Grabrede
H. St. wurde geboren am 18. März 1863 als Sohn des S. und der A. M. St. von G., der vierte von acht Geschwistern. Nach einer Lehrzeit in L. mußte der junge Mann infolge des Todes des Vaters die Versorgung der jungen Geschwister übernehmen. Sie sind ihm in dieser Zeit zu großem Dank verpflichtet worden. Die Familie lebte zuerst im K., dann in A. Hier arbeitete er vierzehn Jahre lang als Rangiermeister am Bahnhof. 1902 verehelichte er sich mit Witwe E. W. geb. Z. und übernahm das Restaurant z. Holde und den damit verbundenen Kohlenhandel. Den Kindern seiner Frau aus erster Ehe ist er ein besorgter Vater geworden. 1904 erfolgte die Übersiedlung nach
Wir sind nicht hier, um von einem Menschen zu reden, weder Gutes noch Böses. Was uns not tut bei einem solchen Ereignis, das ist, daß wir von Gott reden und Gott zu uns reden lassen.
Ihr, die Angehörigen des Toten, seid jetzt erfüllt von der schweren vorwurfsvollen Frage: warum hast du uns das angetan? Fragt nicht so! Ihr könntet ihm vielleicht Unrecht tun. Er hat vielleicht mehr gelitten, als ihr jetzt leidet. Vielleicht hat ihn ein tieferes Weh zu dieser Tat getrieben, als wir ahnen können. Gott weiß es. Und Gott will, daß wir ehrfurchtvoll stillstehen vor dem Geheimnis jedes Menschenlebens, auch dann, wenn es zusammengebrochen ist in der Not und in der Sünde. Denkt heute an alles Gute, was der Tote euch bei Lebzeiten gewesen ist! Dann tut ihr, was göttlich ist, in diesen Tagen.
Ihr Andern, die Fernerstehenden, denkt jetzt: wie ist es möglich, daß ein Mensch so weit kommen kann?, wie kann Einer zu solch einer Tat sich entschließen?, und schaudernd wendet ihr euch ab von diesem traurigen Bilde. Denkt nicht so! Entsetzt euch nicht so sehr über diese Tat als über das, was ihr vorangegangen ist, über das, was sie herbeigeführt hat! Nicht die schlimmen Taten sind die Schuld, sind das Böse im Menschenleben, sondern die schlimmen Gedanken und Gewohnheiten, aus denen solche Taten geboren werden. Ein arger Baum kann nicht gute Früchte bringen [
Und wir alle, meine Freunde, denken wohl jetzt: Gott bewahre uns vor einem solchen Ende! Ja, Gott bewahre uns! Aber laßt uns aus dieser Bitte Alles entfernen, was auch nur entfernt wie Hochmut und Geringschätzung gegenüber dem Toten aussehen könnte! Gott bewahre uns vor der Saat, die zu einer solchen Ernte führen muß! Aber wir wollen nicht den Kopf schütteln über den Einen, der jetzt traurig geerntet hat. Wir sind nicht aus anderm Holze gemacht als er. Es ist Gottes Erbarmen und nicht unser Verdienst, wenn wir noch Zeit haben bis zur Ernte. Gottes Gnade soll uns nicht umsonst leuchten. Wir wollen unsre Zeit so verwenden, daß wir einmal anders ernten dürfen. Es ist Gottes Gnade und nicht unser Verdienst, wenn wir das dürfen.
Gottes Gnade leuchtet aber auch dem toten Bruder, von dem wir heute Abschied nehmen. Gottes Gnade macht vor dem Grab nicht Halt, auch nicht vor einem solchen Grab. In seiner Hand steht jetzt auch der Mann, der von uns gegangen ist. Er kennt ihn, wie wir ihn nicht kannten. Er hat Mittel und Wege auch für ihn, auch jetzt noch, die für uns Geheimnis sind. Wir können nur das wissen, daß er auch über ihn gesprochen hat: ich habe dich je und je geliebet [