Jesu den größten Märtyrertod nennen, den die Menschheit gesehen, man kann in ihm das Urteil erkennen, das die Sünde über sich selbst ausgesprochen, man kann sagen, dass mit diesem Tod der Freiheit eine Gasse gebrochen worden sei,1 und man kann in ihm das Sühnopfer, |116 die Versöhnung der Menschheit mit Gott erkennen. Das Alles ist richtig. Aber ob wir nun den Eindruck, den uns die Tatsache des Karfreitags macht, in diese oder jene Worte kleiden, es bleibt immer noch etwas übrig, was sich in keinen Worten erschöpfen lässt und was doch größer ist, als alle Worte es sagen könnten, gerade wie die Unendlichkeit der Welt nicht das ist, was wir sehen, sondern das, was wir nicht sehen. Das hat schon Paulus erkannt, als er sagte, das Kreuz Christi sei den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit [1.Kor. 1,23]. Er wollte damit sagen, die innerste und größte Bedeutung der Tatsache des Karfreitags könne man nicht ausrechnen und beweisen, und wer darauf ausgehe, der werde sich daran stoßen oder darüber lachen. Er hat aber weiter gesagt, es handle sich da um eine Gotteskraft, die man glauben, das will sagen: die man tatsächlich in sich aufnehmen, an sich erfahren, die man als eine Tatsache in seinem eigenen Leben konstatieren könne.
Wenn wir also heute in besonderer Weise des Wortes vom Kreuz gedenken, dann wollen wir uns ehrlich gestehen, dass hier das Innerste und Größte nicht ausgerechnet und bewiesen, ja nicht einmal ausgesprochen werden kann; denn das Innerste und Größte ist das, was sich in unserm Herzen vollzieht. Ich glaube auch, dass für Viele das heilige Abendmahl, das wir nachher feiern, das wirksamere Mittel für diesen Vorgang ist als alle Worte, und was wir mit Worten tun können, das besteht nur darin, dass wir gemeinsam versuchen, an die Schwelle des Geheimnisses heranzutreten, wo die Worte aufhören und wo das selige Leben anfängt. Dazu leitet uns auch das Wort Jesu selbst an, das ich zum Gegenstand unsrer Betrachtung gewählt habe: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Man versteht es gewöhnlich als eine Äußerung der wunderbaren Menschenliebe Jesu, als eine Erfüllung dessen, was er selbst von uns verlangt: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen [Mt. 5,442]. Das |117 scheint uns auf den ersten Blick wenigstens zum Begreiflichen zu gehören. Das gehört zu den Sternen am Himmel, die wir zu kennen meinen, um das vorhin gebrauchte Bild noch einmal anzuwenden. Aber wir brauchen in dieses einfache Gebetswort bloß etwas tiefer einzudringen, so stehen wir bereits wieder vor jenem Geheimnis, wo das Ausrechnen und Beweisen und Erklären ein Ende hat. Ist die menschliche Sünde und Verworfenheit nicht gerade in der Kreuzigung Jesu auf einen Höhepunkt gekommen wie nie zuvor? Besteht die Sünde nicht gerade darin, dass die Menschen mit Wissen und Wollen nicht das Gute, sondern das Böse tun [vgl. Röm. 7,19]? |
Und auf der andern Seite: Wenn Jesus in der Stunde, wo er zweifellos Gott am Nächsten war, in der Stunde, wo er den Gehorsam und die Liebe seines Lebens am Kreuz besiegelt, – wenn er in dieser Stunde betet: Vater, vergib ihnen! – ist das dann bloß eine fromme, menschenfreundliche Regung seines Innern oder muss diesem Gebet nicht eine Antwort Gottes entsprechen? Dann wären auch die, die das Schrecklichste und Unnatürlichste getan, die den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt [vgl. 1.Kor. 2,8], nicht ausgeschlossen, sondern aufgenommen gewesen in Gottes verzeihende Liebe. Muss das nicht alle unsre Begriffe von Gut und Böse umstürzen, wenn wir es auf uns anwenden? So stoßen wir überall auf Punkte, die uns zu denken geben und mit denen wir mit unserm Denken nicht fertig werden. Und doch strahlt uns gerade aus diesem Wort etwas entgegen von der stillen, wirksamen Leuchtkraft, die mit der Person Jesu und zumeist mit seinem Kreuz in die Welt gekommen ist. Wir spüren es, wenn wir dies Wort hören, dass wir im Hause unsres Vaters sind, dass etwas in der Welt anders geworden ist, seit ein solches Wort in solchen Umständen gesprochen werden konnte. Sehen wir es? Spüren wir es, liebe Freunde? Hören wir aus diesem Wort Jesu am Kreuz heraus das seligmachende Wort vom Kreuz, von der Erlösung, vom Frieden, der seit dem Karfreitag in dieser Welt eine Stätte gefunden? Wir wollen einander darin zu helfen suchen, indem wir zusammen einige der Wege betreten, die von diesem Wort aus in das geheimnisvolle Innere des Reiches Gottes führen.
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118Manche haben gesagt, mit der Bitte: Vater, vergib ihnen! habe Jesus nur an die römischen Kriegsknechte gedacht, die in stumpfer Pflichterfüllung ihr schauderhaftes Henkeramt an ihm ausübten. Es seien ja auch bei ihnen Züge der allgemeinen menschlichen Brutalität und Verdorbenheit an jenem Tage zum Vorschein gekommen, aber im Ganzen hätten sie doch von Allen am Wenigsten gewusst, was sie taten, und seien für das Entsetzliche, was durch ihre Hände geschah, am Wenigsten verantwortlich zu machen. Gewiss hat Jesus auch von ihnen gedacht und gesagt: «sie wissen nicht, was sie tun», aber wenn er nur sie gemeint hätte, würde er nicht gesagt haben: Vater, vergib ihnen! Denn wo Vergebung nötig ist, da muss Sünde geschehen sein; gerade das aber, was jene Soldaten in Ausübung ihrer Pflicht taten, hat Jesus sicher nicht als Sünde beurteilt. Auch die Quelle seines Leidens an jenem Tag war ja zum Wenigsten das, was jene ihm zufügten: die äußere Erniedrigung, die beschimpfende Gleichstellung mit ehrlosen Verbrechern, die körperliche Qual und der leibliche Tod. Das Alles, so schwer es sicher auf ihm gelegen hat, waren ja schließlich bloß die Mittel, mit denen die Sünde an jenem Tag gearbeitet und durch die sie über das Licht zu triumphieren gehofft hat. Und so waren auch jene Henkersknechte bloß die Instrumente der Sünde und in ihrem Innern vielleicht nicht ferne vom Reich Gottes [vgl. Mk. 12,34]. Jesus hat das Böse wie das Gute nicht in den äußern Handlungen der Menschen gesehen, sondern in dem Zustand ihrer Herzen, in der Schuld oder Unschuld des innern Lebens, aus der die äußern Handlungen hervorgehen. Und darunter hat er am Karfreitag unsäglich gelitten, dass er in dem, was die Menschen ihm antaten, eine Offenbarung und Wirkung sehen musste der entarteten Bosheit ihres verborgensten Inwendigen. An der hatten auch jene direkten äußern Urheber seines Leidens Anteil, ihre schadenfrohe Rohheit ist ein beredtes Zeugnis dafür; aber ihre Sünde war doch nur ein Tropfen in dem Meer der menschlichen Sünde überhaupt, dessen Wellen an jenem Tag über dem Haupt des Sündlosen zusammenzuschlagen schienen. Da sind seine Nächsten gewesen, die Jünger, die ihn als dankbare Freunde und Schüler auf seinem Heilandsweg begleitet hatten und die dann doch in der entscheidenden Stunde nicht mit ihm wachten und beteten und darum in Anfechtung fielen und ihn in Verworrenheit und Feigheit verließen [vgl. Mt. 26,40–45.56]. Da war Jerusalem, die Stadt Gottes, dessen |119 Kinder er so oft hatte versammeln wollen um das Eine, was nottut, und der er doch zuletzt das furchtbare Wort sagen musste: Ihr habt nicht gewollt [Mt. 23,37]. Da waren seine erklärten und offenen Feinde, die Männer der Kirche, die für den Tempel Gottes eiferten, damit ihnen der Geist Gottes nicht unangenehm werde. Da war der Vertreter der öffentlichen Gerechtigkeit, des weltlichen Staates, der es vorzog, seine Hände in Unschuld zu waschen [vgl. Mt. 27,24] und sich in vornehme Indifferenz zu hüllen, statt Recht Recht sein zu lassen. Und wie wenn all die Schuld, die sich in dem Tun dieser Leute offenbarte, sich in einer Person hätte zusammenfassen wollen, war da der verlorene Sohn, der in einer unseligen Vermischung höchster Hoffnungen und niedrigster Instinkte vom begeisterten Jünger zum erklärten und tätigen Feind und Verräter wurde. Und der Kreis derer, die für das Kreuz Christi verantwortlich sind, erweitert sich ins Unermessliche, wenn wir von der Feigheit, der Stumpfheit, der Feindschaft, der Indifferenz, dem Verrat, die dort wirksam gewesen sind, die Linien weiter ziehen zu den Trieben und Motiven, die in den Menschen überhaupt, die in uns erwachen und losbrechen, wenn Gott uns zu nahe kommt, wie er jenen Menschen in Jesus in beunruhigender Weise zu nahe gekommen ist. Wir können dann kaum anders, als in jenen, von Petrus bis zu Judas, unsre geistigen Verwandten erkennen, uns mit ihnen solidarisch erklären, uns eingestehen, dass wir an ihrer Stelle von uns aus kaum viel anders gehandelt haben würden, jedes in seiner Weise. Die Untat des Karfreitags ist die Untat des Menschen, ist unsre Untat und sie besteht darin, dass wir das Licht sehen, dass wir aber sagen: ich will es nicht sehen. Ob wir uns dabei bloß die Augen zuhalten oder ob wir uns bemühen, das Licht auszublasen, macht im Grundsatz keinen Unterschied. Zum Kaiphas oder Judas mag nicht jeder veranlagt sein – er ist dafür ein Petrus, ein Pilatus oder einer von dem gaffenden Volk, besser ist er darum um kein Haar. Denn der Mensch richtet, was vor Augen ist, Gott aber siehet das Herz an [1.Sam. 16,7]. Und wenn wir uns jetzt zurückversetzen in die Seele des leidenden Christus, dann ahnen wir, worunter er am Kreuz gelitten hat. Wir stehen dann gerichtet und vernichtet vor der Wahrheit, die uns Johann Sebastian Bachs
Tonwerk in dieser Woche in so gewaltiger Weise gepredigt hat:3
120Was ist die Ursach aller dieser Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen.
Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,
Jesus hat es dieser Stunde mitansehen müssen, wie das innere Elend der menschlichen Art, dessen Überwindung sein ganzes Leben geweiht war, erst seine volle Höhe erreichte. Er war gekommen, den Menschen aus der Not zu helfen, und nun vergrößerten die Menschen die Not ins Unendliche, indem sie den Helfer zum Schweigen brachten. Nicht was man ihm persönlich zufügte, war das Leid seiner Seele, sondern das, was die Menschen dadurch sich selber zufügten. Denn er lebte ja nicht für sich, sondern eben für die Menschen. Er wusste, dass sein
Leiden in Wirklichkeit ihr
Leiden war, weil es ihre Schuld offenbarte. Und so konnte er den Frauen, die ihn auf dem Wege nach Golgatha weichmütig beklagten, antworten: «Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und eure Kinder!» [Lk. 23,28] Er für sich persönlich wusste, dass er in seinem Leiden den guten Willen des Vaters erfüllte, und er wusste sich in allem Leiden geborgen im Vertrauen zu der Güte dieses Vaters. Aber das musste sich wie ein Felsblock auf seine Seele legen, was dabei aus den Andern werden sollte. So hatte er schon früher in Bezug auf den Judas gesagt: Des Menschen Sohn gehe zwar dahin, wie von ihm geschrieben stehet; doch wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird [Mt. 26,24]. Das galt auch von all den Andern, das gilt auch von uns: Wehe dem, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird! Es wäre ihm besser, dass er nie geboren wäre. Und so war gerade das Innerste und Größte von alledem, was am Karfreitag auf seiner Seele lag, nicht das eigene, sondern fremdes Leiden, das schwere Gebrechen der Menschheit, das sich gerade in seinem Kreuze in all seiner Hoffnungslosigkeit offenbarte, unsre Sünde und ihre Strafe, die uns nirgends so deutlich werden kann wie angesichts seines Kreuzes. Und mit dieser Last auf dem Herzen tritt er nun in all der Qual seines beginnenden Todeskampfes vor Gott und betet: |121
Vater, vergib ihnen! Stelle du selbst das, was hier zerstört wird, wieder her! Rechne ihnen die ungeheure Entfernung von dir, in die sie sich jetzt begeben haben, nicht an, sondern ziehe sie mit deiner Kraft wieder an dich! Schlage du selbst die Brücke, die sie von der Schuld und Strafe ihrer Sünde zu deinem seligen Leben führe. Vater, vergib ihnen! Und Jesus fügt hinzu: Denn sie wissen nicht, was sie tun.
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Was soll dieses Letzte? Auf den ersten Blick klingt es wie eine Entschuldigung, und das Wort wird oft so angewendet, als ob nur eine Entschuldigung darin läge. Jesus hätte dann damit das sagen wollen: die Menschen seien in ihrer Bosheit gar nicht zurechnungsfähig und darum auch nicht verantwortlich. Das würde uns nun vielleicht wohl passen, wenn wir da hören würden, dass die Schlechtigkeit des Menschen im Grunde immer nur eine Unwissenheit sei. Gott hätte dann in der Tat nichts Eiligeres zu tun, als uns immer wieder zu vergeben, weil wir ja doch nicht wissen, was wir tun. Dabei würde sich leben lassen. Aber ich glaube nicht, dass das Wort Jesu den Sinn hat, uns das Leben in diesem Sinn leicht zu machen. Es würde sonst rein unbegreiflich, wie Jesus von Judas und dann zu den Frauen von Jerusalem jene schneidend harten und ernsthaften Worte hätte sagen können. Und es würde weiter unbegreiflich, wie Jesus in diesen letzten Tagen, von Gethsemane bis Golgatha, unter einer Last hätte wandern und fast unter ihr zusammenbrechen können, die doch nur eine eingebildete, scheinbare Last gewesen wäre. Denn wenn die Sünde der Menschen, die ihm dort zu schaffen machte, bloß eine Folge der Unwissenheit gewesen, wenn darin von vornherein ihre Vergebung und Verzeihung begründet gewesen wäre, dann wäre ja damit das Schwerste am Leiden Jesu, jenes fremde Leiden, das sein Inneres marterte, ein bloßer Schein gewesen. Man kann aber noch weiter gehen und sagen: wenn das Jesu Anschauung gewesen wäre, dass Gott die Sünde von vornherein vergeben müsse, weil der Mensch nicht wisse, was er tue, dann würde er kaum seine Lebenszeit, geschweige denn sein Leben an die Überwindung der Sünde und an das Kommen des Reiches Gottes gesetzt haben. Wozu das, wenn der Mensch trotz der Sünde mit Gott in Ordnung ist, wenn Gott ihm vergibt, weil er ja doch nicht weiß, was er tut? |122 Und was für Jesus galt, das würde dann auch für uns gelten: Wenn das der Weisheit letzter Schluss wäre, dass alles gut und in Ordnung ist, weil wir ja doch nicht wissen, was wir tun, dann könnten wir allen guten Willen, alle Anstrengungen und Kämpfe um höhere Erkenntnisse und um höheres Leben begraben. Wir brauchten uns selbst nicht mehr zu verurteilen, sondern könnten uns beruhigen bei dem Gedanken, dass Gott mit uns zufrieden, dass unser Leben ein rechtes, gutes Leben sei, auch wenn wir im tiefsten Sumpfe stecken. Das wäre bequem, und es lebt auch tatsächlich mancher nach diesem Konzept. Aber es wäre und es ist auch der Tod alles Lebens. – |
Denn es liegt wohl eine Entschuldigung in dem Wort Jesu, aber die verstehen wir erst, wenn wir die Anklage und das Urteil, die auch darin liegen, in ihrem ganzen Gewicht haben auf uns wirken lassen. Und wenn wir das getan haben, lernen wir vorsichtig umgehen mit der Entschuldigung, die es zu gleicher Zeit enthält. Sie wissen nicht, was sie tun! Kann man im Grunde etwas Schrecklicheres von Menschen sagen als das? Das Leben besteht darin, dass wir wissen, was wir tun, das will sagen, dass unsre Gedanken und Handlungen geleitet sind nicht von den blinden Instinkten unsrer Natur, sondern vom Licht der Vernunft. Je höher ein Mensch sich innerlich entwickelt, desto mehr muss Alles, was zu jenen Instinkten gehört, die Faulheit und die Selbstsucht vor Allem, zurücktreten, desto mehr muss die Gotteskraft der Vernunft5 sein Leben durchsäuern, desto mehr muss er wissen, was |123 er tut. Was da schlummert in den unbewussten Tiefen unsrer Seele, das gehört nicht zu uns, gehört nicht zu unsrem Leben, solange wir nicht davon wissen und Stellung dazu nehmen. Und wenn es die besten Triebe und Motive wären, gut sind sie erst dann, wenn wir mit Wissen und Willen «ja» dazu sagen, sie uns zu eigen machen. Und das Böse in uns, unsre Fehler und Schwächen, sind freilich immer Reste der alten Unwissenheit. Wir stecken dann auch in der Faulheit und in der Selbstsucht drin. Wir wissen nicht, was wir tun. Aber ist das eine beruhigende Hirtenschalmei, wenn wir das von uns sagen müssen? Ich meine vielmehr: wir sagen damit von uns oder Andern das denkbar Traurigste, was wir sagen können. Wir sagen damit, dass wir das nicht sind, was wir sein sollten und könnten. Wir verurteilen und degradieren uns selbst, und ich wollte den sehen, der in diesem Urteil noch etwas Beruhigendes, Entschuldigendes, Angenehmes finden wollte. Es hat sich schon mancher seiner Fehler und Schwächen gerühmt, aber auch der verkommenste Mensch lehnt sich innerlich dagegen auf, dass er gar nicht mehr wisse, was er tue, dass er bewusstlos, sinnlos, dem Zustande des Tieres oder der Pflanze ebenbürtig geworden sei. Und doch werden wir nichts Anderes finden, als dass unsre Fehler und Schwächen, unsre Sünden solche Bewusstlosigkeiten sind. Das entschuldigt uns nicht, denn indem wir uns verurteilen, sagen wir selbst, dass es anders sein könnte. Die Anklage und das Urteil, das Verzeihen und die Strafe sind da immer eins und dasselbe.
Und nun hat Jesus von denen, die ihn kreuzigten, gesagt: Sie wissen nicht, was sie tun. Damit wollte er nicht ihre Schuld bestreiten oder abschwächen, sondern er hat da in einem Wort ihr ganzes Elend zusammengefasst: Sie wussten nicht, was sie taten, das war ihre Schuld. Und das war die Schuld, die er am Kreuz getragen, die Ursache des Größten und Tiefsten in seinem Leiden. An sich selber hat er es jetzt erfahren, was es mit dieser Unwissenheit der Menschen, mit ihrer Sünde auf sich habe. Sie wollten nicht heraus aus ihren natürlichen Instinkten; beim einen war’s die Zaghaftigkeit, beim andern die Selbstzufriedenheit, beim dritten die Habsucht, beim vierten die |124 Gleichgiltigkeit, beim fünften die Brutalität. Und doch war’s bei Allen dasselbe: Sie wollten nicht wissen, was sie taten; sie wollten sich durch das Licht der wahren Menschheit, der göttlichen Vernunft, das in Jesus unter sie getreten war, nicht stören lassen. Und nun ist es, wie wenn Jesus in diesen letzten Stunden, wo sein Licht noch leuchten kann, diese ganze verkehrte menschliche Art in beide Hände nähme und so vor Gott brächte: Vater, sieh, so sind sie, die du mir gegeben hast [vgl. Joh. 10,29; 17,6.9]! So ist die Welt, die zu deinem Reiche werden sollte. Sie wissen nicht, was sie tun, weniger als je. Es liegt in der Art, wie Jesus hier vor Gott tritt, etwas von dem Seufzer Zwinglis: Herr, nun heb den Wagen selbst.6
Vergib ihnen! Nicht darum bittet hier Jesus, dass Gott ein Auge zudrücken möchte gegenüber der Schuld, der Unwissenheit der Menschen. Vergeben heißt bei Gott nicht vergessen, sondern geben. Gib ihnen die Kraft und die Freiheit, die die Schuld aufhebt, gib ihnen die Erkenntnis anstelle der Unwissenheit. Jesus kennt und anerkennt die ganze Größe des menschlichen Verderbens; er denkt nicht daran, davon auch nur eine Kleinigkeit in Abrede zu stellen, aber er weiß auch, dass bei Gott Kräfte sind, die noch stärker sind als das menschliche Verderben, und er weiß, dass Gott sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Um dieses letzte Wort bittet er jetzt.
* * *
Und nun ist diese letzte und höchste Fürbitte Jesu für die Menschen in der Tat mehr gewesen als eine fromme Regung und Bewegung seines Inwendigen. Die Stunden, die er da im Leiden unter den Gebrechen der Menschheit zugebracht, sind zu einem Wendepunkt geworden. Es verhält sich so, wie es Paulus später auf dem Markt von Athen ausgesprochen: Gott hat die Zeiten der Unwissenheit übersehen, nun aber gebietet er allen Menschen an allen Enden, Buße zu tun [Act. 17,30]. |125 Und dieser Wendepunkt kam nicht durch irgend eine neue, unerhörte, plötzliche Offenbarung, nicht durch eine Stimme vom Himmel und nicht durch das Auftreten von zwölf Legionen Engeln [vgl. Mt. 26,53]. Sondern Jesus der Gekreuzigte, in der Tiefe seines Leidens unter der Sünde der Menschen, er selbst wurde der Wendepunkt. Er selbst hat das noch geahnt und gewusst; denn die Reihe der kurzen Worte, die er am Kreuz gesprochen und die den gewaltigen Kampf widerspiegeln, der in seinem Innern vor sich ging, schließt mit dem triumphierenden: Es ist vollbracht [Joh. 19,30]! Was sein Leben begonnen hatte und was jetzt scheinbar vernichtet am Boden lag, das hat gerade sein Tod unter den Menschen begründet und vollendet: die Herrschaft Gottes, die ewige Gerechtigkeit des Herzens, das Regiment der Liebe und der Selbstverleugnung, von der er so oft geredet. Seine Worte hatten die Sünde, die Unwissenheit wohl untergraben, aber nicht beseitigt. Seit seinem Tod ist sie in sich selbst zusammengebrochen. Denn von seinem Bild am Kreuz ist der Eindruck ausgegangen, dass Alles das, was er gebracht, nicht Illusion sei, sondern die letzte Wahrheit. |
Ein erstes schwaches Aufleuchten dieses Eindrucks haben wir in dem Worte jenes römischen Hauptmanns vor uns, der beim Anblick des Todes dieses angeblichen Verbrechers in das Wort ausbricht: Wahrlich, dieser ist ein Gottes-Sohn gewesen [Mt. 27,54]. Und es liegt eine tiefsinnige Symbolik in dem Bericht des Evangeliums, dass sich im Augenblick des Todes Jesu die Gräber geöffnet hätten, dass die Leiber der Heiligen auferstanden und in die heilige Stadt gegangen seien [vgl. Mt. 27,53]. Das helle und klare Zeugnis aber von diesem Eindruck sind die Ereignisse des Ostermorgens, wie wir sie immer deuten und verstehen wollen. Da sind auf alle Fälle eine ganze Anzahl Menschen aus solchen, die nicht wissen, was sie tun, zu etwas Neuem geworden, zu Menschen, die einen festen Punkt kennen, die die Kraft gefunden haben zu wissen, was sie tun, und zu tun, was sie wissen. Da sind Menschen, die aus dem vorigen Elend heraus sind, die mitten im Reich Gottes leben schon in dieser Welt, die angefasst sind von der ewigen Gerechtigkeit, Menschen, die etwas gespürt haben von der unendlichen Liebe Gottes und die nicht mehr anders können als diese Liebe wieder auszustrahlen, weiterzugeben in ihren Worten und Taten, in ihrem ganzen Wesen an die Andern. Und was da in ihnen entstanden ist, das haben sie nicht aus sich selbst geschöpft, sondern es |126 ist eine Wirkung des gekreuzigten Christus. Sie erkennen jetzt: er musste leiden, er hat unsre Schuld getragen, während wir in die Irre gingen, aber das kommt uns nun zu Gute. Denn die Tiefe seines Leidens hat uns die Größe des Lebens offenbart. Sein Leiden um der Gerechtigkeit willen hat uns unauslöschlich gezeigt, was Gerechtigkeit ist. Unsre Sünde und unsre Strafe ist auf ihm gelegen, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt [vgl. Jes. 53,5].
Jesu Gebet: Vater, vergib ihnen! hat sich erfüllt, indem er gebetet hat. Gott selbst hat sein letztes und größtes Wort zu uns geredet, hat den Felsen der Kraft und der Erkenntnis in die Fluten unsres Elends und unsrer Unwissenheit hineingestellt, indem dieses Wort gesprochen wurde. Die Vergebung, will sagen, die Gabe Gottes, ist nun da, und sie ist wirksam. Und wo sie wirksam ist, da heißt es nicht mehr: sie wissen nicht, was sie tun, denn sie besteht ja gerade darin, dass wir wissen dürfen, was wir tun. Eine neue Situation ist damit in der Welt geschaffen. Der Mensch kann jetzt mit sich selbst und mit Gott in Ordnung kommen. Was das für das Geschlecht bedeutet hat, das Jesus ans Kreuz gebracht, ist im Einzelnen schwer zu sagen. Von den 11 Jüngern wissen wir es. Von den römischen Soldaten weiß wenigstens die fromme Sage allerlei zu erzählen.7 Und sicher sind unter den Massen, die am Pfingstfest den Weg zu Gott fanden, Unzählige gewesen, |127 die 40 Tage vorher mitgerufen hatten: Lass ihn kreuzigen [Mt. 27,22]. Aber auch für einen Kaiphas und Judas und Pilatus wäre die neue Situation dagewesen, auch für sie wäre die Vergebung und das neue Leben offen gewesen. Warum sie sie nicht ergriffen, wer kann das sagen? Gottes Vergebung ist nicht eine Notwendigkeit, sondern ein freies Erlebnis, und wir stoßen hier auf das Geheimnis, dass viele berufen, aber wenige auserwählt sind [Mt. 22,14]. – |
Deutlicher und wichtiger ist aber, was diese neue Situation für uns bedeutet. Für uns ist es nämlich ganz klar, dass wir nicht mehr unter dem Worte stehen: Sie wissen nicht, was sie tun, sondern unter dem erfüllten Gebet Jesu: Vater, vergib ihnen. Gott hat uns vergeben und geholfen, er hat uns in der Dunkelheit unsrer Unwissenheit den Weg Jesu aufgetan, damit wir daran glauben, damit wir in Gehorsam und Liebe und Selbstverleugnung diesen Weg gehen. Sind wir auf diesem Weg, den die Jünger am Ostermorgen betreten haben, dann haben wir den Frieden mit Gott, um den Jesus am Kreuz für uns gerungen. Das ist eine Freudenbotschaft. Aber auch eine Mahnung von tiefem Ernst: Die Schuld ist von uns genommen, aber mit der Schuld auch die Entschuldigung. Denn wenn in dem Wort: sie wissen nicht, was sie tun! auch eine gewisse Entschuldigung lag, wenigstens für unsre Begriffe, so bestand sie darin, dass jene Menschen Gottes letztes und höchstes Wort, den Tod Jesu, noch nicht gehört hatten. Diese Entschuldigung fällt für uns dahin, «der Erlöser hat sie mit ans Kreuz genommen», wie Schleiermacher in einer Predigt über diesen Text gesagt hat.8 Wir stehen unter der vollen Wirkung der vergebenden Gotteskraft, die vom Kreuze Christi ausgegangen ist, wir haben von dorther die bestimmteste Erkenntnis dessen, was Leben heißt, und wenn wir nun trotzdem die Sünde und den Tod vorziehen, dürfen wir uns nicht dahinter |128 verschanzen, dass wir nicht wissen, was wir tun. Nur insofern gilt dies Wort auch von uns, als die Wirkung jener vergebenden Gotteskraft uns noch nicht völlig ergriffen hat, als wir mit einem guten Teil unsres Wesens immer noch außerhalb ihres Strahlenkreises stehen. In jedem von uns ist noch ein Stück Judenland und Heidenland, größer oder kleiner, wo es heißt: er weiß nicht, was er tut. Und da brauchen wir allerdings Entschuldigung. Aber da dürfen wir nun nicht in unsrer Unwissenheit stehen – da würden wir uns in einem unheilvollen Kreis bewegen –, sondern bei Gott, der uns unsre Unwissenheit wegnimmt, indem er uns zu Jüngern des Gekreuzigten macht, bei der Quelle der Vergebung, die uns im Kreuze Christi eröffnet ist.
Von der Vergebung redet uns der Karfreitag. Es ist ein Tag, der uns in die Tiefe führt, wenn wir ihn ernst nehmen. Aber in die Tiefe müssen wir steigen, um Gottes unaussprechliche Gabe in Empfang zu nehmen, die uns auf die Höhe führt. Wir tun dann nichts Anderes, als was Christus selbst getan hat und gehen mit ihm den Weg vom Tode zum Leben.