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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 23,33–34</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 23,33–34, 14. April 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51010 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 115–128.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 23,33–34</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">115–128</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 23,34 (Karfreitag), 14. April 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1506">KBA 1041</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-04-14">Karfreitag, den 14. April 1911</date>
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.33 Lk.23.34">Lukas 23,33–34</ref>
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach:</hi> Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wenn wir uns vertiefen in die Betrachtung der Geheimnisse und Offenbarungen des Kreuzes <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term>, dann geht es uns wie Einem, der in einer klaren Nacht seine Augen gen Himmel richtet. Er sieht dann wohl Sterne und Sternbilder, deren Lauf und Art und Namen er mit mehr oder weniger großer Kenntnis zu deuten weiß. Aber jenseits der bekannten Gestirne nimmt er eine Unzahl Anderer wahr, von denen nur noch die <term type="Sachen" key="Astronomie">Astronomen</term> Kunde haben, und dann gibt’s auch da noch einmal ein Jenseits von unendlich fernen und unermesslichen Sonnensystemen und Welten, die noch nie eines Menschen Auge gesehen und die doch unzweifelhaft da sind und leuchten. Ich sage, so geht es uns mit dem Ereignis des Tages von <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>: Man wird nicht fertig damit. Wir haben uns von Kind an an diese oder jene Deutung dieses Ereignisses gewöhnt, aber wenn wir älter werden, dringen wir tiefer ein, wir machen Erfahrungen, die uns das Kreuz Christi von ungeahnten neuen Seiten zeigen, und je ernsthafter dann solche Erfahrungen sind, desto mehr müssen wir zur Erkenntnis kommen, dass da jenseits dessen, was wir begreifen und verstehen, noch Lebensgeheimnisse verborgen sind, die auch wahr und die auch wirksam sind, obwohl unsre Augen sie nicht sehen können! Man kann den Tod <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> den größten <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrertod</term> nennen, den die Menschheit gesehen, man kann in ihm das Urteil erkennen, das die Sünde über sich selbst ausgesprochen, man kann sagen, dass mit diesem Tod der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> eine Gasse gebrochen worden sei,<note xml:id="n01">Der Sage nach soll <persName ref="kbga-actors-5866">Arnold Winkelried</persName> in der Schlacht von <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName> <date when="1386">1386</date> den Sieg der Schweizer gegen die überlegene Armee des österreichischen Herzogs <persName ref="kbga-actors-9187">Leopold III.</persName> ermöglicht haben, indem er mit dem Ruf: «Der Freiheit eine Gasse!» auf die Österreicher zustürmte, viele Lanzen auf sich zog und so eine Lücke in die geschlossene Phalanx riss. Vgl. zur weiteren Rezeption <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 184</bibl>.</note> und man kann in ihm das <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Sühnopfer">Sühnopfer</term>, <pb xml:id="p116" ed="pga"/> die <term type="Sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term> der Menschheit mit Gott erkennen. Das Alles ist richtig. Aber ob wir nun den Eindruck, den uns die Tatsache des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> macht, in diese oder jene Worte kleiden, es bleibt immer noch etwas übrig, was sich in keinen Worten erschöpfen lässt und was doch größer ist, als alle Worte es sagen könnten, gerade wie die Unendlichkeit der <term type="Sachen" key="Welt, Unendlichkeit">Welt</term> nicht das ist, was wir sehen, sondern das, was wir nicht sehen. Das hat schon <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> erkannt, als er sagte, das Kreuz Christi sei den <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.23">1.Kor. 1,23</ref>]. Er wollte damit sagen, die innerste und größte Bedeutung der Tatsache des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> könne man nicht ausrechnen und beweisen, und wer <hi rend="italic">darauf</hi> ausgehe, der werde sich daran stoßen oder darüber lachen. Er hat aber weiter gesagt, es handle sich da um eine <term type="Sachen" key="Gotteskraft"><hi rend="italic">Gotteskraft</hi></term>, die man <hi rend="italic">glauben</hi>, das will sagen: die man tatsächlich in sich aufnehmen, an sich erfahren, die man als eine Tatsache in seinem eigenen Leben konstatieren könne.</p>
                    <p> Wenn wir also heute in besonderer Weise des Wortes vom <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort vom Kreuz">Kreuz</term> gedenken, dann wollen wir uns ehrlich gestehen, dass hier das Innerste und Größte nicht ausgerechnet und bewiesen, ja nicht einmal ausgesprochen werden kann; denn das Innerste und Größte ist das, was sich in unserm Herzen vollzieht. Ich glaube auch, dass für Viele das heilige <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term>, das wir nachher feiern, das wirksamere Mittel für diesen Vorgang ist als alle Worte, und was wir mit Worten tun können, das besteht nur darin, dass wir gemeinsam versuchen, an die Schwelle des Geheimnisses heranzutreten, wo die Worte aufhören und wo das selige <term type="Sachen" key="Leben, seliges">Leben</term> anfängt. Dazu leitet uns auch das Wort Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">selbst</term> an, das ich zum Gegenstand unsrer Betrachtung gewählt habe: <hi rend="italic">Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun</hi>. Man versteht es gewöhnlich als eine Äußerung der wunderbaren Menschenliebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschenliebe">Jesu</term>, als eine Erfüllung dessen, was er selbst von uns verlangt: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.44">Mt. 5,44</ref><note xml:id="n02">In der Fassung der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> benutzten <bibl corresp="kbga-bibls-2492">revidierten Ausgabe der Luther-Übersetzung von 1892</bibl>; neuere Ausgaben bieten eine kürzere Form.</note>]. Das <pb xml:id="p117" ed="pga"/> scheint uns auf den ersten Blick wenigstens zum Begreiflichen zu gehören. Das gehört zu den Sternen am Himmel, die wir zu kennen meinen, um das vorhin gebrauchte Bild noch einmal anzuwenden. Aber wir brauchen in dieses einfache <term type="Sachen" key="Gebet">Gebetswort</term> bloß etwas tiefer einzudringen, so stehen wir bereits wieder vor jenem Geheimnis, wo das Ausrechnen und Beweisen und Erklären ein Ende hat. Ist die menschliche <term type="Sachen" key="Sünde, menschliche">Sünde</term> und <term type="Sachen" key="Verworfenheit">Verworfenheit</term> nicht gerade in der Kreuzigung <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> auf einen Höhepunkt gekommen wie nie zuvor? Besteht die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> nicht gerade darin, dass die Menschen mit Wissen und Wollen nicht das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term>, sondern das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.19">Röm. 7,19</ref>]? |</p>
                <p>Und auf der andern Seite: Wenn Jesus in der Stunde, wo er zweifellos Gott am Nächsten war, in der Stunde, wo er den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> und die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term> seines Lebens am Kreuz besiegelt, – wenn er in dieser Stunde betet: Vater, vergib ihnen! – ist das dann bloß eine fromme, menschenfreundliche Regung seines Innern oder muss diesem <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> nicht eine Antwort Gottes entsprechen? Dann wären auch die, die das Schrecklichste und Unnatürlichste getan, die den Herrn der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herr der Herrlichkeit">Herrlichkeit</term> gekreuzigt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.8">1.Kor. 2,8</ref>], nicht ausgeschlossen, sondern aufgenommen gewesen in Gottes verzeihende <term type="Sachen" key="Gott, verzeihende Liebe">Liebe</term>. Muss das nicht alle unsre Begriffe von <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gut</term> und <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> umstürzen, wenn wir es auf uns anwenden? So stoßen wir überall auf Punkte, die uns zu denken geben und mit denen wir mit unserm Denken nicht fertig werden. Und doch strahlt uns gerade aus diesem Wort etwas entgegen von der stillen, wirksamen Leuchtkraft, die mit der Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term> und zumeist mit seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> in die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> gekommen ist. Wir spüren es, wenn wir dies Wort hören, dass wir im Hause unsres <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term> sind, dass etwas in der Welt anders geworden ist, seit ein solches Wort in solchen Umständen gesprochen werden konnte. Sehen wir es? Spüren wir es, liebe Freunde? Hören wir aus diesem Wort Jesu am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> heraus das seligmachende Wort vom <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort vom Kreuz">Kreuz</term>, von der <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term>, vom <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term>, der seit dem <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> in dieser Welt eine Stätte gefunden? Wir wollen einander darin zu helfen suchen, indem wir zusammen einige der Wege betreten, die von diesem Wort aus in das geheimnisvolle Innere des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> führen.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent"><pb xml:id="p118" ed="pga" rend="noPipe"/>Manche haben gesagt, mit der Bitte: Vater, vergib ihnen! habe Jesus nur an die römischen Kriegsknechte gedacht, die in stumpfer Pflichterfüllung ihr schauderhaftes Henkeramt an ihm ausübten. Es seien ja auch bei ihnen Züge der allgemeinen menschlichen Brutalität und Verdorbenheit an jenem Tage zum Vorschein gekommen, aber im Ganzen hätten sie doch von Allen am Wenigsten gewusst, was sie taten, und seien für das Entsetzliche, was durch ihre Hände geschah, am Wenigsten verantwortlich zu machen. Gewiss hat Jesus auch von ihnen gedacht und gesagt: «sie wissen nicht, was sie tun», aber wenn er nur sie gemeint hätte, würde er nicht gesagt haben: Vater, <hi rend="italic">vergib</hi> ihnen! Denn wo <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> nötig ist, da muss <term type="Sachen" key="Sünde"><hi rend="italic">Sünde</hi></term> geschehen sein; gerade das aber, was jene Soldaten in Ausübung ihrer <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> taten, hat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> sicher nicht als Sünde beurteilt. Auch die Quelle seines Leidens an jenem Tag war ja zum Wenigsten das, was jene ihm zufügten: die äußere Erniedrigung, die beschimpfende Gleichstellung mit ehrlosen Verbrechern, die körperliche Qual und der leibliche <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term>. Das Alles, so schwer es sicher auf ihm gelegen hat, waren ja schließlich bloß die Mittel, mit denen die Sünde an jenem Tag gearbeitet und durch die sie über das <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> zu triumphieren gehofft hat. Und so waren auch jene Henkersknechte bloß die Instrumente der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und in ihrem Innern vielleicht nicht ferne vom Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>]. Jesus hat das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> wie das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> nicht in den äußern Handlungen der Menschen gesehen, sondern in dem Zustand ihrer Herzen, in der <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> oder Unschuld des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, aus der die äußern Handlungen hervorgehen. Und <hi rend="italic">darunter</hi> hat er am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> unsäglich gelitten, dass er in dem, was die Menschen ihm antaten, eine Offenbarung und Wirkung sehen musste der entarteten <term type="Sachen" key="Mensch, entartete Bosheit">Bosheit</term> ihres verborgensten Inwendigen. An der hatten auch jene direkten äußern Urheber seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leidens</term> Anteil, ihre schadenfrohe Rohheit ist ein beredtes Zeugnis dafür; aber ihre <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> war doch nur ein Tropfen in dem Meer der menschlichen <term type="Sachen" key="Sünde, Meer der menschlichen S.">Sünde</term> überhaupt, dessen Wellen an jenem Tag über dem Haupt des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sündloser">Sündlosen</term> zusammenzuschlagen schienen. Da sind seine Nächsten gewesen, die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term>, die ihn als dankbare Freunde und Schüler auf seinem Heilandsweg begleitet hatten und die dann doch in der entscheidenden Stunde nicht mit ihm wachten und beteten und darum in Anfechtung fielen und ihn in Verworrenheit und Feigheit verließen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.40 Mt.26.45">Mt. 26,40–45</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.56">.56</ref>]. Da war <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, die Stadt Gottes, dessen <pb xml:id="p119" ed="pga"/> Kinder er so oft hatte versammeln wollen um das Eine, was nottut, und der er doch zuletzt das furchtbare Wort sagen musste: Ihr habt nicht gewollt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.37">Mt. 23,37</ref>]. Da waren seine erklärten und offenen Feinde, die Männer der <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>, die für den Tempel Gottes eiferten, damit ihnen der Geist <term type="Sachen" key="Geist, Gottes">Gottes</term> nicht unangenehm werde. Da war der Vertreter der öffentlichen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, öffentliche">Gerechtigkeit</term>, des weltlichen <term type="Sachen" key="Staat">Staates</term>, der es vorzog, seine Hände in Unschuld zu waschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.24">Mt. 27,24</ref>] und sich in vornehme Indifferenz zu hüllen, statt <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> Recht sein zu lassen. Und wie wenn all die <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term>, die sich in dem Tun dieser Leute offenbarte, sich in einer Person hätte zusammenfassen wollen, war da der verlorene Sohn, der in einer unseligen Vermischung höchster Hoffnungen und niedrigster Instinkte vom begeisterten Jünger zum erklärten und tätigen Feind und <term type="Personen" key="Judas">Verräter</term> wurde. Und der Kreis derer, die für das Kreuz <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> verantwortlich sind, erweitert sich ins Unermessliche, wenn wir von der <term type="Sachen" key="Feigheit">Feigheit</term>, der Stumpfheit, der Feindschaft, der Indifferenz, dem Verrat, die dort wirksam gewesen sind, die Linien weiter ziehen zu den Trieben und Motiven, die in den Menschen überhaupt, die in <hi rend="italic">uns</hi> erwachen und losbrechen, wenn Gott uns zu nahe kommt, wie er jenen Menschen in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> in beunruhigender Weise zu nahe gekommen ist. Wir können dann kaum anders, als in jenen, von <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> bis zu <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, unsre geistigen Verwandten erkennen, uns mit ihnen solidarisch erklären, uns eingestehen, dass wir an ihrer Stelle von uns aus kaum viel anders gehandelt haben würden, jedes in seiner Weise. Die Untat des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> ist die Untat des <term type="Sachen" key="Karfreitag, Untat des Menschen">Menschen</term>, ist unsre Untat und sie besteht darin, dass wir das <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> sehen, dass wir aber sagen: ich <hi rend="italic">will</hi> es nicht sehen. Ob wir uns dabei bloß die Augen zuhalten oder ob wir uns bemühen, das Licht auszublasen, macht im Grundsatz keinen Unterschied. Zum <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> mag nicht jeder veranlagt sein – er ist dafür ein <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> oder einer von dem gaffenden Volk, besser ist er darum um kein Haar. Denn der Mensch richtet, was vor Augen ist, Gott aber siehet das Herz an [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.16.7">1.Sam. 16,7</ref>]. Und wenn wir uns jetzt zurückversetzen in die Seele des leidenden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Christus</term>, dann ahnen wir, worunter er am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> gelitten hat. Wir stehen dann gerichtet und vernichtet vor der Wahrheit, die uns <persName ref="kbga-actors-455">Johann Sebastian Bachs</persName>
                    <term type="Sachen" key="Matthäuspassion">Tonwerk</term> in dieser Woche in so gewaltiger Weise gepredigt hat:<note xml:id="n03">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p104#fn_n04">S. 104, Anm. 4</ref>.</note></p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l><pb xml:id="p120" ed="pga" rend="noPipe"/>Was ist die Ursach aller dieser Plagen?</l>
                            <l>Ach, meine Sünden haben dich geschlagen.</l>
                            <l>Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,</l>
                            <l>Was du erduldet.<note xml:id="n04">Strophe 2 (in RG und EG Strophe 3) des im Gottesdienst gesungenen Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-79">«Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen»</bibl> (s. unten am Ende dieser Predigt) wird in Nr. 19 von <bibl corresp="kbga-bibls-3371">Bachs Matthäuspassion</bibl> rezitiert.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Jesus hat es dieser Stunde mitansehen müssen, wie das innere Elend der menschlichen <term type="Sachen" key="Elend, der menschlichen Art">Art</term>, dessen Überwindung sein ganzes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> geweiht war, erst seine volle Höhe erreichte. Er war gekommen, den Menschen aus der Not zu helfen, und nun vergrößerten die Menschen die Not ins Unendliche, indem sie den Helfer zum Schweigen brachten. Nicht was man ihm persönlich zufügte, war das Leid seiner Seele, sondern das, was die Menschen dadurch sich selber zufügten. Denn er lebte ja nicht für sich, sondern eben für die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebte für die Menschen">Menschen</term>. Er wusste, dass <hi rend="italic">sein</hi>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leiden</term> in Wirklichkeit <hi rend="italic">ihr</hi>
                    <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term> war, weil es ihre <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> offenbarte. Und so konnte er den Frauen, die ihn auf dem Wege nach <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> weichmütig beklagten, antworten: «Ihr Töchter <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalems</placeName>, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und eure Kinder!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.28">Lk. 23,28</ref>] Er für sich persönlich wusste, dass er in seinem Leiden den guten Willen des <term type="Sachen" key="Gott, guter Wille des Vaters">Vaters</term> erfüllte, und er wusste sich in allem Leiden geborgen im <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vertrauen">Vertrauen</term> zu der <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> dieses Vaters. Aber das musste sich wie ein Felsblock auf seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Seele">Seele</term> legen, was dabei aus den Andern werden sollte. So hatte er schon früher in Bezug auf den <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> gesagt: Des Menschen Sohn gehe zwar dahin, wie von ihm geschrieben stehet; doch wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.24">Mt. 26,24</ref>]. Das galt auch von all den Andern, das gilt auch von uns: Wehe dem, durch welchen des Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschensohn">Sohn</term> verraten wird! Es wäre ihm besser, dass er nie geboren wäre. Und so war gerade das Innerste und Größte von alledem, was am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> auf seiner Seele lag, nicht das eigene, sondern fremdes <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term>, das schwere Gebrechen der <term type="Sachen" key="Menschheit, schweres Gebrechen">Menschheit</term>, das sich gerade in seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuze</term> in all seiner Hoffnungslosigkeit offenbarte, unsre <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und ihre <term type="Sachen" key="Sünde, ihre Strafe">Strafe</term>, die uns nirgends so deutlich werden kann wie angesichts seines Kreuzes. Und mit dieser Last auf dem Herzen tritt er nun in all der Qual seines beginnenden Todeskampfes vor Gott und betet: <pb xml:id="p121" ed="pga"/>
                    <hi rend="italic">Vater, vergib ihnen!</hi> Stelle du selbst das, was hier zerstört wird, wieder her! Rechne ihnen die ungeheure Entfernung von dir, in die sie sich jetzt begeben haben, nicht an, sondern ziehe sie mit deiner <term type="Sachen" key="Gott, Kraft">Kraft</term> wieder an dich! Schlage du selbst die Brücke, die sie von der <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> und Strafe ihrer <term type="Sachen" key="Sünde, ihre Strafe">Sünde</term> zu deinem seligen <term type="Sachen" key="Leben, seliges">Leben</term> führe. Vater, vergib ihnen! Und Jesus fügt hinzu: <hi rend="italic">Denn sie wissen nicht, was sie tun.</hi></p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Was soll dieses Letzte? Auf den ersten Blick klingt es wie eine Entschuldigung, und das Wort wird oft so angewendet, als ob nur eine Entschuldigung darin läge. Jesus hätte dann damit das sagen wollen: die Menschen seien in ihrer <term type="Sachen" key="Mensch, Bosheit">Bosheit</term> gar nicht zurechnungsfähig und darum auch nicht <term type="Sachen" key="Mensch, Verantwortlichkeit">verantwortlich</term>. Das würde uns nun vielleicht wohl passen, wenn wir da hören würden, dass die Schlechtigkeit des <term type="Sachen" key="Mensch, Schlechtigkeit">Menschen</term> im Grunde immer nur eine Unwissenheit sei. Gott hätte dann in der Tat nichts Eiligeres zu tun, als uns immer wieder zu <term type="Sachen" key="Vergebung">vergeben</term>, weil wir ja doch nicht wissen, was wir tun. Dabei würde sich leben lassen. Aber ich glaube nicht, dass das Wort Jesu den Sinn hat, uns das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> in diesem Sinn leicht zu machen. Es würde sonst rein unbegreiflich, wie <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> von <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> und dann zu den Frauen von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> jene schneidend harten und ernsthaften Worte hätte sagen können. Und es würde weiter unbegreiflich, wie Jesus in diesen letzten Tagen, von <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> bis <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, unter einer Last hätte wandern und fast unter ihr zusammenbrechen können, die doch nur eine eingebildete, scheinbare Last gewesen wäre. Denn wenn die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> der Menschen, die ihm dort zu schaffen machte, bloß eine Folge der Unwissenheit gewesen, wenn darin von vornherein ihre <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> und <term type="Sachen" key="Verzeihung">Verzeihung</term> begründet gewesen wäre, dann wäre ja damit das Schwerste am Leiden <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Jesu</term>, jenes fremde Leiden, das sein Inneres marterte, ein bloßer Schein gewesen. Man kann aber noch weiter gehen und sagen: wenn das Jesu Anschauung gewesen wäre, dass Gott die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> von vornherein vergeben müsse, weil der Mensch nicht wisse, was er tue, dann würde er kaum seine Lebenszeit, geschweige denn sein Leben an die Überwindung der <term type="Sachen" key="Sünde, Überwindung durch Jesus Christus">Sünde</term> und an das Kommen des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> gesetzt haben. Wozu das, wenn der Mensch trotz der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> mit Gott in Ordnung ist, wenn Gott ihm vergibt, weil er ja doch nicht weiß, was er tut? <pb xml:id="p122" ed="pga"/> Und was für Jesus galt, das würde dann auch für uns gelten: Wenn das der Weisheit letzter Schluss wäre, dass alles gut und in Ordnung ist, weil wir ja doch nicht wissen, was wir tun, dann könnten wir allen guten Willen, alle Anstrengungen und Kämpfe um höhere <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnisse</term> und um höheres <term type="Sachen" key="Leben, höheres">Leben</term> begraben. Wir brauchten uns selbst nicht mehr zu verurteilen, sondern könnten uns beruhigen bei dem Gedanken, dass Gott mit uns zufrieden, dass unser <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> ein rechtes, gutes Leben sei, auch wenn wir im tiefsten Sumpfe stecken. Das wäre bequem, und es lebt auch tatsächlich mancher nach diesem Konzept. Aber es wäre und es ist auch der Tod alles Lebens. – |</p>
                <p> Denn es liegt wohl eine Entschuldigung in dem Wort <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term>, aber die verstehen wir erst, wenn wir die Anklage und das Urteil, die auch darin liegen, in ihrem ganzen Gewicht haben auf uns wirken lassen. Und wenn wir das getan haben, lernen wir vorsichtig umgehen mit der Entschuldigung, die es zu gleicher Zeit enthält. <hi rend="italic">Sie wissen nicht, was sie tun!</hi> Kann man im Grunde etwas Schrecklicheres von Menschen sagen als das? Das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> besteht darin, dass wir wissen, was wir tun, das will sagen, dass unsre Gedanken und Handlungen geleitet sind nicht von den blinden Instinkten unsrer <term type="Sachen" key="Natur, blinde Instinkte">Natur</term>, sondern vom Licht der <term type="Sachen" key="Vernunft, Licht der V.">Vernunft</term>. Je höher ein Mensch sich innerlich entwickelt, desto mehr muss Alles, was zu jenen Instinkten gehört, die <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term> und die <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> vor Allem, zurücktreten, desto mehr muss die Gotteskraft der Vernunft<note xml:id="n05">Der Gedanke, dass die menschliche Vernunft göttlichen Ursprungs bzw. eine göttliche Kraft sei, ist in der Philosophie schon seit der Antike verbreitet. Aufgenommen und zugespitzt auf das Gegenüber von Vernunft und Offenbarung wird er von <bibl corresp="kbga-bibls-5243"><persName ref="kbga-actors-1114">G. W. Leibniz</persName>, <hi rend="italic">Discours de la conformité de la foi avec la raison</hi>, in: <hi rend="italic">Essais de théodicée sur la bonté de dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal</hi>, nouvelle Edition par M. L. de Neufville, Bd. 2, Amsterdam 1734, S. 1–69, dort S. 26 (§ 29)</bibl>: «<foreign xml:lang="fre">la lumiere de la Raison n’est pas moins un don de Dieu que celle de la Revelation</foreign>» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> unterstrichen).  Bei Theologen lassen sich Beispiele für die explizite Rede von der Vernunft als einer «Gotteskraft» vor allem seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden; vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5244"><persName ref="kbga-actors-10316">C. J. A. Bormann</persName>, <hi rend="italic">Die Lehre von den Zwecken oder die Teleologie</hi>, Berlin 1824, S. 114</bibl>: Der Mensch ist, «als das Ebenbild Gottes», dazu bestimmt, «mit der ihm verliehenen Gotteskraft (Vernunft) alles vor ihm Geschaffene zu beherrschen»; <bibl corresp="kbga-bibls-5246"><hi rend="italic">Rezension zu: Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 1. Heft, 1826 / 2. Heft, 1827</hi>, in: <hi rend="italic">Allgemeine Kirchenzeitung</hi>, Jg. 7, 1828, Sp. 185–199</bibl> (= <hi rend="italic">Theologisches Literaturblatt zur Allgemeinen Kirchenzeitung</hi>, Nr. 23/24, 19./21.3.1828), dort Sp. 185: «<persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> bezeichnet (nach dem jetzigen richtigen Sprachgebrauche) die Vernunft als die den Menschen und Engeln gegebene Gotteskraft, Gott und göttliche Dinge zu erkennen».<term type="Sachen" key="Vernunft, Gotteskraft"/></note> sein Leben durchsäuern, desto mehr muss er wissen, was <pb xml:id="p123" ed="pga"/> er tut. Was da schlummert in den unbewussten Tiefen unsrer <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, das gehört nicht zu uns, gehört nicht zu unsrem Leben, solange wir nicht davon wissen und Stellung dazu nehmen. Und wenn es die besten Triebe und Motive wären, <hi rend="italic">gut</hi> sind sie erst dann, wenn wir mit Wissen und Willen «ja» dazu sagen, sie uns zu eigen machen. Und das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> in uns, unsre Fehler und Schwächen, sind freilich immer Reste der alten Unwissenheit. Wir stecken dann auch in der <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term> und in der <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> drin. Wir wissen nicht, was wir tun. Aber ist das eine beruhigende Hirtenschalmei, wenn wir das von uns sagen müssen? Ich meine vielmehr: wir sagen damit von uns oder Andern das denkbar Traurigste, was wir sagen können. Wir sagen damit, dass wir das nicht sind, was wir sein sollten und könnten. Wir verurteilen und degradieren uns selbst, und ich wollte den sehen, der in diesem Urteil noch etwas Beruhigendes, Entschuldigendes, Angenehmes finden wollte. Es hat sich schon mancher seiner Fehler und Schwächen gerühmt, aber auch der verkommenste Mensch lehnt sich innerlich dagegen auf, dass er gar nicht mehr wisse, was er tue, dass er bewusstlos, sinnlos, dem Zustande des Tieres oder der Pflanze ebenbürtig geworden sei. Und doch werden wir nichts Anderes finden, als dass unsre Fehler und Schwächen, unsre Sünden solche Bewusstlosigkeiten sind. Das entschuldigt uns nicht, denn indem wir uns verurteilen, sagen wir selbst, dass es anders sein könnte. Die Anklage und das Urteil, das Verzeihen und die Strafe sind da immer eins und dasselbe.</p>
                <p>Und nun hat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth"><hi rend="italic">Jesus</hi></term> von denen, die ihn <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">kreuzigten</term>, gesagt: Sie wissen nicht, was sie tun. Damit wollte er nicht ihre <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> bestreiten oder abschwächen, sondern er hat da in einem Wort ihr ganzes Elend zusammengefasst: Sie wussten nicht, was sie taten, das war ihre Schuld. Und das war die Schuld, die er am Kreuz getragen, die Ursache des Größten und Tiefsten in seinem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leiden</term>. An sich selber hat er es jetzt erfahren, was es mit dieser Unwissenheit der <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Menschen</term>, mit ihrer <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> auf sich habe. Sie wollten nicht heraus aus ihren natürlichen <term type="Sachen" key="Mensch, natürliche Instinkte">Instinkten</term>; beim einen war’s die Zaghaftigkeit, beim andern die Selbstzufriedenheit, beim dritten die Habsucht, beim vierten die <pb xml:id="p124" ed="pga"/> Gleichgiltigkeit, beim fünften die Brutalität. Und doch war’s bei Allen dasselbe: Sie wollten nicht wissen, was sie taten; sie wollten sich durch das Licht der wahren <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Licht der wahren Menschheit">Menschheit</term>, der göttlichen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Licht der göttlichen Vernunft">Vernunft</term>, das in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> unter sie getreten war, nicht stören lassen. Und nun ist es, wie wenn Jesus in diesen letzten Stunden, wo sein Licht noch leuchten kann, diese ganze verkehrte menschliche Art in beide Hände nähme und so vor Gott brächte: Vater, sieh, so sind sie, die du mir gegeben hast [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.29">Joh. 10,29</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.6">17,6</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.17.9">.9</ref>]! So ist die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, die zu deinem Reiche werden sollte. Sie wissen nicht, was sie tun, weniger als je. Es liegt in der Art, wie Jesus hier vor Gott tritt, etwas von dem Seufzer <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>: Herr, nun heb den Wagen selbst.<note xml:id="n06"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-311">«Herr nun heb den Wagen selb»</bibl> ist das <date when="1529">1529</date> entstandene sogenannte «Kappelerlied» <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName>, das als in «Kriegsgefahr» zu singendes Lied in das erste nachreformatorische Gesangbuch <placeName ref="kbga-places-66">Zürichs</placeName> aufgenommen wurde: <bibl corresp="kbga-bibls-5245"><hi rend="italic">Kirchengesang der gemeinen und gebreüchlichen Psalmen, Festgesangen und geistlichen Liederen</hi>, nach der teütschen Melodey für die Kirchen Zürych zuo­samen getruckt, Zürich 1598, S. CCVII</bibl> (modernisiert: RG 792).</note>
                    <hi rend="italic">Vergib ihnen!</hi> Nicht darum bittet hier Jesus, dass Gott ein Auge zudrücken möchte gegenüber der <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term>, der Unwissenheit der <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Menschen</term>. Vergeben heißt bei Gott nicht <term type="Sachen" key="Vergebung, heißt bei Gott nicht vergessen">vergessen</term>, sondern geben. Gib ihnen die <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term> und die <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, die die <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> aufhebt, gib ihnen die <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> anstelle der <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Unwissenheit</term>. Jesus kennt und anerkennt die ganze Größe des menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Verderben">Verderbens</term>; er denkt nicht daran, davon auch nur eine Kleinigkeit in Abrede zu stellen, aber er weiß auch, dass bei Gott Kräfte sind, die noch stärker sind als das menschliche Verderben, und er weiß, dass Gott sein letztes <term type="Sachen" key="Gott, letztes Wort Gottes">Wort</term> noch nicht gesprochen. Um dieses letzte Wort bittet er jetzt.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Und nun ist diese letzte und höchste Fürbitte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Fürbitte für die Menschen">Jesu</term> für die Menschen in der Tat mehr gewesen als eine fromme Regung und Bewegung seines Inwendigen. Die Stunden, die er da im <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leiden</term> unter den Gebrechen der <term type="Sachen" key="Menschheit, Gebrechen">Menschheit</term> zugebracht, sind zu einem <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wendepunkt">Wendepunkt</term> geworden. Es verhält sich so, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> später auf dem Markt von <placeName ref="kbga-places-3">Athen</placeName> ausgesprochen: Gott hat die Zeiten der Unwissenheit übersehen, nun aber gebietet er allen Menschen an allen Enden, Buße zu tun [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.30">Act. 17,30</ref>]. <pb xml:id="p125" ed="pga"/> Und dieser Wendepunkt kam nicht durch irgend eine neue, unerhörte, plötzliche <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, nicht durch eine Stimme vom Himmel und nicht durch das Auftreten von zwölf Legionen <term type="Sachen" key="Engel">Engeln</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.53">Mt. 26,53</ref>]. Sondern Jesus der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigte</term>, in der Tiefe seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leidens</term> unter der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> der Menschen, er selbst wurde der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wendepunkt">Wendepunkt</term>. Er selbst hat das noch geahnt und gewusst; denn die Reihe der kurzen Worte, die er am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> gesprochen und die den gewaltigen Kampf widerspiegeln, der in seinem Innern vor sich ging, schließt mit dem triumphierenden: Es ist vollbracht [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.30">Joh. 19,30</ref>]! Was sein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> begonnen hatte und was jetzt scheinbar vernichtet am Boden lag, das hat gerade sein Tod unter den Menschen begründet und vollendet: die Herrschaft <term type="Sachen" key="Gott, Herrschaft">Gottes</term>, die ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> des Herzens, das Regiment der <term type="Sachen" key="Liebe, Regiment der L.">Liebe</term> und der <term type="Sachen" key="Selbstverleugnung, Regiment der S.">Selbstverleugnung</term>, von der er so oft geredet. Seine Worte hatten die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, die <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Unwissenheit</term> wohl untergraben, aber nicht beseitigt. Seit seinem Tod ist sie in sich selbst zusammengebrochen. Denn von seinem Bild am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> ist der Eindruck ausgegangen, dass Alles das, was er gebracht, nicht Illusion sei, sondern die letzte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, letzte Wahrheit">Wahrheit</term>. |</p>
                <p>Ein erstes schwaches Aufleuchten dieses Eindrucks haben wir in dem Worte jenes römischen Hauptmanns vor uns, der beim Anblick des Todes dieses angeblichen Verbrechers in das Wort ausbricht: Wahrlich, dieser ist ein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottes Sohn">Gottes-Sohn</term> gewesen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.54">Mt. 27,54</ref>]. Und es liegt eine tiefsinnige Symbolik in dem Bericht des Evangeliums, dass sich im Augenblick des Todes <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> die Gräber geöffnet hätten, dass die Leiber der <term type="Sachen" key="Heilige">Heiligen</term> auferstanden und in die heilige Stadt gegangen seien [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.53">Mt. 27,53</ref>]. Das helle und klare Zeugnis aber von diesem Eindruck sind die Ereignisse des <term type="Sachen" key="Ostern">Ostermorgens</term>, wie wir sie immer deuten und verstehen wollen. Da sind auf alle Fälle eine ganze Anzahl Menschen aus solchen, die nicht wissen, was sie tun, zu etwas Neuem geworden, zu Menschen, die einen festen Punkt kennen, die die <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term> gefunden haben zu wissen, was sie tun, und zu tun, was sie wissen. Da sind Menschen, die aus dem vorigen <term type="Sachen" key="Mensch, Elend">Elend</term> heraus sind, die mitten im Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> leben schon in dieser <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, die angefasst sind von der ewigen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term>, Menschen, die etwas gespürt haben von der unendlichen Liebe <term type="Sachen" key="Gott, unendliche Liebe">Gottes</term> und die nicht mehr anders können als diese Liebe wieder auszustrahlen, weiterzugeben in ihren Worten und Taten, in ihrem ganzen Wesen an die Andern. Und was da in ihnen entstanden ist, das haben sie nicht aus sich selbst geschöpft, sondern es <pb xml:id="p126" ed="pga"/> ist eine Wirkung des gekreuzigten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Christus</term>. Sie erkennen jetzt: er musste leiden, er hat unsre <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> getragen, während wir in die Irre gingen, aber das kommt uns nun zu Gute. Denn die Tiefe seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden">Leidens</term> hat uns die Größe des <term type="Sachen" key="Leben, Größe">Lebens</term> offenbart. Sein Leiden um der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Leiden um der Gerechtigkeit willen">willen</term> hat uns unauslöschlich gezeigt, was <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist. Unsre <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und unsre <term type="Sachen" key="Sünde, ihre Strafe">Strafe</term> ist auf ihm gelegen, damit wir <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term> hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.5">Jes. 53,5</ref>].</p>
                <p> Jesu <term type="Sachen" key="Gebet, Jesu">Gebet</term>: Vater, vergib ihnen! hat sich erfüllt, indem er gebetet hat. Gott selbst hat sein letztes und größtes <term type="Sachen" key="Gott, letztes Wort Gottes">Wort</term> zu uns geredet, hat den Felsen der <term type="Sachen" key="Kraft, Felsen der K.">Kraft</term> und der <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Felsen der Erkenntnis">Erkenntnis</term> in die Fluten unsres <term type="Sachen" key="Mensch, Elend">Elends</term> und unsrer <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Unwissenheit</term> hineingestellt, indem dieses Wort gesprochen wurde. Die <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term>, will sagen, die Gabe <term type="Sachen" key="Gott, Gaben">Gottes</term>, ist nun da, und sie ist wirksam. Und wo sie wirksam ist, da heißt es nicht mehr: sie wissen nicht, was sie tun, denn sie besteht ja gerade darin, dass wir wissen dürfen, was wir tun. Eine <hi rend="italic">neue</hi> Situation ist damit in der <term type="Sachen" key="Welt, neue Situation durch Jesu Kreuzestod">Welt</term> geschaffen. Der Mensch kann jetzt mit sich selbst und mit Gott in Ordnung kommen. Was das für das Geschlecht bedeutet hat, das Jesus ans <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> gebracht, ist im Einzelnen schwer zu sagen. Von den 11 <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> wissen wir es. Von den römischen Soldaten weiß wenigstens die fromme Sage allerlei zu erzählen.<note xml:id="n07">Nach der lateinischen Überlieferung wischte der Soldat, welcher nach <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.34">Joh. 19,34</ref> die Seite Jesu am Kreuze mit seiner Lanze öffnete, so dass Blut und Wasser herausflossen, die vom Blut beschmierte Lanze ab und bekam dabei Blut an seine Hände, mit denen er versehentlich seine Augen berührte. Daraufhin soll er mit größter Schärfe nicht nur Irdisches, sondern auch Himmlisches gesehen haben. Er ließ sich bald darauf von den Aposteln taufen und nahm den Namen <persName ref="kbga-actors-10317">Longinus</persName> an. Im Zuge der Christenverfolgungen soll er um 68 in <placeName ref="kbga-places-1445">Kappadokien</placeName> das Martyrium erlitten haben; er wird als Heiliger verehrt (15. März), ist Patron der Schmiede und helfe bei Augenleiden und zur Blutstillung schwerer Wunden. In der griechischen Überlieferung wird auch der bei der Kreuzigung anwesende Hauptmann, der Jesus als «Sohn Gottes» bzw. «frommen Menschen» bekannte (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.39">Mk. 15,39</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.47">Lk. 23,47</ref>) und sich ebenfalls bald darauf taufen ließ, <persName ref="kbga-actors-10317">Longinus</persName> genannt und am 16. Oktober verehrt. An diesem Tage soll er, nachdem er der Legende nach seine Verfolger drei Tage lang bewirtet hatte, mit zwei Gefährten enthauptet worden sein. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5247">Art. «SS. Longinus miles, Longinus Centurio», in: <hi rend="italic">Vollständiges Heiligen-Lexikon</hi>, hrsg. von J. E. Stadler u. a., Bd. III, Augsburg 1869, S. 856–861</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2579">A. Chr. Sellner, <hi rend="italic">Immerwährender Heiligenkalender</hi>, erweiterte Ausgabe, Frankfurt/Main 1998, S. 159f.</bibl></note> Und sicher sind unter den Massen, die am <term type="Sachen" key="Pfingsten">Pfingstfest</term> den Weg zu Gott fanden, Unzählige gewesen, <pb xml:id="p127" ed="pga"/> die 40 Tage vorher mitgerufen hatten: Lass ihn kreuzigen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.22">Mt. 27,22</ref>]. Aber auch für einen <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> und <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> wäre die neue Situation dagewesen, auch für sie wäre die <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> und das neue <term type="Sachen" key="Leben, neues">Leben</term> offen gewesen. Warum sie sie nicht ergriffen, wer kann das sagen? Gottes Vergebung ist nicht eine <term type="Sachen" key="Vergebung, Gottes V. ist keine Notwendigkeit">Notwendigkeit</term>, sondern ein freies <term type="Sachen" key="Vergebung, Gottes V. ist ein freies Erlebnis">Erlebnis</term>, und wir stoßen hier auf das Geheimnis, dass viele <term type="Sachen" key="Berufung">berufen</term>, aber wenige <term type="Sachen" key="Erwählung">auserwählt</term> sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.14">Mt. 22,14</ref>]. – |</p>
                <p>Deutlicher und wichtiger ist aber, was diese neue Situation für uns bedeutet. Für uns ist es nämlich ganz klar, dass wir nicht mehr unter dem Worte stehen: Sie wissen nicht, was sie tun, sondern unter dem erfüllten Gebet <term type="Sachen" key="Gebet, Jesu">Jesu</term>: Vater, vergib ihnen. Gott hat uns vergeben und geholfen, er hat uns in der Dunkelheit unsrer <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Unwissenheit</term> den Weg Jesu aufgetan, damit wir daran <hi rend="italic">glauben</hi>, damit wir in <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> und <term type="Sachen" key="Selbstverleugnung">Selbstverleugnung</term> diesen Weg <hi rend="italic">gehen</hi>. Sind wir auf diesem Weg, den die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> am <term type="Sachen" key="Ostern">Ostermorgen</term> betreten haben, dann haben wir den Frieden mit <term type="Sachen" key="Frieden, mit Gott">Gott</term>, um den Jesus am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> für uns gerungen. Das ist eine <term type="Sachen" key="Freude, Freudenbotschaft">Freudenbotschaft</term>. Aber auch eine Mahnung von tiefem Ernst: Die <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> ist von uns genommen, aber mit der Schuld auch die <term type="Sachen" key="Schuld, mit der S. ist uns auch die Entschuldigung genommen">Entschuldigung</term>. Denn wenn in dem Wort: sie wissen nicht, was sie tun! auch eine gewisse Entschuldigung lag, wenigstens für unsre Begriffe, so bestand sie darin, dass jene Menschen Gottes letztes und höchstes <term type="Sachen" key="Gott, letztes Wort Gottes">Wort</term>, den Tod <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, letztes Wort Gottes">Jesu</term>, noch nicht gehört hatten. Diese Entschuldigung fällt für uns dahin, «der Erlöser hat sie mit ans Kreuz genommen», wie <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName></hi> in einer Predigt über diesen Text gesagt hat.<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-5248"><persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über das Geheimniss der Erlösung. Predigt am Charfreitage den 27. März 1812 Nachmittags. Über Lucas 23,33–34</hi>, in: Kritische Gesamtausgabe, Abt. 3: <hi rend="italic">Predigten</hi>, Bd. 4: <hi rend="italic">Predigten 1809–1815</hi>, hrsg. von P. Weiland, Berlin / New York 2011, S. 474–481, dort S. 480</bibl>: «Keiner, der der Sünde dient, keiner der Jesum zum zweitenmal kreuzigt, indem er irgend wie sein Werk gefährdet, […], keiner kann sich entschuldigen, daß er nicht wisse, was er thue, der Erlöser hat diese Entschuldigung mit sich ans Kreuz genommen, und sie darf nach seinem Leiden nicht mehr gelten für die, die sich nach seinem Namen nennen […].»</note> Wir stehen unter der vollen Wirkung der vergebenden <term type="Sachen" key="Gotteskraft, vergebende">Gotteskraft</term>, die vom Kreuze <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> ausgegangen ist, wir haben von dorther die bestimmteste Erkenntnis dessen, was Leben heißt, und wenn wir nun trotzdem die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und den <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> vorziehen, dürfen wir uns nicht dahinter <pb xml:id="p128" ed="pga"/> verschanzen, dass wir nicht wissen, was wir tun. Nur insofern gilt dies Wort auch von uns, als die Wirkung jener vergebenden <term type="Sachen" key="Gotteskraft, vergebende">Gotteskraft</term> uns noch nicht völlig ergriffen hat, als wir mit einem guten Teil unsres Wesens immer noch außerhalb ihres Strahlenkreises stehen. In jedem von uns ist noch ein Stück <term type="Sachen" key="Juden / Judentum, Judenland in uns">Judenland</term> und <term type="Sachen" key="Heiden, Heidenland in uns">Heidenland</term>, größer oder kleiner, wo es heißt: er weiß nicht, was er tut. Und da brauchen wir allerdings Entschuldigung. Aber da dürfen wir nun nicht in unsrer <term type="Sachen" key="Mensch, Unwissenheit">Unwissenheit</term> stehen – da würden wir uns in einem unheilvollen Kreis bewegen –, sondern bei Gott, der uns unsre Unwissenheit wegnimmt, indem er uns zu <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term> macht, bei der Quelle der <term type="Sachen" key="Gott, Quelle der Vergebung">Vergebung</term>, die uns im Kreuze <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> eröffnet ist.</p>
                <p> Von der <term type="Sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> redet uns der <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term>. Es ist ein Tag, der uns in die Tiefe führt, wenn wir ihn ernst nehmen. Aber in die Tiefe müssen wir steigen, um Gottes unaussprechliche <term type="Sachen" key="Gott, Gaben">Gabe</term> in Empfang zu nehmen, die uns auf die Höhe führt. Wir tun dann nichts Anderes, als was Christus selbst getan hat und gehen mit ihm den Weg vom Tode zum <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Weg vom Tode zum Leben">Leben</term>.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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                    <head>Lieder:</head>
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                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-79">Nr. 111: «Herzliebster Jesu, was hast Du verbrochen» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName>, Strophen 1–3 (RG 440,1.3–4; EG 81,1.3–4)</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-84">Nr. 112: «O Haupt, voll Blut und Wunden» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–2.4 und 8–9 (RG 445,1–2.4 und 7–8; EG 85,1–2.5 und 9–10)</bibl>
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                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53">Jes. 53</ref></item>
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