15. Januar 1911

Predigt: 2.Korinther 12,7–10

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2.Korinther 12,7–10
Auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Dafür habe ich dreimal den Herrn gefleht, dass er von mir wiche; und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, in Schmach, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Liebe Freunde!

Es ist wahrscheinlich unter uns Allen kein Einziges, das sich nicht an Momente oder Stunden seines Lebens zu erinnern wüsste, in denen ihm das wahre Ziel seines Daseins zum Greifen deutlich vor Augen gestanden ist. Es ist sachlich gleichgiltig, ob wir dieses Ziel unsres Daseins die «ewige Seligkeit» nennen, wie es in der christlichen Kirche von alters her üblich gewesen ist, ob wir davon reden als von dem «wesentlichen Schauen Gottes», wie es die mystischen Gottesfreunde im Mittelalter taten, als vom «Leben aus Gott», wie eine kürzlich erschienene Predigtsammlung betitelt ist,1 oder schlankweg als vom «Leben», wie es heutzutage manche religiöse Kreise tun, die sich in ihrem Denken und Empfinden himmelweit von der Frömmigkeit der offiziellen Kirchen geschieden glauben. Es ist doch mit etwas andern Worten jedes Mal dieselbe Sache, von der die Rede ist. Es handelt sich überall um den normalen Zustand des Menschendaseins, um einen Zustand, in dem aller Schein und alle Unbeständigkeit, die uns jetzt stören, verschwunden wären, um einen Zustand, in dem wir unaus|19sprechlich und unwidersprechlich sicher wären: jetzt bin ich, was ich sein soll; jetzt bin ich auf dem letzten, tiefsten Grund der Wahrheit und Wirklichkeit angelangt; jetzt lebe ich, jetzt schaue ich Gott von Angesicht zu Angesicht [vgl. Apk. 22,4]; jetzt ist die Ewigkeit da. «Ewige Seligkeit», «Erkenntnis Gottes», «Leben aus Gott» oder einfach «Leben», das sind Alles nur Namen für diesen einen Zustand. Und nun sage ich: wir Alle haben schon zu Zeiten diesen Zustand zum Greifen deutlich vor uns gesehen. Das wird meistens so zugegangen sein, dass wir eines andern Menschen gewahr wurden, der jenem Lebenszustand um einen Schritt näher war als wir selbst. Das kann ein Mensch aus unsrer Umgebung gewesen sein, es kann aber auch ein längst Verstorbener sein, dessen Bekanntschaft wir aus Büchern von ihm oder über ihn gemacht haben. Beim Einen mag es sein Vater oder seine Mutter sein oder sein Freund, beim Andern Goethe oder Beethoven oder Luther oder Franz von Assisi, bei Andern noch Andre. Der wäre sehr zu bedauern, der gar keinen Menschen namhaft zu machen wüsste, der ihm irgendeinmal, und wäre es auch nur vorübergehend, die Augen geöffnet, nicht über dies und das, sondern über das Letzte und Größte, was es zu sehen gilt, über die Richtung, in der er zu marschieren hätte, wenn er immer täte, wie er sollte.

Ein Jeder muss sich seinen Helden wählen,
Dem er die Wege zum Olymp hinauf
Sich nacharbeitet.2

Solche Menschen, die uns zu Helden werden, stellen uns die Seligkeit, das Leben, sie stellen uns Gott vor Augen, sie geben uns eine Richtung an. Wir fühlen uns von ihrem Dasein, von ihren Worten und Werken ergriffen. Wir denken: dahin möchte ich auch. Aber wenn wir uns so gewiss Alle an Zeiten und Stunden erinnern, wo uns etwas davon aufging, was Lebensinhalt und Lebensziel wäre, dann kennen wir auch Alle die Frage, die sich nun sofort einstellen muss: Wie komme ich dazu? Denn etwas Anderes ist es, ein schönes, wahrhaftiges, ewiges Leben vor sich zu sehen, etwas Anderes, es sich anzueignen. Ich sehe etwas Großes, Wertvolles zunächst im Spiegelbild eines meiner Mitmenschen. Wie wird es mein Besitz? |

20Wie komme ich dazu? Das ist die Frage, die wir Alle kennen. Und das ist die Frage, an der sich die Geister scheiden. Die Einen sind von vornherein träge; sie sagen gleich: ich komme doch nicht dazu! und lassen dann die Sache auf sich beruhen. Mit denen wäre ein Wörtlein für sich zu reden; es soll aber heute nicht geschehen. Ich darf annehmen, dass wenigstens unter den Kirchgängern, vielleicht aber auch sonst die Andern zahlreicher sind. So versetzt die Frage: Wie komme ich dazu? die einen zeitweise wenigstens, die andern eigentlich fortwährend in die lebhafteste innere Bewegung. Sie haben das größte Etwas vor sich ge[se]hen, die Seligkeit oder das Leben, oder wie wir’s nennen wollen. Sie merken auch: so ohne Weiteres kann man sich das nicht aneignen, eine Selbstverständlichkeit ist solcher Besitz nicht. Aber es3 lässt ihnen keine Ruhe, sie möchten doch etwas tun. Und nun fragt sich nur: Was? Denn zwischen ihnen und ihrem Ziel erhebt sich eine ganze Reihe von Schwierigkeiten und zwar aus ihrem eigenen Innern heraus, die mit frommen Wünschen noch nicht überwunden sind. Der Eine hat einen zu starken Willen, wie er denkt, und dieser starke Wille ist von Natur auf ganz Anderes gerichtet als auf das wahre Leben, das er sich auch gerne aneignen möchte. Der Zweite hat einen zu schwachen Willen und vermag es nicht, sich zu sammeln aus der Zerstreuung und sich auf das Eine zu richten. Der Dritte klagt: ich denke zu viel und fange dann immer wieder an zu zweifeln, so schön mir auch ein Leben aus Gott vor Augen gestellt wird. Und der Vierte meint umgekehrt: ich denke zu wenig; ich vermag es nicht zu fassen und zusammenzureimen, was ich von den verschiedenen Pfarrern höre, was ich in den verschiedenen Büchern lese; ich komme nicht nach. Und so gibt es sehr Viele, für die ist dieses «Wie komme ich dazu?» eine sehr große, und zwar eine offene Frage. Das ist immer so gewesen. In früheren Zeiten sind viele ernsthafte Menschen mit dieser Frage ins Kloster gegangen, um da in einer strengen Ordnung des äußern und innern Lebens ihren Willen und ihre Gedanken zerbrechen und dirigieren zu lassen. Man hat aber mehr als ein Beispiel dafür, dass gerade ernsthafte Menschen mit alledem doch nicht dazu gekom|21men sind. Wir Protestanten haben wenigstens im Grundsatz darauf verzichtet, von einer solchen religiösen Technik Gebrauch zu machen. Ein Rest davon findet sich freilich auch noch in unsrer Mitte. Es ist euch vielleicht auch schon so ergangen: Wir haben uns vielleicht lange innerlich mit jener Frage herumgeschlagen, und es ist umsonst gewesen, wir finden keinen Halt. Und nun begegnet uns irgend ein Gedanke, eine Lehre von recht handfester Art, vielleicht von einem kraftvollen Menschen persönlich oder in einem Buch vorgetragen. Wir müssen uns sagen: Eigentlich könnte ich das nicht glauben und annehmen; aber wir haben die Unordnung in unserm innern Leben herzlich satt, wir erinnern uns, dass Jesus einmal gesagt hat: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben [Joh. 20,29], oder an das Wort Schillers: Du musst glauben, du musst wagen,4 und so wagen wir den Sprung ins Dunkle, wir entschließen uns zu glauben, obwohl wir eigentlich nicht glauben, und reden uns ein, damit sei unser Friede mit Gott und mit uns selbst hergestellt. Ich will auf die Gefahren dieses protestantischen Restes katholischer Religionstechnik hier nicht eingehen, aber ich würde sie niemandem empfehlen; denn jenes Jesuswort vom Nicht-Sehen und Doch-Glauben müssen wir in das Licht des andern stellen, wo es heißt, dass die Gott anbeten, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten sollen [Joh. 4,24]. Wir können es mit dem Geist und mit der Wahrheit nicht genau genug nehmen.

Aber was dann? Ihr dürft von mir nicht erwarten, dass ich euch an Stelle des alten ein neues Rezept verschreibe über die Art, sich ein seliges Leben anzueignen. Es gibt dafür überhaupt kein Rezept. Denn es handelt sich dabei nicht um etwas, was wir tun, sondern um etwas, was Gott an uns tut. Das, was wir bei der Sache zu lernen und uns |22 anzueignen haben, besteht darin, die Augen noch weiter zu öffnen als vorher, um Gottes Tun zu sehen und zu verstehen. Und nun haben wir in unserm Text ein einzigartig tiefes und schönes Bild von Einem, dem über Gottes Tun die Augen aufgegangen sind. Das wollen wir etwas genauer ansehen und einige Punkte daraus entnehmen, auf die wir bei unsrer großen Frage zu achten haben.

*   *   *

Erstens müssen wir, wenn wir nach einem seligen Leben, nach Leben aus Gott Verlangen tragen, einmal genau darauf achten, ob es wirklich Leben aus Gott ist, was wir dabei suchen. Ein so gewaltiger, tiefgegründeter Gottesmann wie der Apostel Paulus hat da noch auf der Höhe seines Lebens Beobachtungen an sich selbst gemacht, die uns vielleicht auch nicht fremd sind. Wenn wir nämlich lesen, was unsrer Stelle vorangeht, dann hören wir von einer Stunde aus seinem Leben, da er eine wunderbar hohe, innere Erfahrung gemacht. Ich ward entzückt, sagt er in der Ausdrucksweise, in der man damals von den unsichtbaren Dingen redete, bis in den dritten Himmel [2.Kor. 12,2], ja bis ins Paradies [2.Kor. 12,45]. Kaum weiß er, ob er selber es wirklich gewesen, er redet von sich selber wie von einem dritten; alles Bewusstsein seiner Leiblichkeit sei verschwunden gewesen, nur die unaussprechliche Ruhe Gottes habe er gefühlt und Worte gehört, die kein Mensch sagen kann [2.Kor. 12,4]. Er wusste sich im Besitz der Seligkeit in jenen unbeschreiblichen Augenblicken und er umfasste diese Seligkeit mit der ganzen Glut seines prophetischen Wesens, das gewiss hoch über dem lauen, farblosen Gefühlsleben von uns Durchschnittsmenschen steht, aber wir dürfen sein Erlebnis doch nicht außer allen Zusammenhang mit unserm Seelenleben stellen, wenn wir das Folgende recht verstehen wollen. Es mag sehr nüchtern tönen, wenn wir unsre Erfahrungen neben jene innere Offenbarung des Paulus stellen, von der er noch nach 14 Jahren nur mit stammelndem Entzücken zu reden weiß. Und doch machen wir tatsächlich Erfahrungen, die in unserm Leben die Bedeutung jener Offenbarung im |23 Leben des Paulus einnehmen. Wir sind hoffentlich Alle schon zu Zeiten recht zufrieden gewesen. Das ist etwas sehr Gewöhnliches und doch gehört es hieher, denn es versteht sich bekanntlich gar nicht von selbst, dass wir zufrieden sind. Zu Zeiten aber waren wir es. Ob wir dabei gerade an Gott dachten oder nicht, ist hier gleichgiltig. Tatsächlich war es uns zu Mute wie an einem schönen Sommertag, wo kein Wölklein am Himmel steht. Unsre Umstände haben sich glücklich gefügt und wir fühlten aufs Innigste: das Leben ist doch schön, das Leben hat doch Sinn und Wert. Oder wir wissen Alle von Momenten, wo wir Genugtuung, Satisfaktion empfanden über unsre Arbeit. Wir hatten etwas geleistet und wir freuten uns daran in der Gewissheit, dass wir noch mehr leisten würden. Wir hatten handgreifliche Beweise, dass wir etwas ausrichteten, und sagten uns wieder: das Leben ist doch schön, es ist etwas Gewaltiges, so wirken zu dürfen, wie ich es darf. Das ist eine sehr berechtigte Seligkeit, und wir dürfen vielleicht annehmen, dass auch jenes Erlebnis der Gottesnähe, das Paulus gemacht hat, mit seiner ebenso rastlosen wie erfolgreichen Missionsarbeit in diesem innern Zusammenhang stand. Oder ich erinnere an das, was in der modernen Literatur mit einem etwas unklaren Ausdruck Lebensgefühl genannt wird. Es ist damit gemeint jenes unmittelbare Bewusstsein von Freude, Kraft und Wahrheit, wie es – nicht alle Menschen, aber Viele an den Werken der Natur, der Kunst oder Wissenschaft erleben.6 Ich las diese Woche einen Brief eines jungen Mannes |24 aus einer deutschen Großstadt, dem man es deutlich anspürte, wie sogar der bloße kräftige Gedanke an die erhabene Schönheit unsrer Schweizerberge, die er nie gesehen, sein inneres Dasein steigerte und erhob weit über die Schranken eines kleinlichen Alltagslebens.7 |

Also wir machen, mag unser geistiges Leben noch so mittelmäßig sein, wir machen tatsächlich Erfahrungen, auf die wir später zurückblicken wie der Apostel auf das seinige mit dem Gedanken: ich war dem seligen Leben einmal so nahe, als man nur sein kann, ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! Aber wir müssen nun die Beobachtungen, die Paulus an sich selbst gemacht hat, gleich noch weiter verfolgen und mit den unsrigen vergleichen. Überraschenderweise hören wir nämlich, dass Paulus deutlich der Meinung gewesen ist, jenes Offenbarungserlebnis sei zwar etwas undenkbar Schönes und Großes gewesen, aber es habe zugleich eine ernstliche Gefahr für seine wahre Seligkeit bedeutet. In der Zeit, da er jene Briefstelle schrieb, ist diese Gefahr zwar offensichtlich überwunden, er blickt jetzt von einer höhern Warte aus darauf zurück, aber er sagt doch ausdrücklich, dass sie dagewesen sei, nämlich die Gefahr der Überhebung, wie er das nennt. Offenbar ist er in gewissen Stunden einer eigentümlichen, sehr menschlichen Versuchung unterlegen, nämlich der Versuchung zur |25 Verwechslung zwischen Gott und sich selbst, um es kurz zu sagen. Die gewaltigen Augenblicke, die er innerlich erlebt hatte, brachten ihn auf den Gedanken: ich muss doch ein gewaltiger Mann sein, dass ich dergleichen erlebe. In der Erinnerung an jene Offenbarung trat ihm seine eigene Person leise und unvermerkt in den Vordergrund, er buchte sein Erlebnis als eine einzig dastehende Würdigung von Seiten Gottes, und vielleicht ist das auch bereits diesem oder jenem Menschen gegenüber als eine gewisse selbstbewusste Eitelkeit zum Vorschein gekommen. Man denke sich, was gefolgt wäre, wenn Paulus dieser in ihren Anfängen gewiss sehr unschuldigen Versuchung nachgegeben hätte. Seine ganze Missionsarbeit als das Werk eines geistlichen Egoisten, wie Muhamed einer gewesen ist, der ja Ähnliches erlebt hat! Welch ganz anderes, unerfreuliches Bild würden die Anfänge unsrer Religion uns heute bieten, wenn Paulus dort definitiv zu einem selbstbewussten Genießer der Nähe Gottes geworden wäre! Wenn wir vorhin etwas Mühe gehabt haben, in unserm Leben Parallelen zu der hohen Offenbarung des Paulus aufzuweisen, so wird es uns jetzt, wo wir von der Gefahr der Überhebung reden, umso leichter. Wir wissen Alle, wie schmal die Grenze ist zwischen Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit, zwischen Genugtuung und Eitelkeit, zwischen dem, was wir Lebensgefühl nannten, und unwahrer Einbildung, und wie leicht und mitunter fast bewusstlos wir diese Grenze passieren. Das ist dann jedes Mal die Überhebung, von der Paulus redet. Statt dass wir den innern und äussern Frieden, den wir erlangt haben, oder die Freude an unserm eigenen Schaffen oder die großen Eindrücke, die von andersher kommen, rein auf uns wirken lassen, als Mittel, die uns kräftigen und fördern sollen, stellen wir uns selbst breit in die Mitte, wir lassen es uns wohl sein, wie man wohl zu sagen pflegt, und damit werden sie uns geradezu zu Gefahren, wie es Paulus sehr richtig empfunden hat. Die Überhebung, die wir uns leisten, wird dann unmittelbar zu einem Herunterrutschen auf die tierische Stufe des Lebens, die sich dadurch auszeichnet, dass der Lebensinhalt oder die Seligkeit im eigenen Wohlsein gesucht wird.

Und nun wollen wir anhand dieser Beobachtungen des Paulus gleich den ersten Punkt feststellen, auf den es für uns ankommt, wenn uns die Frage: Wie komme ich dazu? zu schaffen macht. Der erste Punkt ist eine Gegenfrage, und sie lautet: Was suchst du? Gott oder |26 dich selbst? Wir haben gesehen: Seligkeit und unselige Überhebung, Leben aus Gott und geistliche Eigensucht liegen sehr nahe beieinander. Hast du dir den Unterschied zwischen Beiden schon überlegt? Könnte es nicht sein, dass das Hindernis, das dich von der Seligkeit trennt, keineswegs dein starker oder schwacher Wille, deine vielen oder wenigen Gedanken sind, wie du meinst, sondern deine zu wenig geöffneten Augen, die dich Gott und das Leben nicht recht erkennen lassen, die dich zu dem Irrtum veranlassen, das sei die Seligkeit, wenn es dir wohl sei? Ja, wenn’s das ist, dann kannst du noch lange suchen. Du kannst dann die höchsten Offenbarungen oder Zufriedenheiten, Satisfaktionen und Lebensgefühle gehabt haben, das hilft dir in diesem Fall gar nichts, weil du sie missverstehst. Noch einmal: Was suchst du, wenn du die Seligkeit suchst? Gott oder dich selbst? Das Recht­sein oder das Wohlsein? Wenn es das Letztere ist, dann musst du dir erst von Gott die Augen auftun lassen.

*   *   *

Und nun wollen wir gleich einen Schritt weiter gehen und sehen, wie Gott das macht… Auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Daher ich dreimal dem Herrn gefleht habe, dass er von mir wiche, und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen! Ich sage: Da sehen wir, wie Gott uns die Augen öffnet und was er uns dann zeigt.

Zunächst ist’s klar, dass der «Pfahl im Fleisch», von dem Paulus hier redet, eine leibliche Krankheit bedeutet, unter der er offenbar nicht andauernd, aber zu gewissen Zeiten gelitten haben muss. Man8 hat diese Stelle mit andern aus den Briefen des Paulus verglichen, in denen von seinem Gesundheitszustand die Rede ist,9 und hat interessante Untersuchungen darüber angestellt, welcher Art diese Krankheit gewesen sein möchte.10 Wir interessieren uns hier mehr für die |27 innere als für die äußere Seite der Sache und lassen darum jene Frage auf sich beruhen. Soviel ist klar: Paulus hat zu Zeiten schwer gelitten und er war geneigt, dieses Leiden nicht bloß als ein lästiges, aber natürlich-notwendiges Übel zu verstehen, sondern er schreibt es einem Angriff des Reiches der Finsternis gegen ihn und sein Werk zu, er redet davon als von einem Engel des Satan, der zu ihm gesandt sei, um ihn mit Fäusten zu schlagen. Wir müssen zum Verständnis dieser Äußerung an das Vorhergehende denken. Paulus hat die hohe Offenbarung erlebt, diese Offenbarung ist ihm, wir wissen nicht in welchem Maße, zur Versuchung geworden, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, wahrscheinlich ohne dass er dessen gewahr wurde, gerade wie es uns auch geht. Da kommt in dies selige Leben plötzlich etwas ganz Anderes störend herein. Jenes leibliche Übel macht sich bemerkbar, ihm ist es, wie wenn ihm ein Pfahl, ein Dorn, ein Stachel ins Fleisch getrieben würde, den er nun nicht mehr loswerden kann. Ein Angriff des Bösen, ein Werk des Abgrunds muss dies Übel sein, denkt er. Wie könnte es anders sein? Ist er nicht der Mann Gottes, durch den Gott unter den Menschen wirkt, ist er nicht im dritten Himmel gewesen? Also ist das Übel, das ihn jetzt trifft, ein Angriff, ein Unrecht, eine Beleidigung gegen Gott, eine gottwidrige Empörung im Reiche der Natur. Achten wir darauf, wie wir uns zu derartigen Störungen in unserm Leben verhalten, so werden wir uns in diesem Bild leicht wiedererkennen. Wir wissen das doch: jene großen, schönen Momente in unserm Leben, die Momente der Zufriedenheit, der Satisfaktion, des |28 Lebensgefühls sind vergänglich. Sie sind auf unsrer Lebensreise eigentlich bloß schöne Inseln, die spärlich genug gesät sind und die wir bald wieder verlassen müssen. Und dazwischen liegt das weite, graue Meer, das alle möglichen Unfälle und Zwischenfälle in sich birgt. Was machen wir mit diesen Zwischenfällen? Nicht wahr, es liegt uns sehr nahe, vielleicht nicht gerade an Wirkungen des Satan, aber im Grunde doch dasselbe zu denken wie Paulus, nämlich: das ist etwas ganz Unerhörtes, dass mir so etwas passieren kann. Wir nehmen das Übel nicht als das, was es ist, sondern als ein himmelschreiendes Unrecht, als etwas Queres, Unnatürliches, Lebenswidriges. Wir standen doch eben so fest und so hoch innerlich. Ist es nicht eine klägliche Zerstörung, wenn nun durch Krankheit oder andres Unglück unsre innere Stärke und Höhe zerschmettert wird? Ist es nicht auch ein Unrecht gegen Gott, was uns da passiert? Muss Gott uns nicht helfen, dem wir doch vorher so nahe waren? Vielleicht haben wir dann auch schon getan, was dort Paulus tat, er sagt: ich habe dreimal den Herrn gebeten, dass das Übel von mir wiche. Und wir wollen gleich hinzunehmen, was zwar nicht wörtlich dasteht, was aber aus dem Ganzen deutlich hervorgeht: das Gebet des Paulus um Erlösung von seinem Übel ist nicht erhört worden. Wir bitten etwas von Gott, und Gott gibt es uns nicht. Die peinliche Störung und Verwüstung unsres Lebens bleibt. Was geschieht nun? Wir stehen hier vor dem großen kritischen Wendepunkt, an dem sich das Schicksal unsres innern Lebens entscheidet. Entweder wir verrennen uns nun in den Gedanken: Gott muss mir helfen; ich stehe ihm zu nahe, als dass diese Störung und Verwirrung, an der ich jetzt leide, sein endgiltiger Wille sein könnte. Wenn Gott in der Welt herrscht und nicht das Böse, dann muss es mir gut gehen, denn ich habe immer das Gute gewollt. |

Wir wollen diesen Weg nicht gehen; denn er führt uns mit absoluter Sicherheit ins Dickicht. Warum? Weil ein solches Gebet im Grunde kein Gebet ist, es mag so eifrig und dringend sein, als es will. Denn beten heißt Gott suchen, heißt seinen Willen suchen und sich im Kampf mit sich selbst diesem Willen ein- und unterordnen. Wenn wir dagegen denken und beten: Gott muss mir helfen, dann kämpfen wir nicht gegen uns selbst, sondern gegen Gott, dann denken und beten wir: mein Wille geschehe, dann hört unser Gebet auf, Gebet zu sein, es wird zu einem Selbstgespräch, durch das wir uns wohl auf kurze Zeit |29 etwas Trost suggerieren können, das uns aber keine Hilfe bringt. Paulus ist schließlich den andern Weg gegangen. Auch nicht von vornherein. Er hat dreimal gebetet, erzählt er, und offenbar zuerst auch in dem Sinn: Gott muss mir mein Übel abnehmen! Mein Wille geschehe! Und sein Wille geschah nicht, trotz seines Gebetes. Aber nun ist eine Verwandlung vor sich gegangen in ihm. Er hat innerlich eine unendlich weite Strecke zurückgelegt, von einem Pol des innern Lebens zum andern, könnte man sagen. Es war genau die Strecke, die zwischen seinem Willen und dem Willen Gottes lag. Und auf dem Punkte, an dem er nun angelangt ist, heißt es nicht mehr: Herr, lass das Übel von mir weichen, sondern: Herr, ich lasse mir an deiner Gnade genügen.

Wir müssen uns genau vergegenwärtigen, was sich da ereignet hat und was sich da in uns ereignet, wenn wir diesen, den guten Weg gehen oder besser: geführt werden. Was ist dann das, was da in uns gestört und wohl auch verwüstet wird, wenn wir einen «Pfahl ins Fleisch» bekommen, wie Paulus sagt, d. h. wenn irgend ein leibliches oder geistiges Übel schwererer Art uns trifft? Wir sind, wie gesagt, sehr schnell bereit zu sagen, unser Innerstes, Wertvollstes, unser eigentliches Leben werde da gestört. Das zeigt sich dann darin, dass wir z. B. erklären, das Leben mache uns jetzt keine Freude mehr, wir hätten es satt und dergleichen. Dazu braucht es manchmal noch gar keine gewaltigen Schicksalsschläge; es ist vielleicht mehr als eins unter uns, das sich an Stunden zu erinnern wüsste, wo es durch ein Zahnweh nicht nur aus der Ruhe, sondern sehr ernsthaft aus der Seelenruhe gebracht wurde. Das ist sicher: in solchen Stunden zeigt es sich, wo wir selbst unser Innerstes, Bestes, unsre Seele haben, nicht nach unsern Worten und theoretischen Überzeugungen, sondern in Tat und Wahrheit. Wenn die Freude am Wohlsein unsrer Person heimlich der Mittelpunkt unsres innern Lebens war, dann kommt jetzt das Übel über uns wie eine Katastrophe, denn es nimmt uns gerade dieses Wohlsein. Wenn uns jene Verwechslung passiert ist zwischen Gott und uns selbst, dann meinen wir wohl auch im Übel einen Angriff des Bösen, ein himmelschreiendes Unrecht zu erkennen, denn zweifellos richtet sich das Übel direkt gegen uns. Und Gott erhört unser Gebet um Befreiung nicht. Warum nicht? Weil sich gerade durch dies Dableiben des Übels, wie es Paulus erfahren hat, der heilsame Prozess an uns vollzieht, den wir nötig haben. Würde es uns weggenommen, dann |30 wäre es in der Tat bloß eine Störung gewesen. Wir würden uns dann wieder aufrichten und denken: jetzt ist mir wieder wohl und Alles ist gut und ich bin auch gut. So aber bleibt es und ist nicht bloß eine Störung, sondern eine Zerstörung. Was wird zerstört? Wir denken, es sei unsre kostbare Seele, und fragen entrüstet, wie Gott das zulassen könne. In Wirklichkeit ist es all das Gestrüpp wie Selbstzufriedenheit, Eitelkeit und Einbildung, das sich in den guten Tagen in uns angesammelt hat. Mit dem Wohlsein, das uns in den Zeiten der Gottesnähe erfüllte und das uns nachher zur Haupt­sache wurde, ist es vorbei. Das Ich, das sich feierlich auf den Thron Gottes gesetzt hat, wird langsam, aber sicher heruntergedrängt, wir haben keine Freude mehr an uns selbst. Und nun weist uns das Übel mit starker Hand hin auf das, was übrig bleibt, auf das, was nicht zerstört werden kann wie unser Wohlsein und unsre Freude an uns selbst. Je gründlicher wir hier verletzt werden, desto dringender werden wir genötigt, uns auf das Andre zu besinnen. Und damit wandern wir von einem Pol zum Andern. So ist’s Paulus ergangen. Er lernte aufmerken auf das, was übrig blieb in ihm selber, nachdem ihm Alles Andre verleidet war. Und das, was da übrig blieb in ihm selbst, war die Gnade. |

Dies Wort hatte für ihn einen sehr bestimmten Sinn. Die Gnade Gottes ist es, die den Menschen zu einem rechten Menschen macht, die ihn befreit von der Willkür und Knechtschaft seiner Triebe und Neigungen und die sein Leben verwandelt in ein Leben des Gehorsams und der Liebe. Diese heilsame Gnade war dem Paulus erschienen in der Person Christi. Im Bilde des Gekreuzigten hatte sie ihn angefasst als eine Macht, als ein Faktor von unvergleichlicher Kraft und Realität. Jene Verwandlung der Willkür in Gehorsam, der Selbstsucht in Liebe, sie hatte in ihm angefangen, er verkündete sie den Andern als das Beste und Schönste, was es gebe. Aber der alte Mensch, der Ichmensch war auch noch da und wirkte auch mit Kraft und auch mit Realität, oft mit größerer als der Christusmensch. Zwei Seelen wohnten in seiner Brust, wie er es einmal ergreifend geschildert hat.11 Da kommt ihm sein großes Leid zu Hilfe und verleidet ihm jenen Ichmenschen, dass es eine Art hatte, und nun ist der Sieg da. Nun hat der |31 Christusmensch das Übergewicht. Lass dir an meiner Gnade genügen! Halte dich an das, was übrig bleibt, an die Wirkung des gekreuzigten Christus in dir, an das Rechte, das dir in ihm geschenkt wurde, an das noch so kleine Licht von reinem Gottesgehorsam und reiner Menschenliebe, das sein Feuer in dir angezündet hat. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Hier ist das Leben. Ja und nun seht, meine Freunde, auf diese Gnade dürfen wir auch rekurrieren und wir müssen darauf rekurrieren, wenn es gut kommen soll. Wenn der alte Mensch zerstäubt, wird der neue wach.12 Er braucht bloß wach zu werden, die Gnade ist da, sie schlummert verborgen in uns. In unsrer Taufe ist es uns Allen versichert worden, dass wir unter der Wirkung Christi stehen dürfen. Es ist da kein Einziges unter uns, in dem nicht ein kleiner Anfang des Christusmenschen, ein kleiner Anfang von göttlicher Gerechtigkeit, von dem Gehorsam und der Liebe Christi lebte. Es braucht bloß wach zu werden. Lass dir daran genügen. Zieh dich darauf zurück, und wenn es noch so spärlich und bescheiden wäre. Das sei das Zweite, was wir heute festhalten wollen: Der feste Punkt, auf den wir uns stellen müssen, ist das kleine Gebiet in uns, das mit unserm Ich nichts zu tun hat, das kleine Stück unbedingter Herrschaft Gottes, das (verborgen und mit Gestrüpp bedeckt vielleicht) in jedem von uns aufgerichtet ist. Halt dich daran mit aller Macht. Alles Andre, und wären es Entzückungen bis in den dritten Himmel, sind dem gegenüber wertlos.

*   *   *

Und nun müssen wir darauf achten, wie uns durch diese kopernikanische Umkehrung der Betrachtungsweise das Konzept und die Maßstäbe für unser Leben verändert werden. Wir sind immer wieder geneigt, die Gottesnähe oder das wahre Leben in solchen starken, |32 freudigen, innern Zuständen und Momenten zu suchen, wie wir sie geschildert haben. So ist es gewiss auch Paulus ergangen. Ja, nun tut sich uns ein ganz neues Gesichtsfeld auf. Gewiss sind jene Momente und Zustände etwas Großes und Schönes. Aber wer verbürgt uns, dass sie nicht vergiftet sind oder nur zu geschwind vergiftet werden können durch jene Neigung unsres Ichmenschen zur Selbstzufriedenheit, zur Eitelkeit, zur Einbildung? Wenn wir auf Gottes wirksame Gnade rekurrieren, dann wird das anders, wenn wir im Gehorsam und in der Liebe Christi das Leben gefunden, dann ist das Ich ausgeschaltet, denn mit beiden hat dies Ich nichts zu schaffen.

Dann haben wir aber vor Allem die gewaltige Lebensgewissheit: meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Wir sagten es ja schon. Die Zeiten der Schwachheit, des Dunkels, der Trübsal sind im Leben der meisten Menschen viel ausgedehnter und wirksamer als die Zeiten jener sogenannten Höhepunkte. Kann es da etwas Größeres geben, als dass wir wissen dürfen, was Paulus wusste, wozu er sich in heißem Kampf durchrang: Wenn ich schwach bin, so bin ich stark? Warum stark? Weil wir dann auf den unerschütterlichen Grund des Lebens zurückgedrängt werden, wo es nicht mehr heißt: Ich muss selig sein, mir muss es innerlich wohl sein, ich muss von Gott mit hohen, freudigen Empfindungen und Gefühlen erfreut werden, sondern Gott muss regieren, sein Wille muss in mir zur Erfüllung kommen, sein Reich muss in mir und durch mich aufgerichtet werden; wo es nicht mehr heißt: auf mich kommt’s an, ich muss allerlei Zufriedenheiten und Satisfaktionen und Lebensgefühle an mir erfahren, ich bin der Mann, sondern: ich muss lieben, ich bin schlechterdings für den Andern da, ich muss leuchten in meiner kleinen Ecke, und Alles, was mir Schönes und Großes innerlich geschenkt wird, ist dazu nur ein Mittel. Dieser unerschütterliche Lebensgrund ist die Kraft Christi, die unaufhaltsam wirkt. Sie schlummert einen Dornröschenschlaf in uns, sie muss erwachen, und sie erwacht, wenn der alte Mensch zerstäubt, wenn uns das Reich genommen wird, da Fried und Freude lacht,13 wenn wir schwach sind. Und ich wiederhole es: diese Gnade Gottes in |33 der Kraft Christi, die du in dir trägst, mag so spärlich und bescheiden und unbeholfen sein als möglich, sie ist tatsächlich mächtiger als ein ganzer Scheffel voll Lebenskraft oder Gottesbewusstsein, das doch nur ein feines Gewand unsres Ichmenschen ist. Denn wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Gnade nicht, die in der Liebe wirksam ist, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle [vgl. 1.Kor. 13,1]. Wir dürfen es getrost wiederholen, was Paulus in seiner kräftigen, paradoxen Art gesagt hat: ich will mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, und: ich bin guten Muts in Schwachheiten, in Schmach, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten. Denn wenn wir schwach sind und wenn wir das wissen, dann werden wir von Gottes gewaltiger Hand reduziert auf das Eine, was not ist. Dann erwacht die Kraft Christi und wohnt bei uns, dann sind wir stark, wie Paulus stark gewesen ist, nicht trotz seines Leidens, sondern weil ihn das Leiden den Weg von sich selbst zu Gott führte.

Wollen wir nun noch fragen: Wie komme ich dazu? Wie komme ich zu einem rechten, seligen Leben, wie es mir im Spiegelbild anderer Menschen als leuchtendes Ziel vor die Augen getreten ist? Sieh, wenn du so fragst, so zeigt das, dass du es bis jetzt am falschen Ort gesucht und deshalb, wie es recht ist, am falschen Ort nicht gefunden hast. Sei du froh über dieses Resultat. Es gibt nichts Befreienderes als die Entdeckung, dass einem alle Wege verrannt sind. Jesus hat die Hungernden und Sehnsüchtigen und Fragenden selig gesprochen, nicht die Satten oder Halbsatten. Denn das sind die, die reif sind für das selige Leben, weil ihr alter Mensch mit all seinen Einbildungen reduziert ist, je näher dem Nullpunkt, desto besser, und in denen nun der neue Mensch erwachen kann. Wenn du schwach bist, so bist du stark.

Du klagst über deinen schwachen Willen, der so unbestimmt ist und kein Ziel recht zu ergreifen vermag. Sieh, damit hat Gott dir viel Eigenmächtigkeit und Borniertheit erspart, zu denen du einen starken Willen brauchen würdest, wenn du ihn hättest. Halte dich an den Gehorsam Christi, der auch in dir schlummert, in den kleinen, täglichen Dingen zuerst; tritt nur einmal hinüber auf den andern Pol deines Wesens; jener Gehorsam wird wachsen, wenn er einmal erwacht ist, und du wirst in deiner Schwäche stärker sein als ein Napoleon mit all seinem Willen.

34Du klagst umgekehrt über deinen zu starken Willen, der so starr und steif auf ungute Dinge gerichtet ist. Du empfindest diese Stärke mit Recht als eine Schwäche. Aber sieh, gerade mit dieser Schwachheit wirst du auf einen Nullpunkt geführt, wie es dem jungen trotzigen Paulus vor Damaskus gegangen ist [vgl. Act. 9,8f.]. Dein Wille musste so starr und steif sein, damit dir das Ungute ebenso starr und steif verleidet werde, damit du lernest, die Hand ausstrecken wie ein willenloses Kind nach der Liebe Christi, die wirkliche Stärke ist.

Du sagst: ich denke zuviel, und aus dem vielen Denken kommen die Zweifel. Ja, lieber Freund, du musst eben zweifeln, du musst unsicher sein; denn weil du unsicher bist, verlangst du nach der Wahrheit, und nur wenn du jetzt unsicher bist, wirst du zur Wahrheit gelangen, während die Sichern, auf diesem oder jenem Grund stehenden, wie man zu sagen pflegt, sehr oft der Wahrheit am Fernsten sind.

Und du sagst: ich denke zu wenig, ich komme nicht nach, ich vermag es nicht zu fassen, was man mir von allen Seiten sagt. Ja, bei dir steht’s eben umgekehrt. In deiner Gedankenschwachheit liegt eine Lebenskraft verborgen, die manchem Professor fehlt. Du bist mit deiner Art an die kindlich-schlichte Unterwerfung gegen Gott gewiesen, dessen Stimme in deinem Innern auch du zu fassen vermagst.

Ja, wie kommen wir dazu?, liebe Freunde. Nicht indem wir auf unsre Stärke, auf die Höhe unsres innern Lebens pochen, nicht indem wir auf hohe Freudenoffenbarungen in unserm Innern warten. Beides ist schön und groß, und wir wollen dankbar sein, wenn es uns zuteilwird. Aber der Weg zum Leben ist ein anderer. Wir kommen dazu, indem wir unsre Schwachheiten, unsre Hindernisse nicht abschütteln und nicht ignorieren, sondern ihnen auf den Grund gehen und die Gnade entdecken und ergreifen, die darin gerade für uns verborgen ist.

Wenn ich auch gar nichts fühle
Von deiner Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele
Auch durch die Nacht.14

35Ja, gerade durch die Nacht kommen wir zum Ziele. Denn unsre Schwachheiten sind nicht Angriffe des Bösen, sondern durch sie zerstört der lebendige Gott unsern alten Menschen und seine Interessen und Illusionen, und wenn das geschehen ist, fängt das Regiment der Gnade an, unter dem wir frei sind von uns selbst, um frei zu sein zum Wirken für das Rechte.

Wenn wir schwach sind, sind wir stark.

Und wir kommen dazu, indem wir danach fragen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450) 🎵
  • Nr. 289: «Nicht menschlicher Rat» von A. Knapp, Strophen 1.4.5 🎵
  • Nr. 281: «Fortgekämpft und fortgerungen» von J. K. Lavater, Strophen 1.7.8 (RG 691) 🎵
Lesungstext:
  • Ps. 42–43

Sachfußnoten

1
Fr. Rittelmeyer / Chr. Geyer, Leben aus Gott. Neuer Jahrgang Predigten, Ulm 1911 📖.↩
2
J. W. von Goethe, Iphigenie auf Tauris, 2. Aufzug, 1. Auftritt 📖; dort: «Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, […].»↩
3
Im Mskr. ist dieses Wort wohl verbessert, ohne dass allerdings eine Durchstreichung klar erkennbar wäre; ursprünglich scheint Barth «sie» geschrieben zu haben; der letzte (nachträglich hinzugefügte?) Buchstabe ist aber eindeutig ein «s».↩
4
Aus Strophe 4 von Fr. Schillers Gedicht «Sehnsucht» (Erstdruck 1802; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 411) 📖:
Einen Nachen seh ich schwanken, / Aber ach! der Fährmann fehlt.
Frisch hinein und ohne Wanken, / Seine Segel sind beseelt.
Du mußt glauben, du mußt wagen, / Denn die Götter leihn kein Pfand,
Nur ein Wunder kann dich tragen / In das schöne Wunderland.
Vgl. auch J. von Eichendorffs Gedicht «Die Brautfahrt» (Erstdruck 1816; Werke, München 1970, Bd. 1, S. 302–305), Strophe 5 (S. 303) 📖:
Du mußt glauben, du mußt wagen, / Und, den Argonauten gleich,
Wird die Woge fromm dich tragen / In das wunderbare Reich;
Mutig streitend mit den Winden, / Muß ich meine Heimat finden!
↩
5
Revidierter Luther-Text 1892 📖; in neueren Fassungen jeweils «entrückt» statt «entzückt».↩
6
Zum Begriff «Lebensgefühl» in den genannten, verschiedenen Kontexten vgl. beispielsweise H. Mann, Die Göttinnen. Die drei Romane der Herzogin von Assy, Bd. 3: Venus (1903; Heinrich Mann Studienausgabe in Einzelbänden), Frankfurt/Main 1987, S. 145f. 📖: «Denn auch das Leiden ruft sie, und empfängt es gern. Freiheitssucht! Kunstfieber! Sie stak tief im zweiten, da sagte ich ihr das furchtbare dritte voraus: Liebeswut! Aber alles ist ihr recht, was hohes Lebensgefühl schafft. Alles ist ihr Spiel, zum Zwecke einer schönen Geste und eines starken Schauers. Kein Rausch raubt sie für immer, keinem Unglück kann sie je erliegen, keine von allen Enttäuschungen wird sie in Zweifel stürzen, am Leben oder an der eigenen Wünschenswürdigkeit»; Gr. Meisel-Hess, Die sexuelle Krise. Eine sozialpsychologische Untersuchung, Jena 1909, S. 127f. 📖: «Die Bejahung des eigenen Ich von irgendeiner Stelle der Welt ist notwendig, damit das Individuum den Mut behalte, dieses Ich zu ertragen. Die sicherste Bestätigung des eigenen Ich kommt durch die Liebe. Wer sich geliebt fühlt, fühlt sich bejaht, und aus dieser Bejahung kommt das höchste Lebensgefühl. […] Was Wunder, daß der natürlichste Instinkt der Kreatur sich immer wieder dagegen auflehnt, sich dieses Glück entraffen zu lassen, diese Bedingung seines eigenen Seins sich schmälern zu lassen, sei es von welchen Göttern oder Götzen immer».  Zurückführen lässt sich die Hochschätzung des Begriffes zu einem guten Teil auf die verbreitete Rezeption von Gedanken Nietzsches; vgl. etwa Fr. Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin 1999, S. 243–334, dort S. 331 📖: «Und hier erkenne ich die Mission jener Jugend, jenes ersten Geschlechtes von Kämpfern und Schlangentödtern, das einer glücklicheren und schöneren Bildung und Menschlichkeit voranzieht, […]; und das gewährleistende Anzeichen ihrer eignen kräftigeren Gesundheit soll gerade dies sein, dass sie, diese Jugend nämlich, selbst keinen Begriff, kein Parteiwort aus den umlaufenden Wort- und Begriffsmünzen der Gegenwart zur Bezeichnung ihres Wesens gebrauchen kann, sondern nur von einer in ihr thätigen kämpfenden, ausscheidenden, zertheilenden Macht und von einem immer erhöhten Lebensgefühle in jeder guten Stunde überzeugt wird.»↩
7
Nicht ermittelt.↩
8
Das Wort scheint im Original falsch geschrieben.↩
9
Vgl. bes. Gal. 4,14.↩
10
Besonders ausführlich beschäftigte sich Heinrich August Wilhelm Meyer in seinem Kommentar mit der Übersetzung und den «zum Theil sehr wunderlichen Erklärungsversuchen» von 2.Kor. 12,7 und kam zu dem Schluss, «dass Paulus irgend ein schmerzvolles leibliches Übel an sich trug, welches ihm als vom Satan zugefügt erschien. […] Weiter gehende Vermuthungen gerathen in’s Blaue hinein» (H. A. W. Meyer, Kritisch exegetisches Handbuch über den zweiten Brief an die Korinther [KEK 6], Göttingen 18624, S. 305.307 📖; vgl. a.a.O., S. 301–307). Meyer hat bis hin zur gegenwärtigen Kommentierung des Verses «die wesentlichen Auslegungsmodelle […] vorweggenommen» (Fr. W. Horn, Die Kommentierung des 2. Korintherbriefes in ‚Meyers Kommentar’, in: Der zweite Korintherbrief. Literarische Gestalt – historische Situation – theologische Argumentation, FS D.-A. Koch, hrsg. von D. Sänger, Göttingen 2012, S. 84–103, dort S. 100 📖). Vgl. auch W. Bousset, Der zweite Brief an die Korinther, in: SNT 2: Die Briefe. Die johanneischen Schriften, Göttingen 1907, S. 141–190, dort S. 186 📖: «Paulus war demnach Epileptiker.» – Die Kommentare von Meyer und Bousset finden sich in der Bibliothek Karl Barths.↩
11
Vgl. Röm. 7,15.19; vgl. auch J. W.  von Goethe, Faust I, V. 1112 (Vor dem Tor) 📖.↩
12
Vgl. die in der Weimarer Ausgabe seiner Werke überlieferte, ungeachtet ihrer dann umstrittenen Herkunft im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielzitierte vorletzte Strophe zu J. W. von Goethes Gedicht «Selige Sehnsucht» (Erstdruck: 1819; vgl. Weimarer Ausgabe I/6, 1888, S. 372f. 📖; in späteren Ausgaben in der Regel nicht abgedruckt):
Lange hab ich mich gesträubt / Endlich gab ich nach!
Wenn der alte Mensch zerstäubt, / Wird der neue wach!
↩
13
Vgl. aus Strophe 3 des Liedes «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt (RG 367; EG 11) 🎵:
Als mir das Reich genommen, / wo Fried und Freude lacht,
bist du, mein Heil, gekommen / und hast mich froh gemacht.
↩
14
Aus Strophe 3 des Liedes «So nimm denn meine Hände» von J. Hausmann (RG 695; EG 376 [dort jeweils «gleich» statt «gar» und «führst» statt «bringst»]) 🎵.↩