29. Januar 1911

Predigt: Matthäus 5,3

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Matthäus 5,3
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Meine Freunde!

Man hat oft versucht auszumalen, wie es wäre, wenn Jesus in unsre heutige Welt wiederkäme und was er zu uns und unsern Verhältnissen sagen würde. Meistens hat man dabei den Nachdruck darauf gelegt, dass da die Unzähligen, die sich heute «Christen» nennen, merken würden, wie lax ihr christliches Gewissen und wie lau ihr christlicher Glaube sei. Man hat hingewiesen auf den krassen Gegensatz zwischen der formlosen Weltlichkeit der allermeisten Christen und dem unerbittlichen Ernst der sittlichen Forderungen Jesu. Dieser Gegensatz war schon die Grundidee von Sören Kierkegaard, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die kirchlichen Gläubigen Dänemarks und dann auch Deutschlands durch ein unangenehm deutliches Entweder-Oder aufschreckte.1 Und vor 10–12 Jahren hat das Büchlein eines Amerikaners, wenn ich nicht irre, namens Sheldon, betitelt «In den Fußstapfen Jesu»2, auch bei uns großes Aufsehen erregt. Es schildert sehr anschaulich in Form einer Erzählung aus dem Großstadtleben, wie es zugehen würde, wenn einmal auch nur eine Hand voll Menschen in ihrem Denken und Tun Ernst machen würden mit der Frage: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Auch da war die Meinung die, dass sich bei dieser Frage ein himmelweiter Unterschied auftun würde zwischen dem Denken und Leben der sogenannten Christen und dem |37 Denken und Leben eines wirklichen Jüngers Jesu. Wir hören da, wie ein reicher Kaufmann, ein Zeitungsredakteur, eine vornehme Dame, auch ein Pfarrer und andere Leute sich diese Frage zum Grundsatz ihres täglichen Handelns machen, wir hören, wie sie dadurch in die erstaunlichsten Konflikte mit den Menschen ihrer Umgebung kommen, die doch auch Christen zu sein meinen, und wie es sich darin zeigt, dass jener christliche Grundsatz im größten Gegensatz steht zu dem landesüblichen allgemeinen Auch-Christentum. Wir hören aber auch, wie eine solche Denk- und Handlungsweise wirken müsste auf die Menschen wie der Sauerteig im Mehl [vgl. Mt. 13,33]. Es wird erzählt, wie das öffentliche und private Leben einer ganzen Stadt davon ergriffen wird und wie daraus der Anfang eines nicht bloß gedachten und gewünschten, sondern sichtbaren und greifbaren Reiches Gottes auf Erden entsteht.

Das sind tapfere und das sind wichtige Gedanken, meine Freunde. Es steht in der Tat so, dass die Nachfolge Jesu entweder eine Veränderung, ja, eine Revolution unsres Lebens bedeutet, oder sie bedeutet gar nichts. Ein Christentum, das bloß in der sonntäglichen Erbauung eines christlichen innern Lebens bestehen wollte und nicht in der werktäglichen Erbauung eines christlichen äußern Lebens, wäre kein Christentum. Aber wenn wir den Sinn dieser Revolution recht verstehen wollen, dann müssen wir doch tiefer graben, als es in jenem sehr lesenswerten und anregenden Büchlein von Sheldon geschieht. Dort werden der Kaufmann, der Redakteur, die vornehme Dame, der Pfarrer, der Arbeiter, die Waschfrau vor die Frage geführt: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Und dabei entdecken sie dann, dass wirkliches Christentum und ihr bisheriges weltliches Leben total verschiedene Dinge sind. Das ist gut. Aber ich weiß nicht, ob ich den eigentümlich englisch-amerikanischen Geist dieser Schrift nicht verstehe, wenn ich der Meinung bin, etwas Anderes wäre noch besser und dringender, nämlich dass einmal nicht bloß die sogenannten weltlichen Christen, die Auch-Christen oder wie man die große Menge, für die Kierkegaard so böse Worte hat, nennen mag, sondern die wirklichen, die frommen Christen vor die Frage gestellt würden: Was würde Jesus dazu sagen? Zu unsrer christlichen Frömmigkeit? Zu unserm innern und äußern Leben? Zu unsrem Gemeinschafts- und Kirchenwesen? Zu unsrer christlichen Pflichterfüllung am Alltag? Zu |38 unsrer christlichen Wohltätigkeit? Wohlverstanden, ich rede jetzt nicht von oberflächlicher, äußerlicher Frömmigkeit, sondern von der rechten und aufrichtigen. Ich rede von Menschen, die in irgend einem Sinn Jesu Gebote gehört haben und bemüht sind, ihnen nachzuleben, vielleicht nicht mit der Energie, wie jener Amerikaner sie beschreibt, aber doch in der gleichen Richtung, und die in solchem Leben im Geist Jesu einen wachsenden, wertvollen innern Besitz gefunden haben. Ich hoffe, in diesem Sinn gehören wir Alle zu den aufrichtigen, rechten, bewussten Frommen. Aber was würde Jesus dazu sagen?

Es sind uns Worte von ihm erhalten, die sind geeignet, im Leben gerade der aufrichtigen Frommen noch ganz andere Revolutionen hervorzubringen als jene Veränderungen im Weltleben der Auch-Christen und Namenchristen. Zu diesen Worten gehört die erste Seligpreisung der Bergpredigt, die wir eben gehört haben. Selig sind, die da geistlich arm sind. Das heißt nicht: Selig sind die Beschränkten und Unwissenden!, auch nicht: Selig sind die Reinen!, wie man etwa schon hat auslegen wollen,3 sondern, ob es uns gefällt oder nicht: Selig sind, die wissen, dass sie nicht fromm sind! Ich meine, wenn wir uns vor ein solches Wort Jesu stellen, merken wir, dass zwischen ihm und uns bewussten Christen vielleicht ein ebenso großer Gegensatz besteht wie4 zwischen ihm und den oberflächlichen Auch-Christen, ja, wer weiß, ob sich nicht das ganze Verhältnis umkehrt, ob nicht jene an die erste Stelle rücken und wir an die zweite. Auf alle Fälle werden wir |39 angesichts eines solchen Wortes gerade mit unserer bewussten, aufrichtigen Frömmigkeit vor eine Frage gestellt, die weit tiefgehender und schwerer ist als die Frage, ob unser äußeres Leben im Beruf und im Verkehr mit den Menschen Jesusmäßiger Art sei. Ich will’s versuchen, diese Frage an einigen Beispielen klar zu machen.

Ihr erinnert euch an das Calvinjubiläum, das vor zwei Jahren hier gefeiert wurde.5 Und ihr erinnert euch an die Protestbewegung gegen die Enzyklika des Papstes im vergangenen Sommer.6 Beides waren Anlässe, bei denen es zum Ausdruck kam, dass Unzählige freudig und bewusst auf ihr protestantisches Christentum etwas halten. Wir brauchen uns jetzt nicht dabei aufzuhalten, dass allerlei Phrase und Mache hier wie dort dabei war. Es besteht doch kein Zweifel, dass im einen wie im andern Fall ein Kern von aufrichtigem, frommem Enthusiasmus zum Vorschein kam. Aber ich will jetzt nur einmal die Frage aufstellen: Was würden alle diese aufrichtigen und bewussten Protes|40tanten gesagt haben, wenn jetzt plötzlich Jesus unter sie getreten wäre mit dem Wort: Selig sind, die da geistlich arm sind! Selig sind, die wissen, dass sie nicht fromm sind! Ob man wohl getrosten Gewissens dies Wort über unsre Aufrufe und Resolutionen hätte schreiben können? – Oder denkt an eine Evangelisationsversammlung7, wie ihr sie wohl Alle schon mitgemacht habt. Da sind auf der einen Seite die Getreuen und Überzeugten, die nun mit dem Neuen Testament in der Hand bemüht sind, die Andern, die Nicht-Überzeugten, die «Ungläubigen», wie man wohl zu sagen pflegt, herüberzuziehen. Denkt euch, Jesus käme in eine solche Versammlung und würde das eine Wort sprechen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Ja, da ist doch mindestens Anlass zu fragen: Auf welcher Seite steht er nun, auf Seite der «Gläubigen», die wissen, dass sie fromm sind, oder auf Seite der «Ungläubigen», die wissen, dass sie nicht fromm sind?

Oder da ist ein Mann, der sein ganzes Leben irgend einem guten Werk gewidmet hat. Er will nicht da sein, um sein Brot zu verdienen, sondern er will dem Herrn dienen, vielleicht an der Jugend, vielleicht an den Armen, vielleicht an den Trinkern. Wenn irgend einer bewusst mit der Frömmigkeit praktischen Ernst macht, so ist er’s. Und nun träte Jesus zu ihm und sagte ihm: Selig sind, die da geistlich arm sind! Was dann? Ich will die Frage nicht beantworten, aber ich stelle sie.

Oder ich will einmal mich selbst als Beispiel nehmen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und studiere ein gutes Buch. Ich spüre es förmlich, wie ich daran wachse und zunehme, ich sehe Dinge, ich begreife Zusammenhänge, die ich vorher nicht gesehen und begriffen. Ich merke, wie sich über alledem ein gewisser Reichtum nicht nur an guten Gedanken, sondern an Leben in mir sammelt. Sagte ich nicht eben Reichtum? Und wenn nun plötzlich Jesus zu mir käme und sagte das Eine zu mir: Selig sind, die da geistlich arm sind. Was würde ich ihm antworten?

41Oder nehmen wir als Beispiel uns Alle, wie wir hier versammelt sind. Wir sind dabei, uns zu «erbauen», wie man das wohl zu nennen pflegt. Wir möchten hier durch Singen und Beten und Anhören des Wortes eine Art religiöser Nahrung zu uns nehmen, oder ein kleines Stück Gold, das wir dann während der Arbeit und Sorge der Woche ausmünzen möchten. Das gelingt uns nicht immer, vielleicht gehen wir öfters leer aus als befriedigt; aber wir wollen einmal annehmen, es gelingt uns. Irgend ein richtiger Gedanke oder ein tiefes Gefühl hat uns ergriffen. Du sagst zur Nachbarin: Heute habe ich etwas bekommen und genommen, und erfüllt davon gehst du zur Tür hinaus. Aber unter der Türe begegnet dir Jesus und sagt wieder nur das Eine: Selig sind, die da geistlich arm sind! Ja, ist das nicht gerade das Gegenteil von der Erbauung, daran du dich jetzt freust?

Ich wollte mit dem Allem zunächst nur sagen, dass es nicht nur bei dem Leben und Treiben der sogenannten Weltleute, sondern auch bei unserm Besten, bei unsrer Frömmigkeit, mindestens ein gewisses Befremden, einen dunklen Gegensatz gibt, wenn wir mit der Frage: Was würde Jesus dazu sagen? daran herantreten. Und ihr werdet mit dem einverstanden sein, was ich sagte, dass es wichtig und dringend ist, zu fragen, was würde Jesus zu meinem Tun und Denken im Bureau und in der Werkstatt, im Gesellschaftszimmer und in der Küche sagen, dass es aber noch dringender und noch wichtiger ist, zu fragen: was sagt er zu meinen aufrichtig frommen und erhabenen Augenblicken, überhaupt zu der kleinen oder großen Seite in unserm Wesen, die wir Gott zugewendet haben, zu dem spärlichen oder reichlichen Besitz an geistlichem Leben, den wir gesucht und gefunden haben? Er sagt dazu: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wir müssen merken und verstehen, warum uns das gegen den Strich geht und warum es doch wahr ist. Und die zweite Revolution, die es bei diesem Merken und Verstehen Jesus gegenüber dann gibt, wird sich als gründlicher und folgenschwerer erweisen als irgend eine andre.

*   *   *

Zuerst wollen wir sehen, warum uns dies Wort: Selig sind, die da geistlich arm sind, gegen den Strich geht. Wir würden sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind. Gerade das sagten die aufrichtigen From|42men zur Zeit Jesu auch. Und diese aufrichtigen Frommen der damaligen Zeit waren die berühmten Pharisäer. Es ist über diese Pharisäer in unzähligen christlichen Predigten viel Böses gesagt worden. Wir sind es vom Schulunterricht her gewöhnt, von ihnen zu denken und zu reden als von einer Bande von ausgemachten Muckern und Heuchlern. Es hat sogar einen gewissen Reiz zu beobachten, wie manche Christen zu den Pharisäern des Neuen Testaments akkurat dieselbe Stellung einnehmen, wie der Pharisäer im Tempel zum Zöllner [vgl. Lk. 18,9–14]: Gott, ich danke dir, dass ich kein Dieb und Mörder bin und auch kein Pharisäer. In Wirklichkeit steht die Sache so, dass weitaus die meisten aufrichtigen Frommen unsrer Zeit damals höchst wahrscheinlich zu den Pharisäern gehört hätten. Pharisäer heißt nämlich auf Deutsch einfach «die Eifrigen»8, und der Eifer dieser Leute war so wenig wie der Eifer der Frommen von heutzutage ohne Weiteres Heuchelei. Sondern sie waren mit aufrichtigem Fleiß dabei, Alles zu tun, was ein frommer Mensch tun muss. Sie standen innerlich unter dem Eindruck der gewaltigen Notwendigkeit, dass der Mensch Gott irgendwie gehorchen müsse. Und gerade wie es in jenem amerikanischen Büchlein in christlichem Sinn geschieht, so betonten sie in ihrem Sinn: der Gehorsam gegen Gott müsse ein Gehorsam des täglichen Lebens sein. Und so schnürten sie selbst ihr ganzes Dasein ein in ein Netzwerk von hunderterlei großen und kleinen Geboten über die Reinheit, über den Sabbat, über das Gebet, über das Almosengeben. Ein richtiger Pharisäer konnte kaum einen Schritt tun oder eine Hand rühren, ohne an die Beobachtung dieses oder jenes Gottesgebotes zu denken. Und das war nicht bloß ein schöner Grundsatz, sondern da waren wirklich zahlreiche Menschen – nicht bloß Schriftgelehrte, wie wir leicht denken, sondern Leute aus verschiedenen Berufsarten –, die solche richtigen Pharisäer waren und ihr Leben mit peinlichster Gewissenhaftigkeit danach einrichteten. Ich erinnerte eben an die Schrift von Sheldon9. |

43Es besteht da aber noch eine weitere Ähnlichkeit. Auch die Pharisäer, die Eifrigen zur Zeit Jesu, hatten für ihr Tun noch einen andern Grund als den Gedanken, dass der Mensch Gott gehorchen müsse. Auch sie machten sich folgende Überlegung: Wenn einmal ganz Israel so leben wird wie wir, dann ist das Reich Gottes nicht mehr bloß ein schöner Wunsch, sondern dann wird es eine sichtbare, greifbare Wirklichkeit. Und darum sind wir, die jetzt so eifrig tun, was das Gesetz befiehlt, der hoffnungsvolle Anfang des sichtbaren Gottesreiches, eine schöne Insel inmitten der bösen Welt. Ja, ich wiederhole es: die Grundsätze der Pharisäer, die Stimmungen und Hoffnungen, die sie dabei bewegten, waren etwas durchaus Ernsthaftes und Aufrichtiges, und gerade wenn wir auch gern aufrichtig fromm sein möchten, haben wir gar keinen Anlass, schnell zu sagen: Ich bin kein Pharisäer!, sondern wir tun besser, uns zu überlegen, wie weit etwa unsre Grundsätze und Stimmungen mit denen jener Leute verwandt sein möchten. Gewiss, es kommt uns heute merkwürdig vor, dass die Frömmigkeit in korrektem Gehorsam gegen Gebote über das Händewaschen, über die Arbeitsruhe am Sonntag, über das Verzehnten des Besitzes und dergleichen bestehen soll. Wir sind auch sehr schnell bereit, über Alle, deren Christentum sich unter Anderem in dergleichen äußern Dingen ausdrückt, z. B. im regelmäßigen Kirchenbesuch, den Stab zu brechen. Insofern sind wir gewiss keine Pharisäer. Aber dieser Unterschied ist gar nicht so wesentlich, als wir leicht denken. Wenn wir sagen: Gottlob, ich bin kein Pharisäer und kein Pietist, und denken dabei an solche Dinge, so sind wir selbst viel äußerlicher, als wir meinen. Sondern das Wesen des Pharisäers besteht darin, dass er Folgendes denkt: 1. ich tue, was recht ist, 2. wenn einmal alle Menschen tun würden wie ich, dann wäre die Welt in Ordnung, 3. weil noch nicht alle Menschen so tun wie ich, so bin ich mit meinem Tun der hoffnungsvolle Anfang einer bessern Welt. Ich denke, in diesem Spiegel können wir uns Alle mit unsrer Frömmigkeit, unsrer aufrichtigen Frömmigkeit, meine ich, wiedererkennen. Es können sich sogar solche darin wiedererkennen, deren Religion in dem berühmten Grundsatz besteht: Tue recht und scheue niemand!10 |

44Wir denken auch: 1. Ich tue, was recht ist. In der verschiedensten Weise. Der Erste sagt: Ich bin ein guter Protestant und stehe zu meiner Sache. Der Zweite sagt: Ich habe den rechten alten Glauben und weiche nicht davon. Der Dritte sagt: Ich bin ein braver, brauchbarer Mann, ich denke fast gar nicht an mich und fast nur an die Andern. Der Vierte sagt: Ich bin gescheit und mache mir über Gott und Welt meine eigenen, tiefen Gedanken. Der Fünfte sagt: Ich arbeite den ganzen Tag und verdiene ehrlich und redlich mein Brot. Wir denken aber auch: 2. Die Welt wäre bald in Ordnung, wenn einmal Alle so wären wie ich. Es gibt nichts Naheliegenderes und Beseligenderes für uns, wenn wir einmal angefangen haben, Gott oder unserm Gewissen, oder wie wir’s nennen wollen, zu gehorchen, als dieser Gedanke: Wären nur Alle wie ich. Dabei teilen sich die Menschen in Pessimisten und Optimisten. Auch unter den alten Pharisäern hat es beiderlei gegeben. Die Einen denken es mürrisch und verdrießlich: Ach, leider Gottes, es geht krumm mit der Welt; es sind eben nicht alle wie ich. Besonders unter alten Leuten ist diese Klasse reichlich vertreten. Die Andern, die Optimisten, in der Regel wohl die Jungen, denken: Die Welt muss aber werden wie ich! und gehen dann mit ihren Ideen und Lehren und Unternehmungen ins Zeug, um die Welt in Ordnung zu bringen. Und weil wir so denken, denken wir wie die alten Pharisäer auch: 3. Ich bin der erfreuliche Anfang einer bessern Welt. Mag Alles um mich herum erbärmlich und schlecht und langweilig sein – ich stehe fest wie der Fels im Meer, denken wir. Ich rage mit meinem innern Besitz über die Dutzendköpfe der großen Menge heraus. Ich bin etwas Anderes, Besseres als sie. Ich bin ein Wellenbrecher des heiligen Geistes oder des Fortschritts inmitten eines argen Geschlechts.

45Meine Freunde, wenn das die eigentlichen Kennzeichen des Pharisäers sind, und es sind sie, dann werden doch wohl wenige von uns den Mut haben zu behaupten: Ich gehöre ganz und gar nicht zu dieser Gesellschaft. Von mir selbst müsste ich wenigstens bekennen, dass ich öfter dazu als nicht dazu gehöre. Und darum meinte ich: Wir würden wie die alten Pharisäer sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind, selig sind, die das Rechte tun und niemand scheuen, die gute Überzeugungen und Grundsätze haben und danach tun. Selig sind die Frommen, die Gesinnungstüchtigen, die Ehrenmänner, die Gemeinnützigen, die Tiefsinnigen, die moralisch Gebildeten. In alle diese Gedanken hinein, die den Meisten von uns wohl gar nicht pharisäisch vorkommen, weil sie uns fast so selbstverständlich sind wie die Luft, kommt nun das Wort Jesu: Selig sind, die da geistlich arm sind! hinein wie ein Klang aus einer andern Welt. Er trifft uns umso erstaunlicher und befremdender, als wir ja mit unsrer Frömmigkeit und Tüchtigkeit bereits in der andern, bessern Welt zu sein glaubten. Wir sind ja nicht mehr leichtsinnig und oberflächlich, nicht mehr faul und genusssüchtig, sondern wir tun, was recht ist, und haben das zugehörige Bewusstsein davon. Und nun werden uns auf einmal alle Maßstäbe umgekehrt und es heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wenn wir an diesem Wort noch nie Anstoß genommen haben, dann sind wir uns selbst und dem Evangelium Jesu noch nicht auf den Grund gekommen.

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Wir wollen jetzt sehen, wie Jesus dies Wort gemeint hat und warum er doch Recht hat. Jesus hat unter den Menschen seiner Zeit und seiner Umgebung Leute gesehen, die waren schlechterdings nicht fromm, deren inneres und äußeres Leben war das direkte Gegenteil von dem aufrichtigen Eifer der Pharisäer. Das waren die Leute, die aus irgend einem Grund Alles das oder das Meiste von dem nicht tun konnten, was damals als das Tun eines frommen Menschen galt. Da waren zunächst ganz einfach die äußerlich Armen, deren ganzes Leben darauf gerichtet sein musste, ihr spärliches Brot zu verdienen. Ja, unter solchen Umständen war es wohl schwer oder unmöglich, die minutiösen Vorschriften z. B. über den Sabbat innezuhalten. Da waren überhaupt die kleinen, vielbeschäftigten Leute. Wo sollten [sie] die Muße und |46 Stimmung hernehmen zu den umständlichen Reinigungen und Gebeten und Fastenübungen, wie das Gesetz und seine Auslegungen sie von einem gläubigen Israeliten forderten? Da waren aber auch besser situierte Leute wie die besonders berühmt gewordenen Zollbeamten, israelitische Leute, die im Dienste des verhassten römischen Oberherrn und seiner fürstlichen Vasallen standen und schon dadurch verdächtig waren, denen es überdies erst recht unmöglich sein musste, das Gesetz innezuhalten, wie es sich gebührte, kamen sie doch durch ihr Amt beständig in Berührung mit den für unrein gehaltenen Heiden und waren außer Stande, das alle Tage wieder in der vorgeschriebenen Weise gutzumachen. Weiter waren da die Samariter, ein unter den Juden lebendes halbjüdisches Volk, die zwar denselben Gott verehren wollten wie Israel; aber von den Gottesdiensten im Tempel zu Jerusalem wollten sie nichts wissen.11 So gab’s eine ganze Menschenklasse in Israel, die der rechten Frömmigkeit einfach fernstand, und wenn wir die gewiss Unzähligen hinzunehmen, die sich zwar bemühten, Eifrige zu sein, die aber im täglichen Leben der Fülle von göttlichen Geboten einfach nicht nachkommen konnten, so können wir sagen, dass wahrscheinlich die ungeheure Mehrzahl im Lande zu dieser Klasse gehörte. Die Frommen aber, die Pharisäer, hatten für diese Mehrzahl der Unfrommen einen bezeichnenden Ausdruck; sie nannten sie «den großen Haufen, der nichts vom Gesetz weiß». Und es ist uns überliefert, dass es unter ihnen üblich war, noch deutlicher davorzusetzen: «Verflucht ist der große Haufe, der nichts vom Gesetz weiß» [vgl. Joh. 7,49]. Das bedeutete wohl weniger, wie es nach unsrem Sprachgebrauch klingt, dass sie sie geradezu hassten, wohl aber, dass sie aus der beträchtlichen Höhe ihres geistlichen Reichtums, ihrer rechtschaffenen Frömmigkeit, mit großem Bedauern und tiefer Geringschätzung auf jene geistlich Armen herunterblickten.12 |

47Solche geistlich Armen stehen auch uns Pharisäern von heutzutage gegenüber. Es gibt Unzählige, die stehen alledem, was wir Frömmigkeit, gute Gesinnung, bürgerliche Ehrbarkeit und Brauchbarkeit, religiöse und moralische Bildung nennen, gegenüber mit dem stillen Gefühl: ja, das Alles ist wohl recht schön, aber das ist nichts für mich. Es hat mir diese Woche jemand gesagt: ich habe keine Zeit für die Religion. Das mag manchmal eine Ausrede sein, aber ich glaube, in vielen Fällen ist etwas dahinter. Schon ganz äußerlich: eine Hausfrau, die keine Magd halten kann, hat es z. B. schwer, am Sonntag für die Kirche frei zu werden. Nun kann man sich ja auch zu Hause gute Gedanken machen, aber nicht wahr, es ist oft eine schwere Sache, sich inmitten der dringenden Angelegenheiten des Lebens die Muße und Stimmung dazu zu bewahren? Unter Unzähligen sind die recht spärlich gesät, die es verstehen, sich durch Lektüre der Bibel oder anderer guter Bücher zu erbauen. Besondere gute Werke zur Fürsorge für die Andern, Gedanken und Arbeit für die Mission und dergleichen, das ist etwas für die, welche Zeit und Vermögen haben. So ist da ein ganzes Heer, deren Besitz an innerem Leben, an guter Gesinnung, an Ewigkeitsgedanken auf ein verschwindend kleines Maß zusammengeht. Sie können nicht sagen, wie wir Pharisäer: ich tue, was recht ist, denn sie wissen, dass sie nichts besonders Gutes und Rechtes tun, sondern nur, was nötig ist. Sie können nicht sagen: wären nur Alle wie Ich, sie denken vielmehr: gottlob, dass es Leute gibt, die sich um Alles das kümmern, worum ich mich nicht kümmern kann; sie werden schon Recht haben. Sie können auch nicht auf die Meinung kommen: ich gehöre zur geistigen Crème der Gesellschaft, sondern sie wissen, dass sie am Schwanz marschieren, und sind froh, wenn sie ohne größere Unfälle gerade so durch das Leben in dieser Welt hindurchkommen. |48 Es sind auch bei uns gar nicht bloß finanziell Arme, sondern Leute aus allen Klassen irgendwie in diesem Fall. Und wir Andern mit unsern «höhern Interessen» irgendwelcher Art denken dann auch gerne: das ist eben der große Haufe, das sind die «Viel zu Vielen», wie Nietzsche sagte,13 das sind die Gleichgiltigen, die Oberflächlichen, die Langweiligen, die Unnützen und Unerfreulichen. Zum Glück gehöre ich nicht dazu, denken wir.

Und nun kommt Jesus und sagte heute, wie er’s damals gesagt hat, nicht von den Pharisäern, nicht von uns, sondern von all diesem Volk: Selig sind sie, denn ihrer ist das Himmelreich! Selig sind sie, denn zu ihnen kann das Reich Gottes kommen, nicht trotzdem, sondern weil sie geistlich arm sind. Was hat Jesus an diesen Leuten gefunden, dass er so Großes von ihnen sagen kann? Wir müssen vor Allem antworten, dass er etwas nicht bei ihnen gefunden hat, und das ist das Selbstbewusstsein, das Ichgefühl, das in den meisten Menschen nicht verschwindet, sondern erst recht erwacht, wenn sie sich zu Frömmigkeit und guter Gesinnung, zu höhern Interessen erheben. Das kann sonderbar erscheinen, denn wir denken, dies höhere Leben bestehe so recht eigentlich in der Überwindung von allem Egoismus. Das ist auch wohl wahr. Der Mensch weiß auf dieser Stufe, dass er nicht vom Brot allein lebt [vgl. Mt. 4,4], der Blick eröffnet sich ihm auf die Genüsse des geistigen Lebens, zu diesen Genüssen gehört es dann auch, dass er ein soziales Wesen sein darf, dass er arbeitend eingreifen darf in die große Maschinerie der menschlichen Gesellschaft. Der sinnliche Egoismus des natürlichen Menschen scheint in der Tat beseitigt. Und doch ist er’s tatsächlich noch nicht; er lauert auf dieser höhern Stufe in einer höhern, gefährlicheren Form als das Selbstbewusstsein der Frömmigkeit und Gesinnungstüchtigkeit. Das Bild der alten und neuen Pharisäer zeigt uns diese gefährlichere, weil verhüllte Form des Egoismus. Ihr habt vielleicht beachtet, welche Rolle bei der Schilde|49rung, die wir machten, das Wörtlein Ich spielte: Ich tue, was recht ist, täten nur Alle wie Ich, Ich bin die schöne Insel im Meer der bösen Welt!! Ich, Ich, Ich! Und dieses Ich des Frommen und des braven Mannes ist vom Reiche Gottes unendlich viel ferner als der naive Egoismus des zweifelichen14 Menschen, der einen Tag um den Andern verlebt um seines Brotes willen. Denn es ist wohl gut, wenn ich tue, was recht ist, aber wenn ich nun darum weiß, wenn ich betone: Ich tue, was recht ist, dann ist das das Zeichen, dass mir im Grunde das Tun des Rechten das Zweitwichtige ist, oder vielmehr: dass es für mich nur das Relief bildet, von dem sich die Trefflichkeit meiner Person vorteilhaft abheben soll. Und darunter leidet dann das Tun des Rechten. Das sah man bei den alten Pharisäern. Sie taten, was Gottes Gebote befehlen, aber sie wussten auch: wir sind die, die Gottes Gebote erfüllen, und darüber wurde ihre Gerechtigkeit vor Gott im Nu zur Ungerechtigkeit. Denn weil es ihnen bei ihrem ganzen Gottesdienst mehr auf sich selbst ankam als auf Gott, machte es ihnen keine Beschwerde, neben der exaktesten Pflichterfüllung hart und lieblos gegen Witwen und Waisen zu sein. Und gerade so geht es uns auch. Das Bewusstsein: ich bin der fromme, tüchtige, brauchbare, fortgeschrittene Mann vergiftet unsre besten Grundsätze. Unsre Arbeit wird dadurch zur Routine, unsre Ideen werden zu wertlosen Halluzinationen, unsre Gefühle zu inhaltlosen Spielereien. Und darum ist Jesus mit Recht der Meinung gewesen: Selig sind Alle die, die aus guten Gründen nicht sagen können: Ich tue das Rechte. Die sind dem Himmelreich ganz nahe. Denn denen fehlt jenes Ichgefühl, das das größte Hindernis ist für das Himmelreich. Gewiss, sie stecken tief in Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, und diesen Zustand wollte Jesus weder bestätigen noch beschönigen, aber durch diesen Zustand ist ihnen auch all die innere Gloriole genommen, mit der wir unser besseres Ich so gern umgeben und durch die wir nur weiter vom Ziel kommen. Sie sind davon weg und zurückgedrängt auf ein, fast möchte ich sagen, unbewusstes Tun des Rechten. Was ist göttlicher, das Tun eines amerikanischen Milliardärs, der am Ende seines Lebens sein Vermögen an gemeinnützige Werke vergibt, oder das Tun einer alten Frau, die mir sagte: ich bin jetzt 70 Jahre alt, ich hätte es nicht mehr absolut nötig zu arbeiten, aber ich muss arbei|50ten, ich könnte nicht anders? Was ist göttlicher, das innere Leben eines aufrichtig frommen Menschen, der täglich bewusst mit Gott verkehrt und redet, oder die reine Liebe und Anhänglichkeit zueinander, die ich bei einem Ehepaar in einem Hinterhof angetroffen habe, das seine Jugendliebe um ein halbes Jahrhundert hinter sich hat? Ist da Frömmigkeit? Ist da tüchtige Gesinnung? Ist da irgend etwas Hervorragendes? Nein, aber da ist das Himmelreich.

Weiter mag es wohl in einem Sinn wahr sein, dass es gut wäre, wenn Alle Menschen «geistlich reich» wären wie wir. Das ist wahr, wenn Gott es sagt. Du bist fromm, du bist brav, du bist tiefsinnig, du bist dies und das. Wenn etwas an diesen Qualitäten ist, dann ist es allerdings Gottes Wille, dass alle Menschen so werden wie du. Aber wenn du selbst das sagst: Wären nur Alle wie ich!, dann gibst du dich einer erbärmlichen Illusion hin. Du verwechselst dann das, was Gott in dir wirkt, mit dir selber. Du wirst dann, wie wir sahen, entweder ein grämlicher Pessimist, der immer denkt: Mein Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen [vgl. Joh. 1,5]. Oder du wirst ein oberflächlicher Optimist, der meint, es werde schon Alles gut kommen dadurch, dass du den Mund auftust. Beides fließt aus derselben Einbildung, als ob es in der Welt auf unsre kleinen Persönchen ankomme und nicht auf Gott. Die, welche wissen: ich bin nicht fromm, ich bin nicht brav, ich bin nicht tiefsinnig, sind auch hier der Wahrheit näher. Man kann da beobachten, dass Leute, die von Lebensphilosophie gar nichts wissen, denen das Wort «Gott» vielleicht seit ihrer Konfirmation nicht mehr über die Lippen gekommen ist, tatsächlich die großartigere, und ich sage ausdrücklich: tatsächlich die frommere Weltanschauung haben als die Philosophen und die Frommen. Sie wissen: auf mich kommt es nicht an, gottlob gibt es bessere Leute als ich, sie wissen: die Welt kann es ohne mich machen, ich bin in der ganzen Maschine ein sehr kleines, unbedeutendes Rad, das auch fehlen könnte. Aber wenn wir die Sache mit den Augen Gottes übersehen könnten, würden wir merken, dass die Welt es doch nicht ohne sie machen könnte; denn das kleine Rad läuft, der Schuhmacher und die Waschfrau tun ihre Pflicht, ohne links noch rechts zu sehen. Sie haben keine Gesinnungen und keine Ideen dabei, sie tun nichts besonders Hervorragendes damit, sie sind geistlich arm, daran besteht kein Zweifel; aber ihrer ist das Himmelreich, sie sind Gottesmenschen, weil sie wissen, dass sie es nicht sind.

51Und endlich mag es wohl nach dem Urteil Gottes richtig sein, dass die Frommen, die innerlich Lebendigen, der Anfang einer bessern, höhern Menschheit sind. Aber wir gehören nur dazu, wenn wir nach unsrem eigenen Urteil nicht dazu gehören. Denn zu einem rechten göttlichen Leben gehört unweigerlich der Fortschritt; wir hören aber auf fortzuschreiten, sobald wir den Wahn haben, dass wir zur Elite der Menschheit gehören. Es ist schon manches Menschen Leben innerlich daran zu Grunde gegangen, dass er nicht mehr merkte, dass Andere ihm gehörig überlegen seien. Ja, dieser Elitewahnsinn war die Mauer, die schon die alten Pharisäer von Jesus trennte. Bei den «geistlich Armen» wird man ihm nicht begegnen, sie haben ja keinen Anlass dazu. Im Gegenteil: das sind die Menschen, die ganz aufs Empfangen von Andern angewiesen sind. Sie leben geistig auch nicht von der Luft, sondern von dem Wenigen, was ihnen zugänglich ist. Aber die Beobachtung ist schon oft gemacht worden, wie gerade diese Enterbten des geistigen Lebens sich das Wenige, was sie in der Schule, aus Büchern, aus Predigten oder Zeitungen erfasst haben, verarbeiten in einer Weise, wovon wir Andern, Besitzenden keine Ahnung haben. Und es wird uns aus dieser natürlichen Empfänglichkeit deutlich, warum Jesus von diesem großen Haufen der Unfrommen reden konnte als von den Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6], ja, als von den Stürmern und Drängern, die das Himmelreich mit Gewalt an sich reißen [vgl. Mt. 11,12]. Selig sind sie, sagt er, sie sind geistlich arm, aber weil sie geistlich arm sind, ist ihrer das Himmelreich.

*   *   *

Was wir gesagt haben, waren doch nur Andeutungen über die ungeheure Veränderung aller Begriffe, die durch dies Wort Jesu vollzogen wird. Aber was sollen wir dazu sagen? Ich sagte am Anfang, wir hier gehören wohl in der großen Mehrzahl auf die andre Seite, zu denen, die «geistlich Reiche» zu nennen wären. Denn wir sind in irgend einem Maß bewusste Christen, sonst wären wir wohl nicht hier, wir gehören überhaupt zu denen, die auf einen bestimmten Besitzstand von innerem Leben, von geistigen Gedanken, von frommen und überhaupt außeralltäglichen Gefühlen blicken dürfen. Was sollen wir tun, |52 wenn es nun heißt, und mit Recht heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind? Ob es das Beste wäre, alle Kirchen zu schließen, alle Arbeiten für das geistige und leibliche Gemeinwohl einzustellen, alle Bücher zu verbrennen, jeden geistig seiner Wege gehen zu lassen? Das wäre eine wörtliche, aber falsche Auslegung des Wortes Jesu. Denn das würde bedeuten eine Verleugnung und Vernachlässigung des Reichtums – nicht unsres Reichtums –, aber des Reichtums Gottes, dessen Verwalter wir sind an unserm kleinen oder großen Anteil höhern geistlichen Lebens. Der eine Knecht hat fünf Pfunde empfangen, der andre zwei, der dritte eins, mit denen sollen wir arbeiten, und wehe uns, wenn wir sie im Schweißtuch vergraben [vgl. Lk. 19,12–26]. – Wohl aber wollen wir uns die wahre Meinung Jesu mit der ganzen Gewalt, die in seinem Wort liegt, ins Herz schreiben lassen in doppeltem Sinn:

1. Wenn wir uns innerlich reich fühlen, wenn wir etwas besitzen in unserm Innern, wenn wir etwas leisten und ausrichten in der Welt, dann wollen wir uns sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das will sagen: mein Verdienst ist das Alles, was ich bin und habe, nicht, zu einem rechten Menschen machen mich auch die ausgezeichnetsten Qualitäten noch nicht. Sondern was mich zum rechten Menschen macht, ist das, was ich mit den Armen am Geist gemeinsam habe, die einfache Pflichterfüllung und die einfache Empfänglichkeit. Darum, wenn wir getan haben Alles, was wir zu tun schuldig sind, wollen wir sprechen: wir sind unnütze Knechte [Lk. 17,10]. Denn die Gerechtigkeit des Menschen vor Gott steht nicht im Besitzen, sondern im Erwerben.

2. Wenn die bösen Tage kommen, wenn unser innerer Friede, unsre Freude an uns selbst gestört oder zerstört wird, dann wollen wir dankbar sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das ist dann der Fall des kranken Paulus, dessen Gebet nicht erhört wurde [vgl. 2.Kor. 12,8f.15], wo wir durch den Untergang unsres innern Reichtums zurückgeführt werden auf das Eine, was not ist [vgl. Lk. 10,42], auf den spärlichen Anfang von Gottesvertrauen und Gottesgehorsam in uns, auf die heilsame Gnade Gottes, die uns in Christus erschienen ist [vgl. |53 Tit. 2,11]. In diesem spärlichen Anfang ist das Himmelreich für uns Alle, für die geistlich Armen und für die geistlich Reichen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz nach dem «Te Deum laudamus» (4. Jahrhundert), Strophen 1f.7–9 (RG 247, 1f.9–11; EG 331, 1f.9–11 [jeweils mit Textabweichungen]) 🎵
  • Nr. 214: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther, Strophen 2f.5 (RG 83; EG 299) 🎵
Lesungstext:
  • Jes. 42,1–16

Sachfußnoten

1
[S. Kierkegaard], Enten – Eller. Et Livs-Fragment, udgivet af V. Eremita, 2 Teile, Kopenhagen 1843; eine deutsche Übersetzung erschien erstmals 1885: Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, hrsg. von V. Eremita (S. Kierkegaard), 2 Teile, Leipzig 1885 📖.↩
2
Ch. M. Sheldon, In His Steps: What Would Jesus Do?, New York 1896 📖, dt.: In seinen Fußtapfen. Was würde Jesus thun?, übers. von E. Pfannkuche, Göttingen 1900 📖; schon 1911 vielfach wiederabgedruckt und bis heute weltweit in 30 Millionen Exemplaren verbreitet.↩
3
Vgl. etwa J. O. Thieß, Das Neue Testament oder die heiligen Bücher der Christen. Neu übersetzt mit einer durchaus anwendbaren Erklärung, Bd. I: Matthäus, Leipzig / Gera 17942, S. 155 📖: «Das sind, sagt er zuerst, ‹die arm am Geiste sind, Menschen, deren Geist bis dahin nicht sehr bearbeitet worden ist, die nicht viele Kenntnisse, auch von der Religion, nach dem hergebrachten Lehrbegriffe nämlich, erlangt haben […]›»; R. Falke, Buddha – Mohammed – Christus: ein Vergleich der drei Persönlichkeiten und ihrer Religionen, Teil 2: Vergleich der drei Religionen, Gütersloh 1897, S. 29 📖: «Zahllos sind seine Kinder. Es sind die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die reines Herzens sind, die Friedfertigen, die um seinetwillen Verfolgten. Alle diese bilden sein Reich auf Erden; sie tragen dasselbe inwendig in sich. Für den Reichen ist es schwer hineinzukommen, man muß es annehmen wie ein Kind. Den kindlich Reinen, den Unmündigen offenbart er sich am liebsten, aber den Klugen und Weisen verbirgt er sich.»↩
4
Mskr.: doppeltes «wie» am Ende und Beginn einer Zeile.↩
5
Vom 2. bis 7. Juli 1909 fanden in Genf Feierlichkeiten anlässlich des 400. Geburtstags Johannes Calvins statt. Vgl. Les Jubilés de Genève en 1909, fasc. 1–3, Genf 1909 📖; M. Sallmann, Reformatoren und Heilige als Brennpunkte konfessioneller Gedächtniskulturen: Martin Luther, Karl Borromäus und Johannes Calvin im Vergleich, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Jg. 103 (2009), S. 99–116, dort S. 111–114 📖.↩
6
Die 300. Wiederkehr der Heiligsprechung von Karl Borromäus hatte Papst Pius X. 1910 zum Anlass genommen, die antimodernistische Enzyklika «Editae saepe» zu erlassen, die sog. «Borromäus-Enzyklika», in der die Reformation als Wurzel des Modernismus gebrandmarkt und die Reformatoren als «Feinde des Kreuzes Christi» und Menschen «mit irdischer Gesinnung, deren Gott der Bauch war», bezeichnet wurden. Die Proteste vor allem in Deutschland gegen diese Enzyklika waren nach dem Bekanntwerden solcher Auszüge so groß, dass von der Veröffentlichung einer amtlichen deutschen Übersetzung abgesehen wurde (lat. Text: AAS 2 [1910], S. 357–380 📖). Insgesamt nicht im selben Ausmaß kam es auch in der Schweiz, und hier vor allem in Genf, zu Protestkundgebungen und polemischen Reaktionen wie der des Dogmatikers und Pastors an St. Pierre, Georges Fulliquet (1863–1924), der am 24. Juni 1910 einen Vortrag vor über 2000 Zuhörern hielt; vgl. M. Delgado, Die Borromäus-Enzyklika «Editae saepe» Pius’ X. vom 26. Mai 1910 und die Folgen, in: Karl Borromäus und die katholische Reform. Akten des Freiburger Symposiums zur 400. Wiederkehr der Heiligsprechung des Schutzpatrons der katholischen Schweiz, hrsg. von M. Delgado / M. Ries (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte, 13), Freiburg/CH / Stuttgart 2010, S. 340–362, dort bes. S. 353f. 📖↩
7
Insgesamt waren Evangelisationen oder ähnliche Veranstaltungen in der damaligen Schweiz ein weit verbreitetes Phänomen; speziell in Genf war vom 27. Oktober bis 6. November 1910 der Missionsprediger Ludwig Henrichs im Rahmen einer Evangelisationswoche aufgetreten (vgl. V.u.kl.A. 1909–1914, S. 219f.222 📖). Kurz bevor standen die Vorträge John Motts in der Schweiz, zu denen Barth Stellung nahm in: K. Barth, John Mott und die christliche Studentenbewegung (1911), in: a.a.O., S. 266–284 📖; ders., Vorträge von John Mott (1911), in: a.a.O., S. 285–287 📖.↩
8
Dahinter steht im Manuskript ein nachträglich mit Bleistift eingefügtes Fragezeichen, das die hier gebotene Übersetzung zurecht in Frage stellt: Das im Hebräischen für Pharisäer gebrauchte Wort peruschim wird im Deutschen gewöhnlich mit «die Abgesonderten» übersetzt.↩
9
Vgl. Anm. 2.↩
10
Sprichwort, das sich bereits im 17. Jahrhundert als eine von 100 «Lebensregeln» findet, «die jeder Christ, der sich des heiligen Nachtmahls würdiglich gebraucht, zu sorgfältiger Fortsetzung seines Glaubens und Lebens stets vor Augen haben muß»: «Fürchte Gott, thue recht, scheue niemand – was kann dir der Staub thun?» (J. Rittmeyer, Himmlisches Freudenmahl. Ein Commu­nion­buch von J. Rittmeyer, P. zu Helmstädt, † 1698, aufs neue hrsg. von ­T. Siegmund [= Ph. Räthjen], Leipzig [1860]2, S. 246.254 📖). Vgl. auch Fr. Schiller, Wilhelm Tell, dritter Aufzug, erste Szene 📖: «Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden, / Ich tue recht, und scheue keinen Feind.» Kurz nach dieser Predigt entstand: K. Barth, Tue recht und scheue niemand! (Keine Abhandlung, aber sonst zum Nachdenken), in: Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte ­Gemeinde Genf, Jg. 7, Nr. 42 (9.3.1911), S. 1–3 📖; V.u.kl.A. 1909–1914, S. 288–292 📖.↩
11
Die Samaritaner bilden eine sich auf den Pentateuch berufende Religionsgemeinschaft, die sich dadurch von den Juden abgrenzt, dass einerseits die Prophetenbücher und die weiteren späten Bücher der jüdischen Bibel für sie nicht verbindlich sind und andererseits als Heiliger Berg nicht der Zion, sondern der Berg Garizim bei Nablus/Sichem gilt (vgl. Joh. 4,20; vgl. auch unten, S. 339f.).↩
12
Das mit ὄχλος hier gemeinte hebräische Ἁm ha-Areṣ «verkörpert als Schlagwort im Munde der Pharisäer die breite Masse bzw. die ihr entstammenden Einzelpersonen, die in ihrer Lebenshaltung dem nomistischen Ideal von der Heiligung des gesamten Lebens nicht entsprachen», und drückt an dieser Stelle – abweichend vom ursprünglichen Gebrauch in der rabbinischen Literatur – «nicht nur ein religiöses Urteil […], sondern zugleich auch soziale Verachtung» aus (R. Meyer, Art. «ὄχλος D. Der neutestamentliche Sprachgebrauch», in: ThWNT V, S. 585–590, dort S. 589f. 📖). Vgl. auch H. A. W. Meyer, Kritisch exegetisches Handbuch über das Evangelium des Johannes (KEK 2), Göttingen 18624, S. 271 📖, der zur Stelle von der «gränzenlosen Verachtung des Jüdischen Gelehrtenstolzes gegen die ungelehrte Menge» spricht.↩
13
Vgl. Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 226f. 📖: «Ach! Immer sind ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und Übermut hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist feige. Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluß, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind feige!» Vgl. auch a.a.O., S. 55.62.91.↩
14
Althochdeutsch für: «zweifelnd», «voller Zweifel».↩
15
Über diesen Text hatte Barth zwei Wochen zuvor gepredigt (vgl. oben, S. 18-35).↩