26. Februar 1911

Predigt: Matthäus 5,5

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Matthäus 5,5
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Meine Freunde!

Wer sind die «Sanftmütigen», von denen Jesus hier redet, und in was besteht die Sanftmut, die er selig preist? In der Sprache, die Jesus redete, hatte das Wort, das er da braucht, einen ganz bestimmten Sinn, und beim Anhören wussten die Leute gleich, wovon die Rede war. Wir sind nicht ganz so einfach daran. Wir bezeichnen Alles Mögliche mit «sanftmütig» und «Sanftmut», was mit dem Sinn des Wortes Jesu gar nichts zu tun hat. Und wenn wir ihn verstehen wollen, müssen wir darum zuerst einen Schacht graben, um uns über seinen Sinn klar zu werden. Ich will zwei Arten von sogenannter Sanftmut nennen, die mit der Sanftmut, die Jesus selig preist, nichts zu tun haben. – |

Die eine besteht darin, dass man einen sanften Charakter hat, wie man wohl zu sagen pflegt. Man versteht darunter die Art und das Benehmen eines Menschen, der von Natur kein starkes oder gar kein Selbstbewusstsein hat, der sich nie oder selten eine eigene Meinung erlaubt, der überall nachgibt und in Alles sich zu fügen weiß. Verdient ein solcher Mensch, selig gepriesen zu werden? Ja oder Nein. Es kann sein, dass sich mit seiner natürlichen Sanftmut die Sanftmut, die Jesus meint, verbunden hat. Dann Ja. Dann ist er selig zu preisen. Es kann aber auch sein, dass er bei aller Unselbständigkeit und Nachgiebigkeit seines Wesens von der Sanftmut Jesu keine Ahnung hat. Dann Nein. Es kann dann umgekehrt sein, dass ein von Natur selbstbewusster und trotziger Mensch der Seligkeit Jesu näher steht als jener. Ein solcher «sanfter Charakter» ist zunächst eine Naturanlage wie eine andere. Ob der betreffende Mensch deshalb gerade selig zu nennen ist, kommt darauf an, was er damit macht. Denn wenn Jesus diese und jene Menschen wegen bestimmter Eigenschaften selig preist, dann meint er nicht ihre Naturanlagen, sondern etwas Erworbenes und Erkämpftes, etwas, was ihnen in den Erfahrungen des Lebens geworden und ge|72schenkt worden ist. In diesem ersten Fall von Sanftmut ist es also eine Frage, ob sie mit der Sanftmut, die Jesus meint, etwas zu tun hat. Und wenn wir zu den von Natur sanften Charakteren gehören, wollen wir uns diese Frage bei dem Anlass ans Gewissen legen. – |

Im zweiten Fall von sogenannter Sanftmut haben wir es nicht mit einer Frage zu tun, sondern es ist ohne Weiteres klar, dass sie das Gegenteil ist von der Sanftmut Jesu und der Seligkeit, die er ihr zuschreibt. Hier haben wir es mit denen zu tun, die nicht von Natur sanft sind, die sich aber so geben, als wären sie es. Da entsteht dann das Bild, das Molière in seinem Tartuffe entworfen hat, das Bild des Menschen, der aus lauter Sanftmut nicht in Stiefeln, sondern in Filzpantoffeln geht, der nie eine Tür zuschlägt, der nicht redet, sondern lispelt.1 Und wer die Schriften von Charles Dickens kennt, wird sich an die berühmte Gestalt des Uriah Heep erinnern, dieses Schlaumeiers, der sich sein Leben lang innerlich und äußerlich verrenkt, um als recht sanft und bescheiden zu erscheinen.2 Das ist ja sicher: solche Sanftmutskünstler kommen oft im Leben erstaunlich vorwärts, und der Erfolg ihres Kriechens und Duckmäuserns könnte einem vorkommen wie eine üble Karikatur auf die Verheißung unsres Textes: sie werden das Erdreich besitzen. Aber ich denke, wir werden sie weder um ihre Sanftmut noch um die dadurch erworbene angebliche Seligkeit beneiden. Die Eine ist so verächtlich wie die Andere, ganz abgesehen davon, dass solche Leute mit Beidem schließlich das kläglichste Fiasko zu erleben pflegen. Jedenfalls wird Niemand auf den Gedanken kommen, dass Jesus uns mit seiner Seligpreisung der Sanftmut die sanftmütige Rückgratlosigkeit und Anpassungsgewandtheit eines Tartuffe oder eines Uriah Heep habe empfehlen wollen, so wenig das |73 Wort: «Selig sind, die da geistlich arm sind» eine Empfehlung der Borniertheit und der sittlichen Grundsatzlosigkeit bedeutet.

*   *   *

Wir müssen uns also klar machen, dass Jesus weder eine selbstverständliche noch eine gemachte Sanftmut selig gepriesen hat, sondern einen Zustand, zu dem der Mensch durch die Erfahrungen des Lebens erzogen worden ist, zu dem er sich hat erziehen lassen. Jesus ist weder ein Verehrer des Natürlichen noch des Unnatürlichen gewesen, wohl aber macht er uns aufmerksam auf das Wirken Gottes im wirklichen Leben, in dem, was tatsächlich geschieht, in den notwendigen Erfahrungen und Entwicklungen, die wir mit unsern natürlichen Anlagen, mit unsern Wünschen und Befürchtungen, mit unsern Bestrebungen und Hinderungen durchzumachen haben. Er sieht Menschen, die geistlich arm sind, die wenig besitzen an innerem Leben, an sichtbarer Gerechtigkeit vor Gott und den Andern, und er preist sie selig. Er meint damit nicht die natürliche Teilnahmlosigkeit allem Höhern, Geistigen gegenüber, und er meint damit nicht, dass man sich, um ein seliger Mensch zu sein, künstlich auf einen derartigen Zustand zurückschrauben müsse, sondern er verheißt den geistlich Armen das Himmelreich, weil er auch in der innern Armut unzähliger Menschen Gottes erziehende Kraft wirksam sieht und weil er den Andern, den Reichen und Gerechten sagen will, dass das Bewusstsein solcher Armut auch für sie zur Erziehung für das Himmelreich unumgänglich nötig ist. Wir haben nun die erste Klasse dieser geistlich Armen kennen gelernt in denen, die Leid tragen. Auch da besteht die Seligkeit, die Jesus ihnen zuspricht, nicht schon in ihrem natürlichen Schmerz, und erst recht meint er nicht, dass sie in allerlei künstlich zu Stande gebrachten Schmerzempfindungen zu suchen sei. Wohl aber preist er sie selig, weil er im natürlichen Leid des wirklichen Lebens Gottes väterliche Güte wirksam sieht, und sie sind selig, sie haben den Trost Gottes im Leid, indem sie die Wirksamkeit Gottes anerkennen und ergreifen, indem sie Gottes Willen zu ihrem Willen machen, also indem sie sich erziehen lassen. Gerade so steht es nun mit der zweiten Klasse von geistlich Armen, die uns heute beschäftigt, mit den Sanftmütigen.

74Auch das sind Leute, denen durch den Kampf und die Niederlagen des Lebens etwas ganz oder teilweise abhanden gekommen ist, nämlich das Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein ist das durchaus schöne und rechtmäßige Gefühl des Wertes der eigenen Person. Wenn ein Mensch anfängt, das Leben ernst zu nehmen durch Beherrschung seiner eigenen Natur, durch die Arbeit, durch sein Eingreifen in das Leben der Menschen, dann besteht gerade dies Ernstnehmen darin, dass er selbstbewusst wird. Er hört auf, gelebt zu werden, sondern er lebt, er hört auf, sich schieben zu lassen, sondern er schiebt. Er entdeckt bei dieser Entwicklung zum sittlichen Wesen sich selbst, seine Menschenpflicht, sein Menschenrecht, eben damit aber auch seine Menschenwürde, seinen Wert. Dieses moralische Selbstbewusstsein muss sich dann nach zwei Seiten zeigen: Erstens, wir werden sicher und unabhängig gegenüber dem Urteil und der Stellung der andern Menschen über uns und zu uns. Wenn sie uns geringschätzen oder ablehnen oder ignorieren, dann darf und soll ein selbstbewusster Mensch denken: Umso schlimmer für sie. Mein inneres Leben ist meine Burg. Was ich vor mir selbst wert bin, das vermögen sie nicht anzugreifen. Sie nagen bloß an der Schale. Und zweitens wird sich das berechtigte moralische Selbstbewusstsein äußern in der Art unsres Wirkens, unsres Auftretens, Redens und Handelns unter den Menschen. Einem Menschen, der im sittlichen Kampf selbstbewusst geworden ist, wird man das ohne Weiteres anspüren. Er weiß, dass er etwas in die Waagschale zu werfen hat, dass sein Wort und seine Tat nicht Nullen sind, sondern Faktoren von bestimmter Kraft und bestimmter Geltung im Leben. Und es haben von dieser Seite die Energie des Willens und das Verantwortlichkeitsgefühl ihre Quelle im Selbstbewusstsein. Es ist somit gar nicht zu leugnen, dass das Bewusstsein des Wertes und der Geltung der eigenen Person bei der Bildung unsres Lebens, bei der Bildung für das Himmelreich für Gott eine wichtige und notwendige Rolle spielt. Wer noch nie in diesem Sinn selbstbewusst geworden ist, der ist noch nicht aus dem Schlaf erwacht, der hat noch nicht begonnen, persönlich zu leben. Auch Jesus ist durchaus der Meinung gewesen, dass der Mensch zu diesem Selbstbewusstsein erzogen werden müsse. Und wenn irgend einer die Züge eines starken Selbstbewusstseins im geschilderten Sinn getragen hat, so war es Jesus selbst.

75Und nun sagt er trotzdem: Selig sind die Sanftmütigen! Und er meint damit unzweifelhaft: Selig sind die, deren Selbstbewusstsein bedroht, erschüttert, vielleicht fast abhanden gekommen ist. Ich verstehe dies Wort so: Das Selbstbewusstsein, so notwendig es ist, ist nicht der höchste Punkt der Entwicklung unsres innern Lebens. Sind wir auf dem Punkte Selbstbewusstsein angelangt, wie wir ihn eben geschildert, dann geht es von da aus nicht einfach in grader Linie weiter zu immer höherem und reicherem Selbstbewusstsein, sondern, wenn es überhaupt vorwärts geht mit uns, dann macht unser Weg jetzt eine ziemliche scharfe Ecke. Auf dieser neuen Strecke Weges sind die Sanftmütigen auf der Wanderung. Das sind also Menschen, die sehr wohl wissen, was Selbstbewusstsein ist, aber sie sind von da aus weiter geführt worden. Sanftmütig heißt nicht schlapp, nicht weichlich, nicht indolent sein, heißt nicht einen Wachs- oder Teigcharakter haben, im Gegenteil: die wirklich Sanftmütigen sind vielleicht auf einer höhern Stufe des Selbstbewusstseins gestanden als mancher, der meint, er sei von Erz und Eisen, aber dann ist ihr Weg nicht geradeaus gegangen, sondern er hat jene Biegung oder Brechung gemacht, und nun ist allerdings das Selbstbewusstsein nicht mehr das Höchste in ihrem Leben. Sondern das Höchste in ihrem Leben ist nun eine Ehrfurcht, wenn wir es einmal allgemein ausdrücken wollen. Ich bin ehrfürchtig, wenn ich etwas Größeres anerkenne und mich ihm unterordne, als ich selbst bin. Wenn eine Macht in mein Bewusstsein tritt, die stärker ist als die Macht meines Selbst. Wir reden noch nicht davon, ob solche Ehrfurcht etwas Gutes und Nötiges ist, ob das Beste in unserm Leben vielleicht erst nach dieser Biegung des Weges kommt. Jesus ist dieser Meinung gewesen. Wir stellen jedenfalls einmal fest: die Ehrfurcht liegt jenseits des Selbstbewusstseins, um zur Ehrfurcht zu gelangen, müssen wir hinaus über das Selbstbewusstsein, müssen wir «geistlich arm» werden, wie es zuerst hieß, diesmal gerade an diesem Punkt, an unserm schönen und rechtmäßigen Selbstbewusstsein. Dieses Armwerden ist die Sanftmut, von der Jesus redet. Wir wollen zunächst einfach einmal zusehen, wie das zugeht.

Auch der selbstbewussteste Mensch macht in seinem Leben Momente durch, in denen jenes berechtigte Gefühl seines eigenen Wertes bedroht wird. Es kommen ihm Gedanken, er macht mit sich oder Andern Erfahrungen, die geeignet sind, ihm diesen seinen Wert zwei|76felhaft erscheinen zu lassen. Er hat nun ganz Recht, wenn er sich gegen diese Bedrohung zur Wehr setzt, indem er sich so oder so in seinem Selbstbewusstsein zu behaupten sucht. Entweder indem er sich klar macht, dass die Bedrohung nur scheinbar ist, z. B. dass die Vorwürfe, die er sich selbst [macht] oder die Andern ihm machen, im Grunde nicht zutreffen, dass sie nur die Schale, nicht den Kern seines Wesens berühren, oder dass die Erinnerung an früher begangene Fehler ihn nicht zu stören braucht, indem er unterdessen innerlich weiter gekommen ist und sie nicht mehr begehen würde. In solchen Fällen kann sein Selbstbewusstsein unerschüttert und ungebrochen bleiben, weil es der Bedrohung tatsächlich überlegen ist. Aber es ist trotzdem Niemandem zu raten, bei solchen Bedrohungen sein Selbstbewusstsein à tout prix durchsetzen zu wollen. Denn es gibt andere Fälle, in denen das Selbstbewusstsein à tout prix einfach zur Lüge würde. Das sind die Fälle, wo umgekehrt die Bedrohung unserm Selbstbewusstsein tatsächlich überlegen ist, wo es uns tatsächlich ans Lebendige geht. Es gilt, diese Fälle als solche klar ins Auge zu fassen. Es liegt hier für uns Alle eine gefährliche Klippe. Wenn wir in solchen Fällen uns einfach flott und froh hinstellen: Ich bin sicher und ich bleibe sicher! Ich habe Recht und ich behalte Recht!, dann laufen wir in eine Sackgasse, wir kommen in Konflikt mit dem wahren Bestand unsres Selbstbewusstseins, wir werden borniert in unserm Gedankenleben und setzköpfig3 in unserm Willen, auf alle Fälle unterbinden wir damit die Bewegung unsres innern Lebens. |

Es gibt also Bedrohungen unsres Selbstbewusstseins, und vielleicht sind sie viel zahlreicher, als wir so denken, die wir nicht abschütteln dürfen, sondern wo es das einzig Richtige ist, sich dadurch erschüttern und brechen und geistlich arm machen zu lassen. Wir erinnern uns Alle an gewisse Situationen unsres Lebens, wo wir in unglaublicher Weise schief gedacht und gehandelt haben. Es geht uns noch jetzt so, dass wir die Fäuste ballen möchten gegen uns selber, wenn wir daran denken. Es sind vielleicht viele Jahre darüber verstrichen, und doch steht uns unsre Dummheit oder unser Unrecht von damals noch jetzt zum Greifen lebendig vor Augen. Ja, was ist denn das Aufregende an solchen Erinnerungen? Wäre es einfach eine Erinnerung an |77 Kinderstreiche, über die wir jetzt hinaus sind, dann würden wir schwerlich noch jetzt die Faust machen, obwohl Erinnerungen darunter sein können, die bis in die Kinderzeit hinaufgehen. Das Aufregende besteht aber darin, dass wir spüren, dass wir unter gleichen Umständen möglicherweise wieder ganz gleich handeln und denken würden. Dieselben Triebe und Schwachheiten, die uns damals irregeführt, fühlen wir noch jetzt in uns lebendig. Es mag über unsern einstigen Fehler äußerlich längst Gras gewachsen sein, in Wirklichkeit ist er noch da, ist er noch lebendig, wir sind noch nicht über ihn hinaus. Können wir angesichts solcher Tatsachen, die im Leben von Keinem von uns ganz fehlen, einfach fortfahren mit einer Handbewegung zu sagen: «Mein Haus ist meine Burg.4 Ich weiß, was ich wert bin»? Oder sind solche Tatsachen nicht eine ernsthafte und überlegene Bedrohung unsres Selbstbewusstseins, des Gefühls unsres eigenen Wertes? Ist ein reduziertes, gebrochenes Selbstbewusstsein in diesem Fall nicht besser als ein intaktes, ungebrochenes? – |

Die andere Art, sich gegen die Bedrohungen unsres Selbstbewusstseins zur Wehr zu setzen, ist zunächst ebenfalls durchaus rechtmäßig, ja, notwendig. Wir anerkennen dann, dass tatsächlich eine Bedrohung vorliegt, dass wir es mit einem überlegenen Angreifer zu tun haben. Aber wir versuchen es, ihm zu begegnen. Wir verstärken unsre Mauern und Schanzen, wir suchen unser Selbstbewusstsein zu vertiefen und zu bereichern, den Wert unsrer Persönlichkeit zu erhöhen durch ernste Arbeit an uns selbst, an unserm Charakter, unsrer Erkenntnis, unserm Willen, unsern Fähigkeiten. Und so antworten wir auf die Anfechtungen von innen und von außen mit der Tat. Das ist schon besser und in einer ungeheuren Anzahl von Fällen ist es zunächst das Einzige, was zu empfehlen ist. In der Konkurrenz des materiellen und geistigen Lebens, die unser Selbstbewusstsein erdrücken will, heißt das probate Mittel: Schaffen, sich nicht unterkriegen lassen. Und in den Konflikten des innern Lebens, wenn wir vor unsern eigenen Niederlagen stehen, heißt es: sich auf die Wache stellen, Halt, Wer da! rufen, sich wehren, unter Umständen auch davonlaufen und Hilfe |78 holen, auf alle Fälle: etwas tun. Wer vor drei Wochen den Studentenapostel John Mott gehört hat, wird sich erinnern, dass diese Gedanken wie ein kräftiger Zugwind durch alle seine Vorträge gingen.5 Die Amerikaner sind uns überhaupt nach dieser aktiven, willensmäßigen Seite des innern Lebens weit voran. Aber ich glaube doch nicht, dass damit das letzte Wort gesprochen ist, dass ich mir sage: ich will wollen. Denn wenn dieses Wollen nicht vorzeitig zur Ruhe kommt in der Sackgasse, die wir vorhin geschildert, nämlich auf einem Punkt, wo wir uns à tout prix sagen: Ich habe Recht und behalte Recht, dann kommen wir auch mit ihm an eine Grenze, wo wir unser Selbstbewusstsein trotz Allem nicht aufrechterhalten können. Ich denke an die zahllosen Fälle, wo wir trotz all unsrer Anstrengungen nicht leisten können, was wir leisten sollen und wollen. Jeder Mensch hat seine bestimmten Schranken, an die er früher oder später einmal anrennt, wo er merken muss: Ich komme nicht hinüber, Schranken seines Verstandes, seiner Handlungskraft, seiner Fähigkeiten, ebendarum aber auch Schranken seines Wertes, seiner Persönlichkeit. Und er muss nach außen, im Verkehr mit den Andern erfahren: Ich kann mich nicht durchsetzen, wie es mein Selbstbewusstsein erforderte. Andere sind mir voran, Andere sind tonangebender als ich, es kommt nicht so sehr viel darauf an, ob ich mein Gewicht in diese oder jene Waagschale werfe. Ich sage, an solche Grenzpunkte unsres Wollens kommen wir früher oder später Alle, und wenn jetzt die Behauptung des Selbstbewusstseins durch den Willen das letzte Wort wäre, dann ist das Ende die Resignation oder die Verzweiflung. Es ist aber nicht das letzte Wort.

Es gibt den Niederlagen des Selbstbewusstseins gegenüber eine Haltung, die ist weder ein kraftloses Aufgeben seiner persönlichen Würde, noch eine kurzsichtige Einbildung, weder Untätigkeit noch eine nach vergeblichem Ringen eintretende Resignation. Diese Haltung besteht darin, dass wir uns eingestehen: mein Selbstbewusstsein ist gestört, der Wert meiner Persönlichkeit ist in Frage gestellt, ich habe eine Niederlage erlitten. In diesem Eingeständnis liegt nun die Anerkennung einer Macht, die uns überlegen ist, hier kann die Ehrfurcht anfangen. Und zwar ist das nicht etwa die Ehrfurcht vor dem |79 Widrigen und Bösen, dem wir erlegen sind. Sondern es ist die Macht des Guten, mit der unser Selbstbewusstsein da zusammengestoßen ist. Es war uns eine Aufgabe gestellt, eine Frage vorgelegt; wir unternahmen es mit Selbstbewusstsein, sie zu lösen, da rannten wir uns den Kopf blutig. Wir mussten einsehen, dass das Gute, das von uns gefordert ist, größer ist als das, was wir leisten können. Solange wir diese Einsicht nicht gewonnen haben, kann von Ehrfurcht in uns keine Rede sein. Solange wir bei einem Menschen nicht gespürt, vielleicht unangenehm gespürt haben, dass er uns überlegen ist, haben wir keine Ehrfurcht vor ihm. Gerade so stehen wir zu Gott. Wir müssen in den Niederlagen und Enttäuschungen unsres innern Lebens merken, dass er uns überlegen ist, dass er mehr von uns fordert, als wir aufbringen können, dann fangen wir an, ihn zu respektieren, vorher steht uns dazu im Grunde unser eigenes, berechtigtes Selbstbewusstsein in der Sonne.6 Ich glaube sogar: der Glaube an Gott, die Erkenntnis Gottes fängt überhaupt erst an auf dem Punkt, wo wir durch die Niederlagen unsres Selbstbewusstseins um jene Ecke geführt werden. Vorher mag uns der Gedanke an Gott gleichsam als Ziel unsres Strebens vorangeleuchtet und den Weg gewiesen haben. Wenn unser Streben eine Störung, einen Bruch erfahren hat, dann werden wir gewahr, dass Gott eine Macht, eine Kraft ist, und zwar eine Macht, die unsrer Macht gewaltig, unendlich überlegen ist. Dann fangen wir an, dankbar und empfänglich zu werden für die Gewissheit, dass wir trotz unsrer Fehler und Unvollkommenheiten zu Gott gehören dürfen. Dann bekommt aber auch unser moralisches Selbstbewusstsein erst den tiefen, nachhaltigen, unermüdlichen Ernst, der es verhindert, sich selbst aufzugeben oder sich über sich selbst zu täuschen, untätig zu werden oder gegenüber den Aufgaben, die über unsre Kraft gehen, zu verzweifeln. Es hat deshalb seinen tiefen Sinn, dass die Gottesdienste besonders in unsern reformierten Kirchen seit den Tagen der Reformation eröffnet werden mit dem Bekenntnis, dass wir leider viel gesündigt haben.7 Wenn wir das eingesehen haben, dass unser morali|80sches Selbstbewusstsein gestört und gebrochen ist, dann sind wir in der Lage, Gottes Liebe einzusehen und zu ergreifen. Diese beschämende und niederdrückende Einsicht unsrer Schranken, unsrer Niederlagen, die den Keim der Ehrfurcht vor der Größe Gottes in sich trägt, ist die Sanftmut, von der Jesus redet. Wir sehen, wie weit sie entfernt ist von der natürlichen und der künstlichen Sanftmut, an die wir beim Klange dieses Wortes zu denken gewöhnt sind. Wir ahnen jetzt aber auch, wie Jesus dazu kommt, die Sanftmut, die Störung des Selbstbewusstseins selig zu preisen.

Um von der Ahnung zur Gewissheit zu kommen, müssen wir dem zweiten Teil seines Wortes näher treten. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Das weckt nun zunächst wieder eine Menge Fragen in uns auf. Dass die Sanftmut, die Erkenntnis der Schranken und Niederlagen unsres Selbstbewusstseins, die notwendige Vorbereitung ist fürs Himmelreich, das lassen wir uns vielleicht sagen. Dass wir ohne sie mit Gott nicht ins Reine kommen, das sehen wir ein. Dass es in unserm innern Leben um diese Ecke gehen muss, wenn es vorwärts gehen soll, das haben wir vielleicht an uns selbst schon erfahren. Aber nun hören wir ausdrücklich, dass die Sanftmütigen nicht nur auf dem rechten und notwendigen Weg zu Gott, sondern auf dem Weg zur Macht in der Welt, im äußern, sichtbaren Leben seien. Das kehrt uns wieder einmal alle unsre Begriffe um. Wir sind gewohnt, aufs Säuberlichste zu unterscheiden zwischen Gott und der Welt, zwischen Innerm und Äußerm, zwischen Himmelreich und Erdreich. Was uns hier recht ist, ist uns dort gar nicht ohne Weiteres billig. Es hat mir letzthin ein junger Mann mit verdankenswerter Offenheit gesagt: «Wenn man in Genf zu leben hat, geht’s nicht so direkt in den Himmel, als Sie meinen.» Und so denken wir wohl auch umgekehrt: Wenn man direkt in den Himmel will, kann man nicht in Genf leben. Wenn man Ernst machen will mit dem gebrochenen Selbstbewusstsein, dann wird man auf alle Fälle nicht das Erdreich besitzen, man wird dann nicht einmal gute Geschäfte machen und bei den Menschen etwas gelten. Sondern die etwas gel|81ten und sich durchsetzen, die gute Geschäfte machen, die das Erdreich erwerben und besitzen, das sind die ungebrochen Selbstbewussten, die, sei’s aus Naivetät8, sei’s aus Einbildung, durch dick und dünn gehen und nicht rechts noch links sehen in der Gewissheit: Ich bin der Mann, der Alles kann. Das scheint nun Alles zunächst ganz richtig zu sein und der tatsächlichen Erfahrung des Lebens zu entsprechen. Die Sichern, die Selbstbewussten, die mit den Scheuklappen sind es, die im Leben, auf den Gewässern des Erdreichs obenauf schwimmen wie die Fettaugen auf der Suppe. Sie führen das große Wort überall, wo sie hinkommen, sie sitzen in allen Behörden, sie verstehen Alles und machen Alles, sie sind die Stützen der Gesellschaft. Großartig, beneidenswert, nicht wahr? Man mag ja wohl einwenden, dass sie ein wenig borniert seien in Bezug auf sich selbst und ihre Qualitäten, aber offenbar steht’s eben so, dass ein wenig von dieser Borniertheit, die das Gegenteil von der Sanftmut ist, unentbehrlich ist, wenn es darauf ankommt, das Erdreich zu besitzen, sich im Leben zu behaupten und durchzusetzen. Die Sanftmut mag gut sein fürs Himmelreich, für das innere Leben, fürs Erdreich ist Borniertheit und Setzköpfigkeit empfehlenswerter. Jesus hat dann eben an diesem Punkt Unrecht, er hat da über etwas geredet, was nicht zu seiner Kompetenz gehörte.

Wirklich? Ja, was heißt denn das Erdreich besitzen, wenn wir der Sache auf den Grund gehen? Ganz richtig verstehen wir darunter das, dass man sich behaupte und durchsetze in diesem gegenwärtigen, sichtbaren, wirklichen Leben. Es handelt sich um die Frage, wer in diesem Leben die eigentlich Mächtigen sind. Sind das die Selbstbewussten à tout prix oder die mit dem erschütterten Selbstbewusstsein? Wir haben allerlei gesehen, was für das Erstere zu sprechen schien, und doch ist es nicht richtig. Die eigentlich Starken, die Sieger im Leben sind die Andern. In Italien sind zwei berühmte Türme, die jedem Kunstfreund bekannt sind, beide viele Jahrhunderte alt: der Campanile in Venedig und der Turm von Pisa. Beide wurden errichtet auf einem gefährlichen, weil unsoliden und nachgiebigen Terrain. Das zeigte sich schon in alter Zeit bei dem Turm von Pisa. Er hat sich auf der einen Seite gesenkt, bis er im Boden auf Widerstand stieß. Er |82 ist seitdem als der schiefe Turm berühmt geworden. Aber obwohl er schief ist, oder vielmehr weil er schief geworden ist, steht er jetzt, und es erwartet kein Mensch seinen Einsturz, denn er hat durch das Schiefwerden sein Fundament gefunden. Während alledem ist der Turm auf der Lagune von Venedig durch all die Jahrhunderte kerzengerade dagestanden, obwohl sein Terrain nicht besser, sondern schlechter war. Da bekam er vor einigen Jahren plötzlich Risse und Sprünge, und es war kein Halten, in kurzer Zeit kam die Katastrophe, er fiel zusammen.9 Wem wollen wir gleichen, dem Turm von Pisa oder dem Turm von Venedig? Auf bedenklichem Terrain stehen wir Alle, unser Selbstbewusstsein ist bedroht durch unsre lebendig wirksamen Fehler, durch die Schranken unsrer Persönlichkeit, durch die Überlegenheit Anderer. Wer ist nun der Stärkere, wer hat die größere Kraft für die Sorgen und Aufgaben des Lebens, der, dessen Selbst gebrochen ist und der eben damit sein Fundament gefunden hat, die Ehrfurcht vor einer Macht, die größer ist als er, oder der Andre, der flott und froh immer recht hat, der Alles weiß und Alles kann? Wir wissen es, die Sicherheit des Letztern ist ein Schein, während die Unsicherheit des Erstern in Wirklichkeit Sicherheit ist. Der Letztere10 scheint das Erdreich zu besitzen, zu gelten im Leben, es zu etwas zu bringen, beim Erstern ist es Wahrheit. Der Letztere scheint zu stehen, solange er nicht gefallen ist, der Erstere steht, nachdem er gesunken ist. |

Ich will ein banales Beispiel nennen: Zwei Geschäftsleute stehen vor dem notwendigen Fallit. Der Eine sagt sich: mein Selbstbewusstsein verbietet mir, es zum Fallit meines Hauses kommen zu lassen, und darum wendet er an erlaubten und unerlaubten Mitteln an, was er anwenden kann, um den Stand der Dinge zu verschleiern, solange als möglich. Der Zweite geht, sobald er einmal gesehen hat, wie die Sache steht, aufs Stadthaus und meldet Konkurs an. Mit dieser Anerkennung seiner Niederlage erreicht er es, dass er auf einer solideren |83 Grundlage neu anfangen kann und dass er mit seiner neuen Arbeit dem Andern um so viel Monate oder Jahre voran ist, als der unterdessen sein Selbstbewusstsein und seine Firma scheinbar noch behauptet. Es mag aber sein, dass dieses Beispiel zu sehr nach Geschäftsklugheit riecht, mit der wir die Verheißung Jesu sicher nicht vermengen wollen. Wir wollen darum höher steigen. Ist es dir noch nie so gegangen: du warst mit einem Menschen in Meinungsverschiedenheit. Ihr habt Beide aufs Lebhafteste und Gewandteste euren Standpunkt verteidigt. Da gibt plötzlich der Andre nach. Er sagt zu dir: ich habe mich geirrt, ich sehe, dass ich das und das nicht halten kann, ich bitte um Verzeihung. Ist es dir da nicht fast unangenehm durch alle Nerven gelaufen: jetzt ist er der Stärkere, jetzt hat er etwas vor mir voraus? Sind dir da nicht plötzlich deine eigenen Gründe und Argumente etwas fadenscheinig vorgekommen? Hattest du da nicht das Gefühl, dass du trotz deinem Recht Unrecht habest? Woher kommt das? Der Andre hat die geheimnisvolle Kraft der bewussten Niederlage für sich. Sein Turm hat sich gesenkt, aber jetzt steht er. Ich denke weiter daran, wie es im geistigen Leben zuzugehen pflegt. Da mag’s oft genug auch so aussehen, als ob die Selbstbewussten, die auf alle Fragen eine fix und fertige Antwort11 haben, die, denen man es anspürt, dass sie nicht mehr lernen, sondern nur noch lehren wollen, und die darum tatsächlich das große Wort führen, als ob die die eigentlichen Besitzer des Erdreichs, die Führer und Helden des Geisteslebens seien. In den religiösen Fragen, in der Erziehung, in der Literatur mag es oft genug so aussehen, als ob die Korkstöpsel, die obenauf schwimmen, zugleich die Magnetnadeln des Guten und des Fortschritts seien. Neben ihnen sind Andere, die treten nicht so sicher auf, die wissen nicht auf Alles zu antworten, die machen wohl auf Manche den Eindruck der Charakterlosigkeit, weil sie immer nur zu fragen, zu suchen, zu lernen scheinen. Woher kommt es? Sie haben ihre Grenzen kennengelernt, sie sind die Wege der verschiedenen möglichen Ideen und Richtungen zu Ende gegangen und haben gesehen, dass es da mehr Sackgassen und Labyrinthe gibt, als die oberflächliche Sicherheit der Andern meint. Sie sind dadurch zurückgedrängt auf ein verhältnismäßig kleines Gebiet von geistiger Sicherheit |84 und eignen sich deshalb schwerlich zu Wortführern und Rufern im Streit. Aber wo ist die tatsächliche Lebensmacht, was wird sich schließlich in der Entwicklung durchsetzen: die große Gewissheit der Selbstbewussten oder die kleine Gewissheit derer, die ihre Schranken kennengelernt haben? – |

Es ist gerade in den letzten Jahren oft darauf hingewiesen worden, dass der Calvinismus im Gegensatz zu dem weltfremden Luthertum und vollends zum Katholizismus sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert als eine Macht von außerordentlicher Weltbeherrschungs- und Weltüberwindungskraft erwiesen hat.12 Aus dem Calvinismus sind Politiker von der weltmännischen Energie und Umsicht eines Wilhelm von Oranien13, eines Oliver Cromwell14 und Männer der exakten zuverlässigen Wissenschaft wie Immanuel Kant15 hervorgegangen. Aus der Schule der Schüler Calvins kamen die Pioniere europäischer |85 Zivilisation in Nordamerika und die Begründer des modernen Handels am Rhein und in Holland. Wir machen heute Calvin gern den Vorwurf, durch seine Lehre von der Unfreiheit des Willens, von der absoluten Alleinwirksamkeit Gottes sei das Selbstbewusstsein und die Lebenskraft des Menschen erniedrigt und erdrückt worden. Wie reimen sich nun diese Lehren mit den angeführten Tatsachen? Besteht hier ein Zusammenhang oder nicht? Ist der Calvinismus trotz der Prädestinationslehre eine Kulturmacht ersten Ranges geworden oder wegen der Prädestinationslehre? Ich meine nicht trotz, sondern wegen!16 Denn indem diese Menschen es furchtlos zu Ende dachten, dass der Mensch gar nichts sei, gar nichts könne und wisse, was bleibenden Wert habe, trat, wie wir’s heute geschildert haben, in ihre Herzen, in ihre Köpfe, in ihre Gewissen die Ehrfurcht: Gott ist Alles. Dieser Gott aber ist der Gott der Wahrheit, des Rechts und der Arbeit. Es gibt heute wie damals keine größere Kulturmacht und Weltmacht als Menschen, die in der Gewissheit leben, dass Gott Alles ist. Und zu dieser Gewissheit kommen wir, wenn wir um die Ecke unsres Weges gehen, wo das Selbstbewusstsein zurückbleibt.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Ich glaube, es ist wichtig, dass Jesus hier gerade vom Erdreich redet. Gewiss werden sie auch das Himmelreich besitzen. Aber das Himmelreich und das Erdreich sind nach der Meinung Jesu nur die zwei Seiten derselben Sache, nämlich des Reiches Gottes in den Menschen und bei den Menschen. Hätte er hier gesagt: sie werden das Himmelreich besitzen, so würden wir ihn und die Sanftmut, die er selig preist, vielleicht nicht recht ernst nehmen. Denn unser Selbstbewusstsein, das in der Sanftmut zur Ehrfurcht werden soll, hat es zunächst mit dem Erdreich zu tun, mit diesem wirklichen sichtbaren Leben, mit unsern Wünschen und Anliegen, mit unserm Verkehr mit Andern hier in diesem Leben. Und nun stellt uns Jesus vor die Tatsache, dass die Sanftmut die wahre Macht gerade in diesem Leben ist. Er will aber auch damit nichts Anderes, als uns in eindringlichster Weise auf den Weg zu Gott stellen.

86Diesen Weg oder diese Wegstrecke gehen wir dann, wenn wir verstehen lernen, was das heißt: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir [Ps. 130,1]!17

Amen.
Lieder:
  • Nr. 159: «Fahre fort» von J. E. Schmidt, Strophen 1–3 und 4–6. 🎵
  • Nr. 296: «Hinab geht Christi Weg» von A. Ingolstetter, Strophen 1–2. 🎵
Lesungstext:
  • Ps. 130

Sachfußnoten

1
«Der Tartuffe oder Der Betrüger» («Tartuffe ou L’imposteur») ist eine Komödie Molières, die in ihrer endgültigen Form 1669 in Paris uraufgeführt wurde; in der Figur des frömmelnden, betrügerischen Tartuffe wird in ihr religiöse Heuchlerei angeprangert, die nur der Durchsetzung eigener Interessen dient.↩
2
In Ch. Dickens, David Copperfield or The Personal History, Adventures, Experience and Observation of David Copperfield the Younger of Blunderstone Rookery, London 1849/50 📖, ist Uriah Heep der heuchelnde, intrigante und betrügerische Angestellte in der Anwaltskanzlei von David Copperfields Mentor.↩
3
Oberdeutsch für: starrköpfig.↩
4
Englisches Sprichwort: «My home is my castle.» Es geht zurück auf Edward Cooke (1572–1634), der einen alten, auch im deutschen Recht enthaltenen Grundsatz so formulierte; vgl. Büchmann, S. 270 📖.↩
5
Vgl. oben, S. 40, Anm. 7.↩
6
Wohl eine Anspielung auf Diogenes von Sinope (ca. 405 – ca. 320 v. Chr.). Nach Plutarch, Alexandros 14 📖, antwortete er Alexander dem Großen, der ihm einen Wunsch erfüllen wollte, lediglich mit der Bitte, er möge ihm aus der Sonne gehen; vgl. Büchmann, S. 378 📖.↩
7
Vgl. etwa J. Calvin, La Forme des prières ecclésiastiques (1542), CR 34, Sp. 173–184, dort Sp. 173f. 📖 (auch in : Calvin Studienausgabe, hrsg. von E. Busch u. a., Bd. 2: Gestaltung und Ordnung der Kirche, Neukirchen-Vluyn 1997, S. 160/161–180/181, dort S. 162/163 📖).↩
8
Ältere Form von: Naivität.↩
9
Der Campanile di San Marco war 1902 während notwendig gewordener Restaurierungsarbeiten eingestürzt, wurde seit 1903 in alter Gestalt wiederaufgebaut und am 25. April 1912 wieder eröffnet.↩
10
In Barths Manuskript steht in diesem und im folgenden Satz statt «Letztere» jeweils «Erstere» und umgekehrt, was im Kontext sinnentstellend und wohl auf ein Versehen zurückzuführen ist.↩
11
Mskr.: «Antworten»; von den Hrsg. korrigiert.↩
12
Vgl. etwa folgende wegweisende Arbeiten, von denen die wissenschaftliche Diskussion auf Jahrzehnte hinaus beeinflusst werden sollte: W. Sombart, Der moderne Kapitalismus, Leipzig 1902 📖; M. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Jg. 20 (1904), S. 1–54 / Jg. 21 (1905), S. 1–110 📖 (umgearbeitete Fassung in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1920, S. 17–206 📖; kommentierte Neuausgabe: ders., Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vollständige Ausgabe, hrsg. und eingeleitet von D. Kaesler, München 20103 📖).↩
13
Wilhelm von Oranien (1533–1584) trat 1573 zum Calvinismus über und war als Heerführer im niederländischen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien einer der Mitbegründer der staatlichen und religiösen Freiheit der Niederlande.↩
14
Oliver Cromwell (1599–1658) war seit 1628/29 bekennender Puritaner und wurde als Vorkämpfer gegen eine absolutistische Monarchie 1653 zum Lordprotektor von England, Schottland und Irland ernannt.↩
15
Immanuel Kant, in einem pietistisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, war von 1747–1750 Hauslehrer bei dem reformierten Prediger Daniel Ernst Andersch. Über eine dort sicher mögliche Beeinflussung (so etwa L. Richter, Immanenz und Transzendenz im nachreformatorischen Gottesbild [FSThR 1], Göttingen 1955, bes. S. 121 📖) hinaus ist eine direkte reformierte Prägung Kants nicht belegt. Stellvertretend für die enge Beziehung, in der die deutsche Diskussion um die Jahrhundertwende Kant und den Protestantismus vielfach stehen sah, sei hingewiesen auf: Fr. Paulsen, Kant, der Philosoph des Protestantismus, Berlin 1899 📖; J. Kaftan, Kant, der Philosoph des Protestantismus, Berlin 1904 📖.↩
16
So auch Max Webers These, vgl. etwa Weber, Aufsätze, Bd. 1 (Anm. 12), S. 102–113 📖.↩
17
Beginn des von Barth als Lesungstext für diesen Gottesdienst ausgewählten Psalms 130.↩