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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,6, 19. März 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51008 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 87–101.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,6, 19. März 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1504">KBA 1039</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <date when="1911-03-19">Sonntag, den 19. März 1911</date> 
                        <lb/>(Sonntag Oculi)
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                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Matthäus 5,6</ref>
                            <quote>
                                Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Es gibt unzählige Menschen, die innerlich hungern und dürsten, die an der Stelle ihres Herzens, wo Gott sein sollte, eine große Lücke verspüren. Äußerlich merkt man ihnen vielleicht nichts oder wenig an. Sie leben und lassen leben,<note xml:id="n01">In den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangene Toleranz-Maxime, die sich bei vielen Klassikern findet; vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5237"><persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>, <hi rend="italic">Leben und leben lassen. Ein Projekt für Schriftsteller und Buchhändler</hi> (Erstdruck: 1800; ders., <hi rend="italic">Werke</hi>, hrsg. von H. G. Göpfert u. a., Bd. 5: <hi rend="italic">Literaturkritik, Poetik und Philologie</hi>, München 1973, S. 781–787)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1552"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Egmont</hi>, erster Aufzug (Armbrustschießen)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2506"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallenstein. Wallensteins Lager</hi>, Sechster Auftritt (Jäger. Wachtmeister. Trompeter)</bibl>.</note> sie arbeiten und genießen, sie trauern und sie freuen sich, Alles wie Andre auch, und nur, wer sie genau kennt, vermag es, bisweilen wie durch einen Spalt hinunterzusehen in die große Leere, in das tiefe Unbefriedigtsein ihres <term type="Sachen" key="Dasein">Daseins</term>. Es gibt kaum etwas Erschütternderes als den Anblick dieses innern Hungers im Menschenherzen, und wie oft hat man diesen Anblick. Ich sagte: bei Manchen weiß er sich zu verbergen, sie verbergen ihn wohl auch vor sich selber. Aber Manchen sieht er aus den Augen, wie der leibliche Hunger. Es berührt uns in ihrem Wesen, während sie vielleicht in ihrem Benehmen heiter, geschäftig und lebhaft sind, etwas von der großen <term type="Sachen" key="Leben, Monotonie">Monotonie</term> der innern Langeweile, der Verdrossenheit, der Resigniertheit gegenüber dem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>. Sie gleichen Einem, der im Ruf großen Reichtums steht. Man kommt in sein Haus, und in der Tat, da steht eine mächtige Kiste, schön verziert und schwer zum Heben. Ihr Besitzer bestätigt uns, dass sie voll Gold ist. Aber nachher, unter vier Augen, flüstert er uns ins Ohr, dass er den Schlüssel dazu verloren hat. Menschen, die leben, aber sie haben keinen Schlüssel zum Leben. Ein <pb xml:id="p088" ed="pga"/> blühender, essender, trinkender und arbeitender Körper, ein aufgeweckter, denkender, strebsamer Geist vielleicht, aber es fehlt gerade an dem, was dem Menschen Freude an dem Allen geben würde. Eine Blume im Wasserglas, sie wird sich noch einige Tage öffnen und schließen, sie wird noch einige Zeit schön aussehen, wie die Blumen auf dem Feld, aber sie ist abgeschnitten, es fehlt die Wurzel, es fehlt die Erde, es fehlt darum die <term type="Sachen" key="Leben, Lebenskraft">Lebenskraft</term>. Es mag nur auf den ersten Blick zweifelhaft erscheinen, ob das, was solchen Menschen fehlt, gerade Gott sei, ob die Lücke in ihrem Herzen, die sie verspüren und die man ihnen anspürt, gerade die Stelle ist, wo Gott hingehörte. Manche werden sagen, dass sie mit Gott fertig seien, dass sich ihnen der Gedanke an Gott überhaupt mehr oder weniger als eine <term type="Sachen" key="Einbildung">Einbildung</term> erwiesen habe, dass er ihnen nichts biete, dass das, was ihnen fehle, irgend etwas Anderes sei, aber nicht gerade Gott. Andre glauben an Gott oder sie meinen es wenigstens, sie zweifeln nicht an seinem <term type="Sachen" key="Gott, Existenz">Dasein</term> und auch nicht daran, dass er für unser Leben Einiges zu bedeuten habe. Aber im Grunde sind sie im selben Fall wie jener andre auch. Sie sagen in ihrem Sinn auch: mit Gott bin ich in der Ordnung, auf dieser Seite stimmt es, aber … |</p>
                <p>Ja, wo fehlt es denn, bei den Einen wie bei den Andern, bei denen, die von Gott nichts wissen wollen, und bei den Andern, die von Gott allerlei zu wissen behaupten, und die doch Beide in akkurat der gleichen Weise im innersten Zentrum ihres Lebens leer sind, Reiche mit verschlossenem Schatzkasten, abgeschnittene Blumen, tote Lebendige? Der Hunger und Durst, den sie leiden und den wir sie leiden sehen, ist vielleicht der Mangel an einer befriedigenden <term type="Sachen" key="Leben, Lebensaufgabe">Lebensaufgabe</term>, vielleicht der Mangel an gesundem <term type="Sachen" key="Selbstbewusstsein">Selbstbewusstsein</term>, vielleicht der Mangel an lieben und vor Allem verständnisvollen Menschen, vielleicht – und das kommt heute häufig vor – der Mangel an einer zu Ende zu denkenden, geschlossenen <term type="Sachen" key="Weltanschauung">Weltanschauung</term>. Wir können die Frage auf sich beruhen lassen, ob das Alles im Grunde der Hunger und Durst nach Gott ist oder nicht. Wir sagen: natürlich ist er’s. Denn wenn es einem Menschen so in irgend einer Weise gerade in dem Mittelpunkt seines Lebens fehlt, dann fehlt es ihm eben an Gott. Aber der Name, den man der Sache gibt, ist ja schließlich gleichgiltig, die Haupt­sache ist der Zustand selbst, in dem wir Viele sich befinden sehen, dieser Zustand des innern Hungerns und Dürstens. Kann man <pb xml:id="p089" ed="pga"/> ohne Weiteres von ihnen sagen, was wir im Worte Jesu hören: <hi rend="italic">Selig sind sie?</hi> Sind sie im Grunde dem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> oder Gott doch nahe, näher vielleicht als andere, weil es ihnen zwar fehlt an jenem geheimnisvollen Mittelpunkt des Herzens, aber sie blicken doch mit sehnsüchtigen Wünschen aus nach dem und jenem, was sie in die Lücke stellen möchten, nach einer Lebensstellung, nach <term type="Sachen" key="Person / Persönlichkeit, Persönlichkeitsbewusstsein">Persönlichkeitsbewusstsein</term>, nach einem gleichartigen Menschen, nach kräftigen Gedanken? |</p>
                <p>Heißt’s von solchen: <hi rend="italic">Selig sind sie?</hi> Ich glaube, es würde ein rechtes Advokatenkraftstück bedeuten, wenn man das behaupten und beweisen wollte. Und wenn wir solche Menschen selbst danach fragen würden, sie würden uns, sie, die es doch wissen müssten, mit einem schmerzlichen Lächeln antworten: Selig? Nein, das nun gerade nicht. Auch der <hi rend="italic">Grund</hi> würde ja bei ihnen nicht stimmen, den Jesus für dies «Selig sind sie» angegeben hat: denn <hi rend="italic">sie sollen satt werden</hi>. In unzähligen Fällen geht von jenen heißen Wünschen keiner in Erfüllung. Wir hungern und dürsten nach diesem und jenem, was uns Kraft und Mittelpunkt und Schlüssel zu einem befriedigenden Leben zu sein scheint, aber wir werden nicht satt, wir bekommen es nicht:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Sehnend breit ich meine Arme</l>
                            <l>Nach dem teuren Schattenbild,</l>
                            <l>Ach, ich kann es nicht erreichen,</l>
                            <l>Und das Herz bleibt ungestillt.<note xml:id="n02">Aus Strophe 3 von <bibl corresp="kbga-bibls-5238"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Gedicht «Der Jüngling am Bache» (Erstdruck 1803; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 406f.)</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p>Und <hi rend="italic">wenn</hi> wir es bekommen, fängt dann nicht jenseits der Erfüllung die neue Sehnsucht an, geht es uns nicht wie den Entdeckern von <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName>, die das gelobte Land <placeName ref="kbga-places-372">Indien</placeName> gefunden zu haben meinten, bis sie eines Tages an das Ufer eines neuen gewaltigen Ozeans gelangten, der sie von ihrem Ziele trennte? So würde die Seligpreisung Jesu weder auf das Hungern und Dürsten, noch auf das Sattwerden passen. Aber das kann uns auch nicht wundern. Wir haben das wichtigste Wort in unserm Text bis jetzt noch nicht beachtet.</p>
                <p>Das Wort heißt <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit"><hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi></term>. Ob die Hungernden und Dürstenden, von denen wir bis jetzt geredet, Hungernde und Dürstende nach Gerechtigkeit sind? Man kann eben auf recht verschiedene Weise <pb xml:id="p090" ed="pga"/> Sehnsucht haben nach Gott, nach dem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, nach der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, oder wie man das nennen will, was uns den innern Halt gibt und was so Viele in sich vermissen. Gewiss, alle jene Dinge, die wir genannt haben, hängen mit Gott sehr nahe zusammen, wo Gott in einem Menschen ist, da können sie nicht fehlen. Aber solange unser Hungern und Dürsten bloß nach jenen hohen und schönen Dingen geht, gleichen wir einem Menschen, der in das Haus eines Andern ginge, sich an seinen Mittagstisch setzte und es sich mit ihm wohl sein lassen wollte, ohne ihn zu kennen und ohne Notiz von ihm zu nehmen. Wir suchen dann wohl Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gaben">Gaben</term>, aber nicht Gott selbst; wir suchen die Wirkungen des Lebens, aber nicht das <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> selbst; wir suchen den Segen und die Kraft der Wahrheit, aber nicht die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> selbst. Diese Verwechslung ist der große Nebel, in dem so viele sogenannte <term type="Sachen" key="Gottsucher">Gottsucher</term> und <term type="Sachen" key="Leben, Lebenskünstler">Lebenskünstler</term> von heutzutage herumtappen. Sie merken nicht, dass das, was ihnen fehlt und was sie suchen, aus einer Quelle fließt, wie es solche gibt, die an einem bestimmten Ort aus der Erde kommt und dann sofort wieder in der Erde verschwindet. Wer von ihrem Wasser trinken will, der darf nicht nach ihren Abläufen suchen, obwohl ihm das vielleicht bequemer wäre, er darf auch nicht verlangen, dass es auf Flaschen abgezogen zu ihm gebracht werde. Sondern er muss sich selber zur Quelle begeben oder er muss sich, was vielleicht bei den Meisten von uns zutreffender ist, dahin tragen lassen, wie der Gichtbrüchige in <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> zu Jesus gebracht wurde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.3">Mk. 2,3</ref>]. Aber zur Quelle muss er. Die Sehnsucht nach diesen und jenen schönen Dingen hilft uns gar nichts, solange wir sie an den Abflüssen statt an der Quelle suchen, solange wir uns nach den Gaben sehnen statt nach dem Geber, nach den Wirkungen statt nach der Ursache, nach dem <term type="Sachen" key="Segen">Segen</term> statt nach dem <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>.</p>
                <p> Die Quelle, die Ursache, nach der wir fragen müssen, ist die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und der Vater, der Geber, zu dem wir uns aufmachen müssen, ist der Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>. Ich glaube, den Hoch- oder Tiefstand unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, unsres Verhältnisses zu <term type="Sachen" key="Mensch, Verhältnis zu Gott">Gott</term> können wir, wie man an einem Barometer abliest, entnehmen aus dem starken oder schwachen Klang, den dies Wort «Gerechtigkeit» oder das, was es ausdrückt, in uns erweckt. Sieht man aufs Ganze, so gibt es heutzutage zweifellos viele, sehr viele innerliche, fromme, <term type="Sachen" key="Gottsucher">gottsuchende</term> Menschen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich <pb xml:id="p091" ed="pga"/> irre, es kommt mir vor: die Menschen suchen bei Gott allerlei Anderes, aber nicht gerade Gerechtigkeit. Vielleicht liegt hier eine Wurzel der Tatsache, warum wir in den wichtigsten Beziehungen ein so wenig tiefes und schwächliches Geschlecht sind. Es hat Zeiten und Menschen gegeben, bei denen Beides anders war. Ich denke z. B. an die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> der Menschen, die die <term type="Sachen" key="Psalmen">Psalmen</term> des Alten <term type="Sachen" key="Altes Testament">Testaments</term> geschrieben haben. Kaum finden sich in diesen Zeugnissen innerer <term type="Sachen" key="Psalmen, Zeugnisse innerer Erfahrung">Erfahrung</term> zwei Seiten, auf denen das Wort Gerechtigkeit <hi rend="italic">nicht</hi> vorkäme. Und die Sache ist überall da. Sei’s, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> verherrlichet wird, sei’s, dass der Sänger darum betet, sei’s, dass er sich ihrer freut als eines bereits gewonnenen Besitzes. Und die Kehrseite ist ganz deutlich. Weil für diese Menschen die Gerechtigkeit die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, Lebensfrage">Lebensfrage</term> und die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, Gottesfrage">Gottesfrage</term> ist, weil sie an die Quelle gehen, darum haben sie Alles das an innerem Besitz, was wir bei Gott suchen, ohne an Gottes Quelle gehen zu wollen. Darum finden sie für die Freude an Gottes <term type="Sachen" key="Freude, an Gottes Gaben">Gaben</term> Worte wie die des 23. Psalms: Mir wird nichts mangeln…, und ob ich wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück… Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23.1">Ps. 23,1</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23.4">4</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23.6">6</ref>]. Oder wir nehmen die Briefe des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vor mit der Frage: was sucht <hi rend="italic">dieser</hi> Mann bei Gott? Was ist <hi rend="italic">sein</hi> Lebensziel, um das sich sein Denken und Empfinden dreht? Und wieder begegnet uns das Eine: Gerechtigkeit. Seine große Frage ist beständig die: wie wird der Mensch gerecht?<note xml:id="n03">Vgl. bes. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.31">Röm. 3,21–31</ref>.</note> Und zu seiner großen Antwort: <hi rend="italic">in Christus</hi>, kommt er, weil er in Christus Gottes Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes">offenbar</term> geworden sieht. Aber weil er Gott in der Gerechtigkeit sucht und findet, darum kann er dann auch solche Triumphlieder der innern Sicherheit und des innern Reichtums anstimmen wie das in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">Röm. 8</ref>: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen… Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?… Ich bin gewiss, dass nichts uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31">31</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.38 Röm.8.39">38f.</ref>]. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kann von diesen Dingen, nach denen wir oft so hilflos hungern und dürsten, so reden, weil er zuerst gehungert und gedürstet hat nach <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>. Er kann sich seines Hauses freuen, weil es auf einen Felsen gegründet ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.25">Mt. 7,25</ref>]. Und wenn wir herausmöchten aus der <term type="Sachen" key="Dasein, Leerheit">Leerheit</term> und <term type="Sachen" key="Dasein, Unbefriedigtheit">Unbefriedigtheit</term> unsres innern <term type="Sachen" key="Dasein, inneres">Daseins</term>, wenn wir möchten, dass Jesu: <pb xml:id="p092" ed="pga"/> Selig sind sie! auf unser Hungern und Dürsten zutrifft, dann müssen wir unsrerseits ausschauen lernen nach diesem Felsen und nicht verlangen, ein Haus ohne Fundament zu bauen und womöglich noch mit dem Dache anzufangen.</p>
                <p>Was heißt denn das, «Gerechtigkeit»? Wir müssen Achtung geben, dass wir ja nicht zu wenig darunter verstehen, sonst könnte uns das Wort Jesu unter den Händen wieder kraftlos und unwahr werden. – Man hat die Gerechtigkeit, nach der wir hungern und dürsten sollen, verstehen wollen als die Gerechtigkeit unsres moralischen <term type="Sachen" key="Leben, moralisches">Lebens</term>. Die Gerechtigkeit wäre das, was wir sonst etwa <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> und Schuldigkeit nennen. Ganz gewiss gehört das auch zur Gerechtigkeit, und ohne das gibt es keine. Aber ich glaube nicht, dass <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> uns, wenn er uns <hi rend="italic">das</hi> hätte sagen wollen, gesagt hätte, wir sollten hungern und dürsten nach unsrer Pflicht und Schuldigkeit, sondern er hätte uns gesagt, dass wir sie erfüllen und tun sollen. Den Dingen, die wir tun können und tun sollen, gegenüberstehen mit dem Gefühl der Leerheit, des Hungerns und Dürstens, das ist nicht der Geist <term type="Sachen" key="Geist, Jesu">Jesu</term>, das ist überhaupt kein guter Geist. Wenn <hi rend="italic">das</hi> der Grund unsrer innern Unbefriedigtheit ist, dann ist ihm leicht abzuhelfen; wenn wir keine dringenderen Pflichten haben, im Notfall mit Holzhacken oder einer andern gehörigen Pflicht, die wir uns schaffen. – |</p>
                <p>Moderner ist eine andre Auslegung. Man hat daran erinnert, dass Jesus es in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> und sonst mit dem niedern und niedersten Volk, mit der sozialen <term type="Sachen" key="Gesellschaft, Klassen">Klasse</term> zu tun hatte, die im Gegensatz zu den frommen <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäern</term> nicht nur geistlich, sondern überhaupt arm und elend waren, also mit denen, die im Leben nicht zu ihrem Recht kamen. Von denen hätte er dann gesagt: Selig seid ihr, die ihr hungert und dürstet nach eurem <term type="Sachen" key="Mensch, Menschenrecht">Menschenrecht</term> zum <term type="Sachen" key="Leben, Menschenrecht">Leben</term>, zur <term type="Sachen" key="Freude, Menschenrecht">Freude</term>, zum Genuss. Selig seid ihr, denn ihr sollt satt werden. Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> bringt euch <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term>. Ihr versteht wohl ohne Weiteres, warum man gerade in unsrer Zeit auf diese Auslegung gekommen ist.<note xml:id="n04">Vgl. z. B.; <bibl corresp="kbga-bibls-3583"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Gerechtigkeit (Römerbrief Kap. I–VIII). Ein altes Wort an die moderne Christenheit</hi>, Berlin 1905</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1659"><persName ref="kbga-actors-330">L. Ragaz</persName>, <hi rend="italic">Das Evangelium und der soziale Kampf der Gegenwart</hi>, Basel 1906</bibl>.</note> Haben wir doch seit einem halben Jahrhundert und mehr eine gewaltige Bewegung vor Augen, die <term type="Sachen" key="Sozialismus">sozialistische</term>
                    <term type="Sachen" key="Arbeiterbewegung">Arbeiterbewegung</term>, die in ihrem <pb xml:id="p093" ed="pga"/> Kern wirklich nichts Anderes ist als ein Hungern und Dürsten der gesellschaftlich Zurückgestellten oder Enterbten nach ihrem <term type="Sachen" key="Mensch, Menschenrecht">Menschenrecht</term>, nach einem ebenbürtigen Platz an der Sonne.<note xml:id="n05">Wohl eine Anspielung auf den zur vielgebrauchten Redewendung gewordenen Satz des deutschen Reichskanzlers Fürst <persName ref="kbga-actors-1347">Bernhard von Bülow</persName> (1849–1929), den dieser am <date when="1897-12-06">6. Dezember 1897</date> in einer Reichstagssitzung im Blick auf die Besitzergreifung von <placeName ref="kbga-places-967">Kiautschou</placeName> aussprach: «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne» (<bibl corresp="kbga-bibls-5239"><hi rend="italic">Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, IX. Legislaturperiode, V. Session: 1897/98</hi>, Bd. 1, Berlin 1898, S. 60</bibl>).</note> Ob es so gehen wird, wie Viele meinen, dass dieser Kampf um die soziale <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, soziale">Gerechtigkeit</term> in Zukunft noch viel mehr als in der Vergangenheit das gesamte <term type="Sachen" key="Leben, materielles">materielle</term> und geistige <term type="Sachen" key="Leben, geistiges">Leben</term> beherrschen wird, das getraue ich mich nicht zu entscheiden. Aber das ist sicher, dass im gegenwärtigen Moment die wichtigsten sittlichen Fragen des <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">öffentlichen</term> und privaten <term type="Sachen" key="Leben, privates">Lebens</term>, ich erinnere nur an die Fürsorge für die schulentlassene <term type="Sachen" key="Jugendfürsorge">Jugend</term>, an die <term type="Sachen" key="Frauenfrage">Frauenfrage</term> und Alles, was damit zusammenhängt, an die <term type="Sachen" key="Altersversicherung">Alters-</term> und <term type="Sachen" key="Unfallversicherung">Unfallsversicherung</term>, an die <term type="Sachen" key="Feiertagsfrage">Ruhetagsfrage</term>, an die <term type="Sachen" key="Alkoholismus">Alkoholfrage</term>, dass Alles das gegenwärtig mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit aufs Engste zusammenhängt und eigentlich erst aus ihr hervorgegangen ist.<note xml:id="n06">Die hier angedeuteten Kämpfe um verschiedene Aspekte der sozialen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wurden in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgefochten. Vor <date when="1900">1900</date> standen dabei vor allem die Begrenzung der überlangen Arbeitszeiten, das Verbot von Kinderarbeit und von Nacht- und Sonntagsarbeit von Frauen und Jugendlichen im Vordergrund. Ab etwa <date when="1900">1900</date> wurde verstärkt auch die Gleichberechtigung der Frauen gefordert, die <date when="1904">1904</date> von der <date when="1888">1888</date> gegründeten <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratischen Partei</orgName> in ihr Programm aufgenommen wurde. Am <date when="1911-06-13">13. Juni 1911</date> wurde das Gesetz über die Kranken- und Unfallversicherung verabschiedet, die – nach ­Refe­rendums­nieder­lagen – allerdings erst <date when="1914">1914</date> (Krankenversicherung) bzw. <date when="1918">1918</date> (­Unfall­versicherung) eingeführt wurden. Das <bibl corresp="kbga-bibls-5457">Schweizerische <term type="Sachen" key="Schweiz, Zivilgesetzbuch von 1907/1912">Zivilgesetzbuch</term></bibl>, das damals als das modernste in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> galt, wurde Ende <date when="1907">1907</date> von der <orgName ref="kbga-actors-9866">Bundesversammlung</orgName> angenommen und trat am <date when="1912-01-01">1.1.1912</date> in Kraft. Sein Verfasser, der Berner Jurist <persName ref="kbga-actors-10313">Eugen Huber</persName> (1849–1923), «sah den sozialen Gehalt des neuen Zivilgesetzbuchs darin, mit den Mitteln des Privatrechts für die Schwachen einzustehen» (<bibl corresp="kbga-bibls-5240">A. Prêtre, Art. «Sozialgesetzgebung», in: <hi rend="italic">Historisches Lexikon der Schweiz</hi>, Bd. 11, Basel 2012, S. 658f., dort S. 658</bibl>); vgl. zum Ganzen: <bibl corresp="kbga-bibls-290">Th. Maissen, <hi rend="italic">Geschichte der Schweiz</hi>, Baden 2010, S. 214f.226</bibl>. Besonders mit der Lage der Arbeiterschaft befasste sich gute zwei Jahre später <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst ausführlich in: <bibl corresp="kbga-bibls-2500"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Arbeiterfrage</hi> (1913/14), in: V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p573#p573">S. 573–682</ref></bibl>.</note> Wer wollte leugnen, dass diese soziale <pb xml:id="p094" ed="pga"/> Gerechtigkeit, das Menschenrecht im weitesten Sinn, tatsächlich eine unbedingt notwendige Seite der religiösen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, religiöse">Gerechtigkeit</term> ist. Und wer wollte die tadeln, die sich deshalb als Christen verpflichtet fühlen, <term type="Sachen" key="Christen, und Sozialisten">Sozialisten</term> zu werden, so gut wie Andre in ihrer besonderen Lage die Verpflichtung empfunden haben, als Christen <term type="Sachen" key="Christen, und Abstinenzbewegung">Abstinente</term> zu werden?<note xml:id="n07">Weil seiner Meinung nach der Alkoholkonsum die Arbeiter von ihrer eigentlichen Not ablenkte, sah <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> eine «Verzahnung der Arbeiterfrage mit der des Alkoholismus» (<bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 83</bibl>); entsprechend engagierte er sich wenig später in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> im <orgName ref="kbga-actors-8613">Blaukreuzverein</orgName>, dem wichtigsten Exponenten der schweizerischen Abstinenzbewegung, dessen örtliche Leitung er übernahm; vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/51/p377#fn_n02">S. 377, Anm. 2</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p559#p559">S. 559f.</ref></bibl></note> Und doch wäre es wieder zu wenig gesagt, und es <hi rend="italic">ist</hi> zu wenig gesagt, wenn man behauptet, die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> gemeint hat und von der in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term> überhaupt die Rede ist, bestehe darin, dass jeder zu seinem <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> komme und dass der ohne Weiteres selig zu preisen sei, der hungere und dürste nach seinem <term type="Sachen" key="Mensch, Menschenrecht">Menschenrecht</term> oder nach dem Menschenrecht Anderer. Auch da wäre zu sagen, dass Hungern und Dürsten nicht der richtige Ausdruck wäre. Die Stellung, die wir im Geiste Jesu zu der sozialen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, soziale">Gerechtigkeit</term>, zu unsern eigenen Rechten und zu denen Anderer einnehmen sollen, ist nicht das Hungern und Dürsten, sondern das Schaffen. Wir sehen dann auch, dass die wirklichen und nicht bloß gefühlsmäßigen <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialisten</term>, die Christen <term type="Sachen" key="Christen, und Sozialisten">darunter</term> so gut wie die Andern, keineswegs hungern und dürsten, sondern an allerlei bestimmten Punkten etwas <hi rend="italic">tun,</hi> um die soziale Gerechtigkeit herbeizuführen, gerade wie wir gesagt haben, dass wir nach unsrer <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> und Schuldigkeit nicht hungern und dürsten, sondern sie <hi rend="italic">erfüllen</hi> sollen.</p>
                <p> Die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, nach der die Psalmsänger, nach der ein <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> verlangt haben und in der sie die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> gefunden, die wir bei uns vermissen, steht höher. Wollen wir sie zu Gesicht bekommen, dann müssen wir über alles, was von uns angestrebt und erreicht werden kann, hinaufsteigen zum Thron Gottes selbst. «Deine Gerechtigkeit ist eine <hi rend="italic">ewige</hi> Gerechtigkeit» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.119.142">Ps. 119,142</ref>], lesen wir in einem Psalm. Dieses «ewig» müssen wir ins Auge fassen. Von ewigen Pflichten und von ewigen Menschenrechten kann man nicht reden, wenn man <pb xml:id="p095" ed="pga"/> nicht Phrasen machen will. Denn jede Pflicht, die wir erfüllen, ist nur eine Vorstufe zu höhern <term type="Sachen" key="Pflicht, höhere">Pflichten</term> und jedes <term type="Sachen" key="Mensch, Menschenrecht">Menschenrecht</term>, um das wir kämpfen, ist nur eine Abschlagszahlung für weitere, höhere Menschenrechte. Das weiß jeder, der nach diesen beiden Beziehungen ein waches, lebendiges <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> hat. Unser Schaffen und Tun kann bei keinem Erfolg, den wir anstreben und erreichen können, zur Ruhe kommen, wenn wir nicht innerlich faulen und vermodern sollen. Aber gerade die Tatsache, dass es so ist, beweist, dass es eine ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> gibt. Jenseits von Allem, was wir suchen und finden, erstreben und erreichen, schaffen und tun können, steht ein Ziel, das uns zeitlebens nicht zur Ruhe kommen lässt. Dieses Ziel ist nicht <hi rend="italic">eine</hi>
                    <term type="Sachen" key="Pflicht, eine und die">Pflicht»</term>, sondern <hi rend="italic">die</hi> Pflicht, es ist nicht <hi rend="italic">ein</hi> Recht, sondern <hi rend="italic">das</hi>
                    <term type="Sachen" key="Recht, ein und das">Recht</term>, es ist nicht <hi rend="italic">ein</hi> Ziel, sondern <hi rend="italic">das</hi> Ziel. Wir müssen uns eingestehen, dass wir es nicht erreichen <hi rend="italic">können</hi>, und doch leben wir nicht, wenn wir es nicht erreichen <hi rend="italic">wollen</hi>.<note xml:id="n08">In diesen Ausführungen finden sich Anklänge an <bibl corresp="kbga-bibls-1749"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>, Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi></bibl>; vgl. a.a.O., S. 23: «Je mehr wir unser Wollen in der Arbeit für einen Zweck aufgehen lassen, desto lebendiger sind wir»; S. 87: «Denn wenn er [scil. der Mensch, der sich die sittliche Aufgabe stellt] innere Selbständigkeit schon zu betätigen meint, so sieht er in allem, worin er hinter der sittlichen Aufgabe zurückbleibt, seine Schuld. […] Also das Ende des sittlichen Kampfes führt zu einem Aufgeben dessen, wodurch das Wollen wahrhaftig werden soll, weil er in seinem Anfang von der Voraussetzung eines wahrhaftigen Wollens oder eines eigenen Lebens getragen ist»; S. 135: «Nur in dem, was uns mit Jesus Christus verbindet, ist uns unsere Zukunft deutlich. Wir werden vollkommen gesinnt sein wie er, werden in der Kraft seines Geistes leben, und er wird völlig gegenwärtig sein. Das ist alles sittliches Ideal, aber durchglüht von den Erinnerungen an die geschichtliche Gestalt Jesu» (die Sätze sind in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> insgesamt stark bearbeitetem Exemplar unterstrichen).</note> Wir brauchen bloß der Bedeutung scheinbar so einfacher Worte wie «wahr» und «gut» etwas weniger oberflächlich nachzusinnen, als wir es in der Regel tun, so leuchtet uns dieses Ziel unendlich lockend und verheißungsvoll und doch in unerbittlicher Ferne entgegen. Dieses Ziel ist die ewige Gerechtigkeit. Es ist <term type="Sachen" key="Gott, ewige Gerechtigkeit">Gott</term> selber. Und diese jenseitige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, jenseitige">Gerechtigkeit</term>, dieser jenseitige <term type="Sachen" key="Gott, jenseitiger">Gott</term>, er scheint uns anzuziehen, indem er uns <term type="Sachen" key="Gott, zieht uns an, indem er uns abstößt">abstößt</term>. Wir möchten, indem wir seiner gewahr werden, zugleich jauchzen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l><pb xml:id="p096" ed="pga" rend="noPipe"/>Ich habe nun den Grund gefunden,</l>
                            <l>Der meinen Anker ewig hält;<note xml:id="n09">Anfang eines Liedes von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-80"><persName ref="kbga-actors-1396">J. A. Rothe</persName> (GERS 229; EG 354).</bibl></note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">und seufzen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>O Ewigkeit, du Donnerwort,</l>
                            <l>O Schwert, das durch die Seele bohrt,</l>
                            <l>O Anfang sonder Ende,</l>
                            <l>O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,</l>
                            <l>Ich weiß vor großer Traurigkeit</l>
                            <l>Nicht, wo ich mich hinwende.<note xml:id="n10">Beginn der ersten Strophe eines <bibl type="song" corresp="kbga-songs-310">Liedes von <persName ref="kbga-actors-1395">J. Rist</persName></bibl>, das sich in vielen älteren Gesangbüchern findet (z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5242"><hi rend="italic">Evangelisches Kirchen-Gesangbuch oder Sammlung der vorzüglichsten Kirchenlieder</hi>, Halle 1842, Nr. 517</bibl>), aber nicht mehr in <bibl corresp="kbga-bibls-1087">GERS</bibl>, <bibl corresp="kbga-bibls-1089">RG</bibl> oder <bibl corresp="kbga-bibls-1088">EG</bibl>.</note></l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Diese jenseitige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, jenseitige">Gerechtigkeit</term>, die uns erhebt und niederdrückt zur selben Zeit, die ein zugleich herrliches und furchtbares Geheimnis ist, sie ist die Quelle, zu der wir gehen müssen. Sie ist die Quelle der <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottesgerechtigkeit</term>, deren Rauschen sich mahnend und strafend in jedes Menschen Brust ankündigt. Und in Einzelnen, Großen ist sie immer wieder hervorgebrochen wie ein Bergbach: in den <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>
                    <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israels</term>, in Männern wie <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> und <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName>, so dass die Andern aufmerkten und zugleich begeistert und erschüttert dessen gewahr wurden, was in ihnen selbst sich vollzog, des erhabenen und doch so entsetzlichen Suchens nach dem, was grenzenlos und unbedingt wahr und gut ist. Und nun sind gegenüber dieser Gottesgerechtigkeit, die wir nicht erreichen <hi rend="italic">können</hi> und die wir doch erreichen <hi rend="italic">sollen,</hi> zwei Stellungen möglich. Und je nach dieser Stellung scheiden sich alle Menschen klar und deutlich in zwei Gruppen. Beiderlei Menschen hat auch <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> vor sich gehabt, als er damals jenes Wort von der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> sprach. Im Gleichnis vom <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> und <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> hat Er die Beiden gezeichnet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk. 18,9–14</ref>].</p>
                <p>Entweder wir treten vor Gott hin und zählen ihm auf: ich bin nicht wie Andre, die schlechter sind, ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von Allem, was ich habe. Das heißt, wir finden uns mit der ewigen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> ab, indem wir sie aus <hi rend="italic">der</hi> Pflicht in <hi rend="italic">eine</hi>
                    <term type="Sachen" key="Pflicht, eine und die">Pflicht</term> verwandeln, indem wir uns statt dessen, was wir nicht erreichen können, mit dem zufrieden geben, was wir erreichen können. <pb xml:id="p097" ed="pga"/> Das kann auf sehr verschiedene Weise geschehen. Einige finden sich mit Gott ab, indem sie in die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term> gehen, Andre tun dasselbe, indem sie sich an allerlei <term type="Sachen" key="Wohltätigkeit">Wohltätigkeit</term> oder <term type="Sachen" key="Gemeinnützigkeit">Gemeinnützigkeit</term> beteiligen, Andre, indem sie dies und das glauben, wie sie sagen, noch Andre, indem sie sagen: Ich tue recht und scheue niemand.<note xml:id="n11">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p043#fn_n10">S. 43f., Anm. 10</ref>.</note> Es ist doch immer dasselbe. Wir denken: Pah, ich kann nicht <hi rend="italic">alles</hi> tun, was ich sollte, ich will jetzt <hi rend="italic">Etwas</hi> tun, dafür lasst mich in Zukunft in Ruhe. Wir machen es wie gewisse Schuldner, die ihre Gläubiger durch eine Abschlagszahlung einzuschläfern versuchen und die Rückzahlung der Hauptsumme auf den 30. Februar versprechen.<note xml:id="n12">Redewendung, die zum Ausdruck bringen soll, dass es keine Rückzahlung geben wird.</note> Diese Art vorzugehen, hat unzweifelhaft ihre Vorteile. Dem <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term>, der in dieser Weise Gott zufrieden stellte, konnte es wohl sein, ja, er konnte noch auf Andre heruntersehen, die nicht so viel fertig brachten wie er. Sobald wir nämlich aufgehört haben, uns um das Ziel zu kümmern, das ewig <hi rend="italic">über</hi> uns steht, fangen wir an, uns <hi rend="italic">nach unten</hi> zu vergleichen, und das erhöht dann unsre befriedigte Stimmung noch beträchtlich. Hunger und Durst nach <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> leiden wir dann jedenfalls nicht mehr. Wir sind ja voll von Gerechtigkeit bis an den Hals. – |</p>
                <p>Dieser Klasse von Menschen steht nun eine andre gegenüber. Die machen die <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottesgerechtigkeit</term> nicht zu irgend einer <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, Menschengerechtigkeit">Menschengerechtigkeit</term>. Sie anerkennen: es ist unendlich viel mehr von mir verlangt, als ich leisten und aufbringen kann, aber sie anerkennen auch: es ist wirklich von mir verlangt, und markten nichts davon ab. Darum stehen sie «<hi rend="italic">von ferne</hi>» wie der <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> im Tempel und wissen nichts vorzubringen als das Eine: Gott sei mir <term type="Sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term>
                    <term type="Sachen" key="Gnade Gottes">gnädig</term>! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.13">Lk. 18,13</ref>] Sie wissen, dass keine Abschlagszahlung genügen kann, dass keine Vollkommenheit, die sie aufbringen, an das ewige Ziel der <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewiges Ziel">Wahrheit</term> und des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, ewiges Ziel">Guten</term> heranreicht, und darum hungern und dürsten sie so nach diesem Ziel, nach der ewigen <term type="Sachen" key="Gott, ewige Gerechtigkeit">Gottesgerechtigkeit</term>, ohne die sie nicht leben und die sie doch nicht selbst aufbringen können. Ja, meine Freunde, was ist Alles innere Hungern und Dürsten, von dem wir vorher geredet, neben <hi rend="italic">diesem</hi> Hunger und Durst? Was sind alle Lücken, die wir in unserm Innern verspüren, neben <hi rend="italic">dieser</hi> Lücke? Sind es <pb xml:id="p098" ed="pga"/> nicht lauter Lappalien, das, wonach wir vom Dasein unbefriedigten Menschen uns sehnen, neben diesem letzten, obersten, aber unerreichbaren Ziel der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, unerreichbares letztes Ziel">Gerechtigkeit</term>, das uns aus den Wörtlein «wahr» und «gut» entgegenblitzt und das ewig unser <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> beunruhigt? Sind all jene Lücken bei uns nicht bloß die Ausläufer der einen, großen Lücke, die in unserm <term type="Sachen" key="Dasein, Lücke">Dasein</term> klafft, die Lücke, wo die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und der Güte hineingehörte! Was wollen wir tun? Wollen wir den Weg des <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäers</term> gehen, uns damit beruhigen, dass wir tun, was <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> und <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> ist, soweit sie uns erreichbar scheinen, und im Übrigen den lieben Gott einen guten Mann sein lassen<note xml:id="n13">Redewendung im Sinne von: nichts tun, sich um nichts kümmern.</note>? Oder wollen wir die ewige Unruhe auf uns nehmen, die uns droht, wenn wir die ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> in ihrer ganzen Erhabenheit anerkennen, so dass wir nichts mehr zu sagen haben als: Gott sei mir <term type="Sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term>
                    <term type="Sachen" key="Gottes Gnade">gnädig</term>!?</p>
                <p><hi rend="italic">Selig sind sie, denn sie sollen satt werden!</hi>, hat Jesus von denen gesagt, die den letzten Weg gehen, und nicht vom <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term>, sondern vom <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> hören wir im Gleichnis: er ging <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">gerechtfertigt</term> hinab in sein Haus [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.14">Lk. 18,14</ref>]. Merkwürdig: solange wir nach diesem und jenem hungern und dürsten, nach jenen Dingen, die wir genannt, von denen wir uns <term type="Sachen" key="Frieden">Frieden</term> und Ruhe für unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> versprechen, solange werden wir nicht satt, solange wäre es ein Unsinn, uns selig zu preisen. Wir wissen es aus <term type="Sachen" key="Erfahrung">Erfahrung</term>. Und doch handelt es sich dort doch verhältnismäßig um recht kleine Lücken und um kleine Dinge, die wir vermissen. Wenn sich aber die kleine Lücke in uns zum Abgrund erweitert, wenn wir merken, dass uns nicht nur dies und jenes fehlt, sondern eins und Alles, dass wir wahr und gut sein sollten in einem Maße, wie wir es nicht erfüllen <hi rend="italic">können</hi> – <hi rend="italic">dann</hi> heißt es plötzlich trotz des Abgrundes und über den Abgrund hinweg: <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>! Sattwerden! Und wie es eine Tatsache ist, die wir Alle schon erfahren haben, dass unser <hi rend="italic">kleiner</hi> Hunger und Durst nicht gestillt wird, so ist es eine Erfahrung, die uns von Unzähligen bezeugt wird und die wir auch machen können, dass der <hi rend="italic">große</hi> Hunger und Durst, der Hunger und Durst nach der ewigen Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>, der wir «von ferne» gegenüberstehen, zur Seligkeit, zum Sattwerden wird. Da komme Einer und ergründe, warum es so ist! Nur ahnend können wir dieses Wunder des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> zu ergreifen suchen. Was hat der <term type="Sachen" key="Zöllner">Zöllner</term>
                    <pb xml:id="p099" ed="pga"/> vor dem <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> voraus, was gibt ihm die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>, die jener nicht kennt? <hi rend="italic">Jener</hi> ist fromm und rechtschaffen, er ist mit seinem <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> und mit Gott in Ordnung, und er weiß es, <hi rend="italic">er</hi> weiß nichts, als dass er ein <term type="Sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term> ist. Wir können zunächst nur sagen, dass er vor dem Andern das schärfere Auge für die Ewigkeit der Forderung <term type="Sachen" key="Gott, Ewigkeit der Forderung">Gottes</term> voraus hat. Und seine Einsicht, dass sein Wollen und Vollbringen dieser Forderung nicht gerecht werden kann, erfüllt ihn mit Schauer und Entsetzen. So ist es auch dem <persName ref="kbga-actors-6227">Zachäus</persName> ergangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.1 Lk.19.10">Lk. 19,1–10</ref>], so den verlorenen Frauen, die zu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> kamen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.7.37 Lk.7.50">Lk. 7,37–50</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.1 Joh.8.11">Joh. 8,1–11</ref>], so dem heidnischen Hauptmann von <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.7.1 Lk.7.10">Lk. 7,1–10</ref>]. Aber nun machten sie eines Tages in ihrem Innern die Entdeckung, dass die ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term>, vor deren Erhabenheit sie gezittert, die ewige <term type="Sachen" key="Liebe, ewige"><hi rend="italic">Liebe</hi></term> ist. <hi rend="italic">Vorher</hi> stand ihnen Gott gleichsam gegenüber als der unerbittliche <term type="Sachen" key="Gott, unerbittlicher Lehrer">Lehrer</term> und <term type="Sachen" key="Gott, unerbittlicher Richter">Richter</term>, <hi rend="italic">jetzt</hi> fühlten sie plötzlich Gott auf ihrer Seite als den gütigen <term type="Sachen" key="Gott, gütiger Vater">Vater</term>. <hi rend="italic">Vorher</hi> hörten sie nur ein: Du sollst! mit einer strafenden Wucht, wie es keinem Pharisäer in den Sinn kam, sie lagen erdrückt am Boden, überwältigt von der Überlegenheit der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>, <hi rend="italic">jetzt</hi> fühlten sie sich von derselben ewigen Gerechtigkeit auf die Füße gestellt und befanden sich, ehe sie darum wussten, auf dem Marsche nach dem ewigen Ziel mit einer Kraft und Bestimmtheit, von der sich auch kein <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> träumen ließ. <hi rend="italic">Vorher</hi> war Gott das unbegreifliche, ewig strenge Wesen außer ihnen, wie er es für die große Mehrzahl der <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term> immer gewesen ist, <hi rend="italic">jetzt</hi> wurde er, ebenso unbegreiflich, aber ergreifbar, das befreiende, vorwärts treibende Leben in ihnen. |</p>
                <p>Dieselbe rätselhafte Erfahrung haben aber auch zahllose Menschen außerhalb der biblischen Geschichte gemacht. Wo wirkliche Erhebung zu Gott, wo immer wirkliches <term type="Sachen" key="Leben, wirkliches">Leben</term> sich eingestellt hat, da ist das große Hungern und Dürsten vorangegangen. Ich habe schon das letzte Mal an den Grundgedanken unsrer <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> erinnert, dass der Mensch von sich selber untüchtig sei zu allem <term type="Sachen" key="Mensch, untüchtig zu allem Guten">Guten</term>.<note xml:id="n14">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p079#fn_n07">S. 79f., Anm. 7</ref>. Im dort angeführten Bußgebet zu Beginn des Gottesdienstes bekennen die Anwesenden, sie seien «<foreign xml:lang="fre">inutiles à tout bien</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-29">CR 34, col. 173</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-30"><hi rend="italic">Calvin-Studienausgabe</hi>, Bd. 2, S. 162, Z. 8</bibl>).</note> Das pflegen die heutigen <term type="Sachen" key="Christen, heutige">Christen</term> meist in den Hintergrund zu stellen oder gar zu bestreiten. Sie wollen nicht Hungernde und Dürstende sein <pb xml:id="p100" ed="pga"/> nach der Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>, sondern Satte und Besitzende. Sie merken nicht, dass sie sich damit in die Gesellschaft des <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäers</term> begeben, der auch nicht untüchtig sein will vor Gott, sondern allerlei zu erzählen weiß von seinem Fasten zweimal in der Woche usf. Sie gehen aber eben damit auch der <term type="Sachen" key="Gottesgewissheit">Gottes-</term> und <term type="Sachen" key="Leben, Lebensgewissheit">Lebensgewissheit</term>, der <term type="Sachen" key="Gottesfreude">Gottes-</term> und <term type="Sachen" key="Leben, Lebensfreude">Lebens<hi rend="italic">freude</hi></term> eines <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> verlustig. Weil sie der Tiefe des menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Elend gegenüber Gott">Elends</term> Gott gegenüber und der Höhe der ewigen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> aus dem Weg gehen, ist ihnen auch die Erkenntnis der Tiefe der göttlichen <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> und der unendlichen Größe seiner <term type="Sachen" key="Gnade Gottes, unendliche Größe">Gnade</term> gegen uns abhanden gekommen. Die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> haben die erste Erfahrung ernst genommen, und <hi rend="italic">darum</hi> ist ihnen die zweite zuteil geworden. Sie haben gehungert und gedürstet und <hi rend="italic">darum</hi> sind sie satt geworden. Noch einmal: der Zusammenhang dieser beiden Erfahrungen ist ein innerer Vorgang, der aller Erklärung spottet. Er ist unerklärlich wie das Leben selbst, gerade weil er wahr und wirklich ist. Wir können ihn nur beschreiben, indem wir sagen: Wenn wir der ewigen Forderung, die an uns gestellt ist, auf den Grund gehen, so entdecken wir, dass sie ein ewiges Geschenk ist. Aber ich weiß, dass das die Beschreibung eines <term type="Sachen" key="Erlebnis"><hi rend="italic">Erlebnisses</hi></term> ist und kein Rezept, wie es zu machen ist. Für Erlebnisse gibt es eben keine <term type="Sachen" key="Erlebnis, für Erlebnisse gibt es keine Rezepte">Rezepte</term>.</p>
                <p>Aber eines können wir sagen: dieses Erlebnis des Sattwerdens der wahrhaft Hungernden und Dürstenden ist ein Vorgang, dem keine <term type="Sachen" key="Religion / Religionen">Religion</term> und keine <term type="Sachen" key="Philosophie">Philosophie</term> etwas Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Die es gemacht haben, sagen uns Alle, dass es in irgend einem Sinn eine Wirkung der <hi rend="italic">Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesu</term></hi> war. Im Angesicht Jesu sind jene Menschen in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> zusammengebrochen unter dem Bewusstsein, dass Gott ihnen fern sei, und im Angesicht Jesu sind sie wieder aufgestanden im Bewusstsein der unendlichen Nähe der <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term>. Die unmittelbare <term type="Sachen" key="Gotteskraft, der Reformatoren">Gottes-</term> und <term type="Sachen" key="Leben, Lebenskraft der Reformatoren">Lebenskraft</term>, der wir bei unsern <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> begegnen, war nicht das Resultat ihres wissenschaftlichen <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Nachdenkens</term>, aber es war das Resultat ihrer Entdeckung Jesu, in dem ihnen zugleich erschütternd und befreiend entgegentrat, was der Mensch sein sollte und was der Mensch sein darf. Und wo immer Menschen in der Tiefe ihres Herzens die Erfahrung gemacht haben, dass die ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> die ewige <term type="Sachen" key="Liebe, ewige">Liebe</term> ist, da war es im Angesichte Jesu, das ihnen in ihrer <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term>, in der <term type="Sachen" key="Bibel">Bibel</term>, im Verkehr mit jesusmäßigen <term type="Sachen" key="Mensch, jesusmäßiger">Menschen</term> entgegengetreten ist. Es ist einfach eine Tatsache, was <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term>
                    <pb xml:id="p101" ed="pga"/> nach dem Johannesevangelium schon selbst von sich gesagt hat: «Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.35">Joh. 6,35</ref>]. Es ist eine Tatsache, die auch bei uns, wenn wir hungern und dürsten, Tatsache werden darf und soll. Wir müssen nur das «zu Jesus kommen» und «an Jesus glauben» recht verstehen. Wir müssen zu ihm gehen, wie wir zu einem Freund gehen, wir müssen an ihn glauben, wie wir einem Freund glauben, so nämlich, dass wir ihm vertrauensvoll Einfluss auf uns gewähren. Dann vollzieht sich in uns jener Lebensvorgang, dass uns die ewige <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term> aus einer Forderung zu einem Geschenk wird. Und das ist dann das Sattwerden, die <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-309">Nr. 215: «Allein zu dir, Herr Jesu Christ» von <persName ref="kbga-actors-10312">J. Schneesing</persName>, Strophen 1–3 (RG 208; EG 232 [jeweils mit Textabweichungen und der Verfasser­angabe: K. Hubert]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-103">Nr. 352: «Ich hab’ von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von <persName ref="kbga-actors-4392">J. T. Hermes</persName>, Strophen 1–3 und 4–5.</bibl>
                    </listBibl>
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                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Ps.51">Ps. 51.</ref></item>
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