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        <title type="volume" n="vol-51">Predigten 1911</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,3</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,3, 29. Januar 1911</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/51005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1911, hrsg. v. Busch, Eberhard / Busch-Blum, Beate (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2015, S. 36–53.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1911</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,3</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Busch-Blum, Beate</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2015</date>
          <biblScope unit="page">36–53</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,3, 29. Januar 1911. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1501">KBA 1036</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, den <date when="1911-01-29">29. Januar 1911</date> 
                        <lb/>(4. nach Epiphanias)
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                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Matthäus 5,3</ref>
                            <quote>
                                Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Man hat oft versucht auszumalen, wie es wäre, wenn Jesus in unsre heutige Welt wiederkäme und was er zu uns und unsern Verhältnissen sagen würde. Meistens hat man dabei den Nachdruck darauf gelegt, dass da die Unzähligen, die sich heute <term type="Sachen" key="Christen">«Christen»</term> nennen, merken würden, wie lax ihr christliches <term type="Sachen" key="Gewissen, laxes christliches">Gewissen</term> und wie lau ihr christlicher <term type="Sachen" key="Glauben, lauer christlicher">Glaube</term> sei. Man hat hingewiesen auf den krassen Gegensatz zwischen der formlosen <term type="Sachen" key="Weltlichkeit">Weltlichkeit</term> der allermeisten Christen und dem unerbittlichen Ernst der sittlichen Forderungen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Ernst der sittlichen Forderungen">Jesu</term>. Dieser Gegensatz war schon die Grundidee von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-221">Sören Kierkegaard</persName></hi><hi rend="italic">,</hi> der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die kirchlichen Gläubigen <orgName ref="kbga-actors-9845">Dänemarks</orgName> und dann auch <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschlands</orgName> durch ein unangenehm deutliches Entweder-Oder aufschreckte.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-2693">[<persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>], <hi rend="italic">Enten – Eller. Et Livs-Fragment</hi>, udgivet af V. Eremita, 2 Teile, Kopenhagen 1843; eine deutsche Übersetzung erschien erstmals 1885: <hi rend="italic">Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, hrsg. von V. Eremita (S. Kierkegaard),</hi> 2 Teile, Leipzig 1885</bibl>.</note> Und vor 10–12 Jahren hat das Büchlein eines Amerikaners, wenn ich nicht irre, namens <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10278">Sheldon</persName></hi>, betitelt «In den Fußstapfen Jesu»<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-5219"><persName ref="kbga-actors-10278">Ch. M. Sheldon</persName>, <hi rend="italic">In His Steps: What Would Jesus Do?</hi>, New York 1896</bibl>, dt.: <bibl corresp="kbga-bibls-5236"><hi rend="italic">In seinen Fußtapfen. Was würde Jesus thun?</hi>, übers. von E. Pfannkuche, Göttingen 1900</bibl>; schon <date when="1911">1911</date> vielfach wiederabgedruckt und bis heute weltweit in 30 Millionen Exemplaren verbreitet.</note>, auch bei uns großes Aufsehen erregt. Es schildert sehr anschaulich in Form einer Erzählung aus dem Großstadtleben, wie es zugehen würde, wenn einmal auch nur eine Hand voll Menschen in ihrem Denken und Tun Ernst machen würden mit der Frage: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Auch da war die Meinung die, dass sich bei dieser Frage ein himmelweiter Unterschied auftun würde zwischen dem Denken und Leben der sogenannten <term type="Sachen" key="Christen, sogenannte">Christen</term> und dem <pb xml:id="p037" ed="pga"/> Denken und Leben eines wirklichen Jüngers Jesu. Wir hören da, wie ein reicher Kaufmann, ein Zeitungsredakteur, eine vornehme Dame, auch ein Pfarrer und andere Leute sich diese Frage zum Grundsatz ihres täglichen Handelns machen, wir hören, wie sie dadurch in die erstaunlichsten Konflikte mit den Menschen ihrer Umgebung kommen, die doch auch Christen zu sein meinen, und wie es sich darin zeigt, dass jener christliche Grundsatz im größten Gegensatz steht zu dem landesüblichen allgemeinen <term type="Sachen" key="Christentum, Auch-Christentum">Auch-Christentum</term>. Wir hören aber auch, wie eine solche Denk- und Handlungsweise wirken müsste auf die Menschen wie der Sauerteig im Mehl [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Mt. 13,33</ref>]. Es wird erzählt, wie das <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">öffentliche</term> und private <term type="Sachen" key="Leben, privates">Leben</term> einer ganzen Stadt davon ergriffen wird und wie daraus der Anfang eines nicht bloß gedachten und gewünschten, sondern sichtbaren und greifbaren Reiches Gottes auf <term type="Sachen" key="Reich Gottes, auf Erden">Erden</term> entsteht.</p>
                <p>Das sind tapfere und das sind wichtige Gedanken, meine Freunde. Es steht in der Tat so, dass die <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu entweder eine Veränderung, ja, eine <term type="Sachen" key="Revolution">Revolution</term> unsres Lebens bedeutet, oder sie bedeutet gar nichts. Ein <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>, das bloß in der sonntäglichen Erbauung eines christlichen innern <term type="Sachen" key="Leben, christliches inneres">Lebens</term> bestehen wollte und nicht in der werktäglichen Erbauung eines christlichen äußern <term type="Sachen" key="Leben, christliches äußeres">Lebens</term>, wäre kein Christentum. Aber wenn wir den Sinn dieser Revolution recht verstehen wollen, dann müssen wir doch tiefer graben, als es in jenem sehr lesenswerten und anregenden Büchlein von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10278">Sheldon</persName></hi> geschieht. Dort werden der Kaufmann, der Redakteur, die vornehme Dame, der Pfarrer, der Arbeiter, die Waschfrau vor die Frage geführt: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Und dabei entdecken sie dann, dass wirkliches <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> und ihr bisheriges weltliches <term type="Sachen" key="Leben, weltliches">Leben</term> total verschiedene Dinge sind. Das ist gut. Aber ich weiß nicht, ob ich den eigentümlich englisch-amerikanischen Geist dieser Schrift nicht verstehe, wenn ich der Meinung bin, etwas Anderes wäre noch besser und dringender, nämlich dass einmal nicht bloß die sogenannten weltlichen <term type="Sachen" key="Christen, sogenannte">Christen</term>, die <term type="Sachen" key="Christen, Auch-Christen">Auch-Christen</term> oder wie man die große Menge, für die <persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName> so böse Worte hat, nennen mag, sondern die wirklichen, die frommen <term type="Sachen" key="Christen, fromme">Christen</term> vor die Frage gestellt würden: Was würde Jesus dazu sagen? Zu unsrer christlichen <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>? Zu unserm <term type="Sachen" key="Leben, inneres">innern</term> und äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Leben</term>? Zu unsrem Gemeinschafts- und <term type="Sachen" key="Kirche">Kirchenwesen</term>? Zu unsrer christlichen Pflichterfüllung am Alltag? Zu <pb xml:id="p038" ed="pga"/> unsrer christlichen <term type="Sachen" key="Wohltätigkeit">Wohltätigkeit</term>? Wohlverstanden, ich rede jetzt nicht von oberflächlicher, äußerlicher Frömmigkeit, sondern von der rechten und aufrichtigen. Ich rede von Menschen, die in irgend einem Sinn Jesu Gebote gehört haben und bemüht sind, ihnen nachzuleben, vielleicht nicht mit der Energie, wie jener <term type="Personen" key="Sheldon, Charles Monroe">Amerikaner</term> sie beschreibt, aber doch in der gleichen Richtung, und die in solchem Leben im Geist Jesu einen wachsenden, wertvollen innern Besitz gefunden haben. Ich hoffe, in diesem Sinn gehören wir Alle zu den aufrichtigen, rechten, bewussten Frommen. Aber was würde Jesus dazu sagen?</p>
                <p>Es sind uns Worte von ihm erhalten, die sind geeignet, im Leben gerade der aufrichtigen Frommen noch ganz andere <term type="Sachen" key="Revolution">Revolutionen</term> hervorzubringen als jene Veränderungen im Weltleben der <term type="Sachen" key="Christen, Auch-Christen">Auch-Christen</term> und <term type="Sachen" key="Christen, Namenchristen">Namenchristen</term>. Zu diesen Worten gehört die erste Seligpreisung der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term>, die wir eben gehört haben. <hi rend="italic">Selig sind, die da geistlich arm sind.</hi> Das heißt nicht: Selig sind die Beschränkten und Unwissenden!, auch nicht: Selig sind die Reinen!, wie man etwa schon hat auslegen wollen,<note xml:id="n03">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5220"><persName ref="kbga-actors-10282">J. O. Thieß</persName>, <hi rend="italic">Das Neue Testament oder die heiligen Bücher der Christen. Neu übersetzt mit einer durchaus anwendbaren Erklärung</hi>, Bd. I: <hi rend="italic">Matthäus</hi>, Leipzig / Gera 1794<hi rend="sup">2</hi>, S. 155</bibl>: «Das sind, sagt er zuerst, ‹die arm am Geiste sind, Menschen, deren Geist bis dahin nicht sehr bearbeitet worden ist, die nicht viele Kenntnisse, auch von der Religion, nach dem hergebrachten Lehrbegriffe nämlich, erlangt haben […]›»; <bibl corresp="kbga-bibls-5221"><persName ref="kbga-actors-10283">R. Falke</persName>, <hi rend="italic">Buddha – Mohammed – Christus: ein Vergleich der drei Persönlichkeiten und ihrer Religionen</hi>, Teil 2: <hi rend="italic">Vergleich der drei Religionen</hi>, Gütersloh 1897, S. 29</bibl>: «Zahllos sind seine Kinder. Es sind die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die reines Herzens sind, die Friedfertigen, die um seinetwillen Verfolgten. Alle diese bilden sein Reich auf Erden; sie tragen dasselbe inwendig in sich. Für den Reichen ist es schwer hineinzukommen, man muß es annehmen wie ein Kind. Den kindlich Reinen, den Unmündigen offenbart er sich am liebsten, aber den Klugen und Weisen verbirgt er sich.»</note> sondern, ob es uns gefällt oder nicht: <hi rend="italic">Selig sind, die wissen, dass sie nicht fromm sind!</hi> Ich meine, wenn wir uns vor ein solches Wort Jesu stellen, merken wir, dass zwischen ihm und uns bewussten <term type="Sachen" key="Christen, bewusste">Christen</term> vielleicht ein ebenso großer Gegensatz besteht wie<note xml:id="n04"><ref corresp="A">Mskr</ref>.: doppeltes «wie» am Ende und Beginn einer Zeile.</note> zwischen ihm und den oberflächlichen <term type="Sachen" key="Christen, Auch-Christen">Auch-Christen</term>, ja, wer weiß, ob sich nicht das ganze Verhältnis umkehrt, ob nicht jene an die erste Stelle rücken und wir an die zweite. Auf alle Fälle werden wir <pb xml:id="p039" ed="pga"/> angesichts eines solchen Wortes gerade mit unserer bewussten, aufrichtigen <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> vor eine Frage gestellt, die weit tiefgehender und schwerer ist als die Frage, ob unser äußeres <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Leben</term> im Beruf und im Verkehr mit den Menschen Jesusmäßiger Art sei. Ich will’s versuchen, diese Frage an einigen Beispielen klar zu machen.</p>
                <p> Ihr erinnert euch an das <term type="Sachen" key="Calvinjubiläum 1909">Calvinjubiläum</term>, das vor zwei Jahren hier gefeiert wurde.<note xml:id="n05">Vom <date to="1909-07-07" from="1909-07-02">2. bis 7. Juli 1909</date> fanden in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> Feierlichkeiten anlässlich des 400. Geburtstags <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvins</persName> statt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2544"><hi rend="italic">Les Jubilés de Genève en 1909</hi>, fasc. 1–3, Genf 1909</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2545">M. Sallmann, <hi rend="italic">Reformatoren und Heilige als Brennpunkte konfessioneller Gedächtniskulturen: Martin Luther, Karl Borromäus und Johannes Calvin im Vergleich</hi>, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Jg. 103 (2009), S. 99–116, dort S. 111–114</bibl>.</note> Und ihr erinnert euch an die Protestbewegung gegen die <term type="Sachen" key="Enzyklika «Editae saepe»">Enzyklika</term> des <persName ref="kbga-actors-1391">Papstes</persName> im vergangenen Sommer.<note xml:id="n06">Die 300. Wiederkehr der Heiligsprechung von <persName ref="kbga-actors-2163">Karl Borromäus</persName> hatte Papst <persName ref="kbga-actors-1391">Pius X.</persName> <date when="1910">1910</date> zum Anlass genommen, die antimodernistische Enzyklika «<foreign xml:lang="lat">Editae <term type="Sachen" key="Enzyklika «Editae saepe">saepe»</term></foreign> zu erlassen, die sog. «Borromäus-Enzyklika», in der die Reformation als Wurzel des Modernismus gebrandmarkt und die Reformatoren als «Feinde des Kreuzes Christi» und Menschen «mit irdischer Gesinnung, deren Gott der Bauch war», bezeichnet wurden. Die Proteste vor allem in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> gegen diese Enzyklika waren nach dem Bekanntwerden solcher Auszüge so groß, dass von der Veröffentlichung einer amtlichen deutschen Übersetzung abgesehen wurde (lat. Text: <bibl corresp="kbga-bibls-2805">AAS 2 [1910], S. 357–380</bibl>). Insgesamt nicht im selben Ausmaß kam es auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, und hier vor allem in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, zu Protestkundgebungen und polemischen Reaktionen wie der des Dogmatikers und Pastors an <placeName ref="kbga-places-819">St. Pierre</placeName>, <persName ref="kbga-actors-4689">Georges Fulliquet</persName> (1863–1924), der am <date when="1910-06-24">24. Juni 1910</date> einen Vortrag vor über 2000 Zuhörern hielt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2806">M. Delgado, <hi rend="italic">Die Borromäus-Enzyklika «Editae saepe» Pius’ X. vom 26. Mai 1910 und die Folgen</hi>, in: <hi rend="italic">Karl Borromäus und die katholische Reform. Akten des Freiburger Symposiums zur 400. Wiederkehr der Heiligsprechung des Schutzpatrons der katholischen Schweiz</hi>, hrsg. von M. Delgado / M. Ries (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte, 13), Freiburg/CH / Stuttgart 2010, S. 340–362, dort bes. S. 353f.</bibl></note> Beides waren Anlässe, bei denen es zum Ausdruck kam, dass Unzählige freudig und bewusst auf ihr protestantisches <term type="Sachen" key="Protestantismus / Protestanten">Christentum</term> etwas halten. Wir brauchen uns jetzt nicht dabei aufzuhalten, dass allerlei Phrase und Mache hier wie dort dabei war. Es besteht doch kein Zweifel, dass im einen wie im andern Fall ein Kern von aufrichtigem, frommem Enthusiasmus zum Vorschein kam. Aber ich will jetzt nur einmal die <hi rend="italic">Frage</hi> aufstellen: Was würden alle diese aufrichtigen und bewussten Protes<pb xml:id="p040" ed="pga" break="no"/>tanten gesagt haben, wenn jetzt plötzlich Jesus unter sie getreten wäre mit dem Wort: Selig sind, die da geistlich arm sind! Selig sind, die wissen, dass sie nicht fromm sind! Ob man wohl getrosten Gewissens dies Wort über unsre Aufrufe und Resolutionen hätte schreiben können? – Oder denkt an eine Evangelisationsversammlung<note xml:id="n07">Insgesamt waren <term type="Sachen" key="Evangelisation">Evangelisationen</term> oder ähnliche Veranstaltungen in der damaligen <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> ein weit verbreitetes Phänomen; speziell in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> war vom <date to="1910-11-06" from="1910-10-27">27. Oktober bis 6. November 1910</date> der Missionsprediger <persName ref="kbga-actors-4731">Ludwig Henrichs</persName> im Rahmen einer Evangelisationswoche aufgetreten (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p219#p219">S. 219f.</ref><ref type="pub-" target="../volume/22/p222#p222">222</ref></bibl>). Kurz bevor standen die Vorträge <persName ref="kbga-actors-3705">John Motts</persName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, zu denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Stellung nahm in: <bibl corresp="kbga-bibls-1406"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">John Mott und die christliche Studentenbewegung</hi> (1911), in: a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p266#p266">S. 266–284</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1407">ders., <hi rend="italic">Vorträge von John Mott</hi> (1911), in: a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p285#p285">S. 285–287</ref></bibl>.</note>, wie ihr sie wohl Alle schon mitgemacht habt. Da sind auf der einen Seite die Getreuen und Überzeugten, die nun mit dem Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> in der Hand bemüht sind, die Andern, die Nicht-Überzeugten, die <term type="Sachen" key="Glauben, Ungläubige">«Ungläubigen»</term>, wie man wohl zu sagen pflegt, herüberzuziehen. Denkt euch, Jesus käme in eine solche Versammlung und würde das eine Wort sprechen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Ja, da ist doch mindestens Anlass zu <hi rend="italic">fragen</hi>: Auf welcher Seite steht er nun, auf Seite der «Gläubigen», die wissen, dass sie fromm sind, oder auf Seite der «Ungläubigen», die wissen, dass sie nicht fromm sind?</p>
                <p>Oder da ist ein Mann, der sein ganzes Leben irgend einem guten Werk gewidmet hat. Er will nicht da sein, um sein Brot zu verdienen, sondern er will dem Herrn dienen, vielleicht an der Jugend, vielleicht an den Armen, vielleicht an den Trinkern. Wenn irgend einer bewusst mit der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> praktischen Ernst macht, so ist er’s. Und nun träte Jesus zu ihm und sagte ihm: Selig sind, die da geistlich arm sind! Was dann? Ich will die Frage nicht beantworten, aber ich stelle sie.</p>
                <p>Oder ich will einmal mich selbst als Beispiel nehmen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und studiere ein gutes Buch. Ich spüre es förmlich, wie ich daran wachse und zunehme, ich sehe Dinge, ich begreife Zusammenhänge, die ich vorher nicht gesehen und begriffen. Ich merke, wie sich über alledem ein gewisser Reichtum nicht nur an guten Gedanken, sondern an <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term> in mir sammelt. Sagte ich nicht eben Reichtum? Und wenn nun plötzlich Jesus zu mir käme und sagte das Eine zu mir: Selig sind, die da geistlich arm sind. Was würde ich ihm antworten?</p>
                <p><pb xml:id="p041" ed="pga" rend="noPipe"/>Oder nehmen wir als Beispiel uns Alle, wie wir hier versammelt sind. Wir sind dabei, uns zu <term type="Sachen" key="Erbauung">«erbauen»</term>, wie man das wohl zu nennen pflegt. Wir möchten hier durch Singen und Beten und Anhören des Wortes eine Art religiöser Nahrung zu uns nehmen, oder ein kleines Stück Gold, das wir dann während der Arbeit und Sorge der Woche ausmünzen möchten. Das gelingt uns nicht immer, vielleicht gehen wir öfters leer aus als befriedigt; aber wir wollen einmal annehmen, es gelingt uns. Irgend ein richtiger Gedanke oder ein tiefes Gefühl hat uns ergriffen. Du sagst zur Nachbarin: Heute habe ich etwas bekommen und genommen, und erfüllt davon gehst du zur Tür hinaus. Aber unter der Türe begegnet dir Jesus und sagt wieder nur das Eine: Selig sind, die da geistlich arm sind! Ja, ist das nicht gerade das Gegenteil von der Erbauung, daran du dich jetzt freust?</p>
                <p>Ich wollte mit dem Allem zunächst nur sagen, dass es nicht nur bei dem Leben und Treiben der sogenannten Weltleute, sondern auch bei unserm Besten, bei unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, mindestens ein gewisses Befremden, einen dunklen Gegensatz gibt, wenn wir mit der Frage: Was würde Jesus dazu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Was würde Jesus dazu sagen?">sagen</term>? daran herantreten. Und ihr werdet mit dem einverstanden sein, was ich sagte, dass es wichtig und dringend ist, zu fragen, was würde Jesus zu meinem Tun und Denken im Bureau und in der Werkstatt, im Gesellschaftszimmer und in der Küche sagen, dass es aber noch dringender und noch wichtiger ist, zu fragen: was sagt er zu meinen aufrichtig frommen und erhabenen Augenblicken, überhaupt zu der kleinen oder großen Seite in unserm Wesen, die wir Gott zugewendet haben, zu dem spärlichen oder reichlichen Besitz an geistlichem <term type="Sachen" key="Leben, geistliches">Leben</term>, den wir gesucht und gefunden haben? Er sagt dazu: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wir müssen merken und verstehen, warum uns das gegen den Strich geht und warum es doch wahr ist. Und die <hi rend="italic">zweite <term type="Sachen" key="Revolution">Revolution</term></hi>, die es bei diesem Merken und Verstehen Jesus gegenüber dann gibt, wird sich als gründlicher und folgenschwerer erweisen als irgend eine andre.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Zuerst wollen wir sehen, warum uns dies Wort: Selig sind, die da geistlich arm sind, gegen den Strich geht. Wir würden sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind. Gerade das sagten die aufrichtigen From<pb xml:id="p042" ed="pga" break="no"/>men zur Zeit Jesu auch. Und diese aufrichtigen Frommen der damaligen Zeit waren die berühmten <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer"><hi rend="italic">Pharisäer</hi></term>. Es ist über diese Pharisäer in unzähligen christlichen Predigten viel Böses gesagt worden. Wir sind es vom Schulunterricht her gewöhnt, von ihnen zu denken und zu reden als von einer Bande von ausgemachten <term type="Sachen" key="Mucker">Muckern</term> und Heuchlern. Es hat sogar einen gewissen Reiz zu beobachten, wie manche Christen zu den Pharisäern des Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term> akkurat dieselbe Stellung einnehmen, wie der Pharisäer im Tempel zum Zöllner [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk. 18,9–14</ref>]: Gott, ich danke dir, dass ich kein Dieb und Mörder bin und auch kein Pharisäer. In Wirklichkeit steht die Sache so, dass weitaus die meisten aufrichtigen Frommen unsrer Zeit damals höchst wahrscheinlich zu den Pharisäern gehört hätten. Pharisäer heißt nämlich auf Deutsch einfach «<hi rend="italic">die Eifrigen</hi>»<note xml:id="n08">Dahinter steht im <ref corresp="A">Manuskript</ref> ein nachträglich mit Bleistift eingefügtes Fragezeichen, das die hier gebotene Übersetzung zurecht in Frage stellt: Das im Hebräischen für Pharisäer gebrauchte Wort <hi rend="italic">peruschim</hi> wird im Deutschen gewöhnlich mit «die Abgesonderten» übersetzt.</note>, und der Eifer dieser Leute war so wenig wie der Eifer der Frommen von heutzutage ohne Weiteres Heuchelei. Sondern sie waren mit aufrichtigem Fleiß dabei, Alles zu tun, was ein frommer Mensch tun muss. Sie standen innerlich unter dem Eindruck der gewaltigen Notwendigkeit, dass der Mensch Gott irgendwie gehorchen müsse. Und gerade wie es in jenem amerikanischen Büchlein in christlichem Sinn geschieht, so betonten sie in ihrem Sinn: der <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen Gott müsse ein Gehorsam des täglichen Lebens sein. Und so schnürten sie selbst ihr ganzes Dasein ein in ein Netzwerk von hunderterlei großen und kleinen <term type="Sachen" key="Gebote">Geboten</term> über die Reinheit, über den <term type="Sachen" key="Sabbat">Sabbat</term>, über das <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term>, über das <term type="Sachen" key="Almosengeben">Almosengeben</term>. Ein richtiger Pharisäer konnte kaum einen Schritt tun oder eine Hand rühren, ohne an die Beobachtung dieses oder jenes <term type="Sachen" key="Gebote">Gottesgebotes</term> zu denken. Und das war nicht bloß ein schöner Grundsatz, sondern da waren wirklich zahlreiche Menschen – nicht bloß <term type="Sachen" key="Schriftgelehrte">Schriftgelehrte</term>, wie wir leicht denken, sondern Leute aus verschiedenen Berufsarten –, die solche richtigen Pharisäer waren und ihr Leben mit peinlichster Gewissenhaftigkeit danach einrichteten. Ich erinnerte eben an die Schrift von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-10278">Sheldon</persName></hi><note xml:id="n09">Vgl. <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>.</note>. |</p>
                <p><pb xml:id="p043" ed="pga" rend="noPipe"/>Es besteht da aber noch eine weitere Ähnlichkeit. Auch die <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term>, die Eifrigen zur Zeit Jesu, hatten für ihr Tun noch einen andern Grund als den Gedanken, dass der Mensch Gott gehorchen müsse. Auch sie machten sich folgende Überlegung: Wenn einmal ganz <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israel</term> so leben wird wie wir, dann ist das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> nicht mehr bloß ein schöner Wunsch, sondern dann wird es eine sichtbare, greifbare Wirklichkeit. Und darum sind wir, die jetzt so eifrig tun, was das <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> befiehlt, der hoffnungsvolle Anfang des sichtbaren Gottesreiches, eine schöne Insel inmitten der bösen Welt. Ja, ich wiederhole es: die Grundsätze der Pharisäer, die Stimmungen und Hoffnungen, die sie dabei bewegten, waren etwas durchaus Ernsthaftes und Aufrichtiges, und gerade wenn wir auch gern aufrichtig fromm sein möchten, haben wir gar keinen Anlass, schnell zu sagen: Ich bin kein Pharisäer!, sondern wir tun besser, uns zu überlegen, wie weit etwa <hi rend="italic">unsre</hi> Grundsätze und Stimmungen mit denen jener Leute verwandt sein möchten. Gewiss, es kommt uns heute merkwürdig vor, dass die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> in korrektem Gehorsam gegen <term type="Sachen" key="Gebote">Gebote</term> über das Händewaschen, über die Arbeitsruhe am Sonntag, über das Verzehnten des Besitzes und dergleichen bestehen soll. Wir sind auch sehr schnell bereit, über Alle, deren <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> sich unter Anderem in dergleichen äußern Dingen ausdrückt, z. B. im regelmäßigen Kirchenbesuch, den Stab zu brechen. Insofern sind wir gewiss keine Pharisäer. Aber dieser Unterschied ist gar nicht so wesentlich, als wir leicht denken. Wenn wir sagen: Gottlob, ich bin kein Pharisäer und kein <term type="Sachen" key="Pietismus / Pietisten">Pietist</term>, und denken dabei an solche Dinge, so sind wir selbst viel äußerlicher, als wir meinen. Sondern das Wesen des <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäers</term> besteht darin, dass er Folgendes denkt: <hi rend="italic">1</hi>. ich tue, was recht ist, <hi rend="italic">2.</hi> wenn einmal alle Menschen tun würden wie ich, dann wäre die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> in Ordnung, <hi rend="italic">3</hi>. weil noch nicht alle Menschen so tun wie ich, so bin ich mit meinem Tun der hoffnungsvolle Anfang einer bessern <term type="Sachen" key="Welt, bessere">Welt</term>. Ich denke, in diesem Spiegel können wir uns Alle mit unsrer Frömmigkeit, unsrer <hi rend="italic">aufrichtigen</hi> Frömmigkeit, meine ich, wiedererkennen. Es können sich sogar solche darin wiedererkennen, deren <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> in dem berühmten Grundsatz besteht: Tue recht und scheue niemand!<note xml:id="n10">Sprichwort, das sich bereits im 17. Jahrhundert als eine von 100 «Lebensregeln» findet, «die jeder Christ, der sich des heiligen Nachtmahls würdiglich gebraucht, zu sorgfältiger Fortsetzung seines Glaubens und Lebens stets vor Augen haben muß»: «Fürchte Gott, thue recht, scheue niemand – was kann dir der Staub thun?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1672"><persName ref="kbga-actors-9003">J. Rittmeyer</persName>, <hi rend="italic">Himmlisches Freudenmahl. Ein Commu­nion­buch von J. Rittmeyer, P. zu Helmstädt, † 1698</hi>, aufs neue hrsg. von ­T. Siegmund [= Ph. Räthjen], Leipzig [1860]<hi rend="sup">2</hi>, S. 246.254</bibl>). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, dritter Aufzug, erste Szene</bibl>: «Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden, / Ich tue recht, und scheue keinen Feind.» Kurz nach dieser Predigt entstand: <bibl corresp="kbga-bibls-2731"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Tue recht und scheue niemand! (Keine Abhandlung, aber sonst zum Nachdenken)</hi>, in: Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte ­Gemeinde Genf, Jg. 7, Nr. 42 (9.3.1911), S. 1–3</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p288#p288">S. 288–292</ref></bibl>.</note> |</p>
                <p><pb xml:id="p044" ed="pga" rend="noPipe"/>Wir denken auch: <hi rend="italic">1. Ich tue, was recht ist</hi>. In der verschiedensten Weise. Der Erste sagt: Ich bin ein guter <term type="Sachen" key="Protestantismus / Protestanten">Protestant</term> und stehe zu meiner Sache. Der Zweite sagt: Ich habe den rechten alten <term type="Sachen" key="Glauben, rechter">Glauben</term> und weiche nicht davon. Der Dritte sagt: Ich bin ein braver, brauchbarer Mann, ich denke fast gar nicht an mich und fast nur an die Andern. Der Vierte sagt: Ich bin gescheit und mache mir über Gott und <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> meine eigenen, tiefen Gedanken. Der Fünfte sagt: Ich arbeite den ganzen Tag und verdiene ehrlich und redlich mein Brot. Wir denken aber auch: <hi rend="italic">2. Die Welt wäre bald in Ordnung</hi>, wenn einmal Alle so wären wie ich. Es gibt nichts Naheliegenderes und Beseligenderes für uns, wenn wir einmal angefangen haben, Gott oder unserm Gewissen, oder wie wir’s nennen wollen, zu gehorchen, als dieser Gedanke: Wären nur Alle wie ich. Dabei teilen sich die Menschen in Pessimisten und Optimisten. Auch unter den <hi rend="italic">alten</hi> Pharisäern hat es beiderlei gegeben. Die Einen denken es mürrisch und verdrießlich: Ach, leider Gottes, es geht krumm mit der Welt; es sind eben nicht alle wie ich. Besonders unter alten Leuten ist diese <term type="Sachen" key="Gesellschaft, Klassen">Klasse</term> reichlich vertreten. Die Andern, die Optimisten, in der Regel wohl die Jungen, denken: Die Welt muss aber <hi rend="italic">werden</hi> wie ich! und gehen dann mit ihren Ideen und Lehren und Unternehmungen ins Zeug, um die Welt in Ordnung zu bringen. Und weil wir so denken, denken wir wie die alten Pharisäer auch: <hi rend="italic">3. Ich bin der erfreuliche Anfang einer bessern <term type="Sachen" key="Welt, bessere">Welt</term></hi><hi rend="italic">.</hi> Mag Alles um mich herum erbärmlich und schlecht und langweilig sein – ich stehe fest wie der Fels im Meer, denken wir. Ich rage mit meinem innern Besitz über die Dutzendköpfe der großen Menge heraus. Ich bin etwas Anderes, Besseres als sie. Ich bin ein Wellenbrecher des heiligen <term type="Sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> oder des <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritts</term> inmitten eines argen Geschlechts.</p>
                <p><pb xml:id="p045" ed="pga" rend="noPipe"/>Meine Freunde, wenn das die eigentlichen Kennzeichen des <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäers</term> sind, und es sind sie, dann werden doch wohl wenige von uns den Mut haben zu behaupten: Ich gehöre ganz und gar nicht zu dieser Gesellschaft. Von mir selbst müsste ich wenigstens bekennen, dass ich öfter dazu als nicht dazu gehöre. Und darum meinte ich: Wir würden wie die alten Pharisäer sagen: Selig sind, die da geistlich reich sind, selig sind, die das Rechte tun und niemand scheuen, die gute Überzeugungen und Grundsätze haben und danach tun. Selig sind die Frommen, die Gesinnungstüchtigen, die Ehrenmänner, die Gemeinnützigen, die Tiefsinnigen, die moralisch Gebildeten. In alle diese Gedanken hinein, die den Meisten von uns wohl gar nicht pharisäisch vorkommen, weil sie uns fast so selbstverständlich sind wie die Luft, kommt nun das Wort Jesu: Selig sind, die da geistlich arm sind! hinein wie ein Klang aus einer andern Welt. Er trifft uns umso erstaunlicher und befremdender, als wir ja mit unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> und Tüchtigkeit bereits in der andern, bessern <term type="Sachen" key="Welt, bessere">Welt</term> zu sein glaubten. Wir sind ja nicht mehr leichtsinnig und oberflächlich, nicht mehr faul und genusssüchtig, sondern wir tun, was recht ist, und haben das zugehörige Bewusstsein davon. Und nun werden uns auf einmal alle Maßstäbe umgekehrt und es heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind. Wenn wir an diesem Wort noch nie Anstoß genommen haben, dann sind wir uns selbst und dem <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> Jesu noch nicht auf den Grund gekommen.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p rend="noindent">Wir wollen jetzt sehen, wie Jesus dies Wort gemeint hat und warum er doch Recht hat. Jesus hat unter den Menschen seiner Zeit und seiner Umgebung Leute gesehen, die waren schlechterdings nicht fromm, deren inneres und äußeres Leben war das direkte Gegenteil von dem aufrichtigen Eifer der Pharisäer. Das waren die Leute, die aus irgend einem Grund Alles das oder das Meiste von dem nicht tun konnten, was damals als das Tun eines frommen Menschen galt. Da waren zunächst ganz einfach die äußerlich Armen, deren ganzes Leben darauf gerichtet sein musste, ihr spärliches Brot zu verdienen. Ja, unter solchen Umständen war es wohl schwer oder unmöglich, die minutiösen Vorschriften z. B. über den Sabbat innezuhalten. Da waren überhaupt die kleinen, vielbeschäftigten Leute. Wo sollten [sie] die Muße und <pb xml:id="p046" ed="pga"/> Stimmung hernehmen zu den umständlichen Reinigungen und <term type="Sachen" key="Gebet">Gebeten</term> und Fastenübungen, wie das <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> und seine Auslegungen sie von einem gläubigen <term type="Sachen" key="Israel / Israeliten">Israeliten</term> forderten? Da waren aber auch besser situierte Leute wie die besonders berühmt gewordenen Zollbeamten, israelitische Leute, die im Dienste des verhassten römischen Oberherrn und seiner fürstlichen Vasallen standen und schon dadurch verdächtig waren, denen es überdies erst recht unmöglich sein musste, das Gesetz innezuhalten, wie es sich gebührte, kamen sie doch durch ihr Amt beständig in Berührung mit den für unrein gehaltenen <term type="Sachen" key="Heiden">Heiden</term> und waren außer Stande, das alle Tage wieder in der vorgeschriebenen Weise gutzumachen. Weiter waren da die <term type="Sachen" key="Samaritaner">Samariter</term>, ein unter den <term type="Sachen" key="Judentum / Juden">Juden</term> lebendes halbjüdisches Volk, die zwar denselben Gott verehren wollten wie Israel; aber von den Gottesdiensten im Tempel zu <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> wollten sie nichts wissen.<note xml:id="n11">Die Samaritaner bilden eine sich auf den Pentateuch berufende Religionsgemeinschaft, die sich dadurch von den Juden abgrenzt, dass einerseits die Prophetenbücher und die weiteren späten Bücher der jüdischen Bibel für sie nicht verbindlich sind und andererseits als Heiliger Berg nicht der <placeName ref="kbga-places-1043">Zion</placeName>, sondern der Berg <placeName ref="kbga-places-1116">Garizim</placeName> bei <placeName ref="kbga-places-1439">Nablus/Sichem</placeName> gilt (vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.20">Joh. 4,20</ref>; vgl. auch unten, <ref type="pub" target="../volume/51/p339#p339">S. 339f.</ref>).</note> So gab’s eine ganze Menschenklasse in Israel, die der rechten Frömmigkeit einfach fernstand, und wenn wir die gewiss Unzähligen hinzunehmen, die sich zwar bemühten, Eifrige zu sein, die aber im täglichen Leben der Fülle von göttlichen <term type="Sachen" key="Gebote">Geboten</term> einfach nicht nachkommen konnten, so können wir sagen, dass wahrscheinlich die ungeheure Mehrzahl im Lande zu dieser Klasse gehörte. Die Frommen aber, die <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term>, hatten für diese Mehrzahl der Unfrommen einen bezeichnenden Ausdruck; sie nannten sie «den großen Haufen, der nichts vom Gesetz weiß». Und es ist uns überliefert, dass es unter ihnen üblich war, noch deutlicher davorzusetzen: «<hi rend="italic">Verflucht</hi> ist der große Haufe, der nichts vom Gesetz weiß» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.7.49">Joh. 7,49</ref>]. Das bedeutete wohl weniger, wie es nach unsrem Sprachgebrauch klingt, dass sie sie geradezu hassten, wohl aber, dass sie aus der beträchtlichen Höhe ihres geistlichen Reichtums, ihrer rechtschaffenen Frömmigkeit, mit großem Bedauern und tiefer Geringschätzung auf jene geistlich Armen herunterblickten.<note xml:id="n12">Das mit <foreign xml:lang="grc">ὄχλος</foreign> hier gemeinte hebräische <hi rend="italic">Ἁm ha-Areṣ</hi> «verkörpert als Schlagwort im Munde der Pharisäer die breite Masse bzw. die ihr entstammenden Einzelpersonen, die in ihrer Lebenshaltung dem nomistischen Ideal von der Heiligung des gesamten Lebens nicht entsprachen», und drückt an dieser Stelle – abweichend vom ursprünglichen Gebrauch in der rabbinischen Literatur – «nicht nur ein religiöses Urteil […], sondern zugleich auch soziale Verachtung» aus (<bibl corresp="kbga-bibls-5222">R. Meyer, Art. «<foreign xml:lang="grc">ὄχλος</foreign> D. Der neutestamentliche Sprachgebrauch», in: ThWNT V, S. 585–590, dort S. 589f.</bibl>). Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5223"><persName ref="kbga-actors-690">H. A. W. Meyer</persName>, <hi rend="italic">Kritisch exegetisches Handbuch über das Evangelium des Johannes</hi> (KEK 2), Göttingen 1862<hi rend="sup">4</hi>, S. 271</bibl>, der zur Stelle von der «gränzenlosen Verachtung des Jüdischen Gelehrtenstolzes gegen die ungelehrte Menge» spricht.</note> |</p>
                <p><pb xml:id="p047" ed="pga" rend="noPipe"/>Solche geistlich Armen stehen auch uns Pharisäern von heutzutage gegenüber. Es gibt Unzählige, die stehen alledem, was wir <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, gute <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnung</term>, bürgerliche Ehrbarkeit und Brauchbarkeit, <term type="Sachen" key="Bildung, religiöse">religiöse</term> und moralische <term type="Sachen" key="Bildung, moralische">Bildung</term> nennen, gegenüber mit dem stillen Gefühl: ja, das Alles ist wohl recht schön, aber das ist nichts für mich. Es hat mir diese Woche jemand gesagt: ich habe keine Zeit für die <term type="Sachen" key="Religion / Religionen">Religion</term>. Das mag manchmal eine Ausrede sein, aber ich glaube, in vielen Fällen ist etwas dahinter. Schon ganz äußerlich: eine Hausfrau, die keine Magd halten kann, hat es z. B. schwer, am Sonntag für die Kirche frei zu werden. Nun kann man sich ja auch zu Hause gute Gedanken machen, aber nicht wahr, es ist oft eine schwere Sache, sich inmitten der dringenden Angelegenheiten des Lebens die Muße und Stimmung dazu zu bewahren? Unter Unzähligen sind die recht spärlich gesät, die es verstehen, sich durch Lektüre der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> oder anderer guter Bücher zu erbauen. Besondere gute <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term> zur Fürsorge für die Andern, Gedanken und Arbeit für die <term type="Sachen" key="Mission">Mission</term> und dergleichen, das ist etwas für die, welche Zeit und Vermögen haben. So ist da ein ganzes Heer, deren Besitz an innerem Leben, an guter <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnung</term>, an <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeitsgedanken</term> auf ein verschwindend kleines Maß zusammengeht. Sie können nicht sagen, wie wir <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term>: ich tue, was recht ist, denn sie wissen, dass sie nichts besonders <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> und Rechtes tun, sondern nur, was nötig ist. Sie können nicht sagen: wären nur Alle wie Ich, sie denken vielmehr: gottlob, dass es Leute gibt, die sich um Alles das kümmern, worum ich mich nicht kümmern kann; sie werden schon Recht haben. Sie können auch nicht auf die Meinung kommen: ich gehöre zur geistigen Crème der <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term>, sondern sie wissen, dass sie am Schwanz marschieren, und sind froh, wenn sie ohne größere Unfälle gerade so durch das Leben in dieser <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> hindurchkommen. <pb xml:id="p048" ed="pga"/> Es sind auch bei uns gar nicht bloß finanziell Arme, sondern Leute aus allen Klassen irgendwie in diesem Fall. Und wir Andern mit unsern «höhern Interessen» irgendwelcher Art denken dann auch gerne: das ist eben der große Haufe, das sind die «Viel zu Vielen», wie <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> sagte,<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-326"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 226f.</bibl>: «Ach! Immer sind ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und Übermut hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist <hi rend="italic">feige</hi>. Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluß, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind feige!» Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-326">a.a.O., S. 55.62.91</bibl>.</note> das sind die Gleichgiltigen, die Oberflächlichen, die Langweiligen, die Unnützen und Unerfreulichen. Zum Glück gehöre ich nicht dazu, denken wir.</p>
                <p>Und nun kommt Jesus und sagte heute, wie er’s damals gesagt hat, nicht von den Pharisäern, nicht von uns, sondern von all diesem Volk: <hi rend="italic">Selig sind sie, denn ihrer ist das Himmelreich!</hi> Selig sind sie, denn zu ihnen kann das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommen, nicht trotzdem, sondern <hi rend="italic">weil</hi> sie geistlich arm sind. Was hat Jesus an diesen Leuten gefunden, dass er so Großes von ihnen sagen kann? Wir müssen vor Allem antworten, dass er etwas <hi rend="italic">nicht</hi> bei ihnen gefunden hat, und das ist das Selbstbewusstsein, das <term type="Sachen" key="Ich / das Ich, Ichgefühl">Ichgefühl</term>, das in den meisten Menschen nicht verschwindet, sondern erst recht erwacht, wenn sie sich zu <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> und guter <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnung</term>, zu höhern Interessen erheben. Das kann sonderbar erscheinen, denn wir denken, dies höhere <term type="Sachen" key="Leben, höheres">Leben</term> bestehe so recht eigentlich in der Überwindung von allem <term type="Sachen" key="Ich / das Ich, Egoismus">Egoismus</term>. Das ist auch wohl wahr. Der Mensch weiß auf dieser Stufe, dass er nicht vom Brot allein lebt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.4">Mt. 4,4</ref>], der Blick eröffnet sich ihm auf die Genüsse des geistigen <term type="Sachen" key="Leben, geistiges">Lebens</term>, zu diesen Genüssen gehört es dann auch, dass er ein soziales Wesen sein darf, dass er arbeitend eingreifen darf in die große Maschinerie der menschlichen <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term>. Der sinnliche Egoismus des natürlichen <term type="Sachen" key="Mensch, natürlicher">Menschen</term> scheint in der Tat beseitigt. Und doch ist er’s tatsächlich noch nicht; er lauert auf dieser höhern Stufe in einer höhern, gefährlicheren Form als das Selbstbewusstsein der Frömmigkeit und Gesinnungstüchtigkeit. Das Bild der alten und neuen <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> zeigt uns diese gefährlichere, weil verhüllte Form des Egoismus. Ihr habt vielleicht beachtet, welche Rolle bei der Schilde<pb xml:id="p049" ed="pga" break="no"/>rung, die wir machten, das Wörtlein <hi rend="italic">Ich</hi> spielte: <hi rend="italic">Ich</hi> tue, was recht ist, täten nur Alle wie <hi rend="italic">Ich, Ich</hi> bin die schöne Insel im Meer der bösen Welt!! Ich, Ich, <term type="Sachen" key="Ich / das Ich">Ich</term>! Und dieses Ich des Frommen und des braven Mannes ist vom Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> unendlich viel ferner als der naive <term type="Sachen" key="Ich / das Ich, Egoismus">Egoismus</term> des zweifelichen<note xml:id="n14">Althochdeutsch für: «zweifelnd», «voller Zweifel».</note>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, zweifelnder">Menschen</term>, der einen Tag um den Andern verlebt um seines Brotes willen. Denn es ist wohl gut, wenn ich tue, was recht ist, aber wenn ich nun darum <hi rend="italic">weiß</hi>, wenn ich betone: <hi rend="italic">Ich</hi> tue, was recht ist, dann ist das das Zeichen, dass mir im Grunde das Tun des Rechten das Zweitwichtige ist, oder vielmehr: dass es für mich nur das Relief bildet, von dem sich die Trefflichkeit <hi rend="italic">meiner</hi> Person vorteilhaft abheben soll. Und darunter leidet dann das Tun des <hi rend="italic">Rechten</hi>. Das sah man bei den alten <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäern</term>. Sie taten, was Gottes <term type="Sachen" key="Gebote">Gebote</term> befehlen, aber sie wussten auch: <hi rend="italic">wir</hi> sind die, die Gottes Gebote erfüllen, und darüber wurde ihre Gerechtigkeit vor <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gott</term> im Nu zur Ungerechtigkeit. Denn weil es ihnen bei ihrem ganzen <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> mehr auf sich selbst ankam als auf Gott, machte es ihnen keine Beschwerde, neben der exaktesten Pflichterfüllung hart und lieblos gegen Witwen und Waisen zu sein. Und gerade so geht es uns auch. Das Bewusstsein: <hi rend="italic">ich</hi> bin der fromme, tüchtige, brauchbare, fortgeschrittene Mann vergiftet unsre besten Grundsätze. Unsre Arbeit wird dadurch zur Routine, unsre Ideen werden zu wertlosen Halluzinationen, unsre Gefühle zu inhaltlosen Spielereien. Und darum ist Jesus mit Recht der Meinung gewesen: Selig sind Alle die, die aus guten Gründen nicht sagen können: <hi rend="italic">Ich</hi> tue das Rechte. Die sind dem Himmelreich ganz nahe. Denn denen fehlt jenes <term type="Sachen" key="Ich / das Ich, Ichgefühl">Ichgefühl</term>, das das größte Hindernis ist für das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>. Gewiss, sie stecken tief in Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, und diesen Zustand wollte Jesus weder bestätigen noch beschönigen, aber durch diesen Zustand ist ihnen auch all die innere Gloriole genommen, mit der wir unser besseres Ich so gern umgeben und durch die wir nur weiter vom Ziel kommen. Sie sind davon weg und zurückgedrängt auf ein, fast möchte ich sagen, unbewusstes Tun des Rechten. Was ist göttlicher, das Tun eines amerikanischen Milliardärs, der am Ende seines Lebens sein Vermögen an gemeinnützige Werke vergibt, oder das Tun einer alten Frau, die mir sagte: ich bin jetzt 70 Jahre alt, ich hätte es nicht mehr absolut nötig zu arbeiten, aber ich <hi rend="italic">muss</hi> arbei<pb xml:id="p050" ed="pga" break="no"/>ten, ich könnte nicht anders? Was ist göttlicher, das innere Leben eines aufrichtig frommen Menschen, der täglich bewusst mit Gott verkehrt und redet, oder die reine Liebe und Anhänglichkeit zueinander, die ich bei einem Ehepaar in einem Hinterhof angetroffen habe, das seine Jugendliebe um ein halbes Jahrhundert hinter sich hat? Ist da <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>? Ist da tüchtige <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnung</term>? Ist da irgend etwas Hervorragendes? Nein, aber da ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>.</p>
                <p>Weiter mag es wohl in einem Sinn wahr sein, dass es gut wäre, wenn Alle Menschen «geistlich reich» wären wie wir. Das ist wahr, wenn Gott es sagt. Du bist fromm, du bist brav, du bist tiefsinnig, du bist dies und das. Wenn etwas an diesen Qualitäten ist, dann ist es allerdings Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Wille Gottes">Wille</term>, dass alle Menschen so werden wie du. Aber wenn du selbst das sagst: Wären nur Alle wie ich!, dann gibst du dich einer erbärmlichen Illusion hin. Du verwechselst dann das, was Gott in dir wirkt, mit dir selber. Du wirst dann, wie wir sahen, entweder ein grämlicher Pessimist, der immer denkt: <hi rend="italic">Mein</hi> Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Oder du wirst ein oberflächlicher Optimist, der meint, es werde schon Alles gut kommen dadurch, dass du den Mund auftust. Beides fließt aus derselben Einbildung, als ob es in der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> auf unsre kleinen Persönchen ankomme und nicht auf Gott. Die, welche wissen: ich bin <hi rend="italic">nicht</hi> fromm, ich bin <hi rend="italic">nicht</hi> brav, ich bin <hi rend="italic">nicht</hi> tiefsinnig, sind auch hier der Wahrheit näher. Man kann da beobachten, dass Leute, die von <term type="Sachen" key="Lebensphilosophie">Lebensphilosophie</term> gar nichts wissen, denen das <hi rend="italic">Wort</hi> «Gott» vielleicht seit ihrer <term type="Sachen" key="Konfirmation">Konfirmation</term> nicht mehr über die Lippen gekommen ist, tatsächlich die großartigere, und ich sage ausdrücklich: tatsächlich die <hi rend="italic">frommere</hi>
                    <term type="Sachen" key="Weltanschauung">Weltanschauung</term> haben als die <term type="Sachen" key="Philosophie / Philosophen">Philosophen</term> und die Frommen. Sie wissen: auf mich kommt es nicht an, gottlob gibt es bessere Leute als ich, sie wissen: die Welt kann es ohne mich machen, ich bin in der ganzen Maschine ein sehr kleines, unbedeutendes Rad, das auch fehlen könnte. Aber wenn wir die Sache mit den Augen Gottes übersehen könnten, würden wir merken, dass die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> es doch nicht ohne sie machen könnte; denn das kleine Rad läuft, der Schuhmacher und die Waschfrau tun ihre Pflicht, ohne links noch rechts zu sehen. Sie haben keine <term type="Sachen" key="Gesinnung">Gesinnungen</term> und keine Ideen dabei, sie tun nichts besonders Hervorragendes damit, sie sind geistlich arm, daran besteht kein Zweifel; aber ihrer ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>, sie <hi rend="italic">sind</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, Gottesmensch">Gottesmenschen</term>, weil sie wissen, dass sie es nicht sind.</p>
                <p><pb xml:id="p051" ed="pga" rend="noPipe"/>Und endlich mag es wohl nach dem Urteil Gottes richtig sein, dass die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frommen</term>, die innerlich Lebendigen, der Anfang einer bessern, höhern <term type="Sachen" key="Menschheit, bessere">Menschheit</term> sind. Aber wir gehören nur dazu, wenn wir nach unsrem eigenen Urteil nicht dazu gehören. Denn zu einem rechten göttlichen <term type="Sachen" key="Leben, rechtes göttliches">Leben</term> gehört unweigerlich der <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term>; wir hören aber auf fortzuschreiten, sobald wir den Wahn haben, dass wir zur Elite der <term type="Sachen" key="Menschheit, Elite der M.">Menschheit</term> gehören. Es ist schon manches Menschen Leben innerlich daran zu Grunde gegangen, dass er nicht mehr merkte, dass Andere ihm gehörig überlegen seien. Ja, dieser Elitewahnsinn war die Mauer, die schon die alten <term type="Sachen" key="Pharisäertum / Pharisäer">Pharisäer</term> von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Jesus</term> trennte. Bei den «geistlich Armen» wird man ihm nicht begegnen, sie haben ja keinen Anlass dazu. Im Gegenteil: das sind die Menschen, die ganz aufs Empfangen von Andern angewiesen sind. Sie leben geistig auch nicht von der Luft, sondern von dem Wenigen, was ihnen zugänglich ist. Aber die Beobachtung ist schon oft gemacht worden, wie gerade diese Enterbten des geistigen Lebens sich das Wenige, was sie in der Schule, aus Büchern, aus <term type="Sachen" key="Predigt">Predigten</term> oder <term type="Sachen" key="Zeitungen">Zeitungen</term> erfasst haben, verarbeiten in einer Weise, wovon wir Andern, Besitzenden keine Ahnung haben. Und es wird uns aus dieser natürlichen Empfänglichkeit deutlich, warum Jesus von diesem großen Haufen der Unfrommen reden konnte als von den Hungernden und Dürstenden nach <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>], ja, als von den Stürmern und Drängern, die das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> mit Gewalt an sich reißen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.12">Mt. 11,12</ref>]. Selig sind sie, sagt er, sie sind geistlich arm, aber weil sie geistlich arm sind, ist ihrer das Himmelreich.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p>Was wir gesagt haben, waren doch nur Andeutungen über die ungeheure Veränderung aller Begriffe, die durch dies Wort Jesu vollzogen wird. Aber was sollen <hi rend="italic">wir</hi> dazu sagen? Ich sagte am Anfang, wir hier gehören wohl in der großen Mehrzahl auf die andre Seite, zu denen, die «geistlich Reiche» zu nennen wären. Denn wir sind in irgend einem Maß bewusste <term type="Sachen" key="Christen, bewusste">Christen</term>, sonst wären wir wohl nicht hier, wir gehören überhaupt zu denen, die auf einen bestimmten Besitzstand von innerem Leben, von geistigen Gedanken, von frommen und überhaupt außeralltäglichen Gefühlen blicken dürfen. Was sollen wir tun, <pb xml:id="p052" ed="pga"/> wenn es nun heißt, und mit Recht heißt: Selig sind, die da geistlich arm sind? Ob es das Beste wäre, alle <term type="Sachen" key="Kirchen">Kirchen</term> zu schließen, alle Arbeiten für das geistige und leibliche <term type="Sachen" key="Gemeinwohl">Gemeinwohl</term> einzustellen, alle Bücher zu verbrennen, jeden geistig seiner Wege gehen zu lassen? Das wäre eine wörtliche, aber falsche Auslegung des Wortes Jesu. Denn das würde bedeuten eine Verleugnung und Vernachlässigung des Reichtums – nicht unsres Reichtums –, aber des Reichtums <term type="Sachen" key="Gott, Reichtum">Gottes</term>, dessen Verwalter wir sind an unserm kleinen oder großen Anteil höhern geistlichen <term type="Sachen" key="Leben, höheres geistliches">Lebens</term>. Der eine Knecht hat fünf Pfunde empfangen, der andre zwei, der dritte eins, mit denen sollen wir arbeiten, und wehe uns, wenn wir sie im Schweißtuch vergraben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.12 Lk.19.26">Lk. 19,12–26</ref>]. – Wohl aber wollen wir uns die wahre Meinung Jesu mit der ganzen Gewalt, die in seinem Wort liegt, ins Herz schreiben lassen in doppeltem Sinn:</p>
                <p><hi rend="italic">1</hi>. Wenn wir uns innerlich reich fühlen, wenn wir etwas besitzen in unserm Innern, wenn wir etwas leisten und ausrichten in der Welt, dann wollen wir uns sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das will sagen: <hi rend="italic">mein</hi> Verdienst ist das Alles, was ich bin und habe, nicht, zu einem rechten Menschen machen mich auch die ausgezeichnetsten Qualitäten noch nicht. Sondern was mich zum rechten <term type="Sachen" key="Mensch, rechter">Menschen</term> macht, ist das, was ich mit den Armen am Geist gemeinsam habe, die einfache Pflichterfüllung und die einfache Empfänglichkeit. Darum, wenn wir getan haben Alles, was wir zu tun schuldig sind, wollen wir sprechen: wir sind unnütze Knechte [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.10">Lk. 17,10</ref>]. Denn die Gerechtigkeit des Menschen vor <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gott</term> steht nicht im Besitzen, sondern im Erwerben.</p>
                <p><hi rend="italic">2.</hi> Wenn die bösen Tage kommen, wenn unser innerer Friede, unsre Freude an uns selbst gestört oder zerstört wird, dann wollen wir dankbar sagen: Selig sind, die da geistlich arm sind. Das ist dann der Fall des kranken <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dessen Gebet nicht erhört wurde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.8 2.Kor.12.9">2.Kor. 12,8f.</ref><note xml:id="n15">Über diesen Text hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zwei Wochen zuvor gepredigt (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/51/p018#p018">S. 18-35</ref>).</note>], wo wir durch den Untergang unsres innern Reichtums zurückgeführt werden auf das Eine, was not ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], auf den spärlichen Anfang von <term type="Sachen" key="Gottvertrauen">Gottesvertrauen</term> und <term type="Sachen" key="Gehorsam, Gottesgehorsam">Gottesgehorsam</term> in uns, auf die heilsame Gnade <term type="Sachen" key="Gnade Gottes">Gottes</term>, die uns in Christus erschienen ist [vgl. <pb xml:id="p053" ed="pga"/> <ref type="can" subtype="bible" target="Tit.2.11">Tit. 2,11</ref>]. In diesem spärlichen Anfang ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> für uns Alle, für die geistlich Armen und für die geistlich Reichen.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                    <listBibl type="songs">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-36">Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von <persName ref="kbga-actors-1356">I. Franz</persName> nach dem «Te Deum laudamus» (4. Jahrhundert), Strophen 1f.7–9 (RG 247, 1f.9–11; EG 331, 1f.9–11 [jeweils mit Textabweichungen])</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-51">Nr. 214: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 2f.5 (RG 83; EG 299)</bibl>
                    </listBibl>
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                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item><ref type="can" subtype="bible" target="Jes.42.1 Jes.42.16">Jes. 42,1–16</ref></item>
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</TEI>
