<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-51011">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 24,31</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 24,31, 23. April 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51011 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 129–142.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51011</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 24,31</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">129–142</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">11</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 24,31, 23. April 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1507">KBA 1042</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1911-04-23">23. April 1911</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon">
                <pb xml:id="p129" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head><idno>64</idno></head>
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-04-23">Sonntag, den 23. April 1911</date> 
                        <lb/>(Quasimodogeniti)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.31">Lukas 24,31</ref>
                            <quote>
                                Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Was in diesen paar Worten gesagt ist, das habe ich schon erfahren. Und ich bin sicher, dass die Meisten von euch es so oder so auch schon erfahren haben: <hi rend="italic">Ihre Augen wurden geöffnet, und sie erkannten ihn – und er verschwand vor ihnen.</hi> So geht’s zu, wenn Gott mit uns redet, wenn er unsern <term type="Sachen" key="Verstand">Verstand</term> erleuchtet, unser <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> antreibt, unser <term type="Sachen" key="Herz">Herz</term> entzündet: Wir sehen, wir erkennen, und er wird unsichtbar, er verschwindet wieder vor uns. Eigentlich müsste es nicht so sein, dass wir Gottes Stimme nur so dann und wann zu uns reden hören. Bei <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> ist es nicht so gewesen, er hat ihn immer gehört, er lebte, webte und war in Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>] und seinem verborgenen <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Wort</term>. So müsste es bei uns auch sein. Aber es ist eben nicht so. Wir hören ihn gleichsam nur in abgerissenen Sätzen: Hier ein Anstoß zum <term type="Sachen" key="Glauben">Glauben</term>, hier eine Weckung der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, dort eine Unterstützung und Kräftigung der <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnung</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>]. Dann kommen wieder andre Klänge: die Gedanken und Sorgen des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term>, die Zwischenreden der Mitmenschen, die wechselnden <term type="Sachen" key="Gefühl">Gefühle</term> und <term type="Sachen" key="Stimmung">Stimmungen</term> unsres eigenen Innern. Da heißt’s denn auch alle Augenblicke wieder: Und er verschwand vor ihnen. Oft, wenn’s gerade am Schönsten wäre, wenn wir gerade denken, das Höchste ergriffen zu haben. Das sind immer kritische Momente in unserm Leben, und es kommt viel darauf an, dass wir verstehen, was sie uns zu sagen haben. Manche Menschen erleben sie und merken kaum, was mit ihnen und in ihnen vorgegangen ist. Manche erleben sie und merken es wohl, dass Gott jetzt wieder verschwunden <term type="Sachen" key="Gott, Verschwinden">ist</term>, aber sie nehmen das so hin, als ob es selbstverständlich wäre, wie sie sich längst an den selbstverständlichen Wechsel von Sonntag und Werktag gewöhnt haben. Und wieder andre erleben sie und merken, was vorgeht, und das Herz blutet ihnen darüber, es ist <pb xml:id="p130" ed="pga"/> ihnen jedes Mal zumute wie bei einer Katastrophe, wenn die Weihestunden, in denen Gott zu ihnen geredet hat, wieder auslaufen in das nüchterne Einerlei des Alltags. Wir beneiden die ersten nicht um ihre Gefühllosigkeit und Ruhe. Wer kaum etwas davon merkt, was das heißt: er verschwand vor ihnen, dem ist kaum ein sehr lebhaftes und großes Bild oder Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> vor der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> gestanden, sonst könnte er nicht einfach gelassen sein, wenn es wieder verschwindet. Und darum wird auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Zweiten die Sache hinnehmen, kaum das Rechte sein. |</p>
                    <p>Es gibt doch schwerlich etwas Dürftigeres und innerlich Haltloseres als die Art vieler Menschen, dem lieben Gott so am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> oder <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term> oder auch sonst ab und zu im schwarzen Rock einen Besuch zu machen, ihn scheinbar rasch zu Worte kommen zu lassen, um dann wieder zur Tagesordnung des gewohnten Kehrums von <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term> überzugehen, als ob es sich von selbst verstünde, dass es, wenn die Festtage vorbei sind, bei ihnen ganz deutlich heißt: und er verschwand vor ihnen. Aber so sicher das Alles oberflächlich und töricht ist, so sicher empfinden wir doch wohl, dass auch das Dritte nicht das Richtige sein kann, dass wir händeringend dastehen, <anchor type="note" xml:id="kbga-texts-fn1"/>kraftlos wie vor einer Katastrophe<note target="kbga-texts-fn1-1" xml:id="n01"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «wie vor einer kraftlosen Katastrophe».</note>, wie ein Kind vor seinem zerbrochenen Spielzeug, in den Stunden, wo die großen, innern Erlebnisse aufhören, wo Gott seinen Mund scheinbar schließt, wo wir dastehen wie vor einem niedergefallenen Vorhang im Theater, der der Fülle der Gesichte<note xml:id="n02">Gehobener Ausdruck für: eine Vielzahl von Eindrücken. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi> I, V. 519–521 (Nacht)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Es wird mein schönstes Glück zunichte! </l>
                                    <l>Dass diese Fülle der Gesichte </l>
                                    <l>Der trockne Schleicher stören muss!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note>, die noch eben auf uns eindrang, ein Ende macht. Sicher ist es höher und besser, wenn uns das Herz darüber wehtut, als wenn wir es gleichgiltig oder selbstverständlich über uns ergehen lassen. Aber das Höchste und Beste ist es noch nicht. Und weil die <term type="Sachen" key="Christen, gleichgültige">gleichgiltigen</term> und selbstverständlichen <term type="Sachen" key="Christen, selbstverständliche">Christen</term>, die es gelassen und füglich hinnehmen, dass am Ostermontag Gott wieder verschwindet vor ihnen bis zum <term type="Sachen" key="Bettag">Bettag</term> oder bis zur nächsten <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term>, weil sie heute doch nicht hier sind, wollen wir uns nicht lange aufhalten damit, auszu<pb xml:id="p131" ed="pga" break="no"/>machen, was dieses Verschwinden <term type="Sachen" key="Gott, Verschwinden">Gottes</term> für sie bedeutet, sondern gleich versuchen, vom Bessern zum Besten, vom Hohen zum Höchsten vorzudringen, also von den schmerzlichen und wehmütigen Gefühlen zu dem besondern Wort Gottes, das er gerade damit an uns richtet, dass er oft scheinbar schweigt und uns allein lässt, dass wir auch, wenn wir ihn mit allem Ernst gesucht und mit aller <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> gefunden haben, so oft wieder die Erfahrung machen müssen: er verschwand vor ihnen. Denn es ist ein besonderes Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> an uns auch in dieser Erfahrung verborgen, und wir müssen uns nur die Ruhe nehmen, es zu entdecken. |</p>
                <p>Dazu kann uns von vornherein die Tatsache Mut machen, dass auch die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu in den Stunden und Tagen, wo sie das Höchste erlebt haben, nämlich die Auferstehung des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstehung">Herrn</term>, mehr als einmal diese Erfahrung gemacht haben. Sie sind davon gewiss auch schmerzlich und wehmütig berührt gewesen, aber wir sehen auch deutlich, dass der Schmerz und die Wehmut bei ihnen nicht das Letzte gewesen sind. Sie erzählen selbst – in unserm Textwort sind es die zwei, die nach <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> gegangen sind –, dass die Erscheinung Jesu des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandenen</term> plötzlich aufgehört habe, verschwunden sei, als ob Alles, was sie erlebt, bloß eine <term type="Sachen" key="Einbildung">Einbildung</term>, eine Halluzination ihrer aufgeregten Sinne gewesen sei – aber wir merken dann doch wieder ihrem ganzen späteren Verhalten an, dass dies Verschwinden nicht das Letzte war, dass Jesus bei ihnen blieb in einem viel höheren und besseren Sinn, als sie es vorher vielleicht gewünscht. Gewiss und mit Recht werden wir es also als etwas Abnormes, als etwas, was nicht so ist, wie es sein sollte, empfinden, wenn wir die Erfahrung machen, dass unsre <term type="Sachen" key="Gotteserlebnisse">Gotteserlebnisse</term> oft in so unerfreulicher Weise aufhören, dass Gott gleichsam schweigt und unsichtbar wird vor unsern innern Augen und Ohren, dass wir mitten aus der <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, die uns noch lange nicht zu Ende scheint, wieder auf die nüchterne, nichtssagende Straße des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> gestellt werden, aber wir dürfen auch in diesem Fall wissen, dass Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Herr">Herr</term> auch das Abnorme, das, was nicht ist, wie es sollte, das Unerfreuliche in der Hand hält und nach seinem <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Willen</term> braucht, der ein guter Wille ist. Diese Erfahrung haben die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> gemacht, und wir dürfen sie auch machen.</p>
                    <ab rend="center"><pb xml:id="p132" ed="pga" rend="noPipe"/>*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Zuerst heißt es, dass <hi rend="italic">ihre Augen geöffnet</hi> wurden. Was das heißen will, davon haben wir in den <term type="Sachen" key="Passionszeit">Passions-</term> und <term type="Sachen" key="Ostern">Ostertagen</term> geredet. Die Erkenntnis kam über sie, dass der gekreuzigte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, gekreuzigter">Christus</term> nicht ein Unterlegener, sondern der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sieger">Sieger</term> war. Vorher, am Abend des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term>, an jenem Samstag, der dazwischen lag, am Morgen des Ostersonntags, während bereits unter manchen <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> und <term type="Sachen" key="Jüngerinnen">Jüngerinnen</term> andere Stimmen laut wurden, und noch auf ihrem Gang nach <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> hinaus war es jenen Zweien zu Mute gewesen, wie wenn jetzt Alles zu Ende sei. <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term> Lebenswerk lag zerschmettert am Boden. Die vorher Gläubige gewesen, waren jetzt zu mutlosen Zweiflern geworden, und die Zweifler gewesen, zu offenen Feinden und Verächtern. Die kleine Schar der Freunde war zersprengt, der Leib Jesu ins Grab <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Grablegung">gelegt</term>. Wie war’s mit dem Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>? Kein <term type="Sachen" key="Engel">Engel</term> war vom Himmel gekommen, um zu hindern, was geschehen, kein Naturereignis hatte die Ungläubigen verschlungen, bevor sie triumphierten. Es ist vollbracht, so dachten wohl auch jene zwei, aber in anderem Sinn als Jesus: es ist zu Ende, es ist vorbei, unsre <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnungen</term> und <term type="Sachen" key="Ideal">Ideale</term> sind gescheitert. Und nun ist auch über sie das <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnis</term> gekommen, von dem sie am Morgen kopfschüttelnd die stammelnden und verworrenen Berichte der Frauen angehört hatten. Das Resultat jenes Nachmittags war für sie das direkte Gegenteil seines Anfangs. Sie kommen zur Erkenntnis: was da geschehen ist, das ist ja nicht das Ende, sondern der Anfang. Christus hat freilich gelitten, aber <hi rend="italic">musste</hi>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, musste leiden">leiden</term>, damit Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term> erfüllt werde. Was scheinbar ein Sieg der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> ist, das ist ja der Sieg Gottes. Und darum heißt’s jetzt nicht: aus und fertig mit der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, mit dem <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>, mit all dem, was Jesus in uns geweckt und angeregt, sondern: vorwärts und hinein ins Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, das gerade durch diesen scheinbaren Untergang unvertilgbar begründet ist. Denn dieser Jesus hat mit seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod"><hi rend="italic">Tod</hi></term> ein für alle Mal gezeigt und offenbart, was <term type="Sachen" key="Leben"><hi rend="italic">Leben</hi></term> ist. Etwas Größeres hätte er gar nicht vollbringen können, als so zu enden. Indem er nach unsrer Meinung die Beute des <term type="Sachen" key="Tod">Todes</term> und der <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term> wurde, hat er uns Leben und Unvergänglichkeit gebracht, indem er nach unsrer Meinung der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, dem <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> erlag, hat er den Weg zu Gott für uns gebahnt und aufgetan. Und darum ist dieses Sterben <hi rend="italic">ein Schein</hi> gewesen,<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5249"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Predigt am Ostermontag Nachmittag</hi> (28. März 1524)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Putabamus quidem mortuum vere fuisse, sed iam videmus fuisse spledorum</foreign>, nur ein schein gewesen sein» (WA 15, 528,30f.).</note> wir spüren’s ja, <pb xml:id="p133" ed="pga"/> wie dieser <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigte</term> lebt und wie uns selbst sein Leben erfasst. Wir legten ihn mit Tränen nieder,<note xml:id="n04">Vgl. den Schlusschor der <bibl corresp="kbga-bibls-3371">Matthäuspassion</bibl> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p104#fn_n04">S. 104, Anm. 4</ref>) von <persName ref="kbga-actors-455">J. S. Bach</persName>: «Wir setzen uns mit Tränen nieder».</note> aber angesichts dessen, was auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> geschehen, müssen die Tränen versiegen. Wir seufzten mit ihm unter der Macht der Sünde, an der wir uns mitschuldig wussten, aber sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leiden</term> unter der Sünde, sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> und seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term>, die er gerade darin bewiesen, hat ja die Macht der Sünde, unsrer <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> gebrochen. Indem er zu Grabe ging, hat er die Herrschaft des Grabes zerstört. Der <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> ist nicht das letzte Wort in einer Welt, die <hi rend="italic">diesen</hi> Tod gesehen. Hölle, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.55">1.Kor. 15,55</ref>] Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben in Jesus Christus [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>], in dem gekreuzigten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Christus</term>. Er ist <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">auferstanden</term>, er lebt, er wirkt, sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> und seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term> haben uns nun endlich, endlich ergriffen und besiegt. Unsre Augen sind geöffnet, wir erkennen ihn! |</p>
                <p>Ich sage, das war das innere Resultat jenes Nachmittags für die Zweie, und damit sind sie umgekehrt nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, um es den Andern zu sagen, wie ein Bächlein dem Strome zueilt, dem Strome des Christusevangeliums, der nun bald hervorbrechen sollte, um alle Welt zu überfluten, um das dürstende Land zu befruchten. Wie wir uns das Erlebnis im Einzelnen zu denken haben, das jene Zwei wie vorher und nachher die andern <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu zu diesem Resultat geführt hat, das werden wir nie ausmachen können. Das Evangelium erzählt uns anschaulich, dass Jesus selbst auf dem Wege zu ihnen getreten sei, mit ihnen geredet und sich mit ihnen zu Tische gesetzt habe. Aber wenn es berichtet, dass die Jünger ihn zuerst gar nicht, sondern erst im letzten Moment erkannt hätten, wenn wir weiter auf dieses plötzliche Verschwinden achten, so legt es uns selbst nahe, uns den Vorgang als ein Ereignis von der Art zu denken, wie wir sie in der ganzen <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> finden, wo Menschen etwas Außerordentliches mit Gott erlebt haben, nämlich menschlich gesprochen als ein Gesicht, als eine <term type="Sachen" key="Vision">Vision</term>, göttlich gesprochen als eine <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>. Sie haben nicht nur an Jesus gedacht und sich nicht bloß seiner erinnert, sondern sie haben ihn mit Augen gesehen. Die Umwandlung und <term type="Sachen" key="Schöpfung, Neuschöpfung">Neuschöpfung</term>, die sich in ihrem In<pb xml:id="p134" ed="pga" break="no"/>nern vollzog, die Erkenntnis <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Jesu Christi">Christi</term>, des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term>, setzte auch ihre leiblichen Sinne in Bewegung. Und was sie sahen, den lebendigen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebendiger">Jesus</term>, das begründete und bestärkte wieder ihre innere <term type="Sachen" key="Erkenntnis, innere">Erkenntnis</term>. Sie sahen ihn, nicht wie ich hier euch sehe oder ihr mich – ein <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> hätten lange auf jener Straße gehen können, sie hätten ihn nicht gesehen –, sondern so wie <persName ref="kbga-actors-2204">Jesajas</persName> den Thron Gottes gesehen hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.1 Jes.6.4">Jes. 6,1–4</ref>], so wie später <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vor <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term> gesehen hat als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandenen</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1 Act.9.6">Act. 9,1–6</ref>]. Es war ein Schauen in der <term type="Sachen" key="Verzückung">Verzückung</term> und Begeisterung, wie es Menschen zu allen Zeiten in den großen Stunden ihres Lebens erlebt haben. Und es war ein Schauen in <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, so sicher das, was damals in ihrem Innern vorging, Wahrheit war: das Aufgehen ihrer Augen, die Erkenntnis, dass Christus, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigte</term>, der Weg zum <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>], das Ergriffenwerden von seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Kraft</term> und von seinem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wesen">Wesen</term>. Das war das Erlebnis der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName>, wie es ähnlich das Erlebnis aller Jünger in jenen <term type="Sachen" key="Ostern">Ostertagen</term> gewesen ist, wie es einige Jahre später <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> noch erlebt hat. Es war eine <term type="Sachen" key="Revolution">Revolution</term> radikalster Art, die sich in ihnen vollzogen hat. Gott hat da eingegriffen in ihre Lebensgeschichte, wie es nicht alle Tage der Fall ist, nicht durch einen magischen Zauberschlag, sondern indem er das Bild des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">gekreuzigten</term>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareners</term> in ihren Seelen durchdringen, in ihrem Denken, Handeln und Fühlen Gestalt gewinnen ließ. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat später diese <term type="Sachen" key="Revolution">Revolution</term> in feurigen Zungen beschrieben: Ist jemand in Christo, sagt er, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. Und ein andermal: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>]. Das war das Ostererlebnis der Männer des Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term>, sage ich. – |</p>
                <p>Ich würde mich hüten, ohne Weiteres hinzuzufügen: Dieses Erlebnis habe ich auch gemacht, oder euch zu sagen, dass ihr es auch schon gemacht habt oder noch machen werdet. Von einem <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> oder <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> könnte man es sagen, aber nicht von den Meisten von uns. Wir erleben den innern Vorgang, dass Christus von uns Besitz ergreift, in einer unendlich viel matteren, farbloseren Form. Wir sind dabei angewiesen auf die Stärkung und Belebung, die auf uns ausgeht von den Erlebnissen jener Größeren und Stärkeren und Lebendigeren, als wir es sind, und merken dabei, wie nötig wir immer wieder die <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> und die <term type="Sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> überhaupt haben. Aber wenn wir uns so bescheiden in <pb xml:id="p135" ed="pga"/> den Hintergrund stellen vor den einzigartigen <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term>, die größere Zeiten und Menschen als die unsrigen und wir aufzuweisen haben, so bleibt es Gott sei Dank doch dabei: Wir erleben in unsrer Weise auch, was sie erlebt haben, dass uns die Augen aufgehen, dass wir Christus erkennen und von Christus ergriffen werden. Ich glaube, wenn wir uns das vor Augen halten, was die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu von <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> bis <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term> erlebt haben, so dürfen wir ein <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnis</term> und darum eine Stimme <term type="Sachen" key="Gott, Stimme">Gottes</term>, eine Tat <term type="Sachen" key="Gott, Tat">Gottes</term> in unserm Leben überall da erkennen, wo sich etwas, was uns traurig gemacht hat, in eine Quelle des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> und der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> verwandelt, wenn es bei uns in irgend einem Sinn Nacht geworden ist und wenn uns dann in der Nacht das ewige <term type="Sachen" key="Licht, ewiges">Licht</term> aufgeht, das wir am heitern Tage nicht wahrgenommen hätten. Jesu <term type="Sachen" key="Seligpreisungen">Seligpreisungen</term> aus der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> sind in dieser Hinsicht die allerwirksamste <term type="Sachen" key="Osterbotschaft">Osterbotschaft</term> und die einfachste Anweisung für uns, das <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnis</term> auch zu machen. |</p>
                <p>Ich darf jetzt an die Reihe von Betrachtungen erinnern, in der wir uns mit diesen Worten beschäftigt haben.<note xml:id="n05">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p036#p036">S. 36-114</ref>, die Predigten vom <date when="1911-01-29">29. Januar</date>, <date when="1911-02-12">12. Februar</date>, <date when="1911-02-26">26. Februar</date>, <date when="1911-03-19">19. März</date> und <date when="1911-04-02">2.</date>/<date when="1911-04-09">9. April 1911</date>.</note> Wir sahen dabei jedes Mal im Grunde dasselbe: Das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> führt uns äußerlich und hauptsächlich innerlich in Lagen, die uns nicht gefallen. Wir müssen erkennen, dass wir an Geist, an höherem persönlichem Wert nicht reich, sondern arm sind. Wir werden entblößt von dem, was die Menschen und wir selbst <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term> nennen. Wir verlieren den Mut, uns aufrichtig und trotzig hinzustellen in ungebrochenem <term type="Sachen" key="Selbstbewusstsein">Selbstbewusstsein</term>. Wir erblicken ein ewiges <term type="Sachen" key="Ideal, ewiges">Ideal</term> von <term type="Sachen" key="Güte">Güte</term> und <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, aber indem wir es erblicken, müssen wir uns sagen, dass wir unheilbar von ihm entfernt sind. Wir müssen es erfahren, dass der <term type="Sachen" key="Mensch, Stumpfsinn">Stumpfsinn</term> und die <term type="Sachen" key="Mensch, Bosheit">Bosheit</term> der andern Menschen auch unserm besten Streben Schranken auferlegt, dass der Gerechte verfolgt werden muss, und wenn wir der Sache auf den Grund gehen, entdecken wir, dass wir selber mit schuld sind an diesem Zustand, dass wir selber die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> durch Ungerechtigkeit darniederhalten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.18">Röm. 1,18</ref>] und uns über die <term type="Sachen" key="Verfolgung">Verfolgung</term> nicht einmal so sehr beklagen dürfen. Das sind <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Karfreitagserkenntnis">Karfreitagserkenntnisse</term>, das sind <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term>, die uns bald mit Donnerstimme, bald mit leisem, boshaftem Geflüster einzureden scheinen, dass uns das Reich genommen ist, wo Fried und Freude lacht.<note xml:id="n06">Vgl. Strophe 3 aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-64"><persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardts</persName> Adventslied «Wie soll ich dich empfangen» (GERS 90; vgl. RG 367; EG 11)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Als mir das Reich genommen, </l>
                                    <l>Wo Fried und Freude lacht, </l>
                                    <l>Bist du, mein Heil, gekommen </l>
                                    <l>Und hast mich froh gemacht.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> |</p>
                <p><pb xml:id="p136" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber nun hat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> vor alle diese Erfahrungen ein Selig! gesetzt. Das versetzt uns zunächst in starre Verwunderung, in ungläubiges Kopfschütteln, gerade wie es zunächst den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> von <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> gegangen ist gegenüber der Erkenntnis, dass das Kreuz <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstehung">Auferstehung</term> sei, dass er leiden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, musste leiden"><hi rend="italic">musste</hi></term>, um in seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herrlichkeit">Herrlichkeit</term> einzugehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.26">Lk. 24,26</ref>]. Aber wir sind auch bei der Betrachtung aller jener traurigen und dunklen <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term> auf die geheimnisvolle <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> gestoßen, dass der Weg des <term type="Sachen" key="Leben, Weg des L.">Lebens</term>, der aufwärts führt, zunächst in ein Tal geht, dessen finstere Klüfte und Engpässe uns freilich mit den schlimmsten Befürchtungen erfüllen. Aber es ist wirklich der Weg des Lebens. Es war nicht eine Illusion von Jesus, wenn er alle jene erstaunlichen «Selig sind sie!» mit solcher siegesgewissen Bestimmtheit ausgesprochen hat. Unzählige, die auch keine <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term> und <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> gewesen sind, sondern einfache, trockene Menschen wie wir, haben jene geheimnisvolle <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> nicht nur erkannt, sondern erlebt. Sie sind geistlich arm geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], und indem sie allen geistigen Zierrat ihres Innern abgelegt, indem sie alles geistliche Flügelschlagen gründlich verlernt haben, haben sie das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> gefunden. Sie haben <term type="Sachen" key="Leid">Leid</term> getragen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.4">Mt. 5,4</ref>], aber sie haben im Leid die wirksame Güte <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Gottes</term> erfahren, ihr Schmerz ist ihnen zur Herrlichkeit geworden, weil er sie vorwärts geführt hat. Sie sind zusammengebrochen in ihrem <term type="Sachen" key="Selbstbewusstsein">Selbstbewusstsein</term>, aber dieser Zusammenbruch war die Aufrichtung ihres <term type="Sachen" key="Gottesbewusstsein">Gottesbewusstseins</term>, ihres Lebens. Sie haben gehungert und gedürstet nach <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, aber hungernd und dürstend sind sie satt geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Sie haben <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">Verfolgung</term> erlitten um der Gerechtigkeit willen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.10">Mt. 5,10</ref>], aber sie sind dadurch Gottes Mitarbeiter geworden an der <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term> der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>. Das alles sind <term type="Sachen" key="Ostererlebnisse">Ostererlebnisse</term>, von denen wir nicht nur hören und lesen, die wir nicht nur bewundern und uns daran erbauen, sondern die wir <hi rend="italic">machen</hi> können. Es ist die wunderbare und vor Gott doch so einfache Verwandlung der traurigen <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term> in eine <term type="Sachen" key="Leben">Le<pb xml:id="p137" ed="pga" break="no"/>bens-</term> und <term type="Sachen" key="Freude">Freudenerfahrung</term>. Es ist bei uns wie bei den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> Jesu eine völlige Umkehrung unsrer gewöhnlichen Betrachtungsweise – mehr als das: eine <term type="Sachen" key="Revolution">Revolution</term>, eine Umwertung aller <term type="Sachen" key="Werte, Umwertung aller W.">Werte</term><note xml:id="n07">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p054#fn_n02">S. 54, Anm. 2</ref>.</note>. In diesem Vorgang ergreift Christus Besitz von uns, wieder nicht unter magischen Zauberschlägen, sondern konkret und real und praktisch so, dass das <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> uns zur <term type="Sachen" key="Mensch, Auferstehung">Auferstehung</term> wird, «denn wenn wir so in seines Todes Bild hineingewachsen sind, so wird das auch mit seiner Auferstehung geschehen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.5">Röm. 6,5</ref>]. Und diese Verwandlung wird dann sofort zur Begründung eines neuen Lebensstandes. Alle jene Erfahrungen bestehen ja gerade darin, dass wir Anstöße empfangen, Gott zu suchen, den Menschen zu helfen, uns selbst zu verleugnen, zu beherrschen, zu erziehen. So sind die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> zu <term type="Sachen" key="Apostel">Aposteln</term> geworden, und so werden wir aus Menschen zu rechten <term type="Sachen" key="Mensch, rechter">Menschen</term>. Aber das wird bei uns wie bei ihnen so zugehen, dass uns einmal oder auch mehrmals, aber eben nicht alle Tage, in einzelnen Momenten und Wendepunkten die <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> aufgeht wie ein Blitz, was es mit unsern scheinbar traurigen Erlebnissen in Wirklichkeit auf sich habe, dass aus den dunkeln <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term> das Licht des Selig sind <term type="Sachen" key="Licht, des «Selig sind sie!»">sie!</term> in all seiner Erstaunlichkeit und Herrlichkeit hervortritt. Das sind dann jedes Mal die Christuserscheinungen, die <hi rend="italic">uns</hi> zuteilwerden. Mancher sieht sie auf dem Krankenbett, mancher an den Gräbern seiner Lieben, mancher in den Hindernissen und Niederlagen seiner Arbeit, mancher in den Erfahrungen, die er bei seiner Selbsterziehung macht. Das sind die Osterglocken, die Stimmen <term type="Sachen" key="Gott, Stimme">Gottes</term>, die sich in unserm Leben vernehmen lassen, das <term type="Sachen" key="Evangelium, Christusevangelium vom Kreuz">Christusevangelium</term> vom Kreuz, das eine <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Gotteskraft">Gotteskraft</term> ist.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun geschieht es, dass diese Osterglocken, diese Stimmen <term type="Sachen" key="Gott, Stimme">Gottes</term> plötzlich zu verstummen scheinen, dass das <term type="Sachen" key="Evangelium, Christusevangelium">Christusevangelium</term> in uns nicht mehr klingt, sondern nur noch nachklingt. Wird es <hi rend="italic">ver</hi>klingen? Werden unsre <term type="Sachen" key="Ostererlebnisse">Ostererlebnisse</term> zu den vielen <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrungen</term> gehören, die erst mächtig tönend schallten, dann aber wie alles Irdische nicht bestehen, sondern verhallen?<note xml:id="n08">Vgl. aus der vorletzten Strophe von <bibl corresp="kbga-bibls-1267"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Gedicht «Das Lied von der Glocke» (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 429–442, dort S. 441)</bibl>: 
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Und wie der Klang vergehet, </l>
                                    <l>Der mächtig tönend ihr entschallt, </l>
                                    <l>So lehre sie, daß nichts bestehet, </l>
                                    <l>Daß alles Irdische verhallt.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note></p>
                <p><pb xml:id="p138" ed="pga" rend="noPipe"/>Bei den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> in <placeName ref="kbga-places-949">Emmaus</placeName> ist gerade in dem Moment, wo die <term type="Sachen" key="Ostererkenntnis">Ostererkenntnis</term> in ihnen endgiltig und kräftig durchbrach, das Ereignis eingetreten, das das Evangelium mit dem kurzen Wort beschreibt: <hi rend="italic">Und er verschwand vor ihnen</hi>. Wie wir uns auch ihr <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnis</term> im Einzelnen denken wollen, ob es äußerlicher und greifbarer oder innerlicher und geistiger Art gewesen ist – auf alle Fälle hat es aufgehört. Wir hören nichts Näheres darüber, was das für einen Eindruck bei ihnen erzeugt habe. Auf alle Fälle hat es eine starke Dosis von Enttäuschung in die Seligkeit des <term type="Sachen" key="Erlebnis, Seligkeit des Christus-E.">Erlebnisses</term>, das sie eben gemacht, hineingebracht. Wunderbar! Im Moment, wo sie Jesus erkennen, wird er wieder unsichtbar. Musste es ihnen nicht zu Mute sein, wie einem Schiffer, der eben seinen Kahn im schützenden Hafen anlegen will – da ergreift ihn eine ungeheure, zurückflutende Welle und führt ihn wieder aufs offene Meer hinaus. War jetzt nicht plötzlich wieder <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> geworden, jetzt, wo die <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> aus, wo die <term type="Sachen" key="Verzückung">Verzückung</term> und Begeisterung des <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnisses</term> zu Ende war? Wir wissen von jenen zweien, dass die Enttäuschung über dies Verschwinden jedenfalls nicht das Vorherrschende geblieben ist, auch nicht bei den andern <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term>, die es gleichfalls erleben mussten, dass die Christuserscheinungen seltener wurden und schließlich aufhörten. Im Gegenteil: sie haben erkannt, dass Sinn und Ordnung in diesem Verschwinden war, und haben sich nur um so fester an den lebendigen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> gehalten, auch als es mit den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Erscheinungen">Erscheinungen</term> aus war. – |</p>
                <p><hi rend="italic">Wir</hi> erfahren nun auch etwas von diesem Verschwinden, aber <hi rend="italic">wir</hi> sind offenbar nicht sicher, wie wir damit fertig werden! Es ist etwas vom Schmerzlichsten und Rätselhaftesten in unserm <term type="Sachen" key="Leben, menschliches">Leben</term>, dass jene einzelnen großen Momente, wo wir im <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> die <term type="Sachen" key="Mensch, Auferstehung">Auferstehung</term> erleben, wo die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> uns ergreift, die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> in der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> schildert, eben nur einzelne Momente sind. Es leuchtet etwas in mir auf von dem <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>, das denen beschieden ist, die geistlich arm sind, aber dann beginne ich plötzlich doch wieder zu leiden darunter, <pb xml:id="p139" ed="pga"/> dass ich so gar nicht reich bin. Ich ergreife die Hand, die mich im <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term> schlägt, als die Hand des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term>, der es gut meint, aber indem ich mich daran freuen will, ist das Leid doch wieder da, und ich bin nicht selig. Ich werde satt im Hungern und Dürsten nach <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, aber dann meldet sich doch wieder die sehnsüchtige Qual, die diesem Hungern und Dürsten von Natur innewohnt. Ich freue mich, Gottes <term type="Sachen" key="Mensch, Gottes Genosse im Leiden">Genosse</term> im Leiden um Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Leiden, um der Gerechtigkeit willen">willen</term> zu sein, aber dann meldet sich doch wieder ein Rest von Unbefriedigung darüber, dass ich unterliegen und nicht siegen soll. Ich habe da allemal den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandenen</term> gesehen, aber dann hieß es auch bei mir: er verschwand vor mir. Das <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnis</term>, das ich mit meiner traurigen <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term> gemacht, hörte auf; der Schwung und die Erhebung, die meine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> genommen, ließen nach, und die traurige Erfahrung blieb zurück als das, was sie war. Es schien wieder <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> geworden und die Woge des <term type="Sachen" key="Leben">Lebens</term> flutete zurück, bevor ich festen Fuß gefasst. Nicht wahr, so ist es uns Allen schon mehr als einmal ergangen. Wie Vielen mag es gerade in den letzten acht Tagen im Stillen so ergangen sein: sie haben in der <term type="Sachen" key="Karfreitagspredigt">Karfreitags-</term> oder <term type="Sachen" key="Osterpredigt">Osterpredigt</term> oder bei der Feier des heiligen <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahls</term> etwas empfangen, was ihnen <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und Antrieb war, eine Lösung und <term type="Sachen" key="Erleuchtung">Erleuchtung</term> für ihr Leben, aber dann ist die große Welle gekommen, und die frohe <term type="Sachen" key="Frohe Botschaft">Botschaft</term> ist wieder in weiter Ferne: Er verschwand vor ihnen. Es klingt noch etwas nach in ihnen, aber es droht zu verklingen. Was nun?</p>
                <p>Da gilt es nun vor Allem Eines festzustellen: Grund und Ursache solchen Verschwindens müssen wir sofort <hi rend="italic">bei uns selbst</hi> suchen. Uns steigt die bittere Frage auf die Lippen: warum sehe ich jetzt nichts mehr von der Güte <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Gottes</term> in meinem Leben, wo ich sie eben zu sehen meinte? War denn Alles Illusion? Wir wollen diese Frage nicht an Gott richten, meine Freunde, sondern an uns selbst. Regte sich da nicht eben, als du die Hand nach der <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> ausstrecken wolltest, etwas von deinem alten <term type="Sachen" key="Mensch, alter">Menschen</term>, etwas, was noch nicht mit Christus gestorben ist, ein Stück <term type="Sachen" key="Eitelkeit">Eitelkeit</term> oder <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> oder <term type="Sachen" key="Lieblosigkeit">Lieblosigkeit</term> oder <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term>? Meinst du im Ernst, dass dein <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnis</term> bestehen kann neben diesen Regungen? Ist’s nicht ganz in der Ordnung, dass es vergeht, wenn du die Voraussetzung, den <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term>, noch so ungründlich erlebt hast? Seht, wenn uns dies rätselhafte Verschwinden <term type="Sachen" key="Gott, Verschwinden">Gottes</term> aus unserm Leben zu gar nichts anleiten würde als zu <pb xml:id="p140" ed="pga"/> diesen Fragen, so wäre es schon ein inhaltsreiches Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> an uns. – |</p>
                <p>Es liegt aber noch mehr darin. Wir können wohl theoretisch sagen, dass es schön wäre, alle Tage beständig <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term> zu erleben, wie es den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> geschah oder wie es uns geschieht in den großen Momenten, wo eine der <term type="Sachen" key="Seligpreisungen">Seligpreisungen</term> Jesu auf uns zutrifft. Aber wenn wir vor dem stehen, so wie wir sind, müssen wir uns sagen, dass uns ein solch fortdauerndes Erleben gar nicht gesund wäre. Wir sollten freilich beständig auf der Menschheit Höhe wandeln, beständig in der Seligkeit des Gottschauens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.8">Mt. 5,8</ref>]. Aber wenn uns das <hi rend="italic">jetzt</hi>, da wir noch nicht reif sind dafür, durch ein Wunder widerführe, wir würden daran zu Grunde gehen. Und wenn wir’s künstlich zu erzwingen suchen, so würden wir gespreizte, unnatürliche, unglückliche Menschen. Ihr erinnert euch, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> einmal von sich sagt, ihm sei ein Dorn ins Fleisch gegeben, damit er sich der hohen Offenbarungen nicht überhebe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.7">2.Kor. 12,7</ref>].<note xml:id="n09">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p018#p018">S. 18-35</ref>, die Predigt vom <date when="1911-01-15">15. Januar 1911</date>.</note> Das ist der weitere Sinn jenes <term type="Sachen" key="Gott, Verschwinden">Verschwindens</term>, das uns ängstigt: es erzieht uns zur <term type="Sachen" key="Demut"><hi rend="italic">Demut</hi></term>, zur Vorsicht gegen uns selbst, die wir, so wie wir sind, sehr nötig haben. – |</p>
                <p>Es <hi rend="italic">erzieht</hi> uns, sagte ich eben. Das führt uns auf etwas Weiteres. Unser <term type="Sachen" key="Leben, menschliches">Leben</term>, auch unser neues <term type="Sachen" key="Leben, neues">Leben</term>, das im <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuze</term> erweckt worden ist, ist nicht ein Zustand, sondern eine <term type="Sachen" key="Leben, neues L. als Entwicklung"><hi rend="italic">Entwicklung</hi></term>, und zwar eine Entwicklung, die wir uns vielleicht am Besten in Form einer Spirallinie denken: Wir kommen scheinbar immer wieder an dieselben Punkte: das sind auf der einen Seite die <term type="Sachen" key="Ostererlebnis">Ostererlebnisse</term>, wo Christus von uns Besitz ergreift, und das sind auf der andern Seite die Momente, wo es heißt: er verschwand vor ihnen. Es sind doch nur scheinbar dieselben Punkte, die wir da immer wieder berühren, in Wirklichkeit dürfen wir jedes Mal eine Stufe höher steigen! Es geht in die Enttäuschung hinein, aber gerade damit kommen wir wieder in eine Situation, wo Jesus von uns sagen würde: Selig seid ihr, wenn ihr diese traurige Situation zu brauchen wisst. Nun geht uns das vielleicht auf, wir erleben wieder <term type="Sachen" key="Mensch, Auferstehung">Auferstehung</term>, unsre Augen werden geöffnet, wir erkennen ihn – aber wir dürfen nicht denken, dass wir nun fertig seien. Das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> führt uns weiter. Bereits liegt das <term type="Sachen" key="Erlebnis">Erlebnis</term> hinter uns, wir blicken wehmütig darauf zurück, auch das Misstrauen und die nach<pb xml:id="p141" ed="pga" break="no"/>trägliche Enttäuschung werden uns nicht erspart, wenn wir nun merken, dass der Gipfel noch nicht erreicht ist. Ich meine, wir wollen nicht zu lange zurücksehen, der Kultus der <term type="Sachen" key="Erinnerung, Kultus">Erinnerung</term> wie der Verdruss in der <term type="Sachen" key="Erinnerung, Verdruss in der E.">Erinnerung</term> dienen zu gar nichts, sondern nun heißt’s vorwärts, wenn’s sein muss auch ohne besondere <term type="Sachen" key="Erlebnis, besonderes">Erlebnisse</term>. So haben es die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> dort auch gemacht, und so wird’s recht sein. Schließlich ist ja der Sinn unsres <term type="Sachen" key="Leben, Sinn unseres L.">Lebens</term> nicht der, dass wir angestoßen und getrieben werden, sondern dass wir uns tatsächlich bewegen. In jenen Erlebnissen ergreift uns Gott in Christus, aber wenn sie nun aufhören, so ist das nicht eine Katastrophe, sondern einfach das Zeichen, dass nun probiert werden soll, wie weit wir wirklich ergriffen sind, wie weit Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vertrauen">Vertrauen</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Hilfsbereitschaft">Hilfsbereitschaft</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lebensernst">Lebensernst</term> unser geworden seien. Es gleicht dieses scheinbare Verschwinden dem wichtigen Akt in der <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term> des Kindes, wo die Mutter es zum ersten Mal allein von einem Stuhl zum andern laufen lässt, oder dem andern, wo es das Vaterhaus verlässt, um auf eigenen Füßen zu stehen. Wir wollen das nicht nur wehmütig hinnehmen, wie es ist, sondern wir wollen sagen: es ist recht so. Denn ich kann nun Alles zusammenfassen, indem ich sage: Gott will im letzten Grunde gar nicht, dass wir ihn <hi rend="italic">er</hi>leben, wie man heutzutage so oft sagen hört, sondern das, was er uns in jenen <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarungen</term>
                    <hi rend="italic">er</hi>leben lässt, das soll uns dazu dienen, ihm zu <term type="Sachen" key="Gott, will, dass wir ihm leben"><hi rend="italic">leben</hi></term>. Wir sollen selbständig werden. Jesus soll in uns Gestalt annehmen, als ob wir selbst es wären. Und um uns dazu zu erziehen, lässt uns Gott oft scheinbar allein. Ich erinnere noch einmal an Jesus selbst, um euch zu zeigen, wohin Gott uns führen will und welche Wege er dabei einschlägt. In Jesu eigenem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> haben die <term type="Sachen" key="Verzückung">Verzückungen</term> und Begeisterungen eine sehr geringe Rolle gespielt. Sein Bild zeigt uns wenig von hohen, besondern <term type="Sachen" key="Erlebnis, hohes">Erlebnissen</term>, aber viel von einem hohen, besondern Leben, das schön und gleichmäßig erfüllt war von dem, wonach wir in einzelnen Momenten dürstend die Hand ausstrecken. Er pilgert nicht von einer Gotteserfahrung zur andern wie wir, aber ist in seinem Denken und Tun voll von bearbeiteter, angewandter, fruchtbar gemachter <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gotteserfahrung">Gotteserfahrung</term>. Er war auferstanden, bevor er gestorben war. Und weil es so war, war er der Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term>. Er war das, was wir werden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, war das, was wir werden sollen">sollen</term>.</p>
                <p>Einmal hat auch er das erfahren, wie schmerzlich es sein kann, wenn Gott uns selbständig macht und uns scheinbar verschwindet. <pb xml:id="p142" ed="pga"/> Aber gerade in dieser Stunde ist ihm Gott in Wirklichkeit am Nächsten gewesen. Es war die Stunde, da er in den rätselhaften Ruf ausgebrochen ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.46">Mt. 27,46</ref>]</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName>, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-163">Nr. 139: «Die Lerche stieg am Ostermorgen» von <persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName>, Strophen 1–3 u. 4–5.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.13 Lk.24.35">Lk. 24,13–35.</ref></item>
                    </list>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
