12. Februar 1911

Predigt: Matthäus 5,4

54
59
Matthäus 5,4
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Liebe Freunde!

Wenn wir die Seligpreisungen verstehen, deren zweite uns heute beschäftigen soll, dann verstehen wir, wer Jesus war, dann verstehen wir das Evangelium1. Nietzsche hat bekanntlich von der «Umwertung aller Werte»2 geredet, die durch den Übermenschen vollzogen werde. Nun, wenn wir die Umwertung aller Werte sehen wollen, die durch Christus in der Welt und durch das Leben in Christus in uns vollzogen wird, dann müssen wir uns seine Seligpreisungen ansehen. Denn nirgends wird es uns so deutlich wie hier, dass unser inneres und äußeres Leben etwas vollständig Anderes, Neues wird, wenn einmal |55 Christus darin König geworden ist. Vor 14 Tagen stellten wir uns jenes grundlegende Wort vor Augen: «Selig sind, die da geistlich arm sind.»3 Ich habe unterdessen von verschiedenen Seiten gehört, dass man sich über die Auslegung, die ich diesem Wort gab, aufgehalten hat. Es sei den geistlich Armen zu sehr Recht und den geistlich Reichen zu sehr Unrecht gegeben worden. Vielleicht haben auch Andre diese Empfindung geäußert oder doch im Stillen gehabt, ohne dass es mir zu Ohren gekommen ist. Ich bin froh darüber, wenn es so ist. Denn wenn ich das Wort Jesu so ausgelegt hätte, dass Alle zufrieden mit den Köpfen genickt hätten, dann könnte ich jetzt sicher sein, dass ich es unrichtig ausgelegt habe. Nun sehe ich, dass man widersprochen hat und merke daraus, dass ich der Meinung Jesu wenigstens einigermaßen nahe gekommen bin. Denn es gehört dies Wort zu den Worten Jesu, die wir einfach nicht verstehen, solange wir dabei nicht die Lust verspüren, kräftigen Widerspruch einzulegen. Selig sind, die da geistlich arm sind – heißt: Selig sind, die wissen, dass sie innerlich, an Frömmigkeit und guten Werken nichts oder wenig besitzen. Die sind dem Himmelreich nahe, während die, welche wissen, dass sie etwas oder viel von diesen Dingen besitzen, dem Himmelreich ferne sind. Selbstverständlich muss uns ein solcher Satz ungewohnt und unangenehm ­vorkommen, er ist mir manchmal auch unangenehm. Und ich sagte bereits, dass dadurch alle unsre Begriffe verändert, alle unsre Lebensmaßstäbe umgekehrt werden. Wo man Jesus recht kennen lernt, ist es anders gar nicht möglich. |

Aber nun ist dies erste «Selig» eigentlich doch bloß die Überschrift zu einer Reihe von näher ausführenden Gedanken Jesu, die uns dieselbe Wahrheit ebenso widerspruchsvoll freilich, aber angewandt nach bestimmten einzelnen Seiten vorstellen und die in den nächsten und besonders wieder in der letzten Seligpreisung ausgesprochen sind. Selig sind, die da Leid tragen, hören wir; selig sind die Sanftmütigen, selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, dann selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Das sind Alles Leute, denen etwas fehlt. Es fehlt ihnen an äußerem Glück, an Selbstbewusstsein, an Frieden mit Gott, an Frieden mit den Menschen. Aber wir müssen dabei immer an das Erste denken: das Alles sind Leute, die |56 geistlich arm sind. Sie wissen, dass ihnen bei all jenen Dingen nicht bloß dies und das fehlt, sondern Alles: Freude und Kraft und Genugtuung und Mut. Und jedesmal sagt Jesus von ihnen: Selig sind sie!, während wir geneigt wären, jedesmal zu sagen: Selig sind die, die wissen, dass sie Alles das haben, was jenen fehlt. Wir wollen nun die verschiedenen Seiten der Sache, die Jesus da angedeutet hat, eine nach der andern vornehmen. Vielleicht rücken wir dabei seinem merkwürdigen Gedanken gegenüber langsam vom Widerspruch zur Wahrheit vor, und vielleicht gelingt es uns, dabei ein tieferes Verständnis zu gewinnen für das Geheimnis seiner Person und für das Geheimnis des Christuslebens, das in uns, den Bürgern seiner Gemeinde, schlummert und dessen Weckung und Entfaltung unser Ziel und unsre Berufung ist.

*   *   *

Heute stehen wir vor dem Wort: Selig sind, die da Leid tragen. Wenn einer Leid trägt, dann sagt man schon in der Sprache des täglichen Lebens: es fehlt ihm etwas. Und zwar fehlt ihm das, was man in einem vielsinnigen Wort das Glück zu nennen pflegt. Es fehlt ihm an Gesundheit, es fehlt ihm an Geld, es fehlt ihm an lieben Menschen. Und wenn uns nun eines von diesen Dingen oder alle durch die Wandlungen des Lebens genommen sind, wenn das Leid um Verlorenes auf uns liegt wie ein schwerer Alp, dann ist es uns wohl allen schon vorgekommen, wer wir auch seien, dass wir uns plötzlich mitten in den Reihen jener «geistlich Armen» befanden, d. h. unter den Menschen, die Gott nur noch ganz von ferne sehen und die zum Leben keine Zuversicht und Freudigkeit mehr haben. Der Zusammenhang zwischen dem Leidtragen und jener Gottes- und Lebensarmut ist ja sehr einfach. Es erhebt sich dazwischen die uralte Menschheitsfrage: Warum lässt der gute Gott das böse Unglück zu? Tief im Blut sitzt uns die Vorstellung: wo ein rechtes Leben ist, wo geistlicher Reichtum ist, wo Gott ist, da muss auch das Glück sein. |

Die Anschauungsweise der Pharisäer zur Zeit Jesu kann uns auch diesmal wieder als charakteristisches Beispiel dienen. Sie stellten, wie es die Juden von altersher gern taten, ungefähr folgende Rechnung auf: der gerechte Mensch ist von Gott gesegnet, innerlich und äußer|57lich, an seinem Glück erkennt man, dass er ein Gerechter, ein Reicher am Geist ist. Wogegen das Unglück eine Strafe Gottes ist, an seinem Unglück erkennt man den Unglücklichen als einen Ungerechten. Nach dieser Theorie kam für sie jener Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten in Israel vielfach hinaus auf den Unterschied zwischen den glücklichen Wohlbehäbigen und den weniger glücklichen untern sozialen Klassen. Reichtum an Geist, an Gerechtigkeit, an Gott und Reichtum an Geld und Glück betrachteten sie zwar nicht direkt als dasselbe, aber doch das zweite als die notwendige Folge des ersten. Und so war ihnen auch die Armut an Geld und Glück die bedauerliche notwendige Folge der Armut an Geist und Gerechtigkeit. Diese Anschauungsweise mag uns sehr steif und hölzern vorkommen, wenn man’s so heraussagt, aber wir wollen uns auch diesmal davor hüten, rasch zu sagen: so denken wir nicht. Denn tatsächlich denken wir auch so. Wir können es nach zwei Seiten beobachten, dass es so ist. Wenn wir glücklich sind, wenn es uns wohl ist, wenn es uns gut geht, dann machen wir laut oder leise auch folgende Rechnung: Nun ja, das ist ganz in der Ordnung, dass es mir gut geht. Das ist das Zeichen, dass Gott mit mir zufrieden ist oder dass ich ein rechter Mensch bin. Ich bin wohlgesinnt, und darum gehört es sich, dass ich in irgend einem Sinn auch wohlsituiert bin. Und von der andern Seite beobachten wir dieselbe Denkweise an uns, wenn wir unglücklich sind. Wie? fragen wir dann. Was habe ich gegen Gott getan, dass es mir jetzt so schlecht geht? Das ist die Frage, die sich notwendig aus jener Theorie vom Glück des Gerechten ergibt. Sie hat schon bei den Israeliten ihre Rolle gespielt. Viele Psalmen und besonders das Buch Hiob geben davon ein ergreifendes Zeugnis. Und sie kommt auch uns immer wieder in die Quere, auch wenn wir noch so gefördert und reif sind. Im Glück fühlen wir uns Gott nahe, im Unglück fühlen wir uns von Gott verlassen. Im Glück kommt uns das Leben schön und sinnvoll vor, im Unglück wird es uns trostlos und rätselhaft. Im Glück reden wir gerne von dem unermüdlichen Streben nach dem Guten um des Guten willen, im Unglück fangen wir an zu rechnen: warum sorgt Gott nicht dafür, dass es mir gut geht, wenn ich doch gut zu sein mich bemühe? Und so machen wir es genau, wie es in dem Liede heißt:

Du denkst in deiner Drangsalshitze,
58Dass du von Gott verlassen seist,
Dass ihm nur der im Schoße sitze,
Den alle Welt für glücklich preist.4

So sind wir so gut wie die alten Juden der Meinung: Selig, von Gott begnadet sind die, denen es gut geht, die das Glück haben, und es kommt uns ebenso unerwartet und gegen den Strich wie jenen, wenn wir nun aus dem Munde Jesu hören: Selig sind, die da Leid tragen.

*   *   *

Dieser Behauptung müssen wir nun auf den Grund gehen. Jesus begründet sie, indem er hinzufügt: denn sie sollen getröstet werden. Das klingt nun für unsre Ohren leicht etwas allgemein, und ich kann mir denken, dass schon mancher Leidtragende, Traurige und Bekümmerte über diesen Spruch hinweggelesen hat mit dem Gefühl: Ja, was sagt mir nun das, Trost? Ich kann mich eben nicht trösten und auch nicht trösten lassen. Das kommt davon, dass das Wort «Trost» in unsrer Sprache vielfach einen abgeschliffenen und völlig unzureichenden Sinn bekommen hat. Man redet von Trost im Unglück, Trost im Sterben, Trost an Gräbern und denkt dabei fast immer nur an etwas Besänftigendes, Glättendes, Beruhigendes gegenüber den hochgehenden Wogen des Schmerzes, der Angst, der Trauer. Man stellt sich den Trost vor so wie eine Art Öl, das zwar den Sturm nicht zum Schweigen bringt, aber doch die Wellen etwas weniger sich rühren lässt, das zwar die Wunden nicht heilt, aber doch den Schmerz für eine Weile zum Schweigen bringt. Gerade wer schon wirkliches Leid durchgemacht, wird sich an die Empfindung erinnern, die er dabei gehabt: Ich mag von diesem Trostöl nichts wissen. Wir werden dabei unter Umständen sogar das lebhafte Gefühl haben: es wäre etwas Kurzsichtiges, Schläfriges, Unwahrhaftiges, Unrechtes, mich jetzt einfach trösten zu lassen, d. h. mein Leid zu vergessen und kurzerhand wieder mehr oder weniger ruhig zu sein.

Ja, was heißt denn das: «Trost» und «trösten»? Wir sagten, das Leid bestehe darin, dass uns irgendwie das Wohlsein und Glück bedroht |59 oder genommen ist. Dann würde Trost im Allgemeinen bedeuten, dass uns das Fehlende irgendwie ersetzt würde. Und eben dieser Ersatz, den uns der Trost bieten soll, ist nun die kritische Sache. Man sagt von diesem oder jenem Menschen: er hat sich geschwind getröstet. Das wird bedeuten: er hat zwar Unglück gehabt, er hat etwas verloren, aber er hat für das Verlorene rasch wieder Ersatz gefunden in einem andern Glück. Manche Menschen haben die Fähigkeit, sich nach jeder Störung, die ihr Glück trifft, wieder in die Höhe zu richten wie Gummibälle, so dass man sie nach Kurzem wieder herumgehen sieht, flott und froh, als wäre nichts geschehen. Man wird sagen dürfen, dass es beim Trost einem wirklichen Leid gegenüber nicht so zugehen kann, und wir haben wohl alle instinktiv das Gefühl, dass solche Menschen um ihre Fähigkeit nicht zu beneiden sind. Andre haben zwar solche Fähigkeit von Natur nicht, aber sie meinen, das Heil liege darin, dass sie sie sich erwerben. Sie suchen krampfhaft über das Leid hinwegzukommen, sich zu zerstreuen, ihre Gedanken auf andere Dinge zu lenken, Trost in dem und jenem Ersatzglück zu finden. Wir haben auch hier das richtige Gefühl, dass es nicht wohlgetan ist, sich so mit dem Leid abzufinden. Dass es ein richtiges Gefühl ist, wird jeder merken, der selbst im Fall wirklichen schweren Leides ist. Es ist eine faule Sache, wenn man uns da sagt: du hast zwar ein Kind verloren, aber du hast ja noch drei andre, tröste dich! Du bist zwar um dein Vermögen gekommen, aber du kannst ja vom Rest noch genug behaglich leben, tröste dich! Du bist zwar krank, aber du wirst ja gut verpflegt, tröste dich! Es geht dir zwar jetzt seit Jahren schlecht, aber sei nur zufrieden, morgen kommt’s vielleicht besser, tröste dich! Das sind so Trostöle, für die sich jeder, der ein wirkliches Leid zu tragen hat, offen oder im Stillen bedanken wird. – |

Aber es gibt noch eine andre Art, uns selber oder andre zu trösten, die ebensowenig zum Ziel führt. Ich meine die Redeweise, das Übel, das uns treffe, sei eben ein Schicksal, und es sei das Beste, sich darein zu ergeben. Das Leid sei nun einmal über uns verhängt, und nun heiße es eben still halten. Auch in diesem Fall suchen wir Trost darin, dass wir die Lücke, die das Leid in unser Leben gerissen, so gut es gehen will, auszufüllen suchen durch die Vorstellung einer unwiderstehlichen Macht, in deren Gewalt wir sind. Sich so zu trösten, das war schon der Rat, den die stoischen Philosophen des Altertums den Leidenden ga|60ben,5 und es ist zu allen Zeiten für Viele der Weisheit letzter Schluss gewesen, dass es gelte, das Unerforschliche ruhig zu verehren.6 Andere sagen nicht «Schicksal», sondern «Gott», aber sie stellen sich Gott doch nicht anders vor denn als eine Art Schicksal, nämlich als eine uns völlig ferne und fremde und darum sinnlose, aber eben als eine unwiderstehliche und unentrinnbare Macht, die uns Menschen hier auf Erden aus unbekannten Gründen eine Weile herumwimmeln, hierhin und dorthin laufen, uns freuen und leiden, leben und sterben lässt wie ein Kind im Frühling mit Maikäfern spielt. Ob wirklich ein Trost in dieser Vorstellung liegt? Ob die unerbittliche Notwendigkeit, unter die wir uns beugen, ein Ersatz ist für das verlorene Glück? Man hat unserm Calvin oft vorgeworfen, dass das Gesicht seines Gottes die Züge dieses starren Schicksalsbegriffs trage.7 Aber gerade Calvin weist immer wieder darauf hin, dass Gott und das Schicksal völlig zweierlei Dinge sind, dass es ein sogenanntes Schicksal überhaupt nicht gibt, wenn wir es nicht selbst als Götzen aufrichten.8 Und er hat |61 einmal sehr fein gezeigt, warum der Gedanke an ein Schicksal als wirklicher Trost im wirklichen Leid durchaus nicht in Betracht kommen kann. Wenn wir uns nur unterwerfen, weil wir müssen, sagt er, dann denken wir dabei selbst, dass wir uns nicht unterwerfen würden, wenn wir nicht müssten.9 Wenn wir uns mit der starren Notwendigkeit trösten, ob wir sie nun das Schicksal oder Gott nennen, so ist das nur das Eingeständnis, dass wir uns zwar auflehnen, dass wir aber einsehen, dass es fruchtlos ist. Ob diese unwillige Willigkeit etwas Tröstliches an sich hat? Ob der Sklave einen Ersatz für die verlorene Freiheit findet in dem Gedanken, dass seine Kette zu stark ist, als dass er sie zerreißen könnte? – |

Es ist nun ganz klar, dass Jesus, als er vom Getröstetwerden der Leidtragenden redete, damit weder auf ein Ersatzglück noch auf das eherne Schicksal hat hinweisen wollen. Ja, in manchen christlichen Leichenpredigten und seelsorgerlichen Ermahnungen sieht es so aus, als ob der «Trost der Religion»10 schließlich auf das Eine oder das Andere hinauslaufe. Wenn das Eine oder das Andre Jesu Meinung gewesen wäre, dann hätte er sagen müssen: Selig sind, die da Leid tragen, wenn sie getröstet sein werden. Nun sagt er aber: denn sie sollen getröstet werden. Und in diesem denn kommt es deutlich zum Ausdruck, dass die Seligkeit, die er meint, nicht hinter dem Leid, auch nicht trotz dem Leid, sondern im Leid zu suchen und zu finden ist.

Dies zu verstehen, und noch mehr: zu praktizieren, setzt Eines voraus, nämlich dass wir mit dem Gedanken an Gott nicht bloß spielen, sondern Ernst machen. Diese Voraussetzung war bei Jesus erfüllt, und darum konnte er so reden. Paulus hat die Athener an die ihnen |62 bekannte und doch nicht bekannte Tatsache erinnert, dass Gott nicht ferne ist einem jeglichen unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir [Act. 17,27]. Das war im Leben Jesu eine bewusste Tatsache, und zwar die grundlegende Tatsache für all sein Denken und Reden und Handeln. Er lebte in Gott. Das heißt nicht: dass er sich durch eine geheimnisvolle Spekulation und Versenkung mit dem fernen, fremden Machtwesen verbunden wusste, als das wir Gott so oft ansehen, sondern das heißt, dass seine Seele hell und klar erfüllt und bestimmt war von der Gerechtigkeit und von der Wahrheit, vom Gehorsam und von der Liebe. Es war seine Speise, sein Lebenselement, einen solchen Willen zu haben [vgl. Joh. 4,34]. Das heißt mit Gott Ernst machen. Und aus diesem innern Zustand folgte für ihn mit Gewalt das Zweite. Den Gott, der in ihm lebte, sah er wirksam in Allem. Die Lilien auf dem Feld und die Sperlinge auf dem Dach sind in seiner Hand [vgl. Mt. 6,26.28], und wohlverstanden: das ist nicht die Hand eines unbekannten, ehernen Schicksals, sondern die Hand des Vaters der Gerechtigkeit und der Liebe. Überall ist es das Reich dieses Gottes, das kommt und unwiderstehlich vorrückt. Weil Gott in ihm war, fand er Gott in der Welt. |

Und nun müssen wir noch einen Schritt weiter vordringen in das Geheimnis seines innern Lebens. Wenn wir solche Worte hören und lesen wie die von den Lilien und von den Sperlingen, für die der himmlische Vater sorgt, wenn uns das so gesagt wird von der absoluten Güte Gottes, dann pflegen wir uns eben gleich umzusehen nach Merkmalen dafür, dass es den Naturwesen, den Menschen und uns selbst vor Allem auch wirklich gut gehe, dass sie glücklich seien in der Hand des guten Gottes. Und da finden wir nun bei uns selbst und bei Andern viel öfter das Gegenteil. Und so kommt es zu jener Frage: wie verträgt es sich mit der Güte Gottes, dass es uns und andern nicht gut geht? Es ist nun merkwürdig, dass Jesus das Übel in der Welt: das Leid, den Kummer, den Schmerz der Menschen wohl gesehen und auch an sich selber erfahren hat, und doch ist jene Frage nie über seine Lippen gekommen. Im Gegenteil: er hat von sich selber gesagt: Des Menschen Sohn muss leiden [vgl. Mt. 17,12; Mk. 9,12], und er hat den Andern gesagt, wie wir gehört haben: Selig sind, die da Leid tragen. Jesus hat für Freude und Glück aller Art tiefes Verständnis gehabt, daran lassen uns allerlei kleine Züge, die uns von ihm überliefert sind, nicht zwei|63feln, aber wenn wir das Ganze seines Lebens übersehen, bemerken wir, dass er die Wirksamkeit der Güte Gottes nicht wie wir in erster Linie in der Freude und im Glück gesehen hat, sondern merkwürdigerweise gerade im Leid. Hier zeigt es sich mit größter Deutlichkeit, was für ein Unterschied besteht zwischen Jesus und uns. Er beruht, wie ich sagte, darauf, dass Jesus mit Gott Ernst machte, während wir das gewöhnlich nicht tun. Wenn wir von Gottes Güte reden und nach ihren Spuren im Leben suchen, dann denken wir uns Gott unwillkürlich und immer wieder so, als ob er ungefähr dasselbe wäre wie die Natur. Wir verwechseln das Leben aus Gott, das wir auch in uns zu haben meinen, mit unserm natürlichen Lebenstrieb. Da suchen wir dann die Wirksamkeit Gottes, wie es dem natürlichen Lebenstrieb entspricht, darin, dass es uns und Andern gut gehe. Und wenn es nun uns und Andern nicht gut geht, kommen wir notwendig in jene Konflikte mit Gott, von denen die Rede war. Jesus dagegen hielt sich mit Macht an den Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit, und seine Güte fand er da wirksam, wo Wahrheit und Gerechtigkeit gefördert wird. Und so kam er zu dem uns so ungeheuerlichen Gedanken, dass Gottes Güte sich mächtiger und sicherer in unserm Leid als in unsrer Freude erweise. Denn wenn er sich fragte: wie werden die Menschen sicherer wahr und gerecht, wie kommen sie sicherer in die Gemeinschaft mit Gott, durch das Glück oder durch das Unglück, dann kam er zu der Antwort, zu der wir auch kommen müssen, wenn wir aufrichtig sind: wir kommen dazu, so wie wir sind, sicherer durch das Unglück. Darum hat er selbst in seinem Ende am Kreuz nicht die Katastrophe, sondern die Krönung, den Sieg, den Triumph seines Lebens gesehen. Und darum konnte er selbst zu den Andern sagen: Folget mir nach! Nehmet Euer Kreuz auf Euch [vgl. Mt. 10,38; 16,24 parr.]! Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Und der Trost liegt nicht in dem, was hinter dem Leid kommt, und er besteht nicht trotz des Leides, sondern er liegt im Leid. Denn der Trost ist Gott selbst, der Gott der Wahrheit und Gerechtigkeit, er nimmt uns etwas weg, um sich selbst, um sein göttliches Leben an die Stelle zu setzen. |

Jesus hat diesen alle unsre Begriffe umkehrenden Gedanken eine gewaltige Darstellung gegeben in seinem Gleichnis vom armen Lazarus [vgl. Lk. 16,19–31]. Zwei Bilder zeigt uns dies Gleichnis. Zuerst das Bild von Glück und Unglück, wie es nach menschlicher Anschau|64ungsweise aussieht. Hier der Reiche, dem es gut geht, der alle Tage herrlich und in Freuden lebt, und dort der Arme, der von allen Übeln geplagt ist und froh ist über die Brocken, die von des Reichen Tisch fallen. Wir würden keinen Moment zaudern zu sagen: jener lebt im Sonnenschein der Güte Gottes und diesem gegenüber versagt sie in der unbegreiflichsten Weise. Aber nun kommt das zweite Bild: Glück und Unglück im Auge Gottes. Von dem Glücklichen hören wir, dass er im Urteil Gottes in der Hölle und in der Qual ist. Er ist mit all seinem Wohlsein von Gott durch die gewaltigste Kluft geschieden, unerreichbar ferne von ihm. Von Lazarus dagegen heißt es: er hat Böses empfangen, nun aber, d. h. im Urteile und vor den Augen Gottes, wird er getröstet. Es ist auffällig genug, dass Jesus kein Wort verliert über die moralischen und religiösen Qualitäten der beiden Menschen. Er sagt weder vom Reichen, dass er ein Geizhals oder ein Lump, noch von Lazarus, dass er besonders fromm und rechtschaffen gewesen. Er konzentriert mit seinen zwei Bildern unsre Aufmerksamkeit auf die eine Tatsache, dass Gottes Güte gerade nach umgekehrtem Maßstab wirksam ist, als wir es annehmen.

Wir müssen aber noch tiefer eindringen in den Tatbestand, dass Gottes Trost im Leid selbst liegt und dass darum, die da Leid tragen, die wirklich Seligen sind. Im Leid tritt Gott in unser Leben ein, das ist Jesu Meinung vom Trost der Leidtragenden. Denn im Leid und durch das Leid erzieht er uns zu seiner Wahrheit und Gerechtigkeit. Und darum dürfen wir im Leid die besondere väterliche Güte Gottes erkennen, denn das ist die Wirksamkeit der väterlichen Güte Gottes, nicht dass er es uns gut gehen, sondern dass er uns gut werden lässt.

Wir wollen einige Punkte nennen, auf die wir dabei achten müssen. Einmal ist das Leid, das uns trifft, das große Werkzeug, mit dem Gott uns zur Selbsterkenntnis bringt, d. h. zur Revision unsres innern Lebens mit der Frage, ob es etwas tauge oder nicht, zur Unterscheidung dessen, was vergänglich, und dessen, was unvergänglich ist. Wir sind freilich gern geneigt, anzunehmen, dass wir zu solcher Selbst- und Lebenserkenntnis auch auf anderem Wege gelangen können. Es gibt wohl nur ganz wenige Menschen, die sich in diesen Dingen nicht ein kleines System von Gedanken und Prinzipien zurecht gemacht haben. Das ist auch ganz recht so. Aber wenn uns diese Gedanken mehr bedeuten als eine Spielerei, dann muss es uns auch recht sein, wenn sie |65 ernsthaft auf die Probe gestellt werden. Und diese ernsthafte Probe bringt uns nur das Unglück. Im Unglück sagt uns Gott das einfache Wort: Mach jetzt deine Theorie zur Praxis. Es ist eine gute Sache, wenn wir uns in den Tagen des Glücks freuen an dem Gedanken der väterlichen Vorsehung Gottes, aber erst in den Tagen des Unglücks zeigt es sich, ob diese gute Sache wirklich unser Eigentum und nicht bloß ein geliehenes Schmuckstück ist. Calvin schildert einmal sehr drastisch, wie trefflich wir es verstehen, beim Leichenbegängnis eines Andern oder auf dem Friedhof an den Gräbern Anderer zu philosophieren über die Vergänglichkeit des Lebens, über das Eintagsfliegendasein des Menschen und über die Ewigkeit.11 Ob diese gute Philosophie unser Lebensbesitz ist, müsste sich zeigen in der Stunde, wo wir selbst dem Tod in die Augen sehen. Es ist eine gute Sache, wenn wir in den Zeiten, wo unsre Angelegenheiten gut gehen, die Nächstenliebe zum Panier erheben, aber erst, wenn es nicht mehr gut um uns steht, wird es sich zeigen, ob sie wirklich die Direktion unsres Lebens ist oder ob unsre Weisheit dann nicht plötzlich ganz anders lautet, nämlich, wie man es in solchen Fällen oft hören kann: So, jetzt denke ich aber nur noch an mich selbst. Im Unglück wird unser Vertrauen zu Gott, unsre Ewigkeitshoffnung, unser sittlicher Gehorsam, – unser Glaube, mit einem Wort, geläutert wie das Gold im Feuer, wie es im 1. Petrus-Brief heißt [vgl. 1.Petr. 1,7]. Ja, und wenn nun diese Läuterung auf eine große Niederlage unsres innern Lebens hinausläuft? Und wenn nun unsre Philosophie, unsre Glaubenssätze und Prinzipien dabei in sich zusammensinken wie ein Häuflein Asche, wenn wir gewahr werden, wie ganz, ganz klein unser tatsächlicher Lebensbesitz ist? Wollen wir nun lamentieren, wollen wir sagen, dass unser Unglück ein Übel ist, oder dürfen wir nicht gerade in unserm Unglück Gottes Güte wirksam sehen, die das wertlose, ja schädliche Gestrüpp, die die Schlingpflanzen ausreißt, damit der Baum des Lebens wieder wachsen kann? – |

66Und das führt uns nun gleich auf das Zweite. Solange es uns gut geht, ist unser inneres Leben fast notwendig ein wunderliches Durcheinander von göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Sünde. Ihr müsst bei dem Wort Sünde nicht gleich an dies und jenes grobe Vergehen oder Laster denken. Die Sünde besteht schließlich einfach darin, dass wir unserm natürlichen Trieb nachgeben, der uns heißt, den Inhalt und Wert unsres Lebens in unsern Interessen zu sehen und zu suchen, also nicht in dem, was recht ist, sondern in dem, was uns gefällt. Gewiss, daneben haben wir auch höhere Aspirationen, nicht nur in Gedanken, sondern in Wirklichkeit. Es sind göttliche Kräfte in uns wirksam, hier mehr, dort weniger, es spielt in unserm Leben der Gehorsam und die Liebe Jesu eine gewisse Rolle, es ist, bewusst oder unbewusst, Manches in uns, was wirklich Gerechtigkeit vor Gott ist – es kann ja nicht anders sein, da die Verheißung, die wir in unsrer Taufe empfangen, wahr ist, da wir aufgenommen sind in die Gemeinschaft des Gehorsams und der Liebe Jesu, da wir von Jugend an unter den stärkern oder schwächern Einflüssen seines Reiches, seiner Gemeinde gestanden sind. Aber die Sünde ist auch noch da, die Selbstsucht, die Interessiertheit ist auch noch wirksam in uns. Und so sind wir ein merkwürdiges Gebilde von Göttlichkeit und Menschlichkeit, und solange es uns gut geht, bleiben wir es auch; denn das Glück bestätigt unsre Tendenz, den Wert und Inhalt des Lebens in unsrem Wohlsein zu sehen. Aber nun kommt das Unglück und macht in das Durcheinander unsres Lebens einen empfindlichen Einschnitt. Wieder liegt uns nichts näher, als dass wir uns durch die Hitze, die uns begegnet, befremden lassen, wie es in der vorhin genannten biblischen Schrift heißt [vgl. 1.Petr. 4,12], als widerfahre uns etwas Seltsames, etwas Ungeheuerliches und Ungehöriges. In Wirklichkeit ist der Einschnitt kein Attentat auf unser Leben, sondern die Operation, die wir nötig haben. Es wird uns unser Wohlsein beschnitten, damit das Gute in uns sich entfalten könne. Es wird der Schutt unsres Interessenlebens weggeräumt, damit der Schatz des wahren Gehorsams und der wahren Liebe, der darunter lag, an die Sonne komme. Es wird unser Ich, unser Selbst erbärmlich klein gemacht, damit die Größe Gottes in unser Leben eintreten könne. Wieder stehen wir da vor dem Bild des kranken Paulus,12 der sich von seinem Unglück mit Fäusten schlagen |67 lassen muss, damit er sich an der Gnade genügen lasse [vgl. 2.Kor. 12,7–9]. – |

Aber das, was da übrig bleibt, wenn Gott uns tröstet durch das Leid, wenn seine Güte im Leid uns auf die Gnade zurückführt, was da übrig bleibt, das ist nun nicht eine untätige Gelassenheit, ein einfaches Stillhalten. Denn wenn man dem lebendigen Gott still hält, dann gibt’s Bewegung, dann wird die Gnade, an der man sich genügen lässt, sofort zu einer Wirksamkeit. So sehen wir es schon im Haushalt der Natur. Das gewaltige Vergehen und Sterben, das sich da in jedem Augenblick vollzieht, endet doch in Wirklichkeit niemals mit Leblosigkeit und Tod, sondern im Sterben erzeugt sich beständig neues Leben. Die Elemente gehen unter, aber sie gehen unter, um in neuen Verbindungen neue Kräfte zu entfalten. So sehen wir es im äußern Leben, wie der Körper des Menschen oft eine akute Erkrankung nötig hat, um nachher wieder in voller Gesundheit dazustehen, wie der Fortschritt der menschlichen Unternehmungen, der menschlichen Kultur überhaupt, geradezu bedingt ist durch ihre Hindernisse, durch Katastrophen und Zwischenfälle aller Art. Möchte man es angesichts gewisser Quartiere unsrer Großstädte, in denen die Menschen seit Jahrhunderten leben wie in Särgen, nicht manchmal geradezu wünschen, dass da einmal eine gehörige Feuersbrunst ausbräche, damit dann etwas Besseres an die Stelle gesetzt werden könnte? Und so steht es nun auch in unserm innern Leben. Es liegen da auch so Energien in uns verborgen: Gehorsamskräfte, Wahrheitskräfte, Liebeskräfte, aber sie sind gebunden an die unwichtigen Elemente, und solang sind sie leblos und unnütz. Aber nun kommt die Gluthitze des Unglücks hinzu und befreit sie aus der unnatürlichen Verbindung, und so nun werden sie aktiv, nun fangen die Totengebeine an, sich zu rühren [vgl. Hes. 37,1–14]. Es ist uns Allen schon so gegangen: Wir mussten in Enttäuschungen und deprimierende Erfahrungen aller Art hinein, um mit unserm Leben auf einen festen Grund zu kommen. Die Wahrheit musste uns zweifelhaft werden, um sich uns, vom Irrtum gereinigt, als wirkliche Wahrheit darzustellen. Die Liebe musste leiden, um vollkommene Liebe zu werden. Unser Wille musste seine Schranken kennen lernen, um als |68 guter Wille wirksam zu werden. Nehmen wir statt aller Beispiele gleich das gewaltigste: Jesus musste leiden und sterben, um den Seinen sein wahres Antlitz zu zeigen, um ihnen als Messias und König und wirksamer Erlöser zu begegnen. Und dieses Beispiel führt uns nun gleich zu der höchsten und wichtigsten Erkenntnis des Trostes Gottes im Leiden. – |

Wertvoll wird unser Leben erst dadurch, dass es wertvoll wird für Andere, dass wir in irgend einem Sinn Führer und Wegweiser für Andere werden. Zu dieser höchsten Lebensaufgabe werden wir durch das Leid hergerichtet. Es hat mir jüngst jemand, dem ich in seiner Betrübnis zusprechen wollte, geantwortet: Ja, Sie sind jung, Sie haben nicht erfahren, was ich erfahren habe, trösten könnte mich nur Jemand, der gelitten hat, was ich leide. Man kann streiten über die Berechtigung dieses Ausspruchs, aber er geht jedenfalls hervor aus einer tiefen und berechtigten Regung des menschlichen Herzens. Unsre schönsten Gedanken und Theorien helfen dem Andern nichts, solange sie nicht erprobt und erhärtet sind in der Praxis. Diese Erprobung dessen, was wir sind, kommt aber nicht durch das Glück, sondern durch das Unglück. Und so werden wir durch das Unglück zubereitet zur Erfüllung unsrer obersten Bestimmung. Ist es ein Versagen der Güte Gottes, wenn er uns leiden lässt? Nein, es ist die Güte Gottes in ihrer höchsten Energie, die da wirksam ist.

Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Gehören wir auch dazu, meine Freunde? Von Leid irgendwelcher Art werden ja wohl die Meisten von uns zu sagen wissen. Aber wie steht’s mit dem Trost, dem Gottestrost, der den Leidtragenden verheißen ist? Warum ist er nicht kräftiger und wirksamer in unserm Leben? Wir sind doch nicht mehr im Fall des alten Simeon im Tempel, dass wir auf den Tröster Israels erst warten müssten [vgl. Lk. 2,25]. Das Wort Jesu vom Trost im Leid, von der Gotteskraft des Schmerzes ist uns Allen bekannt, und die Tat Jesu, sein williger Tod am Kreuz steht vor unser aller Augen. Der Weg vom Tode zum Leben ist geöffnet, die Erlösung ist geschehen. Warum gehen wir den Weg nicht? Warum tun wir, als wären wir unerlöst? Es fehlt daran, dass Christus mit seinem Wort und seiner Tat nicht bei uns und in uns ist, sondern weit weg vor 2000 Jahren in Palästina, dass wir uns wohl zu Zeiten an seinem Bild erbauen, statt dass wir sein Bild in uns zum Wort und zur Tat kommen |69 lassen. Dass er für uns geredet hat, das wird uns dann eine Gotteskraft, wenn er in uns redet, und dass er für uns gelitten hat und gestorben ist, das wird uns dann zur Gotteskraft, wenn er in uns leidet und stirbt. Ich will dir sagen, was das praktisch bedeutet. Du stehst jetzt dem Willen Gottes, der dir Leid zugefügt hat, gegenüber wie einer fremden Macht. Und nun sagst du entweder: Der Wille Gottes gefällt mir nicht, und zerrst ungeduldig an deiner Kette. Oder du sagst: Der Wille Gottes gefällt mir nicht, und darum will ich mich nach diesem und jenem Ersatz für mein Leid umsehen. Oder du sagst: Der Wille Gottes gefällt mir nicht, aber es ist mein Schicksal so; ich muss mich ducken. Auf alle diese Arten von Verhalten bleibt Gottes Trost aus. Denn es ist töricht, gegen den allmächtigen Willen Gottes zu bellen; es ist leichtsinnig, ihm durch Zerstreuung aus dem Weg zu gehen; es ist stumpfsinnig, ihn als ein ehernes Schicksal zu behandeln. Jesus hat von dem Allen nichts getan, sondern er hat gesagt: Der Wille Gottes gefällt mir. Der Wille Gottes ist der gute Wille. Der Wille Gottes sei mein Wille. Das ist das Geheimnis seiner Person. Und das ist das Geheimnis des Leidens. Und das Geheimnis des seligen Lebens. Sich nicht mehr neben Gott zu stellen, sondern in Gott und seinem Willen unterzutauchen wie in einem Strom und von den Wellen dieses Stromes sich tragen zu lassen.

Lass mich ganz verschwinden,
Dich nur sehn und finden.13

Das ist der Trost Gottes, meine Freunde, und das ist die Seligkeit im Leid.

Amen.
Gebet
Herr, wir bitten ich, du wollest unsre Leiden mit deinem Trost erfüllen, damit wir leiden als Jünger Jesu. Wir bitten dich nicht, dass du uns frei machest von Schmerzen; denn unsre Schmerzen sind deine Freundlichkeit. Aber wir bitten dich, lass uns in den Leiden unsres Lebens nicht ohne den Trost deines Geistes; denn dann würden wir unter deinem Fluch stehen. Wir möchten nicht deinen Trost empfan|70gen, ohne zu leiden; denn 14-das wäre-14 das zukünftige Leben der Herrlichkeit. Wir möchten aber auch nicht leiden ohne Trost, denn das wäre das Leben des Todes. Sondern wir bitten dich, Herr, dass wir miteinander erfahren die Leiden des Lebens um unsrer Sünde willen und den gnädigen Trost deines Geistes; denn das ist der rechte Zustand der Jünger Jesu. Gib uns, dass wir Schmerz und Trost miteinander an uns erfahren, damit wir endlich dahin kommen, nur noch deinen Trost ohne den Schmerz des Lebens zu erfahren. Ohne die Gegenwart deines eingeborenen Sohnes müssten wir leiden, ohne getröstet zu werden; durch die Gnade deines eingeborenen Sohnes dürfen wir jetzt leiden und Trost empfangen; in der Herrlichkeit deines eingeborenen Sohnes erwartet uns eine ungetrübte Seligkeit. Das ist der wunderbare Weg, den du deine Geschöpfe gehen lässest. Du hast uns aus der Tiefe in die Höhe geführt, lass uns nun weiter wandern, damit wir endlich vom Hohen zum Höchsten gelangen. Das, Herr, ist die Gnade, um die wir dich bitten!
(Blaise Pascal)15
Unser Vater…
Lieder:
  • Nr. 1: «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’» von N. Decius, Strophen 1–3 (RG 221; EG 179 [jeweils mit Textabweichungen]) 🎵
  • Nr. 251: «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von ­N. Kaiser, Strophen 1–3 🎵
  • Nr. 261: «Was mein Gott will, gescheh’ allzeit!» von Albrecht von Preußen, Strophen 1.2.4 (RG 669; EG 364 [jeweils mit Textabweichungen]) 🎵
Lesungstext:
  • Lk. 16,19–31

Sachfußnoten

1
Es folgt ein Satzteil, den Barth dann aber durchgestrichen hat: «oder um mich gelehrt auszudrücken: dann verstehen wir das ‹Wesen des Christentums›» (vgl. A. von Harnack, Das Wesen des Christentums. Sechzehn Vorlesungen ­vor Studierenden aller Fakultäten im Wintersemester 1899/1900 an der Universität Berlin gehalten, Leipzig 1900 📖; kommentierte Neuausgabe: ders., Das Wesen des Christentums, hrsg. und kommentiert von Tr. Rendtorff, ­Gütersloh 1999 📖).↩
2
Vgl. etwa Fr. Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, Bd. 6, S. 55–161, dort S. 101f. 📖: «Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: – es ist die antiarische Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der Tschandala-Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen die ‹Rasse› […]»; ders., Ecce homo. Wie man wird, was man ist, a.a.O., S. 255–374, dort S. 365f. 📖: «Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. – Umwerthung aller Werthe, das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist.»↩
3
Siehe oben, Predigt vom 29. Januar 1911 (Nr. 58).↩
4
Aus Strophe 5 des Liedes «Wer nur den lieben Gott lässt walten» von ­G. Neumark (GERS 268; mit Textabweichungen: RG 681; EG 369) 🎵.↩
5
Vgl. K. Vorländer, Geschichte der Philosophie, Bd. 1: Altertum, Mittelalter und Übergang zur Neuzeit (PhB 105/1), Leipzig 19082 📖: «Alles in der Welt folgt mit Naturnotwendigkeit auseinander; diese unerbittliche Notwendigkeit nennt der Mensch auch Verhängnis […] oder Schicksal» (a.a.O., S. 152f.); «Das Ziel des Menschen, das ihm allein innere Befriedigung und Glück bringen kann, muß daher sein, […], der Natur gemäß zu leben. […] das Vernunftlose gehorcht der ewigen Notwendigkeit aus ehernem Zwange, das Vernünftige aber fügt sich der Naturordnung aus freier Selbstbestimmung» (a.a.O., S. 154; beide Zitate im Exemplar, das Barth seit seiner Marburger Zeit besaß, teilweise unterstrichen).↩
6
Vgl. J. W. von Goethe, Maximen und Reflexionen, Goethes Werke (Hamburger Ausgabe), Bd. 12: Schriften zur Kunst; Schriften zur Literatur; Maximen und Reflexionen, hrsg. von W. Weber / H. von Einem / E. Trunz, München 19737, S. 467 📖: «Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.»↩
7
Schon Calvin selbst reagierte auf solche Vorwürfe: «Qui huic doctrinae invidiam facere volunt, calumniantur esse dogma Stoicorum de fato; quod et Augustino exprobratum aliquando fuit. […] Dogma vero ipsum falso nobis ac malitiose obiectatur. Non enim cum Stoicis necessitatem comminiscimur ex perpetuo causarum nexu et implicita quadam serie, quae in natura contineatur; sed Deum constituimus arbitrum ac moderatorem omium, […].» (Inst. I,16,8 📖; CR 30, col. 151 📖 [in Barths Exemplar teilweise unterstrichen und am Rand mit dem Zusatz versehen: «Schicksal oder Zufall?»]).↩
8
Vgl. etwa Inst. I,16,2.5f.8f.; III,7,10 📖; J. Calvin, Commentarius in Acta Apostolorum, in: CR 76, col. 1–574, dort col. 405f. 📖↩
9
Vgl. Inst. III,8,11 📖.↩
10
Besonders im 19. Jahrhundert beliebte Formulierung im Zusammenhang mit Leichenpredigten oder Predigten anlässlich von Unglücksfällen; vgl. etwa: Fr. D. E. Schleiermacher, Ueber die Benuzung öffentlicher Unglüksfälle (Predigt über Röm 8,28, gehalten am 23.11.1806), in: ders., Predigten. Erste bis Vierte Sammlung (1801–1820), hrsg. von G. Meckenstock, Kritische Gesamtausgabe, Abt. III, Bd. 1), Berlin 2012, S. 278–294, dort S. 279 📖: «Darum indem ich mich bemühen will, den Trost der Religion mitzutheilen, auch für die Umstände, die uns jetzt drücken, […].» Vgl. z. B. auch: Fr. S. G. Sack, Rath und Trost der Religion bei dem Tode unsrer verewigten Königin, Berlin 1810 📖; S. Baur, Reden und Betrachtungen an den Gräbern der Christen, Ulm 1819, dort S. 305–311 📖: «III. Trost der Religion unter harten und langwierigen Leiden».↩
11
Vgl. Inst. III,9,2 📖: «Si effertur funus aliquod, vel inter sepulera ambulamus, quia tunc oculis observatur mortis simulacrum, egregie, fateor, de vitae huius vanitatae philosophamur. […] Si quis interim proverbium occinat, hominem animal esse ἐφήμερον, fatemur id quidem,sed ad eo nulla attentione, […]» (CR 30, col. 524 📖; im Exemplar Barths sind beide Sätze unterstrichen).↩
12
Barth hatte vier Wochen zuvor über 2.Kor. 12,7–10 gepredigt (s. oben, S. 18-35) und zwei Wochen zuvor schon einmal auf diesen Text zurückverwiesen (s. oben, S. 52, bei Anm. 15).↩
13
Aus Strophe 5 des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (GERS 174,5; RG 162, 4; EG 165,5) 🎵.↩
-14
Im Mskr. ursprünglich, dann durchgestrichen: «im Leiden liegt».↩
15
Das Gebet ist eine wohl von Barth selbst angefertigte, sehr freie Übertragung von Bl. Pascal, Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets, nouvelle édition conforme au véritable texte de l’auteur et contenant les additions de Port-Royal indiquées par des crochets, Paris [1867], S. 341f. : Prière pour demander à Dieu le bon usage des maladies, Nr. 11 📖 (ders., Oeuvres Complètes, texte établi et annoté par Jacques Chevalier, Paris 1954, S. 611f. 📖).↩