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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,10–12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,10–12, 2. April 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 102–114.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,10–12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">102–114</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,10-12, 2. April 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1505">KBA 1040</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1911-04-02">Sonntag, 2. April 1911</date> (Judica)<note xml:id="n01">Es handelt sich um die Probepredigt <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in seiner zukünftigen Gemeinde; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/pr008#pr008">S. VIII</ref>.</note>
                            <lb/><placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>,  <date when="1911-04-09">Sonntag, 9. April 1911</date> (Palmarum)
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.10 Mt.5.12">Matthäus 5,10–12</ref>
                            <quote>
                                Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Das Evangelium der <term type="Sachen" key="Passionszeit">Passionszeit</term>, in die wir eintreten, führt uns wieder vor das Bild des gekreuzigten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Christus</term>. Es ist derselbe Christus, den wir auch das Jahr über verkündigen, aber in keinem Zuge seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Lebens</term> ist sein Wesen so deutlich und machtvoll ausgeprägt, nirgends ist das Große, Neue, das er uns gebracht hat, so klar und ergreifend wie auf dieser letzten Strecke seines Weges, von da an, wo er einbiegt in das Dunkel des Gartens <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> bis zu der Stunde, wo er mündet in der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>, wo der müde Wanderer seinen Geist in des Vaters Hände befiehlt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.46">Lk. 23,46</ref>]. Dass da etwas Großes und Bedeutungsvolles zu uns rede in diesem Tod des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, der Gerechte">Gerechten</term> unter den Händen der Ungerechten, das hat noch niemand ernstlich bezweifelt. Man kann die Gebote der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> Jesu unpraktisch und schwärmerisch nennen; man kann an sein kindliches Vertrauen zu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, kindliches Vertrauen zu Gott">Gott</term>, dem allmächtigen <term type="Sachen" key="Gott, allmächtiger Vater">Vater</term>, nüchtern prüfend und grübelnd herantreten und sagen: ich sehe die Sache anders an; man kann über seinem Anspruch, Gottes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Sohn</term> zu sein, verständnislos die Achseln zucken. Das Alles kann man, wenn man will. Aber man kann nicht an Jesu <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzestod</term> denken ohne das Gefühl, dass der Mann, der da gelitten hat und gestorben ist, uns überlegen sei und dass aus seinen gebrochenen Augen und aus seinen Wunden etwas zu unserm innersten Herzen redet, eine <pb xml:id="p103" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, eine Forderung, die wir vielleicht lieber überhören möchten und die wir doch nicht zum Schweigen bringen können. Denn wenn es auch nur die Hochachtung wäre vor dem Mute der Überzeugung, der auch vor dem Tode nicht zurückschreckt, was uns vor dem Bilde des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term> ergreift, so ist darin doch schon enthalten, dass wir dies Bild heimlich mit uns selbst vergleichen, dass wir uns fragen, ob wir solchen Mut gegebenen Falles auch hätten, und noch weiter: ob wir überhaupt Überzeugungen haben, die es wert wären, gegebenen Falls bis in den Tod vertreten zu werden. |</p>
                <p> Ich wiederhole: diese stille Predigt des Kreuzes <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> hört jeder, der seiner ansichtig geworden ist. Er kann sie dann überhören wollen, aber er kann ihr nicht ganz ausweichen. Sie sagt uns: da war Einer, der war etwas, der hatte etwas in sich. Sie fragt uns: was bist du? Was hast du in dir? Und sie ladet uns ein: Komm! Du darfst auch etwas sein! Du darfst auch etwas in dir haben! Das Letzte ist das Wichtigste. Im Kreuze Christi ist uns nicht nur ein erhabenes Heldenbild vor die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> gestellt und nicht nur eine bohrende Frage: Was bist <hi rend="italic">du</hi> wert, Mensch, neben diesem Helden? Sondern es ist eine <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Lebensbotschaft">Lebensbotschaft</term> darin verborgen, die lautet: du darfst auch ein Held werden, die Hochachtung, die dir der gekreuzigte Jesus vielleicht wider Willen abnötigt, dürftest du vor dir selbst haben, die Kraft und das Leben, die du ihm anspürst, dürften <hi rend="italic">deine</hi> Kraft und <hi rend="italic">dein</hi> Leben werden. Es steht mit dem Kreuze Christi nicht so, wie ein moderner französischer Maler es dargestellt hat: er hat den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term> gezeichnet in seiner Qual und in seiner Größe, ihm gegenüber aber eine schöne Frauengestalt, die die Menschheit darstellt, die mit ihrer Arbeit und ihrem Vergnügen beschäftigt ist.<note xml:id="n02">Nicht ermittelt.</note> Darunter aber steht das Wort: dir der Himmel, mir die Erde. So machen wir’s, wenn wir die Predigt des Kreuzes Christi überhören wollen. Wir bewundern dann zwar irgendwie seine Größe, aber wir sagen: bleib mir vom Leibe! du gehörst in den Himmel, ich aber gehöre auf die Erde. Merken wir nicht, was für ein vernichtendes Urteil wir damit über uns selbst aussprechen? Sondern so steht es mit dem Kreuze Christi, dass darin der Himmel auf die Erde gekommen ist, zu den Menschen, in ihre Arbeit und in ihr Vergnügen hinein als die Macht der Freiheit und der Erlösung. Wo das Kreuz Christi auf<pb xml:id="p104" ed="pga" break="no"/>gerichtet ist, da soll es nicht mehr Himmel und Erde geben als zwei getrennte Welten, sondern nur noch das eine Reich Gottes, die eine Welt des Lebens. So steht es mit dem Kreuz <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term>, wie es <persName ref="kbga-actors-455">Johann Sebastian Bach</persName> in der <term type="Sachen" key="Matthäuspassion">Matthäuspassion</term> [die wir in der kommenden Woche in unsrer Stadt zu Gehör bekommen werden]<note xml:id="n03">Dieser Satzteil ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst eingeklammert und ist nur in der Genfer Predigt vorgetragen worden.</note> in ergreifenden Tönen geschildert hat:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ich will dir mein Herze schenken,</l>
                            <l>Senke dich, mein Heil, hinein!<note xml:id="n04">Arie für Sopran aus <bibl corresp="kbga-bibls-3371"><persName ref="kbga-actors-455">J. S. Bachs</persName> Matthäuspassion (BWV 244)</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wirkte, wie schon im <date when="1910-06">Juni 1910</date> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 68</bibl>), an der Aufführung mit; ausweislich seines Kalenders nahm er an den freitäglichen Proben recht regelmäßig teil. Die öffentlichen Aufführungen fanden statt am <date when="1911-04-11">11.</date> und <date when="1911-04-12">12. April 1911</date>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das Kreuz Christi ist eine <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Lebensbotschaft">Lebensbotschaft</term>, weil sie uns nicht nur einen Vorgang schildert, der vor vielen Jahrhunderten und in weiter Ferne von uns sich zugetragen, sondern der sich in all seiner Größe und Schönheit an uns und in uns ereignet, wenn wir es nur zulassen, <hi rend="italic">dass</hi> er sich ereignet. Diese Lebensbotschaft des Kreuzes Christi verkündigt uns nun auch unser Textwort. Es sagt uns: <hi rend="italic">Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden! Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen! Freuet euch und jubelt!</hi> Jesus hat uns in allen Beziehungen seines Lebens zu seiner <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> eingeladen: Er heißt uns, auf Gott vertrauen, wie er auf ihn vertraut hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.25 Mt.6.34">Mt. 6,25–34</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.1">Joh. 14,1</ref>], er heißt uns, sanftmütig sein, wie er sanftmütig gewesen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.5">Mt. 5,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">11,29</ref>], er heißt uns, die Brüder lieben, wie er uns geliebt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.12">Joh. 15,12</ref>]. Aber auch auf der höchsten Stufe seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Lebens</term>, da, wo er sich anschickt, unter den Händen der <term type="Sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term> zu leiden um der <term type="Sachen" key="Leid, um der Gerechtigkeit willen">Gerechtigkeit</term> willen, lässt er uns nicht hinter sich zurück, sondern sagt uns: ihr dürft auch leiden um der Gerechtigkeit willen, ihr dürft auch geschmäht und verfolgt werden. Selig seid ihr, wenn ihr das an euch erfahrt! Freuet euch und jubelt! Die Kraft und Größe und Überlegenheit, die uns im Bilde des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigten</term> begegnet, auch wenn wir vielleicht recht oberflächlich hinsehen, sie sind also nicht etwas Fernes und Vergangenes, sondern sie sollen in uns wahr und gegenwärtig, sie sollen <hi rend="italic">unsre</hi>
                    <term type="Sachen" key="Kraft">Kraft</term>, <hi rend="italic">unsre</hi>
                    <pb xml:id="p105" ed="pga"/> Größe, <hi rend="italic">unser</hi>
                    <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> und <hi rend="italic">unsre</hi> Überlegenheit werden. Und sie werden es, wenn wir leiden um der Gerechtigkeit willen, wie er um der Gerechtigkeit willen gelitten <term type="Sachen" key="Leid, um der Gerechtigkeit willen">hat</term>. Von der <term type="Sachen" key="Leid, Kraft des Leidens">Kraft</term> und Seligkeit dieses <term type="Sachen" key="Leid, Seligkeit des Leidens">Leidens</term> wollen wir heute reden.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent"><hi rend="italic">Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden!</hi> Dies Wort mag wohl die, die es zuerst aus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term> Mund gehört haben, die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> und das Volk auf dem Berg von <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, fremdartig und unbegreiflich berührt haben, gerade wie sie zunächst sicher vor lauter Rätseln gestanden sind, wenn Jesus ihnen sagte: Selig sind die geistlich Armen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>]! Selig sind, die da Leid tragen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.4">Mt. 5,4</ref>]! Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]! Von dem Allem würden sie, und wir wahrscheinlich mit ihnen, von sich aus immer gerade das Gegenteil gesagt haben: Selig sind die geistlich Reichen! Selig sind die Glücklichen! Selig sind, die schon gerecht sind! Und so würden sie, und wir mit ihnen, die letzte Seligpreisung vermutlich anders abfassen, als Jesus es getan hat; wir würden sagen: Selig sind, die um ihrer Gerechtigkeit willen und mit ihrer <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> obenaus schwingen, die sich durchsetzen und Anerkennung finden bei Groß und Klein, bei Guten und Bösen. Aber wir brauchen das bloß so auszusprechen, um ohne Weiteres jedenfalls einmal das einzusehen, dass Jesus guten Grund hatte, so <hi rend="italic">nicht</hi> zu sprechen. Denn wo sind die, die um ihrer Gerechtigkeit willen sich in der Welt durchgesetzt und um ihrer Gerechtigkeit willen bei der Welt Anerkennung gefunden? Die guten und gerechten Menschen aller Zeiten würden dann nicht zu denen gehören, die Jesus selig gepriesen hat, denn sie haben seit den Tagen der <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>
                    <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israels</term> nicht Anerkennung, sondern Geringschätzung, Schmähung und Verfolgung unter den Menschen gefunden. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass Jeder, der die wirkliche <term type="Sachen" key="Wahrheit, wirkliche">Wahrheit</term> und das wirkliche <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, wirkliches">Gute</term> vertreten hat, bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen nicht Ruhm und Ehre, sondern das Gegenteil damit geerntet hat. |</p>
                <p>Davon reden die Lebensgeschichten aller großen Denker und Entdecker. Das kann man aber sozusagen alle Tage beobachten. Wo einer einen Anlauf nimmt, ein rechter Mensch zu sein, z. B. indem er eine <pb xml:id="p106" ed="pga"/> schlechte Gewohnheit ablegt oder eine gute sich aneignet, wo einer mit einer Idee oder mit einem Unternehmen hervortritt, die mit der Oberflächlichkeit und dem Eigennutz der großen Menge zur Abwechslung einmal nichts zu tun hat, da kann man sicher sein, bald eine Anzahl Anderer um ihn versammelt zu sehen, die bemüht sind, ihm zu zeigen, wie sie mit den Achseln zucken, wie sie das, was ihn bewegt, für eine Schrulle halten. Und wenn er nun weitergeht, wenn sie durch sein Tun in dem Geleise ihrer Gewohnheiten gestört werden, wie das überall der Fall ist, wo die wirkliche Wahrheit und das wirkliche Gute im Spiel sind, da wird aus dem Achselzucken rasch genug erst das Auslachen und dann das Steinewerfen. Ich weiß wohl: manchem guten und gerechten Menschen ist es anders gegangen. Er hat sich durch Fleiß und Beharrlichkeit behauptet und durchgesetzt, er hat Anerkennung bei den Menschen gefunden, er hat schließlich wohl gar eine große Rolle gespielt in der Welt, die ihn zuerst verachtete und mit Steinen bewarf. Ich will nicht davon reden, dass dabei leider Manchem das Beste und Höchste, das in ihm war, verloren ging, dass die Anerkennung, die er fand, erkauft war dadurch, dass er mit den Wölfen zu heulen, sich den Menschen anzupassen wusste. Es gibt gottlob auch Fälle, wo der Gerechte zu seinem Recht kommt ohne das. Aber das ist sicher, dass daneben unzählige Fälle stehen, wo der Gerechte überhaupt nicht zu seinem Recht kommt, wo er sein ganzes Leben darauf wartet, Anerkennung von den Andern zu finden, aber sie bleibt aus, und der Gerechte stirbt. Nachher geht es dann vielleicht den Menschen auf, was er gewesen und geleistet, nachher zeigt sich das, was er gedacht und getan, als gut und heilsam, nachher schmückt man sein Grab als das Grab eines <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.29">Mt. 23,29</ref>]. Aber was hat er nun davon? |</p>
                <p> Wenn das die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> ist, dass man Anerkennung findet bei den Menschen, dass man unter ihnen steht als ein Geachteter und Gefeierter, dann ist er nicht selig gewesen. Wenn das die Seligkeit ist, dass die Leute vor einem den Hut abnehmen und zueinander sagen: Seht da, den großen, bedeutenden Mann!, dann ist Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">selbst</term> der unseligste aller Menschen gewesen, denn die Anerkennung, die er bei der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> fand, bestand darin, dass die ihn nicht nur warten ließ auf ihren Beifall, sondern ihn ans <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> schlug, um vor ihm sicher zu sein. Er hatte also wohl Recht, wenn er <hi rend="italic">nicht</hi> sagte, was uns auf den ersten <pb xml:id="p107" ed="pga"/> Blick besser gefallen würde: Selig sind, die’s mit ihrer <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> gewinnen. Er hat es darum nicht gesagt, weil man es mit der Gerechtigkeit in der Regel in der Welt <hi rend="italic">nicht</hi> gewinnt. Die Gerechtigkeit ist eine undankbare <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, eine undankbare Sache">Sache</term>, wenn man es damit ernst nimmt, und wenn das die Seligkeit ist, dass man den Leuten wohl gefällt, dann verdient man sich mit der Gerechtigkeit nicht die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>, sondern das Gegenteil. – |</p>
                <p>Aber wenn das so ist, dann ist es doch nur umso unbegreiflicher, dass Jesus nun sagt: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen"><hi rend="italic">verfolgt</hi></term> werden. Denn wenn wir von den Menschen mit unsrer Gerechtigkeit geringgeschätzt, geschmäht und verfolgt werden, dann werden wir zunächst kaum geneigt sein zu sagen, dass uns dabei sehr selig zu Mute ist, angenehm ist es auf alle Fälle nicht. Da kommt nun Alles darauf an, was das heißt: <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>. Auch das Geistlich-Arm-Sein, das <term type="Sachen" key="Leid">Leidtragen</term>, das Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit sind kaum sehr angenehme Zustände und doch preist Jesus sie selig. Warum diese Merkwürdigkeit, die uns in allen diesen Sprüchen begegnet? Offenbar wollte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> sagen: In diesen für uns so unangenehmen Zuständen, gerade in denen ist Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Macht">Macht</term> und Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> wirksam. Wenn ein Mensch einsieht, dass er geistlich arm ist, wenn er Leid trägt, wenn er der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term> von ferne gegenübersteht und danach hungert und dürstet wie der <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> im Tempel, dann hat Gott ihn in der Arbeit, dann ist’s das Zeichen, dass sein Leben beginnt, etwas nutz und wert zu werden. Und so steht’s auch, wenn wir um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Gewiss, das ist kein Los, das uns erfreulich und wünschbar scheint, aber gerade in diesem fatalen <term type="Sachen" key="Schicksal">Schicksal</term> ist die Kraft der Liebe <term type="Sachen" key="Gott, Kraft der Liebe">Gottes</term> wirksam. Wir wollen versuchen, uns klar zu machen, was das sagen will. <hi rend="italic">Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.</hi> Selig sind sie! Warum? Weil sie Gott auf ihrer Seite haben und weil sie selbst auf der Seite Gottes stehen. Wo ein Mensch das von sich sagen kann, der <hi rend="italic">ist</hi> selig, und wenn die ganze Welt gegen ihn stünde. Denn wo ein Mensch ringt und kämpft danach, ein rechter Mensch zu sein, wo die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und das <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> ihre Stimme erheben in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, wo Altes vergeht und etwas Neues, Besseres wird, wo Quellen hervorbrechen aus dem trockenen Gestein, da ist Gott selbst im Spiel, das dürfen wir vor Allem wissen. Gott sieht dem, was da geschieht, nicht von ferne zu, sondern er wirkt selber in dem, was <pb xml:id="p108" ed="pga"/> gute Menschen wirken. In der ganzen Welt und in jedem Augenblick vollzieht sich diese stille Arbeit <term type="Sachen" key="Gott, stille Arbeit Gottes">Gottes</term>. Sie schreitet vor[an], und niemand kann sie hindern, aber es ist keine leichte Arbeit. Denn das <term type="Sachen" key="Licht">Licht</term> scheint in der <term type="Sachen" key="Finsternis">Finsternis</term>, und die Finsternis hat es nicht begriffen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>
                    <hi rend="italic">kann</hi> zwar das Licht nicht hindern, immer wieder wird sie überwunden und damit selbst auf eine höhere Stufe geführt, aber was sie nicht kann, das <hi rend="italic">versucht</hi> sie doch immer wieder. Wo etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> sich regt unter den Menschen, da stehen die Weltmächte der <term type="Sachen" key="Beschränktheit">Beschränktheit</term>, des <term type="Sachen" key="Eigennutz">Eigennutzes</term>, der <term type="Sachen" key="Oberflächlichkeit">Oberflächlichkeit</term> auf, um es zu erdrücken und zu ersticken. So muss die Güte und die Wahrheit leiden unter den ohnmächtigen Versuchen der Menschen. So <hi rend="italic">leidet Gott <term type="Sachen" key="Gott, leidet selbst in der Welt">selbst</term></hi> in der Welt, die seine <term type="Sachen" key="Gott, Gaben">Gaben</term> verkennt und zurückweist. Aber nun stoßen wir auf ein Geheimnis: Gott ist am Größten und Mächtigsten, seine <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist am <hi rend="italic">Wirksamsten</hi> gerade da, wo er <term type="Sachen" key="Gott, Wirksamkeit im Leiden"><hi rend="italic">leidet</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Denn indem er leidet unter den törichten Anstrengungen der <term type="Sachen" key="Welt, törichte Anstrengungen">Welt</term>, überwindet er <term type="Sachen" key="Welt, Überwindung durch Gott">sie</term>. Er vernichtet sie nicht zur Strafe für ihren <term type="Sachen" key="Widerstand, gegen Gott">Widerstand</term>, er vergilt das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> mit <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutem</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.21">Röm. 12,21</ref>], er gewinnt sie, er heilt sie, er führt sie zum <term type="Sachen" key="Licht">Lichte</term> gerade <hi rend="italic">durch</hi> sein <term type="Sachen" key="Leid, Gottes">Leiden</term>. Er leidet <hi rend="italic">für <term type="Sachen" key="Gott, leidet für die Welt">sie</term></hi>. |</p>
                <p>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> hat das in einem wundervollen Bild erklärt, indem er gesagt hat: Ein Weib, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit; denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denket sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt geboren ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.21">Joh. 16,21</ref>]. Die Liebe <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Gottes</term> zu uns gleicht der <term type="Sachen" key="Liebe, Mutterliebe">Mutterliebe</term>. Sie leidet an ihrem Kinde, aber sie leidet <hi rend="italic">für</hi> das Kind, und ihre Traurigkeit wird in <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> verwandelt, denn durch ihr <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term> wird ein Mensch zur <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> geboren. Und wenn nun ein Mensch zu leiden hat um der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Leid, um der Gerechtigkeit willen">willen</term>, um der <term type="Sachen" key="Leid, um der Wahrheit willen">Wahrheit</term> und des Rechtes <term type="Sachen" key="Leid, um des Rechtes willen">willen</term>, dann heißt das, dass er Anteil bekommt an diesem heilsamen Leiden <term type="Sachen" key="Gott, heilsames Leiden Gottes">Gottes</term>. Wo Gott <hi rend="italic">wirkt</hi>, da <hi rend="italic">leidet</hi> er <term type="Sachen" key="Gott, leidet wo er wirkt">auch</term>, und weil Gott in einem gerechten <term type="Sachen" key="Gott, wirkt in einem gerechten Menschen">Menschen</term> wirkt, darum darf er mit ihm leiden. <hi rend="italic">Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind</hi>. Um seiner Gerechtigkeit willen muss der Gerechte hinein in die Traurigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Traurigkeit">Gottes</term>; denn der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> ist nicht über seinem Meister [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.24">Mt. 10,24</ref>]; aber darum darf er dann auch hinein in die Freude <term type="Sachen" key="Freude, Gottes">Gottes</term>, und Gottes Freude besteht darin, dass der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> geholfen wird. Der Gerechte muss leiden unter der Verfolgung der Men<pb xml:id="p109" ed="pga" break="no"/>schen; aber was er leidet, leidet er <hi rend="italic">für</hi> die <term type="Sachen" key="Leid, des Gerechten für die Menschen">Menschen</term>, die ihn verfolgen. Das ist die <term type="Sachen" key="Leid, Kraft">Kraft</term> und die <term type="Sachen" key="Leid, Seligkeit">Seligkeit</term> des Leidens um der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Leid, um der Gerechtigkeit willen">willen</term>, dass wir dadurch Träger und Botschafter werden der leidenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, leidende Liebe Gottes">Gottes</term>, wie es die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> gewesen sind. Das haben die christlichen <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrer</term> der ersten Jahrhunderte an sich erfahren. Ihr Blut wurde vergossen, aber es wurde eine Aussaat. Der Anblick ihrer Qualen gewann immer mehr Menschen für Christus. Was ihr Leben und ihre Lehre nicht vermochte, das vermochte ihr Leiden und Sterben. Nach jeder <term type="Sachen" key="Verfolgung">Verfolgung</term> und Hinrichtung drängten sich neue Massen zum Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, und die eben Henker und Beifall klatschende Zuschauer gewesen, standen jetzt in vorderster Reihe der Bekenner.<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2479"><persName ref="kbga-actors-798">Tertullian</persName>, Apol. 50,13–15, CChr.SL I, S. 171</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Nec quicquam tamen proficit exquisitior quaeque crudelitas vestra; inlecebra est magis sectae. Plures efficimur quotiens metimur a vobis; semen est sanguis Christianorum. Multi apud vos ad tolerantiam doloris et mortis hortantur ut Cicero in Tusculanis, ut Seneca in Fortuitis, ut Diogenes, ut Pyrrhon, ut Callinicus. Nec tamen tantos inveniunt verba discipulos quantos Christiani factis docendo. Illa ipsa obstinatio, quam exprobratis, magistra est. Quis enim non contemplatione eius concutitur ad requirendum quid intus in re sit? quis non, ubi requisivit, accedit? ubi accessit, pati exoptat, ut totam dei gratiam redimat, ut omnem veniam ab eo compensatione sanguinis sui expediat?</foreign>»</note> Die <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrer</term> hatten gelitten, aber nicht umsonst, sie hatten <hi rend="italic">für die Andern</hi> gelitten. Sie waren Träger und Botschafter der leidenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, leidende Liebe Gottes">Gottes</term>. Ist solches Leiden um der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Leid, um der Gerechtigkeit willen">willen</term> nicht der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und des Jubels würdig? – |</p>
                <p>Das haben Alle die erfahren, die etwas Gutes, das den Menschen noch neu war, unter den Menschen vertreten haben. Damit das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> sich durchsetze und behaupte, dazu mussten zuerst alle Widerstände und Hindernisse, die sich dagegen erheben konnten, zu Worte kommen und sich entfalten. Unter diesen Widerständen und Hindernissen hatten dann die Bahnbrecher und Pioniere zu leiden, schwer zu leiden oft. Aber es war immer ein <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term>, das nicht umsonst geschah. Denn indem die Welt ihren Widerwillen austobte in der Verfolgung, verlor ihr Widerwille seine Kraft, wie die Biene im Stich ihren Stachel verliert, und nun war die Bahn frei für das, was die Pioniere und Bahnbrecher zu bringen hatten. Sie hatten gelitten, aber sie hatten gelitten für die Welt, die sie zuerst verfolgte. Sie waren Träger und Botschafter der leidenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, leidende Liebe Gottes">Gottes</term>. Ich denke daran, wie vor 20 Jahren die <pb xml:id="p110" ed="pga"/>
                    <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName> gerade in unserem <term type="Sachen" key="Schweiz">Land</term> mit Spott und Hohn und <term type="Sachen" key="Verfolgung">Verfolgung</term> begrüßt worden ist.<note xml:id="n06">Zu dem heftigen und teils gewalttätigen Widerstand in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und besonders auch in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> gegen die <date when="1882">1882</date> begonnene Arbeit der <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName> unter Führung ihrer Marschallin, <persName ref="kbga-actors-9060">Catherine Booth</persName>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-978">Th. Kolde, Art. «Heilsarmee», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 7, S. 578–593, dort S. 582, Z. 22–60</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-93">R. Pfister, <hi rend="italic">Kirchengeschichte der Schweiz</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Von 1720 bis 1950</hi>, Zürich 1985, S. 277f.</bibl></note> Das ist heute anders geworden. Jedermann, bis auf die ganz Bornierten, erkennt heute, dass es sich dabei im Kern der Sache um etwas Gutes handelt, und viele Hunderte genießen heute die Früchte der damals leidenden Liebe. – |</p>
                <p>Das ist aber auch eine Erfahrung, die wir Alle machen können. Wenn du zu einem Menschen gehst und bringst ihm etwas Rechtes und <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term>, dann darfst du nicht erwarten, dass er einfach mit beiden Händen zugreift und Dankeschön sagt. Sondern wenn man Eisen hämmert, dann gibt’s Funken, und wenn man einen Menschen mit der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und mit dem <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> beunruhigt, dann gibt’s Widerspruch. Und die Funken und der Widerspruch treffen den, der hämmert und der die Wahrheit redet. Denn in dem Andern erwachen in diesem Augenblick alle die Mächte seines Innern, seine <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>, seine Oberflächlichkeit, seine <term type="Sachen" key="Trägheit">Trägheit</term>, sein Eigendünkel, die das Licht der Wahrheit und des Rechtes zu scheuen haben. Indem du ihm zu nahe trittst, explodiert das Alles gleichsam, und du darfst dich nicht wundern, dass du von den Trümmern getroffen wirst, dass du unter seinem Widerstand zu leiden hast. Sei vielmehr froh darüber, du leidest in diesem Augenblick <hi rend="italic">für ihn</hi>. Denn damit die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und das <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> in ihm Platz greifen können, müssen erst seine schlechten Neigungen in die Luft fliegen. Das ist im Augenblick schmerzlich für dich. Aber es ist oft genug so: je heftiger der Widerspruch ausbricht, umso sicherer hat in seinem tiefsten Innern das Gute Wurzel gefasst. Von diesem Widerstand des natürlichen <term type="Sachen" key="Mensch, natürlicher">Menschen</term> weiß jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer schon bei den Kindern zu erzählen. Sie wollen nicht, sie machen ihnen Mühe, sie behandeln sie, als ob sie ihre Feinde wären, aber indem der Erzieher dies Unangenehme auf sich nimmt, hilft er dem Kind, er leidet <hi rend="italic">unter</hi> ihm, aber leidet <hi rend="italic">für</hi> das Kind. Er wird ein Träger und Botschafter der leidenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, leidende Liebe Gottes">Gottes</term>. <hi rend="italic">Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.</hi> Gerade daran, dass sie verfolgt werden, dürfen sie erkennen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie auf <pb xml:id="p111" ed="pga"/> Gottes Seite. Denn auch Gott muss in der Welt <term type="Sachen" key="Gott, leidet in der Welt">leiden</term>, aber gerade in seinem Leiden entfaltet sich die höchste <term type="Sachen" key="Gott, Wirksamkeit im Leiden">Wirksamkeit</term> seiner <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> zu den Menschen. Und wenn <hi rend="italic">wir</hi> leiden, so haben wir Teil an seiner Wirksamkeit. Wir leiden mit ihm und helfen dadurch den Menschen. Das ist die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Aber nun ist da ein Umstand, der ist wohl geeignet, uns einen Augenblick inne halten zu lassen, uns zur tieferen Erfassung der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Freudenbotschaft">Freudenbotschaft</term>, die uns dies Wort Jesu bringt, anzuleiten. <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> hat nicht einfach gesagt: Selig sind, die verfolgt werden! Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen! Selig seid ihr, wenn sie allerlei Übels wider euch reden! Sondern es heißt: Selig sind, die <hi rend="italic">um Gerechtigkeit willen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">verfolgt</term> werden. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen <hi rend="italic">um meinetwillen</hi> schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, <hi rend="italic">so sie daran lügen</hi>. Um Gerechtigkeit willen, um meinetwillen, so sie daran lügen! Wenn alle diese Voraussetzungen da sind, <hi rend="italic">dann</hi> heißt es von denen, die verfolgt sind: Selig sind sie! <hi rend="italic">Dann</hi> dürfen sie sich dessen freuen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie auf Gottes Seite. <hi rend="italic">Dann</hi> trifft das zu, dass sie <hi rend="italic">durch</hi> ihr <term type="Sachen" key="Leid">Leiden</term>
                    <hi rend="italic">unter</hi> den Menschen Mitarbeiter Gottes sind <hi rend="italic">an</hi> den Menschen. Wie steht es bei uns mit jenen Voraussetzungen?</p>
                <p>Wir wollen einmal von der andern Seite an die Sache herantreten. Wenn das wahr ist: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">verfolgt</term> werden! – und wir haben gesehen, in welch umfassendem Sinne das wahr ist –, dann muss auch das Andre wahr sein: die um der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> willen verfolgt werden, die missachtet und unterdrückt werden auf Grund der <term type="Sachen" key="Menschheit, Lüge"><hi rend="italic">Lüge</hi></term> oder des Irrtums der <term type="Sachen" key="Menschheit, Irrtum">Menschheit</term>, die erkennt man daran, dass sie selig sind, dass sie sich freuen und jubeln, wie <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> ausdrücklich sagt. – |</p>
                <p>Es gibt unzählige Menschen, die sich verachtet und geringgeschätzt fühlen von den Andern. Denen kann und soll das Wort Jesu von der <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> derer, die verfolgt werden, <hi rend="italic">wohltun</hi>. Aber zugleich richtet nun Jesus mit diesem Wort eine sehr ernstliche Frage gerade an sie: Woher mag es kommen, fragt er sie, dass ihr <hi rend="italic">nicht</hi> selig seid, trotzdem ihr euch verfolgt fühlt, dass ihr euch nicht freut und nicht jubelt, <pb xml:id="p112" ed="pga"/> trotzdem man euch verachtet, dass ihr vielmehr jammert und klagt gegen jedermann, der euch anhören will, oder dass ihr euch missmutig und in dem verdrossenen Gefühl, ein verkanntes Genie zu sein, in die Ecke stellt und der ganzen Welt ein böses Gesicht macht? Von den <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrern</term> der alten Christenheit, die ich vorhin erwähnte, hören wir, dass sie mit lauten Freudenliedern ihrem schrecklichen Tod entgegengingen. Woher mag es kommen, dass es bei uns, wenn wir uns von den Menschen verfolgt oder verkannt fühlen, in der Regel anders steht? Klipp und klar lautet jetzt die Anfrage Jesu an uns: Werdet ihr wirklich um <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> willen verfolgt? <hi rend="italic">Lügen</hi> die Menschen wirklich, wenn sie allerlei Übles wider euch reden? Ich meine, wenn wir diese Fragen ehrlich<note xml:id="n07"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «auf ehrlich»; das überzählige «auf» wurde von den Hrsg. gestrichen.</note> auf uns wirken lassen, dann werden auch die, die sich ganz arg verachtet und verfolgt fühlen, dann werden auch die ganz großen verkannten Genies unter uns die Entdeckung machen, dass es seinen guten Grund hat, wenn sie zur Seligkeit, zum sich Freuen und Jubeln nicht aufgelegt sind. Es mag wohl so sein, und wir wollen es gerne annehmen, dass es wirklich etwas Rechtes und <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> ist, was sie vertreten – manchmal täuschen wir uns zwar auch darin –, aber sie sollen sich einmal fragen, ob es wirklich ihre <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, ob es die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und das <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term>, das sie vertreten, ist, was bei den Andern Anstoß erregt, was sie über uns die Achseln zucken und zu uns sagen lässt: Ich mag dich nicht! Meine Freunde, es ist hier eine fast unendliche Reihe von Selbsttäuschungen verborgen, die wir gut tun, uns bis auf den Grund einzugestehen. Es hat schon mancher, der einen Prozess verloren hat, gemeint, er sei jetzt ein Märtyrer des Rechts, und er war doch nur ein <term type="Sachen" key="Märtyrer">Märtyrer</term> seiner <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>; denn er hat im Grund nicht um das <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> gekämpft, sondern eben um sein Recht, während ihn ein ähnliches Unglück seines Nachbars ganz kühl gelassen hätte. Da ist’s wohl begreiflich, dass er jetzt zu <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> und Jubel nicht die Stimmung findet. Es hat schon mancher, der mit seinen Ideen und Überzeugungen ausgelacht wurde, gemeint, er sei ein Märtyrer der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und womöglich ein zweiter Christus, und er war doch nur ein Märtyrer der beschränkten oder unliebenswürdigen Art, wie er die Wahrheit vertreten hat, der Kurzsichtigkeit oder des Eigendün<pb xml:id="p113" ed="pga" break="no"/>kels, mit der er die Wahrheit den Menschen aufdrängen wollte. Leider Gottes gibt es z. B. gerade so viele beschränkte und unliebenswürdige <term type="Sachen" key="Christen, unliebenswürdige">Christen</term> oder <term type="Sachen" key="Abstinenzbewegung">Abstinente</term> oder <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialisten</term> z. B., die ihre guten und großen Sachen in einer Weise vertreten und an den Mann bringen, dass die Menschen dadurch für das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> und Große nicht gewonnen, sondern davon abgestoßen werden, weil sie sich sagen: So einer wie der will ich auf alle Fälle nicht werden. Was Wunder, wenn solche angebliche <term type="Sachen" key="Märtyrer, angebliche">Märtyrer</term> der Wahrheit dann nichts spüren von der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, die Jesus denen, die um Gerechtigkeit willen <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">verfolgt</term> werden, nicht nur verheißen, sondern zur Pflicht gemacht hat. Ich habe vorhin als Beispiel die Eltern und Lehrer genannt, die bei ihrem <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehungswerk</term> unter dem Widerstand der Kinder zu leiden haben. Ja, aber in wie unzähligen Fällen sind die Fehler und Schwächen der Kinder, unter denen Eltern und Lehrer zu leiden haben, nur das Echo und der Abklatsch ihrer eigenen Fehler. Die Kinder haben unter den schlechten Seiten ihrer Erzieher gelitten, und nun geben sie das Leiden, ohne es bewusst zu wollen, mit Zins und Zinseszins ihren Erziehern zurück. Und was vom Verkehr mit den Kindern gilt, das gilt erst recht vom Verkehr mit den Erwachsenen. – |</p>
                <p>Ja, wenn das so steht, meine Freunde, dann haben wir allen Anlass, uns selbst gegenüber aufmerksam zu sein, gerade wenn wir von den Menschen Anfechtung zu erleiden haben. Wir werden dann nicht gleich denken, die Majestät der göttlichen <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> werde verfolgt, wenn <hi rend="italic">wir</hi> verfolgt und verachtet werden. Es hat dann im Grunde kein Einziger Anlass, sich durch das, was die Menschen ihm antun, verletzt zu fühlen, wohl aber allen Anlass, bei sich selbst einzukehren und sich zu fragen, ob die Verletzung der Ehre <term type="Sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, die er beklagt, nicht in ihm selbst ihren Grund und Anfang habe. Denn er wird sich sagen müssen, dass er solange, als er sich noch verletzt fühlt, solange er sich ärgert und ein böses Gesicht macht, offenbar noch gar nicht um der Gerechtigkeit willen, sondern um seiner eigenen Sünde willen, um es deutlich zu sagen, angefochten und verachtet wird. Wer wirklich um der Gerechtigkeit willen <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">verfolgt</term> wird, der freut sich und jubelt, weil er ein gutes <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> hat, weil er weiß, dass er leidet um des Gehorsams gegen <term type="Sachen" key="Gehorsam, gegen Gott">Gott</term> willen, und weil er weiß, dass gerade durch sein Leiden der gute Wille Gottes an den Menschen <term type="Sachen" key="Leid, Vollzug des guten Willens Gottes an den Menschen">vollzogen</term> wird. Wer wirklich um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird, der kann <pb xml:id="p114" ed="pga"/> dann gar nicht mehr eigensüchtig, beschränkt und unliebenswürdig sein, sein Leiden, das ihm die Andern zufügen, bekommt dann jene bezwingende Kraft, die das Gift der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> in sich aufnimmt, damit die Welt vom Gifte frei werde.</p>
                <p>In diesem Falle sind wir in der überwiegenden Mehrzahl nicht. Aber in diesem Fall war Jesus Christus. Wir leiden nicht schuldlos, aber er hat schuldlos <term type="Sachen" key="Jesus Christus, schuldloses Leiden">gelitten</term>. Wir leiden nicht nur um der Gerechtigkeit willen, er tat <term type="Sachen" key="Jesus Christus, litt um der Gerechtigkeit willen">es</term>. Und darum sehen wir zu ihm hinauf als zu dem, der <hi rend="italic">für uns</hi> gelitten, der unsre Sünde <term type="Sachen" key="Jesus Christus, hat unsere Sünde getragen">getragen</term> hat. Denn von seinem unschuldigen <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term> unter den Händen der Ungerechten ist die Kraft ausgegangen, durch die es uns möglich wird, nach unsern schwachen Kräften teilzuhaben an der leidenden Liebe <term type="Sachen" key="Gott, leidende Liebe Gottes">Gottes</term>, Mitarbeiter Gottes zu sein in der Aufgabe, um Gerechtigkeit willen verfolgt zu <term type="Sachen" key="Verfolgung, um der Gerechtigkeit willen">werden</term>, und Mitgenossen seiner ewigen Seligkeit. Von ihm her, in der <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> seines Leidens und <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterbens</term> haben wir das, was wir aus uns selbst nicht hätten. Und darum fassen wir Alles das, was sein Wort uns heute gesagt hat und was sein Tod uns nicht nur gesagt, sondern geschaffen hat, zusammen in die eine große Forderung und <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>: Leide dich<note xml:id="n08">Die erste und letzte Zeile der zweiten Strophe des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-120">«Fahre fort» von <persName ref="kbga-actors-5610">J. E. Schmidt</persName> (GERS 159)</bibl>, das <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1911-02-26">26. Februar 1911</date> hatte singen lassen (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p086#p086">S. 86</ref>) lauten: «Leide dich, leide dich!»</note>, aber leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-82">Nr. 107: «Wenn dir, dein Zion, Palmen streuet» von <persName ref="kbga-actors-8799">K. Menzel</persName>, Strophen 1–3.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-75">Nr. 117: «O Lamm Gottes, unschuldig» nach <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName> von <persName ref="kbga-actors-983">S. Franck</persName> (RG 437 [Textabweichungen]; EG 190.1 [nur Strophe 1]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-138">Nr. 170: «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName>, Strophen 1–2 (RG 801).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16">Joh. 16</ref></item>
                    </list>
                </div>
            </div>
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</TEI>
