19. März 1911

Predigt: Matthäus 5,6

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Matthäus 5,6
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Liebe Freunde!

Es gibt unzählige Menschen, die innerlich hungern und dürsten, die an der Stelle ihres Herzens, wo Gott sein sollte, eine große Lücke verspüren. Äußerlich merkt man ihnen vielleicht nichts oder wenig an. Sie leben und lassen leben,1 sie arbeiten und genießen, sie trauern und sie freuen sich, Alles wie Andre auch, und nur, wer sie genau kennt, vermag es, bisweilen wie durch einen Spalt hinunterzusehen in die große Leere, in das tiefe Unbefriedigtsein ihres Daseins. Es gibt kaum etwas Erschütternderes als den Anblick dieses innern Hungers im Menschenherzen, und wie oft hat man diesen Anblick. Ich sagte: bei Manchen weiß er sich zu verbergen, sie verbergen ihn wohl auch vor sich selber. Aber Manchen sieht er aus den Augen, wie der leibliche Hunger. Es berührt uns in ihrem Wesen, während sie vielleicht in ihrem Benehmen heiter, geschäftig und lebhaft sind, etwas von der großen Monotonie der innern Langeweile, der Verdrossenheit, der Resigniertheit gegenüber dem Leben. Sie gleichen Einem, der im Ruf großen Reichtums steht. Man kommt in sein Haus, und in der Tat, da steht eine mächtige Kiste, schön verziert und schwer zum Heben. Ihr Besitzer bestätigt uns, dass sie voll Gold ist. Aber nachher, unter vier Augen, flüstert er uns ins Ohr, dass er den Schlüssel dazu verloren hat. Menschen, die leben, aber sie haben keinen Schlüssel zum Leben. Ein |88 blühender, essender, trinkender und arbeitender Körper, ein aufgeweckter, denkender, strebsamer Geist vielleicht, aber es fehlt gerade an dem, was dem Menschen Freude an dem Allen geben würde. Eine Blume im Wasserglas, sie wird sich noch einige Tage öffnen und schließen, sie wird noch einige Zeit schön aussehen, wie die Blumen auf dem Feld, aber sie ist abgeschnitten, es fehlt die Wurzel, es fehlt die Erde, es fehlt darum die Lebenskraft. Es mag nur auf den ersten Blick zweifelhaft erscheinen, ob das, was solchen Menschen fehlt, gerade Gott sei, ob die Lücke in ihrem Herzen, die sie verspüren und die man ihnen anspürt, gerade die Stelle ist, wo Gott hingehörte. Manche werden sagen, dass sie mit Gott fertig seien, dass sich ihnen der Gedanke an Gott überhaupt mehr oder weniger als eine Einbildung erwiesen habe, dass er ihnen nichts biete, dass das, was ihnen fehle, irgend etwas Anderes sei, aber nicht gerade Gott. Andre glauben an Gott oder sie meinen es wenigstens, sie zweifeln nicht an seinem Dasein und auch nicht daran, dass er für unser Leben Einiges zu bedeuten habe. Aber im Grunde sind sie im selben Fall wie jener andre auch. Sie sagen in ihrem Sinn auch: mit Gott bin ich in der Ordnung, auf dieser Seite stimmt es, aber … |

Ja, wo fehlt es denn, bei den Einen wie bei den Andern, bei denen, die von Gott nichts wissen wollen, und bei den Andern, die von Gott allerlei zu wissen behaupten, und die doch Beide in akkurat der gleichen Weise im innersten Zentrum ihres Lebens leer sind, Reiche mit verschlossenem Schatzkasten, abgeschnittene Blumen, tote Lebendige? Der Hunger und Durst, den sie leiden und den wir sie leiden sehen, ist vielleicht der Mangel an einer befriedigenden Lebensaufgabe, vielleicht der Mangel an gesundem Selbstbewusstsein, vielleicht der Mangel an lieben und vor Allem verständnisvollen Menschen, vielleicht – und das kommt heute häufig vor – der Mangel an einer zu Ende zu denkenden, geschlossenen Weltanschauung. Wir können die Frage auf sich beruhen lassen, ob das Alles im Grunde der Hunger und Durst nach Gott ist oder nicht. Wir sagen: natürlich ist er’s. Denn wenn es einem Menschen so in irgend einer Weise gerade in dem Mittelpunkt seines Lebens fehlt, dann fehlt es ihm eben an Gott. Aber der Name, den man der Sache gibt, ist ja schließlich gleichgiltig, die Haupt­sache ist der Zustand selbst, in dem wir Viele sich befinden sehen, dieser Zustand des innern Hungerns und Dürstens. Kann man |89 ohne Weiteres von ihnen sagen, was wir im Worte Jesu hören: Selig sind sie? Sind sie im Grunde dem Leben, der Wahrheit oder Gott doch nahe, näher vielleicht als andere, weil es ihnen zwar fehlt an jenem geheimnisvollen Mittelpunkt des Herzens, aber sie blicken doch mit sehnsüchtigen Wünschen aus nach dem und jenem, was sie in die Lücke stellen möchten, nach einer Lebensstellung, nach Persönlichkeitsbewusstsein, nach einem gleichartigen Menschen, nach kräftigen Gedanken? |

Heißt’s von solchen: Selig sind sie? Ich glaube, es würde ein rechtes Advokatenkraftstück bedeuten, wenn man das behaupten und beweisen wollte. Und wenn wir solche Menschen selbst danach fragen würden, sie würden uns, sie, die es doch wissen müssten, mit einem schmerzlichen Lächeln antworten: Selig? Nein, das nun gerade nicht. Auch der Grund würde ja bei ihnen nicht stimmen, den Jesus für dies «Selig sind sie» angegeben hat: denn sie sollen satt werden. In unzähligen Fällen geht von jenen heißen Wünschen keiner in Erfüllung. Wir hungern und dürsten nach diesem und jenem, was uns Kraft und Mittelpunkt und Schlüssel zu einem befriedigenden Leben zu sein scheint, aber wir werden nicht satt, wir bekommen es nicht:

Sehnend breit ich meine Arme
Nach dem teuren Schattenbild,
Ach, ich kann es nicht erreichen,
Und das Herz bleibt ungestillt.2

Und wenn wir es bekommen, fängt dann nicht jenseits der Erfüllung die neue Sehnsucht an, geht es uns nicht wie den Entdeckern von Amerika, die das gelobte Land Indien gefunden zu haben meinten, bis sie eines Tages an das Ufer eines neuen gewaltigen Ozeans gelangten, der sie von ihrem Ziele trennte? So würde die Seligpreisung Jesu weder auf das Hungern und Dürsten, noch auf das Sattwerden passen. Aber das kann uns auch nicht wundern. Wir haben das wichtigste Wort in unserm Text bis jetzt noch nicht beachtet.

Das Wort heißt Gerechtigkeit. Ob die Hungernden und Dürstenden, von denen wir bis jetzt geredet, Hungernde und Dürstende nach Gerechtigkeit sind? Man kann eben auf recht verschiedene Weise |90 Sehnsucht haben nach Gott, nach dem Leben, nach der Wahrheit, oder wie man das nennen will, was uns den innern Halt gibt und was so Viele in sich vermissen. Gewiss, alle jene Dinge, die wir genannt haben, hängen mit Gott sehr nahe zusammen, wo Gott in einem Menschen ist, da können sie nicht fehlen. Aber solange unser Hungern und Dürsten bloß nach jenen hohen und schönen Dingen geht, gleichen wir einem Menschen, der in das Haus eines Andern ginge, sich an seinen Mittagstisch setzte und es sich mit ihm wohl sein lassen wollte, ohne ihn zu kennen und ohne Notiz von ihm zu nehmen. Wir suchen dann wohl Gottes Gaben, aber nicht Gott selbst; wir suchen die Wirkungen des Lebens, aber nicht das Leben selbst; wir suchen den Segen und die Kraft der Wahrheit, aber nicht die Wahrheit selbst. Diese Verwechslung ist der große Nebel, in dem so viele sogenannte Gottsucher und Lebenskünstler von heutzutage herumtappen. Sie merken nicht, dass das, was ihnen fehlt und was sie suchen, aus einer Quelle fließt, wie es solche gibt, die an einem bestimmten Ort aus der Erde kommt und dann sofort wieder in der Erde verschwindet. Wer von ihrem Wasser trinken will, der darf nicht nach ihren Abläufen suchen, obwohl ihm das vielleicht bequemer wäre, er darf auch nicht verlangen, dass es auf Flaschen abgezogen zu ihm gebracht werde. Sondern er muss sich selber zur Quelle begeben oder er muss sich, was vielleicht bei den Meisten von uns zutreffender ist, dahin tragen lassen, wie der Gichtbrüchige in Kapernaum zu Jesus gebracht wurde [vgl. Mk. 2,3]. Aber zur Quelle muss er. Die Sehnsucht nach diesen und jenen schönen Dingen hilft uns gar nichts, solange wir sie an den Abflüssen statt an der Quelle suchen, solange wir uns nach den Gaben sehnen statt nach dem Geber, nach den Wirkungen statt nach der Ursache, nach dem Segen statt nach dem Vater.

Die Quelle, die Ursache, nach der wir fragen müssen, ist die Gerechtigkeit und der Vater, der Geber, zu dem wir uns aufmachen müssen, ist der Gott der Gerechtigkeit. Ich glaube, den Hoch- oder Tiefstand unsres innern Lebens, unsrer Frömmigkeit, unsres Verhältnisses zu Gott können wir, wie man an einem Barometer abliest, entnehmen aus dem starken oder schwachen Klang, den dies Wort «Gerechtigkeit» oder das, was es ausdrückt, in uns erweckt. Sieht man aufs Ganze, so gibt es heutzutage zweifellos viele, sehr viele innerliche, fromme, gottsuchende Menschen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich |91 irre, es kommt mir vor: die Menschen suchen bei Gott allerlei Anderes, aber nicht gerade Gerechtigkeit. Vielleicht liegt hier eine Wurzel der Tatsache, warum wir in den wichtigsten Beziehungen ein so wenig tiefes und schwächliches Geschlecht sind. Es hat Zeiten und Menschen gegeben, bei denen Beides anders war. Ich denke z. B. an die Frömmigkeit der Menschen, die die Psalmen des Alten Testaments geschrieben haben. Kaum finden sich in diesen Zeugnissen innerer Erfahrung zwei Seiten, auf denen das Wort Gerechtigkeit nicht vorkäme. Und die Sache ist überall da. Sei’s, dass Gottes Gerechtigkeit verherrlichet wird, sei’s, dass der Sänger darum betet, sei’s, dass er sich ihrer freut als eines bereits gewonnenen Besitzes. Und die Kehrseite ist ganz deutlich. Weil für diese Menschen die Gerechtigkeit die Lebensfrage und die Gottesfrage ist, weil sie an die Quelle gehen, darum haben sie Alles das an innerem Besitz, was wir bei Gott suchen, ohne an Gottes Quelle gehen zu wollen. Darum finden sie für die Freude an Gottes Gaben Worte wie die des 23. Psalms: Mir wird nichts mangeln…, und ob ich wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück… Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang [Ps. 23,1.4.6]. Oder wir nehmen die Briefe des Paulus vor mit der Frage: was sucht dieser Mann bei Gott? Was ist sein Lebensziel, um das sich sein Denken und Empfinden dreht? Und wieder begegnet uns das Eine: Gerechtigkeit. Seine große Frage ist beständig die: wie wird der Mensch gerecht?3 Und zu seiner großen Antwort: in Christus, kommt er, weil er in Christus Gottes Gerechtigkeit offenbar geworden sieht. Aber weil er Gott in der Gerechtigkeit sucht und findet, darum kann er dann auch solche Triumphlieder der innern Sicherheit und des innern Reichtums anstimmen wie das in Röm. 8: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen… Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?… Ich bin gewiss, dass nichts uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes [Röm. 8,28.31.38f.]. Paulus kann von diesen Dingen, nach denen wir oft so hilflos hungern und dürsten, so reden, weil er zuerst gehungert und gedürstet hat nach Gerechtigkeit. Er kann sich seines Hauses freuen, weil es auf einen Felsen gegründet ist [vgl. Mt. 7,25]. Und wenn wir herausmöchten aus der Leerheit und Unbefriedigtheit unsres innern Daseins, wenn wir möchten, dass Jesu: |92 Selig sind sie! auf unser Hungern und Dürsten zutrifft, dann müssen wir unsrerseits ausschauen lernen nach diesem Felsen und nicht verlangen, ein Haus ohne Fundament zu bauen und womöglich noch mit dem Dache anzufangen.

Was heißt denn das, «Gerechtigkeit»? Wir müssen Achtung geben, dass wir ja nicht zu wenig darunter verstehen, sonst könnte uns das Wort Jesu unter den Händen wieder kraftlos und unwahr werden. – Man hat die Gerechtigkeit, nach der wir hungern und dürsten sollen, verstehen wollen als die Gerechtigkeit unsres moralischen Lebens. Die Gerechtigkeit wäre das, was wir sonst etwa Pflicht und Schuldigkeit nennen. Ganz gewiss gehört das auch zur Gerechtigkeit, und ohne das gibt es keine. Aber ich glaube nicht, dass Jesus uns, wenn er uns das hätte sagen wollen, gesagt hätte, wir sollten hungern und dürsten nach unsrer Pflicht und Schuldigkeit, sondern er hätte uns gesagt, dass wir sie erfüllen und tun sollen. Den Dingen, die wir tun können und tun sollen, gegenüberstehen mit dem Gefühl der Leerheit, des Hungerns und Dürstens, das ist nicht der Geist Jesu, das ist überhaupt kein guter Geist. Wenn das der Grund unsrer innern Unbefriedigtheit ist, dann ist ihm leicht abzuhelfen; wenn wir keine dringenderen Pflichten haben, im Notfall mit Holzhacken oder einer andern gehörigen Pflicht, die wir uns schaffen. – |

Moderner ist eine andre Auslegung. Man hat daran erinnert, dass Jesus es in Galiläa und sonst mit dem niedern und niedersten Volk, mit der sozialen Klasse zu tun hatte, die im Gegensatz zu den frommen Pharisäern nicht nur geistlich, sondern überhaupt arm und elend waren, also mit denen, die im Leben nicht zu ihrem Recht kamen. Von denen hätte er dann gesagt: Selig seid ihr, die ihr hungert und dürstet nach eurem Menschenrecht zum Leben, zur Freude, zum Genuss. Selig seid ihr, denn ihr sollt satt werden. Das Reich Gottes bringt euch Gerechtigkeit und Recht. Ihr versteht wohl ohne Weiteres, warum man gerade in unsrer Zeit auf diese Auslegung gekommen ist.4 Haben wir doch seit einem halben Jahrhundert und mehr eine gewaltige Bewegung vor Augen, die sozialistische Arbeiterbewegung, die in ihrem |93 Kern wirklich nichts Anderes ist als ein Hungern und Dürsten der gesellschaftlich Zurückgestellten oder Enterbten nach ihrem Menschenrecht, nach einem ebenbürtigen Platz an der Sonne.5 Ob es so gehen wird, wie Viele meinen, dass dieser Kampf um die soziale Gerechtigkeit in Zukunft noch viel mehr als in der Vergangenheit das gesamte materielle und geistige Leben beherrschen wird, das getraue ich mich nicht zu entscheiden. Aber das ist sicher, dass im gegenwärtigen Moment die wichtigsten sittlichen Fragen des öffentlichen und privaten Lebens, ich erinnere nur an die Fürsorge für die schulentlassene Jugend, an die Frauenfrage und Alles, was damit zusammenhängt, an die Alters- und Unfallsversicherung, an die Ruhetagsfrage, an die Alkoholfrage, dass Alles das gegenwärtig mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit aufs Engste zusammenhängt und eigentlich erst aus ihr hervorgegangen ist.6 Wer wollte leugnen, dass diese soziale |94 Gerechtigkeit, das Menschenrecht im weitesten Sinn, tatsächlich eine unbedingt notwendige Seite der religiösen Gerechtigkeit ist. Und wer wollte die tadeln, die sich deshalb als Christen verpflichtet fühlen, Sozialisten zu werden, so gut wie Andre in ihrer besonderen Lage die Verpflichtung empfunden haben, als Christen Abstinente zu werden?7 Und doch wäre es wieder zu wenig gesagt, und es ist zu wenig gesagt, wenn man behauptet, die Gerechtigkeit, die Jesus gemeint hat und von der in der Bibel überhaupt die Rede ist, bestehe darin, dass jeder zu seinem Recht komme und dass der ohne Weiteres selig zu preisen sei, der hungere und dürste nach seinem Menschenrecht oder nach dem Menschenrecht Anderer. Auch da wäre zu sagen, dass Hungern und Dürsten nicht der richtige Ausdruck wäre. Die Stellung, die wir im Geiste Jesu zu der sozialen Gerechtigkeit, zu unsern eigenen Rechten und zu denen Anderer einnehmen sollen, ist nicht das Hungern und Dürsten, sondern das Schaffen. Wir sehen dann auch, dass die wirklichen und nicht bloß gefühlsmäßigen Sozialisten, die Christen darunter so gut wie die Andern, keineswegs hungern und dürsten, sondern an allerlei bestimmten Punkten etwas tun, um die soziale Gerechtigkeit herbeizuführen, gerade wie wir gesagt haben, dass wir nach unsrer Pflicht und Schuldigkeit nicht hungern und dürsten, sondern sie erfüllen sollen.

Die Gerechtigkeit, nach der die Psalmsänger, nach der ein Paulus verlangt haben und in der sie die Seligkeit gefunden, die wir bei uns vermissen, steht höher. Wollen wir sie zu Gesicht bekommen, dann müssen wir über alles, was von uns angestrebt und erreicht werden kann, hinaufsteigen zum Thron Gottes selbst. «Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit» [Ps. 119,142], lesen wir in einem Psalm. Dieses «ewig» müssen wir ins Auge fassen. Von ewigen Pflichten und von ewigen Menschenrechten kann man nicht reden, wenn man |95 nicht Phrasen machen will. Denn jede Pflicht, die wir erfüllen, ist nur eine Vorstufe zu höhern Pflichten und jedes Menschenrecht, um das wir kämpfen, ist nur eine Abschlagszahlung für weitere, höhere Menschenrechte. Das weiß jeder, der nach diesen beiden Beziehungen ein waches, lebendiges Gewissen hat. Unser Schaffen und Tun kann bei keinem Erfolg, den wir anstreben und erreichen können, zur Ruhe kommen, wenn wir nicht innerlich faulen und vermodern sollen. Aber gerade die Tatsache, dass es so ist, beweist, dass es eine ewige Gerechtigkeit gibt. Jenseits von Allem, was wir suchen und finden, erstreben und erreichen, schaffen und tun können, steht ein Ziel, das uns zeitlebens nicht zur Ruhe kommen lässt. Dieses Ziel ist nicht eine Pflicht», sondern die Pflicht, es ist nicht ein Recht, sondern das Recht, es ist nicht ein Ziel, sondern das Ziel. Wir müssen uns eingestehen, dass wir es nicht erreichen können, und doch leben wir nicht, wenn wir es nicht erreichen wollen.8 Wir brauchen bloß der Bedeutung scheinbar so einfacher Worte wie «wahr» und «gut» etwas weniger oberflächlich nachzusinnen, als wir es in der Regel tun, so leuchtet uns dieses Ziel unendlich lockend und verheißungsvoll und doch in unerbittlicher Ferne entgegen. Dieses Ziel ist die ewige Gerechtigkeit. Es ist Gott selber. Und diese jenseitige Gerechtigkeit, dieser jenseitige Gott, er scheint uns anzuziehen, indem er uns abstößt. Wir möchten, indem wir seiner gewahr werden, zugleich jauchzen:

96Ich habe nun den Grund gefunden,
Der meinen Anker ewig hält;9

und seufzen:

O Ewigkeit, du Donnerwort,
O Schwert, das durch die Seele bohrt,
O Anfang sonder Ende,
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
Ich weiß vor großer Traurigkeit
Nicht, wo ich mich hinwende.10

Diese jenseitige Gerechtigkeit, die uns erhebt und niederdrückt zur selben Zeit, die ein zugleich herrliches und furchtbares Geheimnis ist, sie ist die Quelle, zu der wir gehen müssen. Sie ist die Quelle der Gottesgerechtigkeit, deren Rauschen sich mahnend und strafend in jedes Menschen Brust ankündigt. Und in Einzelnen, Großen ist sie immer wieder hervorgebrochen wie ein Bergbach: in den Propheten Israels, in Männern wie Sokrates und Plato, so dass die Andern aufmerkten und zugleich begeistert und erschüttert dessen gewahr wurden, was in ihnen selbst sich vollzog, des erhabenen und doch so entsetzlichen Suchens nach dem, was grenzenlos und unbedingt wahr und gut ist. Und nun sind gegenüber dieser Gottesgerechtigkeit, die wir nicht erreichen können und die wir doch erreichen sollen, zwei Stellungen möglich. Und je nach dieser Stellung scheiden sich alle Menschen klar und deutlich in zwei Gruppen. Beiderlei Menschen hat auch Jesus vor sich gehabt, als er damals jenes Wort von der Gerechtigkeit sprach. Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner hat Er die Beiden gezeichnet [vgl. Lk. 18,9–14].

Entweder wir treten vor Gott hin und zählen ihm auf: ich bin nicht wie Andre, die schlechter sind, ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von Allem, was ich habe. Das heißt, wir finden uns mit der ewigen Gerechtigkeit ab, indem wir sie aus der Pflicht in eine Pflicht verwandeln, indem wir uns statt dessen, was wir nicht erreichen können, mit dem zufrieden geben, was wir erreichen können. |97 Das kann auf sehr verschiedene Weise geschehen. Einige finden sich mit Gott ab, indem sie in die Kirche gehen, Andre tun dasselbe, indem sie sich an allerlei Wohltätigkeit oder Gemeinnützigkeit beteiligen, Andre, indem sie dies und das glauben, wie sie sagen, noch Andre, indem sie sagen: Ich tue recht und scheue niemand.11 Es ist doch immer dasselbe. Wir denken: Pah, ich kann nicht alles tun, was ich sollte, ich will jetzt Etwas tun, dafür lasst mich in Zukunft in Ruhe. Wir machen es wie gewisse Schuldner, die ihre Gläubiger durch eine Abschlagszahlung einzuschläfern versuchen und die Rückzahlung der Hauptsumme auf den 30. Februar versprechen.12 Diese Art vorzugehen, hat unzweifelhaft ihre Vorteile. Dem Pharisäer, der in dieser Weise Gott zufrieden stellte, konnte es wohl sein, ja, er konnte noch auf Andre heruntersehen, die nicht so viel fertig brachten wie er. Sobald wir nämlich aufgehört haben, uns um das Ziel zu kümmern, das ewig über uns steht, fangen wir an, uns nach unten zu vergleichen, und das erhöht dann unsre befriedigte Stimmung noch beträchtlich. Hunger und Durst nach Gerechtigkeit leiden wir dann jedenfalls nicht mehr. Wir sind ja voll von Gerechtigkeit bis an den Hals. – |

Dieser Klasse von Menschen steht nun eine andre gegenüber. Die machen die Gottesgerechtigkeit nicht zu irgend einer Menschengerechtigkeit. Sie anerkennen: es ist unendlich viel mehr von mir verlangt, als ich leisten und aufbringen kann, aber sie anerkennen auch: es ist wirklich von mir verlangt, und markten nichts davon ab. Darum stehen sie «von ferne» wie der Zöllner im Tempel und wissen nichts vorzubringen als das Eine: Gott sei mir Sünder gnädig! [Lk. 18,13] Sie wissen, dass keine Abschlagszahlung genügen kann, dass keine Vollkommenheit, die sie aufbringen, an das ewige Ziel der Wahrheit und des Guten heranreicht, und darum hungern und dürsten sie so nach diesem Ziel, nach der ewigen Gottesgerechtigkeit, ohne die sie nicht leben und die sie doch nicht selbst aufbringen können. Ja, meine Freunde, was ist Alles innere Hungern und Dürsten, von dem wir vorher geredet, neben diesem Hunger und Durst? Was sind alle Lücken, die wir in unserm Innern verspüren, neben dieser Lücke? Sind es |98 nicht lauter Lappalien, das, wonach wir vom Dasein unbefriedigten Menschen uns sehnen, neben diesem letzten, obersten, aber unerreichbaren Ziel der Gerechtigkeit, das uns aus den Wörtlein «wahr» und «gut» entgegenblitzt und das ewig unser Gewissen beunruhigt? Sind all jene Lücken bei uns nicht bloß die Ausläufer der einen, großen Lücke, die in unserm Dasein klafft, die Lücke, wo die Ewigkeit der Wahrheit und der Güte hineingehörte! Was wollen wir tun? Wollen wir den Weg des Pharisäers gehen, uns damit beruhigen, dass wir tun, was Pflicht und Recht ist, soweit sie uns erreichbar scheinen, und im Übrigen den lieben Gott einen guten Mann sein lassen13? Oder wollen wir die ewige Unruhe auf uns nehmen, die uns droht, wenn wir die ewige Gerechtigkeit in ihrer ganzen Erhabenheit anerkennen, so dass wir nichts mehr zu sagen haben als: Gott sei mir Sünder gnädig!?

Selig sind sie, denn sie sollen satt werden!, hat Jesus von denen gesagt, die den letzten Weg gehen, und nicht vom Pharisäer, sondern vom Zöllner hören wir im Gleichnis: er ging gerechtfertigt hinab in sein Haus [Lk. 18,14]. Merkwürdig: solange wir nach diesem und jenem hungern und dürsten, nach jenen Dingen, die wir genannt, von denen wir uns Frieden und Ruhe für unser inneres Leben versprechen, solange werden wir nicht satt, solange wäre es ein Unsinn, uns selig zu preisen. Wir wissen es aus Erfahrung. Und doch handelt es sich dort doch verhältnismäßig um recht kleine Lücken und um kleine Dinge, die wir vermissen. Wenn sich aber die kleine Lücke in uns zum Abgrund erweitert, wenn wir merken, dass uns nicht nur dies und jenes fehlt, sondern eins und Alles, dass wir wahr und gut sein sollten in einem Maße, wie wir es nicht erfüllen können – dann heißt es plötzlich trotz des Abgrundes und über den Abgrund hinweg: Seligkeit! Sattwerden! Und wie es eine Tatsache ist, die wir Alle schon erfahren haben, dass unser kleiner Hunger und Durst nicht gestillt wird, so ist es eine Erfahrung, die uns von Unzähligen bezeugt wird und die wir auch machen können, dass der große Hunger und Durst, der Hunger und Durst nach der ewigen Gerechtigkeit Gottes, der wir «von ferne» gegenüberstehen, zur Seligkeit, zum Sattwerden wird. Da komme Einer und ergründe, warum es so ist! Nur ahnend können wir dieses Wunder des innern Lebens zu ergreifen suchen. Was hat der Zöllner |99 vor dem Pharisäer voraus, was gibt ihm die Seligkeit, die jener nicht kennt? Jener ist fromm und rechtschaffen, er ist mit seinem Gewissen und mit Gott in Ordnung, und er weiß es, er weiß nichts, als dass er ein Sünder ist. Wir können zunächst nur sagen, dass er vor dem Andern das schärfere Auge für die Ewigkeit der Forderung Gottes voraus hat. Und seine Einsicht, dass sein Wollen und Vollbringen dieser Forderung nicht gerecht werden kann, erfüllt ihn mit Schauer und Entsetzen. So ist es auch dem Zachäus ergangen [vgl. Lk. 19,1–10], so den verlorenen Frauen, die zu Jesus kamen [vgl. Lk. 7,37–50; Joh. 8,1–11], so dem heidnischen Hauptmann von Kapernaum [vgl. Lk. 7,1–10]. Aber nun machten sie eines Tages in ihrem Innern die Entdeckung, dass die ewige Gerechtigkeit, vor deren Erhabenheit sie gezittert, die ewige Liebe ist. Vorher stand ihnen Gott gleichsam gegenüber als der unerbittliche Lehrer und Richter, jetzt fühlten sie plötzlich Gott auf ihrer Seite als den gütigen Vater. Vorher hörten sie nur ein: Du sollst! mit einer strafenden Wucht, wie es keinem Pharisäer in den Sinn kam, sie lagen erdrückt am Boden, überwältigt von der Überlegenheit der Gerechtigkeit Gottes, jetzt fühlten sie sich von derselben ewigen Gerechtigkeit auf die Füße gestellt und befanden sich, ehe sie darum wussten, auf dem Marsche nach dem ewigen Ziel mit einer Kraft und Bestimmtheit, von der sich auch kein Pharisäer träumen ließ. Vorher war Gott das unbegreifliche, ewig strenge Wesen außer ihnen, wie er es für die große Mehrzahl der Juden und Heiden immer gewesen ist, jetzt wurde er, ebenso unbegreiflich, aber ergreifbar, das befreiende, vorwärts treibende Leben in ihnen. |

Dieselbe rätselhafte Erfahrung haben aber auch zahllose Menschen außerhalb der biblischen Geschichte gemacht. Wo wirkliche Erhebung zu Gott, wo immer wirkliches Leben sich eingestellt hat, da ist das große Hungern und Dürsten vorangegangen. Ich habe schon das letzte Mal an den Grundgedanken unsrer Reformatoren erinnert, dass der Mensch von sich selber untüchtig sei zu allem Guten.14 Das pflegen die heutigen Christen meist in den Hintergrund zu stellen oder gar zu bestreiten. Sie wollen nicht Hungernde und Dürstende sein |100 nach der Gerechtigkeit Gottes, sondern Satte und Besitzende. Sie merken nicht, dass sie sich damit in die Gesellschaft des Pharisäers begeben, der auch nicht untüchtig sein will vor Gott, sondern allerlei zu erzählen weiß von seinem Fasten zweimal in der Woche usf. Sie gehen aber eben damit auch der Gottes- und Lebensgewissheit, der Gottes- und Lebensfreude eines Luther und Calvin verlustig. Weil sie der Tiefe des menschlichen Elends Gott gegenüber und der Höhe der ewigen Gerechtigkeit aus dem Weg gehen, ist ihnen auch die Erkenntnis der Tiefe der göttlichen Liebe und der unendlichen Größe seiner Gnade gegen uns abhanden gekommen. Die Reformatoren haben die erste Erfahrung ernst genommen, und darum ist ihnen die zweite zuteil geworden. Sie haben gehungert und gedürstet und darum sind sie satt geworden. Noch einmal: der Zusammenhang dieser beiden Erfahrungen ist ein innerer Vorgang, der aller Erklärung spottet. Er ist unerklärlich wie das Leben selbst, gerade weil er wahr und wirklich ist. Wir können ihn nur beschreiben, indem wir sagen: Wenn wir der ewigen Forderung, die an uns gestellt ist, auf den Grund gehen, so entdecken wir, dass sie ein ewiges Geschenk ist. Aber ich weiß, dass das die Beschreibung eines Erlebnisses ist und kein Rezept, wie es zu machen ist. Für Erlebnisse gibt es eben keine Rezepte.

Aber eines können wir sagen: dieses Erlebnis des Sattwerdens der wahrhaft Hungernden und Dürstenden ist ein Vorgang, dem keine Religion und keine Philosophie etwas Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Die es gemacht haben, sagen uns Alle, dass es in irgend einem Sinn eine Wirkung der Person Jesu war. Im Angesicht Jesu sind jene Menschen in Galiläa zusammengebrochen unter dem Bewusstsein, dass Gott ihnen fern sei, und im Angesicht Jesu sind sie wieder aufgestanden im Bewusstsein der unendlichen Nähe der Liebe des Vaters. Die unmittelbare Gottes- und Lebenskraft, der wir bei unsern Reformatoren begegnen, war nicht das Resultat ihres wissenschaftlichen Nachdenkens, aber es war das Resultat ihrer Entdeckung Jesu, in dem ihnen zugleich erschütternd und befreiend entgegentrat, was der Mensch sein sollte und was der Mensch sein darf. Und wo immer Menschen in der Tiefe ihres Herzens die Erfahrung gemacht haben, dass die ewige Gerechtigkeit die ewige Liebe ist, da war es im Angesichte Jesu, das ihnen in ihrer Erziehung, in der Bibel, im Verkehr mit jesusmäßigen Menschen entgegengetreten ist. Es ist einfach eine Tatsache, was Jesus |101 nach dem Johannesevangelium schon selbst von sich gesagt hat: «Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten» [Joh. 6,35]. Es ist eine Tatsache, die auch bei uns, wenn wir hungern und dürsten, Tatsache werden darf und soll. Wir müssen nur das «zu Jesus kommen» und «an Jesus glauben» recht verstehen. Wir müssen zu ihm gehen, wie wir zu einem Freund gehen, wir müssen an ihn glauben, wie wir einem Freund glauben, so nämlich, dass wir ihm vertrauensvoll Einfluss auf uns gewähren. Dann vollzieht sich in uns jener Lebensvorgang, dass uns die ewige Gerechtigkeit aus einer Forderung zu einem Geschenk wird. Und das ist dann das Sattwerden, die Seligkeit.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 215: «Allein zu dir, Herr Jesu Christ» von J. Schneesing, Strophen 1–3 (RG 208; EG 232 [jeweils mit Textabweichungen und der Verfasser­angabe: K. Hubert]). 🎵
  • Nr. 352: «Ich hab’ von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes, Strophen 1–3 und 4–5. 🎵
Lesungstext:
  • Ps. 51.

Sachfußnoten

1
In den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangene Toleranz-Maxime, die sich bei vielen Klassikern findet; vgl. etwa G. E. Lessing, Leben und leben lassen. Ein Projekt für Schriftsteller und Buchhändler (Erstdruck: 1800; ders., Werke, hrsg. von H. G. Göpfert u. a., Bd. 5: Literaturkritik, Poetik und Philologie, München 1973, S. 781–787) 📖; J. W. von Goethe, Egmont, erster Aufzug (Armbrustschießen) 📖; Fr. Schiller, Wallenstein. Wallensteins Lager, Sechster Auftritt (Jäger. Wachtmeister. Trompeter) 📖.↩
2
Aus Strophe 3 von Fr. Schillers Gedicht «Der Jüngling am Bache» (Erstdruck 1803; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 406f.) 📖.↩
3
Vgl. bes. Röm. 3,21–31.↩
4
Vgl. z. B.; H. Kutter, Gerechtigkeit (Römerbrief Kap. I–VIII). Ein altes Wort an die moderne Christenheit, Berlin 1905 📖; L. Ragaz, Das Evangelium und der soziale Kampf der Gegenwart, Basel 1906 📖.↩
5
Wohl eine Anspielung auf den zur vielgebrauchten Redewendung gewordenen Satz des deutschen Reichskanzlers Fürst Bernhard von Bülow (1849–1929), den dieser am 6. Dezember 1897 in einer Reichstagssitzung im Blick auf die Besitzergreifung von Kiautschou aussprach: «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne» (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, IX. Legislaturperiode, V. Session: 1897/98, Bd. 1, Berlin 1898, S. 60 📖).↩
6
Die hier angedeuteten Kämpfe um verschiedene Aspekte der sozialen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wurden in der Schweiz seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgefochten. Vor 1900 standen dabei vor allem die Begrenzung der überlangen Arbeitszeiten, das Verbot von Kinderarbeit und von Nacht- und Sonntagsarbeit von Frauen und Jugendlichen im Vordergrund. Ab etwa 1900 wurde verstärkt auch die Gleichberechtigung der Frauen gefordert, die 1904 von der 1888 gegründeten Sozialdemokratischen Partei in ihr Programm aufgenommen wurde. Am 13. Juni 1911 wurde das Gesetz über die Kranken- und Unfallversicherung verabschiedet, die – nach ­Refe­rendums­nieder­lagen – allerdings erst 1914 (Krankenversicherung) bzw. 1918 (­Unfall­versicherung) eingeführt wurden. Das Schweizerische Zivilgesetzbuch 📖, das damals als das modernste in Europa galt, wurde Ende 1907 von der Bundesversammlung angenommen und trat am 1.1.1912 in Kraft. Sein Verfasser, der Berner Jurist Eugen Huber (1849–1923), «sah den sozialen Gehalt des neuen Zivilgesetzbuchs darin, mit den Mitteln des Privatrechts für die Schwachen einzustehen» (A. Prêtre, Art. «Sozialgesetzgebung», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Bd. 11, Basel 2012, S. 658f., dort S. 658 📖); vgl. zum Ganzen: Th. Maissen, Geschichte der Schweiz, Baden 2010, S. 214f.226 📖. Besonders mit der Lage der Arbeiterschaft befasste sich gute zwei Jahre später Barth selbst ausführlich in: K. Barth, Die Arbeiterfrage (1913/14), in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 573–682 📖.↩
7
Weil seiner Meinung nach der Alkoholkonsum die Arbeiter von ihrer eigentlichen Not ablenkte, sah Barth eine «Verzahnung der Arbeiterfrage mit der des Alkoholismus» (Busch, S. 83 📖); entsprechend engagierte er sich wenig später in Safenwil im Blaukreuzverein, dem wichtigsten Exponenten der schweizerischen Abstinenzbewegung, dessen örtliche Leitung er übernahm; vgl. unten, S. 377, Anm. 2; V.u.kl.A. 1909–1914, S. 559f. 📖↩
8
In diesen Ausführungen finden sich Anklänge an W. Herrmann, Ethik, Tübingen 19094 📖; vgl. a.a.O., S. 23: «Je mehr wir unser Wollen in der Arbeit für einen Zweck aufgehen lassen, desto lebendiger sind wir»; S. 87: «Denn wenn er [scil. der Mensch, der sich die sittliche Aufgabe stellt] innere Selbständigkeit schon zu betätigen meint, so sieht er in allem, worin er hinter der sittlichen Aufgabe zurückbleibt, seine Schuld. […] Also das Ende des sittlichen Kampfes führt zu einem Aufgeben dessen, wodurch das Wollen wahrhaftig werden soll, weil er in seinem Anfang von der Voraussetzung eines wahrhaftigen Wollens oder eines eigenen Lebens getragen ist»; S. 135: «Nur in dem, was uns mit Jesus Christus verbindet, ist uns unsere Zukunft deutlich. Wir werden vollkommen gesinnt sein wie er, werden in der Kraft seines Geistes leben, und er wird völlig gegenwärtig sein. Das ist alles sittliches Ideal, aber durchglüht von den Erinnerungen an die geschichtliche Gestalt Jesu» (die Sätze sind in Barths insgesamt stark bearbeitetem Exemplar unterstrichen).↩
9
Anfang eines Liedes von J. A. Rothe (GERS 229; EG 354). 🎵↩
10
Beginn der ersten Strophe eines Liedes von J. Rist 🎵, das sich in vielen älteren Gesangbüchern findet (z. B. Evangelisches Kirchen-Gesangbuch oder Sammlung der vorzüglichsten Kirchenlieder, Halle 1842, Nr. 517 📖), aber nicht mehr in GERS 📖, RG 📖 oder EG 📖.↩
11
Vgl. oben, S. 43f., Anm. 10.↩
12
Redewendung, die zum Ausdruck bringen soll, dass es keine Rückzahlung geben wird.↩
13
Redewendung im Sinne von: nichts tun, sich um nichts kümmern.↩
14
Vgl. oben, S. 79f., Anm. 7. Im dort angeführten Bußgebet zu Beginn des Gottesdienstes bekennen die Anwesenden, sie seien «inutiles à tout bien» (CR 34, col. 173 📖; Calvin-Studienausgabe, Bd. 2, S. 162, Z. 8 📖).↩