Predigt: 2.Korinther 12,7–10
(2. Sonntag nach Epiphanias)
Es ist wahrscheinlich unter uns Allen kein Einziges, das sich nicht an Momente oder Stunden seines Lebens zu erinnern wüsste, in denen ihm das wahre Ziel seines Daseins zum Greifen deutlich vor Augen gestanden ist. Es ist sachlich gleichgiltig, ob wir dieses Ziel unsres Daseins die «ewige Seligkeit» nennen, wie es in der christlichen Kirche von alters her üblich gewesen ist, ob wir davon reden als von dem «wesentlichen Schauen Gottes», wie es die mystischen Gottesfreunde im Mittelalter taten, als vom «Leben aus Gott», wie eine kürzlich erschienene Predigtsammlung betitelt ist,1 oder schlankweg als vom «Leben», wie es heutzutage manche religiöse Kreise tun, die sich in ihrem Denken und Empfinden himmelweit von der Frömmigkeit der offiziellen Kirchen geschieden glauben. Es ist doch mit etwas andern Worten jedes Mal dieselbe Sache, von der die Rede ist. Es handelt sich überall um den normalen Zustand des Menschendaseins, um einen Zustand, in dem aller Schein und alle Unbeständigkeit, die uns jetzt stören, verschwunden wären, um einen Zustand, in dem wir unaus|19sprechlich und unwidersprechlich sicher wären: jetzt bin ich, was ich sein soll; jetzt bin ich auf dem letzten, tiefsten Grund der Wahrheit und Wirklichkeit angelangt; jetzt lebe ich, jetzt schaue ich Gott von Angesicht zu Angesicht [vgl.
Solche Menschen, die uns zu Helden werden, stellen uns die Seligkeit, das Leben, sie stellen uns Gott vor Augen, sie geben uns eine Richtung an. Wir fühlen uns von ihrem Dasein, von ihren Worten und Werken ergriffen. Wir denken: dahin möchte ich auch. Aber wenn wir uns so gewiss Alle an Zeiten und Stunden erinnern, wo uns etwas davon aufging, was Lebensinhalt und Lebensziel wäre, dann kennen wir auch Alle die Frage, die sich nun sofort einstellen muss: Wie komme ich dazu? Denn etwas Anderes ist es, ein schönes, wahrhaftiges, ewiges Leben vor sich zu sehen, etwas Anderes, es sich anzueignen. Ich sehe etwas Großes, Wertvolles zunächst im Spiegelbild eines meiner Mitmenschen. Wie wird es mein Besitz? |
20Wie komme ich dazu? Das ist die Frage, die wir Alle kennen. Und das ist die Frage, an der sich die Geister scheiden. Die Einen sind von vornherein träge; sie sagen gleich: ich komme doch nicht dazu! und lassen dann die Sache auf sich beruhen. Mit denen wäre ein Wörtlein für sich zu reden; es soll aber heute nicht geschehen. Ich darf annehmen, dass wenigstens unter den Kirchgängern, vielleicht aber auch sonst die Andern zahlreicher sind. So versetzt die Frage: Wie komme ich dazu? die einen zeitweise wenigstens, die andern eigentlich fortwährend in die lebhafteste innere Bewegung. Sie haben das größte Etwas vor sich ge[se]hen, die Seligkeit oder das Leben, oder wie wir’s nennen wollen. Sie merken auch: so ohne Weiteres kann man sich das nicht aneignen, eine Selbstverständlichkeit ist solcher Besitz nicht. Aber es3 lässt ihnen keine Ruhe, sie möchten doch etwas tun. Und nun fragt sich nur: Was? Denn zwischen ihnen und ihrem Ziel erhebt sich eine ganze Reihe von Schwierigkeiten und zwar aus ihrem eigenen Innern heraus, die mit frommen Wünschen noch nicht überwunden sind. Der Eine hat einen zu starken Willen, wie er denkt, und dieser starke Wille ist von Natur auf ganz Anderes gerichtet als auf das wahre Leben, das er sich auch gerne aneignen möchte. Der Zweite hat einen zu schwachen Willen und vermag es nicht, sich zu sammeln aus der Zerstreuung und sich auf das Eine zu richten. Der Dritte klagt: ich denke zu viel und fange dann immer wieder an zu zweifeln, so schön mir auch ein Leben aus Gott vor Augen gestellt wird. Und der Vierte meint umgekehrt: ich denke zu wenig; ich vermag es nicht zu fassen und zusammenzureimen, was ich von den verschiedenen Pfarrern höre, was ich in den verschiedenen Büchern lese; ich komme nicht nach. Und so gibt es sehr Viele, für die ist dieses «Wie komme ich dazu?» eine sehr große, und zwar eine offene Frage. Das ist immer so gewesen. In früheren Zeiten sind viele ernsthafte Menschen mit dieser Frage ins Kloster gegangen, um da in einer strengen Ordnung des äußern und innern Lebens ihren Willen und ihre Gedanken zerbrechen und dirigieren zu lassen. Man hat aber mehr als ein Beispiel dafür, dass gerade ernsthafte Menschen mit alledem doch nicht dazu gekom|21men sind. Wir Protestanten haben wenigstens im Grundsatz darauf verzichtet, von einer solchen religiösen Technik Gebrauch zu machen. Ein Rest davon findet sich freilich auch noch in unsrer Mitte. Es ist euch vielleicht auch schon so ergangen: Wir haben uns vielleicht lange innerlich mit jener Frage herumgeschlagen, und es ist umsonst gewesen, wir finden keinen Halt. Und nun begegnet uns irgend ein Gedanke, eine Lehre von recht handfester Art, vielleicht von einem kraftvollen Menschen persönlich oder in einem Buch vorgetragen. Wir müssen uns sagen: Eigentlich könnte ich das nicht glauben und annehmen; aber wir haben die Unordnung in unserm innern Leben herzlich satt, wir erinnern uns, dass Jesus einmal gesagt hat: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben [
Aber was dann? Ihr dürft von mir nicht erwarten, dass ich euch an Stelle des alten ein neues Rezept verschreibe über die Art, sich ein seliges Leben anzueignen. Es gibt dafür überhaupt kein Rezept. Denn es handelt sich dabei nicht um etwas, was wir tun, sondern um etwas, was Gott an uns tut. Das, was wir bei der Sache zu lernen und uns |22 anzueignen haben, besteht darin, die Augen noch weiter zu öffnen als vorher, um Gottes Tun zu sehen und zu verstehen. Und nun haben wir in unserm Text ein einzigartig tiefes und schönes Bild von Einem, dem über Gottes Tun die Augen aufgegangen sind. Das wollen wir etwas genauer ansehen und einige Punkte daraus entnehmen, auf die wir bei unsrer großen Frage zu achten haben.
Erstens müssen wir, wenn wir nach einem seligen Leben, nach Leben aus Gott Verlangen tragen, einmal genau darauf achten, ob es wirklich Leben aus Gott ist, was wir dabei suchen. Ein so gewaltiger, tiefgegründeter Gottesmann wie der Apostel
Also wir machen, mag unser geistiges Leben noch so mittelmäßig sein, wir machen tatsächlich Erfahrungen, auf die wir später zurückblicken wie der Apostel auf das seinige mit dem Gedanken: ich war dem seligen Leben einmal so nahe, als man nur sein kann, ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! Aber wir müssen nun die Beobachtungen, die
Und nun wollen wir anhand dieser Beobachtungen des Paulus gleich den ersten Punkt feststellen, auf den es für uns ankommt, wenn uns die Frage: Wie komme ich dazu? zu schaffen macht. Der erste Punkt ist eine Gegenfrage, und sie lautet: Was suchst du? Gott oder |26 dich selbst? Wir haben gesehen: Seligkeit und unselige Überhebung, Leben aus Gott und geistliche Eigensucht liegen sehr nahe beieinander. Hast du dir den Unterschied zwischen Beiden schon überlegt? Könnte es nicht sein, dass das Hindernis, das dich von der Seligkeit trennt, keineswegs dein starker oder schwacher Wille, deine vielen oder wenigen Gedanken sind, wie du meinst, sondern deine zu wenig geöffneten Augen, die dich Gott und das Leben nicht recht erkennen lassen, die dich zu dem Irrtum veranlassen, das sei die Seligkeit, wenn es dir wohl sei? Ja, wenn’s das ist, dann kannst du noch lange suchen. Du kannst dann die höchsten Offenbarungen oder Zufriedenheiten, Satisfaktionen und Lebensgefühle gehabt haben, das hilft dir in diesem Fall gar nichts, weil du sie missverstehst. Noch einmal: Was suchst du, wenn du die Seligkeit suchst? Gott oder dich selbst? Das Rechtsein oder das Wohlsein? Wenn es das Letztere ist, dann musst du dir erst von Gott die Augen auftun lassen.
Und nun wollen wir gleich einen Schritt weiter gehen und sehen, wie Gott das macht… Auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe. Daher ich dreimal dem Herrn gefleht habe, dass er von mir wiche, und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen! Ich sage: Da sehen wir, wie Gott uns die Augen öffnet und was er uns dann zeigt.
Zunächst ist’s klar, dass der «Pfahl im Fleisch», von dem
Wir wollen diesen Weg nicht gehen; denn er führt uns mit absoluter Sicherheit ins Dickicht. Warum? Weil ein solches Gebet im Grunde kein Gebet ist, es mag so eifrig und dringend sein, als es will. Denn beten heißt Gott suchen, heißt seinen Willen suchen und sich im Kampf mit sich selbst diesem Willen ein- und unterordnen. Wenn wir dagegen denken und beten: Gott muss mir helfen, dann kämpfen wir nicht gegen uns selbst, sondern gegen Gott, dann denken und beten wir: mein Wille geschehe, dann hört unser Gebet auf, Gebet zu sein, es wird zu einem Selbstgespräch, durch das wir uns wohl auf kurze Zeit |29 etwas Trost suggerieren können, das uns aber keine Hilfe bringt.
Wir müssen uns genau vergegenwärtigen, was sich da ereignet hat und was sich da in uns ereignet, wenn wir diesen, den guten Weg gehen oder besser: geführt werden. Was ist dann das, was da in uns gestört und wohl auch verwüstet wird, wenn wir einen «Pfahl ins Fleisch» bekommen, wie Paulus sagt, d. h. wenn irgend ein leibliches oder geistiges Übel schwererer Art uns trifft? Wir sind, wie gesagt, sehr schnell bereit zu sagen, unser Innerstes, Wertvollstes, unser eigentliches Leben werde da gestört. Das zeigt sich dann darin, dass wir z. B. erklären, das Leben mache uns jetzt keine Freude mehr, wir hätten es satt und dergleichen. Dazu braucht es manchmal noch gar keine gewaltigen Schicksalsschläge; es ist vielleicht mehr als eins unter uns, das sich an Stunden zu erinnern wüsste, wo es durch ein Zahnweh nicht nur aus der Ruhe, sondern sehr ernsthaft aus der Seelenruhe gebracht wurde. Das ist sicher: in solchen Stunden zeigt es sich, wo wir selbst unser Innerstes, Bestes, unsre Seele haben, nicht nach unsern Worten und theoretischen Überzeugungen, sondern in Tat und Wahrheit. Wenn die Freude am Wohlsein unsrer Person heimlich der Mittelpunkt unsres innern Lebens war, dann kommt jetzt das Übel über uns wie eine Katastrophe, denn es nimmt uns gerade dieses Wohlsein. Wenn uns jene Verwechslung passiert ist zwischen Gott und uns selbst, dann meinen wir wohl auch im Übel einen Angriff des Bösen, ein himmelschreiendes Unrecht zu erkennen, denn zweifellos richtet sich das Übel direkt gegen uns. Und Gott erhört unser Gebet um Befreiung nicht. Warum nicht? Weil sich gerade durch dies Dableiben des Übels, wie es Paulus erfahren hat, der heilsame Prozess an uns vollzieht, den wir nötig haben. Würde es uns weggenommen, dann |30 wäre es in der Tat bloß eine Störung gewesen. Wir würden uns dann wieder aufrichten und denken: jetzt ist mir wieder wohl und Alles ist gut und ich bin auch gut. So aber bleibt es und ist nicht bloß eine Störung, sondern eine Zerstörung. Was wird zerstört? Wir denken, es sei unsre kostbare Seele, und fragen entrüstet, wie Gott das zulassen könne. In Wirklichkeit ist es all das Gestrüpp wie Selbstzufriedenheit, Eitelkeit und Einbildung, das sich in den guten Tagen in uns angesammelt hat. Mit dem Wohlsein, das uns in den Zeiten der Gottesnähe erfüllte und das uns nachher zur Hauptsache wurde, ist es vorbei. Das Ich, das sich feierlich auf den Thron Gottes gesetzt hat, wird langsam, aber sicher heruntergedrängt, wir haben keine Freude mehr an uns selbst. Und nun weist uns das Übel mit starker Hand hin auf das, was übrig bleibt, auf das, was nicht zerstört werden kann wie unser Wohlsein und unsre Freude an uns selbst. Je gründlicher wir hier verletzt werden, desto dringender werden wir genötigt, uns auf das Andre zu besinnen. Und damit wandern wir von einem Pol zum Andern. So ist’s
Dies Wort hatte für ihn einen sehr bestimmten Sinn. Die Gnade Gottes ist es, die den Menschen zu einem rechten Menschen macht, die ihn befreit von der Willkür und Knechtschaft seiner Triebe und Neigungen und die sein Leben verwandelt in ein Leben des Gehorsams und der Liebe. Diese heilsame Gnade war dem Paulus erschienen in der Person Christi. Im Bilde des Gekreuzigten hatte sie ihn angefasst als eine Macht, als ein Faktor von unvergleichlicher Kraft und Realität. Jene Verwandlung der Willkür in Gehorsam, der Selbstsucht in Liebe, sie hatte in ihm angefangen, er verkündete sie den Andern als das Beste und Schönste, was es gebe. Aber der alte Mensch, der Ichmensch war auch noch da und wirkte auch mit Kraft und auch mit Realität, oft mit größerer als der Christusmensch. Zwei Seelen wohnten in seiner Brust, wie er es einmal ergreifend geschildert hat.11 Da kommt ihm sein großes Leid zu Hilfe und verleidet ihm jenen Ichmenschen, dass es eine Art hatte, und nun ist der Sieg da. Nun hat der |31 Christusmensch das Übergewicht. Lass dir an meiner Gnade genügen! Halte dich an das, was übrig bleibt, an die Wirkung des gekreuzigten Christus in dir, an das Rechte, das dir in ihm geschenkt wurde, an das noch so kleine Licht von reinem Gottesgehorsam und reiner Menschenliebe, das sein Feuer in dir angezündet hat. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Hier ist das Leben. Ja und nun seht, meine Freunde, auf diese Gnade dürfen wir auch rekurrieren und wir müssen darauf rekurrieren, wenn es gut kommen soll. Wenn der alte Mensch zerstäubt, wird der neue wach.12 Er braucht bloß wach zu werden, die Gnade ist da, sie schlummert verborgen in uns. In unsrer Taufe ist es uns Allen versichert worden, dass wir unter der Wirkung Christi stehen dürfen. Es ist da kein Einziges unter uns, in dem nicht ein kleiner Anfang des Christusmenschen, ein kleiner Anfang von göttlicher Gerechtigkeit, von dem Gehorsam und der Liebe Christi lebte. Es braucht bloß wach zu werden. Lass dir daran genügen. Zieh dich darauf zurück, und wenn es noch so spärlich und bescheiden wäre. Das sei das Zweite, was wir heute festhalten wollen: Der feste Punkt, auf den wir uns stellen müssen, ist das kleine Gebiet in uns, das mit unserm Ich nichts zu tun hat, das kleine Stück unbedingter Herrschaft Gottes, das (verborgen und mit Gestrüpp bedeckt vielleicht) in jedem von uns aufgerichtet ist. Halt dich daran mit aller Macht. Alles Andre, und wären es Entzückungen bis in den dritten Himmel, sind dem gegenüber wertlos.
Und nun müssen wir darauf achten, wie uns durch diese kopernikanische Umkehrung der Betrachtungsweise das Konzept und die Maßstäbe für unser Leben verändert werden. Wir sind immer wieder geneigt, die Gottesnähe oder das wahre Leben in solchen starken, |32 freudigen, innern Zuständen und Momenten zu suchen, wie wir sie geschildert haben. So ist es gewiss auch
Dann haben wir aber vor Allem die gewaltige Lebensgewissheit: meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Wir sagten es ja schon. Die Zeiten der Schwachheit, des Dunkels, der Trübsal sind im Leben der meisten Menschen viel ausgedehnter und wirksamer als die Zeiten jener sogenannten Höhepunkte. Kann es da etwas Größeres geben, als dass wir wissen dürfen, was Paulus wusste, wozu er sich in heißem Kampf durchrang: Wenn ich schwach bin, so bin ich stark? Warum stark? Weil wir dann auf den unerschütterlichen Grund des Lebens zurückgedrängt werden, wo es nicht mehr heißt: Ich muss selig sein, mir muss es innerlich wohl sein, ich muss von Gott mit hohen, freudigen Empfindungen und Gefühlen erfreut werden, sondern Gott muss regieren, sein
Wille muss in mir zur Erfüllung kommen, sein
Reich muss in mir und durch mich aufgerichtet werden; wo es nicht mehr heißt: auf mich kommt’s an, ich muss allerlei Zufriedenheiten und Satisfaktionen und Lebensgefühle an mir erfahren, ich bin der Mann, sondern: ich muss lieben, ich bin schlechterdings für den Andern da, ich muss leuchten in meiner kleinen Ecke, und Alles, was mir Schönes und Großes innerlich geschenkt wird, ist dazu nur ein Mittel. Dieser unerschütterliche Lebensgrund ist die Kraft Christi, die unaufhaltsam wirkt. Sie schlummert einen Dornröschenschlaf in uns, sie muss erwachen, und sie erwacht, wenn der alte Mensch zerstäubt, wenn uns das Reich genommen wird, da Fried und Freude lacht,13 wenn wir schwach sind. Und ich wiederhole es: diese Gnade Gottes in |33 der Kraft Christi, die du in dir trägst, mag so spärlich und bescheiden und unbeholfen sein als möglich, sie ist tatsächlich mächtiger als ein ganzer Scheffel voll Lebenskraft oder Gottesbewusstsein, das doch nur ein feines Gewand unsres Ichmenschen ist. Denn wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Gnade nicht, die in der Liebe wirksam ist, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle [vgl.
Wollen wir nun noch fragen: Wie komme ich dazu? Wie komme ich zu einem rechten, seligen Leben, wie es mir im Spiegelbild anderer Menschen als leuchtendes Ziel vor die Augen getreten ist? Sieh, wenn du so fragst, so zeigt das, dass du es bis jetzt am falschen Ort gesucht und deshalb, wie es recht ist, am falschen Ort nicht gefunden hast. Sei du froh über dieses Resultat. Es gibt nichts Befreienderes als die Entdeckung, dass einem alle Wege verrannt sind. Jesus hat die Hungernden und Sehnsüchtigen und Fragenden selig gesprochen, nicht die Satten oder Halbsatten. Denn das sind die, die reif sind für das selige Leben, weil ihr alter Mensch mit all seinen Einbildungen reduziert ist, je näher dem Nullpunkt, desto besser, und in denen nun der neue Mensch erwachen kann. Wenn du schwach bist, so bist du stark.
Du klagst über deinen schwachen Willen, der so unbestimmt ist und kein Ziel recht zu ergreifen vermag. Sieh, damit hat Gott dir viel Eigenmächtigkeit und Borniertheit erspart, zu denen du einen starken Willen brauchen würdest, wenn du ihn hättest. Halte dich an den Gehorsam Christi, der auch in dir schlummert, in den kleinen, täglichen Dingen zuerst; tritt nur einmal hinüber auf den andern Pol deines Wesens; jener Gehorsam wird wachsen, wenn er einmal erwacht ist, und du wirst in deiner Schwäche stärker sein als ein
34Du klagst umgekehrt über deinen zu starken Willen, der so starr und steif auf ungute Dinge gerichtet ist. Du empfindest diese Stärke mit Recht als eine Schwäche. Aber sieh, gerade mit dieser Schwachheit wirst du auf einen Nullpunkt geführt, wie es dem jungen trotzigen
Du sagst: ich denke zuviel, und aus dem vielen Denken kommen die Zweifel. Ja, lieber Freund, du musst eben zweifeln, du musst unsicher sein; denn weil du unsicher bist, verlangst du nach der Wahrheit, und nur wenn du jetzt unsicher bist, wirst du zur Wahrheit gelangen, während die Sichern, auf diesem oder jenem Grund stehenden, wie man zu sagen pflegt, sehr oft der Wahrheit am Fernsten sind.
Und du sagst: ich denke zu wenig, ich komme nicht nach, ich vermag es nicht zu fassen, was man mir von allen Seiten sagt. Ja, bei dir steht’s eben umgekehrt. In deiner Gedankenschwachheit liegt eine Lebenskraft verborgen, die manchem Professor fehlt. Du bist mit deiner Art an die kindlich-schlichte Unterwerfung gegen Gott gewiesen, dessen Stimme in deinem Innern auch du zu fassen vermagst.
Ja, wie kommen wir dazu?, liebe Freunde. Nicht indem wir auf unsre Stärke, auf die Höhe unsres innern Lebens pochen, nicht indem wir auf hohe Freudenoffenbarungen in unserm Innern warten. Beides ist schön und groß, und wir wollen dankbar sein, wenn es uns zuteilwird. Aber der Weg zum Leben ist ein anderer. Wir kommen dazu, indem wir unsre Schwachheiten, unsre Hindernisse nicht abschütteln und nicht ignorieren, sondern ihnen auf den Grund gehen und die Gnade entdecken und ergreifen, die darin gerade für uns verborgen ist.
35Ja, gerade durch die Nacht kommen wir zum Ziele. Denn unsre Schwachheiten sind nicht Angriffe des Bösen, sondern durch sie zerstört der lebendige Gott unsern alten Menschen und seine Interessen und Illusionen, und wenn das geschehen ist, fängt das Regiment der Gnade an, unter dem wir frei sind von uns selbst, um frei zu sein zum Wirken für das Rechte.
Wenn wir schwach sind, sind wir stark.
Und wir kommen dazu, indem wir danach fragen.
- Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. Knorr von Rosenroth , Strophen 1–3 (RG 572; EG 450) - Nr. 289: «Nicht menschlicher Rat» von
A. Knapp , Strophen 1.4.5 - Nr. 281: «Fortgekämpft und fortgerungen» von
J. K. Lavater , Strophen 1.7.8 (RG 691)
Ps. 42–43