Predigt: Matthäus 5,4
(Septuagesimae)
Wenn wir die Seligpreisungen verstehen, deren zweite uns heute beschäftigen soll, dann verstehen wir, wer Jesus war, dann verstehen wir das Evangelium1.
Aber nun ist dies erste «Selig» eigentlich doch bloß die Überschrift zu einer Reihe von näher ausführenden Gedanken Jesu, die uns dieselbe Wahrheit ebenso widerspruchsvoll freilich, aber angewandt nach bestimmten einzelnen Seiten vorstellen und die in den nächsten und besonders wieder in der letzten Seligpreisung ausgesprochen sind. Selig sind, die da Leid tragen, hören wir; selig sind die Sanftmütigen, selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, dann selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Das sind Alles Leute, denen etwas fehlt. Es fehlt ihnen an äußerem Glück, an Selbstbewusstsein, an Frieden mit Gott, an Frieden mit den Menschen. Aber wir müssen dabei immer an das Erste denken: das Alles sind Leute, die |56 geistlich arm sind. Sie wissen, dass ihnen bei all jenen Dingen nicht bloß dies und das fehlt, sondern Alles: Freude und Kraft und Genugtuung und Mut. Und jedesmal sagt Jesus von ihnen: Selig sind sie!, während wir geneigt wären, jedesmal zu sagen: Selig sind die, die wissen, dass sie Alles das haben, was jenen fehlt. Wir wollen nun die verschiedenen Seiten der Sache, die Jesus da angedeutet hat, eine nach der andern vornehmen. Vielleicht rücken wir dabei seinem merkwürdigen Gedanken gegenüber langsam vom Widerspruch zur Wahrheit vor, und vielleicht gelingt es uns, dabei ein tieferes Verständnis zu gewinnen für das Geheimnis seiner Person und für das Geheimnis des Christuslebens, das in uns, den Bürgern seiner Gemeinde, schlummert und dessen Weckung und Entfaltung unser Ziel und unsre Berufung ist.
Heute stehen wir vor dem Wort: Selig sind, die da Leid tragen. Wenn einer Leid trägt, dann sagt man schon in der Sprache des täglichen Lebens: es fehlt ihm etwas. Und zwar fehlt ihm das, was man in einem vielsinnigen Wort das Glück zu nennen pflegt. Es fehlt ihm an Gesundheit, es fehlt ihm an Geld, es fehlt ihm an lieben Menschen. Und wenn uns nun eines von diesen Dingen oder alle durch die Wandlungen des Lebens genommen sind, wenn das Leid um Verlorenes auf uns liegt wie ein schwerer Alp, dann ist es uns wohl allen schon vorgekommen, wer wir auch seien, dass wir uns plötzlich mitten in den Reihen jener «geistlich Armen» befanden, d. h. unter den Menschen, die Gott nur noch ganz von ferne sehen und die zum Leben keine Zuversicht und Freudigkeit mehr haben. Der Zusammenhang zwischen dem Leidtragen und jener Gottes- und Lebensarmut ist ja sehr einfach. Es erhebt sich dazwischen die uralte Menschheitsfrage: Warum lässt der gute Gott das böse Unglück zu? Tief im Blut sitzt uns die Vorstellung: wo ein rechtes Leben ist, wo geistlicher Reichtum ist, wo Gott ist, da muss auch das Glück sein. |
Die Anschauungsweise der Pharisäer zur Zeit Jesu kann uns auch diesmal wieder als charakteristisches Beispiel dienen. Sie stellten, wie es die Juden von altersher gern taten, ungefähr folgende Rechnung auf: der gerechte Mensch ist von Gott gesegnet, innerlich und äußer|57lich, an seinem Glück erkennt man, dass er ein Gerechter, ein Reicher am Geist ist. Wogegen das Unglück eine Strafe Gottes ist, an seinem Unglück erkennt man den Unglücklichen als einen Ungerechten. Nach dieser Theorie kam für sie jener Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten in Israel vielfach hinaus auf den Unterschied zwischen den glücklichen Wohlbehäbigen und den weniger glücklichen untern sozialen Klassen. Reichtum an Geist, an Gerechtigkeit, an Gott und Reichtum an Geld und Glück betrachteten sie zwar nicht direkt als dasselbe, aber doch das zweite als die notwendige Folge des ersten. Und so war ihnen auch die Armut an Geld und Glück die bedauerliche notwendige Folge der Armut an Geist und Gerechtigkeit. Diese Anschauungsweise mag uns sehr steif und hölzern vorkommen, wenn man’s so heraussagt, aber wir wollen uns auch diesmal davor hüten, rasch zu sagen: so denken wir nicht. Denn tatsächlich denken wir auch so. Wir können es nach zwei Seiten beobachten, dass es so ist. Wenn wir glücklich sind, wenn es uns wohl ist, wenn es uns gut geht, dann machen wir laut oder leise auch folgende Rechnung: Nun ja, das ist ganz in der Ordnung, dass es mir gut geht. Das ist das Zeichen, dass Gott mit mir zufrieden ist oder dass ich ein rechter Mensch bin. Ich bin wohlgesinnt, und darum gehört es sich, dass ich in irgend einem Sinn auch wohlsituiert bin. Und von der andern Seite beobachten wir dieselbe Denkweise an uns, wenn wir unglücklich sind. Wie? fragen wir dann. Was habe ich gegen Gott getan, dass es mir jetzt so schlecht geht? Das ist die Frage, die sich notwendig aus jener Theorie vom Glück des Gerechten ergibt. Sie hat schon bei den Israeliten ihre Rolle gespielt. Viele Psalmen und besonders das Buch
So sind wir so gut wie die alten Juden der Meinung: Selig, von Gott begnadet sind die, denen es gut geht, die das Glück haben, und es kommt uns ebenso unerwartet und gegen den Strich wie jenen, wenn wir nun aus dem Munde Jesu hören: Selig sind, die da Leid tragen.
Dieser Behauptung müssen wir nun auf den Grund gehen. Jesus begründet sie, indem er hinzufügt: denn sie sollen getröstet werden. Das klingt nun für unsre Ohren leicht etwas allgemein, und ich kann mir denken, dass schon mancher Leidtragende, Traurige und Bekümmerte über diesen Spruch hinweggelesen hat mit dem Gefühl: Ja, was sagt mir nun das, Trost? Ich kann mich eben nicht trösten und auch nicht trösten lassen. Das kommt davon, dass das Wort «Trost» in unsrer Sprache vielfach einen abgeschliffenen und völlig unzureichenden Sinn bekommen hat. Man redet von Trost im Unglück, Trost im Sterben, Trost an Gräbern und denkt dabei fast immer nur an etwas Besänftigendes, Glättendes, Beruhigendes gegenüber den hochgehenden Wogen des Schmerzes, der Angst, der Trauer. Man stellt sich den Trost vor so wie eine Art Öl, das zwar den Sturm nicht zum Schweigen bringt, aber doch die Wellen etwas weniger sich rühren lässt, das zwar die Wunden nicht heilt, aber doch den Schmerz für eine Weile zum Schweigen bringt. Gerade wer schon wirkliches Leid durchgemacht, wird sich an die Empfindung erinnern, die er dabei gehabt: Ich mag von diesem Trostöl nichts wissen. Wir werden dabei unter Umständen sogar das lebhafte Gefühl haben: es wäre etwas Kurzsichtiges, Schläfriges, Unwahrhaftiges, Unrechtes, mich jetzt einfach trösten zu lassen, d. h. mein Leid zu vergessen und kurzerhand wieder mehr oder weniger ruhig zu sein.
Ja, was heißt denn das: «Trost» und «trösten»? Wir sagten, das Leid bestehe darin, dass uns irgendwie das Wohlsein und Glück bedroht |59 oder genommen ist. Dann würde Trost im Allgemeinen bedeuten, dass uns das Fehlende irgendwie ersetzt würde. Und eben dieser Ersatz, den uns der Trost bieten soll, ist nun die kritische Sache. Man sagt von diesem oder jenem Menschen: er hat sich geschwind getröstet. Das wird bedeuten: er hat zwar Unglück gehabt, er hat etwas verloren, aber er hat für das Verlorene rasch wieder Ersatz gefunden in einem andern Glück. Manche Menschen haben die Fähigkeit, sich nach jeder Störung, die ihr Glück trifft, wieder in die Höhe zu richten wie Gummibälle, so dass man sie nach Kurzem wieder herumgehen sieht, flott und froh, als wäre nichts geschehen. Man wird sagen dürfen, dass es beim Trost einem wirklichen Leid gegenüber nicht so zugehen kann, und wir haben wohl alle instinktiv das Gefühl, dass solche Menschen um ihre Fähigkeit nicht zu beneiden sind. Andre haben zwar solche Fähigkeit von Natur nicht, aber sie meinen, das Heil liege darin, dass sie sie sich erwerben. Sie suchen krampfhaft über das Leid hinwegzukommen, sich zu zerstreuen, ihre Gedanken auf andere Dinge zu lenken, Trost in dem und jenem Ersatzglück zu finden. Wir haben auch hier das richtige Gefühl, dass es nicht wohlgetan ist, sich so mit dem Leid abzufinden. Dass es ein richtiges Gefühl ist, wird jeder merken, der selbst im Fall wirklichen schweren Leides ist. Es ist eine faule Sache, wenn man uns da sagt: du hast zwar ein Kind verloren, aber du hast ja noch drei andre, tröste dich! Du bist zwar um dein Vermögen gekommen, aber du kannst ja vom Rest noch genug behaglich leben, tröste dich! Du bist zwar krank, aber du wirst ja gut verpflegt, tröste dich! Es geht dir zwar jetzt seit Jahren schlecht, aber sei nur zufrieden, morgen kommt’s vielleicht besser, tröste dich! Das sind so Trostöle, für die sich jeder, der ein wirkliches Leid zu tragen hat, offen oder im Stillen bedanken wird. – |
Aber es gibt noch eine andre Art, uns selber oder andre zu trösten, die ebensowenig zum Ziel führt. Ich meine die Redeweise, das Übel, das uns treffe, sei eben ein Schicksal, und es sei das Beste, sich darein zu ergeben. Das Leid sei nun einmal über uns verhängt, und nun heiße es eben still halten. Auch in diesem Fall suchen wir Trost darin, dass wir die Lücke, die das Leid in unser Leben gerissen, so gut es gehen will, auszufüllen suchen durch die Vorstellung einer unwiderstehlichen Macht, in deren Gewalt wir sind. Sich so zu trösten, das war schon der Rat, den die stoischen Philosophen des Altertums den Leidenden ga|60ben,5 und es ist zu allen Zeiten für Viele der Weisheit letzter Schluss gewesen, dass es gelte, das Unerforschliche ruhig zu verehren.6 Andere sagen nicht «Schicksal», sondern «Gott», aber sie stellen sich Gott doch nicht anders vor denn als eine Art Schicksal, nämlich als eine uns völlig ferne und fremde und darum sinnlose, aber eben als eine unwiderstehliche und unentrinnbare Macht, die uns Menschen hier auf Erden aus unbekannten Gründen eine Weile herumwimmeln, hierhin und dorthin laufen, uns freuen und leiden, leben und sterben lässt wie ein Kind im Frühling mit Maikäfern spielt. Ob wirklich ein Trost in dieser Vorstellung liegt? Ob die unerbittliche Notwendigkeit, unter die wir uns beugen, ein Ersatz ist für das verlorene Glück? Man hat unserm
Es ist nun ganz klar, dass Jesus, als er vom Getröstetwerden der Leidtragenden redete, damit weder auf ein Ersatzglück noch auf das eherne Schicksal hat hinweisen wollen. Ja, in manchen christlichen Leichenpredigten und seelsorgerlichen Ermahnungen sieht es so aus, als ob der «Trost der Religion»10 schließlich auf das Eine oder das Andere hinauslaufe. Wenn das Eine oder das Andre Jesu Meinung gewesen wäre, dann hätte er sagen müssen: Selig sind, die da Leid tragen, wenn sie getröstet sein werden. Nun sagt er aber: denn sie sollen getröstet werden. Und in diesem denn kommt es deutlich zum Ausdruck, dass die Seligkeit, die er meint, nicht hinter dem Leid, auch nicht trotz dem Leid, sondern im Leid zu suchen und zu finden ist.
Dies zu verstehen, und noch mehr: zu praktizieren, setzt Eines voraus, nämlich dass wir mit dem Gedanken an Gott nicht bloß spielen, sondern Ernst machen. Diese Voraussetzung war bei Jesus erfüllt, und darum konnte er so reden.
Und nun müssen wir noch einen Schritt weiter vordringen in das Geheimnis seines innern Lebens. Wenn wir solche Worte hören und lesen wie die von den Lilien und von den Sperlingen, für die der himmlische Vater sorgt, wenn uns das so gesagt wird von der absoluten Güte Gottes, dann pflegen wir uns eben gleich umzusehen nach Merkmalen dafür, dass es den Naturwesen, den Menschen und uns selbst vor Allem auch wirklich gut gehe, dass sie glücklich seien in der Hand des guten Gottes. Und da finden wir nun bei uns selbst und bei Andern viel öfter das Gegenteil. Und so kommt es zu jener Frage: wie verträgt es sich mit der Güte Gottes, dass es uns und andern nicht gut geht? Es ist nun merkwürdig, dass Jesus das Übel in der Welt: das Leid, den Kummer, den Schmerz der Menschen wohl gesehen und auch an sich selber erfahren hat, und doch ist jene Frage nie über seine Lippen gekommen. Im Gegenteil: er hat von sich selber gesagt: Des Menschen Sohn muss leiden [vgl.
Jesus hat diesen alle unsre Begriffe umkehrenden Gedanken eine gewaltige Darstellung gegeben in seinem Gleichnis vom armen
Wir müssen aber noch tiefer eindringen in den Tatbestand, dass Gottes Trost im Leid selbst liegt und dass darum, die da Leid tragen, die wirklich Seligen sind. Im Leid tritt Gott in unser Leben ein, das ist Jesu Meinung vom Trost der Leidtragenden. Denn im Leid und durch das Leid erzieht er uns zu seiner Wahrheit und Gerechtigkeit. Und darum dürfen wir im Leid die besondere väterliche Güte Gottes erkennen, denn das ist die Wirksamkeit der väterlichen Güte Gottes, nicht dass er es uns gut gehen, sondern dass er uns gut werden lässt.
Wir wollen einige Punkte nennen, auf die wir dabei achten müssen. Einmal ist das Leid, das uns trifft, das große Werkzeug, mit dem Gott uns zur Selbsterkenntnis bringt, d. h. zur Revision unsres innern Lebens mit der Frage, ob es etwas tauge oder nicht, zur Unterscheidung dessen, was vergänglich, und dessen, was unvergänglich ist. Wir sind freilich gern geneigt, anzunehmen, dass wir zu solcher Selbst- und Lebenserkenntnis auch auf anderem Wege gelangen können. Es gibt wohl nur ganz wenige Menschen, die sich in diesen Dingen nicht ein kleines System von Gedanken und Prinzipien zurecht gemacht haben. Das ist auch ganz recht so. Aber wenn uns diese Gedanken mehr bedeuten als eine Spielerei, dann muss es uns auch recht sein, wenn sie |65 ernsthaft auf die Probe gestellt werden. Und diese ernsthafte Probe bringt uns nur das Unglück. Im Unglück sagt uns Gott das einfache Wort: Mach jetzt deine Theorie zur Praxis. Es ist eine gute Sache, wenn wir uns in den Tagen des Glücks freuen an dem Gedanken der väterlichen Vorsehung Gottes, aber erst in den Tagen des Unglücks zeigt es sich, ob diese gute Sache wirklich unser Eigentum und nicht bloß ein geliehenes Schmuckstück ist.
66Und das führt uns nun gleich auf das Zweite. Solange es uns gut geht, ist unser inneres Leben fast notwendig ein wunderliches Durcheinander von göttlicher Gerechtigkeit
und menschlicher Sünde. Ihr müsst bei dem Wort Sünde nicht gleich an dies und jenes grobe Vergehen oder Laster denken. Die Sünde besteht schließlich einfach darin, dass wir unserm natürlichen Trieb nachgeben, der uns heißt, den Inhalt und Wert unsres Lebens in unsern Interessen zu sehen und zu suchen, also nicht in dem, was recht ist, sondern in dem, was uns gefällt. Gewiss, daneben haben wir auch höhere Aspirationen, nicht nur in Gedanken, sondern in Wirklichkeit. Es sind göttliche Kräfte in uns wirksam, hier mehr, dort weniger, es spielt in unserm Leben der Gehorsam und die Liebe Jesu eine gewisse Rolle, es ist, bewusst oder unbewusst, Manches in uns, was wirklich Gerechtigkeit vor Gott ist – es kann ja nicht anders sein, da die Verheißung, die wir in unsrer Taufe empfangen, wahr ist, da wir aufgenommen sind in die Gemeinschaft des Gehorsams und der Liebe Jesu, da wir von Jugend an unter den stärkern oder schwächern Einflüssen seines Reiches, seiner Gemeinde gestanden sind. Aber die Sünde ist auch noch da, die Selbstsucht, die Interessiertheit ist auch noch wirksam in uns. Und so sind wir ein merkwürdiges Gebilde von Göttlichkeit und Menschlichkeit, und solange es uns gut geht, bleiben wir es auch; denn das Glück bestätigt unsre Tendenz, den Wert und Inhalt des Lebens in unsrem Wohlsein zu sehen. Aber nun kommt das Unglück und macht in das Durcheinander unsres Lebens einen empfindlichen Einschnitt. Wieder liegt uns nichts näher, als dass wir uns durch die Hitze, die uns begegnet, befremden lassen, wie es in der vorhin genannten biblischen Schrift heißt [vgl.
Aber das, was da übrig bleibt, wenn Gott uns tröstet durch das Leid, wenn seine Güte im Leid uns auf die Gnade zurückführt, was da übrig bleibt, das ist nun nicht eine untätige Gelassenheit, ein einfaches Stillhalten. Denn wenn man dem lebendigen Gott still hält, dann gibt’s Bewegung, dann wird die Gnade, an der man sich genügen lässt, sofort zu einer Wirksamkeit. So sehen wir es schon im Haushalt der Natur. Das gewaltige Vergehen und Sterben, das sich da in jedem Augenblick vollzieht, endet doch in Wirklichkeit niemals mit Leblosigkeit und Tod, sondern im Sterben erzeugt sich beständig neues Leben. Die Elemente gehen unter, aber sie gehen unter, um in neuen Verbindungen neue Kräfte zu entfalten. So sehen wir es im äußern Leben, wie der Körper des Menschen oft eine akute Erkrankung nötig hat, um nachher wieder in voller Gesundheit dazustehen, wie der Fortschritt der menschlichen Unternehmungen, der menschlichen Kultur überhaupt, geradezu bedingt ist durch ihre Hindernisse, durch Katastrophen und Zwischenfälle aller Art. Möchte man es angesichts gewisser Quartiere unsrer Großstädte, in denen die Menschen seit Jahrhunderten leben wie in Särgen, nicht manchmal geradezu wünschen, dass da einmal eine gehörige Feuersbrunst ausbräche, damit dann etwas Besseres an die Stelle gesetzt werden könnte? Und so steht es nun auch in unserm innern Leben. Es liegen da auch so Energien in uns verborgen: Gehorsamskräfte, Wahrheitskräfte, Liebeskräfte, aber sie sind gebunden an die unwichtigen Elemente, und solang sind sie leblos und unnütz. Aber nun kommt die Gluthitze des Unglücks hinzu und befreit sie aus der unnatürlichen Verbindung, und so nun werden sie aktiv, nun fangen die Totengebeine an, sich zu rühren [vgl.
Wertvoll wird unser Leben erst dadurch, dass es wertvoll wird für Andere, dass wir in irgend einem Sinn Führer und Wegweiser für Andere werden. Zu dieser höchsten Lebensaufgabe werden wir durch das Leid hergerichtet. Es hat mir jüngst jemand, dem ich in seiner Betrübnis zusprechen wollte, geantwortet: Ja, Sie sind jung, Sie haben nicht erfahren, was ich erfahren habe, trösten könnte mich nur Jemand, der gelitten hat, was ich leide. Man kann streiten über die Berechtigung dieses Ausspruchs, aber er geht jedenfalls hervor aus einer tiefen und berechtigten Regung des menschlichen Herzens. Unsre schönsten Gedanken und Theorien helfen dem Andern nichts, solange sie nicht erprobt und erhärtet sind in der Praxis. Diese Erprobung dessen, was wir sind, kommt aber nicht durch das Glück, sondern durch das Unglück. Und so werden wir durch das Unglück zubereitet zur Erfüllung unsrer obersten Bestimmung. Ist es ein Versagen der Güte Gottes, wenn er uns leiden lässt? Nein, es ist die Güte Gottes in ihrer höchsten Energie, die da wirksam ist.
Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Gehören wir auch dazu, meine Freunde? Von Leid irgendwelcher Art werden ja wohl die Meisten von uns zu sagen wissen. Aber wie steht’s mit dem Trost, dem Gottestrost, der den Leidtragenden verheißen ist? Warum ist er nicht kräftiger und wirksamer in unserm Leben? Wir sind doch nicht mehr im Fall des alten
Das ist der Trost Gottes, meine Freunde, und das ist die Seligkeit im Leid.
- Nr. 1: «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’» von
N. Decius , Strophen 1–3 (RG 221; EG 179 [jeweils mit Textabweichungen]) - Nr. 251: «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von
N. Kaiser , Strophen 1–3 - Nr. 261: «Was mein Gott will, gescheh’ allzeit!» von
Albrecht von Preußen , Strophen 1.2.4 (RG 669; EG 364 [jeweils mit Textabweichungen])
Lk. 16,19–31