Predigt: Matthäus 5,3
(4. nach Epiphanias)
Man hat oft versucht auszumalen, wie es wäre, wenn Jesus in unsre heutige Welt wiederkäme und was er zu uns und unsern Verhältnissen sagen würde. Meistens hat man dabei den Nachdruck darauf gelegt, dass da die Unzähligen, die sich heute «Christen» nennen, merken würden, wie lax ihr christliches Gewissen und wie lau ihr christlicher Glaube sei. Man hat hingewiesen auf den krassen Gegensatz zwischen der formlosen Weltlichkeit der allermeisten Christen und dem unerbittlichen Ernst der sittlichen Forderungen Jesu. Dieser Gegensatz war schon die Grundidee von
Das sind tapfere und das sind wichtige Gedanken, meine Freunde. Es steht in der Tat so, dass die Nachfolge Jesu entweder eine Veränderung, ja, eine Revolution unsres Lebens bedeutet, oder sie bedeutet gar nichts. Ein Christentum, das bloß in der sonntäglichen Erbauung eines christlichen innern Lebens bestehen wollte und nicht in der werktäglichen Erbauung eines christlichen äußern Lebens, wäre kein Christentum. Aber wenn wir den Sinn dieser Revolution recht verstehen wollen, dann müssen wir doch tiefer graben, als es in jenem sehr lesenswerten und anregenden Büchlein von
Es sind uns Worte von ihm erhalten, die sind geeignet, im Leben gerade der aufrichtigen Frommen noch ganz andere Revolutionen hervorzubringen als jene Veränderungen im Weltleben der Auch-Christen und Namenchristen. Zu diesen Worten gehört die erste Seligpreisung der Bergpredigt, die wir eben gehört haben. Selig sind, die da geistlich arm sind. Das heißt nicht: Selig sind die Beschränkten und Unwissenden!, auch nicht: Selig sind die Reinen!, wie man etwa schon hat auslegen wollen,3 sondern, ob es uns gefällt oder nicht: Selig sind, die wissen, dass sie nicht fromm sind! Ich meine, wenn wir uns vor ein solches Wort Jesu stellen, merken wir, dass zwischen ihm und uns bewussten Christen vielleicht ein ebenso großer Gegensatz besteht wie4 zwischen ihm und den oberflächlichen Auch-Christen, ja, wer weiß, ob sich nicht das ganze Verhältnis umkehrt, ob nicht jene an die erste Stelle rücken und wir an die zweite. Auf alle Fälle werden wir |39 angesichts eines solchen Wortes gerade mit unserer bewussten, aufrichtigen Frömmigkeit vor eine Frage gestellt, die weit tiefgehender und schwerer ist als die Frage, ob unser äußeres Leben im Beruf und im Verkehr mit den Menschen Jesusmäßiger Art sei. Ich will’s versuchen, diese Frage an einigen Beispielen klar zu machen.
Ihr erinnert euch an das Calvinjubiläum, das vor zwei Jahren hier gefeiert wurde.5 Und ihr erinnert euch an die Protestbewegung gegen die Enzyklika des
Oder da ist ein Mann, der sein ganzes Leben irgend einem guten Werk gewidmet hat. Er will nicht da sein, um sein Brot zu verdienen, sondern er will dem Herrn dienen, vielleicht an der Jugend, vielleicht an den Armen, vielleicht an den Trinkern. Wenn irgend einer bewusst mit der Frömmigkeit praktischen Ernst macht, so ist er’s. Und nun träte Jesus zu ihm und sagte ihm: Selig sind, die da geistlich arm sind! Was dann? Ich will die Frage nicht beantworten, aber ich stelle sie.
Oder ich will einmal mich selbst als Beispiel nehmen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und studiere ein gutes Buch. Ich spüre es förmlich, wie ich daran wachse und zunehme, ich sehe Dinge, ich begreife Zusammenhänge, die ich vorher nicht gesehen und begriffen. Ich merke, wie sich über alledem ein gewisser Reichtum nicht nur an guten Gedanken, sondern an Leben in mir sammelt. Sagte ich nicht eben Reichtum? Und wenn nun plötzlich Jesus zu mir käme und sagte das Eine zu mir: Selig sind, die da geistlich arm sind. Was würde ich ihm antworten?
41Oder nehmen wir als Beispiel uns Alle, wie wir hier versammelt sind. Wir sind dabei, uns zu «erbauen», wie man das wohl zu nennen pflegt. Wir möchten hier durch Singen und Beten und Anhören des Wortes eine Art religiöser Nahrung zu uns nehmen, oder ein kleines Stück Gold, das wir dann während der Arbeit und Sorge der Woche ausmünzen möchten. Das gelingt uns nicht immer, vielleicht gehen wir öfters leer aus als befriedigt; aber wir wollen einmal annehmen, es gelingt uns. Irgend ein richtiger Gedanke oder ein tiefes Gefühl hat uns ergriffen. Du sagst zur Nachbarin: Heute habe ich etwas bekommen und genommen, und erfüllt davon gehst du zur Tür hinaus. Aber unter der Türe begegnet dir Jesus und sagt wieder nur das Eine: Selig sind, die da geistlich arm sind! Ja, ist das nicht gerade das Gegenteil von der Erbauung, daran du dich jetzt freust?
Ich wollte mit dem Allem zunächst nur sagen, dass es nicht nur bei dem Leben und Treiben der sogenannten Weltleute, sondern auch bei unserm Besten, bei unsrer Frömmigkeit, mindestens ein gewisses Befremden, einen dunklen Gegensatz gibt, wenn wir mit der Frage: Was würde Jesus dazu sagen? daran herantreten. Und ihr werdet mit dem einverstanden sein, was ich sagte, dass es wichtig und dringend ist, zu fragen, was würde Jesus zu meinem Tun und Denken im Bureau und in der Werkstatt, im Gesellschaftszimmer und in der Küche sagen, dass es aber noch dringender und noch wichtiger ist, zu fragen: was sagt er zu meinen aufrichtig frommen und erhabenen Augenblicken, überhaupt zu der kleinen oder großen Seite in unserm Wesen, die wir Gott zugewendet haben, zu dem spärlichen oder reichlichen Besitz an geistlichem Leben, den wir gesucht und gefunden haben? Er sagt dazu: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wir müssen merken und verstehen, warum uns das gegen den Strich geht und warum es doch wahr ist. Und die zweite Revolution, die es bei diesem Merken und Verstehen Jesus gegenüber dann gibt, wird sich als gründlicher und folgenschwerer erweisen als irgend eine andre.
Zuerst wollen wir sehen, warum uns dies Wort: Selig sind, die da geistlich arm sind, gegen den Strich geht. Wir würden sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind. Gerade das sagten die aufrichtigen From|42men zur Zeit Jesu auch. Und diese aufrichtigen Frommen der damaligen Zeit waren die berühmten Pharisäer. Es ist über diese Pharisäer in unzähligen christlichen Predigten viel Böses gesagt worden. Wir sind es vom Schulunterricht her gewöhnt, von ihnen zu denken und zu reden als von einer Bande von ausgemachten Muckern und Heuchlern. Es hat sogar einen gewissen Reiz zu beobachten, wie manche Christen zu den Pharisäern des Neuen Testaments akkurat dieselbe Stellung einnehmen, wie der Pharisäer im Tempel zum Zöllner [vgl.
43Es besteht da aber noch eine weitere Ähnlichkeit. Auch die Pharisäer, die Eifrigen zur Zeit Jesu, hatten für ihr Tun noch einen andern Grund als den Gedanken, dass der Mensch Gott gehorchen müsse. Auch sie machten sich folgende Überlegung: Wenn einmal ganz Israel so leben wird wie wir, dann ist das Reich Gottes nicht mehr bloß ein schöner Wunsch, sondern dann wird es eine sichtbare, greifbare Wirklichkeit. Und darum sind wir, die jetzt so eifrig tun, was das Gesetz befiehlt, der hoffnungsvolle Anfang des sichtbaren Gottesreiches, eine schöne Insel inmitten der bösen Welt. Ja, ich wiederhole es: die Grundsätze der Pharisäer, die Stimmungen und Hoffnungen, die sie dabei bewegten, waren etwas durchaus Ernsthaftes und Aufrichtiges, und gerade wenn wir auch gern aufrichtig fromm sein möchten, haben wir gar keinen Anlass, schnell zu sagen: Ich bin kein Pharisäer!, sondern wir tun besser, uns zu überlegen, wie weit etwa unsre Grundsätze und Stimmungen mit denen jener Leute verwandt sein möchten. Gewiss, es kommt uns heute merkwürdig vor, dass die Frömmigkeit in korrektem Gehorsam gegen Gebote über das Händewaschen, über die Arbeitsruhe am Sonntag, über das Verzehnten des Besitzes und dergleichen bestehen soll. Wir sind auch sehr schnell bereit, über Alle, deren Christentum sich unter Anderem in dergleichen äußern Dingen ausdrückt, z. B. im regelmäßigen Kirchenbesuch, den Stab zu brechen. Insofern sind wir gewiss keine Pharisäer. Aber dieser Unterschied ist gar nicht so wesentlich, als wir leicht denken. Wenn wir sagen: Gottlob, ich bin kein Pharisäer und kein Pietist, und denken dabei an solche Dinge, so sind wir selbst viel äußerlicher, als wir meinen. Sondern das Wesen des Pharisäers besteht darin, dass er Folgendes denkt: 1. ich tue, was recht ist, 2. wenn einmal alle Menschen tun würden wie ich, dann wäre die Welt in Ordnung, 3. weil noch nicht alle Menschen so tun wie ich, so bin ich mit meinem Tun der hoffnungsvolle Anfang einer bessern Welt. Ich denke, in diesem Spiegel können wir uns Alle mit unsrer Frömmigkeit, unsrer aufrichtigen Frömmigkeit, meine ich, wiedererkennen. Es können sich sogar solche darin wiedererkennen, deren Religion in dem berühmten Grundsatz besteht: Tue recht und scheue niemand!10 |
44Wir denken auch: 1. Ich tue, was recht ist. In der verschiedensten Weise. Der Erste sagt: Ich bin ein guter Protestant und stehe zu meiner Sache. Der Zweite sagt: Ich habe den rechten alten Glauben und weiche nicht davon. Der Dritte sagt: Ich bin ein braver, brauchbarer Mann, ich denke fast gar nicht an mich und fast nur an die Andern. Der Vierte sagt: Ich bin gescheit und mache mir über Gott und Welt meine eigenen, tiefen Gedanken. Der Fünfte sagt: Ich arbeite den ganzen Tag und verdiene ehrlich und redlich mein Brot. Wir denken aber auch: 2. Die Welt wäre bald in Ordnung, wenn einmal Alle so wären wie ich. Es gibt nichts Naheliegenderes und Beseligenderes für uns, wenn wir einmal angefangen haben, Gott oder unserm Gewissen, oder wie wir’s nennen wollen, zu gehorchen, als dieser Gedanke: Wären nur Alle wie ich. Dabei teilen sich die Menschen in Pessimisten und Optimisten. Auch unter den alten Pharisäern hat es beiderlei gegeben. Die Einen denken es mürrisch und verdrießlich: Ach, leider Gottes, es geht krumm mit der Welt; es sind eben nicht alle wie ich. Besonders unter alten Leuten ist diese Klasse reichlich vertreten. Die Andern, die Optimisten, in der Regel wohl die Jungen, denken: Die Welt muss aber werden wie ich! und gehen dann mit ihren Ideen und Lehren und Unternehmungen ins Zeug, um die Welt in Ordnung zu bringen. Und weil wir so denken, denken wir wie die alten Pharisäer auch: 3. Ich bin der erfreuliche Anfang einer bessern Welt. Mag Alles um mich herum erbärmlich und schlecht und langweilig sein – ich stehe fest wie der Fels im Meer, denken wir. Ich rage mit meinem innern Besitz über die Dutzendköpfe der großen Menge heraus. Ich bin etwas Anderes, Besseres als sie. Ich bin ein Wellenbrecher des heiligen Geistes oder des Fortschritts inmitten eines argen Geschlechts.
45Meine Freunde, wenn das die eigentlichen Kennzeichen des Pharisäers sind, und es sind sie, dann werden doch wohl wenige von uns den Mut haben zu behaupten: Ich gehöre ganz und gar nicht zu dieser Gesellschaft. Von mir selbst müsste ich wenigstens bekennen, dass ich öfter dazu als nicht dazu gehöre. Und darum meinte ich: Wir würden wie die alten Pharisäer sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind, selig sind, die das Rechte tun und niemand scheuen, die gute Überzeugungen und Grundsätze haben und danach tun. Selig sind die Frommen, die Gesinnungstüchtigen, die Ehrenmänner, die Gemeinnützigen, die Tiefsinnigen, die moralisch Gebildeten. In alle diese Gedanken hinein, die den Meisten von uns wohl gar nicht pharisäisch vorkommen, weil sie uns fast so selbstverständlich sind wie die Luft, kommt nun das Wort Jesu: Selig sind, die da geistlich arm sind! hinein wie ein Klang aus einer andern Welt. Er trifft uns umso erstaunlicher und befremdender, als wir ja mit unsrer Frömmigkeit und Tüchtigkeit bereits in der andern, bessern Welt zu sein glaubten. Wir sind ja nicht mehr leichtsinnig und oberflächlich, nicht mehr faul und genusssüchtig, sondern wir tun, was recht ist, und haben das zugehörige Bewusstsein davon. Und nun werden uns auf einmal alle Maßstäbe umgekehrt und es heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wenn wir an diesem Wort noch nie Anstoß genommen haben, dann sind wir uns selbst und dem Evangelium Jesu noch nicht auf den Grund gekommen.
Wir wollen jetzt sehen, wie Jesus dies Wort gemeint hat und warum er doch Recht hat. Jesus hat unter den Menschen seiner Zeit und seiner Umgebung Leute gesehen, die waren schlechterdings nicht fromm, deren inneres und äußeres Leben war das direkte Gegenteil von dem aufrichtigen Eifer der Pharisäer. Das waren die Leute, die aus irgend einem Grund Alles das oder das Meiste von dem nicht tun konnten, was damals als das Tun eines frommen Menschen galt. Da waren zunächst ganz einfach die äußerlich Armen, deren ganzes Leben darauf gerichtet sein musste, ihr spärliches Brot zu verdienen. Ja, unter solchen Umständen war es wohl schwer oder unmöglich, die minutiösen Vorschriften z. B. über den Sabbat innezuhalten. Da waren überhaupt die kleinen, vielbeschäftigten Leute. Wo sollten [sie] die Muße und |46 Stimmung hernehmen zu den umständlichen Reinigungen und Gebeten und Fastenübungen, wie das Gesetz und seine Auslegungen sie von einem gläubigen Israeliten forderten? Da waren aber auch besser situierte Leute wie die besonders berühmt gewordenen Zollbeamten, israelitische Leute, die im Dienste des verhassten römischen Oberherrn und seiner fürstlichen Vasallen standen und schon dadurch verdächtig waren, denen es überdies erst recht unmöglich sein musste, das Gesetz innezuhalten, wie es sich gebührte, kamen sie doch durch ihr Amt beständig in Berührung mit den für unrein gehaltenen Heiden und waren außer Stande, das alle Tage wieder in der vorgeschriebenen Weise gutzumachen. Weiter waren da die Samariter, ein unter den Juden lebendes halbjüdisches Volk, die zwar denselben Gott verehren wollten wie Israel; aber von den Gottesdiensten im Tempel zu
47Solche geistlich Armen stehen auch uns Pharisäern von heutzutage gegenüber. Es gibt Unzählige, die stehen alledem, was wir Frömmigkeit, gute Gesinnung, bürgerliche Ehrbarkeit und Brauchbarkeit, religiöse und moralische Bildung nennen, gegenüber mit dem stillen Gefühl: ja, das Alles ist wohl recht schön, aber das ist nichts für mich. Es hat mir diese Woche jemand gesagt: ich habe keine Zeit für die Religion. Das mag manchmal eine Ausrede sein, aber ich glaube, in vielen Fällen ist etwas dahinter. Schon ganz äußerlich: eine Hausfrau, die keine Magd halten kann, hat es z. B. schwer, am Sonntag für die Kirche frei zu werden. Nun kann man sich ja auch zu Hause gute Gedanken machen, aber nicht wahr, es ist oft eine schwere Sache, sich inmitten der dringenden Angelegenheiten des Lebens die Muße und Stimmung dazu zu bewahren? Unter Unzähligen sind die recht spärlich gesät, die es verstehen, sich durch Lektüre der Bibel oder anderer guter Bücher zu erbauen. Besondere gute Werke zur Fürsorge für die Andern, Gedanken und Arbeit für die Mission und dergleichen, das ist etwas für die, welche Zeit und Vermögen haben. So ist da ein ganzes Heer, deren Besitz an innerem Leben, an guter Gesinnung, an Ewigkeitsgedanken auf ein verschwindend kleines Maß zusammengeht. Sie können nicht sagen, wie wir Pharisäer: ich tue, was recht ist, denn sie wissen, dass sie nichts besonders Gutes und Rechtes tun, sondern nur, was nötig ist. Sie können nicht sagen: wären nur Alle wie Ich, sie denken vielmehr: gottlob, dass es Leute gibt, die sich um Alles das kümmern, worum ich mich nicht kümmern kann; sie werden schon Recht haben. Sie können auch nicht auf die Meinung kommen: ich gehöre zur geistigen Crème der Gesellschaft, sondern sie wissen, dass sie am Schwanz marschieren, und sind froh, wenn sie ohne größere Unfälle gerade so durch das Leben in dieser Welt hindurchkommen. |48 Es sind auch bei uns gar nicht bloß finanziell Arme, sondern Leute aus allen Klassen irgendwie in diesem Fall. Und wir Andern mit unsern «höhern Interessen» irgendwelcher Art denken dann auch gerne: das ist eben der große Haufe, das sind die «Viel zu Vielen», wie
Und nun kommt Jesus und sagte heute, wie er’s damals gesagt hat, nicht von den Pharisäern, nicht von uns, sondern von all diesem Volk: Selig sind sie, denn ihrer ist das Himmelreich! Selig sind sie, denn zu ihnen kann das Reich Gottes kommen, nicht trotzdem, sondern weil sie geistlich arm sind. Was hat Jesus an diesen Leuten gefunden, dass er so Großes von ihnen sagen kann? Wir müssen vor Allem antworten, dass er etwas nicht bei ihnen gefunden hat, und das ist das Selbstbewusstsein, das Ichgefühl, das in den meisten Menschen nicht verschwindet, sondern erst recht erwacht, wenn sie sich zu Frömmigkeit und guter Gesinnung, zu höhern Interessen erheben. Das kann sonderbar erscheinen, denn wir denken, dies höhere Leben bestehe so recht eigentlich in der Überwindung von allem Egoismus. Das ist auch wohl wahr. Der Mensch weiß auf dieser Stufe, dass er nicht vom Brot allein lebt [vgl.
Weiter mag es wohl in einem Sinn wahr sein, dass es gut wäre, wenn Alle Menschen «geistlich reich» wären wie wir. Das ist wahr, wenn Gott es sagt. Du bist fromm, du bist brav, du bist tiefsinnig, du bist dies und das. Wenn etwas an diesen Qualitäten ist, dann ist es allerdings Gottes Wille, dass alle Menschen so werden wie du. Aber wenn du selbst das sagst: Wären nur Alle wie ich!, dann gibst du dich einer erbärmlichen Illusion hin. Du verwechselst dann das, was Gott in dir wirkt, mit dir selber. Du wirst dann, wie wir sahen, entweder ein grämlicher Pessimist, der immer denkt: Mein Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen [vgl.
51Und endlich mag es wohl nach dem Urteil Gottes richtig sein, dass die Frommen, die innerlich Lebendigen, der Anfang einer bessern, höhern Menschheit sind. Aber wir gehören nur dazu, wenn wir nach unsrem eigenen Urteil nicht dazu gehören. Denn zu einem rechten göttlichen Leben gehört unweigerlich der Fortschritt; wir hören aber auf fortzuschreiten, sobald wir den Wahn haben, dass wir zur Elite der Menschheit gehören. Es ist schon manches Menschen Leben innerlich daran zu Grunde gegangen, dass er nicht mehr merkte, dass Andere ihm gehörig überlegen seien. Ja, dieser Elitewahnsinn war die Mauer, die schon die alten Pharisäer von Jesus trennte. Bei den «geistlich Armen» wird man ihm nicht begegnen, sie haben ja keinen Anlass dazu. Im Gegenteil: das sind die Menschen, die ganz aufs Empfangen von Andern angewiesen sind. Sie leben geistig auch nicht von der Luft, sondern von dem Wenigen, was ihnen zugänglich ist. Aber die Beobachtung ist schon oft gemacht worden, wie gerade diese Enterbten des geistigen Lebens sich das Wenige, was sie in der Schule, aus Büchern, aus Predigten oder Zeitungen erfasst haben, verarbeiten in einer Weise, wovon wir Andern, Besitzenden keine Ahnung haben. Und es wird uns aus dieser natürlichen Empfänglichkeit deutlich, warum Jesus von diesem großen Haufen der Unfrommen reden konnte als von den Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit [vgl.
Was wir gesagt haben, waren doch nur Andeutungen über die ungeheure Veränderung aller Begriffe, die durch dies Wort Jesu vollzogen wird. Aber was sollen wir dazu sagen? Ich sagte am Anfang, wir hier gehören wohl in der großen Mehrzahl auf die andre Seite, zu denen, die «geistlich Reiche» zu nennen wären. Denn wir sind in irgend einem Maß bewusste Christen, sonst wären wir wohl nicht hier, wir gehören überhaupt zu denen, die auf einen bestimmten Besitzstand von innerem Leben, von geistigen Gedanken, von frommen und überhaupt außeralltäglichen Gefühlen blicken dürfen. Was sollen wir tun, |52 wenn es nun heißt, und mit Recht heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind? Ob es das Beste wäre, alle Kirchen zu schließen, alle Arbeiten für das geistige und leibliche Gemeinwohl einzustellen, alle Bücher zu verbrennen, jeden geistig seiner Wege gehen zu lassen? Das wäre eine wörtliche, aber falsche Auslegung des Wortes Jesu. Denn das würde bedeuten eine Verleugnung und Vernachlässigung des Reichtums – nicht unsres Reichtums –, aber des Reichtums Gottes, dessen Verwalter wir sind an unserm kleinen oder großen Anteil höhern geistlichen Lebens. Der eine Knecht hat fünf Pfunde empfangen, der andre zwei, der dritte eins, mit denen sollen wir arbeiten, und wehe uns, wenn wir sie im Schweißtuch vergraben [vgl.
1. Wenn wir uns innerlich reich fühlen, wenn wir etwas besitzen in unserm Innern, wenn wir etwas leisten und ausrichten in der Welt, dann wollen wir uns sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das will sagen: mein Verdienst ist das Alles, was ich bin und habe, nicht, zu einem rechten Menschen machen mich auch die ausgezeichnetsten Qualitäten noch nicht. Sondern was mich zum rechten Menschen macht, ist das, was ich mit den Armen am Geist gemeinsam habe, die einfache Pflichterfüllung und die einfache Empfänglichkeit. Darum, wenn wir getan haben Alles, was wir zu tun schuldig sind, wollen wir sprechen: wir sind unnütze Knechte [
2. Wenn die bösen Tage kommen, wenn unser innerer Friede, unsre Freude an uns selbst gestört oder zerstört wird, dann wollen wir dankbar sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das ist dann der Fall des kranken
- Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz nach dem «Te Deum laudamus» (4. Jahrhundert), Strophen 1f.7–9 (RG 247, 1f.9–11; EG 331, 1f.9–11 [jeweils mit Textabweichungen]) - Nr. 214: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von
M. Luther , Strophen 2f.5 (RG 83; EG 299)
Jes. 42,1–16